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EIERSPEISEN

Zuvor ein Eier-Pallawatsch

Keiner meiner Leser käme auf die weltbewegende philosophische Frage,   d  i  e   Antwort zu finden, was zuerst dagewesen sei, das Ei oder das Huhn. Im Broilerland ist das wichtig zu wissen:

Huhn – Ei – Huhn – Ei

oder gar

Ei – Huhn – Ei – Huhn

Nur einer kann wirklich komplizierte menschliche Konflikte „lösen“: Loriot, mit bürgerlichem Namen Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow (1923 – 2011):

Das Ehepaar sitzt am Frühstückstisch. Der Mann beklagt sich zweimal bei seiner Frau über das harte Frühstücksei: Das Ei ist hart!“ Sie entgegnet ungehalten mürrisch“ „Ich habe es gehört!“ Über die Frage, ob das Ei viereinhalb Minuten gekocht habe, entspannt sich ein ellenlanger Dialog mit Null-Inhalt und gegenseitigem Unverständnis zur vermeintlichen „Analytik“ des Mannes und den „Gefühlen“ der Frau. Vermutlich hat sie dieser flache Gesprächshorizont ein Leben lang begleitet. Berta entringt sich eines letzten Satzes: „Gott, was sind Männer primitiv!“ Während sie die Kaffeetasse mit abgespreiztem kleinem Finger zum Mund führt und vorsichtig zu trinken beginnt, haucht Hermann durchaus hörbar: „Ich bringe sie um, morgen bringe ich sie um!“

Also – auf alle Fälle nicht heute. Wer will denn schon jemanden umbringen? Es genügt, wenn die öffentlich-rechtlichen und noch mehr die privaten Fernsehsender auf der Zuschauerjagd und hohen Einschaltquoten bereits im Vorabendprogramm die Menschheit zum Abmurksen freigegeben haben. Wem schmeckt da schon ein stilvolles oder auch deftiges Abendbrot, wenn er blutige Überfälle auf Imbissbuden gedanklich mitlösen muss oder Seziertische vor Augen hat.

Beim Durchsehen von Kochbüchern fällt mir auf: Für Eier und einige Rezepte reichen ein oder zwei Seiten aus, denn solche trivialen Gerichte beherrscht angeblich jeder. Auch die Promi- und Fernsehköche haben sie schon weitestgehend aus ihren Kochbüchern verbannt und ein Teil der Ärzte hat einen Medizin-Feldzug gegen sie entfacht. Bei der Anordnung der Kapitel habe ich mich deshalb entschlossen, die Eiergerichte als erstes Hauptkapitel zu platzieren, bevor Fleisch, Fisch, Gemüse und andere kommen. Ich mag Eiergerichte, vor allem sind sie wichtig für die menschliche Ernährung. Und besser als ihr Ruf sind sie allemal.

Eier kommen nur noch in den Zutatenlisten, Lebensmittelskandalen oder in Anweisungen des Arztes hinsichtlich der Senkung des Cholesterinspiegels vor. Welche cholesterinhaltigen Nahrungsmittel durch Halbfertig- oder Fertigprodukte für den einzelnen Verbraucher in den Ernährungskreislauf gelangen, weiß niemand so richtig. Das meist in Fachchinesisch ausgewalzte Kleingedruckte kann meist nicht verstanden werden, denn nicht jeder hat die Fachrichtung Lebensmittelchemie studiert. Beim Selbstkochen bleibt der Überblick einigermaßen gewahrt.

Ich sehe es wie Oma Reinhilde: „Wir nehmen gute Butter.“ Wer das Wort nicht in den Mund nimmt, tausche den Begriff gedanklich gegen Fränkisches Olivenöl. Auch wenn Oliven in der Region nicht großflächig angebaut werden können, bleibt das stehen. Das klingt fürchterlich gesund und zudem ist es eine unbestrittene Tatsache, dass man Lügen nur oft genug aussprechen muss, damit sie geglaubt werden. Fränkisches Olivenöl ist bei mir nichts anderes als Butter, gute Butter.

