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Königsberger Klopse

Hans-Jürgen Salier

Königsberger Klopse

Allein zu essen (solipsismus convictorii) ist für einen philosophierenden Gelehrten ungesund; nicht Restauration, sondern (vornehmlich wenn es gar einsames Schwelgen wird) Exhaustion; erschöpfende Arbeit, nicht belebendes Spiel der Gedanken. Der genießende Mensch, der im Denken während der einsamen Mahlzeiten an sich selbst zehrt, verliert allmählich die Munterkeit, die er dagegen gewinnt, wenn ein Tischgenosse ihm durch seine abwechselnde Einfälle neuen Stoff zur Belehrung darbietet; welchen er selbst nicht hat ausspüren dürfen.

(Immanuel Kant (1724 – 1804, Königsberg

In: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, erstes Buch, § 59, A 248/B 247) 

Das ist schon ein starkes Stück, dass ausgerechnet HJS den großen Aufklärer und Philosophen bemühen muss, um Königsberger Klopse anzupreisen. Das ist schon überspannt. Hätte er ganz oben notiert:  

           Allein zu essen ist für einen philosophierenden Gelehrten ungesund.

Das hätte vollauf genügt, denn der Gedanke wird nicht anders zitiert.  

HJS mag keine Tiefkühl- oder Dosenklopse, denn das Leben ist zu kurz, um standardisierte Massenware mit Geschmacksverstärkern, künstlichen Aromen und Konservierungsstoffen zu essen. Essen pur ist angesagt.   

Die Königsberger Klopse gehören zu den bekanntesten regionalen Speisen, immerhin sollen laut „Forsa“ 93 Prozent der Bevölkerung dieses Gericht kennen, das vor mehr als 200 Jahren erstmals von der Köchin eines Königsberger Handelshauses gekocht worden sein soll. Viel hat sicherlich Otto Normalverbraucher nicht von der großen und wechselvollen Geschichte der heute russischen Stadt Калининград im Samland zwischen dem Frischen Haff und dem Kurischen Haff, dem einstigen Wirtschafts- und Kulturzentrum Ostpreußens, gehört, vielleicht, dass der große Philosoph Immanuel Kant von dort stammt, der als bedeutendste Persönlichkeit der abendländischen Philosophie gilt. Er schuf die Grundlagen der modernen Philosophie. Nach der Revolution von 1989 wurde in der Heimatstadt von HJS der Platz zwischen der ehemaligen Bürgerschule, der Christuskirche und dem Bibliographischen Institut/Altes Technikum/Joseph-Meyer-Schule nach Immanuel Kant benannt.

Die ehemalige Hansestadt Königsberg war von 1457 bis 1945 Hauptstadt des östlichen Preußens und zählte um 1940 knapp 400.000 Einwohner. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Großstadt vor allem durch britische Bomberverbände zerstört. Im Ergebnis der Potsdamer Konferenz annektierte am 17. Oktober 1945 die UdSSR das nördliche Ostpreußen, sicherte sich damit einen militärischen Zugang zur Ostsee und gliederte es am 7. April 1946 der Russischen Sowjetrepublik (RSFSR) an. Die Hauptstadt der Königsberger Oblast (Verwaltungsbezirk) wurde am 4. Juli 1946, einen Monat nach dem Tod des sowjetischen Staatspräsidenten Michail Kalinin, in Kaliningrad umbenannt. Von den noch im August 1945 etwa 110.000 verbliebenen Deutschen, vor allem Frauen, Kinder und Alte, fielen 95.000 der Zwangsarbeit, dem Terror, den Seuchen, der Hungersnot und brutalsten Folterungen zum Opfer. Dem Rest gelang eine meist entbehrungsreiche Flucht, viele wurden zwangsdeportiert. – Die Stadt mit ihrer 700-jährigen deutschen Vergangenheit erhielt den Namen des sowjetischen Staatsoberhaupts Michail Kalinin (1919 – 1946), der ein willfähriger Helfershelfer Stalins war. Er hatte nicht viel zu sagen, an seinen Händen klebte aber das Blut unzähliger unschuldiger Menschen. In seiner Biografie ist auch keinerlei Beziehung zu dieser Stadt zu finden, die noch heute den unrühmlichen Namen Kalinin trägt. Bis nach 1990 war die Stadt militärischer Sperrbezirk. In der Stadt war im Sowjetreich nahezu die gesamte deutsche Vergangenheit getilgt worden.  

