Eine Seite für Hildburghausen

Januar 1990

Massenhausen, die kleinste selbstständige Gemeinde der DDR, zählt noch 18 Einwohner. Nach dem Fall der Grenze wird der Verbindungsweg nach Lempertshausen (Ortsteil von Bad Rodach, Bayern) wieder hergestellt. Dieser Ort sollte aus Sicherheitsgründen zum weiteren Ausbau des „Limes Socialistica“ geschleift werden, wie es Jahre zuvor mit drei Orten im Heldburger Unterland geschah: Billmuthausen, Leitenhausen und Erlebach.

01.01.1990, Montag
Die Ministerin für Finanzen und Preise, Christa Luft (SED-PDS), hat mit Einvernehmen des Präsidenten der Staatsbank der DDR eine Anordnung zum Erwerb von Reisezahlungsmitteln für DDR-Bürger bzw. ausländische Staatsbürger mit ständigem Wohnsitz in der DDR erlassen. Jeder Bürger hat den Anspruch auf DM 200, davon DM 100 im Verhältnis 1 : 1, weitere DM 100 für 500 M der DDR. Kinder bis zum vollendeten 14. Lebensjahr erhalten 50 Prozent der für die Erwachsenen festgesetzten Umtauschsätze. Ein Umtausch des Geldes ist bei den Geld- und Kreditinstituten der DDR, aber auch in der Bundesrepublik und in Westberlin zu den gleichen Bedingungen möglich (hier besteht jedoch die Möglichkeit des Teilerwerbs nicht). Persönliche Valutakonten können bei der Staatsbank der DDR eingerichtet werden.

Anmerkung
Viele DDR-Bürger haben jedoch kein absolutes Vertrauen zu dieser Maßnahme und richten sich vor allem bei den Sparkassen und Banken im grenznahen Raum in der Bundesrepublik Konten ein. Einige ließen sich auch – vor allem in grenznahen Kommunen – Reisepässe der Bundesrepublik Deutschland ausstellen.

Der Vorsitzende der DDR-CDU, Lothar de Maizière bezeichnet in einem Rundfunkkommentar das „Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten“ als eine „politische Aufgabe mit höchster Priorität für“ seine Partei.

Die Politische Hauptverwaltung der Nationalen Volksarmee, die Zentrale der SED-Politoffiziere, beendet ihre Tätigkeit. Damit ist bestätigt, dass sich auch im Sozialismus der Machtkampf nicht mit Hilfe eines überdimensionierten Militärapparats gewinnen lässt.

In der DDR tritt eine Verordnung für den ambulanten Handel in Kraft. Kleinerzeuger. Kleintierhalter und Hobbyproduzenten dürfen ihre Produkte auf „bestätigten Standorten“ verkaufen.

02.01.1990, Dienstag
Der CDU-Kreisvorstand initiiert den ersten Runden Tisch im Rat des Kreises Hildburghausen. Mit beschließender Stimme nehmen teil:

. Adolf Trentschka, Kreisvorsitzender CDU
. Günter Heinrich, Kreissekretär CDU
. Franz Lichte, Kreisvorsitzender LDPD
. Horst Gärtner, amtierender Stellvertreter des LDPD-Kreissekretärs
. Luise Platz, Kreissekretärin NDPD
. Dr. Peter Dornheim, Kreisvorsitzender SED-PDS
. Manfred Steinerstauch, stellvertretender Kreisvorsitzender SED-PDS
. Dr. Karl-Heinz Stengler, Sprecher des provisorischen Kreisverbandes SDP
. Gerd Krauß, SDP
. Manfred Simon, Kreissekretär DBD
. Gerhard Wolfschmidt, stellvertretender Kreisvorsitzender DBD
. Bernd Geißler, gewählter Vertreter Demokratischer Aufbruch
. Dr. Hanspeter Wulff-Woesten, Superintendent in Hildburghausen
. Dieter Loew, Superintendent in Eisfeld
. Mit beratender Stimme wird der Vorsitzende des Rates des Kreises, Johannes Müller, hinzugezogen, ferner auf Antrag von SED-PDS mit beratender Stimme parteilose Mitglieder von Massenorganisationen: Isolde Bräutigam – DFD, Manfred Jentsch – Kreisvorsitzender FDGB, Luise Winkler – stellvertretende Kreisvorsitzende DFD.
Das Neue Forum ist noch nicht zugelassen. Für den 2. Runden Tisch wird festgelegt, den FDGB und den DFD zuzulassen.
Die Leitung des Runden Tisches liegt in den Händen von Günter Heinrich, CDU.

Anmerkung
In anderen Kreisen Südthüringens gibt es bereits um den 08.12.1989 Runde Tische. Im Kreis Hildburghausen verstehen es SED und Rat des Kreises mit geschicktem Taktieren und einem nach außen zur Schau getragenen loyalen Verhalten, gesellschaftliche Entwicklungen hinauszuzögern, den geordneten Rückzug anzutreten sowie die eigene Macht unter neuen Verhältnissen wieder herzustellen. Funktionsträger der SED können teils ihre Machtpositionen in den Verwaltungen und staatlichen Einrichtungen behaupten.
In dieser Phase der gesellschaftlichen Entwicklung fehlt aus Sicht des Autors das nötige Maß an Radikalität, um die kommunistischen Machtstrukturen zu zerstören. Die Bevölkerung insgesamt lässt sich auch nicht entsprechend aktivieren, weil sie mit den gewonnenen Freiheiten meist zufrieden ist und beginnt, sich im Privaten neu zu orientieren.

In Berlin hat DDR-Ministerpräsident Hans Modrow am Runden Tisch Fragen der Zusammenarbeit beraten. Die Vertreter des Neuen Forums haben Modrows Einladung abgelehnt.

Anzeige in Freies Wort: „Wir wünschen unseren ehemaligen Kunden, Freunden und Bürgern im Thüringer Land in nachbarlicher Verbundenheit ein glückliches Jahr 1990. Büttnerbräu, Bad Königshofen. Wir stehen der Gastronomie und den Bierverlegern bei Modernisierung und Neugründung jederzeit zur Verfügung.“

03.01.1990, Mittwoch
Die Oppositionsgruppen verlangen während der 5. Sitzung des Runden Tisches die Entwaffnung der Staatssicherheit zum 08.01.1990 und den generellen Verzicht auf Geheimdienste.

Freies Wort vom 05.01.1990. Der Runde Tisch des Kreises Hildburghausen zeigt erste kleine Zugeständnisse zur sozialistischen Plan-Misswirtschaft. Die tatsächlichen Verhältnisse sind jedoch absolut desolat. Der SED-Staat hat abgewirtschaftet. Im Jahr 2014 ist das Phänomen zu beobachten, dass es viele Bürger gibt, die tatsächlich behaupten, dieser Staat sei ein Sozialstaat gewesen, den Menschen ginge es damals gut, man hätte lediglich ein paar kleine Fehler gemacht … Im Jahr 2014 laufen sie den Sozialismusgläubigen weiter hinterher.

Die Main-Post berichtet am 05.01.1990, dass das Personal des Kreiskrankenhauses in Bad Königshofen auf die Weihnachtsfeier verzichtet hat. Der Finanzbetrag, aufgestockt mit Spenden in Höhe von DM 5.000, wurde von Albert Markelsdorfer und Trappstadts Bürgermeister Erich Werner überreicht, der es den Kindergärten in Eicha und Linden, Kreis Hildburghausen, für Anschaffungen übergeben hat.

Die DDR-Nachrichtenagentur ADN meldet, dass sich sechs oppositionelle Gruppen zu einem Wahlbündnis zusammengeschlossen haben: Sozialdemokratische Partei, Demokratischer Aufbruch, Neues Forum, Demokratie Jetzt, Vereinigte Linke, Initiative Frieden und Menschenrechte. Die Vereinigte Linke tritt jedoch aus dem Bündnis bald wieder aus.

