Eine Seite für Hildburghausen

November 1989

01.11.1989, Mittwoch
Nach dem Friedensgebet in der Apostelkirche Hildburghausen formiert sich ein Demonstrationszug, angeführt von den Vertretern der evangelischen und der katholischen Kirchgemeinden, durch die Stadt zum Markt und zum ehemaligen Stasigebäude in der Geschwister-Scholl-Straße. Voran getragen wird ein großes Stofftransparent mit der Aufschrift OHNE GEWALT / FÜR DEMOKRATIE.


Bittgottesdienst am 1. November 1989 in der überfüllten Apostelkirche. Kontaktabzüge von Bernhard Großmann, Hildburghausen


Am Ende des Bittgottesdienstes singen die Teilnehmer – manche mit Tränen in den Augen – das US-amerikanische Freiheitslied „Wes hall overcome“. 

Demonstrationszug vor der Kreisdienststelle. Das Foto ist auch Titelbild für die von Hans-Jürgen Salier und Bastian Salier geschriebene und im Jahr 2000 erschienene Dokumentation „Es ist Frühling und wir sind so frei!“ -  die 89er Revolution im kreis Hildburghausen mit einem Geleitwort von Bundesminister a. D. Hans-Dietrich Genscher.

Nach dem Bittgottesdienst am 1. November 1989 in der Apostelkirche in der Schleusinger Straße formieren sich ca. 2.500 Bürger und demonstrieren durch die Stadt Hildburghausen – hier vor der Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit – zum Marx-Engels-Platz (Marktplatz)
Kontaktabzüge von Bernhard Großmann, Hildburghausen

  Kundgebung am 01.11.1989 vor dem Rathaus. 

In einem chiffrierten Fernschreiben des 1. Bezirkssekretärs der SED, Hans Albrecht, an den Generalsekretär des ZK der SED, Egon Krenz, wird die Hilflosigkeit der SED-Parteiführung deutlich:

„Werter Genosse Krenz!
Wir müssen über folgende Lage im Bezirk informieren.
Die 1. Sekretäre der KL (KL = Kreisleitung, BL = Bezirksleitung, d. Verf.) haben uns in der heutigen Sekretariatssitzung über den großen Ernst der Lage in Kenntnis gesetzt.
Wie wir einschätzen müssen, wird die sicherheitspolitische Lage zur Zeit in den Kreisen noch beherrscht. Der Druck gegnerischer Kräfte nimmt ständig zu. Der Riß geht mitten durch die Partei, durch das Parteiaktiv und unsere Funktionäre. Ein einheitliches und geschlossenes Handeln ist zur Zeit nicht mehr gegeben..
Wir kommen zur Zeit mit parteilosen, christlich gebundenen und anderen Bürgern schneller in der Klärung von Problemen voran, als mit eigenen Genossen, vor allem denen der mittleren Leitungsebene.
Der Zeitraum zwischen der 9. und 10. Tagung ist zu lang und wird als Sprachlosigkeit der Parteiführung bezeichnet.
Die Genossen bitten um die sofortige Veröffentlichung des Entwurfs des Aktionsprogramms unserer Partei, da gegenwärtig die Gefahr besteht, daß sich eine Reihe von Genossen, um Antwort auf ihre Fragen zu erhalten, den konkreten Vorschlägen der Blockparteien und auch dem ‚Neuen Forum’ zuwenden.
Die 1. Sekretäre der KL machen auch darauf aufmerksam, daß in Auswertung der 10. Tagung des ZK eine außerordentliche Parteikonferenz im Interesse der einheitlichen und raschen Formierung der Parteikräfte, unter Teilnahme der 1. Sekretäre der KL, durchgeführt werden sollte.
Wir bitten, daß Genosse Dohlus auf der morgigen BL-Sitzung sich zu diesen aufgeworfenen Fragen äußert und in einer Beratung mit den 1. Sekretären der KL im Auftrage der Parteiführung eine Orientierung für die weitere Arbeit gibt.
                                               Albrecht
                                               1. Sekretär der Bezirksleitung“ 


