Eine Seite für Hildburghausen

JOHANN GERHARD

Günter Stammberger 

 

 

Erinnerungen

an Heldburgs großen Sohn, den Theologen

 

 

JOHANN GERHARD

(1582 – 1637)


 

 

Impressum

 

Autor:      Günter Stammberger, Hildburghausen

               Pfarrer i. R.

Mitglied des Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsvereins

 

©            Günter Stammberger und

               www.dunkelgraefinhbn.de und

               www.schildburghausen.de

               2016

 

Plakat der Universität Erfurt für eine Internationale Tagung in der Forschungsbibliothek Gotha (Schloss Friedenstein) 2013

Johann Gerhards Lebensweg 

In der Stadt Quedlinburg im heutigen Bundesland Sachsen-Anhalt, bekannt durch seine romanische Stiftskirche sowie durch viele Fachwerkbauten, ist Johann Gerhard in den frühen Abendstunden des 17. Oktober 1582 geboren worden.

Sein Vater war der dortige Ratsherr Bartholomäus Gerhard; die Mutter, Margaretha Berndes († 27.01.1624). Sie stammte aus der benachbarten Bischofs- und Domstadt Halberstadt.

Wie so oft bei später berühmt gewordenen Männern hat man im Nachhinein geforscht, ob nicht schon in der Kindheit oder frühen Jugend sich gezeigt habe, was aus diesem Kinde einmal werden wird. Auch bei Johann Gerhard hat man solches  gefunden. Er hat uns das sogar selbst überliefert. Johann Gerhard führte nämlich eine Art Tagebuch, in das er alles schrieb, was ihn von Kindheit an begegnete bzw. was er von seiner frühen Kindheit erfahren hatte. Und da lesen wir mehr als ein halbes Jahrtausend später, von ihm selbst aufgeschrieben:

„Als meine liebe Mutter schweren Leibes mit mir gangen und ich noch im mütterlichen Leib verschlossen gewesen, soll der Ackerknecht ein Fuder abladen, verweigert sich aber, solches zu tun, ehe er zu trinken bekommen; darüber mein Vater zornig wird und mit einem dicken Knüttel über ihn weg und trifft gleich meine Mutter (welche auf der anderen Seite des beladenen Wagens steht, d. Verf.) über das Gesicht und den Oberleib, da dann jederman vermeinet, es würde dem Kinde am Leben schaden oder doch ein häßliches Malzeichen mit auf die Welt bringen. Es ist aber beides unterblieben. Vielmehr ist sie bald darauf mit einem fröhlichen Anblick der Geburt von Gott begnadigt worden.“ 

Nachdem er aus dem Gröbsten heraus war, ist er von seinen Eltern in die öffentliche Stadtschule in Quedlinburg geschickt worden. Später besuchte er das Gymnasium in Halberstadt. 

Mit fünfzehn Jahren fiel er in eine schwere und merkwürdige Krankheit. Sie schlug – so sagt ein alter Bericht – in Wassersucht und in Schwindsucht aus. Hinzu kam noch eine Melancholie und Traurigkeit, die wir heute wohl als „Depressionen“ bezeichnen würden. Er suchte nun die Einsamkeit, wollte mit keinem Menschen reden, und er hat auch nur seinen Eltern mit „Ja“ oder „Nein“ geantwortet, aß und schlief wenig, weinte und betete viel, und das alles ein ganzes Jahr lang. So hat er es in seinem Tagebuch beschrieben. Was ihm half, waren Gottes Wort und Gebet. Nebenbei bemerkt: Das kann auch heute noch bei ähnlichen Krankheiten und Anfechtungen helfen, verbunden mit den Hilfen, die uns die moderne Medizin bietet. Gott kann beide Wege zur Heilung benutzen, den natürlichen und den übernatürlichen Weg. Viele haben das schon erfahren. 

Johann Gerhard hat in seiner Bibel bei Psalm 6 am Rande notiert: „Dieser Psalm handelt von der geistlichen Anfechtung wegen der Sünde und des göttlichen Zornes. Ich habe diese Anfechtung auch erfahren, aber Gott hat mich aus dieser tiefen Angst-Grube erlöst. Ach Herr, ich bin dein ewiger Schuldner!“ 

Und eine andere wichtige Stelle findet sich in diesem Zusammenhang noch in seinem Tagebuch: „In meiner schweren geistlichen Anfechtung gelobte ich dem lieben Gott, ich wollte die Heilige Schrift studieren (also Theologe, Pfarrer werden, d. Verf.), wenn ich von solchen feurigen Pfeilen erlöst würde!“ 

Damals stand Johann Gerhard in Quedlinburg ein Mann als Seelsorger zur Seite, der als Pfarrer wirkte, Johann Arndt. Seine „Bücher vom wahren Christentum“ haben ihn weithin bekannt gemacht. Dieser Johann Arndt hat Johann Gerhard auch zum Studium der Theologie geraten. Und Gerhard hat Arndt lebenslang als seinen geistlichen Vater verehrt. 