04.01.1990, Donnerstag
In der DDR wird, vermutlich um die revolutionären Prozesse ins Zwielicht zu bringen, eine medienwirksame Anti-Neofaschismus-Hysterie geschürt. Die meisten der im Entstehen begriffenen demokratischen Parteien erkennen die Urheberschaft. Die SDP Hildburghausen (Sozialdemokratische Partei) antwortet am 04.01.1990 in Freies Wort auf die Kampagne:
„Wem nutzt es, wenn zu einem Zeitpunkt, in dem der Wahlkampf gerade angelaufen ist, Angst, Verunsicherung, Feindbilder alten Coleurs und ein Sprachstil der Vereinfachung verbreitet werden? Unsere Angst vor Diktaturen jeglicher Art hat uns zu sehr geprägt und die Erfahrung gebracht: Nie wieder Faschismus! Das darf nicht zum Streitpunkt zwischen demokratisch Gesinnten aus wahltaktischen Gründen werden!
Ohne den Ernst des Neofaschismus-Problems zu verkennen, wird die wichtigste Frage, die Rettung der DDR, nicht erstrangig von Rechtsradikalen oder deren Sympathisanten abhängen. Vielmehr gilt die Sorge vieler Bürgerinnen und Bürger unserem Weiterleben und der Durchführung tatsächlicher Reformen. Solange keine grundlegende Wirtschafts-, Verwaltungs-, Medien- und Wahlreform erfolgt ist, besteht die Gefahr der ‚Scheinveränderungen’ durch Leiter, Direktoren und Chefs in Betrieben, Amt und Kaserne. Ein fairer Wahlkampf kann nur geführt werden, wenn umgehend allen demokratischen Parteien die gleichen Möglichkeiten in den Medien zugänglich sind.”

05.01.1990, Freitag
Die Antifaschistische Initiativgruppe (Anschrift: PSF 22, Hildburghausen) hat sich lt. einer Presseinformation angeblich in der Kreisstadt gebildet. Ihr schloss sich die Initiativgruppe gegen Willkür und Chaos an. In einer Presseveröffentlichung heißt es:
„Das Neue Forum will z.B. in Karl-Marx-Stadt (heute: wieder Chemnitz) nicht die Kräfte gegen den Neofaschismus sammeln, sondern spricht sich aus gegen ‘die sich sammelnden Kräfte der alten Ordnung ...’. Damit sind sie der irrigen Meinung, daß die SED-PDS bisher noch nicht konsequent mit dem Alten abgerechnet habe, und übersehen völlig den neuen Weg dieser Partei, leisten damit den Neonazis bei ihrer Sammlung Vorschub. Deshalb ist es erforderlich, alle realen und gesunden Kräfte gegen den Neofaschismus zu mobilisieren und zu organisieren, mit dem Bekenntnis zu den bereits veröffentlichten Prinzipien der Zentralleitung der antifaschistischen Widerstandskämpfer gegen Neofaschismus, gegen Rassen- und Fremdenhaß, gegen Nationalismus und Völkerhaß, für Demokratie, Toleranz und Menschenwürde. – Ebenso dürfen nicht aufkommen: Verleumdung, Willkür und Chaos. Das in Leipzig ausgerufene braune ‚Heil!’ darf sich in Hildburghausen keinesfalls wiederholen! ...”

Anmerkung
Namen und konkrete Arbeitsergebnisse dieser obskuren Gruppierung sind trotz Recherchen nicht nachweisbar. Was bereits die Diktion des Textes vermuten lässt, handelt es sich möglicherweise um eine von SED-, SED-PDS bzw. PDS-Aktivisten gesteuerte Propagandakampagne. Die sogenannte Initiativgruppe tritt immer dann an die Öffentlichkeit, wenn das Neue Forum oder andere demokratische Kräfte und Parteien konsequent mit den SED-Praktiken abrechnen.

DDR-Grenztruppen-Soldaten beginnen am Wochenende bei Eicha, Kreis Hildburghausen, den zwei Meter hohen Grenzsignalzaun, der bis zu einer Tiefe von 500 Metern im Hinterland gespannt ist, abzubauen. Der Pioniertrupp entfernt die Y-Abweiser, den Stacheldraht sowie Elektrodrähte.

Die Thüringer Landeszeitung (LDPD) meldet, dass der Runde Tisch des Bezirkes Suhl gegen den Beschluss der Modrow-Regierung vom 14.12.1989 protestierte, demzufolge an die ehemaligen Mitarbeiter des Amtes für Nationale Sicherheit ungerechtfertigt hohe Überbrückungs- und Ausgleichszahlungen gewährt würden. Die Teilnehmer hielten es für nicht vertretbar, die Arbeit der ehemaligen Staatssicherheit auf diese Weise zu honorieren. Der Zentralvorstand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes dementierte. Es seien Einstellungen und Lügen, die die ARD-Sendung „Kontraste“. Die Stasileute seien keine Gewerkschaftsmitglieder und demzufolge flössen auch keine Gelder.

Wiederaufbau der Veste Heldburg. Vom „Märchenschloss“ zum Trümmerhaufen. – „Der Anblick hat wehgetan!“, bekannte der Rodacher Unternehmer Rudolf Weiß, der vor wenigen Tagen zum ersten Mal seit 1944 wieder die Veste Heldburg besuchte. Die Verwalter der Heldburg, Horst und Birgit Meinunger, hatten ihn durch die Burg geführt. Weiß war sich mit weiteren Rodacher Bürgern einig: Es muss dringend etwas zur Rettung der Heldburg getan werden. Weiß plante, einen Verein ins Leben zu rufen, der sich für die Belange der Burg einsetzen soll. Erzherzogin Regina von Habsburg, eine geborene Prinzessin von Sachsen-Meiningen und Gemahlin des Sohnes von Kaiserin Sita, Otto von Habsburg, Europaabgeordneter, sind für das Projekt gewonnen worden.


Die durch einen Großbrand zerstörte „Fränkische Leuchte“ (Veste Heldburg) und fehlende Sicherungstechnik dem Verfall preisgegebene Burganlage im Frühjahr 1990. Wegen der Grenznähe hatten die Mauerkommunisten schon den Abriss in Erwägung gezogen.
Foto: Reinhold Albert, Sternberg

Anmerkung
Das „Märchenschloss“ ist eine Anspielung auf den 1961 unter Herrmann Zschoche gedrehten DEFA-Kinderspielfilm „Das Märchenschloß“ (im Film das „Rosenschloss“) nach der Bilderbuchgeschichte „Der Märchenschimmel“ von Fred Rodrian, der auf der Veste Heldburg und in den umliegenden Dörfern gedreht worden ist.

ADN meldet, dass der DDR-Regierungssprecher Wolfgang Meyer mitgeteilt hat, dass Fernsehen und Rundfunk die DDR-Hymne wieder mit dem Text von Johannes R. Becher sendet. Man sei sich bewusst, dass der Text „Deutschland, einig Vaterland“ kontroverse Diskussionen hervorrufe.

06.01.1990, Samstag
Die Grenze zwischen Käßlitz und Maroldsweisach wird geöffnet, am 26.01. erfolgt die Verkehrsfreigabe und Anbindung an das überörtliche Straßennetz nach Bayern im Beisein des Landrats des Landkreises Haßberge und des Ratsvorsitzenden aus Hildburghausen.

Die Grenzsperre zwischen Schweickershausen und Ermershausen wird geöffnet, um einen Konzertbesuch im Westen zu ermöglichen. Zwischen Käßlitz und Eckartshausen wird ein weiterer Fußgängerüberweg im Kreis Hildburghausen erstmals für Stunden frei.

50 Liberaldemokraten aus dem Kreis Hildburghausen nehmen am Dreikönigstreffen der Coburger F.D.P. zu Fragen der Deutschland- und der Europapolitik teil. Der LDPD-Kreisvorsitzende Franz Lichte betonte in seiner Rede, dass die freie Entfaltung der Persönlichkeit in einem freien, demokratischen Gemeinwesen, eine freie Marktwirtschaft, die soziale und ökologische Sicherheit gewährleistet sowie die staatliche Einheit Deutschlands und ein geeintes Europa die wichtigsten Ziele der Liberaldemokraten der Noch-DDR seien.
Der SED-PDS-Parteivorstand beschließt, zum 17./18. einen Wahl-Parteitag nach Ost-Berlin einzuberufen.
Der Rockmusiker; Schriftsteller und Maler Udo Lindenberg beginnt in Suhl seine erste DDR-Tournee.

Anmerkung
Seit 1979 hat Lindenberg mehrere Anträge an die DDR gerichtet, dort auf Tournee zu gehen. Das Ansinnen ist grundsätzlich vom SED-Politbüro abgelehnt worden (besonders unter dem Einfluss von Prof. Kurt Hager). Seine Single „Sonderzug nach Pankow“ nach dem Glenn-Miller-Swing („Chattanooga choo choo“) mit dem neuen „Panikorchester“ (1983) ist Lindenbergs satirisch-ironische Antwort auf das SED-Betondenken. Die Deutsche Post AG verausgabte am 01.07.2010 ein Sonderpostwertzeichen „Sonderzug nach Pankow“ nach einem Gemälde von Lindenberg.

07.01.1990
Die Grabfeldstadt Römhild hat sich lange auf den Besuch der Einwohner aus dem unterfränkischen Bad Königshofen vorbereitet. Tage vorher ist eine Spendenaktion für die Bewirtung der Nachbarn organisiert worden. Es gab ein wunderbares Fest des Wiedersehens und des Kennenlernens. Selbst die Gaststätte „Waldhaus“ im Gleichbergsattel ist wieder zugänglich gewesen.

