Eine Seite für Hildburghausen

Februar 1990

01.02.1990
Auf einer Pressekonferenz in Ost-Berlin schlägt der DDR-Regierungschef Modrow seinen Plan „Für Deutschland, einzig Vaterland – Konzeption für den Weg zu einem einheitlichen Deutschland“ zur schrittweisen Vereinigung der beiden deutschen Staaten unter strikter militärischer Neutralität vor. Als notwendige Voraussetzung nennt er u. a. die „Militärische Neutralität von DDR und BRD auf dem Weg zur Föderation“. Der Text wird am 02.02. in Neues Deutschland veröffentlicht. Der illusionäre Plan dient heute noch als populistisches Propagandainstrument der LINKEN.

02.02.1990, Freitag
Etwa 80 Krankentransporteure mit 37 Krankentransportwagen und Fahrzeugen der Schnellen Medizinischen Hilfe (SMH) demonstrieren in Suhl gegen die unzumutbaren Arbeitsbedingungen und die schlechte Entlohnung. Bei einem Meeting vor der Suhler Stadthalle wird eine Petition an den Gesundheitsminister verlesen (vor allem Forderungen nach Tarifautonomie, Lohnerhöhung, bessere Versorgung mit Ersatzteilen für die Kraftfahrzeuge). Bernd Finsel, Krankentransport Hildburghausen, bestätigt, dass mit dem Warnstreik durch entsprechende Koordination die Versorgungsleistungen der Bevölkerung nicht beeinträchtigt werden.
 

Das noch heute von Nostalgikern hoch gelobte und vor dem Kollaps stehende Gesundheitswesen der DDR, das nach Expertenmeinung das Niveau eines Entwicklungslandes gehabt hat, steht seit Oktober auch im Kreis Hildburghausen in öffentlicher Kritik.
Freies Wort, 05.03.1990 (siehe 23.02.1990)

Prof. Dr. Manfred Gerlach, LDPD-Vorsitzender und Amtierender Staatsratsvorsitzender, schlägt auf einer Pressekonferenz in Ost-Berlin vor, am 2. Dezember 1990 in beiden deutschen Staaten einen Volksentscheid über die Einheit Deutschlands durchzuführen. 

03.02.1990, Samstag
Bundeskanzler Helmut Kohl und DDR-Ministerpräsident Hans Modrow finden am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos/Schweiz zu einem Gespräch. In einem ZDF-Interview mahnt Modrow „solidarische Unterstützung“ aus der Bundesrepublik an. Kohl kündigt umfassende wirtschaftliche Hilfe noch vor den Wahlen am 18.03.1990 an.

Der CDU-Kreisverband Hildburghausen führt seinen Kreisparteitag durch. In ihrem Wahlprogramm äußern die Christdemokraten, dass das Wort Sozialismus aus ihrem Vokabular gestrichen worden sei. Sie sprechen sich gegen jedwede sozialistischen und sozialdemokratischen Experimente aus. Sie fordern soziale Marktwirtschaft und freies Unternehmertum. Im Aufruf heißt es: „Als CDU treten wir ein für Freiheit, Einheit, Wohlstand und Bewahrung der Schöpfung. Dabei knüpfen wir an den Gründungsaufruf der CDU vom 26.6.1945, an das Märtyrertum christlicher Antifaschisten sowie das Erbe sozial fortschrittlicher pazifistischer Bewegungen an.”
Kreisvorsitzender:         Thomas Müller, Schönbrunn;
Stellvertreter:                Stephan Koch, Pfarrer in Veilsdorf und
                                   Peter Menz, Mitarbeiter des Rates des Kreises;
Vorsitzende des Untersuchungsausschusses: Petra Wieczorek, Leimrieth;
Kreisgeschäftsführer:     Günter Heinrich, Hildburghausen.