02.11.1990. Es ist scheinbar unglaublich: Die SED-Zeitung Freies Wort berichtet relativ ausführlich über die ersten Kundgebungen gegen den SED-Staat auch im Kreis Hildburghausen. Allerdings berichtet sie im Stile eines geschickten Rückzugsgefechts der SED, so werden auch schon neue Leute in den Vordergrund geschoben. Das Geschehen wird landauf, landab kaschiert. Aus klar fordernden und teils auch wütenden Kundgebungen und Demonstrationen werden Rathausgespräche, die Auseinandersetzungen mit der SED-Diktatur nennt man Dialog, der zumeist ein Monolog  der Protestierenden bleibt. Wörter wie Bürgergespräch, Kompetenz werden zu oft gebrauchten und missbrauchten Schlagwörtern.

02.11.1989, Donnerstag
Die Volkskammer der DDR erlässt eine Smogverordnung als Teil des Landeskulturgesetzes (Gesetzblatt. I der DDR, Nr. 21).
In Hildburghausen ist der größte Belastungsanstieg an Luftschadstoffen im Bezirk Suhl registriert worden. Die Stadt wird in der Verordnung als Nr. 16 der Smoggefährdungsgebiete der DDR ausgewiesen.
Seit 1988 existiert die Konzeption „Territoriale Versorgungskonzeption Hildburghausen – 1988“, die den Bau eines zentralen Heizhauses mit Entstaubung und Entschwefelung vorsieht. 50 alte Heizungsanlagen und Heizhäuser im Stadtkern sollen durch das Heizhaus ersetzt werden.
Generalleutnant Schwanitz, Ministerium für Staatssicherheit, sendet ein Telegramm an die Bezirksdienststellen des MfS:
„aus gegebener veranlassung weise ich sie darauf hin, dasz in veroeffentlichungen in den medien und in dialogveranstaltungen keine informationen weitergegeben werden duerfen, die ueber die zentral vorgegebene orientierung hinausgehen.
diese orientierung entnehmen sie bitte veroeffentlichungen von mir, anderer leitender angehoeriger des amtes sowie den von der zaig herausgegebenen ‚aufsaetzen und argumenten’. insbesondere betrifft das absolute oder relative angaben ueber die personalstaerke sowie vorgesehene reduzierungen von kadern.
die oeffentlichkeit kann darueber informiert werden, dasz im prozesz der neubestimmung der aufgaben und struktur des amtes wesentliche reduzierungen des kaderbestandes, zunächst um 8 000 rpt 8000, erfolgen.“ 

Quelle
Wende ‘89 im Bezirk Suhl. Gemeinsame Ausstellung des Thüringischen Staatsarchivs Meiningen des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR und von Freies Wort. – Suhl, November 1999. 

Anmerkung
Die Stasi ist generell bei allen Veranstaltungen und Aktionen präsent und fertigt Berichte über den Verlauf der Veranstaltungen bzw. Dossiers über Oppositionelle. Aus der Fülle der vorliegenden Geheimberichte werden nachfolgend Auszüge veröffentlicht. 

02.11.1989, Donnerstag
Harry Tisch (SED) tritt als Vorsitzender des FDGB-Bundesvorstandes zurück (FDGB – Freier Deutscher Gewerkschaftsbund, DDR-Einheitsgewerkschaft), die Volksbildungsministerin Margot Honecker, der Vorsitzende der CDU, Gerald Götting, und der Vorsitzende der NDPD, Prof. Dr. Homann, der 1. Sekretär der Bezirksleitung Suhl der SED und Stellvertretender Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrats, Hans Albrecht, ferner Parteisekretäre der SED-Bezirks- und -Kreisleitungen.

Vertreter des Neuen Forums treffen sich am 02.11.1989 in der Apostelkirche und planen das weitere Vorgehen gegen die SED-Diktatur.  

Bürgergespräche und Demonstrationen in Römhild und Schleusingen. 

