Eine Seite für Hildburghausen

HEIMATERINNERUNGEN

EINES ALTEN HILDBURGHÄUSERS

Fritz Eller

 

                                Nicht da ist Heimat, wo die Füße geh’n,
                        die Hände schaffen und die Augen seh’n.
                        Heimat ist   d a   nur, wo mit seinen Lieben
                        das  H E R Z  geblieben!“
   
                                                        (D. Paul Blau)

Herrn 

Professor Dr.   E r n s t   K A I S E R 

H i l d b u r g h a u s e n, 

dem   L e h r e r   und   F o r s c h e r 

d e r   H e i m a t 

in aufrichtiger Verehrung zum  

75. Geburtstag 

gewidmet 

Thräna, am 23. Dezember 1960

                          

 

Impressum
2014
Herausgeber:
www.dunkelgraefinhbn.de und www.schildburghausen.de

 

            Ines Schwamm, Ziegeleiweg 7, D-98646 Hildburghausen
und
            Annett Eller 

Texterfassung und Bearbeitung: Hans-Jürgen Salier
            (November 2013 bis Januar 2014)

I n h a l t

  1. Der Eisvogel 
  1. Mein Freund, der Kachelrat 
  1. Hildburghäuser Reminiszenzen:

            Stadtväter – Gelehrte – Sänger  

  1. Der „Lorz“ 
  1. Das Schwarze Ei

 
Der Eisvogel 

Mit Fauchen und Brausen jagt der Tauwind durch die enge Talscharte. Brummend verfängt er sich in den Ästen der alten Eichen und Buchen am Berghang. Pfeifend und johlend durchfährt er die Birken, dass sie sich ächzend biegen, und wütend bricht er aus den Erlen, Ulmen und Pappeln, das Dürrholz, dass armdicke Äste krachend zu Boden schlagen. Der Südwestwind leckt den Schnee von den Berglehen. Das Schmelzwasser stürzt in Fluten zu Tal, die spärliche Ackerkrume von den steinigen Hangäckern mitreißend. Lehmfarben strömt das Wasser in tief aufgewühlten Rinnen dem Flusslauf zu. Aber der kleine Fluss kann die Flut nicht aufnehmen. Mauerdick lagert die Eisdecke noch über ihm, und darüber hinweg rauscht das trübe Tauwasser aus den Bergen.
Besorgt sieht der Müller am Dorfrand nach seinem Wehr; denn er weiß, der Südwest wird bald einen wilden Bundesgenossen, einen bösen Helfer, bekommen, den Regen, und dann wird das Flüsschen ein reißendes Ungeheuer werden.
Tag und Nacht heult der Sturm. Dann prasselt der Regen gegen die Fenster, es rauscht und schäumt über die Eisdecke. Alle Wasser von dort oben aus dem Wald kommen in rasender Eile daher. Aufhorchend stehen die Bauern vor ihren kleinen Berghöfen. Donnern, Krachen und Knallen kündet den Eisgang. Die schwere Eisdecke zerreißt, und Scholle um Scholle löst sich und treibt talwärts. Ein Höllenlärm erfüllt das Tal, in dem sonst Ruhe und Stille sind. In langen Stiefeln stehen die Bauern mit harten Gesichtern, mit langen Stangen die Schollen abdrängend, wo es nötig wird. Schwer ist die Verständigung; denn toll ist das Rumoren und Dröhnen des berstenden Eises.
Ein heller Ton aber übertönt alles, ein Schrei, ein Pfiff, ein Gellen: tsiiiiiiiii. Ein Laut, wie geschaffen, wütenden Sturm und krachendes Eis zu durchdringen. Und dort! War es ein Blitz? War es eine Sinnestäuschung? In rasendem, pfeilgeradem Flug saust ein Etwas vorüber, in der regengrauen Luft in allen Farben von rot, blau, grün schillernd, gleißend und glänzend. So schnell, so kurz, so reißend war die Erscheinung vorüber, dass sie wie eine Vision wirkte.
Das war der „Blaue Blitz“ – der   E i s v o g e l . 

Der Tauwind hat sich gelegt. Verschwunden ist der Schnee von Hängen und Fluren. Nur in den tiefen Schluchten und Schlünden liegen schmutzige Reste der einst weißen Pracht. Ruhiger schon und klarer rauscht der Fluss in seinem Bett. Die Erlen an seinen Ufern, die Weiden und die Haselbüsche an den Hängen haben sich geschmückt, und von der hohen Linde vor der Schule singt die Amsel der Abendsonne den Abschied nach, in den hohen Pappeln am Dorfteich quietschen die Stare. Bald kann die Mühle wieder in Gang kommen. Das Wehr hat auch diesen kleinen Frühlingssturm ausgehalten. Mit langen schweren Schritten geht der Müller ein Stück den Mühlgraben entlang. – Tsiiiiiiiii – da ist dieser hohe Ton wieder, so hell, so schrill, so gellend, dass er das Rauschen und Brausen und Toben und Tosen des Wehres übertönt. Der Müller kennt diesen Pfiff und sieht sich um. Er hat sich nicht getäuscht. Ein Farbenblitz jagt an ihm vorüber und bleibt im alten Wildrosenbusch hängen. Schon aber ist ein zweiter solcher Blitz in reißendem Flug bei dem Busch angelangt und umwirbt mit schrillen Lauten das dort sitzende Weibchen, bis dieses auffliegt und die beiden bunten Vögel ihr jagendes Liebesspiel fortsetzen und, sich fortwährend neckend, am Flusslauf entlang aus den Blicken kommen. 

Krokus und Märzenbecher sind verblüht. Oben auf dem langgestreckten Kalkberg duftet der Seidelbast, prangen und leuchten die Leberblümchen, blühen Lerchensporn und Primel. Die Birken am Berghang schmücken sich mit dem schönsten Grün, das nur der Frühling hervorzuzaubern vermag. Die Balsampappeln an der Bergwiese prahlen mit goldgrünem Laub.
Die beiden „Blitze“ sind immer noch hier und treiben ihr Spiel an der Mühle, und der Müller lässt sie gewähren. Er weiß nichts von den Ansichten verknöcherter Stadtmenschen, die dem Eisvogel allerlei Übles nachreden wollen. Er, der erdverbundene, naturfrohe Bauer und Müller freut sich dieser bunten Vogelpracht und sieht zu, wie die beiden Eisvögel dort hinter seinem Wehr an dem senkrechten Lehmhang, wo kein Grashälmchen wächst, eifrig schaffen. Wie emsig sie mit dem langen Schnabel hacken, wie der dicke Kopf, der viel zu groß für den kaum spatzengroßen Kerl erscheint, mit seinen blau-grün-gold-schwarz-flimmernden Schmuckbändern hastig pickt, dass der weiße Ohrenfleck und die schneeige Kehle blitzen, dass der in allen Farben schillernde Rücken wie ein aus den buntesten Edelsteinen der Welt zusammengefügten Schmuckstückchen erstrahlt. Seidig weich, in rostroten Farbtönen schimmert der Bauch. – Hier am Lehmhang baut sich das Pärchen seine Nisthöhle. Kreisrund wird das Loch, das sie oben, nur zwei gute Handspannen unter der Grasnarbe, in den Lehm treiben, und das so schmal ist, dass kaum eine Kinderhand hineinzuverlangen vermag. Aber tief scheint der Bau zu werden; denn immer länger werden die Pausen, ehe einer der bunten Wichte wieder im Freien erscheint, um den Schnabel vom Lehm zu entleeren. –
Vor Jahren, als der Müller seinen Stall neu baute, holte er dort hinten von einer ebensolchen Wand den Lehm. Beim Graben traf er auf eine Niströhre. Mehr als armlang war sie in den Lehmhang hinein getrieben und endete in einer Höhle, die wie zwei Fäuste groß und mit Fischgräten, Libellen- und Wasserjungfernflügeln ausgelegt war. Auf dieser Unterlage ruhten sechs Eier von einer Art und Form, wie der alte Müller noch keine gesehen hatte: weiß waren sie und fast kugelrund und so glänzend, als seien sie mit feinstem Lack überzogen. Und als der Müller diese eigenartigen Gebilde bei Licht besah, konnte er deutlich das Dotter darin schimmern sehen. Es tat ihm leid um das zerstörte Gelege, denn er hatte von jeher ein Herz für alles, was schön war. Aber bald konnte er sich wieder freuen; denn als sein Kuhstall fertig war, bauten die beiden Eisvögel gar nicht weit entfernt von der zerstörten Nisthöhle eine neue.  

Die beiden „Blitze“ sind nicht mehr allein. Dort, wo sich die Weiden weit über den Mühlgraben spreizen, wo die Heckenrosen den halben Bach überschatten, sitzen oft die beiden alten Eisvögel mit ihren Jungen. Das ist ein Glimmern und Flimmern, ein Glänzen und Gleißen, ein Schimmern und Leuchten – zauberhaft schön! Und wenn die Alten mit jähem Stoß in das Wasser hinunter sausen, dass die Strahlentropfen sprühend und funkelnd im Sonnenschein aufleuchten, dann fragt sich der Müller kopfschüttelnd, ob er denn an seinem alten Mühlgraben steht oder sich im Märchenland befindet. – Die alten Eisvögel füttern ihre Brut. Unbeweglich sitzen sie dann auf den stachelbewehrten Zweigen des uralten Rosenbusches, den Blick starr auf das Wasser gerichtet. Lauerjäger sind diese bunten Gesellen. Jetzt! Sieh! Die dunklen scharfen Augen haben eine Beute erspäht! Der Kopf senkt sich, bis der Schnabel senkrecht nach unten zeigt, und mit eng angelegten Flügeln fällt der eine der Vögel wie ein buntschillernder Stein in das Wasser, dass es hoch aufspritzt. Mit einem kleinen Fischchen oder einer Libellenlarve im Schnabel taucht der Freifischer wieder auf, um nun, einen goldenen Tropfenregen von sich schüttelnd, seine Brut zu atzen.
Nicht immer bringen die alten Vögel der gierenden Brut eine Beute mit aus dem Wasser herauf. Der blaue Fischer kann ja nur mit dem Schnabel zupacken, und deshalb stößt er oft fehl, und viele Beutetiere entgehen ihm. Der alte Müller beobachtet die Jagd ganz genau. Zumeist sind es Schlammpeitzger und Ellritzen, die an die Brut verfüttert werden. Aber weit häufiger als Fische bringt der Königsfischer anderes Getier, nämlich die zangenbewehrten Räuber, die Gelbrand- und Libellenlarven, die der Fischbrut mehr schaden als der buntschillernde Geselle mit seiner ganzen Familie.
Ein schriller, lauter Warnruf gellt – und fort ist die bunte Schar. Wie eine lange Kette aus Sonnenschein und Lichtgefunkel rast sie dahin; denn die Straße herab kommt ein Mann aus der nahen Stadt mit einer Angelrute über der Schulter. Erstaunt sieht er der fliegenden, bunten Kette nach. 

Als ein paar Wochen später die Schnitternte im Gang ist und der Angler oft am Wasser der Forellenwaid nachgeht, sieht er die acht Eisvögel nie wieder zusammensitzen oder -fliegen. Immer trifft er nur einen einzelnen an. Weit unterhalb der Mühle beim Schülerbad ist einer Stammgast. Einen Kilometer weiter sitzt wieder einer. Auf weite Strecken haben sie sich verteilt: an der Häselriether Mühle, am Bleichrasen am Kapellenstieg, weiter entfernt an der Finkenmühle hocken sie einzeln, jeder für sich, mutterseelenallein und eifersüchtig darauf bedacht, dass sich keine Artgenossen in seine Nähe wagt. 

