Eine Seite für Hildburghausen

Höfisches Leben

Höfisches Leben und nicht ganz höfische Texte von Carl Barth und anderen

Von Hans-Jürgen Salier

Vorbemerkung

Am 1. Oktober 1749 schließt Herzog Ernst Friedrich III. Carl die Ehe mit Louise auf Schloss Hirschholm bei Kopenhagen. Sie ist die einzig überlebende Tochter des Königs Christian VI. von Dänemark und Norwegen und seiner Gemahlin Sophie Magdalene von Brandenburg-Kulmbach. Somit ist Louise Erbprinzessin zu Dänemark und Norwegen sowie Herzogin v. Schleswig. Sie wuchs im Königsschloss zu Kopenhagen auf, umgeben von einem prunkvollen Hofstaat. Und nun die ländliche Idylle im kleinstädtischen und armen Hildburghausen. Die Erbprinzessin brachte einen gewaltigen Brautschatz mit, Ernst Friedrich III. Carl stiftete immerhin aus diesem Anlass den Orden des glücklichen Bundes (L' ordre de l'heureuse allianca). Den Orden gibt es in einer Klasse, er wird an Generäle, Stabsoffiziere, geheime Staatsräte, Kammerherren und höhere Hofchargen vergeben. Originalstücke sind allerdings nicht mehr auffindbar.  



Erbprinzessin Louise von Dänemark und Norwegen/
Herzogin von Sachsen-Hildburghausen
* 19. Oktober 1726, Kopenhagen
   †   8. August 1756, Hildburghausen

Der Phaleristiker Fritz G. Illing hat in seinem Buch „Orden und Ehrenzeichen der Staaten Thüringens 1590 – 1935“ den „Orden vom Glücklichen Bunde“ rekonstruiert. Der Band erschien 1994 im Verlag Frankenschwelle Hans J. Salier, Hildburghausen.

Am 22. November 1749 hält die Erbprinzessin in Hildburghausen einen triumphalen Einzug. Die als gottesfürchtig und tugendhaft geltende Louise, die streng ihrer Regentenpflicht nachkommt, ist mit 23 Jahren zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit mit dem Hildburghäuser Herzog gewiss kein „spätes Mädchen“ oder „schwer verheiratbar“, wie immer wieder – vor allem in trivialen Romanen – kolportiert worden ist. Auch die delikate und nicht standesgemäße Affäre mit einem Pagen ist es nicht, auch keine Verbannung, sondern mehr ein die Dynastie erhaltender Schachzug. Als Ehekandidaten stehen auf der Wunschliste des dänischen Monarchen der Herzog von Cumberland, der schwedische König Adolf Friedrich oder aber Karl-Friedrich, Markgraf von Baden-Durlach. Der dänische König muss einkalkulieren, dass beim Aussterben seiner Dynastie das Königreich an Sachsen oder an Holstein fällt. Das geht überhaupt nicht. Am „ungefährlichsten“ für das Königshaus ist der gebildete Schönling Ernst Friedrich III. Carl, der nicht mit Geld umgehen kann und sein Völkchen reichlich miserabel regiert. Die Erbprinzessin bringt in die Ehe als Mitgift die gewaltige Summe von 100.000 Speciestaler ein sowie eine Apanage für fünf Jahre von 5.000 Talern. Es ist nicht vermessen, wenn man heute diese Geldbeträge mit 50 oder 100 multipliziert, um in EURO-Dimensionen zu denken. – Die mitgebrachten astronomischen Geldsummen sind aber kaum zur Tilgung des enormen Schuldenberges des Fürstentums Sachsen-Hildburghausen genommen worden, Ernst Friedrich III. Carl braucht Geld, unendlich viel Geld. Louise, die außerordentlich beliebte Herzogin von Sachsen-Hildburghausen, stirbt sehr früh, nur acht Monate nach dem Tod ihrer einzigen Tochter in ihrem dreißigsten Lebensjahr. Da hat Hildburghausens Herzog, der bei größtem Geldmangel hin und wieder Landeskinder für den Kriegsdienst nach Dänemark verkauft, schlechte Karten, denn das dänische Königshaus fordert das bewegliche Vermögen der Erbprinzessin sehr schnell wieder zurück. Die Geldnöte des Hildburghäuser Regenten sind auch in Kopenhagen längst bekannt, und die Not in Hildburghausen ist mit dieser Maßnahme noch größer geworden. 