03.11.1989, Freitag
In einer Information des Leiters der Bezirksverwaltung Suhl der Staatssicherheit, Generalmajor Lange, heißt es zu einer Demonstration am 02.11. in Römhild (damals Kreis Meiningen)
„Von 19.00 Uhr bis 23.00 Uhr fand in Römhild/Meiningen unter Leitung des Vorsitzenden des Rates des Kreises ein Bürgergespräch mit etwa 1000 Personen statt.
Während dieses Gespräches kam es zu Forderungen nach Beseitigung der führenden Rolle der SED und des Grenzgebietes sowie zur Zulassung des ‚Neuen Forums’.
Im Anschluß an diese Veranstaltung führten die Teilnehmer einen Schweigemarsch durch die Stadt durch.
Mehrere Teilnehmer führten brennende Kerzen mit.
Es kam zu keinen Vorkommnissen.” 

Zu Schleusingen wird festgestellt:
„Während eines Bürgergespräches am 2.11.1989 von 19.00 Uhr in Schleusingen traten vor allem Mitglieder der CDU-Ortsgruppe mit provokatorischen Äußerungen gegen die SED, BPS Schleusingen (BPS = Bezirksparteischule der SED, d. Verf.) und das MfS in Erscheinung. Unter anderem wurden Forderungen erhoben, daß
- jeder Parteifunktionär, der Fehler begangen habe, zur Verantwortung gezogen werden müsse, das beträfe vor allem den ehemaligen 1. Sekretär der Bezirksleitung der SED
- die BPS Schleusingen aufgelöst und alle Genossen in die Produktion geschickt werden sollten
- das ‚Bespitzeln’ von Bürgern unterbunden werden müßte.
Unter Bezugnahme auf die Verfassung der DDR wurden Forderungen nach mehr Demokratie, nach Versammlungsfreiheit sowie Gewährung des Streikrechtes erhoben.
Derartige Diskussionen führten insbesondere der Zahnarzt (Name ist getilgt, d. Verf.), der Allgemeinmediziner (Name ist getilgt, d. Verf.) und der Dipl.-Med. (Name ist getilgt, d. Verf.).“ 

Quelle
Wende ‘89 im Bezirk Suhl. Gemeinsame Ausstellung des Thüringischen Staatsarchivs Meiningen des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR und von Freies Wort. – Suhl, November 1999.
Neben dem Friedensgebet vom 02.11. finden (wie dort angekündigt) in Hildburghausen in vier Wohnbezirken Einwohnerforen statt: im Saal des VEB Stadtwirtschaft mit ca. 200 Personen, in der Ernst-Thälmann-Oberschule (Waldstraße) mit 120, im Saal des Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebs mit 130 und in der Turnhalle der Werner-Seelenbinder-Oberschule in Hildburghausen-Wallrabs mit 350 Bürgern. 


01./02.11.1990. Es ist unglaublich: Die SED-Zeitung Freies Wort berichtet relativ ausführlich über die ersten Kundgebungen gegen den SED-Staat im Kreis Hildburghausen. Es klingt aber im Stile eines geschickten Rückzugsgefechts. Die SED schiebt bereits neue Leute in den Vordergrund. Landauf und landab wird das tatsächliche Geschehen kaschiert. Aus klar fordernden und auch teils wütenden Kundgebungen und Demonstrationen werden beispielsweise in Hildburghausen „Rathausgespräche“. Die Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur nennt man Dialog (der zumeist ein Monolog der Protestierenden bleibt): Wörter wie „Bürgergespräch“, „Kompetenz“ werden zu oft gebrauchten und missbrauchten inhaltslosen Schlagwörtern der weidwunden SED und der Pseudodemokraten.

