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Mit drei Moosrosen

Friedrich Rückert


Drei Schwesterblüten einer Wiege Kinder,
Entstammend eines Mutterschoßes Moosen,
Bring' ich, dazu erwählter Kränzgewinder,
Drei taugesäugte, duftgenährte Rosen,
Als Bilder jener Dreie, die nicht minder
Zusammenblüh'nd in schwesterlichen Losen,
Den Rosen selber zuviel Ehr' erweisen,
Wenn sie sich lassen ihres Gleichen heißen. 

Ich nah', und ach! schon Stocken meine Schritte,
Ich sehe nicht den vollen Schwester-Reihen;
Die erste Rose seh' ich, und die dritte;
Zum Kranze fehlt die eine von den dreien.
Warum führt sie kein Gott in unsre Mitte,
Das Fest zu sehen, was wir hier ihr weihen?
Sie ist entrückt von uns in weite Fernen,
Dass wir, genießend, auch entbehren lernen. 

Und zweifelsinnig blick' ich hin und wieder:
Zerreiß' ich mein dreifält'ges Angebinde,
Lege die zwei den zwei'n zu Füßen nieder?
Was soll ich machen mit dem dritten Kinde?
Ding' ich mir eines raschen Wests Gefieder,
Dass ers zu ihr mir trage durch die Winde?
Nicht treu genug möcht' es der Bote tragen;
Ich muss mich eines bessern Rats befragen. 

Wer ist sie dort, dass sich in lichten Scheinen
Um sie, als Sonne, dreht des Festes Sphäre?
Des Opfers Weihrauchwolken sich vereinen
Um sie, als um die Gottheit der Altäre?
Sie könnte selbst die dritte Grazie scheinen,
Wenn sie nicht der drei Grazien Mutter wäre:
Zu ihr werd' ich mich huld'gend nahen müssen,
Und meine Rosen legen ihr zu Füßen. 

Du bist's, die die drei Holden uns gegeben,
Für die ich Blumen las mit freudgen Wahlen;
So lass mich ungetrennt die Blumen weben
Um dich, als Bilder deiner drei zu strahlen.
Ob auch die drei nun fernhin uns entschweben,
Sie bleiben, in dir, uns und unsern Talen;
Stets, ob wir die drei Rosen auch verlieren,
Wirst du an aller Rosen Statt uns zieren. 

 

Nach: Rudolf Armin Human: Chronik der Stadt Hildburghausen, der Diözese und des Herzogtums. - Hildburghausen, 1886. Reprint Verlag Frankenschwelle KG (Hg. Hans-Jürgen Salier), 1999. (leicht bearbeitet)

Zum Werk
Mit den drei Moosrosen sind drei Töchter der Herzogin Charlotte von Sachsen-Hildburghausen, geborene Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz, gemeint. Der junge Dichtergelehrte Friedrich Rückert schreibt das Gedicht als poetischen Hochzeitsgruß zur Vermählung der Prinzessin Louise von Sachsen-Hildburghausen mit dem Erbprinzen Georg Wilhelm Belgicus von Nassau am 24. Juni 1813. Die erste Moosrose ist die seit 1805 verheiratete Prinzessin Charlotte von Sachsen-Hildburghausen*. Die dritte Moosrose ist die Braut Louise. Die zweite ist Therese, die Kronprinzessin und spätere Königin von Bayern. In den letzten zwei Strophen wird die Mutter der drei Grazien, die schöne, kunstsinnige und lebenstüchtige Herzogin Charlotte von Sachsen-Hildburghausen, besungen. 

* Die spätere Herzogin Paul von Württemberg. Nach ihrer Rückkehr nach Hildburghausen ist sie im Besitz des „Hoheitshauses“ am heutigen Puschkinplatz/Untere Allee. Die heutige Clara-Zetkin-Straße wurde nach ihr benannt. Das „Café Charlott“ erinnert mit dem Namen an sie (Clara-Zetkin-Straße 5). 

Superintendent Christian Hohnbaum, der „Patriarch von Rodach”, schreibt an den Freiherrn Christian Truchsess von Wetzhausen: „Es ist mir von Hildburghausen ein ganzer Haufen von poetischen Blumensträußen zugeschickt worden; aber wenn man sie alle miteinander in einen Mörser zusammenstößt, so kommt noch nicht ein solcher Wohlgeruch heraus, als der drei Moosrosen, die der junge Rückert aus Ebern gedichtet haben soll.“

Wenn Wahlen irgendwas verändern würden, dann wären sie doch schon längst verboten.
(Ein Manchmal-Zweifler an der gegenwärtig praktizierten Demokratie, 2015)
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