Die Birken und Pappeln färben sich golden, der Herbststurm kommt und zaust die Bäume. Hier und da schrillt wieder durch das Sausen und Brausen das hohe pfeifende Tsiiiiiii.
Der Frost kommt und packt mit seinen Todeskrallen zu. Der Fluss hat wieder seine  Eisdecke. Nur selten noch sind offene Wasserlöcher. Da geschieht es, dass hier einer, dort ein anderer der bunten Jäger im Jagdeifer und von Hunger getrieben in das rasche offene Gewässer hinter den Wehren nach einer Ellritze stößt, den Ausstieg nicht wieder findet und elend unter dem Eis ertrinkt. Der Eisvogel von der alten Birkenmühle aber folgt dem Fluss aufwärts bis dorthin, wo das Wasser so wild und schnell bergab strömt, dass der Frost es nicht bändigen kann. Weit hinauf auf die Berge muss der bunte Freifischer fliegen. Nicht Birken, Weiden und Erlen sind es, die jetzt die Ufer umsäumen. Ernst und düster schwarz stehen Fichten dort, aus deren dicht verschneiten Kronen das Kreischen der Kreuzschnäbel tönt, die ihre Winterbrut großziehen.
Kümmerlich und beschwerlich muss sich dort der Eisvogel ernähren. Nur wenig Fische und fast gar keine Larven gibt es in der Höhenlage. Eine harte Zeit ist für den glitzernden Königsfischer der Bergwinter.
Wenn dann aber der Tau wieder durch die enge Talscharte schnauft und braust und die Eisschollen vor sich hertreibt, dann kommt der „Blaue Blitz“ wieder an seine alte Mühle, denn in den ersten Frühlingswochen packt auch ihn, den gleißenden Flieger, die Liebe. Dann jagt er pfeilschnell dahin, seinen gellenden Schrei über das Tosen des Wassers werfend. Dann sieht man ihn wieder, den buntesten Jäger und Freifischer, das schönste Schmuckstück aus deutscher Vogelwelt, den Eisvogel. 

Wer ihn je gesehen und beobachtet, ein Herz in der Brust und schönheitsfrohe Augen hat, wird ihn liebgewinnen müssen, den dickköpfigen, kurzschwänzigen Sturztaucher.
Wie es nur Menschen übers Herz bringen, mit Schlagfallen und Pfahleisen diesem Stück Märchenwelt nachzustellen?
Mehr und mehr nimmt trotz aller Schutzgesetze die Unklugheit wieder überhand, die Eisvögel zu bekämpfen.
Lasst den Märchenvogel doch in Ruhe, ihr Nützlichkeitsfanatiker! Lasst ihm sein Wildfischerleben! Schützt ihn, ihr Naturfreunde! Hütet und hegt ihn, ihr schönheitshungrigen Menschen unserer harten Zeit! Schlagt die Fallen zu, wo ihr sie fängisch gestellt findet, ehe ein Stück Märchenwelt darin zugrunde geht!

  

Der „Kachelrat“* 

Es gibt Tage, die einem in Erinnerung bleiben, ohne dass man sagen kann, was Besonderes an ihnen war. Es verbinden sich bestimmte Vorstellungen, Gestalten und Ereignisse zu einem Klang, den man lange nicht wieder loswerden kann.
Vielleicht, dass ich in jenen Morgenstunden besonderer Stimmung war, mag sein, dass Unfassbares, Unnennbares mitspielte. Ich weiß es heute nicht und habe es nie gewusst. …
Es ist eine sternenklare, schwüle Sommernacht, in der ich mit etwas Angelgerät im Rucksack den alt vertrauten Weg durch den tiefen Sand stapfte. Köstlich ist der Duft der Pappeln am Weg, erfrischend der feine Orangengeruch der Nachtkerzen.
Dunkel ist um mich herum, die Nacht liegt noch in den Bäumen. Und über mir Sterne, Sterne - - - unendliche Welten, unerforscht, unbegreiflich, fern all unserem Erdenleid.
Ich trete aus dem Düster auf den kurzen Weg, der zwischen Feldern dahinführt. Ganz zart getönt ist schon der Morgenhimmel, und bald werden der Sonne erste Vorboten über den Horizont flammen. Diese ersten Lichtboten des neuen Tages rufen mir einen Vers meines Thüringer Landsmannes Paul Blau in den Sinn.
Irgendwann habe ich ihn einmal gelesen und weiß nicht wo, aber er ist mir heute in dieser Vormorgenstunde so gegenwärtig, als seien diese Zeilen für mich und für diese Stunde geschrieben: 

 

            Es sterben die Sterne
            bei schwindender Nacht,
            wenn leis’ in der Ferne
            der Morgen erwacht. – 

            Und geh’n zu den Toten
            Verblassend zu Hauf  
            die leuchtenden Boten:
            Die Sonne geht auf!“ 

Sie wollen mich nicht loslassen, die wenigen Zeilen, und mit den verblassenden Sternen wandern meine Gedanken zu den Toten. Lang ist die Reihe derer, die einst waren und um die jetzt die Gedanken kreisen ... Vater, Mutter, Brüder, Freunde …, die Reihe ist erschreckend lang.
Ich sitze am Teich, hänge solch trüben Gedanken nach und vergesse ganz, das Gerät zu richten. Längst ist die Sonne aufgegangen und drückt einen leichten Dunst in den Kessel, in dem mein Teich liegt. Es beginnt über dem Wasser zu dampfen, lichte, dünne Nebel wallen, wogen durcheinander, verdichten sich, nehmen Formen und Gestalten an. Und auf diesen Dunstwolken wandern meine Gedanken zurück.
Ich bin wieder in der Heimat.
Um mich sind die gründunklen Berge Südthüringens, ein weites Flusstal, bunt von Wiesen, zerteilt in schmale, sich steil hangwärts ziehende Felder, ein Fluss, nicht groß, hier schmal, hier tief und schäumend, dort breiter, ruhig fließend durch die üppiggrünen Wiesen, aus denen die goldenen Knöpfe der Trollblumen leuchten. Daneben prangen die weißen Sterne der Margeriten, die fleischroten Blüten der Pech- und Lichtnelken und die violetten Blütenkolben der Knabenkräuter als bunte Farbtupfer in dem saftigen Grün.
Ich bin wieder daheim!

H E I M A T !

„In dem Wort   H e i m a t   umarmen sich all unsere guten Geister!“
Das ist ein tief empfundenes Wort, und der es gesagt hat, muss seine Heimat sehr geliebt haben.
So lasse ich meine Gedanken treiben und alte Bilder in mir hochkommen: Berge und Täler, Wälder und Bäume, Blumen und Häuser und - - -   M e n s c h e n . 

Am Wasser, unweit der alten, uralten Walkmühle mit dem hohen moos- und algenbewachsenen Mühlrad taucht einer auf, mit blauer zerknitterter Schirmmütze, einem Paar grauumbuschter fideler Augen und einem grauen Schnauzbart, der dem Gesicht etwas Bärbeißig-Grobes gibt, was mit dem schelmenhaften Blick der Grauaugen so gar nicht zusammenpassen will. Mit ihm tauchen andere Gesichter aus der Erinnerung auf: ein altehrwürdiger gemütlicher Stammtisch ehrbarer Handwerksmeister. Es wird wohl keiner mehr von denen leben, er müsste denn hundert Jahre alt und älter sein.
Oft habe ich meinen alten Vater dahin begleitet und saß in der derben, echten, alten Runde der zehn oder zwölf Meister.
Deutlich hebt sich aus den ziehenden Nebeln der rauchumhofte Stammtisch. Sieh, die Gesichter: Heinrich, der Achtzigjährige mit dem weißen Spitzbart, der schmalen Goldrandbrille, rüstig wie ein Fünfziger; Oskar, der mit dem wilden Vollbart und den riesigen harten Schlosserhänden; der Dicke, der eben schnaufend seinen Bierkrug absetzt, ist der Bäcker Heiner; dort Max, der nahrhafte Metzger; Adolf, der rußige Schmied, und wie sie alle da sitzen, Töpfer, Tischler, Wagner, Dachdecker.
In der Ecke des Glanzledersofas, die halblange „Pfäuf’n“ dampfend, sich den Bierschaum aus dem grauen Schnauzer wischend, sitzt er, der Nieverzagte, der Immerfidele, der Urwüchsigste der gewiss nicht zart besaiteten Runde, und immer, wohl ohne es selbst zu wissen und zu wollen, sacksiedesaugrob! Da ist er, der alte Graubart, von dem die ganze Stadt fast nur seinen Vornamen Gotthard, bestimmt aber seinen „Titel“ „Der Kachelrat“ weiß, diesen schelmisch-anzüglichen Namen, den ihm sein Beruf eingebracht hat. Wer diesen Meister nicht genau kennt, mag sich wohl hüten, mit ihm anzubändeln! Wer ihn aber kennengelernt hat, der verliert sehr schnell seine Scheu vor ihm, denn er findet unter dem äußeren Bärbeiß ein Herz von Gold und ein liebes Gemüt.
Ja, so ist der „Kachelrat“, seines Zeichens Ofensetzer- und Töpfermeister und nebenbei zugleich Fischereipächter auf etliche Kilometer Flusslauf besten Forellenwassers.
Dieser eine lässt mir heute keine Ruhe. Ihm sei ein Stündchen des Gedenkens geweiht. 

Meine Bekanntschaft mit dem „Kachelrat“ kann man in drei Zeitabschnitte fassen:
Sie reicht zurück bis in die Lausbubenjahre, als wir in den heißen Ferienwochen des Sommers nur ein kurzes Hemdchen mit einem blauen Leinenhöschen und darunter die Badehose trugen, denn der Fluss bot uns Jungen aus der Winzergasse an jeder erlaubten und – noch lieber – unerlaubten Stelle Gelegenheit zum Baden. Dass wir den alten Kachelrat dabei öfters antrafen beim Legen seiner Reußen oder beim Angeln, ist verständlich. – Zu verstehen dürfte aber auch sein, dass wir mit Buchbindergarn und Angelhaken selbst die Fischwaid auszuüben versuchten. Wenn auch Forellen seltene Beute für uns waren, ab und zu schnappte doch eine aus der Art geschlagene das grobe Zeug. Viel häufiger jedoch als diesen Edelfisch brachten wir ganz anständige Döbel und Plötzen, behutsam in das neue Hemd gewickelt, mit nach Hause. Freilich musste ich daheim schon Märchen erzählen vom „Freunde Schorsch, bei dem wir in Vaters Mühlgraben haben angeln dürfen“. Wehe! Dreimal wehe! Wenn uns der Alte beim Angeln erwischte, dann drohte er uns mit gesträubtem Schnurrbart und hochgezogenem Gestrüpp über den Augen Höllenstrafen an. Nur – wir waren stets so vorsichtig, die ganze Breite des Flusses zwischen ihn und uns zu legen, wenn er unverhofft kam. Ich kann mich übrigens nicht entsinnen, dass es „ernstere“ Auseinandersetzungen mit ihm gegeben hat.
Das war der erste Zeitabschnitt. 

Bedeutungsvoller war für mich der zweite: Ich war nach den acht Jahren der Volksschule nach einer anderen Schule gekommen und trug die blaue Mütze. In diesen Jahren suchte ich oft Gelegenheiten zu längeren Gesprächen mit dem alten Grobian, wenn ich zu Studienzwecken von ihm etwa zufällig gefangene Neunaugen erbat oder nach den Fundorten von Krebsen, Muscheln, Süßwasserschwämmen und seltenen Pflanzen fragte, auch in eifrigen Beobachtungsaustausch mit ihm über das Vorkommen und Brüten von Eisvogel, Wasseramsel, Blaukehlchen und anderem Getier trat. Wie taute der Alte bei solchen Gesprächen auf! Man erkannte ihn nicht wieder. Mit welcher Liebe sprach der Grobsack von dem hier sehr seltenen Blaukehlchen! Wie sorgsam beobachtete er den bunten Edelfischer, den Eisvogel und den weiß geschürzten Wasserstar. Nie fiel ein böses Wort über diese bei so arg verleumdeten Vögel. Er gönnte ihnen die Ellritzen, die sie fingen. Er wusste, dass auch Forellenbrut nicht sicher vor ihnen war, aber er hatte die Augen offen und sah, dass es zumeist minderwertiges, von Schmarotzern befallenes Brutmaterial war, das sich die Freifischer holten, und – Gotthard hatte ein Herz von Gold in seiner groben Verpackung!
Manche schöne und anregende Unterhaltung hatte ich mit ihm führen können, viele schöne Beobachtungen mit ihm getauscht, und wir wurden – trotz des großen Altersunterschiedes – Freunde. 

