Eine Seite für Hildburghausen

Meyer, Hans

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Hans Meyer (Prof. Dr.)

* 22.03.1858, Hildburghausen

† 05.07.1929, Leipzig

 

 

 

 

Forschungsreisender, Schriftsteller, Teilhaber des Bibliographischen Instituts (ab 1884), Professor der Kolonialgeographie der Universität Leipzig 

            Wahlspruch: Impavidi progrediamur

            (Unerschrocken vorwärts schreitend) 

Sein Großvater ist Carl Joseph Meyer (1796 – 1856), der Gründer des Bibliographischen Instituts, sein Vater Herrmann Julius Meyer (1826 – 1909), der die Meyerschen Unternehmen von 1856 – 1884 führt. 

Nach dem Besuch des Gymnasiums Hildburghausen studiert Meyer Germanistik, Geschichte, Staatswissenschaften, Völkerkunde, Geografie, Botanik in Leipzig, Berlin und Straßburg. In Wirtschaftsgeschichte promoviert er 1881 in Straßburg über die Straßburger Goldschmiedekunst von ihrem Entstehen bis 1681. 1882 wird er von seinem Vater auf eine „Weltreise“ geschickt (Sunda-Archipel, Ostasien, Amerika). 1884 übernimmt mit seinem Bruder Arndt (1859 – 1920) von seinem Vater Herrmann Julius, der weiter beratend zur Seite steht, das Bibliographische Institut in Leipzig und betreut vor allem wissenschaftlich die geografischen Themen.

Insgesamt fünf Expeditionen führen ihn nach Ostafrika, 1888 nach Besteigung des Kibo schreibt er das berühmte Buch „Zum Schneedom des Kilima Ndscharo (1888). Die zweite groß angelegte Expedition nach Zentralafrika nimmt wegen der Gefangennahme im Araberaufstand gegen die Deutsch-Afrikanische Gesellschaft unter Buschiri bin Salim ein tragisches Ende. Erforschung und Erstbesteigung des 5.895 m hohen Kilimandscharo (06.10.1889) auf seiner dritten Expedition mit dem bekannten Salzburger Alpinisten Ludwig Purtscheller, Taufe der Kaiser-Wilhelm-Spitze als höchsten deutschen Berg, Entdeckung eines Kraters und 1. Gletschers in Afrika, kartografische Aufnahme. 1969 hat die Regierung Tansanias am Südhang des Bergmassivs eine Gedenktafel für die Erstbesteigung angebracht. 1894 folgt die Bereisung der Kanarischen Inseln, 1898 reist er zum vierten Male zum Kilimandscharo, es folgt 1903 eine Expedition in die Kordillieren Ecuadors zu vulkanologisch-glazialmorphologische Forschungen  und Ersteigung des Chimborazo, Cotopaxi, Antisana.

M. ist überzeugter Vertreter der deutschen Kolonialpolitik. Seine Forschungen finden hohe Anerkennung. 1899 wird er zum Professor ernannt, 1901 wird er Mitglied des Deutschen Kolonialrats und Leiter der Kommission zur landeskundlichen Erforschung deutscher Schutzgebiete. 1915 wird er zum Ordentlichen Honorarprofessor der Kolonialgeographie der Universität Leipzig und Direktor des Instituts für Kolonialgeografie. 1907 ernennt ihn die Universität Gießen zum Ehrendoktor der Philosophie, 1908 wird er Geheimer Hofrat. Nach 30-jähriger Tätigkeit als Chef des Bibliographischen Instituts scheidet er 1915 aus und ist bis 1928 als Professor für Kolonialgeografie in Leipzig tätig. Er ist Mitglied und teilweise Ehrenmitglied mehrerer deutscher und internationaler geografischer Gesellschaften und Akademien. M. unterstützt finanziell maßgeblich das Technikum Hildburghausen. – Sein Grabmal befindet sich auf dem Leipziger Südfriedhof.

Werke (Auswahl)

Eine Weltreise. – Leipzig, 1885

Zum Schneedom des Kilima-Ndscharo. – Berlin, 1888

Ostafrikanische Gletscherfahrten. – Leipzig, 1890

Die Insel Tennerife. – Leipzig, 1896

Der Kilima-Ndscharo. – Berlin, 1900

Die Eisenbahnen im tropischen Afrika. – Leipzig, 1902

In den Hoch-Anden von Ecuador: Chimborazo, Cotopaxi, etc. 2 Bde. – Berlin, 1907

Niederländisch-Ostindien. Eine länderkundliche Skizze. – Berlin, 1922

 

Hans Meyer

 