Bei der Hauptversammlung des Thüringerwald-Vereins Coburg, der die Traditionen nach Ausschaltung des Vereins in der DDR (1950) bewahrt hat, wird vorgeschlagen, entsprechende Gruppen in Thüringen zu bilden und selbst aktiv zu werden. Besondere Initiative aus dem Kreisgebiet zeigen Ludwig Wächter (Saargrund, Kreis Hildburghausen), Gerd Rumfell (Schleusingen) und Peter Schachtschabel (Eisfeld). Am 13.02. wird in Saargrund der Thüringerwald-Verein Saargrund e.V. (Zweigverein) gegründet (1. Vorstand Ludwig Wächter). In der Satzung heißt es: „Das Bleßbergmassiv als Wander- und Tourismusziel der gesamten Bleßbergregion mit den Landkreisen Hildburghausen und Sonneberg sowie dem Land Thüringen zu erschließen und einer baldmöglichsten Lösung zuzuführen.“
Am 22.09.1990 wird der gesamtdeutsche Thüringerwald-Verein auf der Sennigshöhe gegründet.

Anmerkung
Am 22.09.1990 wurde auf der Sennigshöhe (Mirsdorf, Gemeinde Meer bei Coburg) derThüringerwald Verein e.V. als Hauptverein gegründet. Die Coburger leisteten die entscheidende Starthilfe für die Nachbarn in Thüringen. Besondere Leistungen erbrachte der Bäckermeister und CSU-Kommunalpolitiker Wolfgang Süße (1937 – 2013), der spätere Ehrenpräsident des Vereins. Seine Familie wurde 1952 von den SED-Gewaltigen aus Ummerstadt zwangsausgesiedelt. Thüringen blieb er Zeit seines Lebens sehr eng verbunden. 

05.02.1990, Montag
Die DDR bildet in Ost-Berlin eine „Regierung der nationalen Verantwortung“ In der DDR-Volkskammer werden auf der 16. Tagung acht Mitglieder aus oppositionellen Gruppierungen  und Vereinigungen als Minister ohne Geschäftsbereich ernannt. Zu ihnen gehören: Tatjana Böhm (Unabhängiger Frauenverband), Rainer Eppelmann (Demokratischer Aufbruch), Sebastian Pflugbeil (Neues Forum), Matthias Platzeck (Grüne Partei), Gerd Poppe (Initiative Frieden und Menschenrechte), Walter Romberg (SPD), Klaus Schlüter (Grüne Liga), Wolfgang Ullmann (Demokratie Jetzt).

Etwa 350 Bürger folgen der Einladung zur Demo der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands nach ihrem außerordentlichen Parteitag auf den Hildburghäuser Marktplatz. Die DBD bekennt sich zur Einheit Deutschlands. Es werden auch Zusammenhänge zwischen Ökologie und Landwirtschaft verdeutlicht, der weitere Abbau der Unterschiede von Stadt und Land wird gefordert, besonders in den Bereichen Handel und Versorgung, in der sozialen und gesundheitlichen Betreuung. Redner sind Elisabeth und Hans-Georg Erben, Frau Siebert und Herr Horn. Helmut Baum geht in seinem Redebeitrag auf die deutsche Frage ein und fordert als nächstliegendes Ziel die Schaffung der Währungsunion. Die DDR-Währung sollte schnellstmöglich konvertierbar gemacht werden. Das genossenschaftliche Eigentum in der Landwirtschaft müsse unbedingt bei marktorientierter Produktion erhalten bleiben.

 


Freies Wort vom 26.02.1990. Umweltprobleme sind typisch für die vor dem Zusammenbruch stehende DDR.

Das Grenzkreiskommando informiert, dass es vielfältige Anträge zum Erwerb von Abrissmaterial des abgebauten Sperrzaunes für private Personen und gesellschaftliche Bedarfsträger gäbe. Der Verkauf erfolge durch die Grenztruppen an die zuständigen Bäuerlichen Handelsgenossenschaft (BHG) des Kreises, Interessenten haben sich dorthin zu wenden.