So begann auch der zweite Abschnitt unserer Bekanntschaft, und für mich kam der Abschied von der Heimat. Nur als Feriengast war ich dann wieder jedes Jahr mehrere Male für kurze und längere Zeit im alten, lieben Tal. Das ganze Thüringer Land lag zwischen der Heimat und meinem neuen Wirkungskreis. Groß war aber stets die Freude des Wiedersehens auch mit der alten Stammtischrunde, die zu besuchen ich nie versäumte.
Es kamen die Jahre und die Ferien, in denen ich zum ersten Male auch mit meiner Braut die Heimat besuchte. Der „Kachelrat“ war außer sich vor Freude, als er vor meinem Vater von meinem Besuch erfuhr.
Und am Nachmittag eines schmählich heißen Tages, als wir im Garten im Schatten des alten Apfelbaums „Goldrennette von Blenheim“ im Faulenzer lagen, hörte ich die knarrende, wie verrostet klingende Stimme des alten Gotthard, der sich mit meinem Vater am Bienenhaus unterhielt und auch nach mir fragte. Als er mich dann sah und meine Braut neben mir, da strahlte das alte graue Gesicht wie das eines Jünglings.
„Frrrrrütz, wui’sst a Fohrälln!?“ schrie er über den halben Garten hinweg. Und seine erste Begrüßung verband er mit einem nachträglichen Verlobungsgeschenk: einer noch lebenden Forelle von drei und einem Viertelpfund, einem Staatskerl, wie er sie selbst zum ersten Mal gefangen hatte und in einem Transportgefäß bei sich trug.
Von dem Tag an durfte ich oft die Angel auch selbst in die Hand nehmen, und der alte ausgelernte Fischer und Angler weihte mich ein in die Schliche und Pfiffe und Kniffe der Forellenwaid.
Es sei dem guten, alten „Kachelrat“ nichts Übles nachgesagt. Er war alles das, was man von einem Angler verlangen kann: Naturfreund, Tierfreund, Heger und Pfleger, Beobachter, das alles war er in rechter Art und reichem Maß. Nur eines war er nicht:  S p o r t – Angler. Nein! Das ja nicht! Mit solchem „modernen Kram“ durfte man ihm nicht kommen! Sport? Fischerei und Sport? „Wos hott’n mei Fischwasser mit’n Fußball zu tunn? Hä? Dös is meinswagen Sport. Do gässte hinnern Exerzierplatz, da ka’ste rümgehops und Sport gemach sovill aß de wisst! Da an mein Wasser, da wärd geangelt, und net gesport! Verstässte?!“ Von Sportangeln wollte er eben nichts wissen, von Kunstfliegen, Spinnern, Blinkern, nein! Eine gute, derbe Pfefferrohrrute, eine ganz einfache stabile Rolle, eine gute Seidenschnur und das übliche lange Vorfach – das war alles. Und an den Haken, da kam ein Regenwurm, allenfalls mal ein Käfer. Damit fischte er, und es wird wohl manchen zünftigen Sportangler geben, der sich hinter den Fängen des alten Graubartes wird verstecken müssen.
Unvergessen sind mir die Stunden am Graben der Birkenfelder Schneidmühle, dort, wo ein anderer Angler, der alte kleine Förstermann Wochen vorher von einem wütenden Stier gegen eine Pappel gepresst und getötet worden war. – Auch am Wehr vor der alten Walkmühle holten wir so manche „Buntgesprenkelte“ heraus. Die schönsten Forellen aber gab es doch an der alten Mühle selbst.
Schon diese Mühle! Solch einen alten Fachwerkbau mit dem rosarot angestrichenen Lehmfachwerk und den geteerten Balken, den windschiefen, moosbewachsenen Dächern von Wohnhaus, Stall und Scheunen gibt es wohl in unserer vom Moloch Industrie beherrschten Zeit gar nicht mehr. Auch dort das alte Mühlrad klappert nimmer. Nur das Wasser rauscht wie vor Zeiten, und die Forellen springen im Abenddämmer noch wie damals. Aber kein Kachelrat geht ihnen mehr zu Leibe mit seiner Bombenruhe. – Wenn einer, dann ist er engster Mitarbeiter des Schutzpatrons aller Angler geworden. 

Sieh da, dieser Nebel, wie er sich formt, wie er zerfließt und Gestalt annimmt! Siehst du den Alten? Er schmunzelt, wie es die vielen kleinen Falten an den Augenwinkeln verraten. Aber, was will er hier? Will er hier angeln? Er streckt den Arm, die breite schwere Arbeitshand zeigt zum Wasser und zwingt meine Augen dahin: ein Schatten gleitet darin entlang. Darum also! Mein lieber alter Kerl, darum zeigtest du dorthin! Ja, das ist ein Fisch, der sich lohnt! Und jäh kehre ich zurück in die Gegenwart, besinne mich darauf, wo ich bin. Nicht Thüringens liebe Heimatberge umgeben mich: ein altes, ausgebeutetes Baggerloch, vor 50, 60 Jahren stillgelegt, dann durch eine angeschnittene Wasserader vollgelaufen, begrübt, besetzt – das ist mein hiesiges Angelparadies.
Hier bin ich – da ist ein Fisch. Der alte Gotthard hat ihn mir gezeigt. Es gäbe ein schönes Donnerwetter, wenn er leibhaftig neben mir stünde; denn noch liegt die Rute im Futteral neben mir verpackt im Gras. Aber nun mache ich sie bereit.
Dabei kommen mir Erinnerungen. Damals, am Wehr, als mein Lehrmeister einen „Mordsfisch“ an der Schnur spürte und ihn dann nicht bekam. Etwas ungeschickt, zu hastig muss er einen Handgriff getan haben. Das geschieht schließlich jedem Angler einmal. Aber dem alten Kachelrat durfte es eben nicht passieren! Er rückte seine alte blaue Schirmmütze. Aha! Nun war etwas fällig! Was ich jetzt zu hören bekam, diese Kanonade von Wörtern, Flüchen, seltenen Ausdrücken, nein – das kann ich hier nicht niederschreiben. Man könnte höchstens, wie mal einer sagte, „es ganz alten, abgeklärten Männern, und denen nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit ins Ohr flüstern“!
Ja, grob konnte er schon werden, der Gotthard, und – das war das, was mir an ihm noch heute imponiert, am meisten gegen sich selbst. Er war eben eine Kraftnatur, keine dieser vermanschten Zwielichtnaturen, bei denen man nie weiß, woran man mit ihnen ist, keine von denen, die weder hart noch weich, weder warm noch kalt, weder hell noch dunkel sind. Er war geradezu, ehrlich, auch wenn es für andere nicht schmeichelhaft war, aber wahr und fest.
Nichts war ihm mehr zuwider als dieses verwaschene und weichliche Schöntun ins Gesicht hinein. Wie konnten da die grauen Augen blitzen, alle gemütlichen Fältchen verschwanden. Und wenn die Mütze einen Schubs bekam, der Schnauzbart sich hob, dann, nun dann konnte man schon etwas zu hören bekommen, was gedruckt nicht gut aussehen würde.
Ja, ja, Alter, ich bin gleich fertig! Brauchst nicht die Mütze zu rücken! Siehst du, schon ist das Gerät bereit, die Angel im Wasser.
Kurze Zeit nur dauert es, da lande ich den ersten Fisch: eine Seltenheit: eine Karausche von fast drei Pfund! Nun, es lässt sich gut an, mein lieber Alter! Kaum eine Viertelstunde vergeht, zuckt schon wieder die Pose, tanzt leise, tänzelt, zieht kleine Kreise, und dann rutscht sie ab, aber nicht soweit, dass sie das Kraut gewinnt. Ich setze einen kleinen Anhieb, und bald liegt sie da, die goldgelbe Schleie, fett und rund, und nicht viel leichter als die Karausche. Und der Kachelrat lächelt.
Hat er nicht beifällig genickt? Soll das heißen, dass ich es noch einmal …? Warum nicht? Solche Fänge sind hier selten, sehr selten! Also, nochmals! Und siehe! Das Spiel wiederholt sich, und abermals ist eine schöne Schleie am Haken und schnell im Gras zu seinen Füßen.
Hab’ Dank! Alter Freund! Ja, lächle nur. Ich weiß, was du denkst. Diese Art Angeln ist nicht dein Geschmack, das ist keine, wie du sie dein Lebtag geübt, das ist keine Forellenwaid. Wir sind hier bescheidener geworden, wir angeln keine Forellen, denen schmeckt das hiesige Wasser nicht.
Aber wir müssen auch glücklich sein mit dem, was uns diese Gegend bieten kann. 

Aber – wo ist Gotthard, der Freund? Ich starre über das Wasser – nichts ist mehr zu sehen. Die Sonne hat aufgeräumt mit dem Nebel und Dunst. Ganz drüben in der kalten Ecke zieht eben der letzte Nebelstreif in die Büsche.
Nun, dann kann ich ja gehen. Es war ein schöner Morgen mit dem Besuch des alten Freundes, und eine schöne Beute.
So gehe ich denn, den Hut zum Abschied nach der Bucht schwenkend, in der vorhin der Nebel verschwand und rufe ihm ein „Petri Heil!“ zu, ihm meinem lieben alten Graubart, dem unvergesslichen Freund, dem „Kachelrat“.

* Der „Kachelrat“ war der Ofensetzer Gotthard Knauer in der Braugasse.


 

 

Hildburghäuser Reminiszenzen

        Stadtväter – Gelehrte – Sänger

 

