Eine Seite für Hildburghausen

Max Maria von Weber über Johann Peter Heuschkel


In der Capelle, welche der damals noch zu Hildburghausen residirende Herzog Friedrich von Meiningen (hier irrt der Autor, gemeint ist Friedrich Herzog von Sachsen-Hildburghausen, HJS) unterhielt, fungirte damals ein junger Kammermusiker, Johann Peter Heuschkel mit Namen, dem es um die Musik und ihre gediegene Ausübung in seltener Weise heiliger Ernst war. Er genoß daher, obwohl fast gar keine Compositionen von ihm gedruckt wurden, eines guten Namens unter den Musikern, denen er sich in dreifacher Eigenschaft: als tüchtiger Oboebläser, guter Organist und als Pianist, dessen Spiel sich durch besondere Sauberkeit und Präcision auszeichnete, bekannt gemacht hatte.

Heuschkel, des Schullehrers zu Harras Sohn, war im Jahr 1787, erst vierzehn Jahre alt, mit dem nachmaligen Dirigenten der Hildburghäuser Capelle, dem dreizehnjährigen Gleichmann, nach Hildburghausen gekommen, nachdem beide Knaben, um des Musikunterrichts willen, Jahre lang wöchentlich mehrmals von Harras nach dem mehrere Stunden entfernten Eisfeld zu dem dortigen Stadtmusikus gegangen waren. In Hildburghausen unterrichtete beide Knaben der Organist Hummel im Generalbasse, der sie auch 1792 beide, Heuschkel als Oboist, Gleichmann als Violinist, in die Hofcapelle brachte, wo sich die jungen Leute so auszeichneten, daß man, als im selben Jahre der Capellmeister Schrader starb, zwischen beiden bei der Wahl seines Nachfolgers schwankte. Dieselbe fiel zuletzt auf den achtzehnjährigen Gleichmann, während fast gleichzeitig Heuschkel Lehrer der Prinzessin wurde.

Um diese Zeit lernte Franz Anton den Johann Peter Heuschkel, der bei aller Strenge seiner musikalischen Gesinnung, doch ein heiterer und liebenswürdiger junger Mann war, kennen. Johann Peter fand an dem kleinen Carl Maria, dessen witziger, junger Geist sich damals gerade besonders lebhaft zu entwickeln begann, so viel Gefallen, daß er sich dazu verstand, dem Knaben Unterricht im Clavierspiel und dem Generalbasse zu geben. Heuschkel's Lehre war es, die den Anfang mit dem Ausrotten des Unkrauts machte, das in den Musikstudien Carl Maria's aufgewuchert war. Er säuberte zunächst das Clavierspiel des Knaben von genialer Unklarheit. drang auf gleichmäßige Ausbildung der Hände mit einer Strenge, die dem Knaben, dem diese Art zu studiren unglaublich geistlos und wenig amusant vorkam, manche Thräne kostete. Da er ihn zu gleicher Zeit auf den staubigen Pfaden des Generalbasses, durch die heißen Steppen der Musikwissenschaft zu führen hatte, ohne welche beschwerliche Mekkapilgerschaft nun einmal kein Moslem der Musik Prophet werden kann, so gehörte die ganze Liebe, welche der Knabe bald zu seinem jungen Meister zu hegen begann, und dessen ganzes Talent sich dem jugendlichen Sinne des Schülers in Lehre und Ausdruck zu accomodiren, dazu, um diesem die Musik nicht ganz zu verleiden. Das Gegentheil aber geschah bald, je präciser sich die Mittel des Gedankenausdrucks unter der Lehre des geliebten Meisters vor dem Blicke Carl Maria's entwickelte, je fester er das Messer in die Hand bekam, mit dem er einst so Treffliches bilden sollte.

Mit dem Wissen wuchs das Können des Schülers, mit dem Gefühl der Kraft entwickelte sich die Liebe zu dem Meister, der sie ihm gab, zu der Kunst, die ihm näher trat, und mit der Liebe trat auch das Talent deutlicher hervor.


Franz Anton sah bald erstaunt, wie die Lehre Heuschkel's, die auch ihm erschreckend trocken erschienen war, Blüthen aus der Seele des Sohnes zog, die all' sein geniales Locken nicht daraus hatte hervorbringen können.

Weber sagt selbst in der erwähnten kleinen autobiographischen Skizze von dem Einflusse, den Heuschkel's Lehre auf ihn hatte: „Den wahren, festen Grund zur künftigen, deutlichen und charaktervollen Spielart auf dem Claviere und gleiche Ausbildung beider Hände, habe ich dem braven, strengen und eifrigen Heuschkel in Hildburghausen (1796 und 1797) zu verdanken.“ 

Aus: Weber, Max Maria von: Carl Maria von Weber. Ein Lebensbild. Band 1, Verlag Ernst Keil, Leipzig, 1864, S. 30-32.

Anmerkung


Max Maria von Weber (eigentlich Philipp Christian Maximilian von Weber) (1822 – 1881) war der Sohn von Carl Maria von Weber. Er wurde wenige Monate nach der Uraufführung der romantischen Oper „Der Freischütz“ geboren. Als Vierjähriger verlor er seinen Vater Carl Maria von Weber.

Max Maria von Weber war ein Eisenbahnpionier (sächsischer Eisenbahndirektor, österreichischer Hofrat und preußischer Ministerialrat) und Schriftsteller. Er verfasste u. a. eine romanhafte Biografie seines Vaters (s. obigen Textauszug). – Auf v. Weber ist übrigens die „rote Mütze“ der Bahnhofsaufsichtsbeamten, die sogenannte „Webermütze“, zurückzuführen.

Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde.
(Karl Jaspers
1883 – 1969
deutscher Philosoph)
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