Eine Seite für Hildburghausen

Elisabeth Zschaeck


Die Schlosskaserne war das größte Feuer und

am nächsten Morgen ist Hermann kurz nach 6 ins Rathaus.
 

Der 7. April 1945, es war ein Samstag. Bei Kaufmann Thein in der Oberen Marktstraße sollte es Eier geben, die ich auch gleich holte. Als ich gegen elf Uhr wieder zu Hause war, kam es zu einer irrsinnigen Detonation, die das Haus erschüttern ließ. Es war die erste Granate, die ins Zimmermannsche Haus einschlug, das gleich brannte. Im nächsten Augenblick schon kam die zweite, die zwischen der Joseph-Meyer- und der Rathkestraße ins Feld einschlug. Eine riesige Rauchsäule stieg auf, die sich mit der ersten traf und alles in dicken Rauch hüllte. Sofort sind wir alle in den Keller, der ja schon lange unser täglicher Aufenthaltsort war. Aber ich habe noch Vieles hinunter getragen, so die kostbarsten Bilder, alle Wäsche und Kleider, vor allem die Betten. Im Kohlenkeller habe ich einen richtigen Plutokratenkeller (Plutokratie = Reichtumsherrschaft, d. Verf.) gemacht. Die Kohlen hatte ich in die Ecke geschaufelt und Bretter und Matratzen darüber so gelegt, dass wir dort schlafen konnten. Auch meine Nähmaschine hatte ich dort. „Sturmgepäck“, für Hermann und mich je ein Rucksack und einen Koffer, die wichtigsten Sachen, die man unbedingt retten musste. Aber Hermann war ja natürlich nie da. Die Granaten gingen bald immer in den Stadtkern und allmählich sah man gar nichts mehr. Ich hatte unser Kanonenöfchen, das ich 1939 für mein Zimmer gekauft hatte, in die Waschküche gestellt. Darauf haben wir alle Essen gewärmt. Aber Frau Müllers Kartoffeln wollten durchaus nicht kochen und ich brachte sie deshalb zu Frau Volkhardt in die Küche. Aber die Tiefflieger beschossen ständig die ganze Stadt. Dadurch war der Weg hinüber gar nicht so ohne. Aber es ging alles gut. Warmes Essen war sehr wichtig für die Kinder, da es doch recht kühl im Keller war. Es konnte kein Sonnenstrahl durch die Sandkästen und die Verdunkelungen. Gegen 3 Uhr nachmittags rief Hermann zum ersten Male an. Es ginge ihm gut. Ich hätte ihm so gerne etwas zu Essen gebracht, aber es wurde ja ständig geschossen. So ging es weiter, und als er um 5 Uhr wieder anrief, da hatte er gerade alle Leute, die vom Volkssturm und auch seine Polizei, entlassen und er war ganz allein im großen Rathauskeller, es sei toll, wie ein Einschlag nach dem anderen ins Rathaus ging und es brannte an allen Ecken und Enden der Stadt. Die Schlosskaserne war das größte Feuer.

Notizbuch-Textausschnitt von Elisabeth Zschaeck
zu den Ereignissen am 7. April 1945 in Hildburghausen. 