Johann Arndts Rat zum Theologiestudium und des jungen Gerhards Gelübde und auch dessen Einhaltung haben der Zeit den großen Theologen des 17. Jahrhunderts beschert. Christoph Heinrich Löber, einer seiner Biografen, nennt „Gerhardus“ das „Große Licht der Evangelischen Kirche“, das nach Luther und Melanchthon, Justus Jonas, Georg Spalatin und anderen kommt. 

1598 grassierte in Quedlinburg die Pest. Es ist überliefert, dass in wenigen Monaten mehr als 3.000 Menschen daran gestorben sein sollen. Johann Gerhard infizierte sich auch, aber wegen einer versehentlich doppelt eingenommenen Dosis eines Medikaments gegen die Pest kam er mit dem Leben davon. Seinen Biografen diente das wieder als Beweis, dass Gott der Herr noch große Dinge mit ihm vorhatte. 

1599, also mit 17 Jahren, ging er zum Studium an die Wittenberger Universität. Dort begann er zunächst mit dem Medizinstudium, wechselte aber nach geraumer Zeit, sicher in Erinnerung an sein Gelübde, zum Studium der Theologie. Drei Jahre blieb er in Wittenberg und ging dann als Zwanzigjähriger aufs Land zu einem Verwandten, zu Dr. Rauchbar, dem sächsischen Prokanzler, um als Hauslehrer dessen Kinder ein Jahr lang zu unterrichten, wie das damals für junge Theologen üblich war, ehe sie ins Pfarramt gingen. 

Der Medizin ist Johann Gerhard auf praktische Art zunächst auch treu geblieben. Er hatte es in Wittenberg bei seinem dortigen Medizinstudium so weit gebracht, dass er Arzneien ausgeben und kurieren durfte. Auch als Hauslehrer bei seinem Vetter Rauchbar hat er auf dessen Landsitz weiter medizinisch praktiziert, sogar Jahre später, als er Pfarrer und Superintendent in Heldburg wurde. Armen Leuten hat er umsonst Rezepte ausgeschrieben und Arzneien verordnet oder kostenlos ausgegeben. Aber die Ärzte und Apotheker damals haben dagegen so stark protestiert, dass er die Praxis schließlich einstellte. 

Als Vetter Rauchbar starb, hatte er Johann Gerhard eine größere Summe Geldes, dazu Kleidung und andere Dinge vermacht, verbunden mit der Auflage, mit dem jungen Rauchbar-Sohn als dessen Erzieher und Hofmeister an die Universität Jena zu gehen, was er auch tat. 

Dort in Jena studierte Johann Gerhard weiter Theologie und legte 1603 sein Magister-Examen ab. Das berechtigte ihn, neben seinem Weiterstudieren, selbst schon Vorlesungen für jüngere Studenten zu halten. 

Im selben Jahr aber wurde er schwer krank. Wir wissen nicht, was es war. Jedenfalls war es so schlimm, dass er sein Testament machte. Darin befahl er seinem Bruder Andreas, die Sorge für die alte Mutter zu übernehmen – der Vater scheint schon verstorben gewesen zu sein. Im Frühjahr 1604 war er gesundheitlich wiederhergestellt, so dass er mit seinem Zögling Rauchbar nach Marburg an der Lahn zog, um an der dortigen Universität weiter zu studieren. Etwa ein halbes Jahr blieben sie und kehrten dann wieder nach Jena zurück. Johann Gerhard wollte mit seinen Vorlesungen als Magister fortfahren, aber er bekam keine Anstellung mehr. Die Gründe kennen wir nicht. Er bewarb sich daraufhin um eine Hauslehrerstelle, möglichst in der Nähe von Jena oder Weimar, doch das misslang. Johann Gerhard, der junge Magister, schien einer der damals zahlreichen stellungslosen Theologen zu werden, denn es gab mehr Theologen als freie Stellen in den Pfarrämtern. 

Treffend sagt einer seiner Biografen: „Da nun unser Gerhardus nicht wußte, wohin er sich wenden sollte, trat Gott abermals ins Mittel und zeigte ihm den Weg, den er wandeln sollte.“ 

Für Magister Gerhard war das der damalige Herzog von Sachsen-Coburg, Johann Casimir. Der Fürst suchte gerade einen Geistlichen für seine Residenz, der gleichzeitig auch am Coburger Gymnasium „Casimirianum“ (damals ein Mittelding zwischen Gymnasium und Universität) Vorlesungen in Theologie halten konnte. Und er wurde auf ihn aufmerksam oder aufmerksam gemacht.

