Eine Seite für Hildburghausen

Geschichte aus Franken

Friedrich Sack

Lorz Schüßler 

 

Die Sonne schien noch einmal so freundlich wie am Tage zuvor, als Lorz Schüßler zum Rathause schritt. In aller Frühe schon war Stubenrauch dagewesen und hatte ihn zu einer Ratssitzung entboten. Der Pranger war leer, aber auf dem Marktplatz lagen noch die Aschenhaufen des Strohfeuers. Da und dort gab es auch gesprungene Fensterscheiben zu sehen, aber das war der einzige Schaden, den die vorgetäuschte Feuerbrunst angerichtet hatte. Es war viel Volk auf dem Markt versammelt. Als Lorz Schüßler erschien, wurde er mit lauten, freudigen Zurufen begrüßt und Jung und Alt, Männer und Weiber drängten sich an ihn heran, um ihm die Hand zu schütteln. Oben im Saale waren die Ratsgenossen bereits versammelt. Auch der Bürgermeister Paul Waltz war schon anwesend. Er sah bleich und übernächtig aus; seine Züge trugen aber schon wieder die gewohnte Undurchdringlichkeit. Er tat, als bemerkte er nicht den leisen Anflug von Spott in den Gesichtern der Ratsherren, wenn ihre Blicke den Augen des Bürgermeisters begegneten. Als Lorz Schüßler eintrat, gab es einen großen Aufstand im Saale. Alles stürzte ihm entgegen, und er konnte den kräftigen Händedrücken nicht entgehen. Als er endlich seinen Platz eingenommen hatte, erhob sich der Bürgermeister.

„Ihr Herren Ratsgenossen!“, so sprach er, danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich. Als wir in den letzten Tagen hier zusammenkamen, da waren unsere Seelen kummervoll, denn eine schwere Wolke voller Unheils hing über dieser Stadt. Es dräuten Blitze, Stürme und Hagelwetter, und wir mussten fürchten, dass uns die Fluten bis an den Hals gehen, wo nicht gar über dem Kopf zusammenschlagen würden. Feindliches Kriegsvolk, dem der böse Ruf unerhörter Härte und Grausamkeit voranging, sollte hier seinen Einzug halten, und wenn da die Furcht unser Herz bewegte, so war das eine menschliche Regung, deren wir uns nicht zu schämen brauchen, denn es ging nicht um uns selber, es ging um das uns anvertraute Gemeinwesen, um Hab und Gut, Leib und Leben, Weiber und Kinder der Bürger. Aber dem ewig gütigen Gott sei Dank! Die dräuende Wolke hat sich zerstreut, und die liebe Sonne scheinet wieder freundlich ob unserer Stadt. Mit geringem Schaden sind wir davongekommen. Jeder kann in Frieden und Ruhe wieder seiner Hantierung nachgehen und hofft, dass es lange dauern wird, ehe der Krieg auf seinem zerstörenden Zuge Hildburghausen wieder einmal berührt. Wohl hat der Schein einer Feuersbrunst über der Stadt gelegen, aber dem gnädigen Gott sei Dank! Es war nur ein Freudenfeuer über die Verschonung der Stadt. Zu seinem Werkzeug hatte sich der Herr – o wunderbare Fügung – einen Sohn unserer Stadt erkoren! Ihn hat er in seiner unbegreiflichen Güte gewürdigt, der Retter der Stadt Hildburghausen zu werden, ein Mitglied unseres Rates, den Ratsherrn und Tuchwebermeister Laurentius Schüßler.

Wir alle haben längst erkannt, was für ein tatentschlossenes Herz unser Lorz Schüßler im Busen trägt. Wir schätzen ihn darob und hielten ihn wert, denn frische Regung ist für eine Stadt nützlich und gut. Wir wussten aber kaum, welcher zarten Liebe zugleich dieses Herz fähig sein konnte, als wie es sich nun erwiesen hat. Er konnte es nicht über sich gewinnen, seine geliebte Vaterstadt in Asche sinken zu sehen. Er ging hin zu dem feindlichen Anführer, und der Himmel fügte es abermals so wunderbarlich, dass der kaiserliche Obrist einer derjenigen war, mit denen vor Jahren unser Schüßler unter einem Zeltdach geschlafen und aus einem Becher getrunken. So fand die Bitte ein williges Ohr, und unser Lorz Schüßler wurde uns zum Segen. Heil ihm, dem Retter der Stadt!”