Mit der Beseitigung der Bodenminen in den Jahren 1983/84 forcierte man die Aufstellung der Grenzsignal- und Sperrzäune 80 I und II (Streckmetallgitterplatten). Im Heldburger Unterland, Kreis Hildburghausen, wurde dieser Zaun erst 1989 von der friedlichen DDR gezogen. Ein halbes Jahr später war dieses menschenverachtende Devisengrab noch aufgerichtet worden. Der in bundesdeutschen Fabriken gefertigte feuerverzinkte Zaun dient heute fast ausschließlich friedlichen Zwecken: dem „Bau“ von Komposthaufen, Kleinviehställen oder ist für sonst nützliche Freizeitbeschäftigungen geeignet. Reinhold Albert aus Sternberg, ehemaliger Bayerischer Grenzpolizist, Mitautor der eindrucksvollen Dokumentationsbände „Grenzerfahrungen …“ und Kreisheimatpfleger hat im Frühjahr 1990 zwischen Zimmerau, Kreis Rhön-Grabfeld, und Rieth, Kreis, Hildburghausen, dieses „Grenz-Stillleben“ fotografiert.

Anmerkung
Besonderer Beliebtheit erfreut sich der feuerverzinkte Streckmetallzaun, der vielfach für Umgrenzungen im Garten- und Hausbereich genutzt wird. Zwischen 1970/71 und 1984 sind am zweireihigen Grenzzaun die todbringenden Selbstschusssplitterminen SMS 70 angebracht gewesen. Die mit Bleistücken und scharfkantigem Stahl ausgerüsteten Tötungsautomaten, eine Erfindung der SS für die Sicherung von Konzentrationslagern, werden elektrisch ausgelöst. – Es ist inzwischen bestätigt worden, dass dieser Streckmetallzaun wegen seiner hohen Qualität von der friedliebenden DDR mit hohen Devisenbeträgen in der Bundesrepublik gekauft wurde, u. a. von der Salzgitter AG.

07.02.1990, Mittwoch
Im Stadtgebiet Themars werden nationalsozialistische Schmierereien an Hausfassaden, Gartenzäunen und Lichtmasten entdeckt.

In einem redaktionellen Artikel berichtet Freies Wort über eine Antifaschistische Initiativgruppe, die vorsieht, einen Bund der Antifaschisten zu gründen. Die Gruppe ist über das Postschließfach 22 in Hildburghausen zu erreichen. Arbeiter, Handwerker, Intellektuelle, Pfarrer und viele Rentner bekunden angeblich ihre Bereitschaft, in dieser Gruppe mitzuarbeiten.

Anmerkung

Nachfragen, ob es diese Gruppe überhaupt gibt, laufen ins Leere. Namen von Mitgliedern sind nicht bekannt. Vermutlich handelt es sich um eine von linken Gruppen oder Akteuren gesteuerte Aktion, die ohnehin in den Wochen zuvor eine Hysterie wegen eines angeblichen Rechtsrucks entfachten.

08.02.1990, Donnerstag
Die Bürgerbewegungen drängten den Runden Tisch, Komitees zur Auflösung des AfNS zu bilden. Bis zum 08.03. sollten nach Forderung vom 20.02. die elektronischen Datenträger mechanisch zerstört werden.

09.02.1990, Freitag
Der Vorstand der PDS teilt als Ergebnis seiner Kreisdelegiertenkonferenz mit, dass sich die PDS als Partei radikal erneuert habe und ohne Einschränkung für die Vollendung des im Herbst 1989 begonnenen Umbruchs stehe. Vorsitzender des Kreisvorstands ist Dr. Peter Dornheim, Stellvertreter sind Jan Schlicht und Hans Gramann.

Freies Wort
veröffentlicht eine Meldung unter der Überschrift
Bundis kaufen Fleisch und Wurst:
Gleichbleibend hoch ist der Abkauf subventionierter Fleisch- und Wurstwaren durch Bundesbürger in den Verkaufsstellen unseres Kreises. Deshalb wurde vom Rat des Kreises beim Bezirk eine Aufstockung des Fleischkontingents um 150 Tonnen beantragt, damit das derzeitige Versorgungsniveau trotz der zusätzlichen Leistungen gehalten werden kann. Täglich gehen im Kreis etwa 14 Tonnen Fleisch und Wurst über den Ladentisch.