So kam es, wie es nach Gottes Rat kommen musste: In der Kirche zu Oeslau predigte Johann Gerhard im Juni 1606 in Gegenwart des Herzogs. Der fand derart Gefallen an ihm, dass er den gerade Vierundzwanzigjährigen als Pfarrer und Superintendent nach Heldburg berief. Die Stelle war gerade frei, so kam er in unsere südthüringisch-fränkische Gegend. Dass es „nur“ für ein Jahrzehnt sein sollte, wussten weder er noch der Herzog. 

Johann Casimir tat für seinen jungen Superintendenten noch ein Übriges. Er bezahlte die Doktorprüfung für Johann Gerhard, die er in Jena ablegte. 655 Gulden hat sie gekostet – ein kleines Vermögen für die damalige Zeit. 

Siegel der heutigen Friedrich-Schiller-Universität Jena mit dem Bildnis von Johann Friedrich I. von Sachsen (der Großmütige), auch Hanfried genannt, Gründer der Universität 

Aber nichts war umsonst. Auch damals nicht. Der Herzog knüpfte daran eine Bedingung: Der junge Dr. Gerhard musste alle Monate einmal nach Coburg, um im Gymnasium eine große Diskutation („Disputation“) über ein theologisches Thema, zu dem alle Pfarrer des Coburger Landes eingeladen waren, zu leiten. Und auch sonst, wenn etwas Wichtiges bei der Kirchenleitung vorlag, musste Johann Gerhard sich in Coburg einfinden. Wenn auch die Wegstrecke von Heldburg nach dort nicht weit war, ist ihm das alles sehr beschwerlich gewesen. 

Dann starb der alte Generalsuperintendent Melchior Bischoff in Coburg, der höchste Geistliche im Lande. Wer wurde sein Nachfolger, ob er wollte oder nicht? Dr. Johann Gerhard. Er nahm die hohe geistliche Stelle auch an, baute aber vorsorglich eine Art „Notbremse“ ein. Der Herzog sollte ihn, das war die Absprache – aus Coburg wegziehen lassen, falls irgendeine Universität ihn, Johannes Gerhardus, als Professor berufen würde. Johann Casimir akzeptierte das. 

Kaum war der neue Generalsuperintendent ein Jahr in Coburg und hatte die neue große Kirchenordnung des Landes, die sogenannte „Casimiriana“, fertiggestellt, kam der Ruf aus Jena, Dr. Johann Gerhard sollte als Professor für Theologie an die dortige Universität kommen. Er war gleich hellauf begeistert und einverstanden, der Herzog absolut nicht. 

Was den Fürsten aber dann doch überzeugte, seinen jungen Geistlichen ziehen zu lassen, war nicht nur sein damaliges eigenes Versprechen eines Fürsten! Es war auch die Einsicht, dass Dr. Gerhard als Jenaer Professor den Coburger Landeskindern, die in Jena studierten, von Nutzen sein könnte. Aber auch die Fürsprache des Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen im Hinblick auf Gerhards Wechsel von Coburg nach Jena war mit ausschlaggebend. 

So gab es ein großes Abschiedsessen für den Scheidenden, dazu 200 Taler Geschenk vom Herzog – ein kleiner Haken – die Verpflichtung für Professor Johann Gerhard, einmal im Jahr von Jena nach Coburg zu kommen, um das Examen im Gymnasium mit abzunehmen. 

In Jena nun, wo der fast Vierunddreißigjährige seinen Einzug hielt, erfüllte sich sein Lebenswunsch, Professor für Theologie an einer deutschen Universität zu sein. 

21 Jahre hat er durch Gottes Gnade in der Saalestadt wirken dürfen, bis an die Schwelle seines Todes. 

Werfen wir zur Abrundung des ersten Teiles noch einen Blick auf seine Familiensituation und auf sein zeitliches Ende.

Er war zweimal verheiratet und beide Eheschließungen fielen in seine Heldburger Amtszeit. 

In Weimar als Trauort heiratete er am 19. September 1608 Barbara Neumajer (* 23.11.1594, Weimar), die Tochter des Universitätsprofessors Johann Georg Neumajer und seiner Ehefrau Elisabeth, geborene Schröder, später verheiratet mit Johann Major, Professor in Jena. Sie war bei der Heirat vierzehn Jahre alt, Johann Gerhard sechsundzwanzig. Solche Ehen waren damals vom Alter her, besonders bei den Frauen, keine Seltenheit. Die durchschnittliche Lebenserwartung im 17. Jahrhundert lag bei 40 bis 45 Jahren, also betrug sie durchschnittlich die Hälfte unserer heutigen. 