08.01.1990, Montag
Beim Runden Tisch in Berlin kommt es beinahe zum Eklat, weil die Forderung der Opposition nach Stasiauflösung zu zögerlich und im Schutz der Regierung Modrow als geordneter Rückzug vor sich ging.

Der Regierungsbeauftragte Peter Koch sagt, dass von den 85.000 Mitarbeitern (eigentlich waren es 91.000) des früheren Amtes  25.000 entlassen worden seien. Alle 316 Kreisämter seien aufgelöst und sämtliche Waffen befänden sich unter Verschluss. Es sei eine Übergabe an das Innen- bzw. an das Verteidigungsministerium erfolgt.

Anmerkung
Die SED-PDS hatte nach wie vor alle Schalthebel der Macht in der Hand, also die drei Staatsfunktionen Legislative, Exekutive und Judikative. Hinzu kam der noch immer große Einfluss der „4. Staatsgewalt“, der Medien. Der Rundfunk und die Nachrichtenagentur ADN blieben weiterhin staatliche Einrichtungen und die ehemaligen SED-Bezirkszeitungen besaßen vor allem in der Lokalberichterstattung weiterhin eine Monopolstellung.

In einem Suhler Betrieb kommt es zu einem Warnstreik gegen die Ausgleichszahlungen für ehemalige Staatssicherheitsangehörige.

In Heldburg findet der 1. Runde Tisch statt. Schwerpunkte sind u. a. die geforderte Unabhängigkeit der Tageszeitung Freies Wort, Auflösung von Dienststellen des MfS, AfNS bzw. deren Organisationsstrukturen, der Wegfall ungerechtfertigter Überbrückungsgelder für die Geheimpolizisten, das Aussetzen der Einrichtung eines Amtes für Verfassungsschutz bis nach den Wahlen.

Nachdem die CDU Hildburghausens bereits zum letzten Rathausgespräch des Jahres am 18.12.1989 in Hildburghausen den Wahlkampf mehr oder weniger eröffnet hat, stehen die Montagsdemos ab diesem Zeitpunkt in der Regie der Parteien und Initiativgruppen. Unabhängig davon kommen aber alle Bürger mit ihren Anliegen zu Wort.

Der Ruf nach der Einheit Deutschland wird bei den Demonstrationen immer deutlicher. Proteste gegen die SED-PDS werden stärker. 100.000 Menschen demonstrieren in Leipzig. Auf dem Karl-Marx-Platz riefen Tausende „Deutschland, einig Vaterland“, „Gysi weg“, „Modrow weg“, „Nieder mit der SED“. Sie singen Lieder zur Wiedervereinigung. Auch bei Großdemonstrationen in Halle, Schwerin, Karl-Marx-Stadt (Chemnitz), Cottbus, Neubrandenburg, Frankfurt/Oder richtet sich der Zorn der Protestierer gegen die SED-PDS.

10.01.1990, Mittwoch
Nach einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa kehren noch immer täglich mehr als 1.000 Menschen der DDR den Rücken. Junge Familien mit ihren Kindern, die anfangs die Mehrheit bildeten, werden immer weniger. Es sind mehr Einzelpersonen, vor allem mit einer schlechten Schul- und Berufsausbildung, die offensichtlich schon in der DDR sozialen Randgruppen angehörten. Die Mitarbeiterin eines Durchgangsheimes berichtete, dass es vor allem Alkoholiker, sozial schwache Familien und Eltern, die ihre Kinder in der DDR zurückließen, seien.

In Themar kommt es zum 1. Runden Tisch mit Vertretern des Gemeindekirchenrats, der SED-PDS, LDPD, NDPD, DBD, CDU, des DA, der Bürgerinitiative Themar und des Umweltschutzaktivs. Im Mittelpunkt stehen Entwicklungsfragen der Kleinstadt, Umweltschutz, Wahlkampf, schulische Erziehung, Staatssicherheit sowie die Bildung von Arbeitsgruppen für die Demokratisierung des gesellschaftlichen Lebens. Die Beratungen sollen 14-tägig stattfinden, Vertreter von Massenorganisationen können mit beratender Stimme teilnehmen.

Das Coburger Tageblatt berichtete, dass sich in Streufdorf ein Freundeskreis Straufhain gebildet habe. Etwa 100 Interessenten seien dem Aufruf gefolgt. Der vom Volk als Berg der Träume zwischen Seidingstadt, Kreis Hildburghausen, und Roßfeld, Rodach, mit seiner im Bauernkrieg zerstörten Burg ist zum Zeitpunkt immer noch nicht voll zugänglich, weil die Grenztruppen einen 2,50 m hohen Zaun herumgezogen und einen Bunker eingebaut hatten.

11.01.1990, Donnerstag
Der DDR-Ministerpräsident Modrow betont in seiner Regierungserklärung, dass die Einheit Deutschlands nicht zur Disposition stehe. Er bietet aber den Oppositionsparteien eine Mitarbeit in der Regierung an.
Insgesamt verzögert die SED-PDS-Mehrheit in der DDR-Volkskammer mit pseudodemokratischem Taktieren wesentlich die Demokratisierung des öffentlichen Lebens. Dabei werden Forderungen der Opposition und der Runden Tische kaum erfüllt bzw. die Lösung der Probleme verschleppt.

Ein neues Gesetz über Reisen von DDR-Bürgern ins Ausland wird erlassen, das am 01.02.1990 in Kraft tritt.

12.01.1990, Freitag
Die Antifaschistische Initiativgruppe, deren angebliches Ziel es ist, sich gegen Chaos und für Sicherheit sowie Gesetzlichkeit zu engagieren, tritt erstmals mit einem Leserbrief gegen Gerd Krauß, Neues Forum, an die Öffentlichkeit, der am Runden Tisch über „Treffs der Stasi und womögliche Abhöraktionen“ gesprochen hat. Der Brief ist mit dem Namen Irmgard Schröter unterzeichnet.
In einer Antwort fragt Krauß am 17.01.: „Wo war sie (die „Initiativgruppe“, d. Verf.) denn zum Zeitpunkt, als das Kreisamt des MfS aufgelöst und mit VP und Neuem Forum in Sicherheitspartnerschaft rund um die Uhr bewacht wurde, damit es nicht zur Eskalation kommt? Ich möchte nicht daran glauben, daß diese Gruppe nur verbal arbeiten kann: Aktivitäten zum Nutzen unserer Gesellschaft hat sie jedoch noch nicht entfaltet.”

Die DDR-Volkskammer stoppt die Vorbereitung des Aufbaus eines DDR-Verfassungsschutzes.

12. bis 14.01.1990
Das Coburger Tageblatt berichtet am 15.01.1990, dass im Zeitraum auf den mit Pkw passierbaren Grenzübergängen zur DDR im Landkreis Coburg reger Reiseverkehr geherrscht hat. Der Bundesgrenzschutz und die Bayerische Grenzpolizei haben für die drei Tage gemeldet, dass bei Rottenbach – Eisfeld 32.359 eingereist seien, in die DDR sind 36.519 ausgereist. Bei Rodach – Adelhausen/Eishausen sind 6.559 eingereist und 7.544 ausgereist.

13.01.1990, Samstag
Die SDP der DDR benennt sich zur 1. Landesdelegiertenkonferenz in der Berliner Kongresshalle um in SPD. Vom Kreisverband Hildburghausen sind anwesend: Dr. Karl-Heinz Stengler, Stefan Machleb und Burkhard Stenzel.

Die DDR-Nachrichtenagentur ADN verbreitet die Meldung, dass der Pressesprecher des Grenzbezirkskommandos, Major Herbert Müller, am 11.01. mitgeteilt habe, dass seit Jahresbeginn 1990 die Arbeiten zum geordneten Abbau von Grenzsperranlagen durch Angehörige der Grenztruppen der DDR fortgesetzt werden. Jetzt erfolge die Demontage des Sperrzaunes in der Nähe von Ortschaften, Einrichtungen sowie Grenzübergangsstellen. Der Verkauf der gewonnenen Metall- und Betonteile an Betriebe und gesellschaftliche Bedarfsträger erfolge nach entsprechender Bekanntgabe durch die Grenztruppen.

Zwischen Hindfeld, Milz (damals: Kreis Meiningen, heute: Landkreis Hildburghausen) und Breitensee (Landkreis Rhön-Grabfeld) ist die Grenze geöffnet worden. Zu einem Gegenbesuch der benachbarten Orte ist es am Sonntag, dem 21.01.1990, gekommen.

