Eine Seite für Hildburghausen

Carl Hohnbaum 1828

Carl Hohnbaum

Menschen menschlicher behandeln 

1828 unterbreitet der Mediziner Dr. Carl Hohnbaum in einem 14-seitigen Brief Vorschläge zur Errichtung einer Irrenanstalt in Hildburghausen.

Wenn irgendeine Klasse von Unglücklichen das Mitleid in Anspruch nimmt und insbesondere der Obhut der Staatsbehörden empfohlen werden muß, so sind es wohl die Irren.  

Gottlob sind denn auch die Zeiten vorbei, wo man genug getan zu haben glaubte, wenn man dergleichen Unglückliche unschädlich für andere machte, indem man sie gleich Verbrechern mit Stricken und Ketten belastete und ihnen irgendeine Zucht- oder Strafanstalt zum Aufenthaltsort anwies. 

Die Pflicht, sie als Menschen menschlicher zu behandeln, bei ihnen als Kranke die geeigneten Mittel zu ihrer Wiederherstellung zu versuchen, ihnen als Unheilbare ihre traurige Existenz so erträglich wie möglich zu machen und somit das Bedürfnis zweckmäßiger Heil- und Aufbewahrungsanstalten für sie ist nunmehr im allgemeinen anerkannt, so daß ich deshalb nicht nötig zu haben glaube, noch einige Worte zur Empfehlung solcher Anstalten hinzufügen zu müssen. 

Destomehr scheint es mir aber an der Zeit, hier insbesondere des Bedürfnisses einer Irrenanstalt für die Herzoglich Sachsen-Meiningischen Lande zu gedenken.

Bis jetzt war meines Wissens, in keinem der zum Herzogtum Meiningen gehörenden Landesteilen eine solche Anstalt vorhanden. ( ... )

Im Herzogtum Hildburghausen wurden die Irren zum Teil in ausländische Anstalten, z.T. in einem der Stadt Hildburghausen zugehörigen, eigentlich nur zur Aufnahme alter oder gebrechlicher Männer und Weiber bestimmten Siechhäusern untergebracht, z.T. und insbesondere wenn vermöge des Charakters ihre Geisteszerrüttung das allgemeine Wohl nicht gefährdet war, der Obsorge ihrer Familien überlassen. ( ... ) 

In den meisten Fällen aber blieben sie der Verpflegung ihrer Verwandtschaft und Freunde überlassen. So viele Vorzüge nun aber der Aufenthalt dieser Unglücklichen in dem Hause der Ihrigen von dem in öffentlichen Anstalten zuweilen haben mag, so habe ich doch durch vielfältige Erfahrungen die Überzeugung gewonnen, daß in den meisten Fällen das Wohl derselben auf diese Weise nur sehr übel beraten sei. Nicht zu gedenken, daß die zur Heilung solcher Unglücklichen geeigneten Mittel fehlten, vielmehr die allzu unpassendsten und nachteiligsten angewendet werden. Es ist die Behandlung, der dieselben meistens von ihrer Umgebung ausgesetzt sind, von solcher Art, daß sie unser ganzes Mitleid in Anspruch nehmen muß. 

Mangel an Luft, Licht, Bewegung, Reinlichkeit, rohe grausame Behandlung durch Fesseln, Schläge usw. vereiteln meist jede Hoffnung zur Wiedergenesung und machen das Schicksal derselben härter als das manchen Verbrechers, dem doch wenigstens noch die Fähigkeit der Vernunft übrigbleibt, sich über solche harte Behandlung zu beklagen und um Milderung derselben zu bitten.

Dazu kommt, daß gewisse Hilfsmittel zur Wiederherstellung der Irren, deren wir uns in Irrenanstalten mit so großem Vorteil bedienen, also die gesetzliche Ordnung in den täglichen Verrichtungen, die Anleitung zur Arbeit, zur Reinlichkeit, die Erregung des Ehrgefühls usw. bei der Behandlung im Hause von Verwandten und Freunden ganz und gar verloren gehen, indem es gewöhnlich den solche Kranke umgebenden Personen an der nötigen Geduld und Ausdauer fehlt, die Irren aber öfters Abneigung und Widerwillen gegen sie haben, oder, da sie an ihre Umgebung gewöhnt sind, ihnen selber den erforderlichen Gehorsam leisten. 

Zitiert nach: Günter Auert: Von der Anstalt zur Klinik - Zur Geschichte der Landesnervenklinik in Hildburghausen. – Hildburghausen, 1991, S. 51 ff.

Kaum jemand will hören, was er nicht hören will.
(Dick Carvett
* 1936
US-amerikanischer Talkmaster)
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