Dem Andenken der „Gasröhren-Sänger“ 

Wenn man aus den dunklen Fichtenwäldern des Thüringer Waldes zu Tal wanderte, traf man an der langen, von Schleusingen nach Süden führenden Straße auf ein kleines Wäldchen aus uralten Birken. Weiß glänzte ihre Rinde wie Neuschnee in der Sonne, maigrün leuchtete das Laub wie Jugendliebe, golden strahlte es im Herbst wie treue, reine Mädchenherzen und braun deckte es den Novemberboden wie zertretene Sehnsucht.
Alte Mauerreste schauten da und dort aus dem Sandhang, und Pflanzenkundige fanden hier die schwingende Steinfeder und die seltene Mondraute. Tief versteckt stand eine derbe alte Steinbank. Hier saß ich gern und schaute auf das Städtchen hinab, das in dem weiten Flusstal sich breitet und dehnt.
Dieser Fluss dort unten – er ist nicht groß – scheidet zwei Gebiete: In sanftem Anstieg nach Norden zu gibt der Buntsandstein dem Tal eine weite Flanke. Drüben aber, der Muschelkalk, hat dem Nagen des Wassers widerstanden. Dort wird der Fluss begleitet von Bergen.
Eingebettet in einen Kranz gründunkler Kiefern- und Fichtenwälder auf der Sandseite und den mit buntem Mischwald bedeckten Kalkbergen liegt Hildburghausen.
Von dieser Bank kann man das ganze Stadtgebiet überblicken, die nahe an die Stadtgrenze gerückten Dörfer nach Ost und West und den Flusslauf in derselben Richtung weit verfolgen.
Die Menschen dieses Ortes – es mögen an die 6.000 oder ein paar mehr sein – sind ein liebenswertes Völkchen. So, wie ihr Städtchen die Grenze zwischen zwei geologischen Gebieten hält, so stehen auch die Menschen da als ein Mittelding. Es sind keine Wäldler, dazu liegt die Stadt zu weit am Rande des Thüringer Waldes. Es sind keine Menschen bäuerlichen Schlages aus dem sich jenseits der Kalkberge nach Franken ziehenden fruchtbaren Hügelland. Es sind keine echten Thüringer, es sind keine reinen Franken, und vielleicht gerade durch diese Mischung so geworden, wie sie sind:
Lebensfroh, munter, ehrlich, gerade, verwachsen mit der Natur und heimattreu, einem leichten Stolz nicht abgeneigt, harmlos fröhlich, einen recht beachtlichen Dickkopf aufsetzend, wenn sie es für nötig erachten, mit gutem Mutterwitz begabt und – immer sangesfreudig.
Sie zehren heute, nach fast 150 Jahren noch von der Erinnerung an die Zeit, da Hildburghausen Residenz war und sind schwer enttäuscht gewesen, als man das frühere herzogliche Schloss nach dem Ersten Weltkrieg, das bis dahin als Kaserne gedient hatte, schließlich einer Firma vermietete, die Schuhwichse herstellte.
„Nu, was denn?“, meinte einer, um die Wogen der Entrüstung zu besänftigen „der Unterschied is doch gar net so groß. Früher, da is der Glanz im Schloss drinne geblieben, da hatten mir a nix davon. Heut kriegen wir den Glanz nu widder raus un ham’ne auf unnere Schüh!“
Es mögen Reste einstiger Residenzherrlichkeiten sein, dass in dem Städtchen die Vereinsmeierei, die festesten Stammtischrunden und eine beträchtliche, nur schwer zu überwindende Abneigung gegen alle und jede Neuerung bestand, nicht etwa aus Rückständigkeit, Beschränktheit oder gar Dummheit, sondern aus einem gewissen Trotz, einem Eigensinn, der nicht gern das zulässt, was andere sich ausgeklügelt haben. Hat es ein Eingesessener geraten, nun, dann möchte es sein, wenn es vernünftig war. Mancher Entwicklung ist diese Eigenart recht hinderlich gewesen, denn Hildburghausen hat viele bedeutende Köpfe hervorgebracht, die sich nicht alle frei entfalten konnten.
Es war z. B. Sitz des Bibliographischen Institutes von Joseph Meyer, der auf dem Friedhof des Städtchens ruht. Dessen Enkel, der große Forscher und Reisende Hans Meyer, ist in Hildburghausen geboren.
Aber für solche großen, wagemutigen kühnen Planer und Unternehmer war das Städtchen zu klein, zu eng, zu konservativ in seiner ganzen Veranlagung. Für stille Gelehrte und Forscher, die für ihre Arbeit Ruhe und Einsamkeit brauchen, da ist diese alte Residenz schon recht. Noch heute tüfteln gar manche Köpfe um das Geheimnis des „Dunkelgrafen“ und der „Dunkelgräfin“, von denen jedes Kind des Städtchens früher wusste, was man eben über dies geheimnisvolle Paar herausbekommen hatte.
Eine beachtliche Anzahl Gelehrter wirkte und wirkt hier auf vielen Gebieten des Wissens und der Musik, sehr oft von den Einheimischen nicht verstanden oder gar nicht erkannt.
Es soll nicht Zweck dieser Erinnerungsblätter sein, alle großen Hildburghäuser in ihrem Schaffen zu würdigen. Nur einige der namhaftesten von früher seien genannt:
So lebte und wirkte hier Dr. Ludwig   N o n n e , ein Schüler Pestalozzis und weithin bekannt als Pädagoge. Er war der erste Direktor des neu gegründeten Herzoglich-Sachsen-Meiningischen-Landes-Lehrer-Seminars. Auch die „Dorfzeitung“ verdankt ihm ihr Entstehen, eine Zeitung, die hinsichtlich Unterrichtung und Hebung des Bildungsstandes der Bevölkerung ein erstaunlich hohes Niveau aufzuweisen hatte.
Als Historiker von Ruf sei erwähnt Kirchenrat Dr. R. Armin   H u m a n , der neben einer großen Zahl wissenschaftlicher Schriften auch die Chronik der Stadt verfasst hat.
Prof. Dr. Ludwig   H e r t e l , ein feinsinniger Gelehrter, Germanist, Gräzist (Gräzistik – Altgriechische Philologie, Wissenschaft von der Sprache und Literatur des Altgriechischen), Schriftsteller und Dichter lebte hier (im Haus der vormaligen Gartenstraße, der heutigen Gerbergasse 19).
Nach der Verlegung des Bibliographischen Institutes von Joseph Meyer durch seinen Sohn Herrmann Julius begründete Harmsen Wilhelm  R a t h k e   in den verwaisten Räumen die ersten technischen Lehranstalten Deutschlands, die bald internationalen Ruf erlangten.
Viele andere bedeutende Männer, Musiker und Gelehrte sowie Forscher waren als Lehrkräfte an dem Lehrerseminar und an dem humanistischen Gymnasium Georgianum tätig. Noch heute geht manches wissenschaftliche Werk von Hildburghausen aus seinen Weg in die Welt und zeugt von deutschem Forscher- und Gelehrtengeist.
So gilt noch immer: So klein und abgeschieden das Städtchen ist, so groß ist sein Ruf als „Stadt der Schulen“. 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts standen sehr im Gegensatz zu den feinsten Gelehrtenköpfen die Lenker der Geschicke des Städtchens, deren starres Festhalten am Althergebrachten fast an Engstirnigkeit grenzte.
So hat es schwere Kämpfe gekostet, bis die Stadtväter ihre Einwilligung gaben zum Bau der Eisenbahnlinie (1858), und noch heute, da sich das Städtchen recht beachtlich gedehnt hat, ist man erstaunt, wie weit vor den Toren der Stadt der Bahnhof liegt. Nur so war nämlich die Starrköpfigkeit und Eigenwilligkeit des Rates zu überwinden gewesen, dass man die Bahnlinie so legte, dass sie das bewohnte Gebiet möglichst nicht berührte.
Allerlei Spott musste sich die Eisenbahn gefallen lassen. In Mundartgedichten stehen darüber Verse, die kennzeichnend sind. Sie heißt es u. a.:

            „Dan Bahnhof, lieber Frieder,
            dan homm die Hässelriether!“
und
            „Sie fährt’n Werr’grund einre hie
            Mit Menschen, Säu un annern Vieh.“ 

Es ist durchaus nicht abwegig, wenn man die Verlegung des Meyer’schen Institutes nach Leipzig, die 1874 erfolgte, mit der Eisenbahnfrage in Verbindung bringt, die nach den Plänen Meyers in viel großzügigerer Weise gelöst werden und mit der Gründung anderer notwendiger Industrien das stille Kreisstädtchen aus dem Dornröschenschlaf wecken sollte. 

Ein anderes, lang und heiß umstrittenes Problem war die Beleuchtung. Viele Städte hatten gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Beleuchtung der Straßen mit Gaslaternen eingeführt. Sollte man es nun auch in Hildburghausen wagen, neben Bauten mit so hochstrebenden Namen wie „Belvedere“, „Casino“, „Karolinenburg“ – wehmütigen Reminiszenzen an die Residenzzeit – derart profane Werke entstehen zu lassen, die übelriechendes Leuchtgas erzeugen?
Man wusste wohl – aber bemühte sich gern, nicht daran zu denken, dass es auch andere Ortsteile gab, die weniger schöne Namen hatten. Sie waren zwar vom Volksmund geprägt, nichtsdestoweniger aber treffend! Der „Rote Hückel“ (von Hügel) ist noch der zahmste, wenn man dagegen das Mausendorf“ und gar – horribile dictu! – das „Säuloch“ hält. Letzte beiden volksgeprägten Orts- und Straßennamen tragen die amtliche Bezeichnung – man staune! „Unteres und Oberes Kleinodsfeld“. Welcher Art die dort gehorteten Kleinodien sein könnten, wird wohl kein Forscher herausbekommen. Sollte es mit dem „Goldbach“ zusammenhängen, der dort durchfließt? Wohl kaum! Denn den Namen muss man sicher ableiten von „Kleine Öde“. Er hat nichts mit den Schätzen der Nibelungen zu tun. „Kleinodsfeld“ bedeutet „Gemüsegartenland“ Unsere Altvorderen teilten die Feldfrüchte ein in den „großen“ Schatz. Das Getreide – es wird meist „Frucht“ genannt, und den „kleinen Schatz“, das Kraut sind also die Kleinodien.
Schließlich wurde also eine Gasanstalt in der Coburger Straße gebaut (gegenüber dem heutigen Mercedes-Autohaus).
Diese Einrichtung hatte, abgesehen von ihrem eigentlichen Zweck, Licht in die Düsternis zu bringen, der aber nur sehr unvollkommen gelang, auf das so geruhsame Leben ganz  besondere Auswirkungen; denn mit der Gaserzeugung zog die Industrie ins Städtchen ein und mit ihr eine neue Art in der bisher geübten, meist auf vorsichtige Kritik eingestellten Politik. Kein Wunder, denn gefürchtete, ja verachtete neue Ideen kamen spürbar näher! Oh! Sie kamen so nahe, dass „diese Arbeiter“ es z. B. wagten, den schon bestehenden drei Gesangvereinen einen vierten hinzuzufügen, dem sie auch noch den aufreizenden Namen „Morgenrot“ gaben und – man kam aus dem Staunen gar nicht heraus – auch einen Dirigenten aus einer hochmusikalischen Familie fanden, der in kurzer Zeit seinen kleinen Chor zu einer Leistungshöhe brachte, die Anerkennung verdiente, aber, wie man sich wohl denken kann, nicht so schnell bekam.
Die alten Gesangvereine waren, um die Jahrhundertwende war das so üblich, gesellschaftlich streng voneinander geschieden.
Das Feinste vom Feinen war die „Liedertafel“, die von bösen Mäulern in übler Verkennung idealer Ziele auch die „Liter-Tafel“ genannt wurde. Dies war der Verein der gesangs- und auch anders durstigen Männerkehlen der allerhöchsten, höheren, hohen und mittleren Stände und Beamten – vom Stadtratsvorsteher bis zum Volksschullehrer. Dieser Verein trat in Folge seiner Urbanität nur wenig mit der gewöhnlichen Außenwelt in Berührung. Es war unter der Würde der Honoratioren, ihre stimmlich-geistigen Kräfte mit denen der anderen Vereine zu messen – sehr zum Glück des gesanglichen Ansehens der Liter- Verzeihung! – Liedertafel.
Die beiden anderen Vereine waren die der Handwerker und solcher Männer, die um des Gesanges willen einem Gesangverein beitraten. Beide entstanden um 1870 und hießen „Männer-Gesang-Verein 1870“, der andere nannte sich „Männer-Gesang-Verein Erholung“. Schon bald vereinigten sich beide und konnten mit recht beachtlichen Leistungen unter ausgezeichneten Dirigenten auf Sängerwettstreiten eine sehr gefürchtete Konkurrenz selbst für anerkannte Größen abgeben.
Dass neben der Pflege des Gesanges, die immer im Mittelpunkt aller Vereinsarbeit stand, auch eine behagliche Geselligkeit der Älteren und eine harmlose Fröhlichkeit der jüngeren Mitglieder zu ihrem Rechte kam, braucht nicht zu wundern.
Noch in der Zeit vor dem Zusammenschluss hatte sich eine kleine Gruppe der besten Stimmen aus beiden Vereinen oft, anfangs zufällig, später gewollt, zusammengefunden. Dieses, ein gutes Dutzend junger, froher, frischer, unbeweibter Sänger brachte es rasch im Städtchen zu einer Berühmtheit, die zwar nicht beabsichtigt war, nun aber gern in Kauf genommen wurde. Man traf sich bald hier, bald dort, und alles war vertreten: Junge Handwerksmeister: Schneider, Schornsteinfeger, Etuimacher, Bäcker gehörten neben Buchdruckern, Notenstechern, Schriftsetzern, Kupferstecher dem Zirkel an. Es wurde nicht gefragt: Was oder wer bist du? Nur danach ging es: Passt du in den gemütlichen, frohen Kreis und – kannst du   s i n g e n ?
Und singen konnten diese Männer! Als 1912 ein Opernmitglied des Coburger Theaters die jungen Leute in einem Volksstück singen hörte, erbot er sich, zwei oder drei wegen ihrer wirklich außerordentlichen Stimmen ausbilden zu lassen. Einer von diesen war mein ältester Bruder, ein anderer ein Schneidermeister (Armin Fröbel in der Oberen Marktstraße 4), der wohl einer der wenigen ist, die heute noch leben.
Bald war es soweit, dass eine Zusammengehörigkeit erwuchs, wie sie durch kein Vereinsstatut und kein Parteiprogramm jemals erreicht werden wird. Man wollte fröhlich sein, und man wollte singen. Gelegenheit dazu fand sich immer. Zu dem Dutzend junger Männer gehörte natürlich die entsprechende Anzahl junger Mädchen. Es war nicht weiter verwunderlich, dass jeder Geburtstag mit einem Ständchen in den Abendstunden bedacht wurde. Auch die Sänger untereinander beehrten sich damit. Die feuchten Nachwirkungen zogen sich oft bis in die Stunden hin, von denen man nicht mehr sagen konnte, ob es „sehr spät“ oder bereits „recht früh“ war.
Als man sich nach weiteren für ein Ständchen geeigneten Objekten umsah, gab es derer reichlich: Bürgermeister, Ratsherren, auch bei Wahlen „durchgefallene“ Kandidaten sie wurden geehrt in ernster oder in launiger Weise, je nachdem.
Aber wie bei vielen Gelegenheiten im Leben findet manches unterschiedliche Beurteilung. Es gibt Menschen, die an den Rosen nur die Stacheln fühlen.
Dies alles geschah in den Jahren, da das Städtchen ein merkwürdig wüstes Aussehen hatte. Fast alle Straßen waren aufgerissen, da gerade die Leitungsrohre der Gasversorgung gelegt wurden. An jedem Straßenrand lagen sie in aufgeschichteten Haufen neben langen Dämmen von Lehm und Steinen.
In dieser Zeit stand eines Tages in der „Dorfzeitung“ ein offener Brief. Das war an sich nichts Auffallendes, denn oft brachte das Blatt, mit dem Decknamen „Frau Rauschen“ gezeichnet, Briefe, in denen alle wichtigen, oft auch unwichtigen Stadtereignisse in scherzhafter Weise besprochen und glossiert wurden. Der oder die (es waren mehrere) Verfasser dieser überaus beliebten Rauschen-Briefe waren für die meisten Leser unbekannt. Einige aus der Sängergruppe, die in der „Dorfzeitung“ beschäftigt waren, kannten zumindest einen der Schreiber, und in diesem Falle wussten sie genau Bescheid, wer in dem Brief der nächtlichen Minnesänger gedacht hatte. Da stand zu lesen, dass „in letzter Zeit die Nachtruhe gestört werde durch Singerei junger Leute, die sich mitunter anhöre, als wenn Männer, die dem guten Aktien- oder Gehrings- oder Vetters- oder Heßberger Bier zu arg zugesprochen haben, die die ‚Gasröhren’ hineinsingen.“
Diese Beurteilung ihrer Abendständchen hatten die Sänger freilich nicht erwartet. Sie wussten jedoch, dass „Frau Rauschen“ manches mit Hohn und beißendem Witz begoss, was eine bessere Behandlung verdient hätte und nahmen das nicht tragisch. Etwas erwuchs aber daraus, was „Frau Rauschen“ gewiss nicht beabsichtigt und nicht erwartet hatte. Die Sänger lachten herzhaft  über den Brief, über den eigentlich recht wenig schmeichelhaften Vergleich und zogen die Folgerung daraus derart, dass sie sich von nun an selber „Die Gasröhren-Sänger“ nannten, ein Name, der sehr bald weit über die Stadt hinaus bekannt und - - - beliebt wurde. Übrigens hatte der Verfasser dieses Rauschen-Briefes seinen Spott nicht so ernst gemeint. Er war jedenfalls recht erfreut, als er eines schönen Sommer-Sonnabend-Abends vor seiner Haustüre die „Gasröhren-Sänger“ vollzählig versammelt sah, die ihm ein Ständchen brachten, mit dem sie sich auf jedem Sängerwettstreit hätten sehen und hören lassen können.
Und als der Briefschreiber schließlich mit einigen vertrauenerweckend aussehenden Flaschen und einem Körbchen Schnapsgläsern in der Sängerrunde erschien, einschenkte und die erste, aber bei weitem nicht einzige Runde mit den „Gasröhren“ trank, sangen diese ihrem Namenspaten den in bis in heutige Tage unvergessen gebliebenen Spendertusch, der laut und hallend durch die lauschendstille Obere Marktstraße klang. Aus allen Fenstern schauten die Anwohner der Straße, jedes Lied mit Händeklatschen belohnend.