03.11.1989, Freitag
Egon Krenz kündigt Umgestaltungen von Staat und Gesellschaft an: ziviler Wehrersatzdienst, Verfassungsgerichtshof, Wirtschaftsreform, Entwurf eines Reisegesetzes und Präzisierung des § 213 zum ungesetzlichen Grenzübertritt. – Krenz teilt mit, dass Hermann Axen, Kurt Hager, Erich Mielke, Erich Mückenberger und Alfred Neumann angeblich freiwillig von ihren Funktionen als Politbüromitglieder entbunden werden wollen.
Mit den Rücktritten der SED-Bonzen bzw. Umschichtungen im Parteiapparat will die SED-Führung in erster Linie das sinkende Schiff retten und ihre Macht wieder stabilisieren sowie die nationale und internationale Öffentlichkeit täuschen. Die Rücktritte sind mehr oder weniger Systemretuschen und nicht etwa Teil eines Demokratisierungsprozesses der kommunistischen SED bzw. der späteren SED-PDS (oder wie sich die SED-Nachfolgeparteien bis hin zur DIE LINKE. noch nennen wollen). Als „Hoffnungsträger“ wird der Dresdner SED-Chef Hans Modrow präsentiert, der gleichfalls für kommunistische Unterdrückung, brutale Übergriffe auf Oppositionelle und Wahlfälschungen verantwortlich zeichnet. Weitere Parteiführer fordern in einem Positionspapier die tiefgreifende Erneuerung des Sozialismus. Es gibt aber keine Vorstellungen, wie das aussehen und was geschehen soll.  

03. bis 09.11.1989
40.000 ausreisewillige DDR-Bürger dürfen die ČSSR ohne Visum in Richtung Bundesrepublik verlassen. 

04.11.1989, Sonnabend
In der Bezirksstadt Suhl demonstrieren etwa 25.000 Menschen in einer vom Neuen Forum initiierten Großkundgebung.
Superintendent Dr. Hanspeter Wulff-Woesten stellt in der überfüllten Themarer Bartholomäus-Kirche die Aktion und sein Gedicht „Grünes Band – Hoffnung für unser Land” vor, das in den Herbsttagen ein Zeichen der Opposition gegen das SED-Regime wird, vor allem Symbol des gewaltlosen Widerstands. 

Anmerkung
Die Mitarbeiter des VEB Offizin Andersen Nexö Leipzig, Betriebsteil Hildburghausen drucken das Gedicht in einer Auflagenhöhe von 2.000 Exemplaren. Kleidungsstücke und Autos werden mit dem symbolischen „Grünen Band“ geschmückt. Die Farbe symbolisiert Hoffnung. Das Band ist 40 Zentimeter lang, jeder Zentimeter steht für ein Jahr DDR (s. Faksimilé)

 Grünes Band Vorderseite

Grünes Band Rückseite  

04.11.1989, Sonnabend
In Ost-Berlin demonstrieren ca. 500.000 bis 1.000.000 Menschen für demokratische Reformen in der DDR. Es handelt sich um die größte Demonstration, die je in der DDR stattgefunden hat. Die teils von der SED-Führung gesteuerte Alexanderplatz-Demonstration wird vom DDR-Fernsehen live übertragen.
Ein Soldat der Grenztruppen, 25, überklettert in Gegenwart eines Streifenführers den Metallgitterzaun und meldet sich nach der Flucht bei der Bayerischen Grenzpolizei. 

06.11.1989, Montag
Freies Wort berichtet am 08.11.1989:
„Weiteres Rathausgespräch auf dem Marx-Engels-Platz Hildburghausen.
Wie uns der Rat der Stadt informierte, fand am Montag, dem 6. November 1989, ein weiteres Rathausgespräch auf dem Marx-Engels-Platz in Hildburghausen statt. Den Fragen der schätzungsweise 1000 Bürger (nach anderen Quellen 1.500 Teilnehmer, d. Verf.) stellten sich der Vorsitzende des Rates des Kreises, Hans Müller, und der Bürgermeister der Kreisstadt, Jürgen Ließ. Zur Diskussion standen unter anderem Privilegien, Probleme der Umweltbelastung in der Kreisstadt, die Rolle der Sicherheitsorgane, das Grenzgebiet, die Forderung nach Abschaffung von Exquisit- und Delikat-Läden. Bekräftigt wurde die Forderung nach Dialogen mit führenden Funktionären in den Betrieben.
Ablehnende Äußerungen gab es zum Entwurf des Reisegesetzes. Superintendent Wulff-Woesten von der evangelischen Kirche informierte über die Aktion ‚Grünes Band für mein Vaterland’. Im Anschluß an den zweistündigen Dialog auf dem Marx-Engels-Platz zogen viele Gesprächsteilnehmer zum Gebäude der SED-Kreisleitung und stellten dort brennende Kerzen auf.“
 

