Eine Seite für Hildburghausen

Markttag Jahr 1603


 Albert Buff

 Markttag in Alt-Hildburghausen


Man schrieb das Jahr 1603. Das Amt Hildburghausen gehörte dazumal zum Herzogtum Coburg unter Johann Casimir, wurde aber von Heldburg aus, wo der Amtsschosser auf der Veste seinen Sitz hatte, mit verwaltet. Erst Jahrzehnte später erhielt Hildburghausen einen eigenen Amtmann.

Die kleine Ackerbürgerstadt mit rund 2.500 Seelen besaß günstige Entwicklungsmöglichkeiten. Sie lag da an der Werra, wo die uralte Straße von Franken herauf am Straufhain vorbei den Fluss kreuzte, und wurde berührt von der Linie, die bei Coburg von der Nürnberger Handelsstraße abzweigte und über Eisenach nach Hamburg führte. Somit war sie angeschlossen an bedeutsame Verkehrswege. Die Bevölkerung war regsam und dem Fortschritt zugeneigt. Meist Handelsleute und Handwerker. Alle betrieben neben ihrem Geschäft ein wenig Landwirtschaft, hielten sich eine Kuh, Ziegen, Schweine, Geflügel und Schafe. Damit standen sie in enger Verbindung mit der Natur, und sie sahen öfter zum Himmel empor als die Besitzlosen, denn sie wussten wohl, dass es mit der pfleglichen Behandlung des Ackers und der sorgfältigen Einbringung der Saat in den Boden nicht getan war, sondern dass der Allmächtige seinen Segen dazu geben musste.

In diesem Jahre hatte sich der Wettergott sehr gnädig erwiesen. Auf strahlende Sonnentage folgten ausgiebige Regenfälle und erquickende Gewitter, so dass die Feldfrucht üppig gedieh. Frohen Herzens brachten die Leute die Körner unter Dach und Fach, und inbrünstige Gebete stiegen am Erntedankfest zum Höchsten empor. Das Brot war gesichert, und an Fleisch mangelte es auch nicht. So konnte man sorglos dem Winter entgegensehen.

Nun aber verlangte Alt und Jung nach Wochen mühevollen Schaffens und saurer Arbeit nach einer Entspannung. Die Freude am Dasein und einer ungehemmten Existenz wollte sich austoben. Das sollte geschehen am Michaelistag, wo der Michaelismarkt, einer der Hauptfesttage des Jahres, sich im Städtchen abspielte. -

Der 29. September brach an. Eine dicke Nebelschicht lagerte über den Häusern der Stadt, über Baum und Strauch, und wogte gleich einem milchigen Meer zwischen den Kalkbergen des linken Werraufers und dem jenseitigen Sandhöhenzug des Stadtwaldes. Aber die Sonne kämpfte sich durch, und als sie die Schwaden zu Boden gezwungen, beleuchtete sie Tausende von hauchzarten Gespinsten, die sich wie winzige, von Geisterhand gewebte Teppiche an den Hecken und Zäunen ausspannten. Die Alten schmunzelten: “Es gibt einen prächtigen Tag - der Altweibersommer fliegt.”

Auf den Zugangsstraßen des Städtchens herrschte ungewöhnliches Leben. Bauern und Bäuerinnen zogen mit Karren und Körben fürbass, hochbepackte Wagen, mit einer Leinwandplane überwölbt, knarrten einher, Bauernburschen trieben glatte, sauber gestriegelte Gäule vor sich her. Sie kamen von Weitersroda, Veilsdorf und Hessberg, Eishausen, Steinfeld, Stressenhausen und auch von weiter her zum Oberen Tor. Hier drängten sich Fahrzeuge und Fußgänger. Wagen und Karren mussten halten und ihre Ladung zur Entrichtung des Zolls nachprüfen lassen. Von einem gefärbten Tuch wurden 2 Pfg. erhoben, von einem ungefärbten 1 Pfg., von einem Fuder Wein 6 Pfg., von einer Getreidefuhre soviel Pfennige, wie Pferde vorgespannt waren. Der Zoll gehörte zur Hälfte dem Fürsten, zur Hälfte der Stadt. Das geringe Weggeld der Fuhrleute floss allein in die Stadtkasse. Alle aber waren diesmal vom Geleit befreit, denn der Landesherr hatte den Michaelismarkt auf drei Tage mit freiem Geleit begabt, während sonst für die Bewachung der Hauptstraßen zur Sicherung des Verkehrs eine staatliche Gebühr festgesetzt war.