Und so klang der Tusch: 

 

            Zum Anfang:     „er ist ein wackerer Kumpan,
                                    wir stoßen freudig mit ihm an!“

 

            und nochmals: „Er ist ein wackerer Kumpan,
                                    wir stoßen freudig mit ihm an!“

            und ein drittes Mal:
                                    „Er ist ein wackerer Kumpan,
                                    man sieht’s dem Sch…kerl gar nicht an!“ 

Der Applaus, der darauf folgte, war so, dass in der ganzen Marktstraße die Fensterscheiben zitterten! 

Aus einer ganz lose gefügten Geselligkeit von ein paar Sängern war durch das Witzwort der Frau Rauschen ein kleiner Verein innerhalb des Vereins entstanden, nicht in dem Sinne von Stänkerern. – Nein! Kein Sänger war treuer und auf das Ansehen des großen Vereins bedachter als die „Gasröhren“, wie sie bald allgemein hießen. Sie schlossen sich fester und enger zusammen und blieben es. Keine Politik, keine verschiedene Meinung, keine religiösen oder wirtschaftlichen Streitfragen haben jemals das feste Gefüge dieses kleinen Clubs erschüttert, auch dann nicht, als sich mehrere verheiratet hatten. So fest und dauerhaft, wie noch heute, nach mehr als einem halben Jahrhundert die Gasrohre in den Straße liegen und ihren Zweck erfüllen, so fest und unzerbrochen blieb die Gemeinschaft der Sänger. Zu ihnen gehörten Gustav Berghof, Armin Fröbel, Armin Eller, Rudolf Müller.
Es wird wohl noch viele Hildburghäuser geben, die sich gern an das aufgeführte Volksstück „Rosen vom Rennsteig“ erinnern. Es ist das ein Singspiel, von einem Musikmeister Kühn vertont. Ob er auch den Text geschrieben hat, weiß ich nicht.
Nach einer wahren Begebenheit erzählt, rollt das abenteuerliche Schicksal eines jungen Wäldlerburschen aus der Gegend am Dreiherrenstein ab; der Bursche war durch das Ineinandergreifen mehrerer widriger, unglücklicher Umstände und Zufälle in den Verdacht des Wildern gekommen und sollte den Förster erschossen haben. Er musste fliehen, schlug sich nach Amerika durch und kehrte nach Jahren, als sich seine Unschuld erwiesen hatte und die wahren Täter ergriffen waren, als reicher Mann aus der Fremde zurück. – Im Jahre 1912 wurde das sehr nett geschriebene und gut vertonte Theaterstück zum ersten Male mit großem Erfolg aufgeführt und musste oft wiederholt werden. Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte es eine Wiedergeburt mit gleich großem Erfolg. 

Es vergingen ein paar Jahrzehnte. Mit den Jahren aber riss der unerbittliche Tod Lücke auf Lücke in den kleinen Kreis. Schon der Weltkrieg hatte Opfer gefordert. Die Überlebenden blieben zusammen und nahmen einige Wenige in ihren Kreis neu auf. Mit zunehmendem Alter aber lichteten sich die Reihen. Die alten „Gasröhren“ sahen wehmutsvoll ihre Zahl schwinden. Sie wollten nicht, dass Ersatz herbeikam. Sie, die sich einstmals zusammengefunden hatten in Freud’, sie blieben einsam im Leid.
Wie viele heute noch leben? Die Finger einer Hand werden wohl ausreichen, sie aufzuzählen. Diese Letzten, die leben der Erinnerung. Es ist kein Erbe da, die alte Tradition fortzuführen. Das soll auch keiner tun.
Der Club der „Gasröhren-Sänger“ war ein Idyll. Es geht nicht an, das zu wiederholen. Man kann einen Baum, den Alter, Sturm und Blitzstrahl zermürbt, zerrissen und zerspellt haben, nicht wieder verjüngen.
Zudem haben sich die Zeiten geändert. Es ist kein Platz und keine Muße mehr, um ein Idyll zu leben. Mag das liebe alte Städtchen auch noch weiter in seinem Dornröschenschlaf verblieben sein, mag es äußerlich etwas Behäbiges über die Zeiten gerettet haben, vieles, vieles, was schön und liebenswert war, ist vergangen, verloren, auf immer dahin …
Der eisenharte Tritt einer erbarmungslosen Zeit geht darüber kalt hinweg, nicht darauf achtend, wie viele kostbare, unwiederbringliche Gemütswerte er zerstampft.
Auch im Dornröschenschlag ist für ein Idyll kein Platz mehr. So müssen und werden die „Gasröhren-Sänger“ aufhören zu bestehen. Aber erst dann werden sie dahin sein, wenn der letzte vom Dutzend seinen letzten Atemzug getan hat. 
 

Der „Lorz“ 

Ganz am Ostrand des Städtchens biegt von der Eisfelder Straße eine schmale, holprige Nebenstraße ab, der Walkmühlenweg. Auf der einen Seite beschatten den Weg uralte Bäume eines großen, parkartigen Gartens, an der anderen sieht man gepflegte Blumengärten, die zu den später erbauten Häusern an der Hauptstraße gehören. Nach wenigen hundert Schritten hören Park und Garten auf, und der Holperweg senkt sich zur Werra hin, um bei der Bohlenbrücke hinter der alten Walkmühle zu enden und in einen Wiesenweg überzugehen. Kurz ehe man aber die alte Mühle erreicht, steht ein winziges Häuschen. Es ist so niedrig, dass ein normaler Mensch die Dachtraufe bequem mit ausgestrecktem Arm erreichen und das Moos von den Dachziegeln nehmen kann.
Ein großer Stapel Brennholz, ein noch höherer Hügel Waldstreu aus Heidewurzeln und Heidelbeergestrüpp und ein duftiger Stallmisthaufen umrahmen das kleine Gebäude. Auf der Wiese daneben weiden ein paar saubere weiße hornlose Ziegen. Aus dem winzigen Stall hört man Schweinequieken und das tiefe Brummen einer Kuh.
Das kleine Idyll ist ohne Zweifel ein kleines Bauerngehöft, wie es einige in der einstigen Residenzstadt gibt. Ein Bauer mit drei Kühen neben fünf Ziegen und einige „Haseküh“ – das sind Stallkaninchen – dünkt sich wie ein kleiner König. Wer das kleine Tal durchwandert und fragt, wer der Besitzer des Zwergenhofs sei, erhält von Einheimischen die Antwort: „Das da? Das is dem Lorz sein’s!“ Und als der Lorz gestorben war, hieß es „bei der Lorze-Gustel“. 

Mutterseelenallein bewohnte diese lange, hagere, schon recht bejahrte Gustel das Häuschen und ernährte sich recht und schlecht von dem, was „Haseküh“, Ziegen und die Kuh ihr gaben und dem mehr als kargen Ernteertrag ihrer winzigen hungrigen Äcker und Felder. Mutterseelenallein, wie sie wohnte, so pflügte, eggte, säte und erntete sie Getreide, Rüben und Raps. Wie eine Einsiedlerin hauste sie, und nur die Nachbarn wussten, dass hier eine alte Jungfer der Bauer war. Stets sahen Haus und Hof sauber und ordentlich aus.
Als einmal ein Dieb versuchte, aus dem Rauchfang der Hütte frische Speckseiten und aus der Truhe der Lorzegustel alte Taler zu holen, musste er mit arg verschwollenen Backen und Kopfbeulen abziehen und das Weite suchen. Gustel hatte einen Hund. Das war ihr einziger männlicher Schutz und nur ein kleines, struppiges Tier zwischen Fox und Dackel, aber scharf und wachsam. Der hatte den Spitzbuben gestellt. Das andere besorgte Gustel mit dem „Mangelholz“.
Der Lorz und die Lorzegustel waren stadtbekannt. Hätte man aber einen Städter nach dem rechten Namen gefragt, er hätte ihn wohl kaum sagen können. Höchstens ein uniformierter Stadtpolizist hätte Auskunft geben können. Die hatten öfters mit dem alten Lorz zu tun. Nicht etwa, dass er ein Verbrecher war – nein! Er war der ehrlichste, geradeste und ordentlichste Mensch, den man sich denken kann, aber ein Schelm, ein Schalk, ein Till Eulenspiegel. Seine Scherze machten vor keiner Obrigkeit halt. Nur – die hohe Obrigkeit hatte nicht immer das rechte Verständnis für Lorzens putzige Einfälle.
Dieser Lorz war einer der „absonderlichsten“ Menschen in dem alten Städtchen. Er selbst musste wohl auch immer überlegen, wie er wirklich hieß: Lorenz Wagner, wenn er bei der Steuererklärung oder sonst wie „amtlich“ befragt wurde. Er selbst nannte sich nur „Der Lorz“ und eine stehende Redensart von ihm, wenn er behelligt oder gedrängelt wurde, war: „Ärscht wartste, spricht der Lorz!“ Der Satz wurde zum geflügelten Wort im Städtchen: Beim Haarschneider, im Wirtshaus, am Bahnhof, beim Tanz, beim Schafkopfspiel. 