Die für die meisten Demonstranten ungeliebte SED-Kreisleitung in der Leninstraße (heute: Kreissparkasse in der Friedrich-Rückert-Straße) in Hildburghausen ist oft auch das Ziel der Schweigemärsche. Dort sowie am Rat des Kreises auf dem Marx-Engels-Platz (heute: Marktplatz) und an der Stasi-Kreisdienststelle in der Geschwister-Scholl-Straße werden brennende Kerzen als Symbol des Widerstands abgestellt. 

Auf alles waren die DDR-Machthaber vorbereitet, sogar hier im Kreis Hildburghausen, auf militärische Gewalt und Internierungslager, nur nicht auf Kerzen und Gebete! Wer Kerzen in der Hand hält, wirft keine Steine. Gerne bezeichne ich unsere wunderbare gewaltlose Revolution der Herbsttage 1989 auch als Kerzenlichtrevolution.
Das sagte Hans-Jürgen Salier in seinem Redebeitrag zum 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution auf der 4. Sitzung des 5. Kreistages am 24. November 2009 

Der Stellvertretende Minister für Staatssicherheit, Generaloberst Rudi Mittig, stellt in einem Interview des SED-Zentralorgans Neues Deutschland dar, dass die Angehörigen des Ministeriums für Staatssicherheit „uneingeschränkt für die angestrebte Umgestaltung und die notwendigen Reformen seien“. – Diese Aussage wird mit Entsetzen von einem Großteil der Bevölkerung aufgenommen, da sie die Unverfrorenheit der Staatssicherheit mit ihren brutalen Unterdrückungsmechanismen kennt oder zumindest ahnt. 
 

08.11.1989, Mittwoch
400 Bürger der Gemeinde Streufdorf kommen zu einem Einwohnerforum mit Johannes Müller, Vorsitzender des Rates des Kreises, mit den Ratsmitgliedern der Gemeinde, dem Ortsparteisekretär und Manfred Simon (DBD) zusammen. Zugegen sind auch Einwohner des Ortsteils Seidingstadt. Es werden Forderungen erhoben nach mehr Reisefreiheit, Aufhebung der Sperrzone, Rücktritt des Sekretariats der SED-Kreisleitung, schonungsloser Aufklärung der Vergehen des 1. Sekretärs der SED-Bezirksleitung, Hans Albrecht, Änderung des Artikels 1 der Verfassung. Weiter wird gefordert: Parteiversammlungen nach der Arbeitszeit anzusetzen, die Privilegien im Sanatorium des Ministeriums des Innern in Bad Colberg abzuschaffen. Diese Einrichtung sollte allen Bürgern offenstehen. Die Durchsetzung des Leistungsprinzips in der LPG wird gefordert, ferner stehen ungelöste Probleme des Handels und der Versorgung vor allem in Streufdorf zur Diskussion. 

