Eine Seite für Hildburghausen

Einbürgerung Hitlers

Hans-Jürgen Salier

Von der wundersamen Einbürgerung eines Österreichers in Hildburghausen

Schon seit 1925 bemüht sich der Österreicher Adolf Hitler, Chef der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), und gerichtsnotorischer Extremist, aus der Staatsbürgerschaft seines österreichischen Vaterlandes entlassen zu werden. Aber erst 1930 sind die Zeiten günstiger. Die Nationalsozialisten gieren nach der Macht. Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit und allgemeine soziale Bedrängnis geben den gewünschten Auftrieb. 

Seit dem 23. Januar 1930 gibt es in Thüringen eine rechtsorientierte Regierung unter Beteiligung der Nazis. Der Pirmasenser Wilhelm Frick, ein Hitler-Intimus, steuert als Staatsminister die Innen- und Volksbildungspolitik. Unter seiner Regie radikalisiert sich das gesellschaftliche Leben in Thüringen, und das Land wird zum Experimentierfeld und Übungsplatz für die angestrebte Machtübernahme der Nationalsozialisten. Es ist aber auch heißumstrittenes Zielfeld für die moskautreuen Kommunisten unter Walter Ulbricht. 

Im Frühjahr 1930 ist vor allem Frick bemüht, Hitler eine Anstellung in der Kunstabteilung der Staatlichen Hochschule in Weimar, der Nachfolgeeinrichtung des berühmten Bauhauses, zu verschaffen. Die biederen "künstlerischen Neigungen" des österreichischen Anstreichers waren seinem Umfeld längst bekannt. Aus einer Professur wurde jedoch nichts. Der Regierungschef Erwin Baum (Thüringer Landbund, Mitglied des rechtsextremen Frontkämpferbundes "Stahlhelm") verweigert das Verfahren, denn für das Land gibt es eine Einstellungs- und Beförderungssperre. Vermutlich will sich Baum durch diesen Verwaltungsakt, er ist auch gleichzeitig Finanzminister, selbst nicht unnötig in die politische Schusslinie bringen. Die Landesregierung legt mit einem Kabinettsbeschluss vom 15. April 1930 fest, dass sie nicht gewillt sei, Hitler in Thüringen einzubürgern. Die Landesregierung muss nach außen sauber bleiben, auch wenn Thüringen längst zum braunen Herzen Deutschlands geworden ist.

Also muss ein anderer Schachzug Fricks herhalten. Am 12. und 13. Juli 1930 weilt Adolf Hitler in der ostthüringischen Industriestadt Gera beim NSDAP-Gauparteitag. Seit dem 12. Juli steht seiner deutschen Einbürgerung nichts mehr im Wege. Das wissen aber nur wenige Insider der „Volksgenossen“. Adolf Hitler wird – der Regierungschef und der Thüringer Landtag sind im Sommerurlaub – pro forma als thüringischer Staatsbeamter angestellt. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit versteht sich, erhält der NSDAP-Chef die Ernennungsurkunde zum Gendarmeriekommissar von Hildburghausen.  

Wer da auf dem Behördenweg eifernd mitgetan hat, von zwei Ministerialbeamten ist die Rede, ist nicht mehr genau nachzuvollziehen. Sicher ist, dass ein "höherer Beamter" zeitlich vor dem Anstellungsantrag seine Unterschrift verweigert hat, nämlich Dr. jur. Ludwig Thein, der verdienstvolle ehemalige Bürgermeister Hildburghausens (1916 – 1920), spätere Landrat und Kreisdirektor.  

Anzumerken ist, dass mit der Ernennung automatisch die Besoldungsstufe 4 e verbunden ist. Aber das Beamtensalär spielt für den Neudeutschen Adolf Hitler sicherlich keine Rolle. Das besorgen ihm in reichlichem Maße Vertreter der deutschen Großindustrie. Auch ein kontrollierender Gendarm mit cholerisch-schnauzenden Gemütsausbrüchen namens Adolf Hitler bleibt den Hildburghäusern gottlob erspart, eine Dienstantrittsverpflichtung gibt es nicht.  

Damit ist Hitler deutscher Staatsbürger. Unter Vorbehalt unterzeichnet er am besagten 12. Juli 1930 in Gera eine Empfangsbestätigung. Eines will er aber unter allen Umständen verhindern: Die Angelegenheit darf nicht an die Öffentlichkeit. Das Provinznest Hildburghausen ist ihm vermutlich nicht repräsentativ genug.