Der Bote vom Grabfeld berichtet am 16.01.1990 von einem Ökumenischen Gottesdienst  in der Milzer Kirche. Milz ist zum Zeitpunkt Bestandteil des Kreises Meiningen: „Wenn wir die Vergangenheit nicht aufarbeiten und aufräumen, wird es keinen Neuanfang geben“, stellte Pfarrer Arndt Brettschneider aus Sonneberg im Lob- und Dankgottesdienst am Samstag anlässlich der Grenzöffnung in der Milzer Kirche fest. „Die Menschen gehen wieder aufrechter, sie haben keine Angst mehr im Hinterkopf, wenn sie ihre Meinung äußern.“ Er ermahnte die Menschen, sich an Gott zu erinnern, da er uns Verantwortung gegeben habe. Die Menschen werden in ihren Möglichkeiten maßlos und vergessen, Gott, der Herr habe uns Kraft gegeben und er habe es möglich gemacht, dass es in friedlicher Weise zu einem Umbruch in der DDR gekommen sei. Gerade hier im Sperrgebiet habe man die Trennung der beiden Teile Deutschlands besonders gespürt. Es sei unmöglich gewesen, Menschen einzuladen, und manchen Bewohnern wurde die Aufenthaltsgenehmigung in der Grenzzone der Unsicherheit entzogen. Auch der Glaube konnte nicht frei praktiziert werden. Die Jugendweihe trat an die Stelle der Konfirmation. Doch nun sei die Zeit der Neubesinnung. Es sei nun Schluss mit der atheistischen Bevormundung, und die Menschen hätten innerhalb weniger Monate gelernt, sich eine eigene Meinung zu bilden. Da die Pfarrstelle in Milz zur Zeit vakant ist und deshalb der Gottesdienst oft entfällt, bot sich auch Pfarrer Gottfried Kraus aus Bad Königshofen an, einen Gottesdienst abzuhalten.

14.01.1990, Sonntag
Zeitweise geöffnete Grenzübergänge durch Aufschließen der Metallgitterzäune gibt es im Kreis Hildburghausen jeweils am Sonntag zwischen Weitramsdorf – Ummerstadt (9 – 16 Uhr), Gleismuthhausen – Poppenhausen (In den Zaun ist extra dafür ein Loch geschnitten worden, 10 – 18 Uhr), Grattstadt – Harras (9 – 17 Uhr).


Grenzabfertigung (Ausgabe von Zählkarten) zwischen Poppenhausen, Kreis Hildburghausen, und Gleismuthhausen. Die Angst vor dem Todesstreifen ist gebannt. Bürokratische Ordnung zwischen Deutschland und Deutschland muss sein.
Foto: Willi Beetz

Etwa der 157 Einwohner von Schlechtsart weilen am Wochenende auf Einladung des Bürgermeisters Wolfgang Mack, Bad Königshofen, in Eyershausen.
Die Kreisvorstandschaft der Jungen Union des Landkreises Haßberge erlebt in Rieth (OT von Hellingen) einen informativen und erlebnisreichen Nachmittag. Die rund 30 Jugendlichen aus dem Kreis Haßberge kommen in Fahrgemeinschaften  bei Trappstadt über die Grenze und machen in Eicha Station. In Rieth werden die jugendlichen Gäste im Gemeindehaus bei einer üppigen Brotzeit mit Hausmacherwurst und Bauernbrot versorgt.

In Masserberg fordern Bürger vor dem Stasi-Erholungsheim „Am Rennsteig“: Stasi raus aus Masserberg!”

Freies Wort vom 13.01.1990

  Freies Wort vom 13.01.1990

15.01.1990, Montag
Die Geheimdienstzentrale in der Normannenstraße in Berlin-Lichtenberg wird gestürmt und teilweise verwüstet. Bis zu diesem Zeitpunkt arbeitet hier ungehindert der kommunistische Geheimdienst. Suhler Mitglieder der Zeitweiligen Kommission des Bezirkstags haben die Mahnwache vom 15. bis 17.01.1990 mit übernommen. Dort sind in etwa 3.000 Räumen und Büros etwa 12.000 bis 13.000 hauptamtliche Geheimdienstmitarbeiter tätig. Insider haben berichtet, dass die Erstürmungsaktion von der Geheimpolizei mitinitiiert worden sei.
Die Montagsdemos stehen in der gesamten DDR gegen die Restauration der SED und des Sicherheits- und Spitzelapparats.
In Hildburghausen wird die marxistische Partei Rote Nelken gegründet. Ansprechpartner ist Udo Schiller aus Hildburghausen. Die Partei findet keinerlei Aufmerksamkeit in der Bevölkerung.

Das Präsidium des Bezirksvorstands der SED-PDS fasst nach massiven Protesten u. a. den Beschluss, die ehemalige Bezirksparteischule Schleusingen in der Hildburghäuser Straße in die Rechtsträgerschaft der Stadt Schleusingen zu übergeben.

Zu einem Gedankenaustausch treffen sich in Coburg Hildburghausens Bürgermeister Jürgen Ließ und Coburgs Oberbürgermeister Karl-Heinz Höhn. Im Mittelpunkt stehen Verwaltungsfragen, vor allem die Umstrukturierung des Verwaltungsapparats.

In einer erweiterten Kreisvorstandssitzung erklären die Liberaldemokraten, dass die Vollbeschäftigung der Frauen sehr wichtig sei. Solidaritätsaktionen für die humanitäre Hilfe sollen weiter laufen. Die Spenden werden aber nicht an das FDGB-Solidaritätskomitee abgeführt, sondern die Gelder verbleiben im Kreis und werden der Kinderrehabilitation übergeben. Eine wichtige Rolle spiele die Aufarbeitung der eigenen Geschichte in der Zeit des SED-Regimes. Es wird gefordert, dass innerhalb der Mitgliedschaft und mit anderen demokratischen Parteien ein Konsens erreicht werden muss, dass es keinerlei Koalitionen mit der SED-PDS geben darf. Allein die Wahlkampfpraktiken der SED-PDS seien zu verurteilen, weil die Bürger, die nicht SED-PDS wählen, diffamiert und nach rechts außen gerückt werden.

Zwischen Harras im Kreis Hildburghausen und Grattstadt, Landkreis Coburg, öffnet sich zum ersten Male ein Übergang für Fußgänger.

16.01.1990, Dienstag
Bei der 4. Beratung des Runden Tisches des Bezirkes stellt Pfarrer Bernd Winkelmann, Neues Forum, ein zunehmendes Misstrauen großer Teile der Bevölkerung der SED-PDS gegenüber fest. Als Ursachen nennt er Verschleierungs- und Verzögerungstaktik und das Festhalten an alten Machtstrukturen. Vor allem müsse festgestellt werden, dass die SED-PDS kaum Anstrengungen unternehme, um die Vergangenheit zu bewältigen. Peter Pechauf, der Bezirksvorsitzende der SED-PDS, bestätigt die Feststellungen von Pfarrer Winkelmann, er beobachtet sogar einen „gewissen Volkszorn“. Die Machtstrukturen im ehemaligen Apparat brächten es mit sich, dass die Entflechtung umso schwerfälliger, je höher die Hierarchie sei.
Die Beratung fordert die Bildung eines Bürgerkomitees als Gegenpol zum Rat des Bezirkes.


Freies Wort vom 19.01.1990 zur Beratung des 2 . Runden Tisches am 16.01.1990

Der 2. Runde Tisch des Kreises Hildburghausen tagt unter Leitung von Superintendent Dr. Hanspeter Wulff-Woesten. Ratsvorsitzender Johannes Müller berichtet, dass es im Kreistag zum Eklat gekommen sei, als der Bericht der Vorläufigen und zeitweiligen Kommission zur Untersuchung von Amtsmissbrauch und Korruption gehört werden sollte, weil das Parlament die Kommission nicht berufen habe. Besonders kritisiert wurde, dass ABI und weitere Bürger bereits vor Einsetzung der Kommission durch den Rat des Kreises Untersuchungen vorgenommen hätten, die nach Urteil der Kreisstaatsanwältin gesetzwidrig seien. 

 Freies Wort vom 18.01.1990. Zu den aktivsten und streitbarsten Mitgliedern des Neuen Forums gehört Klaus Jakobi, der im ersten frei gewählten Kreistag (1990 – 1994) sein Mandat (DSU – Deutsche Soziale Union) wahrnimmt.