  Die Erstbesteigung des Kilimandscharo

Wie alle ostafrikanischen Vulkane ist der ungeheure Vulkanbau des Kilimandscharo am sogenannten Ostafrikanischen Graben emporgewachsen. Er setzt sich aus drei ursprünglich selbstständigen, durch Lavaergüsse aber zu einem einzigen Gebirgsstock gewordenen Berg zusammen, so dass das Ganze als ein gewaltiges Massiv von der Größe des Harzes in großen Stufen aus der etwa 1.000 Meter hohen trockenen Steppenumgebung zu 6.010 Meter (5.895 m, HJS) Höhe emporsteigt. Dicht besiedelte, reich angebaute Kulturlandschaft säumt besonders im feuchten Süden und Südwesten seine von zahllosen Bachschluchten durchfurchten Hänge. Darüber entwickelt sich, den Berg in verschiedener Breite zwischen 1.800 und 3.000 Meter Höhe umziehend, ein dichter Urwaldgürtel, der das trockene, heiße Steppenland von der über 3000 Meter liegenden kühlen Hochregion scheidet. Dort oben, über dem Urwald und fern allen menschlichen Wohnungen, erheben sich aus den Grasfluren mit ihrer eigentümlichen, halb europäisch-alpin, halb vorweltlich anmutenden Vegetation oberhalb etwa 4.400 Meter inmitten einer riesigen Trümmerwelt die eigentlichen Hochgipfel des Kilimandscharo. Das ewige Eis der Gipfelregion wallt in Gletschergirlanden zum Teil bis 4.300 Meter herab. Einst herrschte es noch viel weiter unten, wie alte Moränen in einer Höhe von etwa 3.600 Meter beweisen. Einer Klimaveränderung, die gleichzeitig mit dem Verschwinden unserer nordischen Eiszeit erfolgt sein muss, musste auch hier das Eis weichen, und es scheint noch immer zurückzugehen. Als ich im Jahr 1889 zum Kilimandscharo hinauszog, erfüllt von dem Gedanken, dass dieser höchste Berg Deutschlands auch zuerst von einem Deutschen erstiegen werden müsse, war es das dritte Mal, dass ich in seine bis dahin unberührte Bergeinsamkeit eindringen wollte. Die erste Expedition 1887 hatte mich mit dem Freiherrn von Eberstein bis 5.500 Meter an seinem Gipfel empor geführt, musste aber dort wegen unserer unzulänglichen Ausrüstung abgebrochen werden. Die zweite, die ich 1888 zusammen mit Oskar Baumann unternommen hatte, scheiterte infolge des inzwischen an der Küste ausgebrochenen Araberaufstandes auf halbem Wege zum Berge und endete mit dem Verlust der ganzen Ausrüstung und mit unserer Gefangennahme durch die Aufständischen, aus deren Hand wir nur mit Mühe entrinnen konnten. Die dritte endlich brachte 1889 mir und meinem neuen Reisegenossen Ludwig Purtscheller das Erreichen des Zieles, die Ersteigung des Kibogipfels, die Entschleierung seines Kraters und die erste genauere Kenntnis des ganzen Bergstockes und besonders seiner obersten, vereisten Gipfelpartien. Die größte Schwierigkeit bei früheren Besteigungsversuchen des Kilimandscharo und das Haupthindernis für einen längeren Aufenthalt in der Höhe war nicht nur die für solche alpine Touren unzulängliche Ausrüstung, sondern vielmehr der in jenen entlegenen Regionen allzu schnell eintretende Mangel an Lebensmitteln gewesen. Mein Plan ging deshalb dahin, die Besteigungen des Kibo und Mawensi von dem zwischen beiden Gipfeln in 4.400 Meter liegenden kleinen Plateau aus zu unternehmen und dort in einem zweckmäßigen Standquartier so lange auszuhalten, bis die Erforschung des oberen Kilimandscharo abgeschlossen sein würde. Für dieses Standquartier hatte ich in Sansibar ein niedriges, gut schließendes Zelt anfertigen lassen, in welchem wir zwei Europäer, nötigenfalls auch noch mit einem schwarzen Gefährten, Raum hatten. Zur inneren Ausstattung des Zeltes dienten eine wasserdichte Unterlage aus Kautschuk, mehrere Kamelhaardecken und zwei große, aus Schaffellen genähte Schlafsäcke, die den ganzen Körper bis auf das Gesicht wärmend umschlossen. Unsere alpine Ausrüstung bestand aus warmer Wollkleidung, Wollhandschuhen und starken genagelten Bergschuhen, aus Rücksäcken, Eispickeln, Gletscherseilen und Schneebrillen. Herr Purtscheller war dazu noch glücklicher Besitzer von Steigeisen. Von den Instrumenten begleiteten uns der Theodolit, der photographische Apparat, die Hypsometer, Aneroide, Maximum-Minimum-Thermometer, Peil- und Routenkompasse und das geologische und botanische Sammelwerkzeug. Für unsere Verpflegung und für sonstige Vorfälle erschien es mir zweckmäßig, zwischen unserm beabsichtigten hohen Standquartier und dem Marangu-Lager eine Zwischenstation an der oberen Grenze des Urwaldes zu errichten, wo das große Zelt und unsere wenigen Träger bis auf einen zurückbleiben sollten. Demgemäß ordnete ich an, dass jeden