Anmerkung
Im Artikel 1 der Verfassung vom 07.10.1974 heißt es: „Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern. Sie ist die politische Organisation der Werktätigen in Stadt und Land unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei.
Die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik ist Berlin.
Die Staatsflagge der Deutschen Demokratischen Republik besteht aus den Farben Schwarz-Rot-Gold und trägt auf beiden Seiten in der Mitte das Staatswappen der Deutschen Demokratischen Republik.
Das Staatswappen der Deutschen Demokratischen Republik besteht aus Hammer und Zirkel, umgeben von einem Ährenkranz, der im unteren Teil von einem schwarz-rot-goldenen Band umschlungen ist.“
Die Frage der Reformierbarkeit der SED war letztlich an die Frage geknüpft, ob die Partei auf ihren Führungsanspruch verzichten und die neuen politischen Gruppen zulassen würde. Zu diesem Schritt war sie jedoch nicht bereit, und so blieben nur jene peinlich anmutenden Versuche von Egon Krenz, Gerhard Müller und anderen, sich selbst an die Spitze der Wende-Bewegung setzen zu wollen, indem sie erklärten, sie hätten die Wende (in der Partei) eingeleitet. Im Grunde war es gerade diese Mischung aus Machtanspruch und gleichzeitiger Handlungsunfähigkeit, die die SED gerade auch bei der eigenen Basis angreifbar machte.
Innerhalb der Blockparteien standen die Führungsspitzen in ihrer Mehrheit zur SED, während sich an der Basis durchaus Widerstand regte. Dies wird dadurch belegt, daß Mitglieder der Blockparteien auf Kundgebungen und Demonstrationen sprachen und in den (nach der Besetzung der Bezirksverwaltungen der Staatssicherheit gebildeten) Bürgerkomitees mitarbeiteten.“
Dornheim, Andreas: Der Demokratisierungsprozeß in Thüringen 1989. In: Thüringen – Blätter zur Landeskunde (Hg. Landeszentrale für politische Bildung THÜRINGEN). – Erfurt, 1997. 

08.11.1989, Mittwoch
Bei der 10. Tagung des Zentralkomitees tritt das Politbüro, das oberste Machtzentrum der DDR, zurück. Neuer Generalsekretär wird Egon Krenz.
Dr. Helmut Kohl, der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, erklärt in seinem Bericht zur Lage der Nation vor dem Deutschen Bundestag in Bonn, dass die Selbstbestimmung für alle Deutschen das Herzstück seiner Deutschlandpolitik bleibe.
Das oppositionelle Neue Forum wird auf Druck großer Bevölkerungskreise vom Ministerium des Innern als Vereinigung bestätigt. 

09.11.1989, Donnerstag
Bis zum Zeitpunkt sind 225.233 Übersiedler aus der DDR in die Bundesrepublik gekommen.

Freies Wort vom 09.11.1989. Hildburghausens SED-Bürgermeister Jürgen Ließ, der als einer der wenigen Funktionäre das Gespräch mit den Bürgern sucht und meist auch Teilnehmer der Rathausgespräche ist, beginnt einige kleine und die Bürger bedrückende Probleme aufzugreifen.
Mit der Verkündung der Grenzöffnung am gleichen Abend ist jedoch die Reformierung des Sozialismus und damit der DDR Illusion. Realistisch betrachtet gibt es nur zwei Alternativen: die blutige Niederschlagung der Revolution oder die Einheit des deutschen Vaterlandes.