Anmerkung
Aus Sicht einiger der seinerzeitigen Kommissionsmitglieder und des Autors ergibt sich eine absurde Situation. Die Bürger haben ordnungsgemäße vom Ratsvorsitzenden unterzeichnete Bescheinigungen überreicht bekommen (s. Abbildung) und fordern in allen die Kommission betreffenden Aktionen (gegenüber dem Ratsvorsitzenden, dem Rat, der Polizei usw.) Rechtsstaatlichkeit ein. Die Führung des SED-Staats im Territorium kann jedoch den geordneten Rückzug antreten und die Kommissionsmitglieder auflaufen lassen. Der Aberwitz besteht darin, dass die, die für eine demokratische Gesellschaft eintreten und sich auch mutig dafür einsetzen, gegenüber einem undemokratisch gewählten Kreistag mit seiner kaum lernfähigen Administration Rechenschaft ablegen müssen. Das geschah in Pressebeiträgen, mit anonymen Drohungen und Verleumdungen, mit dem Auftreten ominöser linker Gruppen, die jede Panne und jede übereifrige Aktion vor allem des Neuen Forums verunglimpften und es vor dem Volk diskriminieren wollten. Die Einheitsparteisozialisten – egal in welcher Funktion, Dienststellung oder „nur“ Leserbriefschreiber – nutzten in dieser Situation sich jede bietende Gelegenheit nach der alten Masche: „Wo ein Genosse ist, ist die Partei!“ So bleibt beispielsweise dem niedergelassenen Juristen, Rechtsanwalt Dr. Paul Thierse, Eisfeld, im Zusammenspiel mit dem Rat des Kreises keine andere Möglichkeit, als die Rechtsstaatlichkeit der Kommission anzuzweifeln. Der Autor Hans-Jürgen Salier beispielsweise zieht es bei einer derartigen Gelegenheit vor, sich von einem solchen Untersuchungsgremium zu trennen, nachdem es in einem anonymen Schreiben an den Rat des Kreises eine „gelinkte“ Verleumdung einer „sozialistischen Brigade“ aus dem Schraubenwerk gegen ihn gab. Auf die kommunistischen Verleumder war eben zu jeder Zeit Verlass.
Zu diesem Zeitpunkt spielten auch einige juristische Berater aus der Bundesrepublik eine unakzeptable und mehr als verzögernde Rolle.

Der Chef des Grenzkreiskommandos, Major Peter Leopold, berichtet vor dem Runden Tisch des Kreises, dass seit 01.12.1989 bis 15.01.1990 ca. 1.350.000 Menschen die drei strukturmäßigen Grenzübergänge im Kreis Hildburghausen Eisfeld – Rottenbach, Adelhausen – Rodach, Eicha – Trappstadt passiert haben. 16 ehemalige Grenzpassierpunkte sind 46-mal geöffnet worden, 73.641 Personen haben hier die Grenze überquert.

Freies Wort berichtet am 19.01.1990:
„Der Runde Tisch kam überein, daß die Tätigkeit der Untersuchungskommission sehr wohl ihre Berechtigung habe, auch wenn sie im Übereifer einige Zeit nicht auf rechtsstaatlicher Grundlage, sprich Berufung durch den Kreistag, basierte. Im Interesse der Aufklärung aller Fälle von Amtsmißbrauch und Korruption sei die Arbeit der Kommission jedoch schon zum damaligen Zeitpunkt erforderlich gewesen und auch weiterhin nötig. Deshalb empfahl der Runde Tisch dem Kreistag, unverzüglich eine Untersuchungskommission, die aus derzeitigen Mitgliedern sowie Vertretern der SPD und des Demokratischen Aufbruchs besteht, die damals im Kreis noch nicht präsent waren, zu berufen und den Zwischenbericht der Kommission zu hören. ...“

Die Grenze zwischen Poppenhausen (OT von Hellingen) und Gleismuthhausen (OT von Seßlach), Landkreis Coburg, nutzen die Poppenhäuser zu einem Besuch in der Nachbarschaft.


Holperstraße vom damals weltvergessenen Holzhausen nach Rodach. Das auch hier von vielen Menschen der Welt bestaunte und bejubelte geöffnete Tor, das nicht nur Deutschland trennte, sondern auch die Paktsysteme Warschauer Vertrag und NATO. Hier waren die Welt und Europa geteilt. Für ein knappes halbes Jahrhundert unverstellbar: Auf dem Gemeindegebiet Holzhausens ist ein Hinweisschild für Rodach angebracht.

 

17.01.1990, Mittwoch
Der hessische Finanzminister Dr. Manfred Kanther, besucht den CDU-Kreisverband Hildburghausen sowie Stätten seiner Kindheit und Jugend. K. lebte bis 1957 in Hildburghausen und legte an der Erweiterten Oberschule „Geschwister Scholl“ sein Abitur ab. Den Krankenhäusern Hildburghausen, Eisfeld und dem Caritasheim St. Laurentius in der Kreisstadt sichert er zur Verbesserung der Versorgung beträchtliche Hilfe mit medizinischen Geräten und Verbrauchsgütern zu.

90 Mitarbeiter des VEB Ankermechanik Eisfeld, Betriebsteil Heldburg, treten in einen eineinhalbstündigen Warnstreik. Sie fordern u. a.: Reduzierung der Verwaltungskräfte, Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Angleichen der Löhne an die des Stammbetriebs, Verbesserung der Sanitäranlagen, bessere Produktionsvorbereitung.

18.01.1990, Donnerstag
Mit Beschluss 16/90 des Rates des Bezirkes werden Maßnahmen für die Runden Tische festgelegt, u. a. Bereitstellung von Büroräumen, Freistellung von der beruflichen Tätigkeit (gemäß Ministerratsbeschluss vom 01.12.1989), Bereitstellung von Druckkapazitäten und Papierkontingenten für die Herstellung von Druckmaterialien, Lizenzen für die Herstellung von Presseerzeugnissen, Ausstattung der neuen Parteien und politischen Gruppen mit Telefon- und Fernschreibtechnik, Bereitstellung finanzieller Fonds auf Antrag der jeweiligen Zentralvorstände. Zur Durchführung des Beschlusses wird ein Bürgerkomitee gebildet, das den Vorsitzenden des Rates des Bezirkes sofort bei auftretenden Problemen informiert, der die Informationen bearbeitet bzw. an den Ministerrat der DDR weiterleitet.

Die Tätigkeit des Bürgerkomitees wird in der Folgezeit weiter präzisiert, so fordert beispielsweise der Runde Tisch Vetorecht gegen Entscheidungen und Beschlüsse der Räte. Ein Einspruchsrecht gegenüber Entscheidungen des Rates des Bezirkes ohne aufschiebbare Wirkung wird schließlich eingeräumt.
Alle am Runden Tisch vertretenen Parteien und Bürgerbewegungen stellen je zwei Personen für das Bürgerkomitee, das wiederum dem Runden Tisch rechenschaftspflichtig ist. Es wird festgelegt, dass das Bürgerkomitee mit der zeitweiligen Kommission des Bezirkstages zur Untersuchung von Amtsmissbrauch und Korruption zusammenarbeitet.
Das Bürgerkomitee soll bis zum 06.05.1990, dem Termin demokratischer Wahlen, bestehen bleiben. Die Volkskammerwahlen werden jedoch auf den 18.03.1990 vorgezogen.
Beratung der ständigen Tagungsleitung des Kreistags Hildburghausen und der Vorsitzenden der Kreistagsfraktionen, anwesend ist u. a. Jochen Weyh, Vorsitzender des Komitees der Volkskontrolle des Bezirkes Suhl, der Nachfolgeeinrichtung der von der SED gesteuerten Arbeiter-und-Bauern-Inspektion (ABI). Es geht um die sogenannten unrechtmäßigen Kontrollen von Reinhard Giese im Bereich des Gesundheitswesens. Giese bittet wegen seines „Fehlverhaltens“ um Abberufung von seiner Funktion.
Weyh schlägt in einer Presseerklärung u. a. vor, „zur Umgestaltung des bestätigten Kreiskomitees zu einem Komitee für Volkskontrolle Mitglieder aller Fraktionen bzw. Parteien und Bürgerinitiativen für das Komitee zu benennen und durch den Kreistag bestätigen zu lassen.”

Der Rat des Bezirks beschließt die Auflösung des Dienstleistungskombinats, es werden volkseigene Dienstleistungsbetriebe gebildet.

In den Medien der DDR klingt an, dass die Regierung Modrow die demokratische Entwicklung in der DDR bremst, dass sie den sozialistischen Kurs weiter steuern will und Hilfsangebote aus der Bundesrepublik ausschlägt. Die Regierung Modrow steht auch bei den Demos und bei den Runden Tischen in höchster Kritik.

19.01.1990, Freitag
Wahl des Kreisvorstands der SPD. Horst Kotzem – Vorsitzender, Pfarrer Jürgen Fritsch – Stellvertreter, Hans-Joachim Brod – Schatzmeister, Ralf Bumann – Geschäftsführer. Die Geschäftsstelle befindet sich im „Burghof“ in Hildburghausen.