Johann Gerhards erstgeborenes Söhnlein mit Namen Johann Georg kam am Heiligen Abend 1610 zur Welt. Groß mag die Freude der jungen Eltern gewesen sein. Jedoch knapp drei Wochen später, am 10. Januar 1611, starb der kleine Junge und wurde in der Heldburger Friedhofskapelle „St. Leonhard“ bestattet. Seine Gedenktafel (Epitaph) aus Sandstein mit bildlicher Darstellung des Entschlafenen an der Friedhofskirche bewegt noch heute den Betrachter. Wenig später, am 30. Mai 1611, starb auch Barbara in Jena und ist am 2. Juni 1611 in der dortigen Johanniskirche bestattet worden. 

Seine zweite Ehe schloss Johann Gerhard am 1. März 1614 im Schloss Heldburg mit Maria Mattenberg, Tochter des Gothaer Bürgermeisters und Arztes Dr. Johann Mattenberg, dem einstigen Leibarzt des französischen Königs Heinrich IV. Die Braut ist fünfzehn Jahre jünger als der Bräutigam. Die Anwesenheit des Landesherrn Johann Casimir Herzog von Sachsen-Coburg macht die Eheschließung zu einem großen gesellschaftlichen Ereignis. Die Chronik vermerkt: „… er führte den Bräutigam selbst zur Kirche, gieng ihm zur lincken Hand“. Wie kaum ein Geistlicher stand er in der Gunst seines Fürsten. 


 

Die Gottesackerkirche „St. Leonhard“ in Heldburg mit dem Epitaph

für Johann Georg Gerhard (rechts vom Eingang),

dem Sohn von Dr. Johann Gerhard

Fotos (2): Edith Kleeblatt, Bad Hersfeld 

 

 

Veste Heldburg

Foto: Edith Kleeblatt, Bad Hersfeld, 2012
 

Der Ehe entstammen zehn Kinder, vier sterben vor dem Tod des Vaters. Namentlich sind bekannt: Georg Sigismund, Margaretha, Elisabeth, Johann Ernst (der Ältere), Johannes, Maria, Polykarp, Johann Friedrich, Johann Andreas und Anna Christina. Der bedeutendste der Gerhard-Söhne ist Johann Ernst gewesen, der ebenfalls in Jena als Professor (Kirchenhistoriker, Orientalist) wirkte. Der mit 47 Jahren Verstorbene ist verdienstvoller Herausgeber der Werke seines Vaters gewesen, zudem betreute er dessen riesige Bibliothek. Die Bibliotheka Gerhardina hatte unter den Wissenschaftlern der Zeit einen bedeutungsvollen Klang, sie gehörte zu den größten Gelehrtenbibliotheken, sie ist nur in Teilen bis in die heutige Zeit überliefert. 

Herzog Johann Casimir hatte Gerhardus zur fürstlichen Tafel eingeladen, wann immer dieser sich in Coburg aufgehalten hat. Und der reisefreudige Landesherr nahm ihn auf seinen Reisen mit, dreimal nach Dresden und einmal nach Köln. Dort ließ er ihn vor den fürstlichen Persönlichkeiten predigen. Auch zur Frankfurter aiserkrönung 1612 war er der Begleiter des deutschen Reichsfürsten. 

Werfen wir noch einen Blick auf den Lebensausgang von Professor Johann Gerhard. Da er öfter schwer krank gewesen war, glaubte er selbst, dass er nicht sehr alt werden würde. Er starb im Alter von fast 55 Jahren, die damalige Lebenserwartung übertreffend, am 17. August 1637 in Jena. 

Er ahnte übrigens sein Ende. Die ungeheure und vielfache Arbeit seines Lebens hatte die Kräfte erschöpft. Im Frühjahr 1637 wurde er vom Fieber heimgesucht, das sich im August gleichen Jahres wiederholte. Die Ursachen kennen wir nicht. Er ließ seine beiden Professoren-Kollegen Dr. Major und Dr. Himmel, kommen, dankte ihnen für eine zwanzigjährige gute Zusammenarbeit, befahl ihnen seine noch unmündigen Kinder an, beichtete und bekam das Heilige Abendmahl als letzte Wegzehrung. Mit den Worten „Komm, Herr Jesus, komm!“ ist er sanft und friedlich eingeschlafen. 

Die Trauerfeier fand in der Jenaer Stadtkirche „St. Michael“ statt. Johann Gerhards Kollege, Prof. Johannes Major, der zugleich Superintendent von Jena war, hielt die Trauerpredigt. Er sagte, er sei in den 32 Jahren seiner Jenaer Zeit niemals mit so schwerem Herzen auf die Kanzel gegangen. Seine letzte Ruhestätte fand Prof. Gerhard in der Jenaer Stadtkirche. 