Freies Wort berichtet am 11.11. über den Bittgottesdienst in der Apostelkirche in Hildburghausen (Schleusinger Straße), den Schweigemarsch und die Kundgebung auf dem Marktplatz:
„Über 2500 Bürger demonstrierten.
Nach einem Bittgottesdienst in der Apostelkirche formierten sich am vergangenen Donnerstag gegen 21 Uhr die Teilnehmer zu einem Schweigemarsch durch die Kreisstadt. Unter der Hauptlosung ‚OHNE GEWALT / FÜR DEMOKRATIE’ zogen sie mit brennenden Kerzen vor das Rathaus. Herr Wendel, Vikar der ev. Kirche Häselrieth, übergab dort während einer Kundgebung mit über 2.500 Bürgern einen offenen Brief an den Bürgermeister der Kreisstadt und den Vorsitzenden des Rates des Kreises. In diesem Brief, bekräftigt durch über 1.000 Unterschriften, wurde die Tätigkeit des ‚Neuen Forums’ und weiterer Basisgruppen und Bürgerinitiativen gefordert. Auf die Frage nach der künftigen Zusammenarbeit antwortete Hans Müller, Vorsitzender des Rates des Kreises, daß bereits am Sonnabendvormittag ein Gespräch mit den Vorsitzenden der Parteien, Vertretern der verschiedenen Bürgerinitiativen, auch des ‚Neuen Forums’, stattfinden wird. Hans Müller unterstrich, daß für die künftige Gestaltung unseres Landes alle aufgerufen sind, ihre Vorschläge einzubringen.
Bürgermeister Jürgen Ließ bekräftigte noch einmal, daß es jetzt darauf ankommt, das Reden in die Tat umzusetzen, die Einheit von Denken, Sagen und Handeln zu verwirklichen. Der Dialog wird in allen Formen fortgesetzt, betonte er und nannte dazu noch einmal die heute Nachmittag stattfindenden themenbezogenen Rathausgespräche. Er forderte alle Bürger zur aktiven Mitarbeit auf. Superintendent Wulff-Woesten verwies unter anderem auf die Effektivität der Sacharbeit in kleinen Gruppen, die nicht vernachlässigt werden darf. Stadtverordneter G. Lohse (Lohse ist Mitglied der LDPD, d. Verf.) forderte den geschlossenen Rücktritt des Sekretariats der SED-Kreisleitung.
Allein am 09.11. gibt es in Eisfeld fünf Bürgerforen mit insgesamt 320 Teilnehmern zu den Themen Umweltschutz, Wasserwirtschaft, Landwirtschaft; Wohnungspolitik, Bauwesen; Handel und Versorgung, ÖVW (örtliche Versorgungswirtschaft); Volksbildung, Kultur, Gesundheits- und Sozialwesen, Jugendfragen, Sport.“
Nach dem Jahresbericht der Grenzpolizeiinspektion Mellrichstadt gelingt bis zur Grenzöffnung am 09.11. sechzehn Personen die Flucht nach Unterfranken.
Mit der aus DDR-Sicht „legalen“ Möglichkeit der Übersiedlung kommen einschließlich 09.11.1989 insgesamt 62 Übersiedler über den Grenzübergang Henneberg (Kreis Meiningen) – Eußenhausen (Landkreis Rhön-Grabfeld). 

Parolen, Losungen und Transparentaufschriften auf den Demos im Kreis Hildburghausen 

Grünes Band für’s Vaterland! 

Für eine umfassende Reform der Wissensbildung
keine Staatsbürgerkunde und Wehrkunde,
dafür Gesellschaftsmoral und Ökologie!

Wir sind das Volk! 

Wir sind ein Volk
† 1961 – *1989 

Gorbi, hilf uns!

Demokratie statt Diktatur! 

Freie und geheime Wahlen! 

Weg mit der Sperrzone

Reiht euch ein,
lasst das Fernsehgucken sein! 

Auf die Straße, reiht Euch ein! 

Freies Wort
ein Lügenblatt –,
wir haben diese Zeitung satt! 

Stasi in die Volkswirtschaft! 

Stasi in den Tagebau! 

Stasi weg, hat keinen Zweck! 

Keine Überwachung, sondern Erwachung! 

Lieber häufig übermüdet,
als ständig überwacht! 

9. November 1989
Der Eiserne Vorhang fällt.
Mauer und Stacheldraht waren das Fundament der DDR.
Mit ihrem Fall war der Zusammenbruch des SED-Staats nicht mehr aufzuhalten.

