Eine Seite für Hildburghausen

Hildburghausen Groß II

Hildburghausen am 7. und 8. April 1945

Manfred Groß, * 1935 

 

7. April, ein kühler und sonniger Samstag zieht herauf. Der 7.300 Einwohner zählenden Kreisstadt Hildburghausen (1938) „fehlen“ mindestens 1.500 Männer und Jugendliche, die sich im Kriegseinsatz oder in Gefangenenlagern befinden. Dafür sind viele Fremdarbeiter und etwa 1.200 Bombengeschädigte aus dem Rheinland, vor allem aus Köln und Essen im Städtchen, das sein kleinstädtisches Flair im „Hinterland“ des Krieges längst verloren hat. Der Krieg kommt in diesen Tagen sehr nahe.

Meine Mutter hatte mich schon zeitig geweckt. Ich sollte sie zu ihrer Arbeitsstelle, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt in die Eisfelder Straße[1] begleiten, hier war sie dienstverpflichtet. Die Straßen waren menschenleer, Ungewissheit lag in der Luft. Mutter hatte als Einzige der Dienststelle Telefondienst, bis 13 Uhr war angeordnet. Die Diensträume waren kalt und trostlos, deshalb zog es mich vor das Haus in die wärmende Frühlingssonne. Ich beobachtete die Umgebung. Die Anwohner waren mit Haushalts- und Säuberungsarbeiten beschäftigt. Über Rundfunk kamen um 9 Uhr und dann alle 30 Minuten der „Frontlagebericht“. Es wurden Feuergefechte der Artillerie und Tieffliegerangriffe im Raum Meiningen-Suhl gemeldet. Ein ungewöhnliches Motorengeräusch zog mich vom Radio weg nach draußen. Ein mir unbekannter Flugzeugtyp bewegte sich langsam in etwa 200 m Höhe kreisend über der Innenstadt. Zuerst dachte ich an einen „Fieseler Storch“, aber das starre Leitwerk war noch länger, die Tragfläche kürzer. Nach 3 bis 4 Runden verschwand das Fluggerät in Richtung Nordwesten. Kurze Zeit darauf vernahm man einzelne Abschüsse von Artillerie aus dieser Richtung, dann einige Explosionen in Richtung Innenstadt. Dunkle Rauchwolken stiegen plötzlich in der Nähe der Mälzerei Angermann am Bertholdstor in der Knappengasse[2] über die Dächer. Das Telefon klingelte. Meine Mutter bekam von dem Leiter der Dienststelle den Befehl, den Telefondienst einzustellen, die Dienststelle zu sichern und nach Hause zu gehen. Nebenbei bemerkte der Anrufer, dass sein Wohngebiet, der Kehrweg, schon unter Beschuss stände. Meine hochgradig aufgeregte Mutter erledigte die Aufgaben, und um 11.15 Uhr hetzten wir durch die Eisfelder Straße über den Adolf-Hitler-Platz (heute: Goetheplatz) in die durch hohe noch kahle Linden sichtgeschützte Allee, die zum Zeitpunkt auch den Namen Adolf Hitlers trug. Hoch über der Stadt zog das seltsame Flugzeug wieder seine Kreise. Wie sich später herausstellte, war es ein Artillerieaufklärer. Der Flieger erkundete vor allem Truppenbewegungen und „lohnende“ Ziele. Seine Beobachtungen gab er an die Artillerie weiter, die zu diesem Zeitpunkt auf den Höhen um Schleusingen bis in die Themarer Gegend gestanden haben musste, und meldete die Treffergenauigkeit. In der Allee verlangsamte meine Mutter das Tempo, sie hatte sich verausgabt. So konnte ich das Geschehen hinter der Stadtmauer in Höhe des Evangelischen Gemeindeheims besser wahrnehmen. Jetzt sah man hohe Flammen unmittelbar hinter der Stadtmauer in den Himmel schießen. Umstürzende Balken krachten, Stimmengewirr mit vereinzelten Befehlen konnte ich wahrnehmen. Offensichtlich war der Löschtrupp der Feuerwehr schon vor Ort. Meine Mutter meinte, dass es sich um das Gehöft des Bauern Albert Hartung handeln könnte. Das bestätigte sich auch. 