dritten Tag aus dem Marangu-Lager vier Mann mit frischen Lebensmitteln zum Mittelllager am oberen Urwaldrand hinauskommen sollten, von wo aus zwei der dortigen Leute den erforderlichen Proviant an Fleisch, Bohnen, Bananen, Butter, Maisbrot zu uns ins obere Lager hinaufzutragen hatten. Die trockene, dünne Luft war so klar und durchsichtig, dass die fernen Höhen in täuschende Nähe gerückt schienen. Die Lavafelder schienen endlos zu sein. Bald kam mehr Farbe in die formengewaltige Landschaft. Das Aschenfeld, das wir mit unserer kleinen Trägerkarawane nun betraten, ist ziegelrot mit mattgelben Bändern. Ziegelrot sind auch die Hügel im Sattel, von denen das Aschenfeld ausgeht, graubraun sind die Trümmerfelder am Fuß des Kibo, dunkelblaugrau die Wände und Hänge des Kibo selbst, blendend weiß und lichtblau umrändert ist seine Eishaube und tiefdunkelblau das alles überspannende Firmament. Jenseits des Aschenfeldes, das, fest wie eine Tenne, schnell überschritten wurde, fiel mir sofort eine Stelle in die Augen, die für einen Lagerplatz wie geschaffen schien. Unterhalt von vier weithin sichtbaren hohen Felsblöcken, denen wir später den Namen Viermännerstein“ beilegten, ist ein Wall von kleineren Blöcken aufgetürmt, der sicheren Schutz gegen die vom Kibo herabkommenden Schneewinde gewährt. In einer Einbuchtung dieses Walles war schnell ein Fleckchen gefunden, wo in 4.330 Meter Höhe unser kleines Zelt auf dem porösen Aschenboden stehen konnte wie in Abrahams Schoß. Daneben bot sich eine windstille Feuerstätte, im Geklüft der Felsmauer eine kleine Schlafhöhle für unseren hilfreichen Begleiter, Muini Amani, die mit Vegetationsbüscheln und mit Wolldecken in ein weiches Nest umgewandelt wurde. Geeignete Löcher und Kammern für unsere Vorräte und Geräte waren in großer Auswahl da. Die holzigen Stauden zweier schuppenblättriger Euryopsarten, die an dieser geschützten Stelle noch ein leidliches Fortkommen finden, lieferten uns Brennmaterial in beliebiger Fülle. Auf der Spitze des „Viermännersteins“ steckte ich das kleine schwarz-weiß-rote Zeltfähnchen in einer Steinpyramide fest, wo es später den Proviantträgern als Wegweiser diente. Die fünf Träger aber, die uns bis hierher begleitet hatten, schickte ich nach kurzer Rast auf dem von uns im Aschenboden getretenen Pfädchen zurück, damit sie noch, solange die Sonne wärmte, zum „Mittellager“ am Muebach absteigen konnten. Langsam sahen wir sie hinter den Lavarücken verschwinden. Nun waren wir allein im Kibo-Lager, wir beiden Europäer und der Neger Muini Amani. Während sich der letztere sogleich zum Feuermachen und Suppekochen anschickte und Purtscheller das alpine Rüstzeug revidierte, wanderte ich über die asphaltharte vulkanische Aschenebene nordwärts zu den drei am Ostfuß des Kibo gelegenen Eruptionshügeln hinüber, um zu messen. Hier wie überall, wo auf dem Plateau an geschützten Stellen noch Kräuter wachsen, waren merkwürdigerweise die Spuren eines großen Spalthufers zu erkennen. Und wirklich bemerkte ich drei getrennte, je sechs bis acht Stück zählende Rudel von Elen-Antilopen, die langsam umherspazierten und die vereinzelten Gras- und Krautbüschel ästen. Dass sie hierher nur vorübergehend als Gäste während der wärmeren Tagesstunden von unten heraufkommen, ist wohl sicher anzunehmen. Dauernd aber hält sich ein kleiner Steinschmätzer in diesen unwirtlichen Höhen auf, von dem uns später am Zelt ein Pärchen durch seine unglaubliche Zutraulichkeit ergötzte, indem die Tierchen die ihnen vorgelegten Brotbröckchen unmittelbar vor unsern Füßen wegpickten. Das gefährliche Raubtier „Mensch“ war ihnen gänzlich unbekannt. Der spätere Nachmittag wurde durch die Auskundschaftung eines Anstieges zum Kibo in Anspruch genommen. Der Kibokegel lag etwa 2 ½ Kilometer von unserm Lager entfernt 1.680 Meter hoch über unserm 4.330 Meter hohen Zeltplatz aufgetürmt. Auf seiner rechten Hälfte liegt nur ein schmaler blaugeränderter Eiskranz oben auf seinem horizontalen Oberrand; die steilen Felswände und Lavarücken sind dort ganz schnee- und eisfrei. Auf der linken Hälfte aber reicht der Eismantel in einzelnen Zungen fast bis zur Kegelbasis herab. Wo der linke Felsrücken in zwei Drittel der Bergeshöhe an das Eis ansetzt, schien die Neigung des Eismantels weniger schroff, das Eis weniger zerrissen zu sein als anderwärts, und von dort war allem Anschein nach die höchste Firnkuppe auf dem obersten Südrand des Berges auf dem kürzesten Wege zu erreichen. Unsere Absicht ging infolgedessen dahin, auf der genannten, nach Südosten auslaufenden Bergrippe zur Firnlinie aufzusteigen und von ihrer Grenze aus das Klettern auf dem Eismantel zu beginnen. Der Weg war weit und voraussichtlich schwer. Die Ungewissheit, was der nächste Tag bringen werde, ließ uns beide in der Nacht nur wenig zu dem doch so nötigen Schlaf kommen. Um 2.30 Uhr früh krochen wir aus dem Zelt. Es war der 3. Oktober. Die Nacht war kalt und stockfinster, von dem erhofften Mondlicht keine Spur. Rasch wurden die Rucksäcke übergeworfen, die Eispickel erfasst und die Laterne angezündet. „Kuaheri!