Die angetriebenen Pferde, Kühe, Schweine und Schafe hielten auf dem freien Platz der Vorstadt vor dem Oberen Tor, wo der Viehverkauf stattfand. Hier merkte man nichts vom städtischen Charakter Hildburghausens, war doch die Weth, der kleine Teich, dauernd von Gänsen und Enten bevölkert, und Schweine, Hühner und Tauben liefen frei umher und suchten sich etwas für die hungrigen Mägen. Viele Rosse scharrten heute den Boden und nahmen ihr Futter aus dem umgehängten Sack. Herzog Johann Casimir, dessen Eintreffen ein reitender Bote angekündigt, hatte nämlich für die besten Koppelpferde einen silbernen Steigbügel als Preis gestiftet.

In den Hauptstraßen der Stadt wogten die Menschen durcheinander. Auf dem geräumigen Marktplatz hatten die Verkäufer ihre Waren auf Ständen, Tischen und Krambuden ausgelegt, die Bäcker und Metzger hielten im Säulendurchgang des Rathauses feil, wo sie ihre Produkte zur Schau und Auswahl auf Bänken darboten. Auf dem Häfenmarkt prangten ganze Stapel von bunt bemalten Tellern, Schüsseln, Tassen und Krügen. Das Töpferwerk glänzte im Sonnenschein, und die farbigen Blumen und roten Herzen an dem Geschirr mit den launigen Verslein darunter lockten viele Neugierige an.

Was gab es aber erst auf dem Marktplatz zu bewundern! Hier schoben sich die Menschenmassen von Stand zu Stand, von Krambude zu Krambude. Derbe Bauerngestalten neben städtisch gekleideten Personen. Hie und da tauchte ein Reiter auf, das Schwert an der Seite, an der vornehmen Tracht den adligen Herrn verratend. Herblassend sah er auf das Gewirr und lenkte dann sein Ross zur Geschlechter-Trinkstube im Ratsgasthaus. Dort traf er seinesgleichen und tat sich gütlich an einer auserwählten Mahlzeit und teuerem ausländischen Wein. Das Gewächs vom Questenberg* und der Birkenfelder Leite, das nur dürftige Trauben hervorbrachte, die der Süßigkeit entbehrten, behagte seinem Gaumen nicht. Die Einheimischen aber tranken den inländischen Wein gern, wurde er doch mit Kräutern, Gewürz und Honig versetzt und als Lautertrank oder Würzwein verzapft. Reichlicher floss das Bier, nicht nur, weil es billiger war, sondern auch den Durst nach der Feldarbeit besser stillte.

Die Marktbesucher warteten ungeduldig auf den Beginn des Verkaufs, der durch die rote Fahne angezeigt wurde, die jeden Augenblick am Barockgiebel des Rathauses erscheinen musste. Endlich war es so weit. Sofort setzte ein lärmendes Feilschen und Handeln ein. Berge von Leinwand waren aufgebaut, vom groben Sacktuch bis zum feinsten weißen Gespinst. Gefärbte und ungefärbte Wollstoffe gab es zu erstehen. Tuche, Decken, Bänder in allen Farben, Schuhe, Kappen, Hauben und Schürzen, mit den zierlichsten Mustern bedruckte Kattunstoffe, Zinnkrüge und Humpen, Sicheln und Sensen, Holzschnitzereien und tausend Kleinigkeiten des Haushalts. In der Gewürzbude hielt der Krämer Pfeffer, Zimt, Nägelein und Muskatnüsse feil, Dinge, die damals viel begehrt waren, aß man doch mit Vorliebe stark gewürzte Speisen. Die Nürnberger Pfefferküchlein waren natürlich auch vertreten, man reichte sie in den Bürgerhäusern gern als Nachtisch. Mit lauter Stimme pries ein Wunderdoktor seine Heilmittel an: Fuchslunge, mit Wein zubereitet, gegen Asthma und Ragout von einer fetten Gans oder kleinen Katzen oder Herz, Blut und Leber des Maulwurfs, zu Pulver gebrannt und mit Öl und Honig zu einer Salbe bereitet, gegen die Gicht, Eselsmilch gegen Zahnschmerz, Silberschaum gegen Krätze, ”das wahre philosophische Goldsatz” gegen Flüsse und Katarrhe, Nieren- und Blasensteine.