Der Begriff „Königsberger Klopse“ war in der DDR nicht offiziell geduldet, denn das Bruderland hieß Sowjetunion, und aus Königsberg war Kaliningrad geworden. Allein die Namensnennung wäre blanker Revanchismus gewesen. In der DDR gab es die Königsberger Klopse in den meisten Kochbüchern nicht. Man log sich neue Wahrheiten zurecht und erfand Namen. Man nannte die berühmten Königsberger Klopse fortan Kochklopse. Da es noch mehr solcher „fragwürdiger“ oder des Fragens würdiger Gerichte gab, propagierte man neue Namen mit der Begründung, eigene „Nationalgerichte“ zu pflegen, Traditionspflege à la DDR.  

Was HJS an den heutigen Rezepten der Königsberger Klopse stört, ist, dass sie nicht mehr „stilgerecht“ mit Sardellen oder Sardellenfilets zubereitet werden. Wenn es doch wenigstens ein Hering oder ein Matjes wäre. Das ist bei diesem Gericht Pflicht und macht das Besondere aus. Selbst Hedwig Kost titelt das Rezept in ihrem 70 Jahre alten Kochbuch „Königsberger Klops oder Heringsklops“.  

Zutaten für 6 Personen
 
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600 g    Gehacktes (Kalb oder Rind oder Rind xxund Schwein)

1
   Brötchen oder Weißbrot (altbacken)

     Semmelmehl (nach Bedarf)

  4 – 5
   Sardellenfilets (aber auch Heringsfilet xxoder Matjes)

2    Zwiebeln (mittlere)

  2
   Eier

60 g    Butter

50 g    Mehl

3 EL    Kapern

200 ml    Weißwein

6 EL
   Saure Sahne oder Crème fraîche

1 EL
   Zitronensaft 
 
2 EL 
   Petersilie

Gewürze    Salz (möglichst Meersalz), Pfeffer xx(weiß), Zucker, Gemüse- oder xxHühnerbrühe für ca. 1 l, Muskat (Msp), xxPfefferkörner, 2 Lorbeerblätter, xxWacholderbeeren, Pimentkörner, Abrieb xxvon Zitronenschale

 
Zubereitung

1.   Das in lauwarmem Wasser oder Milch eingeweichte Brötchen oder Weißbrot wird ausgedrückt und auf das Hackfleisch in einer größeren Schüssel gegeben. Darauf kommen die klein gehackten Zwiebeln und die sehr fein gehackten Sardellenfilets, darauf die 2 Eier und mit Salz, Pfeffer, Zitronenabrieb und Muskatnuss. Die Masse wird mit einem Rührlöffel gründlich vermischt. Ist sie zu feucht, wird noch Semmelmehl eingearbeitet. Die Masse ruht anschließend 30 – 60 min.

2.     In einem Topf wird die Butter geschmolzen, das Mehl leicht hellgelb angeschwitzt. Die heiße Fleisch- oder Gemüsebrühe wird langsam hinzu gegossen und glatt verrührt. Zur Soße kommen die Kapern, der Zitronensaft und der Weißwein sowie die Gewürze.

3.   Aus der Hackmasse werden kleine Klößchen mit einem Durchmesser von ca. 3 cm – 4 cm geformt und in die Soße gegeben. Man lässt alles ca. 15 min köcheln, gar ziehen und schmeckt evtl. noch mit Salz und anderen Gewürzen ab, z. B. einem Schuss Zitronensaft, der der Soße eine frische Note gibt. Ist die Soße zu dünn, wird sie mit Eigelb oder mit Speisestärke gebunden.


4.      Die gefüllten vorgewärmten Teller werden mit Petersilie dekoriert, zudem wird nach Landessitte eingelegte Rote Bete gereicht.


Beilage
n

                 Salzkartoffeln, Kartoffelpüree, Reis 

Tipp

-         Die Klopsmasse nicht mit den Händen kneten, sondern mit dem Kochlöffel. Das ist nicht nur hygienischer, sondern die Klopse werden lockerer. Das gilt übrigens auch für die Fleischklößchen (Frikadellen).

 

Das revolutionärste Buch, das wir besitzen, das Neue Testament, ist nicht erschöpft.
(Carl Friedrich von Weizsäcker
1912 – 2007
deutscher Physiker, Philosoph und Friedensforscher)
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