Der Herzog führt in seinem Duodezfürstentum weiterhin ein außerordentlich luxuriöses Leben. Das Wort macht damals die Runde, dass Hildburghausen der schuldenreichste Staat der Welt sei. Im Januar 1769 setzt Kaiser Joseph II. für Hildburghausen eine Debit- und Administrationskommission ein. Wie das mit den kaiserlichen Zwangsmaßnahmen ausging, kann man in der Chronik nachlesen. 

Der Kupferstecher und Schriftsteller Carl Barth überzeichnet nicht satirisch, wenn er das höfische Leben bloßstellt: 
Des Herzogs Ernst Friedrich Carl erste Gemahlin, eine königliche Prinzessin von Dänemark, war mit königlichem Aufwand eingezogen. Die Stadt sah mit Stolz die goldgeblechten Heiducken neben, die Läufer mit großen silberbeschlagenen Stücken, Hetzpeitschen oder Fackeln vor den vergoldeten, mit Spiegelscheiben um und um besetzten Prachtcarossen durch die Straßen eilen. Große solenne (feierliche, d. Verf.) Schlittenfahrten, Masken- und andere Bälle, Prachtjagden, Ballette im Theater und hohes Spiel machten die Winterfreuden. Ein zahlreicher Hofstaat, die Blüte der Ritterschaft und die Damen in rauschenden Reifröcken, füllte die Säle, der Laquaien sich drängendes Heer die Vorzimmer, ausgesuchte Pferde von allen Rassen den Marstall, alle Kassen hatten aber viel leeren Raum. Die gewöhnlichen Einnahmen von bürgerlichen Abgaben und Domänenrevenüen (Revenue = Einkommen, Einkünfte, d. Verf.) reichten lange nicht aus. Daher wurden Anleihen gemacht, Juwelen verpfändet, Mühlen, Vorwerke, Meiereien, einzelne fürstliche Gebäude, deren fast in allen Städten und Dörfern sich vorfanden, sowie Stellen, Ämter, Chargen und Titel verkauft; ebenso größere Domänen auf viele Jahre hinaus verpachtet oder verpfändet, zuletzt ganz geringhaltiges Geld durch Juden geschlagen, an welche die Herzogliche Münze um hohe Summe verpachtet wurde. Die einzige Hoffnung wurde noch von den verschiedenen, sich ablösenden Hofalchymisten oder Adepten (ein in Geheimkünste Eingeweihter, d. Verf.) aufrecht erhalten. Goldstück um Goldstück flog in den Souterrains des Schlosses befindlichen Werkstätte in Rauch durch den Schornstein oder fand den Weg in die Taschen der gewandten Magier. Der Fürst arbeitete aufs eifrigste selbst mit, aber obwohl der grüne Löwe manchmal zum Vorschein kam, so wollte doch seine Vermählung mit der geheimnisvollen Jungfrau nicht erfolgen und die Goldtinktur sich so wenig bereiten, als der Stein der Weisen sich bilden lassen. Die Stadt füllte sich mit Juden, Wucherern, Projektemachern, goldbortierten Adepten, die in Samtkleidern einherstolzierten und die hochtrabendste Sprache führten; das Schloß aber wurde immer leerer an Hofherren und Damen, als die Goldsaat, die der freigebige Herr früher um sich zu streuen beliebte und die Hofpracht aufhörten. Endlich wurde der Herzog sogar von schlimmen Ratgebern verleitet, als Niemand mehr borgen wollte, gegen geringe Geldsummen, öfter noch gegen wertlose Schmucksachen sogenannte Cartes blanches auszugeben, mit seiner Namensunterschrift im Voraus gezeichnet, die der Empfänger mit irgend einer beliebigen Summe selbst ausfüllen durfte. So fand sich in kurzer Zeit enorme Schuldenlast und der Hof wurde immer stiller und einsamer, daß die Diener oft die größte Mühe hatten, die notwendigen Requisiten für Küche, Keller, Garderobe auf Borg zu erhalten. Selbst die Gehalte der Staats- wie der Hofdiener wurden längst schon nur selten abschläglich, oft Jahre lang gar nicht bezahlt. Die schlechten Münzen, anfänglich in weiß glänzendem Obergewand fässerweise durch die Juden nach allen Richtungen versandt, kehrten nur zu bald ihr farbiges Unterkleid vor und wurden so verrufen, daß sie reihenweise auf die Tische der Kaufleute festgenagelt wurden."