Paul Waltz stand von seinem Bürgermeisterstuhle auf, nahm das Barett vom Kopfe, legte es auf den Tisch vor sich hin und schritt, beide Hände vor sich ausgestreckt, glänzenden Auges und leuchtenden Antlitzes auf Lorz zu. Er hatte nunmehr seine ganze Sicherheit wieder gewonnen, und die Ratsherren, die ihn so strahlend und würdevoll sahen, vergaßen seiner merkwürdigen Rolle vom gestrigen Tage und waren wieder voll Bewunderung für ihren Bürgermeister, der ihrer Meinung nach mit seiner Rede den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. Paul Waltz ergriff mit beiden Händen die Rechte Lorz Schüßlers und drückte sie heftig und lange, indem er dem Ratsherrn mit dem gut gespielten Ausdruck inniger Freundschaft und Herzlichkeit ins Auge sah. In demselben Augenblick erscholl vom Marktplatz herauf der vielstimmige Ruf: Heil Lorz Schüßler, dem Retter der Stadt! Der Bürgermeister lächelte befriedigt. Stubenrauch hatte, wie es der Bürgermeister angeordnet, im richtigen Augenblick das Zeichen gegeben. Paul Waltz fuhr dann in seiner Rede fort: „Ja, Ihr Freunde, lasset uns einstimmen, in den Zuruf der Volksstimme: Heil unserem Lorz Schüßler, dem Retter der Stadt!“ Der Saal donnerte von den mächtigen Stimmen der Ratsherren, und alles drängte sich abermals um den Gefeierten. „Teuerster Meister!“, sagte dann der Bürgermeister, als wieder einigermaßen Ruhe eingetreten war, „es ist uns unmöglich, die Tat zu vergelten, die Ihr für unsere Stadt getan. Lasset Euch an dem Gefühl unserer unauslöschlichen Dankbarkeit genügen und mit dem Bewusstsein Eures Gewissenslohnes. Euer Name ist unvergänglich in die Geschichtstafeln unserer Stadt eingegraben, und noch in späten Jahrhunderten wird jeder Hildburghäuser den Namen Lorz Schüßler kennen und preisen. Indessen hat der Rat doch geglaubt, es nicht an einer kleinen äußeren Aufmerksamkeit fehlen lassen zu dürfen, und deshalb haben wir beschlossen, Euch auf einige Zeit Kredit im Schlundhause zu gewähren. Dort sind bereits zwölf Gulden acht Groschen und vier Pfennig für anderthalb Eimer und elf Maß Wein auf das Kerbholz für Euch angeschrieben, damit Ihr, wie es sich gebührt, in Fröhlichkeit der Rettung der Stadt gedenken möget.“

Lorz Schüßler hatte bisher mit Verwirrung und Beschämung, um nicht zu sagen mit Unbehagen, die feierliche Rede des Bürgermeisters und die Ehrungen seiner Ratsgenossen über sich ergehen lassen, aber als der Bürgermeister ihm die Mitteilung von dem Geschenk der Stadt machte, da stand Lorz plötzlich mit beiden Füßen mitten drin im Hildburghäuser Alltag. Er sah den selbstzufriedenen schmunzelnden Bürgermeister an und brach in ein unaufhaltsames Gelächter aus. „Bürgermeister!“ sagte er, sich auf seinem Stuhl die Seiten haltend und mühsam nach Atem ringend, „ich danke Euch von Herzen. Aber, nehmt es mir nicht für ungut, Ihr seid kostbar! So bekomme ich doch wenigstens den Schaden ersetzt, den mein Haus durch die Einquartierung erlitten hat. Denn fast ebensoviel, wie Ihr mir zugedacht, haben meine drei Musketiere samt dem Gesellen Hassenpflug mir aus meinem Weinkeller weggetrunken!“

Und schon wieder packte ihn die große Heiterkeit, und Bürgermeister und Räte taten das Beste, was sie tun konnten: Sie lachten mit. 

Aus: Friedrich Sack: Lorz Schüßler – Eine Geschichte aus Franken. Eine Festausgabe zum 600jährigen Jubiläum der Stadt Hildburghausen. – F. W. Gadow & Sohn G. m. b. H. Hildburghausen, 1924, S. 242 ff.
Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde.
(Karl Jaspers
1883 – 1969
deutscher Philosoph)
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