Anmerkung

Manche Bundesbürger nutzen auch die Umtauschkurse unseriöser Wechselstuben oder privater Geldwechsler zum günstigen Erwerb der Ostmark, die in den letzten Wochen bis zur Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion auf ein Verhältnis von 20 : 1 zur D-Mark fällt.

Das Warenangebot vor dem 01.07.1990 wird immer katastrophaler, so dass manche DDR-Bürger, die über genügend DM verfügen, Waren des täglichen Bedarfs in den benachbarten bayerischen Kommunen kaufen.

Zu einer Wahlkampfkundgebung der Heldburger CDU-Ortsgruppe spricht der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Dr. Jürgen Warnke (CSU), und der CSU-Bundestagsabgeordnete, Otto Regenspurger, vor 300 Zuhörern. Beide Redner treten für ein freiheitliches und friedliches Land ein. Nach einem Besuch der durch eine Brandkatastrophe am 07.04.1982 zerstörten Veste Heldburg (Französischer Bau) drücken die Politiker aus, dass es bereits Initiativen gäbe, das Bauwerk zu restaurieren, denn der Wiederaufbau Deutschlands werde sich auch in diesen Denkmälern der Vergangenheit dokumentieren. 

10./11.02.1990, Samstag und Sonntag
Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher treffen in Moskau mit dem sowjetischen Präsidenten zusammen. Gorbatschow überlässt den Deutschen den Weg der Einigung. Damit ist ein wesentlicher Punkt der Deutschen Frage geregelt. Es besteht Einigkeit, dass der Einigungsprozess in die „gesamteuropäische Architektur und den Gesamtprozess der Ost-West-Beziehungen“ eingebettet sein müsse. Die Regierung Modrow und die PDS sind im Vorfeld nicht in die Gespräche und Verhandlungen eingeweiht worden. Sie sind frustriert, weil sie von den Genossen in Moskau übergangen worden sind.

11.02.1990, Sonntag
Margaret Thatcher, die britische Premierministerin erklärt sich zur Vereinigungsproblematik der beiden deutschen Staaten außerordentlich reserviert. Sie ist der Meinung, dass sich Deutschland nur mit Zustimmung aller 35 Signatarstaaten der KSZE-Schlussakte von Helsinki vereinigen dürfe.

12.02.1990, Montag
Die LDPD lädt zu einer Demo auf den Marktplatz nach Hildburghausen ein. Knapp 200 Bürger kommen trotz schlechten Wetters. Joachim Lorenz, Vertreter der Coburger F.D.P., appelliert an die Einwohner, ihren Platz in der DDR zu suchen und nicht das Land zu verlassen. Weiter stehen im Mittelpunkt Fragen des Handwerks, Gewerbes, Handels. Eindeutig bekennt sich die LDPD zur sozialen Marktwirtschaft und zur schnellen Schaffung der Einheit Deutschlands. Wesentliche Eckpfeiler liberaler Politik seien liberal im Denken, sozial im Handeln, deutsch im Fühlen.

13.02.1990, Dienstag
4. Runder Tisch mit Vertretern der CDU, DBD, LDPD, NDPD, des Neuen Forums, der PDS, SPD und nach entsprechenden Anträgen und Abstimmung mit jeweils zwei Vertretern der DSU (beschließende Stimme) und Grüne Liga (beratende Stimme) unter Leitung von Superintendent Dr. H. Wulff-Woesten. Des Weiteren nehmen mit beschließender Stimme Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirche teil, mit beratender Stimme des FDGB.

Klaus Jakobi, Neues Forum, plädiert hinsichtlich des entstehenden demokratischen Rechtsstaats, die freiwilligen Helfer der Volkspolizei abzuschaffen, da sie direkt oder indirekt in das Unrechtssystem verstrickt waren, Bürger denunzierten, die sich kritisch gegenüber Staat und Partei äußerten, bei Zwangsaussiedlungen aus dem Grenzgebiet mit dabei waren, bei der Durchsetzung der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft mithalfen, Handwerker und Geschäftsleute zur Aufgabe ihrer Selbstständigkeit nötigten usw.

