Eine Seite für Hildburghausen

Ein Studierender

 

Ein Ehemaliger Studierender des Technikums Hildburghausen erinnert sich

Von Dr. sc. Edgar Geuther (Mai 1996) 

Mit dem Frühjahrssemester 1941 begann ich mein Ingenieurstudium an der Staatlichen Ingenieurschule in Hildburghausen. Alles schien noch in bester Ordnung. Der Krieg war weit weg von Hildburghausen. Der ehrwürdige Bau des „Neuen Technikums“ mit seiner Gedächtnisbrücke, er galt als schönste Schule in der Schulstadt Hildburghausen, empfing uns im alten Glanz ... Studentenführer war damals der in Studentenkreisen hochgeschätzte Herr Wenzlow, und die Studentenkameradschaften funktionierten noch. Die „Teno“ (Technische Nothilfe) unter Leitung von Herrn Bartels führte noch ihre regelmäßigen Übungen durch. Eine ganze Reihe von Studenten studierte damals in der Uniform der Wehrmacht (Heer, Luftwaffe, Marine). Sie waren von ihren Truppenteilen zum Studium delegiert worden. Die Sommer-Semesterferien 1941 waren für die Studenten ausgefüllt mit Arbeitseinsätzen in Rüstungsbetrieben. Mit Herrn Müller aus Coburg arbeitete ich acht Wochen im Vorrichtungsbau der Flugzeugwerke Hans Klemm in Böblingen bei Stuttgart.

Mit dem Krieg gegen die Sowjetunion (22. Juli 1941) änderte sich an der Ingenieurschule Hildburghausen manches. Einberufungen von Studierenden, Notprüfungen und vorzeitige Ingenieurabschlüsse waren nicht mehr tabu. ... Meine Einberufung erfolgte mit vielen anderen Studenten zum 22. Juli 1942. ... Erst drei Jahre später vernahm ich wieder ein Lebenszeichen von der Ingenieurschule Hildburghausen, jetzt unter dem Namen „Höhere Technische Lehranstalten Hildburghausen“. Es war eine Postkarte, unterschrieben von Herrn Euterneck, mit der Aufforderung, mich für die Fortsetzung zum Ingenieur für das Herbstsemester 1945/46 zu bewerben. Umgehend bewarb ich mich und wurde angenommen. Der genaue Zeitpunkt des Beginns ist mir entfallen. Es muss Mitte oder Ende 1945 gewesen sein, als sich nunmehr im ‚Alten Technikum’, oberhalb der Mauer, ganz in der Nähe der Kirche am Schulplatz, die Pforten unserer ehemaligen Ingenieurschule Hildburghausen wieder öffneten. Das Neue Technikum war zu dieser Zeit von der sowjetischen Besatzungsmacht belegt.

In den Wirren der Nachkriegszeit – erst amerikanische, dann russische Besatzung – in Hildburghausen, war das eine beachtliche Leistung. Diese schnelle Wiedereröffnung muss vor allem Herrn Euterneck zugeschrieben werden. Schon gleich mit Beginn der russischen Besatzung wurde Herr Euterneck mit dem russischen Schuloffizier bekannt, der ihn umgehend als quasi-„Schulrat“ für den Kreis Hildburghausen einsetzte. Herr Euterneck war es, der seine Autorität natürlich nicht nur für den Wiederaufbau der allgemeinbildenden Schulen (alle Lehrkräfte mit NS-Funktionen waren z. B. fristlos entlassen, neue waren zu gewinnen), sondern auch für die Wiedereröffnung der Ingenieurschule erfolgreich einsetzte und dort im Herbst 1945 zum Direktor ernannt wurde. Seine Funktion als Schulrat übernahm Herr Wiegand, ein ehemaliger Oberschullehrer aus Hildburghausen.

Der Lehrbetrieb begann mit einem Vor- und drei Herbstsemestern in den Räumen des Alten Technikums. Ein Teil des Lehrkörpers war noch da (Herr Bartels, Herr Opitz, Herr Schwieger, Herr Buggenthal, Herr Rühlmann u. a.) und setzte sich sehr engagiert für einen normalen Schulbetrieb ein. Der Lernhunger der Studierenden (meistens ehemalige Kriegsteilnehmer) nach dem Kriege war groß. Die Anzahl der Studenten war hoch. In je zwei Vorsemestern und ersten Semestern waren über 100 Studierende. Das 2. und 3. Semester waren fast ausschließlich ehemalige Studierende (nicht mehr als 40), die ihr Studium fortsetzen und beenden wollten. Aufgrund des mangelhaften Kenntnisstandes nach drei Kriegsjahren wurden diese ehemaligen Studierenden ein Semester zurückgestuft. Im 3. Semester waren nur zwölf Studierende. Ich kann mich noch gut an Herrn Heß aus Sonneberg, Herrn Lamm aus Merkers, die Herren Heim und Meinunger aus Hildburghausen oder Umgebung entsinnen; die anderen Namen sind mir entfallen. Die Dozenten waren sehr verständnisvoll und gaben sich große Mühe mit uns. ... Nicht unerwähnt möchte ich lassen, dass auf Initiative einiger Dozenten, dem 3. Semester noch die Möglichkeit gegeben wurde, gegen Ende 1946 eine Abschlussprüfung für das 3. Semester durchzuführen. Dafür wurden uns entsprechende Studienaufträge erteilt. Diese Abschlussprüfung fand tatsächlich – nunmehr aber illegal – in den Privatwohnungen von Herrn Opitz und Herrn Bartels statt.

Erst Jahre nach der Gründung der DDR im Jahre 1949 stand die Ingenieurschule Hildburghausen noch einmal zur Diskussion. Aus Gründen der Grenznähe wurde aber an Stelle von Hildburghausen Schmalkalden zur Stadt der Staatlichen Ingenieurschule im Bezirk Suhl gekürt. Ich persönlich habe später mein Ingenieur-Studium in Schmalkalden abgeschlossen. … 

Ein zweiter Versuch wurde 1946 unternommen. Die Errichtung einer Holzfachschule in Hildburghausen war geplant worden. 

Nach: Abig, Otto: Das Technikum Hildburghausen – Studium und studentisches Leben. Von der Gründung 1876 in Sondershausen/Thür. bis zur Wiedervereinigung Deutschlands 1989/1995. Schriften zur Geschichte der Stadt Hildburghausen, Band 2 – Verlag Frankenschwelle KG, Hildburghausen, 1996, S. 54 f. (leicht bearbeitet)

Es ist ein eigener grillenhafter Zug, dass wir durch Schweigen das Geschehene für uns und andere zu vernichten glauben!
(Johann Wolfgang von Goethe
1749 – 1832
deutscher Dichter, Naturwissenschaftler, Staatsmann)
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