Auf der Kreiskonferenz der DBD wird ein Aktionsprogramm beschlossen. Die Mitglieder fordern eine klare Abgrenzung von der SED-PDS, die zügige Auflösung des Amtes für Nationale Sicherheit, Aufklärung von Korruption und Amtsmissbrauch, eine Wirtschaftsreform unter besonderer Einbeziehung der Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft.

Trotz massiver Kritik der LDPD-Basis auch im Kreis Hildburghausen an der Modrow-Regierung wird die Koalitionsregierung nicht verlassen, da man befürchtet, dass sich der Einfluss der Kommunisten weiter stabilisieren könnte. Die LDPD fordert die Zulassung von Oppositionsgruppen.

21.01.1990, Sonntag
Egon Krenz und dreizehn weitere hohe Staatsfunktionäre werden aus der SED-PDS ausgeschlossen.

22.01.1990, Montag
Warnstreik der Belegschaft des VEB (B) Bau Unterland Heldburg. Es werden gefordert: Demokratie, freie Wahlen, Auflösung der SED, Streichung der Überbrückungsgelder für Stasimitarbeiter sowie für Partei- und Staatsfunktionäre, Einführung eines neuen Preisgefüges, Änderung der Miet- und Subventionspolitik, Wiedereinführung der kirchlichen Feiertage, Abschaffung der Planvorgaben durch den Staat, Einführung der Marktwirtschaft, Durchführung einer Rentenreform. Die Beschäftigten verlangen die Rückführung des Betriebes in genossenschaftliches Eigentum als PGH Bau.

Etwa 40 Mitarbeiter (Kraftfahrer, Techniker, Verwaltungsmitarbeiter) des Hildburghäuser Teilbetriebs im Südthüringer Fleischkombinat treten in einen zweistündigen Warnstreik. Gefordert werden u. a. bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, gerechte Verteilung der Prämien, gleicher Urlaub und gleiche Lohngruppen für alle Fahrer, Beseitigung der Privilegien im Betrieb, Einhalten von bestehenden Gesetzen für den Vieh- und Fleischtransport, Mitspracherecht an betrieblichen Entscheidungen, Durchsetzung des Leistungsprinzips. Massive Vorwürfe werden gegen die Betriebsleitung und insbesondere den Technischen Direktor erhoben. Ferner werden die unhaltbaren hygienischen Bedingungen beim Fleischtransport angeprangert.
Am 03.02. äußert sich der Betriebsdirektor in Freies Wort zum Warnstreik, er schreibt u. a.: „Mit dieser Handlungsweise wurde auch den arbeitswilligen Werktätigen die Möglichkeit zur Aufnahme ihrer Arbeit genommen, indem die Zuführung von Schlachtvieh blockiert wurde. Es entstand ein ökonomischer Verlust von ca. 11 000 Mark und Verzögerungen in der Auslieferung von Frischfleisch, die sich in der ganzen Woche bemerkbar machten.
Zu den Forderungen der Beschäftigten, vor allem wegen der unzumutbaren hygienischen Verhältnisse dieses in Teilen maroden Betriebes, die längst schon Gespräch in der Bevölkerung sind, äußert er sich mit Halbheiten im üblichen SED-Funktionärs-Deutsch.


Freies Wort vom 25.01.1990

Das Gesundheitswesen des Kreises steht auf Grund einer verfehlten Gesundheitspolitik des SED-Staates kurz vor dem Offenbarungseid.
Ca. 120 Mitarbeiter medizinischer Einrichtungen, darunter 40 aus der Bezirksnervenklinik, treten in einen Warnstreik, demonstrieren auf dem Hildburghäuser Marx-Engels-Platz und übergeben dem Ratsvorsitzenden eine Petition.
Die Mediziner des Kreiskrankenhauses äußern u. a.: „Die rein ärztliche Kunst hat ihre Grenzen erreicht. Wir können ganz einfach nicht mehr nur durch persönliche Hinwendung unsere Patienten heilen. Was wir brauchen, ist Medizintechnik.“
Analysen belegen, dass das hoch gelobte Gesundheitswesen der DDR nicht mehr als das Niveau der Nachkriegszeit und teils das Niveau eines Entwicklungslandes hat.

Freies Wort vom 25.01.1990

Aus Eisfeld wird berichtet, dass der vorläufige Höhepunkt einer seit zehn Jahren währenden Misere der Eisfelder Landambulanz ist, dass die medizinische Einrichtung über kein einsatzfähiges Fahrzeug mehr verfügt. Die Grenzkompanie Steudach hilft vorübergehend mit einem Trabi-Kübel.

Demo auf dem Hildburghäuser Marktplatz. Die Wahlen der Volkskammer kündigen sich an. Es wird u. a. aufgefordert, Plakate und Transparente für eine Ausstellung abzugeben, die in der Volksbuchhandlung in der Unteren Karl-Marx-Straße (Untere Marktstraße) gestaltet werden soll.
Breiten Raum hat bei den Rednern die physische Ausschaltung politischer Gegner durch die SED eingenommen. Als Redner sprechen Hans-Georg Erben von der DBD; Horst Gärtner, LDPD; Günter Heinrich, CDU. Hans-Jürgen Salier, LDPD, nennt erstmals Daten und Fakten zur Niederschlagung des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 und Tötungsverbrechen des SED-Regimes. Das hat den Widerspruch der PDS erregt. Steffen Harzer äußert sich in der Presse gegen die Aussagen Saliers, dass das nicht der historischen Wahrheit entspräche und griff auch den Redner im üblichen SED-Propaganda-Stil an. Er betonte, dass auch SED-Mitglieder Schweres erleiden mussten und dass die Mitglieder der Blockparteien Mitschuld trügen.

Modrow verkündet am Runden Tisch, dass Vertreter der Opposition in die Regierung aufgenommen werden. Damit will die SED-PDS verhindern, dass die Modrow-Regierung die Vertrauensfrage stellen muss und die SED-PDS ihren noch vorhandenen Einfluss verliert.

23.01.1990, Dienstag
Freies Wort berichtet:
„Wie Burkhard Stahl, Leiter des VPKA Hildburghausen, informiert, gebe es seit Januar auch im VPKA keine Parteiorganisation und Politorgane mehr. Weiterhin teilte Stahl mit, daß die Kampfgruppen nicht mehr existieren und das VPKA bemüht ist, bis 31. Januar die ehemaligen Kampfgruppenbestände an Bekleidung und Ausrüstung aufzulösen. Der VPKA-Chef gab zu verstehen, daß die Deutsche Volkspolizei auch bei der künftigen Arbeit nicht auf ihre freiwilligen Helfer verzichten könne.”

Bei einer zentralen Mitgliederversammlung der LDPD im Hildburghäuser Kreiskulturhaus überreicht Kreissekretär Werner Hopf 5.000 Mark aus Mitgliederspenden an Renate Karg, Leiterin der Kinderrehabilitation.
Die Liberalen fordern: Rücktritt des LDPD-Zentralvorstands, stärkere Durchsetzung liberal-demokratischer Politik, stärkere Profilierung der Parteispitze, konsequentes Aufarbeiten der Parteigeschichte, Überwindung alter Machtstrukturen und -mechanismen, Einführung der sozialen Marktwirtschaft, schnellstmögliche Schaffung der deutschen Einheit, Schaffung von Länderstrukturen, uneingeschränkte Handwerks- und Gewerbefreiheit.

In Suhl wird ein Bürgerkomitee für den Bezirk Suhl gegründet.

24.01.1990, Mittwoch
2. Runder Tisch der Kreisstadt.
Eine Sondersitzung des Kreistags Hildburghausen bestätigt die Zeitweilige Kommission zur Untersuchung von Amtsmissbrauch und Korruption und die Abberufung des Vorsitzenden des Komitees für Volkskontrolle (ehemals ABI), neuer Leiter des Volkskontrollausschusses wird Roland Schwarze.
 


Freies Wort vom 27.01.1990 (siehe 24.01.1990)

Die Mitglieder der Untersuchungskommission des Kreistags sind:
Gebhard Warlich (CDU), Gisela Siebert (DBD), Rolf Flemming (LDPD), Luise Platz (NDPD), Antje Niedzwetzki (DFD), Günter Käb (SED-PDS), Helga Sauerbier (FDGB), Henry Wannags (Konsum), Andreas Schierbaum (Neues Forum), Gerhard Bieling (VPKA), Irina Schubert (Rat des Kreises).
Gerd Krauß und Bernd Geißler (DA) erhalten nicht die notwendige Stimmenmehrheit bei der offenen Wahl.

Anmerkung
Die Wahl erfolg „nach demokratischen Spielregeln“. Insider wussten aber zu berichten, dass mutige und unbequeme Mitglieder, vor allem Gerd Krauß, bei den Wahlen „aus dem Verkehr“ gezogen werden sollten, denn die Stimmenmehrheit hat eindeutig bei den politischen Kräften des SED-Systems gelegen.