 

Unser Heimweg wurde nun wieder gefährlich, da wir den freien Platz vor der Molkerei überqueren mussten, um durch den kleinen Fußgängerweg vom Unteren Kleinodsfeld am Feuerteich entlang zu unserem Haus in der Seminarstraße zu gelangen. Mit letzter Kraft retteten wir uns ins Haus. Im Luftschutzkeller waren schon alle Hausbewohner, auch zwei Jugendliche, die vom Volkssturm getürmt waren. Das Artilleriefeuer hatte zugenommen und mit minutiöser Genauigkeit konnte man die Abschüsse und Einschläge verfolgen. Die Jugendlichen berechneten mit der Uhr die Standorte und die Anzahl der Geschütze. 

 

Was war inzwischen in der Stadt geschehen? Die Jugendlichen hatten bei ihrem Rückzug beobachtet – der Volkssturm wurde offiziell gegen 13 Uhr zurückgezogen und aufgelöst –, dass die separat etwa 250 m von jeglicher Bebauung stehende Gaststätte „Schützenhof“[3] schon um 10.45 Uhr unter Beschuss stand und ziemlich zerstört aussah. Weiterer Beschuss konzentrierte sich zu diesem Zeitpunkt auf den Ortseingang von Häselrieth und die Bahnlinie bis zum Bahnhof.

Auf dem Dach des Schlosses, das seit August 1936 wieder als Kaserne diente, hatte das Militär ein großes Holzpodest aufgebaut und mit einem schweren Maschinengewehr bestückt. Tollkühn hatten die wenigen in der Kaserne verbliebenen SS-Männer das Feuer auf den Artillerieaufklärer eröffnet, ohne die Wirkungen zu bedenken. Postwendend kam die Reaktion der US-Kampftruppen. Jetzt richtete sich das Geschützfeuer auf die Schlosskaserne, und überraschend kam es jetzt auch aus westlicher Richtung, aus dem Gebiet um Siegritz. Eine der ersten Granaten traf die Westfassade der Christuskirche rechts oberhalb der Eingangstür, durch die der herzogliche Hof bis 1826 in die Kirche einzog. Die Granate blieb im Sandstein stecken und wurde erst bei der Renovierung im Jahr 2003 beseitigt. 

 

Gegen 13 Uhr kamen 2 amerikanische Jagdflugzeuge vom Typ Jabo, beschossen im Tiefflug die Kaserne, kehrten zurück und warfen Brandsätze in das beschädigte Dach. Das Feuer griff schnell um sich, und der Hauptbau brannte tagelang und vollständig aus. Ein Brandsatz, eine 80 cm lange sechskantige Packung von rotweiß gekennzeichneten Brandstäben, war in den Hof der Fleischerei Willy Winkler zwischen Marktstraße und Schlossgasse (heute: Johann-Sebastian-Bach-Straße) gefallen. Der mit Phosphor bestückte Brandsatz konnte vom Fleischermeister und seinem französischem Gehilfen mit Sand erstückt werden. Ähnliches geschah im benachbarten ehemaligen Logengebäude, wo Schneidermeister Ernst Schmidt auf der Bodentreppe etwas oberhalb der ehemaligen Bibliothek einen Brandsatz löschte. Die Brandstellen waren dort bis zum Umbau der Bibliothek 1957 noch deutlich zu sehen. Vielleicht verhinderten die beiden beherzten Hildburghäuser mit dem Verlassen der Luftschutzkeller eine Brandkatastrophe größten Ausmaßes in der Innenstadt. 

 

Zwischen 13 und 14 Uhr registrierten wir eine Geschützfeuerpause. Als der Beschuss fortgesetzt wurde, stellten wir eine Verlagerung der Geschütze in Richtung Hildburghausen fest. Zwei Detonationen in unmittelbarer Nähe unseres Hauses brachte alle Kellerinsassen in gebückte Abwehrhaltung. Meine Oma, die unser Mittagessen (Pellkartoffeln mit Tipp-Tipp = Pellkartoffeln mit Salz, mehr gab es in diesen schweren Zeiten nicht) in unserer Wohnung kochte, ging unerschrocken aus dem Keller in die Wohnung und kam kreidebleich mit dem Kartoffeltopf wieder zurück. „Die Küche ist total verwüstet. In der Wand klafft ein großes Loch. Der Wasserkessel, der neben dem Kartoffeltopf stand, ist zerfetzt. Überall liegen Steine, Metallteile und viel Staub herum.“ Eine Granate zwischen den zwei ca. 30 m voneinander stehenden Wohnhäusern explodierte, und der Druck sowie die umherfliegenden Granatsplitter hatten die Verwüstung verursacht. Die zweite Granate hatte das Nachbarhaus an der Südseite erwischt und das gute Esszimmer zerstört, auf das die Fabrikbesitzerfamilie sehr stolz war.

