Eine Seite für Hildburghausen

Der Thüringer Hof

Paul Mitzenheim

Der Thüringer Hof im „Tausendjährigen Reich“ 

So brachten die zwanziger Jahre insgesamt gesehen ein gutes Geschäftsleben für die Inhaber des „Thüringer Hofes“. Für die Bewältigung der immensen Arbeit an der Theke und in der Küche sowie im Viehstall und auf dem Feld konnte ein Dienstmädel für den Haushalt und ein Knecht für die Landwirtschaft gehalten und bezahlt werden. Die Familie erweiterte sich auf drei Söhne, so dass Mutter Anna nunmehr „fünf Mannskerle“ um sich hatte und zu ihrem Bedauern keine Tochter. Dieses Klagelied meiner Mutter klingt mir noch heute in den Ohren, denn der Jüngste wurde als Mädchen erwartet. Die Verlegenheit ging so weit, dass man bei der Geburt nicht gleich einen Vornamen parat hatte und deshalb auf den Urgroßvater Paulus zurückgriff.
Das Bier bezog damals der „Thüringer Hof“ viele Jahre von der Saalfelder Brauerei. Auf Grund der günstigen Geschäftsbeziehungen stellte der Brauereibesitzer einmal im Jahr den Wirtsleuten einen Personenkraftwagen mit Fahrer gratis für eine Tagesfahrt zur Verfügung. So auch 1927. Bei der Rückfahrt verunglückte das Auto in der Schleusinger Straße kurz vor der Stadtgrenze. Erich Mitzenheim erlitt eine Kopfverletzung und lag wegen Gehirnerschütterung einige Wochen im Krankenhaus, während seine Frau mit einem Schock den Verkehrsunfall überstand.
Mitte der zwanziger Jahre zeigte sich – trotz der Wahl Hindenburgs 1925 als Nachfolger des Reichspräsidenten Friedrich Ebert –, dass die SPD in Thüringen noch handlungsfähig und bei den Wahlen 1925 im Kreis Hildburghausen die stärkste Partei geblieben war. Die Wahlen zum V. Thüringer Landtag am 8.12.1929 ergaben jedoch ein neues Bild und signalisierten den politischen Klimawechsel zugunsten radikaler Positionen, als Kurszusammenbrüche an der New Yorker Börse eine weltweite Wirtschaftskrise einläuteten. Besonders hart betroffen von der allgemeinen Depression waren die „Notstandsgebiete“ im Thüringer Wald. Dabei änderte sich die Stimmungslage; die NSDAP erhielt im Kreis Hildburghausen statt 1.176 Stimmen 1925 am 4.12.1932  12.839 Stimmen. Schon bei den Wahlen zum VI. Landtag in Thüringen im Juli 1932 musste die SPD erhebliche Einbußen hinnehmen, und die Hitler-Partei konnte im Landkreis Hildburghausen mit 55,2 Prozent sogar die absolute Mehrheit erringen und erreichte damit eine Spitzenposition in Thüringen. Den Nazis war der „Thüringer Hof“ als „Lokal der Sozis“ ein Dorn im Auge. Die braunen Machthaber boykottierten ihn, doch Gäste und Wirtsleute waren zunächst froh, wenn sie die neuen Herren in SA-Uniform nicht sahen.
Der 2. Mai 1933 wurde zu einem schwarzen Tag in der Geschichte des „Thüringer Hofes“: die SA stürmte die Gaststätte, aus dem Bodenfenster wurde die Hakenkreuzfahne gehisst, die Vereinsschränke des Holz- und Metallarbeiterverbandes und der Buchdrucker sowie die Noten des Arbeitergesangvereins „Morgenrot“ wurden beschlagnahmt. Symptomatisch in dieser Situation war die Verhaftung des damaligen Kreisvorsitzenden der SPD und langjährigen Freundes der Familie Mitzenheim, August Wichtendahl, den die Nazis in ein Hilfsgefängnis in der Heil- und Pflegeanstalt schleppten. Hier wurde er gezwungen, alles bis auf Hemd und Hose auszuziehen, sogar die Hosenträger abzuknöpfen, so dass der 59-jährige Sozialdemokrat die Hose mit den Händen festhalten musste. In diesem entwürdigenden Aufzug führte ihn die Polizei durch die Stadt, von allen Seiten von SA-Leuten bewacht, und voran trugen sie ein straßenbreites Transparent mit der Aufschrift „So endet des roten August Bonzentum“. Von der nationalen und sozialen Demagogie der Nazis verblendete Elemente grölten nebenher: „Schlagt ihn tot!“, „Auf den Nägeln müsste er laufen“.
Unter diesen Vorgängen 1933 litt die sozialdemokratische Tradition im „Thüringer Hof“. Damit war das Ende gesetzt für das Versammlungslokal der Arbeiterschaft. Alle jene, die hier aus Treue und Anhänglichkeit noch weiter verkehrten, standen auf der „schwarzen Liste“. So versteht sich auch, dass die Wirtsleute jahrelang nur ein geringes Einkommen durch die Gastwirtschaft hatten. Die dreißiger Jahre brachten schwere Belastungen und stellten einen tiefen Einschnitt dar. Die Eltern sorgten sich, wie sie die sechsköpfige Familie ernähren konnten und um die Ausbildung ihrer Söhne. Die Mutter Anna verrichtete die Hausarbeit ohne fremde Hilfe, denn eine Haushaltshilfe konnte nicht mehr bezahlt werden. Der Rückgang der Gastwirtschaft musste mit Einkünften aus der Landwirtschaft ausgeglichen werden und die heranwachsenden Söhne den Knecht ersetzen. Als Landwirt legte jetzt Erich Mitzenheim großen Wert auf eine effektive Viehzucht und erweiterte den Getreideanbau, indem er noch einige Felder in Pacht nahm. Die Kälber wurden aufgezogen und als Färsen verkauft, Schweine über den Eigenbedarf hinaus gemästet und den Metzgern angeboten und Braugerste oft preisgünstig an die Mälzerei für bares Geld abgegeben. Ein Lichtblick in dieser wirtschaftlich schweren Zeit und noch während des Krieges war für die Familie unser Pferd Hans, der „brave Schimmel“, der uns über 16 Jahre treu diente! Die drei Jungen aus dem „Thüringer Hof“ haben nacheinander jeder ein paar Jahre gern das Fuhrwerk mit dem Schimmel betrieben. Vor allem Helmut verdiente sich etwa von 1935 bis 1938 als Aufbauschüler sein Schulgeld mit dem Schimmel, indem er für die Holzhandlung von Eduard Langguth in der Knappengasse Brennholz vom Bahnhof oft in die entlegensten Straßen der Stadt beförderte, pro Festmeter gab es 60 Pfennige als einheitliche Vergütung!
Alfred widmete sich nach dem Besuch der achtjährigen Volksschule seit Ostern 1939 ganz der Landwirtschaft und absolvierte jeweils im Winterhalbjahr die Landwirtschaftsschule. Schon mit 18 Jahren musste Alfred Soldat der Hitler-Wehrmacht werden, und Paul als Oberschüler sprang ein als Helfer in der Landwirtschaft, auch er scheute keine körperliche Arbeit und liebte als Junge über alles seinen Schimmel. Noch heute bin ich tief erregt, wenn ich den letzten Brief meines Bruders Helmut (geschrieben am 21. September 1942) zur Hand nehme, wo er sich – im weiten Russland des Nachts auf Posten stehend – der schönen Zeit im Elternhaus erinnert und daran denken muss, „dass wir um diese Zeit vom Felde heimfuhren, den Wagen beladen mit Kartoffeln oder Rüben, und davor unser braver Schimmel“. Nur wenige Tage danach, am 1.10.1942, starb Helmut an einer zu spät erkannten Krankheit in einem ungarischen Feldlazarett bei Woronesh. Wochenlang kamen im Herbst die Briefe und Päckchen zurück, weil sie den Adressaten nicht mehr erreichten.
Zwei Jahre darauf, im Herbst 1944, wiederholten sich die psychischen Belastungen für unsere Familie, die Post an Alfred ging wieder an uns zurück. Bis dann ein Brief, geschrieben von einer Schwester in einem Feldlazarett in Oberitalien, bei uns eintraf mit der Nachricht, dass Alfred bei Rimini durch einen Bombentreffer verschüttet und schwer verwundet worden war. Mit Schädelbruch und einem steifen Oberarm kehrte er aus dem sinnlosen Kriegsgeschehen zurück und erlebte das Kriegsende im Lazarett in Hildburghausen. Er war Zeuge des Bombenangriffes am 23. Februar 1945, durch den unsere Scheune zerstört wurde, und schließlich der siebenstündigen Beschießung der Stadt sowie des Einzugs der amerikanischen Truppen am 7. April 1945. 