25.01.1990, Donnerstag
Die DDR-Regierung beschließt die Gewerbefreiheit und erlaubt die Gründung von Unternehmen mit ausländischer Beteiligung (z. B. Joint-venture).


Freies Wort  vom 31.01.1990 (siehe 25.01.1990)

Öffnung des Grenzübergangs Hellingen – Allertshausen. Die Zeitung Fränkischer Tag gibt eine Sonderausgabe für den Kreis Haßberge heraus.

In Eisfeld kommt es zur Sitzblockade wegen der Öffnung des Grenzübergangs für den Schwerlastverkehr, denn durch die Innenstadt führen drei Fernverkehrsstraßen.
Bei den Fremdenverkehrsämtern in den Haßbergen treffen täglich, so meldet die Zeitung Fränkischer Tag am 25.01.1990, stapelweise Briefe aus der DDR ein, mit denen sich DDR-Familien über Reiseziele und Quartiere informieren wollen. In die Gegenrichtung möchten Bürger der Bundesrepublik, die in den letzten Tagen Reisepässe beantragt haben, ebenfalls reisen. Allein die Verwaltungsgemeinschaft Ebern hat in drei Wochen etwa 800 Anträge erhalten.

26.01.1990, Freitag
Mit der Republik Österreich wird zum 01.02.1990 der visafreie Reiseverkehr vereinbart.

Als 4. Grenzübergang wird nach Fertigstellung die Straßenanbindung zwischen Hellingen und Maroldsweisach von Landrat Walter Keller, Landkreis Haßberge, und dem Ratsvorsitzenden Johannes Müller, Kreis Hildburghausen, freigegeben. Der Freistaat Bayern stellt DM 600.000 für die Straße bereit.

In Erinnerung an die erste Begegnung zwischen Bürgern diesseits und jenseits der Zonengrenze wird ein Gedenkstein aufgestellt:
            1949 teilte man unser Land /
            am 2.12.1989 reichten wir uns hier wieder die Hand.

Kurt Sieber, Bürgermeister der Stadt Königsberg/Franken und Vorsitzender der FDP/Freie Bürger-Kreistagsfraktion Haßberge, betont, dass mit dem Anschluss an die B 279 und die B 303 „die Entwicklungschancen des Zonenrandgebietes im Westen schicksalhaft mit den Veränderungen in der DDR zusammenhängen”. Eduard Lintner, Münnerstadt, MdB und deutschlandpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, bemerkt: „Die Information unserer Landsleute in der DDR über die Realitäten in der Bundesrepublik, über soziale Marktwirtschaft, über unsere sozialen Sicherungssysteme, über den Aufbau des Rechtsstaates, unseren Wunsch nach Wiedervereinigung, unsere Friedfertigkeit muss uns ein wichtiges Anliegen sein.“

Kurt Köhler, Obermeister der Vokspolizei, meldet sich wegen der „bettelnden Kinder“ an den Landstraßen und der damit verbundenen Verkehrsgefährdung zu Wort. Diese Thematik findet sich in den zurückliegenden Wochen wiederholt in der Presse. Die Meinungen sind geteilt. Die Eltern müssten ihrer Aufsichtspflicht besser nachkommen, um dieses unwürdige Verhalten zu verhindern. Andererseits gibt es Verständnis, und es wird bemerkt, dass manche Familie kein Geld habe, um sich Schokolade, Süßigkeiten etc. aus den „DDR-Delikat“-Läden leisten zu können.

Die Belegschaften der Brauereien Eisfeld, Heßberg und Schwarzbach streiken wegen der miserablen Arbeitsbedingungen sowie der unhaltbaren hygienischen Zustände und fordern die Herauslösung der Unternehmen aus dem Getränkekombinat Rennsteig. Auf einem Transparent der Brauer ist zu lesen: „Wir wollen nach dem Reinheitsgebot brauen – und nicht das Bier noch mehr versauen.“

Die Belegschaft des Eisfelder Betriebes des Porzellanwerks Veilsdorf streikt.

Die Ortsgruppe der LDPD Gellershausen fordert in einem Pressebeitrag u. a. wegen der Hetzschrift der SED-PDS-Parteizentrale Berlin „Was und Wie?“ den sofortigen Rückzug der LDPD aus der Regierung Modrow und die Aufkündigung der Koalitionsbereitschaft.

27.01.1990, Samstag
In Biberschlag wird eine Ortsgruppe der Thüringer CSU gegründet. Ihr Werbeslogan für die Volkskammerwahl am 18.03. ist „Deutschland braucht Freiheit statt Sozialismus!”. Geschäftsstellenleiter ist Pfarrer Erwin Westphal. Die CSU geht in der am 20.01.1990 aus mehreren Oppositionsgruppen gebildeten DSU auf.

28.01.1990, Sonntag
Nach scheinbar endlosen Diskussionen wird der Wahltermin der Volkskammer vom 06.05. auf den 18.03.1990 vorverlegt. Am 06.05. sollen Kommunalwahlen stattfinden. Neue demokratische Gruppierungen sind wegen fehlender Zeit im Wahlkampf eingeschränkt, eine Angleichung zu den in der Bundesrepublik bestehenden Parteien entwickelt sich sehr deutlich.

29.01.1990, Montag
Die Montagsdemo mit 600 bis 800 Teilnehmern in Hildburghausen wird von der SPD organisiert und trägt mehr oder weniger Wahlkampfcharakter. Horst Kotzem und Dr. Karl-Heinz Stengler erläutern vor allem programmatische Zielstellungen der jungen Volkspartei. Hans-Joachim Brod spricht über die Auffassung der SPD zur deutschen Einheit, die als Teil des europäischen Einigungsprozesses zu sehen ist. Ralf Bumann gibt den Beschluss des Landesverbandes bekannt, dass keine SED-Mitglieder, die nach dem 07.10.1989 aus der Partei ausgetreten sind, in die SPD aufgenommen werden. Die Veranstalter geben, wie bei Montagdemos üblich, Bürgern anderer Parteien, Initiativgruppen oder nichtorganisierten Bürgern das Rederecht.

Erich Honecker wurde nach einem Krankenhausaufenthalt verhaftet, tags darauf aber für haftunfähig erklärt. Ein evangelisches Pfarrerehepaar nimmt Margot und Erich Honecker auf.

30.01.1990, Dienstag
Die Mitarbeiter der HO-Kaufhalle in der Schleusinger Straße in Hildburghausen treten in einen 2-stündigen Warnstreik. Sie fordern u. a.: Auflösung der SED-PDS, eine ausreichende pünktliche und qualitätsgerechte Warenbereitstellung, Entlohnung nach Leistung, mehr Urlaub, bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, die Ausgliederung des Delikatsortiments, ein umfassendes Warenangebot auch für den kleinen Geldbeutel, Reduzierung der Verwaltung um 50 Prozent, leitende Kader sollen ihre Posten verlassen, Altersrentner sollen in den Ruhestand.


30.01.1990. Mitarbeiter der HO-Kaufhalle (heute: EDEKA-Markt) in der Schleusinger Straße in Hildburghausen gehen zu einem zweistündigen Warnstreik vor reichlich leeren Warenauslagen.

Bernd Geißler, Sprecher des Demokratischen Aufbruchs im Kreis, teilt bei der 3. Tagung des Runden Tisches mit, dass der Kreisverband beabsichtige, mit seinen ca. 30 Mitgliedern in die DSU überzutreten.


Bericht der vorläufigen zeitweiligen Kommission des Kreistages zur Untersuchung von Amtsmissbrauch und Korruption“ vom 30.01.1990

Die Mitarbeiter des Betriebsteils des Kombinats OGS Suhl (OGS – Obst-Gemüse-Speisekartoffeln) treten in einen mehrstündigen Warnstreik. Sie fordern, dass qualifizierte Werktätige besser entlohnt werden und die Einführung eines einheitlichen Lohnsteuersatzes sowie einen Grundurlaub von 21 Tagen. Zum anderen werden die unzumutbaren Arbeits- und Lebensbedingungen, die verfehlte Lagerhaltung mit überdimensionierten Beständen an vor sich hingammelndem Kohl sowie die Haltungen des Ratsmitglieds für Handel und Versorgung, Wilfried Florschütz, und des Betriebsdirektors G. Klette kritisiert.

Ministerpräsident Hans Modrow besucht Michail Gorbatschow in Moskau. Der Generalsekretär der KPdSU und spätere sowjetische Staatspräsident stimmt einer Konföderation beider deutscher Staaten zu.


Überall in Hildburghausen und im Kreis kommt es zu Betriebsversammlungen, Protestaktionen und Warnstreiks zur Überwindung der sozialistischen Misswirtschaft, für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, höhere und leistungsgerechte Löhne, bessere Sozialleistungen, vor allem aber zur Zukunft der Betriebe und Institutionen.