Kaum hatten wir uns von diesem Schreck erholt, hörten wir emsigen Betrieb und Stimmen auf der Straße. Es waren Verwundete, die mit starken Verbänden, humpelnd und hüpfend so schnell wie möglich im Schutz der vorhandenen Häuser sich in Richtung der Anstalt (Nervenklinik) bewegten, da sich dort auch ein Lazarett befand. Sie kamen von der Aufbauschule (heute: Regelschule Joliot-Curie). Plötzlich tauchte ein amerikanisches Jagdflugzeug auf, das die Straße im Tiefflug befeuerte. Es gab aber keine Verluste. 

 

In der Stadt waren an verschiedenen Stellen Granaten eingeschlagen – ohne erkennbaren militärischen Sinn – vermutlich zur Einschüchterung der Bevölkerung. So wurde die Türmerwohnung auf dem Rathaus getroffen. Ein kleines Eckhaus in der Rathausgasse (heute steht dort eine Trafostation der TEAG) war mit Brandgranaten getroffen worden und die Feuerwehr rückte mutig und schnell zur Brandbekämpfung aus. Die Feuerwehrmänner mussten die Löscharbeiten aber einstellen, weil Tiefflieger die Pumpe beschädigt hatten.

Zum gleichen Zeitpunkt saß auf dem Häfenmarkt der zehnjährige Rolf („Rolly“) Heumann in sich versunken auf der Steinstufe seiner Haustür in der Sonne. Ein kurzes Geräusch und ein Ruck im linken Fuß. Da sah er ein Metallteil in seinem Fuß, erst jetzt bemerkte er den Schmerz. Er war von der Bordwaffe eines Tieffliegers getroffen worden. Und Rolly muss bis heute trotz vieler Operationen mit dieser gehbehindernden Verletzung leben.

 In Hildburghausen war ein Macht- und Kompetenzgerangel zwischen dem Festungskommandanten, Hauptmann Reichert, und dem Stadtoberhaupt um die Verteidigung bzw. die Kapitulation der Stadt entbrannt, das in der zeitweiligen Verhaftung und bevorstehenden Hinrichtung des Bürgermeisters Dr. Hermann Zschaeck enden sollte (s. Bericht Dr. Zschaeck, S. #). 

 

Der Bürgermeister hatte den „Flaggenbefehl“ vom 3. April 1945 (s. S. #), missachtet. Der Reichsführer SS Heinrich Himmler ordnete an, dass alle Personen, die weiße Flaggen hissten, zu erschießen seien, ebenso alle männliche Bewohner des betroffenen Hauses. Dr. Zschaeck veranlasste, an vier Stellen der Stadt weiße Fahnen zu hissen. Ein SS-Soldat hatte zweimal am Rathaus die Fahne mit einer Pistole heruntergeschossen. Vergeblich. 

 

In Häselrieth war Paul Reukauf am Morgen von seiner Mutter zum Brotholen vom Kehrweg ins Dorf geschickt worden. Vorm Bäcker fing ihn der Bürgermeister von Häselrieth ab und beauftragte ihn, da er mit dem Fahrrad unterwegs war, nach Ebenhards zu fahren und nachzusehen, ob die Werrabrücke „ordnungsgemäß“ gesprengt worden oder ob sie noch passierbar sei. So zog der 12-Jährige mit seinem Freund auf dem Gepäckträger und von der Wichtigkeit des Auftrags überzeugt los. In der Luft kreiste der Aufklärer und die Abschüsse der Artillerie von der Ehrenberger Höhe waren zu hören. So warfen sie oft das Fahrrad zur Seite und sich selbst in den Straßengraben. Sie kamen auch beinahe bis zur Brücke, wo sich gerade eine SS-Kampfeinheit in Richtung Häselriether Leite zurückzog und die „zwei Rotzlöffel“ aufforderte zu verschwinden. Abgehetzt wieder in Häselrieth angekommen, hatte sich der Beschuss des Dorfes, vor allem des Ortseinganges bei der „Haselstaude“ so verstärkt, dass die Jungen einen Keller gegenüber der Gastwirtschaft aufsuchen mussten. Gerade noch rechtzeitig, denn im nächsten Moment schlug eine Granate in das gegenüberliegende Haus ein und die Splitterwirkung erreichte auch den Kellereingang. 