Dass sich im Jahre 1900 beim Boxeraufstand im fernen China zwei Landsleute, sogar Stadtkinder und Schulkameraden fanden, verdankten sie dem alten Kleinbauern vom Walkmühlenweg. Bernhard Sendelbach hat eine bemerkenswerte Erzählung dazu verfasst.
Zu meiner Jugendzeit waren diese beiden Nachbarn. Der eine bewohnte im Haus meiner Eltern das erste Stockwerk. Es gehört zu seinen lebhaftesten Jugenderinnerungen, wie Hermann Fischer seine Sofaecke mit allerlei Andenken aus China ausgestattet hatte: Mit einem leichten Gruseln besah ich mir immer einen Kasten an der Wand, der in der Art der Schmetterlings- und Käfersammelkästen gehalten war. Darin prangten aber auf dem weißen Hintergrund nicht schön gespannte Insekten, sondern – ein Zopf, ein etwa meterlanger, echter, fest geflochtener pechschwarzer Haarzopf eines Chinesen. Beiderseits des Kastens waren krumme, breite Säbelklingen, Boxersäbel und einige lange, und wie mir, dem neugierigen Kind immer versichert wurde, haarscharf geschliffene Dolche aufgehängt. Auf dem Sofaumbau war ein kleines Museum wunderbar geformter und gemalter Vasen und eine Wasserpfeife aufgebaut. Einen winzig kleinen Pfeifenkopf mit einem langen, strohhalmdünnen Mundstück hat man mir als Opiumpfeife erklärt. Ein lackiertes Schränkchen barg eine große Anzahl sehr hübscher Porzellansachen, so u. a. auch feine, wunderbar bemalte Tassen, die hauchdünn waren und sich anfühlten, als seien sie aus Pergamentpapier gefertigt. Zwanzig Jahre später, als ich meiner zukünftigen Frau als Geburtstagsgeschenk ein echt chinesisches Teeservice für zwei Personen kaufen wollte, das mir in einem Schaufenster aufgefallen war und sehr gut gefiel, habe ich erst begriffen, was auf Fischers Hermanns Sofa für Werte standen. Als ich – seelisch etwas zerknittert – aus dem Leipziger Geschäftshaus trat, gedachte ich dieser Schätze im Lackschrank. Ich habe das Teeservice nicht gekauft …
In einer Porzellanschale lag ein Seidenschal, in den sich eine Frau, sie brauchte nicht einmal übermäßig schlank zu sein, gut hineinwickeln konnte. Diesen Schal zusammenzuknüllen und als kaum apfelgroßes Knäuel in einer Hand zu halten, war damals nicht nur mir ein schier unfassbares Wunder. Der Vollständigkeit halber sei noch ein fast zwei Quadratmeter großer, holzgerahmter Wandschirm aus dicker, schwarzer Seide erwähnt, auf dem in kunstvollsten Stickereien furchtbar anmutende chinesische Drachen zu sehen waren.
Der Besitzer dieser fremdartigen Reichtümer war, wie gesagt, Hermann Fischer und zu dieser Zeit einer der Stadtpolizisten, mit denen der alte Lorz hin und wieder zu tun hatte.
Schräg über der Straße wohnte der andere Chinakämpfer, Karl Bechmann, der bei seinem Vater, dem alten Schreinermeister Heinrich, als Gehilfe arbeitete.
Hermann diente, als der Boxeraufstand ausbrach, in irgendeinem thüringischen Infanterie-Regiment, Karl aber war Matrose. Beide gehörten dann dem Expeditionskorps an, das unter Graf Waldersee nach dem Fernen Osten dampfte, um die Interessen des Deutschen Reiches wahrzunehmen. Sie waren dabei, als der Oberbefehlshaber der britischen Truppen in seiner bedrängten Lage den denkwürdigen Befehl gab: „Germans ti the front!“
Es war kurze Zeit nach der Niederwerfung des Aufstandes als das deutsche Korps Biwak bezog und an Lagerfeuern die Ruhe genoss, die schwer verdient war. Noch hatten viele der Soldaten das grausige Erleben nicht überwunden und versuchten, in Gedanken damit fertig zu werden. Es wurde geplaudert, auch geschrieben, wenige vermochten zu schlafen. Aber es gab auch welche, die schneller über alles Erlebte hinwegkamen, sie konnten sogar Karten spielen.
Karl Bechmann aber war einer, der träumte. Er schickte seine Gedanken in die ferne, ach so ferne Heimat. Während er auf dem staubigen dürren Boden lag, den Kopf auf dem Tornister und die Hände im Nacken verschränkt, wanderte er im Geiste über Länder und Meere bis in jenes stille Städtchen im Tal, wo betagte Eltern seiner warteten. – Aber, wie sprang er auf, als in seinen Träumen hinein der unverfälschte Dialekt der Heimat an sein Ohr drang! Viele Monate war es her, dass er, die Landratte unter lauter Leuten von der „Waterkant“, heimatliche Leute gehört hatte! Nur ein kurzes Sätzchen hatte ihn aufhorchen lassen, dann hörte er nur noch lautes Lachen und Klatschen von Spielkarten dort drüben an den Feuern der Infanterie. Aufgesprungen war der Karl und suchte – suchte! Wer hatte das gerufen: „Ärscht wartste, spricht der Lorz!“? Wo saß der, wer war das? Es musste einer aus der Heimat sein, denn wer sonst sollte dieses geflügelte Wort des Lorz noch kennen? Er ging durch die Reihen der flackernden Feuer. Hier muss es gewesen sein, in dieser Gruppe wurde Schafkopf gespielt. Es war aber schwer, im unruhigen Feuerschein in den sonnenverbrannten Gesichtern den Heimatgenossen zu erkennen. Der da mit dem blonden Schnurrbart? Konnte es sein, dass er, wer weiß wie viele tausend Kilometer von der Heimat weg einen Landsmann, Schulkameraden und alten Freund traf?
„Hermann!“ rief er ihn an. Und wirklich: Aufsehen, einen Augenblick stutzen, die Karten fallen lassen, aufspringen, „Karl!“ schreien und ihm um den Hals fallen – das alles war in einer Sekunde  geschehen.
So hatte der alte Lorz zwei Freunde zusammengeführt, weit, im fernen China.
Als Monate später das Expeditionskorps in die Heimat zurückgekehrt war und die Teilnehmer wieder nach Hause kamen, haben die beiden Chinakrieger dem alten Lorz manchen „seefesten Affen“ im „Tivoli“ besorgt, aus Freude und Dankbarkeit, dass er sie damals zusammenbrachte. Der Alte hatte nichts dagegen, wenn ihm die beiden Kameraden blau nach Hause schickten. So schlimm wurde es übrigens nie, dass er, wenn er auf dem unebenen Weg nach seiner Hütte ins Stolpern kam, sich nicht wieder ins Gleichgewicht bringen konnte. Keinmal versäumte er dabei zu sagen: „Ärscht wartste, spricht der Lorz!“ 

Es war für das kleine Städtchen mit seinen damals kaum sechstausend Einwohnern erstaunlich, wie viele Stadtpolizisten es gab. Das mochte seinen Grund vielleicht darin haben, dass ein Viertel oder mehr der Einwohner Fremde waren, gegen die die überaus ängstlich veranlagten Stadtväter stets Misstrauen hegten´, weil Fremde doch fremde Sitten mitbringen konnten. Und vor dieser Gefahr hatten die stockkonservativen Ratsherren eine Heidenangst!
Es gab zunächst das Bataillon Infanterie, das dort stationiert war. Dazu kam eine große Anzahl Schüler der höheren Schulen des ehemaligen Residenzstädtchens. Am zahlreichsten waren die Studenten der Technischen Lehranstalten für Hoch- und Tiefbau und des Maschinenbau-Technikums. Nicht selten waren unter diesen Franzosen, Belgier und Holländer. Ich entsinne mich auch etlicher Japaner und Chinesen, und kurz vor dem Ersten Weltkrieg gehörten ständig auch Afrikaner aus den ehemaligen deutschen Kolonien zu den Schülern.
Diese Techniker waren eine gute Einnahmequelle für das Städtchen, durch ihre studentische Ungebundenheit aber auch oft die Urheber nächtlicher Ruhestörungen. Damit verschafften sie den vielen Stadtpolizisten erhebliche Arbeit. Unter diesen Hütern der Ruhe und Ordnung gab es mehrere, die noch heute in der Erinnerung als echte „Originale“ und andere, die als besonders „Streng und Amtlich“ weiterleben.
Der Lorz und die Techniker – das war ein ergötzliches Kapitel für sich.
Eine der studentischen Verbindungen tagte im „Tivoli“, sehr  nahe beim Gehöft des alten Lorz. Er machte für „seine“ Techniker alles: fuhr ihnen die Koffer beim Ferienbeginn an den am anderen Stadtende weit entfernten Bahnhof, holte sie mit seiner einspännigen Kuhfuhre auch wieder ab, wobei er seinen Leiterwagen immer festlich schmückte, er besorgte die Bierfässer, Tische und Stühle hinaus, wenn ein Kommers im Freien steigen sollte und war immer gut Freund mit den jungen Leuten.
Nur mit den Stadtpolizisten war er durchaus nicht einverstanden. „Stadtratstagelöhner“ nannte er sie ganz respektlos, und es war ihm gleichgültig, ob es einer hörte oder nicht. Manche von den gestrengen Herren ohne Sinn für den freilich recht derben und zweifelhaften Humor trugen Groll im Herzen. Einer vor allen, es war sogar ein Namensvetter und einer der „Strengen“ zahlte es ihm einmal  heim. Oder, es ist besser, zu sagen, wollte es ihm heimzahlen. Das geschah so:
In der Stadtverordnung von „Anno Tobak“ findet sich ein Satz: „Fahrzeuge sind nach Sonnenuntergang zu beleuchten!“ Nun weiß ja jedes Kind, dass man eine geraume Zeit nach Sonnenuntergang noch ganz gut ohne Beleuchtung fahren kann, ohne Unheil anzurichten. Die Bestimmung bestand aber.
Eines Früh-Herbsttages hatte der Lorz wieder einmal alles Nötige für einen Kommers nach dem „Wendelsbrunnen“ gefahren und zockelte heimwärts. Als er die unendlich lange Wiedersbacher Straße hinunterfuhr, zog er das Schleifzeug an, und knarrend und krächzend holperte der Wagen stadtwärts. Der Lorz dampfte seine Pfeife und sah über das weite Tal hinweg nach den beiden Gleichbergen, hinter denen gerade die Sonne mit allem Glanz und aller Schönheit eines Herbstabends unterging. Noch ein Viertelstündchen, und der Lorz war daheim.
Unterwegs erwartete ihn das unerbittliche Schicksal in höchsteigener Person seines uniformierten Namensvetters in blinkender Pickelhaube und langem Säbel am Stadteingang bei der Alten Schäferei, genau dort, wo der Lorz abbiegen wollte und musste, um sein Gehöft zu erreichen. Die Hand des „Amtlichen Stadtratstagelöhners“ in weißen Zwirnhandschuhen gebot dem Lorz ein „Halt!“
„Was is’n lus? Hä?“ befragte sich der Lorz.
„Sie haben keine Beleuchtung an Ihrem Wagen. Das verstößt gegen die Polizeivorschrift. Ich werde Sie zur Anzeige bringen!“
„Ärscht wartste, spricht der Lorz!“, kam die prompte Antwort. „Es is doch noch helllichter Tog, wos sull denn jetzer schu ä Latärn? Hä? Ich soll mich woll auslasslach? Ihr habt wohl weiter nix zu tunn, als wie euch Gedanken ze mach, wie Ihr die Leut könnt gekujennier? Nuja, was will mer a vun änn Stadtratstaglöhner weiter verlang. Hü, Scheck, mach aß de hämmkümmst!“
Und die müde Kuh schaukelte an dem verdutzten Stadtobrigkeitsbehüter vorbei, bog links ab und fuhr heim. Jener aber waltete seines Amtes, erstattete Anzeige, und zwei Tage später bekam „Herr Lorenz Wagner, Bauer, Walkmühlenweg“ ein Strafmandat über Drei Mark, zahlbar bis zu dem und dem Tag mittags zwölf Uhr. „Ärscht wartste, spricht der Lorz!“ Mit diesem, seinem eigenen und einem anderen, aber klassischen, weitverbreiteten Zitat steckte der Lorz den Strafzettel hinter den Spiegel … 