 Eineinhalb Jahre später, am 1. Februar 1932, kommt die Angelegenheit ans Licht. Das nationalsozialistische "Montags-Blatt" in Berlin berichtet, Hitler sei in einem deutschen Lande von einer nationalsozialistischen Regierung auf dem Wege der Anstellung als Beamter eingebürgert worden, die Urkunde befinde sich im Braunen Haus zu München.

 Kaum ist die Druckerschwärze der Rotationsmaschine trocken, machen Hitler und seine “Hildburghäuser Köpenickiade” Schlagzeilen in Boulevardzeitungen und Weltblättern, die Kabaretts haben Konjunktur.

 Die Zeitung "Tempo" schreibt am 3. Februar: "Seit gestern lacht Europa über Adolf Hitler." Der "Vorwärts" bemerkt: "Wir sagen nichts gegen das ehrenwerte Amt eines Gendarmeriekommissars, aber die Groteske liegt in der gespreizten Pfaueneitelkeit des Herrschers vom Braunen Haus, der sich plötzlich in dem weltentlegenen Städtchen Hildburghausen auf ein kleines Pöstchen niederlässt, als wolle er nun wirklich sieben Gendarmen und drei Landjäger kommandieren." 

 

 Eile ist angesagt. Am 13. März 1932 stehen die Reichspräsidentenwahlen vor der Tür. Und Hitler kann nur kandidieren, wenn er deutscher Staatsbürger ist. Und "standesgemäß" muss die Staatsbürgerschaft sein und darf nicht den Makel einer Provinzposse tragen. Eine attraktivere Einbürgerung muss her. Nach dem Bekanntwerden der Hildburghäuser Affäre soll der "Schriftsteller" Adolf Hitler ("Mein Kampf") am 17. Februar 1932 außerordentlicher Professor für Pädagogik an der Technischen Universität Braunschweig werden. Das sieht besser aus. Der Senat verhindert jedoch die Ernennung. Am 25. Februar gelingt eine andere Manipulation. Auf Betreiben des nationalsozialistischen Innenministers Dietrich Klagges in Braunschweig wird Hitler zum Regierungsrat beim Landeskultur- und Vermessungsamt bestallt, und man "beauftragt" ihn, die Geschäfte eines Sachbearbeiters bei der Braunschweigischen Gesandtschaft in Berlin wahrzunehmen. Am Folgetag leistet Hitler seinen Diensteid und wird auf "wundersame Weise" zum zweiten Male deutscher Staatsbürger, diesmal mit Öffentlichkeit, Sendungsbewusstsein und Pathos.  

 

      Der Ausgang der Wahl und der Stichwahl am 10. April 1932 sind bekannt. Hindenburg wird als Reichspräsident nach den Wahlgängen gegen Hitler und Thälmann bestätigt. Hitler erhält im Reich immerhin 11.341.000 Stimmen. In Thüringen geht er aus dem 2. Wahlgang mit 44,3 % der abgegebenen Stimmen als Sieger hervor. Hindenburg erhält trotz SPD-Unterstützung nur 42,2 %.

 Nach dem ersten Wahlgang tritt am 15. März 1932 ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags unter dem Sozialdemokraten Dr. Hermann Brill im Plenarsaal des Weimarer Fürstenhauses zusammen und befragt Hitler zur “Hildburghäuser Köpenickiade" zur Legitimierung der Einbürgerung und welche Rolle der nationalsozialistische Minister Frick spielte (Ein Misstrauensantrag der SPD bringt am 1. April 1931 u. a. Frick zu Fall). Der "Führer" erscheint mit großem "Gefolge": mit Goebbels, Heß, Schirach, Gauleiter Sauckel und weiteren NS-Chargen. Man gibt sich nicht kleinlaut, sondern großkotzig, nervös und politisch rüpelhaft zugleich. Der Landtagsuntersuchungsausschuss unter Vorsitz des aufrechten Hermann Brill (Er gilt als wichtiger Geburtshelfer des Landes Thüringen nach dem Zweiten Weltkrieg und wird Mitte August 1945 von den Sowjets im Zusammenspiel mit deutschen Kommunisten politisch ausgeschaltet) ist sich uneins und hebt die Ernennung Hitlers zum Polizeikommissar von Hildburghausen nicht auf ... 

Aus: Hans-Jürgen Salier und Bastian Salier: Hildburghäuser Lesebuch. – Verlag Frankenschwelle KG, Hildburghausen, 1999, S. 153 ff.

 

© Hans-Jürgen Salier und Bastian Salier

 


Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde.
(Karl Jaspers
1883 – 1969
deutscher Philosoph)
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