“ („Lebewohl!“), rief ich unserm in seinem Felsspalt schlafenden Muini zu: „Kuaheri, bwana, na rudi salama!“ („Lebewohl, Herr, und kehre heil zurück!“), klang es aus dem Loch, und fort ging es in die kalte Nacht. Solange wir uns auf flachem Terrain bewegten, hatten wir nur die herumliegenden Trümmer zu meiden. Bald aber kamen wir an einen tief eingeschnittenen Kessel am Fuß des Berges, an dessen schroffer Innenwand wir mit größter Vorsicht aufwärts steigen mussten. Als der Morgen dämmerte, öffnete sich plötzlich in schwindelnder Tiefe zu unsern Füßen das Tal, dessen südlicher, gegenüberliegender Begrenzungswall unser Ziel gewesen war, da er am nächsten zum Eis hinaufführte. Nach kurzer Rast traversierten wir die steilen Schutthalden des Tales, das allerwärts deutliche Spuren glazialer Ausräumung trägt, und trafen an der erstrebten südlichen Talwand gegen 7 Uhr auf die ersten Schneeflecken in 5.000 Meter Höhe. Von oben hängt dort drohend eine breite Eiszunge herab. Nun begannen wir keuchend, hier über festen Fels, dort über losen Schutt hinweg, dem steilen Lavakamm zum Eis hinan zu folgen. Alle 10 Minuten mussten wir ein paar Augenblicke stehenbleiben, um den Lungen und dem Herzschlag eine kurze Beruhigung zu gönnen, denn wir befanden uns längst über Montblanc-Höhe, und die zunehmende Luftdünne machte sich stark fühlbar. 8.15 Uhr hatten wir eine Höhe von 5.200 Meter erreicht und ruhten sitzend eine halbe Stunde lang. Ein Schluck von dem mit Zitronensäure versetzten Schneewasser netzte den in der trockenen Luft schmerzhaft gewordenen Gaumen. Als wir den Blick zurückwandten, schien es uns, als sei die Höhe des im vollen Sonnenlicht rotbraun herüberleuchtenden Mawensi (5.355 m) bereits überstiegen. Wie Maulwurfshaufen lagen die Hügel des Sattelplateaus in der Tiefe, zu welcher von Süden her langsam Nebel heraufwallten. Über der Zone des Urwaldes drängte sich eine dichte silbergraue Wolkenmasse, während weit draußen, über der Ebene, einzelne Kumuluswolken in der dunstigen Atmosphäre schwammen, vom Widerschein des ziegelroten Steppenbodens an der Unterseite rötlich gefärbt. Das Unterland selbst war nur in undeutlichen Konturen erkennbar. Dagegen blinkte und blitzte über uns der Eishelm des Kibo gleichsam in Kampfeslust um die Verteidigung der Bergfestung. Weiter kletternd kamen wir kurz vor 9 Uhr an einen Absturz zur Linken, der uns einen großartigen Blick in das benachbarte, 800 bis 900 Meter tiefe Felstal eröffnete. Um 9.50 Uhr endlich langten wir an der unteren Grenze des geschlossenen Kibo-Eises in 5.480 Meter Höhe an. Der Fels geht an dieser Stelle in etwa 20 Meter Breite ganz allmählich in die Eiskuppe über. Diese aber steigt schnell unter 35 Grad Neigung empor, so dass ihr ohne Eispickel nicht beizukommen ist. Dass die Besteigung des Kibo von hier aus unternommen werden könne, war nun keine Frage mehr; dass aber weiter oben kein unbezwingliches Hindernis auftreten würde und dass unsere Kräfte ausdauern würden, war keineswegs fraglos. Es ist ein großer Unterschied, ob man zu einer solchen hochalpinen Erstlingstour von einer Alpenschutzhütte auszieht oder von einem kleinen Zelt, nachdem man vorher einen zweiwöchigen Gewaltmarsch durch ostafrikanische Steppen- und Waldwildnisse gemacht hat; ob man mit Brot, Schinken, Eiern und Wein verproviantiert ist, oder ob man nur minderwertiges Dörrfleisch, kalten Reis und Zitronensäure mit sich führt. Von letzterer Proviantart versuchten wir mehrmals etwas zu uns zu nehmen, aber die durch die große Höhe und Anstrengung verursachte Appetitlosigkeit gebot rasch Einhalt. So suchten wir bald die Schneebrillen hervor, rieben Gesicht und Hals mit Gletschersalbe ein und banden uns das Seil um den Leib. Purtscheller schnürte sich außerdem noch seine Steigeisen an die Füße, während ich mich auf meine gut genagelten und verklammerten Stiefel verlassen musste, da sich meine Steigeisen unglücklicherweise in einer verlorengegangenen Transportkiste befanden. Um 10.30 Uhr begann mit einem ermunternden „Los!