Im altehrwürdigen Rathaus, einem Schmuckkästchen spätmittelalterlicher Städtebaukunst an einem wunderbar schön angelegtem Marktplatz thronte nächst den höchsten Herren der Verwaltung auch der Herr Stadtkämmerer und Obersekretarius Peter, ein kleiner, dicker, rotgesichtiger Mann mit würdigem Schritt, den jedes Kind der Stadt kannte, wie er seinen erheblichen Schmerbauch vom Rathause über den Markt hinweg zum „Englischen Hof“ schleifte und – nach ausgiebigem Schoppen dann heimwärts.
Dieser Herr Stadtkämmerer war, schon des Schoppens und des Mittagessens wegen, ein Muster der Pünktlichkeit und außerdem Gartennachbar des Lorz. Und der kannte den – wie er ihn mit galligem Hohn nannte – „Stadtschreiber Peter“ genau. Auch in seinen Schwächen. Er wusste, dass sein Nachbar, wenn er über seiner Stadtkämmerei die Rathausglocke die Mittagsglocke anschlug, auch schon an der Tür stand, Hut und Stock nahm und, ehe der letzte Glockenschlag noch verhallt war, den Marktplatz in Richtung „Englischer Hof“ überquerte.
Der Lorz war aber auch bekannt, dass sein hochmögender Nachbar, wenn er einen Ärger loswerden wollte, als „Blitzableiter“ meist die Stadtpolizisten benutzte. Er konnte also getrost annehmen, dass auch sein Namensvetter in Uniform, etwas abbekommen würde, wenn ihm, dem Lorz, sein Plänchen gelungen war.
Ruhig ließ er den Tag herankommen, der auf dem Strafzettel als letzter Termin bezeichnet war. Das war dann ein schöner, warmer und sonniger Herbsttag, einer der Tage, die einem im Kalender ganz irr machen können. Da putzte der Lorz seine Kuh, band ihr hübsche Blumensträußchen aus Astern, Georginen und anderen Herbstblumen an die Hörner, worüber die alte „Scheck“ mehr als verwundert den dicken Kopf schüttelte. Das Geschirr war blank und glänzte wie Lack, der Wagen gewaschen und geschmiert, mit Bäumchen, Zweigen und Blumen geschmückt wie eine Hochzeitskutsche. Dann hängte Lorz an jede Wagenecke eine Laterne mit dicken Talglichtern, eine bekam die Scheck zwischen die Hörner gebunden, und ganz hinten an den Wagen hängte er zwischen die Räder noch eine. Mit ernsthafter Miene brannte der Alte dann alle Lichter an.
So kurz nach 11 Uhr fuhr er, feierlich im Gehrockanzug, den Walkmühlenweg vor und bog in die Eisfelder Straße ein. Jeder sah dem alten Unikum lächelnd nach, der seiner Pfeife Wolken entlockte, als wenn das Heldburger Schmalspurbähnle bergaufwärts muckert. Jetzt rumpelte der Wagen über das weithin berüchtigte Kopfsteinpflaster des Marienplatzes. Mit lauten Peitschenknall trieb Lorz sein Zugtier die letzte Steigung hinan und fuhr durch die Obere Marktstraße dem Rathaus zu. Nicht rechts – nicht links sah er. Hinter ihm zog lang und weiß wie der gepflegte Schweif eines Zirkusschimmels der Rauch seiner Pfeife.
Am Rathaus guckte der Lorz nach der Uhr. Es passte ihm genau, dass es zwanzig Minuten vor zwölf war. So lenkte er hinüber zu dem „Braunen Roß“, dem Nachbarlokal, das zwischen dem „Englischen Hof“ und dem weniger vornehmen Bierlokal „Fränkische Leuchte“, das aber nur „Die Funzel“ genannt wurde, räumlich und auch in anderer Hinsicht die Mitte hielt. So lange knallte er da mit der Peitsche, bis die dicke Kellnerin endlich kam und nach seinem Begehr fragte. Lorz bestellte sich bei ihr eine Maß Bier. Vor seiner Scheck stehend, trank er aus, wischte sich den grauen Schnauzbart, zahlte und fuhr einen schönen Bogen um den ganzen Marktplatz, blickte nach der Uhr, nickte, bog bei der „Sonne“ ein und hielt fünf Minuten vor zwölf Uhr am Rathaus, direkt unter den weitbogigen Fenstern der Wachtstube, in der die Hüter der städtischen Ordnung die Augen des Gesetzes offenhielten. Hier klopfte er nun erst einmal seinen Pfeifenkopf leer und stopfte ihn neu. Offenbar verwendete er dabei eine „Spezial-Mischung“, denn statt seines ledernen Tabakbeutels brachte er aus der Hosentasche eine blaue Tüte, aus der er Tabak entnahm. Diesen aber hatte Lorz erst kürzlich beim alten Huldreich, der wie Andreas Hofer aussah, gekauft, und der war nicht wenig verwundert, dass Lorz statt seines üblichen „Wilhelm Stein Nr. 3“ die übel berüchtigste Marke nahm. Und die war dem Lorz noch nicht gut genug. Ein paar trockene Eichen- und Buchenblätter mischte er daheim noch darunter, um damit eine besonders kräftige Wirkung zu erzielen.
Er brannte an, zog, hustete, räusperte und spuckte, zog dann heftiger, bis übelriechender Dampf in dicken Wolken ihn umgab. Sorgsam strängte er dann ab, zog das Schleifzeug fest an, überprüfte mit auffallender Sorgfalt, dass alle Laternen brannten und stieg mit schwerem Bauernschritt die Wendeltreppe mit den ausgetretenen Steinstufen hinan zur Stadtkämmerei.
Noch fehlten zwei Minuten bis zwölf Uhr, als der Lorz eintrat. Der Herr Peter saß schon mit gespitzten Ohren, auf den ersten Glockenschlag der Zwölf wartend. Dass jemand zwei Minuten vor dieser Zeit noch kam, war ihm neu, war nie dagewesen, war einfach unerhört! Es dauerte eine Weile, bis sich der Dicke soweit gefasst hatte, dass er überhaupt sprechen konnte: „Was will der Herr Wagner?“, fragte er in schon sehr amtlichem, gar nicht nachbarlichem Ton. Einen gereizten Ärger konnte man unschwer daraus hören.
„Mei Straf will ich zahl! Da!“ Und damit stellte Lorz eine enorme Geldkatze auf den Tisch. „Da is ös Gald, da is mei Strafzettel, un ich will mei Quittung!“ Aus dem Geldsack schüttete er zugleich seine drei Mark auf die Tischplatte: dreihundert einzelne Kupferpfennige, die er von Langguths Eduard, Köhlers Huldreich und beim „Sprützenfischer“ in den letzten Tagen unter allerlei Ausreden eingewechselt hatte. „So, da is mei Gald!“, sagte er nochmals.
Da aber stemmte sich der Stadtkämmerer ächzend auf und sagte: „Da muss der Herr Wagner schon noch einmal kommen! Jetzt ist Mittag!“ Und wirklich, in diesem Augenblick schlug mit weithallendem Klang die Rathausglocke die Mittagsstunde an. Überall hörte man darauf. Lautes Türenschlagen, Trappen von eiligen Füßen, „Mahlzeit!“-Rufen. Und hier stand seelenruhig lang und hager der alte Lorz und vor ihm rot und keuchend der dicke Peter.
„Wos?“, erstaunte sich der Lorz, „noch e mol? Nä! Da uf mein Zettel stett’s drauf, dös muss bis heut um zwölfe bezahlt sei. Dös Gald lag da, eh’s zwölfe geschlag’n hat. Also, jetzt wärd gezählt un quittiert!“ Mit aller ihm zu Gebote stehenden Seelenruhe und den langsamsten Bewegungen häufte der Lorz sorgfältig hübsch nebeneinander aus je zehn Pfennigstücken seine Geldhäufchen auf und dampfte dabei wie ein Bienenzüchter, der einen Schwarm einzufangen hat. „Ich habe jetzt keine Zeit mehr!“, donnerte Peter, der seinen Englischen-Hof-Schoppen zu Wasser werden sah.
„’Ärscht wartste, spricht der Lorz!’ Jetzt wärd dös Gald gezählt un dann quittiert!“, war noch einmal die Antwort des Alten.
Wohl oder übel musste sich Herr Peter bequemen und nachzählen. Zwei Köpfe beugten sich in dem etwas düsteren Nordzimmer über den Tisch, rot, schnaufend und ächzend der Stadt so durstiger Kämmerer und der grauköpfige schelmisch schmunzelnde Lorz. Und dieser setzte den Dicken so unter Dampf, dass der die Puste beinahe verlor und sich das Rauchen strengstens verbat.
„Wo stett’n dös geschrie’m, aß mer net papp dörf, hä? Ich ho nix dervo g’sänn! Däs wär’ ja noch schönner!“ Und er dampfte weiter. Häufchen um Häufchen musste Peter nachzählen, denn der Lorz, der alte Schalk, schüttelte ein über das andere Mal den grauen Kopf und brummte: „Es hat doch g’schtimmt derhämm! Ich muss mich doch da verzählt ha, ich ha noch drei Pfäng über!“
„Wie kommen Sie denn dazu, die Strafe in lauter Pfennigen zu bezahlen? Wollen Sie hier einen Spaß machen?“
„Iiiich? Spoß?“, echote der Lorz, „mir is net nach Spaß zumut, wemmer Straf muss zahl, bloß weil mer fümf Minuten nach der Sonn noch kä Latern a’gebrännt hat! Und bloß Pfäng? Ha, aus meiner klänne Wärtschaft ka ich immer bloß Pfäng derspor. Die Taler sin bei mir rar, dös müssten Sie doch wiss, Härr Stadtschreiber!“ Wirklich – der Lorz sagte laut und betont „Stadtschreiber“! Er wusste schon warum!
Endlich hatte Peter die drei Häufchen gefunden, in denen je ein Pfennig fehlte, strich hastig das Geld ein und quittierte mit einer ihm durchaus ungewohnten Eile den Strafzettel, den Lorz recht, recht umständlich einsteckte. Zum Abschied hinterließ er noch ein paar der dicksten Rauchwolken und stieg schmunzelnd die Treppen wieder hinab. Bei seiner Scheck blieb er stehen und klopfte erst einmal den Pfeifenkopf aus. Es war ihm dort oben beinahe selber zuviel geworden von dem Eichen- und Buchenlaubduft.
Das geputzte Fuhrwerk des alten Lorz hatte, da die Schule gerade aus war, eine Menge Schulkinder herbeigelockt, die staunend und lachend das Gefährt umstanden. Sie begrüßten auf ihre lärmende Art den Lorz, was etliche Schutzleute veranlasste, missbilligende Blicke auf den Marktplatz zu werfen. Den Lorz störte das alles nicht. Aus der Tasche seines Gehrockes, in der er seine Pfeife barg, brachte er eine Zigarrentüte und brannte sich nach dem zweifelhaften und verzweifelten Genuss seiner Mischtabake eine lange, dicke Zigarre an, gerade in dem Augenblick, da der Herr Stadtkämmerer und Ober-Sekretarius Peter schwankenden Bauches die Tür des Rathauses verließ. Die Schulkinder grüßten auch ihn stürmisch und lachend. Lorz aber strängte an, lockerte die Bremsen, knallte ein paar Mal laut mit der Peitsche und fuhr eine Ehrenrunde um den schönen Marktplatz, gefolgt von den johlenden Schulkindern, lächelnd bestaunt von ehrsamen Bürgern, die zum Mittagessen heimwärts eilten, streng beobachtet von den Wachleuten hinter den Fenstern. Neben dem „Englischen Hof“ genehmigte er sich noch ein „Stehmaß“ und blinzelte vergnügt nach dem feinen Hotelfenster, hinter dem sein Nachbar Peter eiliger als sonst und diesmal auch stehend, seinen üblichen Schoppen trank. 

Der alte Lorz hat nie wieder einen Strafzettel bekommen; denn bald danach ist der alte Lorenz Wagner gestorben. Er hatte die letzten Kartoffeln hereingefahren und abgeladen. Nach dem Mittagessen tat er wie sonst. Er setzte sich in seine Sofaecke und brannte sich die Pfeife an. Als er ein paar matte Züge getan hatte, meinte er verdrießlich: „Die Pfäuf’n schmeckt heit net!“ Seine Gustel sah ihm besorgt ins Gesicht. Es schien ihr etwas verfallen. Und dass dem alten Vater, der seine neunundsiebzig Jahre trug, die Pfeife nicht schmeckte, war ihr recht bedenklich. Und so fragte sie ihn in ihrer Sorge, ob sie nicht doch lieber schnell den alten Dr. Kost holen solle. Aber der alte Lorz wollte davon nichts wissen. „Ärscht wartste, spricht der Lorz! Dös wärd scho widder wär’n. Un dar alt Grobsack ka mir a nimmer gehalf. Hol ne net, ärscht wartste …“ 

Und Gustel brauchte nicht mehr lange zu warten. Der Lorz legte seine Pfeife in die Sofaecke und rückte sich zurecht – wie immer, wenn er sein Mittagsschläfchen machen wollte … Und er schläft noch heute.
Als sich seine Gustel nach ihm umdrehte, war er schon fern allem Erdenleid, war er dort, wo man auch nach Sonnenuntergang noch ohne Laterne am Wagen fahren kann. 