 

Das Lebenswerk Johann Gerhards

 

Nach dem Tod von Professor Johann Gerhard 1637 erließ der Rektor der Jenaer Universität einen Traueraufruf, in dem es hieß:

„Kommet zusammen, kommt, Ihr Universitäts-Verwandten; die Grundveste unserer Akademie ist erschüttert – laufet und weinet! Eines fürnehmeren (vornehmen, d. Verf.) Theologen-Leiche hat Jena noch niemals gesehen; ob sie dergleichen künftig sehen werde? Das steht bei Gott!“ 

Auch die Wittenberger Universität erließ einen Traueraufruf, in dem sich die Worte fanden: „Niemand kann jemals den Tod jenes größten, unvergleichlichen Theologen genug beweinen!“

Die damalige Barockzeit hatte diesen uns etwas ungewöhnlich klingenden Redestil. 

Doch sind die Worte zugleich auch eine Hochachtung gegenüber diesem Mann und seiner Lebensleistung. Das gilt vor allem für die Jenaer Hochschule. 

Johann Gerhards Lebensleistung bestand hauptsächlich darin, dass er durch seine große Gelehrsamkeit und unermüdlichen Fleiß die Universität der Saalestadt sehr auf die Höhe gebracht, eine große Reihe hervorragender theologischer Werke herausgegeben und mit seinen Professoren-Kollegen in Frieden und Einvernehmen gelebt hat. Dr. Johann Gerhard war ein Glücksfall für die Jenaer Universität, so sahen es schon seine Zeitgenossen. 

Zu seiner Lebensleistung gehört aber auch alles, was er als Pfarrer und Superintendent in Heldburg und somit als Vorgesetzter von damals 26 Pfarrern, als Professor am Gymnasium „Casimirianum“, als Generalsuperintendent des Coburger Landes und die damit verbundenen General-Kirchen-Visitationen in den zahlreichen Gemeinden, die Erstellung der umfangreichen Kirchenordnung „Casimiriana“ und vieles andere mehr, geleistet hat. Und, es wurde schon erwähnt, seine 21 Jahre Arbeit als Theologie-Professor in Jena.

Dieser Universität hielt er die Treue, obwohl es nicht an Berufungen an andere Hochschulen fehlte. 24 Berufungen, d. h. in Form von Angeboten, an Johann Gerhard sind bekannt, darunter Wittenberg, Luthers Universität, die sich fünfmal um Gerhard bemühte. Sogar die berühmte Universität in Uppsala in Schweden war unter den Bewerbern. Johann Gerhard aber war und blieb auf seinem Jenaer Lehrstuhl, 21 Jahre lang, treu bis in den Tod. Das wurde ihm mit Recht hoch angerechnet. 

Aber auch das ist Lebensleistung: Dr. Gerhard hat, so wird berichtet, in seinem Leben etwa 10.000 Briefe geschrieben und so viele von anderen erhalten, dass sie gebunden zehn Bände betragen. Allein die Briefe zwischen der Herzogin Christina von Sachsen-Eisenach, der Schwägerin des Herzogs Johann Casimir, einer reformierten hessischen Prinzessin, und Johann Gerhard über Fragen der Konfession füllen einen stattlichen Band. 

Johann Gerhard war theologischer Lehrer und Erbauungsschriftsteller. Man kann ihn auch als einen Vorläufer des Pietismus bezeichnen. 

Aus der langen Werksliste seien zwei Werke herausgegriffen. Schon als Student hatte er ein berühmt gewordenes Erbauungsbuch geschrieben, die „Meditationes Sacræ“ (Heilige Gedanken). Möglicherweise wurde Herzog Johann Casimir wegen dieses Werkes auf ihn aufmerksam. Sehr bekannt wurde er wegen seiner Glaubenslehre (Dogmatik), die in neun Bänden unter dem Titel „Loci Theologici“ (Standpunkte der Theologie) erschienen sind. Das war sein Hauptwerk. Das Superwerk hat er übrigens mit dem ersten Band in Heldburg begonnen. Dies „Loci“ galten als Krone der lutherischen Orthodoxie, deren vielleicht führender Vertreter Johann Gerhard war. 