“ die schwierige Arbeit des Stufenhauens. In dem glasharten, im Bruch wasserhell glänzenden Eis erforderte jede Stufe acht bis zehn Pickelhiebe. Langsam ging es empor, anfänglich wegen der Steilheit schräg nach rechts hinaus, dann gerade auf den Gipfel zu. Hier aber senkt sich das Eis in eine breite Mulde, die weiter bergab in jenes Steiltal ausläuft, das wir am Morgen traversiert hatten, und da legte sich eine so bedrohliche Reihe von Schründen und Klüften vor unsern Weg, dass wir befürchteten, von unserm Ziel abgeschnitten zu werden. Purtscheller untersuchte die alten Schneebrücken und Eisstege mit dem Pickel; sie hielten, und nach vorsichtigem Darüber gehen standen wir 12.20 Uhr unter der letzten steileren Erhebung des Eishanges in 5.700 Meter Höhe. Hier benannte ich in dankbarer Erinnerung an meinen verehrten Freund, den verdienten Geographen und Alpenforscher Friedrich Ratzel, den überschrittenen ersten Gletscher des Kilimandscharo „Ratzel-Gletscher“. Die Wölbung der Eiskuppe, die vom Plateau aus als die höchste erscheint, hatten wir nun unter uns. Vom Tiefland mit seinem Wolkenmeer war nichts mehr zu sehen. Ich spreche immer nur von „Eis“, weil der Kibo in diesen Tagen gar keinen Schnee hatte. Was von unten als eine weiß glänzende Schneedecke erschienen war, ist die von Wind und Sonne angefressene Oberfläche des Eismantels, der, durchschnittlich 60 bis 70 Meter dick, als eine kompakte Masse den Felshängen des Vulkans aufliegt und überall fließenden Gletschercharakter annimmt, wo er in Bodensenkungen sich zungenförmig talwärts erstreckt. Obwohl die Temperatur nur wenig über null Grad betrug, wirkte doch der Sonnenreflex, der in der dünnen Höhenluft nur wenig abgeschwächt wird, durch Schneebrille und Gletschersalbe so intensiv hindurch, dass sich uns später die Haut von Hals und Gesicht ablöste und meine Augen tagelang der dunkelblauen Schutzbrille bedurften. Das Erscheinen einiger kleiner Nebelwölkchen in unserer Höhe scheuchte uns aus einer längeren Rast auf. Beim Weitersteigen empfanden wir aber die Atemnot so stark, dass wir alle 20 Schritt ein paar Sekunden stehenbleiben mussten, um weit vornüber gebeugt nach Luft zu röcheln. Der Sauerstoffgehalt der Luft beträgt ja hier in 5.800 Meter Höhe nur 48 Prozent, der Feuchtigkeitsgehalt sogar nur 15 Prozent von jenem im Meeresniveau. Kein Wunder, dass unsere Lungen so arbeiteten und unsere Beine so schwer wurden, denn Sauerstoff- und Feuchtigkeitsmangel, übergroße körperliche Anstrengung und die hochgradige psychische Spannung vereinigten sich, um den Organismus zu erschöpfen. Die Eisoberfläche wird nun zusehends zerfressener. Mehr und mehr nimmt sie jene Beschaffenheit an, wie sie aus den südamerikanischen Anden als „nieve de los penitentes“, als „Büßerschnee“, beschrieben wird. In Rillen und Furchen, in Schneiden und Spitzen bis zu zwei Meter Tiefe zerschmolzen, bietet das Eisfeld dem steigenden Fuß Hindernisse dar wie ein Karrenfeld. Da wir oft bis an die Brust einbrachen, nahmen unsere Kräfte besorgniserregend ab. Und immer noch wollte der oberste Eisgrat nicht näherkommen. Endlich, gegen 2 Uhr, näherten wir uns dem höchsten Rand. Noch ein halbes Hundert mühevoller Schritte in äußerst gespannter Erwartung, da tat sich vor uns die Erde auf, das Geheimnis des Kibo lag entschleiert vor uns: den oberen Kibo einnehmend, öffnete sich in jähen Abstürzen ein riesiger Krater. Diese längst erhoffte und mit allen Kräften erstrebte Entdeckung war mit so elementarer Plötzlichkeit engetreten, dass sie tief erschütternd auf mich wirkte. Ich bedurfte der Sammlung. Wir setzten uns am Rand des Ringwalles auf das Eis nieder und ließen den Blick über den Kraterkessel, seine Eismassen, seinen zentralen Auswurfskegel, seine Umwallung schweifen. Da war es aber auch sofort klar, dass unser Punkt (5.870 Meter) nicht der höchste war, sondern dass die oberste Erhebung des Kibo links von uns, auf der Südseite des Kraterrandes lag, wo drei Felsspitzen aus dem nach Süden abfallenden Eismantel hervorragen. Die Marschentfernung bis dorthin schätzen wir auf eineinhalb Stunden. Dazu reichten aber unsere Kräfte an diesem Tag nicht mehr; wir hätten denn riskieren wollen, am Endziel ohne jeglichen Schutz gegen die Nachtkälte zu biwakieren, was uns sehr wahrscheinlich verhängnisvoll geworden wäre. Wir hatten eine elfstündige außerordentlich anstrengende Steigarbeit auf unbekanntem Terrain zwischen rund 