Zeitgenossen berichten von einem allgemeinen Sittenverfall, einem leichtsinnigen Leben am Hof. Erwähnt sei der herzogliche Gardist Kius, der in seiner Autobiografie u. a. nach Schilderung vieler Vorgänge zusammenfassend resümiert: „Durch dies und alles andere große Wesen nahm der Staat und alles üppige Wesen überhand, so daß fast kein Mensch in und bei seinem Stande geblieben. Die Jugend wurde durch die Bälle, Komödien und Tänze und andere dergleichen Dinge ganz verdorben, daß sie den Eltern gar nicht mehr folgten. Die Großen und Alten wurden, weil bei dem Leben Saufen, Spielen, Huren und Buhlen im Schwange ging, liederlich und leichtsinnig, dabei auch viele nicht allein verdorben und arm geworden sind, sondern dadurch auch Gewissen und Religion verloren, also daß das Christentum bei allen unseren guten geistlichen und ihren guten Lehren und Predigten fast gar erloschen ist.“ 

In einer Zeitcharakteristik zwischen 1792 – 1840 beschreibt Carl Barth auch das höfische Leben und die prunkvolle Ausgestaltung des Residenzschlosses, die vor allem auf Prinz Joseph zurückgeht:  

In den Untergeschossen des Schlosses befand sich die Hofkonditorei. Dort waren helle, heitere Räume, von großen Spiegelscheiben erleuchtet, durch welche man den Altan und die Bäume des Schlosses hereinwinken sah. Mehrere große Glasschränke bildeten die Hinterwand, angefüllt mit silbernen, teils vergoldeten Prachtgefäßen, Schüsseln, etrurischen Vasen, buntgemalten, chinesischen Henkelkrügen, Pagoden und andern Figuren. Dazwischen fanden sich kunstreiche Tafelaufsätze in der damals noch seit Ludwig XV. üblichen baroken Art. Auf langen, gebohnten Tafeln standen große Reihen wagrecht liegender, geschliffener 4 ' ins Geviert haltender Spiegel mit massiv silbernen Rahmen und eben solchen niedrigen Füßen, die, nur einmal gültig, mit farbigem Marmorsand kunstreich überstreut in soviel heitere Gemälde verwandelt waren. Von der Herzogl. Tafel wieder abgehoben, die sie in langer Reihe, in deren Mitte an einander aufgesetzt, mit zwischen stehenden Blumenvasen geschmückt hatten, wurden diese mühsam gefertigten Bilder sogleich wieder zerstört, um ähnliche, fürs nächste Fest, auf die wieder blanken Spiegel neu zu schaffen. Zur Bildanfertigung aber fanden sich reichhaltige Kupferwerke aus der Bibliothek in der Konditorei; dazu tausende von Farbenabstufungen des Marmorsandes in kleinen viereckigen Kartons. Mit zusammengebogenem dünnen Messingblech (statt des Pinsels) wurden die Farben aufgetragen und aus der schnabelförmigen vorderen Öffnung des Blechs rollte der feine Sand so sicher, daß die feinsten, schärfsten Linien, wie mit der Bleifeder gezogen, entstanden. Schade um diese wahrhaft fürstliche Mode, von der man heutzutage nichts mehr weiß, wenn nicht etwa am kaiserlichen Hof zu Wien, woher sie wohl durch den Regenten Prinz Josaphat (Prinz Joseph, d. Verf.) verpflanzt wurde. 

Zum Wachsfigurenkabinett schreibt Barth:

Da stand dicht an der Türe ein preußischer Grenadier, das Gewehr geschultert, die rechte Hand etwas vorgestreckt, wie zum Geldempfangen geöffnet. In einer Ecke des Saales die rührende Gruppe, wie König Ludwig XVI. im weißen Nachtkleide, im Begriff, den ihn abholenden Nationalgardisten aufs Schaffot zu folgen, von seiner in Schmerz aufgelösten Familie Abschied nimmt, während der Schließer ihm die Fesseln abnimmt. An einer Tafel daneben die verrufensten Häupter des Nationalkonvents und des Jakobinerklubs, Danton, Robespierre, R. Just, Pethion, ohnweit davon die Generale Moreau, Pichegru, Dumouriez, Jourdan. An einer andern Tafel Kaiser Joseph II., Leopold II., Franz II., Paul von Rußland, Friedrich Wilhelm II. von Preußen. Auf einer 3. Tafel auf zierlichen Schüsseln und Schalen eine Menge der schönsten Früchte aus allen Zonen täuschend naturähnlich nachgebildet und geschmackvoll geordnet, nach der Weise der besten Darstellungen niederländischer Stilllebenmaler.

Für das Können gibt es nur einen Beweis: Das Tun.
(Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach
1830 – 1916
österreichische Schriftstellerin und Dramatikerin)
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