Unter dem Motto „Für ein geeintes, friedliches, demokratisches, wirtschaftlich gesundes Europa“ eröffnet die CDU im Kreiskulturhaus Hildburghausen mit 120 Teilnehmern und prominenten Rednern aus Ost und West den offiziellen Wahlkampf. Die CDU stehe für eine soziale Marktwirtschaft ein, betonen die Redner, da sie Freiheit und Wohlstand dem einzelnen wie dem Gemeinwesen garantiere.


Frühling 1990. Der menschenverachtende und das deutsche Vaterland trennende Todesstreifen von Poppenhausen (OT von Hellingen), Kreis Hildburghausen, ist Geschichte. Auf dem Kolonnenweg nimmt sich die Natur, was ihr gehört.
Foto: Bernhard Großmann

13./14.02.1989
Eine Regierungsdelegation unter dem DDR-Ministerpräsidenten Modrow weil in Bonn, der Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. Man vereinbart, dass eine Expertenkommission zur Vorbereitung der Währungsunion und Wirtschaftsgemeinschaft gebildet wird. Die Bundesregierung lehnt einen von der DDR-Regierung und vom Runden Tisch geforderten Solidarbeitrag von bis zu 15 Milliarden DM ab, weil man nicht umsonst Geld in die marode sozialistische Planwirtschaft stecken will.

14.02.1990, Mittwoch

40 Ärzte des Kreises gründen in der Bezirksnervenklinik einen unabhängigen Ärztlichen Kreisverband Hildburghausen. Zum Vorsitzenden wird MR Dr. Winfried Bertram gewählt, Stellvertreter ist Dr. Hans-Henning Axthelm.

Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs und die beiden deutschen Staaten besprechen die Aufnahme von Verhandlungen über die deutsche Einheit (Zwei plus vier).

19.02.1990, Montag
Bundeskanzler Kohl spricht vor 130.000 Menschen in Erfurt und unterstützt im Wahlkampf die Allianz für Deutschland, das Bündnis der drei konservativen Parteien CDU, DA und DSU.

19.02.1990
Enttarnung eines Stasi-Objektes in Römhild

Offener Brief der Bürgerinitiative Römhild – Auf Grund umfangreicher Aufklärungsarbeiten in den Monaten Dezember 1989 und Januar 1990 konnte durch die Bürgerinitiative und den Untersuchungsausschuss zur Aufdeckung von Amtsmissbrauch und Korruption das Stasi-Objekt am Waldrand unterhalb der ehemaligen Heilstätte enttarnt werden. Mit der Aufdeckung war das Amt für Nationale Sicherheit gezwungen, das Objekt zu räumen. Ein weiterer Grund für die Auflösung war der Beschluss des Ministerrates der DDR, bis zu den Neuwahlen keinen Verfassungsschutz zu bilden. Am 29.1.1990 wurde das Objekt dem Rat der Stadt Römhild übergeben. Das Hausmeisterehepaar, das von der Stasi bezahlt wurde, blieb im Objekt. Seitdem besteht das Problem: Wem wird dieses Objekt verpachtet? Es wurde bereits vor dem 3. Runden Tisch in Römhild am 8.2.1990 eine öffentliche Ausschreibung zur weiteren Nutzung gefordert. Nachdem sich die Pläne der LPG, die von allen Vertretern des Runden Tisches begrüßt wurden, zerschlagen haben, stand das Problem neu.

Erneute Forderung der Bürgerinitiative: Öffentliche Ausschreibung des Objektes und Entscheidung darüber erst nach der Kommunalwahl am 06.05.1990; keine Übergabe des Objektes an den Berliner Betrieb, der bereits im Januar sein Interesse bekundet hatte und sofort alle anfallenden Kosten übernommen hätte.

