Eine Seite für Hildburghausen

Martin Bötzinger


Leben und Leiden während

des Dreißigjährigen Krieges 

 

Zur Vorgeschichte

Höhepunkte der Kriegshandlungen im Herzogtum Coburg sind am 28. September 1632 die Einnahme Coburgs und die Belagerung der Veste durch 8.000 Mann unter Befehl des kaiserlichen Oberbefehlshabers Albrecht von Wallenstein und des bayerischen Kurfürsten Maximilian. Oberst von Taupadel trotzt mit 650 Mann dem sieggewohnten Friedländer.

 

 

Es kommt zum Abbruch der Veste-Belagerung, und getreu seiner Maxime, dass der Krieg den Krieg ernähre, gibt Wallenstein das Coburger Land zur Plünderung frei. Eisfeld, Rodach, Heldburg, Ummerstadt und viele Dörfer in der Umgebung erleiden Entsetzliches. Um den 1. Oktober 1632 suchen etwa 1.000 Flüchtlinge in Hildburghausen und in den umliegenden Wäldern Schutz. Sie berichten von Grausamkeiten.

 

Der berühmt gewordene Erlebnisbericht des Pfarrers Martin Bötzinger (1599 - 1673) aus Poppenhausen bei Heldburg ist ein erschütterndes Dokument. Der Geistliche, der sich nach Greueltaten der Soldateska nach Hildburghausen rettet, schreibt auch über die vielen in Hildburghausen eintreffenden Flüchtlinge und, dass Bürger die Stadt verlassen, um selbst Schutz in den Wäldern zu finden. 

Als wir nun bei den Heideäckern waren, ritten acht Reiter, es waren Kroaten, oben auf der Höhe. Da sie unser gewahr wurden, errannten sie uns eilends. Zwei Bürger entkamen. Ich musste am meisten aushalten. Sie zogen mich aus, Schuhe, Strümpfe und Hosen, und ließen mir nur die Kappe. Mit den Hosen gab ich ihnen meinen Beutel Geld, den ich vor drei Stunden hinten in die Hose gesteckt und so vor den ersten Mausern gerettet hatte. Die Not war so groß, dass ich nicht an meinen Beutel dachte, bis ich ihn zum letzten Mal sah. Sie forderten tausend Taler, danach fünfhundert, endlich hundert für mein Leben. Ich sollte mit in ihr Quartier und musste barfuß eine Stunde lang mitlaufen.

Endlich wurden sie gewahr, dass ich ein Pap oder Pfaff wäre, welches ich ihnen auch gestand; da hieben sie mit ihren Säbeln auf mich hinein, ohne Diskretion. Und ich hielt meine Arme und Hände entgegen, habe durch Gottes Schutz nur eine kleine Wunde unten an der Faust bekommen. Etliche gaben den Rat, mich zu entmannen. Der Obrist aber, ein stattlicher Mann, wollte es nicht zugeben.

Unterdessen wurden sie eines Bauern gewahr, welcher sich in den Büschen besser verkriechen wollte. Es war der reiche Kaspar von Gellershausen, auf solchen ritten sie alle zu, und es blieb nur einer bei mir, welcher ein geborener Schwede und gefangen worden war. Dieser sagte zu mir: "Pape, Pape, leff, leff, du müst sonst sterfen." Auch sagte er, er wäre gut schwedisch. Ich fasste Vertrauen zu dem Rat und bat ihn, wenn ich liefe, sollte er mir zum Schein nachreiten, als wenn er mich einholen wollte. Und also geschah es, dass ich den Kroaten entkam. Der reiche Kaspar aber musste an jenem Orte elend sterben. Sie haben ihm die Kniekehlen entzwei gehauen. Darüber ist er an diesem Ort liegen geblieben und wurde nach Abzug der Feinde gefunden.

