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Federzeichnungen nach dem Leben

von einem alten Kunstjünger


Carl Barth

Die gewöhnlichen Einnahmen von bürgerlichen Abgaben und Domänenrevenüen* reichten natürlich lange nicht aus, daher wurden Anleihen gemacht, Juwelen verpfändet; Mühlen, Vorwerke, Meiereien, einzelne fürstliche Gebäude, deren fast in allen Städten und Dörfern sich vorfanden, so wie Stellen, Aemter, Chargen und Titel verkauft; ebenso größere Domainen auf viele Jahre hinaus verpachtet oder verpfändet, zuletzt geringhaltiges Geld durch Juden geschlagen, an welche die herzogliche Münze um ihre Summen verpachtet worden. Aber die Kassen waren dem Fasse der Danaiden** gleich, und wurden immer leerer, je mehr auf solche Weise hineinfloß. Die einzige Hoffnung wurde noch von den verschiedenen, sich ablösenden Hofalchymisten oder Adepten***, wie sie sich lieber nennen hörten, aufrecht erhalten.  

Goldstück um Goldstück flog, in der in den Souterrains des Schlosses befindlichen Werkstätte, in Rauch durch den Schornstein, oder fand den Weg in die Taschen der gewandten Magier. Der Fürst arbeitete aufs eifrigste selbst mit, aber obschon der grüne Löwe manchmal zum Vorschein kam, so wollte doch seine Vermählung mit der geheimnisvollen Jungfrau nicht erfolgen, und die Goldtinktur sich so wenig bereiten, als der Stein der Weisen bilden lassen.  

Die Stadt füllte sich mit Juden, Wucherern, Projektenmachern, goldbortirten Adepten, die in Sammtkleidern einherstolzierten, und die hochtrabendste Sprache führten; das Schloß wurde aber immer leerer an Hofherren und Damen, als die Goldsaat, die der freigebige Herr um sich zu streuen beliebte, und die Hofpracht aufhörte. Endlich wurde der Herzog sogar von schlimmen Rathgebern verleitet, als niemand mehr borgen wollte, gegen geringe Geldsummen, öfter noch gegen werthlose Schmucksachen, sogenannte Cartes blanches**** auszugeben, mit seiner Namensunterschrift im Voraus gezeichnet, die der Empfänger mit irgend einer beliebigen Summe selbst ausfüllen dürfte. Daß auch dießes entsetzliche Mittel, Geld zu erhalten, in kurzer Zeit eine enorme Schuldenlast sich aufthürmen mußte, welche zu tilgen das ganze Ländchen nicht zur Hälfte hingereicht haben würde, begreift sich leicht.

  So wurde der Hof nach und nach immer stiller und einsamer. In der Stadt dagegen erhielt sich noch einiges Leben, wo verabschiedete Maitressen, ehemalige Günstlinge, Mäkler und andere Vampyre, die sich in den glänzenden Zeiten am Hofe vollgesogen, nun in Ruhe ihren Raub verdauten und in Freuden lebten, während der unglückliche Fürst gemieden wurde, und die treugebliebenen Diener oft die größte Mühe hatten, die nothwendigsten Requisiten für Küche, Keller, Garderobe u. s. w. von den mißtrauischen oder vorsichtigen Bürgern auf Borg zu erhalten. Selbst die Gehalte der Staats- wie der Hofdiener wurden längst schon nur selten abschläglich, oft Jahre lang gar nicht bezahlt. Dieser Zustand war bald in ganz Deutschland bekannt, hauptsächlich durch die schlechten Münzen, die anfänglich in weiß glänzendem Obergewande fässerweise durch die Juden nach allen Richtungen versandt wurden, aber nur zu bald ihr farbiges Unterkleid vorkehrend so verrufen waren, daß sie von der größten bis zur kleinsten, in allen Editionen, reihenweise auf die Tische der Kaufleute schmachvoll festgenagelt wurden, schonungs- und achtungsvoll die darauf geprägten Bildnisse oder Namens-Chiffern durchbohrt, wie der Erzähler, nach zwanzig Jahren noch, in sehr entfernten Städten mit eigenen Augen mehrmals gesehen. Da wurden auch Schloßhof und Vorzimmer wieder voll, aber nur von den Gläubigern aus aller Herren Ländern, und fremden, sowie einheimischen Sachwaltern.

Zuletzt kamen Klagen auf Klagen selbst vor das Reichskammergericht in Wetzlar und nun wurde auf Antrag eines Prinzen vom herzoglichen Haus selbst, der in Wien in höchstem Ansehen und Würden stand, auch als Heerführer gedient hatte, darauf angetragen, mit Zuziehung noch einiger verwandten Fürstenhöfe, eine außerordentliche kaiserliche Kommission zu ernennen, um diese traurige Angelegenheit zu untersuchen und womöglich zu ordnen.

Der Prinz reiste von Wien sogleich selbst nach H., zuvörderst als Präsident und oberster Leiter der Kommission, und ergriff dann mit hohen diplomatischen Vollmachten die Zügel der Regierung des Landes, als Regent und Vormund des Erbprinzen. Herzog Karl starb bald. ...  
 

*     Domäneneinkünfte
**    Die Töchter des Danaos sollen nach der griechischen Sage in der Unterwelt ein Fass ohne Boden füllen.
***  ein in Geheimkünste Eingeweihter
**** Blankokarte 

Nach: Carl Barth: Federzeichnungen nach dem Leben von einem alten Kunstjünger. In: Nationalbibliothek der Deutschen Klassiker. Bd. 93. - Hildburghausen und New York, 1855.

Politik: die Führung öffentlicher Angelegenheiten zum privaten Vorteil.
(Ambrose Bierce
1842 – ca. 1914, Mexiko
US-amerikanischer Journalist)
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