Am letzten Runden Tisch in Berlin (12.03.1990) wurde von der Regierungskommission zur Auflösung des Amtes für Nationale Sicherheit darauf aufmerksam gemacht, daß unter dem Deckmantel von Betrieben die Stasi erneut in ihre alten Objekte einziehen will.

Nach: Meininger Tageblatt, 19.03.1990

20.02.1990, Dienstag
In diesen Tagen mehren sich die Nachrichten und Beobachtungen, dass die Stasi noch im Untergrund arbeitet. In Hildburghausen werden beispielsweise Funksprüche abgehört, deren Herkunft nicht nachgewiesen werden können. Selbst Dossiers über Persönlichkeiten der Bürgerbewegung sowie der demokratischen Gruppierungen und Parteien werden angefertigt. Es ist bewiesen, dass einige Geheimdienstleute aus dem ehemaligen Bezirk Suhl inzwischen für den sowjetischen KGB arbeiten. Es gibt auch Doppelagenten, die ihr Insiderwissen gleichzeitig an den amerikanischen Geheimdienst verkaufen.

Seit dem 12.11.1989 passieren 260.000 Fahrzeuge und 2,6 Mio. Personen den Grenzübergang Hönbach zwischen Sonneberg und Neustadt bei Coburg.


Freies Wort  vom 21.02.1990. Der Kreistag Hildburghausen erörtert Probleme der Umwelt und den Energieträgerwechsel.

22.02.1990, Donnerstag
Auf der ehemaligen F 4 (heute: B 4) zwischen Eisfeld und Lautertal (Landkreis Coburg) protestieren seit der Grenzöffnung auf thüringischer und bayerischer Seite die Bürger immer wieder gegen den Schwerlastverkehr. Am 22.02. kommt es beispielsweise zwischen 12 und 17.30 Uhr in Höhe des Zeisswerkes im Eisfelder Ortsteil Steudach viermal zu einer halbstündigen Sitzblockade.

In Lautertal haben sich die Bürger in der Bürgerinitiative „Lebenswertes Lautertal“ organisiert. Die Bürger fordern den Bau einer Umgehungsstraße.

23.02.1990, Freitag
In einer Presseerklärung wenden sich die drei evangelischen Pfarrer Stefan Koch (CDU, Veilsdorf), Erwin Westphal (CSU, Biberschlag), Stefan Müller (SPD, Masserberg) an die Parteien, zu den bevorstehenden Volkskammerwahlen einen fairen Wahlkampf zu führen.

Eine Delegation des Runden Tisches unter Leitung von Superintendent Dr. Hanspeter Wulff-Woesten nimmt auf Einladung des Ärztlichen Direktors der Bezirksnervenklinik Hildburghausen, Dr. Klaus Hoffmann, einen Vor-Ort-Termin wahr. In Gesprächen mit den Chefärzten Dr. Klaus Hoffmann und Dr. Heinz Benkenstein wird klargestellt, dass in der Vergangenheit keinerlei Missbrauch mit der Psychiatrie für stalinistische Zwecke betrieben wurde.

Die Delegation konnte sich ansonsten ein Bild von den untragbaren Zuständen der Unterbringung der Patienten in Friedrichsanfang und im Haus 8 machen.

Der Kreisausschuss der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft ruft anlässlich des 72. Jahrestages der Gründung der Sowjetarmee alle Bürger, Parteien und Organisationen auf, an einer stillen Kranzniederlegung am Ehrenmal der Sowjetsoldaten auf dem Friedhof in Hildburghausen teilzunehmen.

Die SPD Heldburger Unterland hat u. a. die SPD-Bundestagsabgeordnete Susanne Kastner als Gast. Die Rede des Kreisvorsitzenden Horst Kotzem steht unter dem Motto „Die SPD kämpft nicht gegen andere Parteien, sondern für das Volk”. Kastner stellt fest, dass der westdeutsche Wahlkampf voll auf dem Rücken der DDR-Bevölkerung ausgetragen werde und dass der Ausverkauf der DDR für die Bundesregierung beschämend sei.