 

Aus: Fritze, Eduard: Die Veste Heldburg. –

(Reprint) Verlag Frankenschwelle Hans J. Salier, Hildburghausen, 1991

Das Besondere aber bei ihm war, dass er in diesem Standardwerk die Mystik seines Lehrers Johann Arndt mit der lutherischen Glaubenslehre verband. Es ist also kein knochentrockenes Werk, denn der Verfasser lässt jedes Lehrstück enden mit dem Abschnitt „de usu“, zu Deutsch „über den Gebrauch“, in dem er den praktischen Nutzen für das christliche Leben verdeutlicht. Noch einmal mit anderen Worten erklärt: „Orthodoxie“ könnte man mit „Rechtgläubigkeit“ erklären. Es geht also um die rechte Lehre – das Luthertum. Es wird bis ins Einzelne weiter ausgebaut und festgeschrieben.


Diese Lehrsätze werden untermauert durch Bibelworte als „Beweise aus der Heiligen Schrift“. Dabei vertritt man die Auffassung, dass der „Urtext“ der Bibel (Hebräisch für das Alte, Griechisch für das Neue Testament) wörtlich von Gott eingegeben ist. Jede Art von Bibelkritik lag der Orthodoxie fern.


Die besondere Art von Johann Gerhard aber war diese: Er hatte bei all dem Gesagten offene Augen für die Schäden der Kirche, und er sah die Ursache in dem übertriebenen Wertlegen auf die „reine Lehre allein“. Darum brachte er in seiner Dogmatik, in seiner Glaubenslehre, die Lehrsätze in Verbindung mit dem „religiösen und sittlichen Leben“. Er betonte, und das ist sehr wichtig, dass nicht nur das glaubensmäßige Denken, sondern das Verhalten und Leben im christlichen Leben das Höchste, das Wichtigste sei. Also die „Praxis Pietatis“ = die in die Tat umgesetzte Frömmigkeit.

Ein christlicher Glaube also, der seinen Ausdruck im Handeln, in der Liebe, findet. So, wie es der Liederdichter einmal formuliert „Mit Herzen, Mund und Händen“.

Ich denke, hier ist Johann Gerhard ganz modern, und wir können ihm voll zustimmen. Nicht zustimmen können wir ihm in einer anderen Sache: Er und die übrigen Vertreter der Lutherischen Orthodoxie machten zu ihrer Zeit Front gegen die Römisch-Katholische Kirche auf der einen und die Evangelisch-Reformierte Kirche (die „Calvinisten“) auf der anderen Seite. Das ist beides heute überholt. Mit der Evangelisch-Reformierten Kirche haben wir durch die sogen. „Leuenberger Konkordie“ Kirchengemeinschaft und mit der Römisch-Katholischen Kirche haben wir Verbindung in der Oekumene.


Es sei im Hinblick auf die Lebensleistung Johann Gerhards auch noch erwähnt, dass er der führende Kopf auf den Thüringer Theologenversammlungen in der damaligen Zeit war. Außerdem arbeitete er mit am großen Bibelwerk Ernst des Frommen, dem volkstümlichen „Weimarer Bibelwerk“, und bemühte sich im Auftrag des Fürsten 1633 bei der Aufrichtung seines evangelischen Kirchen- und Schulwesens im damaligen Herzogtum Franken.


Wir können im Blick auf Johann Gerhards Lebensleistung zusammenfassend sagen: Er ist ein Theologe, auf den die lutherische Kirche auch noch heute stolz sein kann. Er ist, wie Prof. Dr. Jörg Baur (Jahrgang 1930), der große Kenner der Orthodoxie, in seinem Beitrag „Luther und seine klassischen Erben“ (1993) schreibt: „Die Leuchte Thüringens“ und einer der Erben Luthers und Melanchthons. Aus meiner Sicht hat er sich selbst als Schüler und Erbe der Reformatoren verstanden.


Wenn wir von der Lebensleistung Johann Gerhards sprechen, müssen wir noch einen Blick auf seinen Charakter werfen. Er war ganz und gar keine Kampfnatur wie so mancher seiner orthodoxen Kollegen, sondern er ging Zusammenstößen, wo immer er konnte, grundsätzlich aus dem Wege. Der hervorstechendste Zug seines Wesens ist eine gewisse Weichheit, die aus der Verträglichkeit und Friedensliebe erwuchs.


Johann Gerhard hatte freilich, bedingt durch seine Charaktereigenschaften, auch seine Schwächen und Fehler. Das zeigte sich zum Beispiel bei den Auseinandersetzungen um den von ihm hochverehrten Johann Arndt. Professor Gerhard war nicht mutig genug, sich entschieden für ihn einzusetzen. Er war eben kein Übermensch, sondern „nur“ ein Mensch, und Menschen können irren und fehlen, wie das zu allen Zeiten der Fall ist.