Er ist nun von einem zum anderen durch die Granaten gelaufen und hat für Löscharbeiter gesorgt. Es ist dadurch auch viel gerettet worden, die ganze Stadt wäre niedergebrannt! Gegen ½ 6 Uhr hatte nun der Festungskommandant, Hauptmann Reichert, die Stadt auf Hermann übergeben. Es war kein Soldat mehr da, Polizei und Volkssturm waren auch fort und die Panzer rückten an, um schließlich in Häuserkämpfen die Stadt zu nehmen, da weder der Landrat noch sonst irgendein Vertreter da war, hat Hermann nun die weiße Fahne gehisst, damit nicht noch alles zusammengeschossen würde, wo es doch nicht mehr verteidigt worden ist. Nun ging es bald zu Ende. Aber wie zwei zurückgebliebene Soldaten, die vom Bahnhof kamen, die weiße Fahne sahen, wollten sie, ein Feldwebel und ein Gefreiter, Hermann erschießen. Er sagt, er sei vollkommen ruhig gewesen und hat ihnen gesagt, dass sie zum Hauptmann R. gehen wollten, der nun zuerst  nicht Farbe bekennen wollte, worauf die beiden auf Hermann anlegten. Da hat Hermann den Hauptmann fürchterlich angebrüllt, worauf er alles zugeben musste. Das hat auch Oberstudiendirektor Kraft mit angehört beziehungsweise gesehen. Nun ist Hermann friedlich mit ihnen zusammen zurückgegangen. Sie gingen fort … und Hermann in die Stadt. Mit Handschlag haben sie sich noch verabschiedet. Inzwischen brannte auch noch der Bahnhof, und die Panzer drangen in der Bernhardstraße (heute Friedrich-Rückert-Straße, d. Verf.) vor. Plötzlich war das Geräusch anders. Keine Detonationen mehr, sondern als ob irgendwo ganz in der Nähe ein gewaltiger Wasserfall nieder ginge. Das waren unten im Tal die Panzer. In langer Reihe – Hunderte über Hunderte – fuhren an oder vielmehr wälzten sie ihre Ketten in die Stadt hinein und verteilten sich auf alle Straßen und Plätze. Einer stand zum Schluss neben dem anderen wie ein Meer aus Eisen. Jeder drohte mit so und so vielen Maschinengewehren und Kanonen auf unsere friedlichen Häuser und Gärten.

Nun, die Zeit lag ich, einfach erschossen von dem Trubel den ganzen Tag über im Keller auf dem Bett. Da lief einer vorbei, ich hatte das Fenster offen und rief, wohl einem dem anderen zu: „Da unten liegt der Bürgermeister in …? Straße!“ Ich konnte es nicht verstehen und rannte hinaus, da er mein Rufen nicht hörte, aber nichts war mehr zu sehen war. So wartete ich dann, da Suchen keinen Sinn geben konnte. Ich wäre ja nicht daheim gewesen, wenn er gebracht worden wäre. Später kam dann Herr Bätz und sagte, Hermann sei gesund und käme schon bald, er sei schon in der Straße. Er hätte erschossen werden sollen. Da kriegte ich den zweiten großen Schrecken, obgleich ich eigentlich gar nicht damit rechnete, daß er lebend zurückkäme. Das Herz aber rächt nicht, es fühlt und hofft immer weiter trotz allem Zuredens. Hermann kam etwa ein halb neun. Ich hatte Abendbrot gerichtet. Es wurde immer noch geschossen, deshalb hatte ich das Essen im Keller auf dem Tablett, was ich mit herauf nahm und wir saßen bis gegen 11 Uhr am Tisch. Hermann war zum Bersten voll Erlebtem und zum ersten Male eigentlich in unserem Zusammenleben hat er so aus sich heraus im Guten alles erzählt. Es war kalt, aber wir haben nichts mehr gemerkt. Es wurde dunkel, Anfang April 11 Uhr! Das störte uns nicht Dann habe ich die Betten heraufgestellt und wir schliefen als einzige oben. Alle anderen blieben der Schießerei wegen im Keller. Diese Schießereien haben gleich nach Ende des Artilleriebeschusses angefangen. Zuerst hat man sie durch das Anrollen der Panzer gar nicht gehört, das sie weniger lärmend waren als die Granatwerfer. Aber es war doch noch keine Ruhe. In der Marienstraße war es noch lange ziemlich bewegt. Versprengte, die vorher nicht mitgekommen waren, wollten sich nicht einfach gefangen geben. – Den nächsten Morgen ist Hermann kurz nach 6 ins Rathaus. 


Wohnhaus der Familie Zschaeck, linke Haushälfte, Joseph-Meyer-Straße 26

Aus dem Aufzeichnungsheft aus dem Jahr 1945 von

Elisabeth Zschaeck (1902 – 1980)

Ehefrau von Dr. rer. pol. Hermann Zschaeck (1899 – 1983)

Erster Bürgermeister der Stadt Hildburghausen von 1931 – 1947

Transkribiert und leicht bearbeitet von Hans-Jürgen Salier

Mit freundlicher Genehmigung von Andreas Zschaeck, Gotha

Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde.
(Karl Jaspers
1883 – 1969
deutscher Philosoph)
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