25.02.1990, Sonntag
In Seßlach findet mit ca. 30 Personen aus Ost und West die Gründungsversammlung des Fördervereins Veste Heldburg e.V. – eines gemeinnützigen Vereins zum Schutze vor weiterem Verfall, zum Wiederaufbau und zur Erhaltung der Heldburger Veste – statt. Vorsitzender ist der CSU-Europaabgeordnete Dr. Otto von Habsburg, gleichberechtigte Stellvertreter sind die Bürgermeister Seßlachs, Hendrik Dressel, und Heldburgs, Norbert Pförtner. Zum Zeitpunkt befindet sich der Vereinssitz in Seßlach, der später nach Heldburg verlagert werden soll. Ziel des Vereins ist es, in deutsch-deutscher Zusammenarbeit ideell und materiell dazu beizutragen, die einstige „Fränkische Leuchte“ als Kulturdenkmal wieder herzustellen, sie als Stätte thüringisch-bayerischer Begegnungen der Bevölkerung nutzbar zu machen. Zunächst sind dazu jedoch umfangreiche denkmalpflegerische Sanierungs- und Rekonstruktionsarbeiten zu leisten. Erste Planungen sind bereits vorhanden. 

26.02.1990, Montag
In einem Leserbrief von Martha Geißenhöner aus Hildburghausen-Häselrieth an Freies Wort wird charakterisiert, wie die alten Gesetze auch im scheinbar privaten Bereich die Entwicklung behindern.
„Unerträgliche Gesetze müssen weg
Die alten Gesichter, die alten von der SED-Regierung verfaßten Gesetze, die man kraft seines Amtes verteidigt. Warum kann man ehemaligen LPG-Mitgliedern, die ihre Felder eingebracht und hohen Inventarbeitrag bezahlt haben, sich Hühner halten, auch Eier zur Versorgung der Bevölkerung liefern, nicht ein paar Zentner Futtergetreide verkaufen? Eingaben meinerseits an den Staatsratsvorsitzenden (1987) und den Ministerrat (November 1989) blieben leider ohne Erfolg. Mit ein bißchen gutem Willen seitens der LPG würde ich eine Möglichkeit sehen, aber man hält an den Gesetzen der alten SED-Regierung fest, die unerträglich sind.“

 

Der BT-11, der 11 Meter hohe Beobachtungsturm der Grenztruppen der DDR in der runden Bauweise (Durchmesser 1 Meter) an der Straße Streufdorf, Kreis Hildburghausen, nach Roßfeld (heute: Ortsteil von Bad Rodach), Landkreis Coburg, wird geschleift.
Foto: Christoph Baldrich

27.02.1990, Dienstag
Der Pressesprecher des Grenzkreis-Kommandos, Hauptmann Hölzel, veröffentlicht eine Meldung, dass sich innerhalb der Grenztruppen Basisgruppen des Grenzschutzbundes der DDR (GSB) bilden. Der Verband vertrete die sozialen, rechtlichen und beruflichen Interessen der ehemaligen und jetzigen Berufskader der Grenztruppen gegenüber dem Staat, der Regierung und den gesellschaftlichen Organisationen während des Dienstverhältnisses, in der Reserve und außer Dienst sowie die Interessen der Familienangehörigen. Der GSB sei eine unabhängige, überparteiliche, durch freiwilligen Zusammenschluss gebildete demokratische Organisation. Verfassungstreue und Demokratie, Kameradschaft und Solidarität, Pflichterfüllung und solide Arbeit für die Interessen des Volkes seien grundlegende Verhaltensmaxime seiner Mitglieder. 

28.02.1990, Mittwoch
Es kommt zum Gegenbesuch der Maroldsweisacher Bürger in Hellingen.

 

März - Oktober 1990

Auszüge aus dem Manuskript von Hans-Jürgen Salier
Eigentlich nicht erwähnenswert ...

Die Entdeckung, dass es so einfach nicht ist, wie man gedacht hat, ist als Gewinn anzusehen.
(Carl Friedrich von Weizsäcker
1912 – 2007
deutscher Physiker, Philosoph und Friedensforscher)
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