4.400 und 5.900 Meter hinter uns und mussten für den Abstieg noch mit Nebel rechnen, der über die Eiswände heraufzuwallen begann. In der Frage „umkehren oder biwakieren“ war schließlich der Entschluss entscheidend, die Besteigung in drei Tagen zu wiederholen und dann die höchste Spitze zu forcieren. Vorläufig durften wir uns mit den Erfolgen der ersten Besteigung zufrieden geben: die von vielen Seiten angezweifelte Existenz eines Kraters auf dem Kibogipfel war festgestellt; über seine räumlichen Verhältnisse, seine Eis- und Felsbildungen, seinen Auswurfskegel hatten wir Aufschluss gewonnen; das Wesen des Kibo-Eismantels war erkannt, der Weg zum Oberrand des Berges war gefunden, die Höhe von 5.870 Meter erklommen. Mit dieser Erwägung traten wir 2.20 Uhr den Rückweg an. Im Nebelwehen auf dem steilen Eis, ich ohne Steigeisen und wir beide erschöpft, kamen wir nur sehr langsam abwärts. In den untern Partien hatte inzwischen die Sonne so stark geschmolzen, dass wir unsere Stufen großenteils erneuern mussten, eine böse Aufgabe für unsere matten Glieder an einer Stelle, wo ein Fehltritt des einen unfehlbar auch den andern mit in die Tiefe gerissen haben würde. Doch der Wille siegte auch diesmal über den Körper. Erleichtert aufatmend, fühlten wir gegen 4 Uhr wieder den festen Fels unter den Füßen und gönnten uns eine halbe Stunde Ruhe, indem wir stumm dem wechselvollen Spiel der Wolken, der einzigen bewegten Elemente in dieser gewaltig starren Natur, zuschauten. Dann rutschten wir direkt hinab zu den abschüssigen Schotterhalden des Erosionstals und auf ihnen weiter in schnellem Tempo abwärts in den Talgrund. Viel Mühe verursachte das Übersteigen der beiden uns noch vom Lagerplatz trennenden schroffen Lavamauern, aber auch sie wurden überwunden. Mit der den Schritt beflügelnden Vorstellung eines warmen Nachtmahles und eines weichen Ruhelagers stolperten wir schließlich in der mit tropischer Geschwindigkeit einbrechenden Dämmerung weiter, bis wir kurz vor 7 Uhr, zuletzt im Dunkeln, geleitet vom weithin leuchtenden Lagerfeuer unseres braven Muini, am gastlichen Zelt eintrafen. Muini hatte Reis auf dem Feuer, der uns mit gebratenem Dörrfleisch und einem tüchtigen Schluck Kognak kräftig schmeckte. Aber die Anstrengungen des Tages waren doch zu enorm gewesen, als dass wir darauf in der Nacht hätten Ruhe finden können. Zum Brennen der Haut und der Augen gesellte sich Kopfschmerz, die Nerven waren erregt, Herz und Pulse klopften hörbar, jeder Muskel schmerzte. Erst gegen Morgen trat Abspannung ein und damit ein gesegneter Schlaf, der bis gegen Mittag anhielt. Am Abend, lange nachdem die Sonne purpurn hinter dem Kegel des Meru hinabgesunken war, saßen wir bis spät am Feuer und schmiedeten Pläne für den kommenden Morgen. Die nur zu sehr empfundene Entfernung bis zum Eis, in deren Schätzung uns die reine Höhenluft und die einfachen vulkanischen Linien so arg getäuscht hatten, ließ ein Biwak in größerer Bergeshöhe nötig erscheinen, wenn wir bei einer zweiten Besteigung den Gipfel noch zu guter Stunde erreichen wollten. Ein solcher Biwakfleck sollte am folgenden Tag gesucht werden. Die Nacht hatte es bei klarem Mondlicht bis zu -9 Grad C Minimumtemperatur gebracht, so dass wir selbst in unsern Pelzsäcken nicht recht warm wurden; aber der Morgen war prächtig klar, und die Sonne wurde bald behaglich warm. Mit großer Gemächlichkeit brachen wir gegen Mittag des 5. Oktober auf. Muini schleppte unsere Schlafsäcke und Decken, wir selbst hatten uns mit Proviant, dem alpinen Gerät, den nötigen Instrumenten, Wasser, Brennholz usw. beladen. Wir folgten unsern Rückwegspuren vom 3. Oktober über die beiden Lavawälle und wanderten im Grund des Ratzel-Gletschertales aufwärts, wo wir gegen 6 Uhr, in dem inzwischen eingefallenen Nebel umhertappend, auf der südlichen Talseite eine hohe, weit offene Lavahöhle fanden. Brennmaterial gab es hier in 4.650 Meter Höhe, also in der Höhe der Monte-Rosa-Spitze, nicht mehr, aber Büschel von niedrigen Immortellen standen am Fuß der Felsen noch hinreichend, um mit Hilfe von drei Wolldecken auch für Muini ein leidlich warmes Lager in der Höhle herzustellen. So verbrachten wir die Nacht trotz -12 Grad C verhältnismäßig gut, da wir in der Höhle vor dem von der Gletscherzunge herabsausenden Bergwind geschützt waren, und konnten um 3 Uhr in der Frühe des 6. Oktober frisch ans Werk der endgültigen Gipfelersteigung gehen. Während der ersten Stunde leuchtete uns der Mond auf den schwer ersteiglichen Schutt- und