 

Das Schwarze Ei 

Wenn ich Wilhelm Raabes „Hungerpastor“ lese und mir die Figur des köstlichen Oheim Grünebaum vorzustellen versuche, dann taucht aus dem Nebel des Jugenderinnerns eine Gestalt auf, die gut hätte sein können für den wackeren Schumachermeister aus Neustadt. Freilich ist es keiner aus Hans Sachsens Zunft, sondern ein ehrbarer Töpfermeister.
Auf etwas kurz geratenen und nicht ganz geraden Beinen durchschritt er trotz alledem würdevoll diese Welt. Für uns Kinder in der Winzergasse, wo er meinem Elternhause gegenüber in einem niedrigen, langgestreckten Hause wohnte und schaffte, war er ein Mann, mit dem man rechnen musste.
Eines unserer beliebtesten Spiele in der vom Verkehr wenig berührten Straße war „Balltreiberles“, bei dem es darauf ankam, durch möglichst weite Würfe den Gegner über eine bestimmte Grenze hinauszutreiben. Dabei konnte es nur allzu leicht geschehen, dass der Ball seitwärts rollte und in die Nähe des Hauses des achtbaren Töpfermeisters Fritz Gutjahr gelangte. Geschah das gerade zu der Zeit, dass der Nachbar in seiner Haustüre stand, war es um unseren Ball geschehen. Die durch das Treten der Töpferscheibe wohl trainierten Beine des Herrn Gutjahr überraschten durch ungewöhnliche Fixigkeit. Rasch hatte er den Ball erreicht und steckte ihn in seinen Schürzenlatz, wobei er uns drohend zurief: „Dös is mai Terräng!“ Damit strafte er uns dafür, dass wir Jungens uns öfter einmal an die Tongrube in seinem großen Garten schlichen, um uns mit Munition für das „Kullernschießen“ zu versorgen. Das war ein Spiel bei uns: Kleine Lehmkugeln wurden auf schwache Weidenruten gesteckt und damit auf die Hausnummern an den Scheunentoren gezielt.  

Herr Gutjahr war ein sehr geschickter Töpfer, der aus Ummerstadt stammte, wo ja die keramische Kunst und Handwerkerei von jeher zu hoher Blüte gediehen war.
Ummerstadt war mit seinen etwa eintausend Einwohnern wohl der kleinste Ort, zumindest in Thüringen, der seit mehreren Jahrhunderten Stadtrechte hatte, worauf die Leutchen nicht wenig stolz waren. Dass der damalige Bürgermeister des Kreisstädtchens Hildburghausen auch aus Ummerstadt stammte, war für unseren Nachbar Grund genug, oft und gern und überall zu sagen: „Iiiiiich – un der Härr Bürchermästa von Stocmeier stammen alle baide aus Ummerstadt. Un aus Ummerstadt kommen bloß geschaite Leut’!“
Meistens war das dann der Beginn einer längeren, mit arg stockschnupfig klingender Sprache vorgetragenen Rede – denn die Gabe der Beredsamkeit war ihm im hohen Maße vom Schicksal geschenkt worden. 

Meister Gutjahr war ein Mann von mancherlei Interessen. Da war als erstes sein Handwerk. Das verstand er meisterhaft. Gut geformte Töpfe und Kannen, Teller und Schüsseln, Pfannen und Vasen entstanden unter seinen geschickten Händen auf der Drehscheibe. Allerliebste Spielzeugtöpfchen und Küchengeschirr für Puppenstuben fertigte er ebenso schön wie große Gebrauchswaren für den Haushalt. Auch das Bemalen und Glasieren wusste er sehr gut auszuführen. Buntbemalte Teller versah er häufig mit launigen Scherzversen. Am bekanntesten wurden zwei seiner Sprüche:

            „Meine Frau, die kann gut kochen,
            sie nimmt das Fleisch,
            ich krieg’ die Knochen!“

Einem Gastwirt, der zugleich Jäger war und gern und oft etwas Gutes aß, stellte er einen mit einem dicken Hund bemalten Teller auf das Wandbrett der Gaststube, damit die Gäste lesen konnten:

            „Der Sendelbach und sein Hund –
            die fressen zu jeder Stund’!“

Seine Ware verkaufte er meist auf dem Wochenmarkt, der im Städtchen jeden Mittwoch und Sonnabend war. Dorthin brachte er auch die Erträgnisse seines großen Obst- und Gemüsegartens.
Eine ganz besondere Liebhaberei von ihm waren Hühner. Als fleißige Legehühner schätzte er die rebhuhnfarbigen Italiener und lobte die Größe und Güte der Eier seiner Lieblinge über den grünen Klee.
Eines schönen Frühjahrs hatte er von auswärts, sicherlich aus Ummerstadt, wieder, wie alljährlich, ein Mandel Bruteier eingekauft, die eine Glucke brav erbrütete. Wer beschreibt aber sein Erstaunen, als sich unter den dreizehn geschlüpften Küken ein Fremdling befand. Dieses eine Hühnchen, es war schwarz! Kohlrabenschwarz! Ob durch ein Versehen, oder aus Absicht unter die italienischen Bruteier eines von Schwarzen Wyandotten gekommen war, weiß ich nicht, man muss es aber getrost annehmen, denn auch in Ummerstadt gibt und gab es Spaßvögel. Dieses kleine piepsende schwarze Küchlein wurde eine wirklich prachtvolle Henne. Für Meister Gutjahr war dieser „Zufall“ etwas Außergewöhnliches, ein kleines Wunder, und er hatte für seine Stammtischreden in Zukunft eine neues Thema: „Maine schworze Hänne!“ – Sie nahm immer wunderbarere Formen und Eigenschaften an, je mehr sich seine Phantasie damit beschäftigte. Seine Lieblingshenne kam nun auch in das Alter, da sie die liebevolle Pflege durch entsprechende Eierproduktion vergelten musste. Das tat sie auch und erfreute ihren Besitzer mit wohlgeformten, schön bräunlichen Eiern. Ein bestimmtes Nest im Hühnerstall neben dem Brennofen war der Platz ihrer nahrhaften Tätigkeit. Das hatte der Meister gut beobachtet. Aber – andere wussten das auch! A n d e r e ? – Wer soll denn da noch aufgepasst haben?
Nun, im Nachbarhaus wohnte der Schreinermeister Bechmann und im 1. Stockwerk bei ihm zur Miete der Lehrer Eichhorn. Um das damals knapp bemessene Gehalt eines Lehrers aufzubessern, wohnten bei dieser Familie in Untermiete jedes Jahr eine ganze Anzahl Studierender des Maschinenbau-Technikums. Sehr oft waren das frohgemute, auch zu mancherlei Jugendstreichen aufgelegte junge Männer. Sie verkehrten mit dem etwas grilligen und schrulligen Töpfermeister immer sehr freundschaftlich, lobten sein Kunst und hörten geduldig auch die Lobreden über „Maine schworze Hänne“ an.
Wieder war es nun Frühling geworden. Die Schwarze Henne hatte ihren ersten Geburtstag hinter sich und stand auf der Höhe ihrer erfreulichen Eierlegefähigkeit. – Es war der Dienstag vor Gründonnerstag. Morgen, zum Wochenmarkt, wird die Nachfrage nach Eiern besonders groß sein. Schon stand in der Vorratskammer des Meisters, treu behütet von seiner kleinen, wieselflinken Frau, ein Korb voll der schönsten sauberen Eier. Am Dienstag um die Stunde, da die Hühner schlafen gehen wollen, kontrolliert der biedere Meister nochmals alle Nester. Seine Schwarze Henne wird ihn doch nicht im Stich lassen und auch noch einen Beitrag für das Gründonnerstagsgeschäft liefern! Und siehe da! Im düsteren Winkel, wo das Nest steht, erfühlt der Meister Gutjahr drei Eier. Sorgsam nimmt er sie heraus, um sie beim schwindenden Tageslicht zu begutachten. Aber! Bei meiner Seel! Was ist das? Mit wirbelnd schnellen Beinen rennt er über seinen Hof und ruft nach seiner Ottilie: „Da! Guck ha, Fra! Sowas hast du noch net gsehn, un iiiich a net“ Und damit hält er seiner treuen Ehegefährtin ein Ei entgegen – unzweifelhaft ein ganz richtiges, echtes wohlgeformtes schönes Hühnerei. Aber …  s c h w a r z !  Kohlrabenschwarz! So schwarz – ja, schwarz wie „Maine schworze Hänne!“
Die Frau versucht, das Ei zu prüfen, aber er hält es fest! Das gibt er nicht aus den Fingern! Er erlaubt seiner Eheliebsten nur, mit angefeuchtetem Zeigefinger drüberzuwischen. Wirklich, es ist schwarz, es bleibt auch schwarz! „Nain! Dös is net gefärbt! Dös is ächt!“ Zwar äußert seine Frau Bedenken, ob das Ei nicht doch etwas gefärbt sein könnte. Aber, es wird probiert, das Ei auf die Spitze gestellt … das Ei ist roh. Um es zu färben, hätte man es ja kochen müssen. Behutsam wird das Wunderwerk in weiches Papier gewickelt. Das muss er morgen seinen Freunden zeigen und allen denen, die es sehen oder auch nicht sehen wollen. Dass „saine schworze Hänne“ hier ein kleines Wunder vollbracht hat, ist für ihn ohne allen Zweifel! Das sieht auch die Frau Meisterin schließlich ein. Ach! Auch sie hatte ja keine Ahnung von der Färbekraft und Haltbarkeit der chinesischen schwarzen Ausziehtusche, wie sie die Techniker für ihre Zeichnungen oft und viel verbrauchten.
Wer sollte auch auf den Gedanken kommen, dass einer der im Nachbarhaus wohnenden Techniker am Nachmittag, als sich seine Stubenkameraden mit dem Töpfereiehepaar vor der Haustür angelegentlich unterhielten, heimlich und flink über den Bretterzaun geklettert war und ein fein säuberlich schwarz angepinseltes, sonst aber richtiges, echtes, rohes Hühnerei in das Nest schmuggelte zu den beiden bräunlichen, die schon dort lagen.
Beim Mittagsschoppen am Mittwoch nach dem Wochenmarkt aber wurde das Wunderei am Stammtisch vorsichtig aus seiner Umhüllung befreit, und alle Stammtischfreunde durften es bewundern.
Es gab ein großes Hallo!
Aber auf dem Heimweg, als Meister Gutjahr seinen fast leeren Handwagen heimwärts zog, wunderte er sich kopfschüttelnd, was denn „die dummen Leut’“ da so zu lachen hatten, wenn er das Wunderwerk von „mainer schworzen Hänne“ auf der flachen Hand herumzeigte und – wer es hören wollte, bekam es wieder und immer wieder zu hören, was hier geschehen war.
Meister Gutjahr allerdings würzte seine begeisterte Rede über das von „meiner schworzen Hänne“ vollbrachte Mirakel mit einer Pointe, die, mit erhobenem linken Zeigefinger vorgetragen, seine Ausführungen krönte und wochenlang Gesprächsthema bei Jung und Alt im ganzen Städtchen war. 

Seine Lobreden gipfelten in dem unvergleichlichen Satz:

            „Dies schworze Ai hat kain anderer Mensch gelegt
            Wie maine schworze Hänne!

 
Biografisches zu Fritz Eller

  • 1903, Themar, Landkreis Hildburghausen
  • † nach 1967, Borna bei Leipzig 

Lehrer
1906 zieht die Familie nach Hildburghausen. Seine Ausbildung als Lehrer erhielt er im Hildburghäuser Lehrerseminar und arbeitet in Thräna bei Borna. Seine Erinnerungen an Hildburghausen schrieb er Mitte der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Sehr engen Kontakt pflegte er mit seinem Lehrer Prof. Dr. Ernst Kaiser.

 

Wenn Wahlen irgendwas verändern würden, dann wären sie doch schon längst verboten.
(Ein Manchmal-Zweifler an der gegenwärtig praktizierten Demokratie, 2015)
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