Nach: Paul Mitzenheim: 100 Jahre Gaststätte “Thüringer Hof”.  – Verlag Frankenschwelle Hans J. Salier, Hildburghausen, 1993.

Biografisches zu Paul Mitzenheim
Prof. Dr. habil. em.
 

Pädagoge, Historiker, Universitätsprofessor 

* 24. 08. 1930, Hildburghausen

Sohn des Gastwirtsehepaars Erich und Anna Mitzenheim  

1949 Abitur in Hildburghausen, anschließend Lehrerstudium für Geschichte und Geografie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, 1954 bis 1956 Oberschullehrer in Schleusingen, 1956/57 stellvertretender Direktor an der Ober- und Mittelschule Zella-Mehlis, 1957 bis 1991 ist er in der Lehrerbildung an der Universität Jena tätig und promoviert zur „Greilschen Schulreform in Thüringen“, anschließend folgt die Habilitation zur Geschichte der Lehrerbewegung. 1975 wird er zum Ordentlichen Professor zur Geschichte der Erziehung ernannt.
Mitzenheim veröffentlichte eine Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten als Historiker der Pädagogik.

Wenn Wahlen irgendwas verändern würden, dann wären sie doch schon längst verboten.
(Ein Manchmal-Zweifler an der gegenwärtig praktizierten Demokratie, 2015)
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