Eine Seite für Hildburghausen

Betreuung und Eingliederung

Betreuung und Eingliederung der Vertriebenen 

Im „Thüringer Volk“ heißt es am 12.10.1946: 

Das Umsiedlungsproblem ist eines der größten Probleme unserer Zeit. Es greift in sämtliche Zweige des menschlichen Lebens und der Verwaltung ein, sei es beim Wohnungsbau, sei es bei der Ernährung, der Bekleidung, bei der Wohlfahrt, der Jugendfürsorge usw. Nur Menschen, die mit der größten Hingabe ihres Herzens die Nöte dieser aus ihrer Heimat gerissenen Menschen verstehen können und erkennen, können die Arbeit leisten.


Über den Ablauf der Betreuung und Eingliederung der "Umsiedler" (Vertriebene) schreibt das Blatt:
In der „Abteilung Umsiedlung“ beim Landrat laufen alle Fäden zusammen. Sobald vom Bahnhof Hildburghausen einige Stunden vorher die Ankunft eines Transportes gemeldet wird, läuft der Organisationsplan an: Die Lager werden verständigt, die Kessel in den Küchen angeheizt, warme Verpflegung vorbereitet, vor allem die Kost für Kleinkinder; Milch wird von der Molkerei geholt, der Krankenwagen des Gesundheitshilfsdienstes beordert, Kreisarzt und Lagerarzt, sowie die Helferinnen des Gesundheitsdienstes verständigt, die Polizei stellt Wach- und Ordnungsbeamte, die Fahrbereitschaft Fahrzeuge zum Abtransport des Gepäcks, die Entlausungs- und Duschanlagen werden angeheizt usw.


In Hildburghausen findet die Übergabe des Zuges vom Transportführer in die Obhut des Kreises und die Begrüßung der Ankommenden durch den Landrat, seinen Stellvertreter oder den Leiter der Abteilung Umsiedlung statt. Der Transportarzt übergibt die Kranken und Gebrechlichen, die besonders betreut und von den Helferinnen des Gesundheitsdienstes zum Teil auf Bahren zum Krankenwagen gebracht und ununterbrochen ins Krankenrevier des Lagers gefahren werden. Schwere Fälle kommen gleich ins Krankenhaus. Das Gepäck wird abgefahren – oft eine ganze Nacht und den Tag über. Hier sei ganz besonders des Spediteurs Karl Westhäuser gedacht, der mit seinem braven Gaul unermüdlich unterwegs ist, sei es bei der Abfuhr des Gepäcks, sei es bei der Heranschaffung der Lebensmittel für das Lager. Im Lager erfolgt sofort die Verteilung auf die Stuben durch den Lagerleiter, nach wenigen Stunden der Ruhe, Entlausung und Duschen sämtlicher Lagerinsassen, sofortige Untersuchung durch das Arztpersonal, Registrierung durch die Bürokräfte. ... 14 Tage dauert die Quarantäne in den beiden Lagern (Standorte: Gelände der Nervenklinik, Wiesenstraße [Baracken etwa auf dem Gelände SÜGEMI]), alsdann beginnt die Einweisung in die Gemeinden des Kreises. Während der Quarantäne werden die Umsiedler laufend betreut. Eigene Schneider- und Schusterwerkstätten setzen die Sachen wieder instand ... Gegen Ende der Quarantäne beginnt dann die Verteilung auf die Gemeinden des Kreises, ein ganz schweres Stück Arbeit. Die Struktur der einzelnen Gemeinden muß berücksichtigt werden: ob Landwirtschaft, ob Industrie, ob Grenzgemeinde usw. Alte und Pflegebedürftige müssen in die Kreisversorgungsheime usw. So kam mit einem Transport ein geschlossenes Waisenhaus aus Ostpreußen an. Es zeugt für die Hilfsbereitschaft unseres Kreises, daß alle 60 Kinder innerhalb weniger Stunden in Familienpflegestellen unseres Kreises untergebracht werden konnten. Die Verteilung ist sehr schwierig, weil die meisten Ankommenden Frauen und Kinder, dazu noch große Familien sind. ... Sämtliche Wohnungen des Kreisgebietes sind vor einiger Zeit durch überörtliche Wohnungskommissionen durchgegangen worden, und nach gerechten Gesichtspunkten wurden die Räume bezeichnet, die für Umsiedler abzugeben sind. 

Anmerkungen
Vertriebene
wurden In der SBZ bzw. in der DDR verharmlosend Umsiedler genannt. In der kommunistischen Diktatur war dieser Begriff unerwünscht. In der DDR gab es insgesamt 4 Mio. Vertriebene. Sehr viele siedelten im Zuge der Familienzusammenführung oder flüchteten in die von den westlichen Alliierten besetzten Länder bzw. in die Bundesrepublik Deutschland. 
Die ab 9. April 1946 erscheinende Tageszeitung „Das Volk“, Parteiorgan der KPD bzw. der SED, war in Thüringen die verbreitetste Zeitung. Nach der Auflösung der Länder und der Bildung der Bezirke (1952) wurde sie Organ der Bezirksleitung Erfurt der SED. Für den Bezirk Suhl gründete die SED am 15.08.1952 „Das Freie Wort“, ab 09.03.1956 „Freies Wort“.

Kaum jemand will hören, was er nicht hören will.
(Dick Carvett
* 1936
US-amerikanischer Talkmaster)
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