Man weiß doch, wie Menschen ticken. Die ganze Welt hat geglaubt Omega-3-Fettsäuren seien gesünder als gesund, sie seien Ausgangspunkt für das Ewige Leben. So mancher auf die 100 Lebensjahre Süchtiger hat zuhauf Mark und EURO in Reformhäuser und Apotheken getragen. Sicherlich ist es nicht verkehrt, wenn mit einer Kampagne die Wirtschaft angekurbelt wird. Eigentlich müsste es sich herumgesprochen haben, dass Fette der Gesundheit nicht schädlich sind. Sie gehören zur gesunden Ernährung. Auf die Ausgewogenheit kommt es an. Ansonsten wird die Bratfettsorte verwendet, die Ihnen Ihr Hausarzt oder der Internist gerade noch genehmigt, ehe die Menschheit an den Kampagnen-Todesursachen ausstirbt. Eier für Haarshampoo sind flüssiger als Wasser, nämlich überflüssig, nicht aber für die menschliche Ernährung. Dass Eier auch tödlich sein können, las ich Ende 2012 im Internet. Irgendein Bewohner aus Hinterindien hatte mehr als fünfzig rohe Eier in wenigen Minuten verzehrt, um im Guinness Buch der Rekorde unsterblich zu werden. Nun muss er mit seinen irdischen verführerischen Göttern im Jenseits darben, der Arme. Die Unsterblichkeit schaffte er nicht, aber immerhin eine kleine Überschrift in der Yellow Press, sein Name war aber nicht wichtig genug. Zur selben Zeit kam ich auch ins Grübeln wegen der Verwendung von Gewürzen. Da wurde doch gerade in die Welt gepostet, dass der Verzehr von mehr als fünf Muskatnüssen innerhalb weniger Minuten auch das Erdendasein beenden könnte …

Da geht es schon los. Generationen von Männern wurden erniedrigt oder erniedrigten sich naturgemäß zur Durchsetzung des Prinzips der Friedlichen Koexistenz im Familienleben. Sie wurden belächelt, weil sie vielleicht wussten, wie man Wasser warm macht oder ein Ei brät – und das meist nicht richtig. Da will ich nicht Fels in der Brandung sein, denn ich weiß, dass Männer kochen können. Und was Spaß macht, darüber lässt sich allemal reden, denn Kochen kann auch ein Liebe stiftender Vorgang sein, aber eben auch Ärger bringen, wenn der kochende Macho die Küche verlässt, als sei ein Tornado durchgezogen.

Nimm ein Ei mehr!

Schon sehe ich sie vor mir, die Abwehrhaltung der Ostalgiker die in breiter Öffentlichkeit bei jeder Gelegenheit verkünden, wie schön es doch in der DDR war, dass es uns gut ging, wie wir heute beschissen werden, vor allem diese schlimme Werbung. Wenn man schon täglich so unendlich viel geistigen Müll in Gesprächsrunden, in Presse, Funk und Fernsehen über sich ergehen lassen muss, habe ich einen Vorschlag. Erleben werde ich es zwar nicht. Ich empfehle die Freigabe eines größeren militärischen Sperrgebietes in Deutschland, deren es ja einige gibt. Nach Regulierung der Eigentumsfragen und der Entschädigung der Betroffenen könnten mit Mauer, Stacheldraht, Selbstschussanlagen, aber auch mit Sperrzone, unfreien Wahlen, mit dürftigem Warenangebot, geistiger Bevormundung, selbstverständlich mit sozialistischer Weltanschauung, mit Fahnenappellen, Parteilehrjahr, „Schwarzem Kanal“ und sozialistischem Wettbewerb die Eiferer ihre visionären Lebensträume austoben oder eben einen ganz neuen Sozialismus kreieren, aber bitte auf freiwilliger Basis.

In den sechziger Jahren bis 1976 gab es die Werbesendung „tausend tele tips“ (ttt) des Deutschen Fernsehfunks (DFF). Dann wurde der Sendeplatz frei. Werbung soll bekanntlich Käufer animieren, in der Mangel- und Reparaturwirtschaft DDR hatte man außer stolzen Plänen, Gegenplänen und Phrasen kaum etwas zu bieten. Ein paar Ausnahmen gab es, die aber auch dem Mangel geschuldet waren. Das Volk malochte, es reichte gerade mal für die teuren Genossen, könnte man heute sarkastisch sagen.

Wurde das Fleisch knapp, wurde allerorts der Spruch bemüht: „Nimm ein Ei mehr!“ Das Kombinat Industrielle Mast (KIM) sorgte für ein Ei mehr.

Also, genug der Gedankenspiele. Mach dich ran: „Kühlschrank kastrieren“ und gesunde Eierspeisen in Pfanne und Topf bringen.

Anmerkung

Der aufmerksame Leser fragt sicherlich, weshalb unter Eierspeisen die Teilunterschrift Eier-Pallawatsch steht. Die Antwort ist eine simple. In der österreichischen Küche geht man mit Eiern sehr vielseitig um. Das gefällt mir. „Pallawatsch“ ist dort aber auch ein umgangssprachlicher Ausdruck für Durcheinander oder Niete. Dafür müssen noch weitere Synonyme „herhalten“: Blödsinn, Chaos, Heckmeck, Tohuwabohu, Wirrwarr, Zirkus. Der Leser weiß das sehr wohl zu deuten, also nehmen Sie meinen simplen Text ruhig auf die leichte Schulter.

Lernen ohne zu denken, ist eitel, denken, ohne zu lernen, gefährlich.
(Konfuzius
551 v. Chr. – 479 v. Chr.
chinesischer Philosoph)
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