Die Stände mit den Schmucksachen zogen namentlich die Burschen, Maiden und Kinder an. Mit glänzenden Augen betrachteten sie die goldschimmernden Halsketten, die Ringe mit funkelnden Steinen, die Armbänder, Broschen und Gürtelschließen.

Wer Geld im Sack hatte, kaufte nach Herzenslust ein, maß die erhandelten Stoffe an der eisernen Elle des Rathauses nach und prüfte das Gewicht seiner erstandenen Waren mit der Ratswaage.

Verdächtige Gestalten, die nur mit Kupfermünzen in der Tasche klimpern konnten, drückten sich um die Krambuden und wurden von den Stadtknechten, die scharfe Anweisungen für diesen Tag hatten, ständig beobachtet. Die Versuchung war groß für die Habenichtse, und manch einer wagte es, wenn der Besitzer einen Käufer bediente und sich die Menschen stauten, lange Finger zu machen. Da war aber auch schon die Marktpolizei zur Stelle, griff den Dieb und schleppte ihn zum Schnellgericht, das im Rathaus tagte. Mit Geld konnte man den Schelm nicht büßen, so musste er einige Stunden am Pranger stehen oder ”auf den Erker steigen”, wie man damals sagte, vielleicht auch einen Tag im ”Narrenhäuslein” im Durchgang des Obertors schmachten, wo er von den vielen durchpassierenden Menschen Hohn und Spott genug zu ertragen hatte.

Für Belustigung der Marktbesucher sorgte fahrendes Volk, das an den Markttagen, wo das Geld im Beutel ein wenig lockerer saß als sonst, nie fehlte. Seiltänzer zeigten ihre tollkühnen Kunststücke, Zauberer hielten die Zuschauer mit ihren unbegreiflichen Experimenten in Atem, Possenreißer erzählten Witze und Schwänke, und lautes Gelächter folgte ihren Schnurren und humorvollen Darbietungen. Auf einer Bank stand ein dunkelhaariges Weib und sang mit schriller Stimme von einer ”Moritat”, die sich irgendwo zugetragen, während ihr Mann auf einer grell bemalten Leinwand die schauerlichen Einzelheiten aufzeigte. Dann sammelten die Gaukler ein und waren froh, wenn die Leute nicht davonwischten, sondern Heller und Pfennige in den Zinnteller warfen.

Plötzlich schallte ein Hornruf über den Marktplatz. Herzog Johann Casimir ritt mit Gefolge und einer Meute von Hunden ein, denn er wollte anschließend zur Hirschjagd und zur Federwildjagd auf dem 180 Morgen großen Stressenhäuser See, dessen weite Wasserfläche man vom Südhang des Stadtberges im Rodachgrund blinken sah. Ehrfürchtig machten die Leute Platz, der Tross hielt vor dem Rathaus. Sogleich eilten zwei Ratsherren mit einem gewaltigen Humpen herbei und reichten den ”Willkommen”, eine Spende edlen firnen Weins. Das Gefolge wurde im Schlundhaus mit Wein, Fischen und Küchenspeise traktiert. Johann Casimir war als wohlhabender, gerechter und nach seiner Devise ”Friede ernährt, Unfriede verzehrt!” dem Kriegstreiben abholder Landesherr allgemein beliebt. Die Stadt Hildburghausen hatte ihm mancherlei zu verdanken. Doch bedeutete seine Anwesenheit für den Rat keine ungetrübte Freude, denn nach altem Herkommen war dem hohen Besuch ein Geschenk darzubieten, das in den Stadtsäckel ein bedenkliches Loch riss. Der Rat hatte dem Goldschmied Auftrag erteilt, einen silbernen Becher anzufertigen. Der geschickte Meister lieferte ein prachtvolles Stück, mit einem Hirsch in getriebener Arbeit geziert. Jetzt präsentierte der erste Bürgermeister dem Herzog die Ehrengabe der Stadt. Sie wurde huldvoll entgegengenommen. Indessen tobten die losgelassenen riesigen Hunde auf dem Platz herum, bedrängten die ängstlich zurückweichenden Menschen und zerbissen und zerfetzten etliche bürgerliche Köter, die sich zu nahe an sie herangewagt hatten, ohne dass jemand dem blutigen Spiel Einhalt gebot. Nach kurzem Aufenthalt ritt die Kavalkade weiter zum frohen Gejaid.