Es fällt auf, dass Johann Gerhard in seinen Schriften das Wort „Gelassenheit“ gerne und oft gebraucht. Das half ihm sicher auch persönlich über manche Schwere in seinem Leben hinweg. Hier wäre zu denken an das Leid in seinem familiären Bereich. Wir bedenken, dass er fünfmal an den Särgen seiner Kinder stand und seine erste Gattin nach kurzer Ehezeit begraben musste, aber auch an seine Krankheiten. Er war kein gesunder Mensch und ähnelte auch in dieser Hinsicht Martin Luther. Aber auch an die persönlichen Bedrohungen und die Vermögensverluste, die er im Dreißigjährigen Krieg erlitt, muss erinnert werden. All diesem Schweren begegnete er von seinem christlichen Glauben her mit „Gelassenheit“. Ähnlich wie Luther, der ins einem bekannten Lied singt:

„Lass fahren dahin, sie haben kein Gewinn,

das Reich (Gottes) muss uns doch bleiben!“ 

Ich denke, Dr. Johann Gerhard lebte selbst das, was er als Professor lehrte und als Prediger von der Kanzel verkündete, ob in Heldburg oder in Jena und in Coburg, dazu als einstiger Generalsuperintendent in seinem großen Kirchenbezirk: Die Praxis Pietatis, die Praxis der Frömmigkeit, die nur einen Mittelpunkt hat, nämlich Jesus Christus! 


Gedenktafel für den Theologen Prof. Dr. Johann Gerhard am Pfarrhaus Heldburg.

 

Dem Gedächtnis
des großen Theologen
Dr. Johann Gerhard,
geb. 17. Oct. 1582 in Quedlinburg
gest. 17. August 1637 in Jena,
1606 – 1615 Superintendent
in Heldburg,
gewidmet im Jahre 1903
von Bürgern der Stadt
Heldburg
.

 

Johann Gerhards Jenaer Zeit 

 

Als Johann Gerhard zwei Jahre Professor in Jena war, begann der Dreißigjährige Krieg. Als Gerhard 1637 starb, tobte der Krieg noch immer. Er war nicht nur teilweise vom politischen Ringen geprägt, sondern anfangs auch ein Stück Religionskrieg zwischen den Evangelischen und den Römisch-Katholischen. Welche Tragödien er in sich barg, ist allgemein bekannt. 

Uns interessiert besonders Johann Gerhards Stellungnahme im Dreißigjährigen Krieg, denn er mischte sich in die feinen Verästelungen der 1618 begonnenen Auseinandersetzungen mit ein. Es blieb ihm auch gar keine andere Wahl, denn führende Theologen und theologische Fakultäten galten als Berater der jeweiligen Landesfürsten und wurden von diesen bei Entscheidungen um Rat gefragt. 1635 hatte der „Große Krieg“, wie er auch genannt wurde, eigentlich zu Ende sein müssen. Der sogenannte „Prager Sonderfrieden“ bot die Möglichkeit dazu, doch der Krieg ging noch dreizehn Jahre weiter. Warum er erst 1648 im „Westfälischen Frieden“ endete, ist ein anderes Thema. Johann Gerhard nahm am Prager Sonderfrieden freudig Anteil. Durch seine Bekanntschaft mit dem Oberhof-Prediger des sächsischen Kurfürsten mischte er mit, denn der Friede wurde zwischen Kursachsen und dem katholischen Kaiser geschlossen. Dass Johann Gerhard aber beinahe selbst ein Opfer dieses Krieges geworden wäre, soll noch berichtet werden. 1636, also ein Jahr vor seinem Tod, wollten ihn die Schweden gefangen nehmen und bestrafen. Er hatte auf eine Anfrage seines Weimarer Landesherrn diesem dringend zum Frieden mit dem (katholischen) Kaiser geraten. Um dieses Gutachtens willen, waren die Schweden derart erbost, dass es Prof. Gerhard wohl das Leben gekostet hätte, wenn sie ihn bekommen hätten. Aber er hielt sich erfolgreich in Jena versteckt. – Ein Menschenleben galt im Dreißigjährigen Krieg nicht viel, auch wenn es das Leben eines berühmten Gelehrten gewesen wäre. 

Bei aller Verträglichkeit und Friedensliebe seines Charakters zeigte Dr. Johann Gerhard in den Kriegsjahren viel Mut und Tapferkeit. Mehr als einmal bewegte er katholisch-kaiserliche Feldherren, Stadt und Universität vor Plünderung und Zerstörung zu verschonen. Gerade die Jenaer Universität als ehemaliger „Hort des Luthertums“ war den katholischen Befehlshabern ein Dorn im Auge. 