Trümmerhalden. Als er untergegangen war, tasteten wir uns bei Laternenschein im felsigen Terrain talauf und weiter auf der großen Lavarippe, die uns drei Tage vorher zum Eis geführt, hinan. Je höher wir stiegen, je dünner die Luft wurde, desto glanzvoller strahlten die ewigen Lichter des Firmaments. Nirgends habe ich die Planeten in so ruhiger Pracht leuchten sehen wie hier. Vor Sonnenaufgang standen wir bereits in der Höhe der Zunge des Ratzel-Gletschers (5.360 m) und erwarteten in seiner eisigen Nähe mit frostzitternden Gliedern, fest aneinandergeschmiegt, den erwärmenden Aufgang des Tagesgestirns. Hinter des Mawensi finsterer Zackenwand hob sich kurz nach 6 Uhr der strahlende Sonnenball empor. Bald waren wir am Fußpunkt unserer Eismauer vom 3. Oktober. Die gehauenen Stufen bedurften zu unserer freudigen Überraschung nur geringer Nachbesserung, um wieder brauchbar zu werden, so dass wir, nunmehr mit den örtlichen Verhältnissen bekannt, bei aller Vorsicht ziemlich rasch über die gefährliche untere Eiswand und die folgenden Klüfte hinwegkamen. Vor 8 Uhr überkletterten wir schon die große Spalte in 5.720 Meter Höhe. Wir waren beide der frohesten Zuversicht: „Heute geht’s! Wir kommen heute hinauf!“, riefen wir uns gegenseitig zu. Obwohl die Luftbeschaffenheit und die Körperanstrengung die nämlichen waren wie bei der ersten Besteigung, fühlten wir doch viel weniger Beschwerden. Um 8.45 Uhr betraten wir die Scharte des obersten Kraterrandes an der Stelle unserer Umkehr in 5.870 Meter Höhe. Unverschleiert lag wieder der Krater zu unsern Füßen. Ohne langes Zaudern wanderten wir nun in Südwestrichtung auf dem leicht ansteigenden eisbedeckten Rand des Ringwalles weiter, den Felsspitzen der südlichen Kraterwand zu, die dort den höchsten Gipfel des Kilimandscharo bilden. Eineinhalb Stunden Steigens durch sonnerweichten Firn und zerfressenes Eis führten uns an einer seltsam abgebrochenen 6 Meter hohen Eismauer vorbei zu dem Fußpunkt der drei höchsten, aus losen Trümmern bestehenden Felsspitzen, die wir nun in beschaulicher Ruhe der Reihe nach erstiegen, um nach Ablesen unsrer Aneroide feststellen zu können, dass die mittelste mit rund 6.000 Meter die andern um 10 bis 15 Meter überragt. Spätere Berechnungen bestätigten diese Maße und ergaben für den höchsten Punkt die Höhe von 6.010 Meter. Um 10.30 Uhr betrat ich als erster die Mittelspitze. Ich pflanzte auf dem verwetterten Lavagipfel mit dreimaligem, von Purtscheller kräftig sekundiertem „Hurra“ eine kleine, im Rucksack mitgetragene deutsche Flagge auf und rief frohlockend: „Mit dem Recht des ersten Ersteigers taufe ich diese bisher namenlose Spitze des Kibo, den höchsten Punkt afrikanischer und deutscher Erde: ‚Kaiser-Wilhelm-Spitze‘“. Es war über mich eine festliche, weihevolle Stimmung gekommen, deren Grundton der Gedanke war, dass der Augenblick nun da sei, den ich in den letzten Jahren täglich herbeigesehnt hatte. Der afrikanische Riese war bezwungen, so schwer er uns auch den Kampf gemacht hatte, und damit eine mehr als vierzigjährige Belagerung und Bestürmung des Kilimandscharo zum Abschluss gebracht. Kein Sturm, kein Schnee- oder Hagelwetter erschwerten uns den Aufenthalt auf dem eroberten Gipfel. Im vollen Sonnenlicht blitzten die Eisfelder rings um unsern dunklen Schlackenkegel, in den Klüften knisterte es geheimnisvoll, und im Grunde des vor uns gähnenden Kraterkessels zogen leichte Dünste vor dem Luftzug nach Südwesten. Nach dem Zauber der ersten Minuten setzten wir uns unterhalb der Spitze, deren obersten Stein ich in meinem Rucksack geborgen hatte – er schmückte später als Briefbeschwerer den Schreibtisch Kaiser Wilhelms –, am Rand des Kraterkessels nieder, verzehrten unsern wohlverdienten Imbiss und hielten Umschau. Die Sonne brannte, aber ein leichter Nordostwind fächelte Kühlung, und die Temperatur des Schleuderthermometers betrug +2 Grad C. Von Vegetation finden sich hier oben nur Spuren von Krustenflechten auf den Lavablöcken. Dann machte ich mich ans Peilen und Messen. Der Kraterkessel war von unserm Standpunkt aus vorzüglich zu übersehen. Bei einem Durchmesser von etwa 2.000 Meter senkt er sich bis zur Tiefe von etwa 200 Meter hinab. In der unter uns liegenden Südhälfte fallen die teils rotbraunen, teils aschgrauen Lavawände ohne Eisbedeckung fast senkrecht zu dem ziemlich ebenen, aus Schlamm und Asche gebildeten Kraterboden ab; in seiner Nordhälfte steigt das Eis vom Oberrand in blauen und weißen Galerien stufenförmig hinunter. Aus dem