Also saß ich, bis es Nacht wurde, stand auf und ging immer dem dicken Gebüsch nach, so kam ich heraus, dass ich gen Seidenstadt* hinaussehen konnte. Ich schlich mich in das Dorf, und weil ich Hunde bellen hörte, hoffte ich, Leute zu Haus anzutreffen; aber da war niemand. Ich ging deswegen in einen Stadel und wollte mich zu Nacht auf dem Heu behelfen. Da schickt Gott, dass die Nachbarn, die im Strauchhahn** sich verkrochen gehabt, eben hinter diesem Stadel zusammengekommen und beraten, wo sie sich wieder sammeln und wo sie hingehen wollen. Das konnte ich deutlich hören, stieg deswegen herab und ging auf das Haus zu. Da war der Bauer gerade hinein, hatte ein Licht angezündet, stand im Keller und rahmte die Milch ab, die er essen wollte. Ich stand oben am Loch, redete ihn an und grüßte ihn. Er sah auf und sah den unteren Teil des Leibes, nämlich das Hemd und nackte Beine, und oben schwarz. Er erschrak sehr, als ich ihm aber sagte, dass ich Pfarrer zu Poppenhausen und von Soldaten ausgezogen wäre, trug er die Milch herauf, und ich bat ihn, dass er mir bei seiner Nachbarschaft von Kleidern etwas zuwege brächte. Ich wollte mit ihnen, wohin sie auch gehen würden. Er ging aus, unterdessen machte ich mich über seinen Milchtopf und leerte ihn ganz aus. Es hat mir mein Lebtag keine Milch so wohlgeschmeckt. Er kam nebst andern wieder und brachte mir einer ein Paar alte lederne Hosen, die von Wagenteer sehr übel rochen, ein anderer ein paar alte Riemenschuhe, ein anderer zwei Strümpfe, einen grünen und einen weißen wollenen. Diese Livree schickte sich weder für einen Reisenden, noch für einen Pfarrer. Dennoch nahm ich's mit Dank an, konnte aber in den Schuhen nicht gehen, denn sie waren hart gefroren. Die Strumpfsohlen waren zerrissen, und ich ging mit ihnen mehr barfuß als beschuht nach Hildburghausen. Wenn wir uns umsahen, so sahen wir, wie es im Itzgrund an vielen Orten lichterloh aufbrannte. Damals gingen auch Ummerstadt, Rodach, Eisfeld und Heldburg im Feuer zu Grunde.

Ich machte mit meiner Ankunft solchen Spektakel, Schrecken und Furcht zu Hildburghausen, dass sich niemand sicher wusste, obgleich die Stadt starke Wache hielt. Viele tausend Leute waren dahin gekommen. Mir war aber nur die Sorge, wie ich ein ehrlich Kleid, Strümpfe, Schuhe usw. bekommen möchte, ehe wir von da ausrissen. Ging deshalb unbeschuht zu Bürgermeister Paul Waltz, zum Diakonus usw., und bat, mir etwas zu schenken, damit ich mich ehrlich bedecken möchte. Herr Waltz schenkte mir einen alten Hut, der war fast eine Elle hoch, deformierte mich mehr als etwas anderes, gleichwohl setzte ich ihn auf. Herrn Schnetters Eidam*** schenkte mir ein paar Hosen, die über den Knien zugingen, die waren noch gut, Herr Dressel ein paar schwarze Strümpfe, der Kirchner ein Paar Schuhe. Also war ich staffieret, dass ich ohne Scham unter so viel tausend fremden Leuten, die in der Stadt Sicherheit suchten, und unter den Bürgern mich durfte sehen lassen. Der Hut aber entstellte mich gar sehr, darum trachtete ich auf Gelegenheit, wie ich einen anderen überkommen möchte. Es trug sich aber zu, dass das ganze Ministerium**** Schulkollegen und Rat sich heimlich vereinigt hatten, dass sie ohne Wissen der gemeinen Bürgerschaft nachts neun Uhr die Tore wollten öffnen lassen und davon gehen mit Weib und Kind. Dies erfuhr ich, ging deswegen in des Herrn Stadtschreibers Behausung, wo die Herren sich versammelten; niemand aber wollte meiner achten, noch mich kennen. Ich setzte mich allein an einen Tisch im Finstern; da wurde ich gewahr, wie ein fein ehrbarer Hut am Nagel hing. Ich dachte, wenn dieser bei ihrem Aufbruch liegen bliebe, so wäre es mir gut. Geht doch ohnehin alles zu Grunde nach dem Abzug. Und was ich wünschte und gedachte, das geriet mir. Es ging an ein Scheiden, Heulen und Valedizieren*****, ich legte den Kopf auf den Tisch wie ein Schlafender. Als nun fast jedermann im Abziehen war, hängte ich den langen Störcher an die Wand, tat einen Tausch und ging mit den andern Herren hinaus auf die Gasse.