Der „Große Krieg“ vernichtete aber weitgehend das relativ große Privatvermögen von Gerhardus. Er war im Laufe der Zeit ein wohlhabender Mann geworden. Als Theologie-Professor einer Universität verdiente er recht gut. Daneben bekam er von dankbaren Schülern, hohen Wohltätern und fürstlichen Gönnern vielfach Geld- und Sachgeschenke. Ein Coburger Biograf Johann Gerhards hatte die Möglichkeit, sein Vermögen einzusehen und berichtete, dass es sich auf 4.372 Reichstaler, 68 goldene und silberne Pokale (das war die damalige eigentliche Wertanlage, d. Verf.), 17 goldene Ringe, 3 goldene Ketten und 5 Bildnisse großer Herren belief. 

Auch durch seine beiden Frauen, die aus wohlhabenden Familien stammten, wurde ihm ein stattliches Heiratsgut zugebracht, so dass er sich sogar ein kleines Landgut in Röslau bei Jena kaufen konnte. Doch der „Große Krieg“ nahm im vieles, es wurde niedergebrannt. Im Blick auf seinen Vermögensverlust schrieb er einem Freund: „Ich trage den großen Schaden, der sich zum Wenigsten auf 5.000 Gulden beläuft, mit Geduld. Der hat‘s gegeben, der Herr hat‘s genommen, sein Name sei gelobt!“ Johann Gerhard benutzte auch sein Vermögen, um anderen zu helfen. Das geschah durch Geldverleihen, Spenden und Stiftungen, letzteres besonders für Arme und Kranke. Noch auf dem Sterbebett stiftete er für eine Armenkasse.

 

Erstausgaben

 

-        Loci theologici. 9 Bände, 1610 – 1622

(Das wichtige Werk der orthodoxen Literatur ist komplett im Internet zu finden)

-        Confessio catholica. 4 Bände, 1634 – 1637

-        Harmonis Evangelistarum, 1626/27

-        Meditationes sacræ ad veram pietatem excitandam, 1606

-        Exercitium pietatis quotidianum, 1612, 1615 (Gebetbuch)

-        Methodus studii theologici, 1620

-        Schola pietatis, 1622/23

-        Disputationes isagogicæ, 1634 

 

Übersetzungen, Neuherausgaben] 

Gerhards Meditationes sacræ ist neben der Lutherbibel das bekannteste und erfolgreichste protestantische Meditationsbuch: Bislang sind über 220 Auflagen in 16 Sprachen ermittelt worden. So können hier nur Beispiele genannt werden.

 

Beispiele

-        A Christian Mans weekes Worke. or The dayly Watch of the Soule. printed at London by T.S.in Fleetstreet a.1611

-        Meditationes sacræ oder Heilige Betrachtungen, neu aus dem Lateinischen übersetzt von Carl Julius Böttcher, Leipzig und Dresden, Justus Naumann, 1862

-        Meditations on Divine Mercy, translated by M. C. Harrison(President of The Lutheran Church-Missouri Synod), 1992, 2003, Concordia Publishing House, St. Louis 

 

Handschriften

-        Handschriftlicher Nachlass Johann Gerhards in der Handschriftendatenbank HANS der zur Universität Erfurt gehörenden Forschungsbibliothek Gotha

-        Handexemplar der Lutherbibel von 1541

 

Kritische Werkausgaben

-        Johann-Gerhard-Archiv (= Doctrina et Pietas, Reihe I, Bd. 1 – 13, Hg. Johann Anselm Steiger. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 1997 ff., ISBN 978-3-7728-1896-7

-        Johann Anselm Steiger (herausgegeben uund kommentiert): Johann Gerhard, Meditationes Sacræ (1603/4). Mit einem Faksimile des Autographs. Doctrina et Pietas Abt. I, Band 2. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 1998,

ISBN 3-7728-1823-4

-        Johann Anselm Steiger (herausgegeben und kommentiert): Johann Gerhard, Meditationes Sacræ (1606/7). Lateinisch-deutsch. 2 Bände, Doctrina et Pietas Abt. I, Band 3,1-2. Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 2000, ISBN 3-7728-1824-2 

Günter Stammberger, Pfarrer i. R., Hildburghausen

hat den Text im Jahr 2012 als eine kleine und privat als Manuskript

vervielfältigte Schrift verfasst

zur 1175-Jahrfeier der Stadt Heldburg und zugleich

zum 430. Geburtstag und 375. Todestag von Johann Gerhard.

 

2016 wurde uns der Text für die beiden Homepages

www.dunkelgraefinhbn.de und www.schildburghausen.de

zur Veröffentlichung übergeben.

 

Der Text wurde leicht bearbeitet, gekürzt, neu bebildert und autorisiert

von Günter Stammberger.

Der Mann, der den Berg abtrug, war derselbe, der anfing, kleine Steine wegzutragen.
(Konfuzius
551 v. Chr. – 479 v. Chr.
chinesischer Philosoph)
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