31.01.1990, Mittwoch
Der Autor erhält in diesen Tagen und Wochen einige – meist anonyme und neben Drohungen – auch ehrliche und Hoffnung machende Briefe mit ähnlichen Inhalten. Im vorliegenden Schreiben, verfasst von ehemaligen Mitarbeitern der Kreisleitung der SED, des Ministeriums für Staatssicherheit und des Rates des Kreises, wird die heile Welt der kleinen Parteibonzen in der tiefen Provinz deutlich. Der Brief zeigt aber auch, dass nicht jeder ins SED-System verstrickte Bürger zu den Schmarotzern zu zählen ist. Namen sind aus datenschutzrechtlichen Gründen mit dem Kürzel N.N. versehen:

Werter Herr Salier!
Durch Ihr mutiges Auftreten vor der ehemaligen Stasi, wenden wir, ehemalige Mitarbeiter der ehem. KL, MfS und Rat des Kreises, uns vertrauensvoll an Sie, weil wir meinen, daß das Neue Forum eine der wenigen Organisationen ist, die alles sehr real einschätzen.
Beginnend mit der ehem. KL machen wir den Vorschlag, daß alle Geschenke, die laut Listen von den einzelnen Betrieben angefordert wurden, z.B. zu Geburtstagen vom ehem. 1. und 2. der KL sowie die gleichen Oberen vom Rat des Kreises, dort könnte man die Frau N.N. befragen, was auf den Listen stand und für wen diese Geschenke waren, zurückgegeben werden müssen, um sie an die Reha-Abteilung zu übergeben. Sicher wissen auch die Betriebe noch, wem sie was kaufen mußten.
Auch die ganzen Benzinkosten, die die ehem. 1. u. 2., wenn sie in den Urlaub gefahren wurden, natürlich mit dem Dienstwagen, z.B. der 2. bis zur Ostsee, müßten diese alles zurückzahlen.
Ganz zu schweigen davon, daß gerade diese Sorten nur beim ehem. HO-Direktor N.N. anriefen, und sie bekamen von ihm alles, aber auch alles, was das Herz begehrte. Z.B. Gefrierschränke, wo ein gewöhnlich Sterblicher Jahre darauf warten mußte. Auch die ehem. KPKK-Vorsitzende N.N. war eine derjenigen, die sich einiges, Kraft ihres Namens und der Dienststellung ergaunert hat. Heute als Rentnerin besitzt sie noch immer die Frechheit, mit ihrer hohen Rente zu prahlen und ist noch immer der Meinung, daß um den 9. Okt. 89 herum doch hätten die Panzer anrollen müssen.
Was macht man eigentlich mit solchen Elementen, die einmal für die ehem. Stasi als Spitzel gearbeitet haben? So z.B provozierte der heutige Koch N.N. von der Schraube gewisse Leute, um sie dann dem Herrn N.N. (gemeint ist ein Stasi-Major, d. Verf.) zu melden.
Auch der Herr N.N. hatte Sonderprivilegien in der ehem. KL. Er fuhr ja auch regelmäßig ins Parteiheim, natürlich kostenlos, für Mindestrentner war da nichts drin.
Und wann endlich bekommt die ehem. KL-Mitarbeiterin N.N., die ja jetzt so schnell aus der SED rausgehen mußte, weil sie es nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren kann, eine andere Arbeit? Wo war denn ihr ‘Gewissen’, als sie nicht wenige Personen bei der KL denunzierte. Sie war nämlich sehr stolz darauf, Leiterin der X-stelle nur durch Parteiauftrag geworden zu sein. Durch diese Partei bekam sie ja auch regelmäßig ihre Auslandskuren und eine schöne Inv.-Rente.
Und wann endlich räumen die Herren N.N. u.a.m. ihre Häuser? In das ehem. Rausch-Haus wären sehr gern Familien mit Kindern eingezogen, aber der Herr N.N. war ja von der KL (im Weiteren werden einige Genossen erwähnt, die sehr viel Wohnraum beanspruchten, d. Verf.). Und zuletzt könnte einmal überprüft werden, wie und mit welchen Mitteln, das Haus in Weitersroda von Herrn N.N., arbeitet in der Nervenklinik, gebaut wurde. In der Belegschaft wird erzählt, daß Baumaterial für die Nervenklinik zu seinem Haus gefahren wurde.
Und wer war eigentlich für unsere letzten Wahlen, wo ganzseitig durchgestrichene Wahlzettel als gewählt gezählt wurden, verantwortlich?
Bitte entschuldigen Sie, daß wir nicht unterschreiben, denn noch immer haben wir Angst vor Repressalien.
            Ihrem Neuen Forum wünschen wir viel Erfolg.
               (leicht bearbeitet)

Januar 1990
Grenztruppen der DDR
(Nach Akten der Bayerischen Grenzpolizei bearbeitet)

Auch wenn das äußere Erscheinungsbild der Grenzsperrablagen in Form von Metallgitterzäunen (MGZ), Grenzsperr- und Signalzäunen (GSSZ), Kontrollstreifen (KS) nicht wesentlich verändert erscheint, so hat sich doch die Bedeutung dieser Anlagen verändert. Zahlreiche Veränderungen haben sich ergeben, die oft nur dem „Insider“ auffallen: Bis auf eine Ausnahme sind alle Hundelaufanlagen (HLA) beseitigt Ebenso wurden aus den Hundefreilaufanlagen (HFLA) mit einer Ausnahme alle Hunde entfernt. Über den Verbleib dieser eingesetzten Hunde ist in den Medien wiederholt berichtet worden.


Der innere Zaun mit noch intakter Hundelaufanlage im Januar 1990 an der Grenze zu Unterfranken.

Ebenfalls konnten bis zum Ende des Berichtszeitraumes keine Signalanlagen mehr ausgemacht werden.
Ein Großteil der erst in den vergangenen drei Jahren errichteten Halogenstrahlersperren (Sp) ist zwischenzeitlich abgebaut worden. Nach Aussagen von ranghohen Offizieren der DDR-Grenztruppen ist geplant, den GSSZ bis zum Ende dieses Jahres abzubauen. Bis heute wurden zwar lediglich 4,3 km GSSZ völlig abgebaut, aber bereits 80 km der Signalverdrahtung vom GSSZ entfernt. Personalmangel und fehlendes Gerät scheinen den Fortgang der Arbeit zu verzögern.
 


Abbau von Grenzanlagen.
Sammlung Reinhold Albert, Sternberg

Im Hinblick auf den vorderen Zaun ist bekannt, dass ein Abbau erst zu einem späteren Zeitpunkt geplant ist. Beim Abbau der Sperranlagen sollen nach Aussagen der Grenztruppen Aspekte des Naturschutzes soweit wie möglich berücksichtigt werden.
Durch die Beendigung der „Regel-Wehrdienstzeit“ und das Angebot der Dienstzeitverkürzung für bestimmte Personengruppen ist der Personalbestand bei den DDR-Grenztruppen erheblich gesunken. Dies hatte eine Auflösung von mehreren Grenzkontrollpunkten sowie eine Änderung der Grenzüberwachung zur Folge. Verstärkt wurde dieser Effekt noch durch die Einführung der 45-Stunden-Woche und die Übernahme zahlreicher zusätzlicher GÜG bzw. GKP.
Die zahlreichen Grenzbesucher verletzten in unveränderter Weise den Grenzverlauf zur DDR, da dieser als solcher kaum noch von der Bevölkerung anerkannt wird. Vermutlich wurden durch diesen Personenkreis auch wieder zahlreiche Embleme von DDR-Grenzsäulen entwendet bzw. beschädigt. Nachdem davon nur noch ein Restbestand vorhanden ist, wendeten sich die „Souvenirjäger“ nunmehr auch offensichtlich den bundesdeutschen Grenzhinweiszeichen zu.
Das Verhalten der Grenzsoldaten gegenüber den eigenen Kräften ist nach wie vor freundlich. Eine im DDR-Bezirk Suhl festgestellte Abkühlung dieser Verhältnisse war nur von kurzer Dauer.
Bis zum 19.01. war im Grenzgebiet kein Hubschrauber der DDR-Grenztruppen zur Grenzüberwachung eingesetzt; die Gründe sind nicht bekannt.

Februar 1989

März - Oktober 1990

Auszüge aus dem Manuskript von Hans-Jürgen Salier
Eigentlich nicht erwähnenswert ...



Es ist ein eigener grillenhafter Zug, dass wir durch Schweigen das Geschehene für uns und andere zu vernichten glauben!
(Johann Wolfgang von Goethe
1749 – 1832
deutscher Dichter, Naturwissenschaftler, Staatsmann)
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