Da war diese Verabredung unter den Leuten offenbar geworden. Und unzählig viele Leute saßen mit ihren Paketen auf der Gasse; auch viele, viele Wagen und Karren waren angespannt, die alle, als das Tor aufging, mit fortwanderten. Als wir ins freie Feld kamen, sahen wir, dass die guten Leutchen sich in alle Straßen verteilten. Da wurden viele tausend Windlichter gesehen, diese hatten Laternen, diese Strohschauben, andere Pechfackeln. In Summa etliche tausend Leute zogen in Traurigkeit fort. Ich und mein Haufe kamen um zwölf Uhr Mitternacht gen Themar ...

 

*        Seidingstadt

**      Straufhain

***    Schwiegersohn

****  Gesamtheit der Geistlichen

***** Abschiednehmen

 

Nach Martin Bötzinger: Leben und Leiden während des Dreißigjährigen Krieges. U. a. nach:

Gustav Freytag in: Bilder aus der deutschen Vergangenheit (1859 - 1867, 5 Bde.).

 

 

Zum Werk

Fast aus jedem Kirchdorf kann man Erinnerungen an die Leiden, die Ergebenheit und Ausdauer seiner Pfarrer zusammentragen. ... Unter den biografischen Aufzeichnungen protestantischer Pfarrer ist eine der lehrreichsten die des Franken Martin Bötzinger. Sowohl das Dorfleben zur Zeit des Krieges als auch die Verwilderung der Menschen wird aus seiner Erzählung zum Erschrecken deutlich. Bötzinger war kein großer Charakter, und die kläglichen Schicksale, welche er zu ertragen hatte, haben ihn nicht stärker gemacht. Ja, man wird ihm das Prädikat eines recht armen Teufels schwerlich versagen. Dabei besaß er aber zwei Eigenschaften, welche ihn für uns wertvoll machen: eine unzerstörbare Lebenskraft, welche mit nicht geringem Leichtsinn verbunden war, und jenes verzweifelte deutsche Behagen, das auch der trostlosesten Lage immer noch erträgliche Seiten abzugewinnen weiß. Er war ein Poet. Seine deutschen Verse sind durchaus erbärmlich, aber sie dienten ihm in der schlechtesten Zeit als zierliche Bettelbriefe, durch welche er sich Mitleiden zu verschaffen suchte. So hat er alle Amtleute und Schösser* der Parochie** Heldburg in einem gewissermaßen epischen Gedicht gefeiert, so die traurigen Verhältnisse von Coburg, wo er eine Zeit lang als Flüchtling verweilte.

Von dem Lebenslauf, den er niederschrieb, waren der Anfang und der letzte Teil schon abgerissen, als ihn Krauß seiner „Beyträge zur Erläuterung der Hochfürstl. Sachsen=Hildburghäusischen Kirchen= Schul= und Landes= Historie“ einverleibte. Aus diesem Fragment wird Bötzingers Lebensgeschichte mitgeteilt.

 

                                     Nach: Gustav Freytag (leicht bearbeitet)

 

*     Steuereintreiber

**   Kirchenamtsbezirk

*** erschienen zwischen 1750 und 1752
Politik: die Führung öffentlicher Angelegenheiten zum privaten Vorteil.
(Ambrose Bierce
1842 – ca. 1914, Mexiko
US-amerikanischer Journalist)
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