Nordteil des Kraterbodens erhebt sich ein flacher, aus brauner Asche und Lava bestehender Eruptionskegel, etwa 150 Meter hoch, auf den vom Nordrand des großen Ringwalles her die dort besonders mächtigen Eismassen teilweise herüberragen. Im Westen aber ist der Zirkus durch eine riesige Kluft geöffnet, aus welcher die Schmelzwasser abfließen und das dem westlichen Kraterboden aufliegende Eis als Gletscher austritt. Nirgends freilich war etwas im Kraterkessel zu sehen, was noch auf eine Spur vom Dampfentwicklung hindeutet. Nirgends ist etwas von heißen Quellen etc. zu bemerken. Und ebenso beweist die Lagerung des Eises am Eruptionskegel selbst, dass auch dieser keine höhere Bodenwärme mehr hat. Der Vulkan ist als gänzlich erloschen zu betrachten. Welch eine gewaltige Vereinigung von Gegensätzen! Die riesigen Eismassen in ihrem vormals glutflüssigen Bett; und über alledem hehre Stille, in seiner weltverlorenen Einsamkeit und schlichten Majestät ein Naturbild von ergreifender Größe! Doppelt glücklich der, dem es vergönnt ist, derartiges zum ersten Male zu erschauen, da es vor ihm noch keines Menschen Auge gesehen! Der Eindruck bleibt unauslöschlich. Inzwischen war beim Messen und Skizzieren der Vormittag weit vorgerückt, und einige kleine flatternde Nebel mahnten uns, dass es Zeit zum Rückzug sei. Vor 11 Uhr wandten wir dem Gipfel den Rücken. Von der Scharte des östlichen Kraterrandes öffnete sich uns noch einmal der Ausblick über die Wolkenbänke hinaus in die ferne Ebene. Nur der Meruvulkan im Westen hebt sich in hoher Kurve über die Fläche empor, aber auch er ist so fern, dass man ihn nur in körperloser Silhouette sieht. Beim Abstieg von hohen, mühsam erstiegenen Bergen bin ich mir immer wie ein leichtsinniger Verschwender vorgekommen, der das schwer errungene Gut in toller Laune verschleudert, und ich habe darüber jedesmal so etwas wie Gewissensbisse gefühlt. Trotzdem muss nach einem Aufstieg wieder abgestiegen werden, und je schneller, um so besser. Je weiter wir nun hinab stiegen, desto dichter schlossen sich die Nebel ums uns zusammen. „Nur keinen Aufenthalt, sonst holt uns zu guter Letzt noch der Teufel“, zürnte Purtscheller. Aber wie eilig wir auch der unteren Eisgrenze zustrebten, es kostete uns die steile Passage über den Ratzel-Gletscher hinunter diesmal doch zwei volle Stunden. Im kalten Schatten der Nebel wurden uns die Finger steif und vermochten den Eispickel nicht mehr so sicher zu handhaben wie im Sonnenschein. Einmal glitt mein der Steigeisen entbehrender Fuß aus einer Stufe, und im Nu hing ich mit ausgestreckten Armen an meinem schnell eingehauenen Pickel. Dieser und das von Purtscheller gestrammte Seil hielten glücklicherweise fest und retteten uns vor dem Sturz in den nebelverdeckten Abgrund. Um 1 Uhr standen wir endlich an der unteren Eisgrenze und entledigten uns der Brillen, des Seiles und der Steigeisen. Zu Purtschellers Erstaunen zog ich nun aus meiner Rocktasche ein paar Delikatessen, die ich seit Monaten im Koffer hatte, um meinen Gefährten nach der Gipfelbesteigung damit zu überraschen. Es waren einige Zigaretten und zwei Tafeln Schokolade. Und so groß war unser Übermut und unsere Genusssucht, dass wir die seltenen Herrlichkeiten auf einmal verschwendeten. In froher Stimmung und im Vollgefühl des erreichten Zieles liefen wir dann auf den Schutthalden rasch hinab. Aus weiter Entfernung kündigten wir Muini am Biwakplatz durch lautes, in vielfältigem Echo forthallendes Rufen unser Kommen an, und da wir gegen 3 Uhr die Höhle vor uns sahen, stand er schon mit geschnürten Bündeln zum Abmarsch nach dem Zeltlager gerüstet. Als ich ihm dann beim Weiterwandern von unsern Erlebnissen erzählte und die Schwierigkeit des letzten Abstieges schilderte, entgegnete er: „Haithuru; umefika sasa ju kabisa, bassi.“ („Das macht nichts; jetzt bist du ganz hinaufgekommen, das genügt.“) Bei Sonnenuntergang saßen wir wieder unter dem hochragenden „Viermännerstein“ neben unserm Zelt am brodelnden Reistopf. Die Sonne war längst hinter dem Meru hinabgesunken, und der junge Mond ließ langsam das Schneehaupt des Kibo am dunklen Nachthimmel auferstehen, als wir unsere Schlafsäcke aufsuchten.

 

Nach: Meyer, Hans: Zum Schneedom des Kilima-Ndscharo. – Berlin, 1889 (leicht bearbeitet)

 

 

Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit zu jedem Thema etwas sagen zu müssen!
(Teresa von Ávila
1515 – 1582
Karmelitin, Mystikerin, als Heilige verehrt)
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