Am Michaelistag herrschte in der Badstube der Badergasse Hochbetrieb. Die Bauern und Bäuerinnen benutzten die Gelegenheit zu einer gründlichen Säuberung. Der Bader oder Chirurg, wie er sich gern nannte, hatte vollauf zu tun, um den Männern nach dem Bad die Haare zu schneiden, Schröpfköpfe anzusetzen, zur Ader zu lassen und Beulen und Wunden zu behandeln. Den Frauen musste er schadhafte Zähne ziehen, die Nägel schneiden und zuweilen auch die Haut durch Schlagen mit Zweigen massieren. Das Marktfest zu Michaeli war für den Bader der Hauptgeschäftstag des Jahres, und so werkte er mit seinen Gehilfen unverdrossen vom frühen Morgen an, wenngleich er auch gerne die Kostbarkeiten der Stände und Buden besichtigt hätte. Nun, der Abend brachte ihm die wohlverdiente Erholung.

Bei anbrechender Dämmerung wurde die rote Fahne eingezogen, der Markt war beendet. Die Besucher hatten sich reichlich eingedeckt, die Verkäufer füllten schmunzelnd ihre Geldkatzen mit den eingenommenen Münzen. Die Anfuhr lohnte sich, der Planwagen musste nur mit leeren Kisten beladen zu werden. Auch der Stadtrat war zufrieden, hatte doch das Schnellgericht bloß drei Diebstähle abzuurteilen und einen Leichtverletzten dem Spital zuzuweisen, der bei einer der üblichen Prügeleien einige ungefährliche Messerstiche davontrug.

Die Landleute der Umgebung machten sich auf den Heimweg, die weiter her Gekommenen machten ihre Nachtquartiere auf. Den Bürgern der Stadt aber winkten noch einige frohe Stunden. Sie schritten plaudernd durch die Gassen und blieben da und dort stehen, um einen Bekannten oder Zunftgenossen zu begrüßen. Schließlich landeten sie in ihren Trinkstuben. Hei, was ging es im Schlundhaus, in der Garküche, im Bären und in der weißen Schwane am Steinweg lustig her! Die Handwerker waren in den Zunftstuben mit den Mitmeistern unter sich und konnten ungestört von ihren Wanderjahren erzählen, wirtschaftliche Dinge und die Tagesereignisse besprechen und politisieren. Natürlich kam es zuweilen vor, dass sich Hitzköpfe in die Haare gerieten, aber dem gütlichen Zureden der Obermeister gelang es meist rasch, sie zur Besinnung zu bringen.

In den öffentlichen Schänkstuben fand der Eintretende laute Gesellschaft und die verschiedenartigsten Gäste vor. An den klobigen Holztischen saßen städtische Beamte und Knechte, lateinische Scholaren, fahrende Gesellen und Gaukler, teils wüste Gestalten mit wilden Gesichtern und kreischenden Weibern. Wenn einer der Fremden erzählte, dann lauschten die Einheimischen, denn sie erfuhren hier Neuigkeiten, etwas von dem, was sich in der weiten Welt abspielte: Aber die bramarbasierenden** Strolche suchten gern Händel und hielten es nicht lange bei harmloser Unterhaltung aus. Wehe, wenn einer ihre Aufschneidereien bezweifelte oder ihrem Zutrinken den Bescheid versagte! Dann fielen hässliche Reden, die Bierkrüge flogen, und die Messer fuhren aus der Scheide. Der stämmige Wirt musste eingreifen und Frieden stiften.

Als das Ratsglöcklein läutete, leerten sich die Wirtshäuser rasch, denn in diesem Punkte achtete der Rat auf strengste Ordnung. Die Tore wurden geschlossen, die Häuser lagen dunkel und stumm, nächtliche Ruhe senkte sich auf die Stadt hernieder. Die Stadtwache machte sich zu Rundgängen bereit, und der Nachtwächter schritt mit Horn und Spieß durch die menschenleeren Gassen.

*     Häselriether Berg

**    prahlenden 

Aus: Hans-Jürgen Salier und Bastian Salier: Hildburghäuser Lesebuch. – Verlag Frankenschwelle KG, Hildburghausen, 1999, S. 33 ff.

 

 

Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde.
(Karl Jaspers
1883 – 1969
deutscher Philosoph)
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