 

Von seinem Zuhause aus konnte Paul Reukauf am Nachmittag einen Sturmangriff der Amerikaner in Richtung Häselriether Berg beobachten. Dort hatte sich die SS-Einheit am Waldrand verschanzt und versuchte mit Störfeuer, das Vordringen der amerikanischen Einheit zu erschweren. Die Panzer der Amerikaner kamen in breiter Front von Ebenhards her und stauten sich auf der noch unbebauten Wiese zwischen dem oberen und unteren Teil des Kehrwegs. 

 

Zurück zu unserem Keller. Es war nach 15 Uhr. Nun wurde es draußen ruhiger. Nur ab und zu hörte man die wesentlich leiseren Panzergeschütze. Eine unheimliche Stille kam auf, die Spannung schwoll zum Bersten an. Nach dem Tieffliegerangriff traute sich keiner mehr vor die Haustür.

Gegen 17.30 Uhr hörte man wieder Geräusche, sie waren uns unbekannt, ein Metallklirren und ein Dröhnen von unbekannten Motortypen. Es wurde immer lauter und dauerte an. Dann war es plötzlich wieder ruhig. Die Neugier trieb dann einen Kellerinsassen doch nach draußen. Er kam zurück. „Kommt mal mit, aber vorsichtig!“ Unsere Straße war leer. Auf der Schleusinger Straße standen Panzer an Panzer in schier unendlicher Reihe. Und dann zogen die Stahlriesen los. Wieder das Klirren und Dröhnen. Sie fuhren in Richtung Innenstadt. 

 

Ein Jeep mit einem riesigen Lautsprecher fuhr durch die Straßen und forderte auf, die Häuser nicht zu verlassen, es bestehe bis auf Widerruf Ausgehverbot. 

 

Die Siedlung, die zur damaligen Zeit nur aus der dünn besiedelten heutigen Rudolf-Breitscheid-Straße und der auch nur mit wenigen Häusern bebauten Goldbachstraße, abgeschlossen durch die Reihensiedlungshäuser der Hertelstraße und den zum Goldberg hin gelegenen Werksiedlungshäusern der Nordeuma bestand, war schon um 17 Uhr mit Panzern, die vermutlich vom Stadtwald her vordrangen, besetzt. Die Kampftruppen ließen viele Häuser im Raum des unteren Goldbachs und der heutigen Max-Michaelis-Straße (damals: Horst-Wessel-Straße) räumen. In einigen übernachteten Mannschaften, andere blieben leer. Nach einigen Tagen nahmen die Einwohner wieder von den verlassenen Wohnungen Besitz. Einzelne Villen blieben besetzt und dienten der amerikanischen Verwaltung als Dienst- und Wohngebäude. 

 

Die Häuser am unteren Kehrweg mussten ebenfalls zu gleichen Zwecken wie in der Siedlung geräumt werden. Abends wurden auch die Artillerie-Aufklärungsflugzeuge – es waren 2 oder 3 – auf den Werrawiesen am Kehrweg stationiert. 

 

Wir saßen wieder oder immer noch in unserem Luftschutzkeller. Es war gegen 19.30 Uhr. Da rumorte etwas im Haus und im nächsten Moment erschien ein schwarzes Gesicht mit vorgehaltener Maschinenpistole im Türrahmen. Zum ersten Mal sah ich einen Farbigen – außer dem Reklame-Mohr von Sarotti – hatte ich nie einen gesehen. Exakt und kurz kamen seine Fragen und Befehle: „Hier keine Soldaten? Uhren, Fotoapparate, Ferngläser und Radio abgeben!“ Da alles verneint werden konnte, zogen er und der andere Sicherungsposten weiter. Die Erlebnisse des Tages waren so eindrucksvoll gewesen, dass die Aufnahmegrenze erreicht war und ich noch im Luftschutzkeller einschlief. 

 

Kampfhandlungen gab es im Stadtgebiet nicht mehr. Die Handvoll „Verteidiger“ der Kaserne hatte sich in die Wälder des Stadt- und Krautberges abgesetzt. Die Fanatisierten versuchten mit einzelnen Ausfallangriffen Störungen zu erreichen. Ob dabei ein Aufklärungspanzer der amerikanischen Truppen am Schlachthof in der Coburger Straße getroffen wurde, konnte nie geklärt werden. Es gab eine 2. Version zu diesem zerstörten Panzer, der lange an dem Platz stand: Er wurde – wie vieles andere Kriegsmaterial der amerikanischen Truppen – nach technischem Defekt stehen gelassen. 

 

Die Deutsche Wehrmacht hatte in Sophienthal in der Wohnstube der Familie Rößler mit Oberst Stobbe und einer SS-Kompanie ihre Kommandozentrale zur Verteidigung des Gebietes aufgeschlagen. Zwei Panzer (ein „Tiger“ und ein „T 4“) rückten in den späten Abendstunden über die Coburger Straße in Richtung Stadt vor. Der Befehl lautete, bis zur Kreuzung Marienstraße vorzudringen, aber das kam sicherlich nicht zur Ausführung. Beim Rückzug am Sonntagmorgen wurde der „T 4“ auf der Anhöhe von einer Artilleriegranate getroffen und das rechte Laufwerk vollständig zerstört.. Der „Tiger“ versuchte, den „T 4“ abzuschleppen, gab es dann aber nach 300 m zwischen der Anhöhe und Sophienthal auf. Die Besatzung zerstörte den „T 4“ mit einer Panzerfaust völlig. Sophienthal lag von Siegritz aus unter Artilleriebeschuss. Zwei Phosphorgranaten richteten in 2 Gehöften beträchtlichen Schaden an. 

 

Die amerikanischen Kampftruppen legten am 8. April, am Sonntag, eine Pause ein. Erst am Abend nahm man von dem Platz vor der Molkerei die Beschießung des Eisfelder Raumes wieder auf. Dazu waren 3 Artilleriegeschütze aufgefahren worden. Außerdem unterstützte eine größere Anzahl Panzerabwehrgeschütze das Feuer. 

 

In unserer Nähe wurde am Sonntagvormittag der Sanitätsplatz der Amerikaner auf der Wiese am Tennisplatz und der Turnhalle (Heute: Tennisplatz und stillgelegte Turnhalle) eingerichtet. Unzählige Sanitätswagen und Transport-Jeeps fuhren auf und wurden in 3er Reihen geparkt.

Für uns Kinder war das etwas total Neues. Erstens so viele Autos auf einem Platz, existierten doch in Kriegszeiten in Hildburghausen höchstens 12 Autos. Zweitens diese fremde Sprache und drittens konnte man mit viel Glück einen Kaugummi – ein uns absolut unbekanntes „Objekt“ – erhaschen. Ich hatte kein Glück. Den amerikanischen Kampftruppen war befehlsmäßig jeglicher Kontakt zur Bevölkerung verboten. Auch uns Kinder ignorierten sie. Sie behandelten uns in sehr arroganter Art und Weise. Verwundete gab es bei den Amerikanern offensichtlich nicht, zumindest war auf dem Platz in drei Tagen, da sie hier stationiert waren, nichts zu bemerken. Die Verwundeten der Deutschen Wehrmacht bzw. der SS bei den Kämpfen am Stadt- und Krautberg sowie bei Sophienthal wurden alle in den Rodacher Raum verlegt.[4]

Beim Beschuss der Panzer vor Sophienthal waren dem Kommandanten des „T 4“ beide Beine zerschossen worden und der Kommandant des „Tiger“ hatte Schuss- und Splitterverletzungen im Oberkörper. Die personellen Verluste hielten sich in Grenzen. Die Friedhofsliste dieser Tage weist 3 Einwohner und 12 Soldaten (SS-Panzergrenadiere, die überwiegend beim Beschuss der Kaserne umkamen) auf. Nach dem 7. April wurden noch einmal 12 Soldaten ausgewiesen. Man hatte sie in den Wäldern in der Umgebung der Stadt gefunden, etliche Verwundete der Lazarette waren ihren Verletzungen erlegen.

An die Löschtruppe wurden am Sonntag weiße Armbinden mit roter Aufschrift „fireman“ (Feuerwehrmann) verteilt. Die Feuerwehrleute wurden zur Brandwache an der Kaserne beordert. Das Löschen des Brandes wurde von dem amerikanischen Militärkommando jedoch untersagt.[5]

 

 


[1] Heute: Praxis von Dr. Gerhard Scheller

[2] Heute: Firma „Hildburghäuser Dienste“

[3] Heute: Standort der Regelschule „Carl Ludwig Nonne“ in der Waldstraße

[4] Viele werden teils mit Kfz oder Bauernwagen in das Feldlazarett Rodach in der Kirchgasse 3 gebracht. Nach erster ärztlicher sind sie nach Coburg verlegt worden. – Rodach ist am 10. April gefallen und muss einen hohen Blutzoll zahlen und große Zerstörungen erleiden.

[5] Der Autor Manfred Groß bedankt sich für Informationen bei:

Gerhard Fleischmann, Paul Reukauf, Erich Rößler, Hans Winkler und Rolf Heumann.

Kaum jemand will hören, was er nicht hören will.
(Dick Carvett
* 1936
US-amerikanischer Talkmaster)
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