Auf einer täglich stattfindenden und live übertragenen internationalen Pressekonferenz nach der Sitzung des Zentralkomitees der SED in Ost-Berlin teilte um 18.57 Uhr das Politbüromitglied Günter Schabowski eher beiläufig den staunenden Anwesenden mit, dass jeder DDR-Bürger mit sofortiger Wirkung die Möglichkeit zur freien Ausreise ohne größere Formalitäten habe. – Die ersten Bürger dürfen die Grenzübergangsstellen (GÜST) ohne Visa passieren, weil die DDR-Grenzorgane wegen der unklaren Befehlslage verwirrt gewesen sind.
Die DDR öffnet die Grenzübergänge zur Bundesrepublik Deutschland und zu West-Berlin. Reisebeschränkungen werden aufgehoben. Das erste Wochenende nutzen ca. 3 Mio. DDR-Bürger zu einem Besuch in der Bundesrepublik. Am Folgetag verliest der Minister des Innern, Friedrich Dickel, im DDR-Fernsehen die Nachricht, dass die neue Reiseregelung dauerhaft sei. Er sprach von der Schaffung und Öffnung weiterer Grenzübergänge. 

09./10.11. 1989, 00.00 Uhr, Donnerstag/Freitag
Die Grenzübergangsstelle (GÜST) Eisfeld – Rottenbach wird als eine der letzten in der DDR um 04.00 Uhr geöffnet. Die Hildburghäuser Bürger Angelika und Hans-Joachim Holland sowie Rainer Schmidt überqueren mit ihrem Wartburg 353 als erste ohne Visa die Grenze.
 


 Der bekannte Hildburghäuser Fotograf Bernhard Großmann erkundet das Rodacher Grenzland (Bad Rodach. Die Freude ist riesengroß, der verwirrende Schilderwald ist kaum begreifbar, trotzdem funktioniert das System, denn man hilft sich.

Die GÜST Eisfeld von westlicher Seite.
Foto: Rainer Krebs
 

 

Die ersten Fußgänger überschreiten gegen 03.00 Uhr die ÜST Henneberg – Eußenhausen im benachbarten Kreis Meiningen.
Die visafreie Aus- und Einreise ist für DDR-Bürger jedoch nur für wenige Stunden möglich. Die spontanen Reisen ohne gültiges Visum werden Stunden später untersagt. Die Abteilungen Pass- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter erteilen auf Antrag einen Visumstempel mit 1/2-jähriger Gültigkeit. Bei nicht vorhandenem Reisepass erhält der Personalausweis den Visumstempel (eine im internationalen Reiseverkehr sicherlich einmalige Verfahrensweise). Der Stempelabdruck kostet 15,- Mark (DDR-Binnenwährung). Eine Woche später wird der Betrag vom VPKA (Volkspolizeikreisamt) wieder zurückerstattet.
 


 An der Grenzübergangsstelle (GÜST) Eisfeld (Kreis Hildburghausen) – Rottenbach (Landkreis Coburg). Während bis zum 09.11.1989 nur vereinzelte Fahrzeuge meist aus West-Ost-Richtung die Grenze passieren, bewegen sich nach dem Fall der Grenze täglich Tausende Fahrzeuge in Richtung Westen.  

Am 10.11. passieren an der GÜST (Grenzübergangsstelle) Eisfeld – Rottenbach etwa 800 Bürger die Grenze, 12 von ihnen erklären in Rottenbach, in der Bundesrepublik bleiben zu wollen.  

November 1989
Mit Öffnung der Grenze wird bei den Grenztruppen der DDR eine neue militärische Gliederung vorgenommen: Grenzbezirkskommando (GBK) (5 – entsprechend der Bezirke entlang der Grenze), Grenzkreiskommando (GKK), Grenzkompanie, Grenzwachen.


Die DDR-Sperranlagen an der GÜST Eisfeld – Rottenbach 

Das GKK 403 (Hildburghausen) steht unter Major Peter Leopold und gehört zum GBK 4 (Suhl).
In Schleusingen vereinigen sich ca. 500 Menschen zu einem Schweigemarsch mit Kerzen und Fackeln. 

09.11.1989, Donnerstag
Die Main-Post in Würzburg berichtet, dass mit der Öffnung der Grenze die extrem scharfen und auf Menschenjagd trainierten Wachhunde der Grenztruppen in den mörderischen Hundelaufanlagen ihren „Job“, Menschen an der Flucht zu hindern, mehr oder weniger verlören. Wie Reisende aus Thüringen berichteten, waren allein im Bereich des Bezirkes Suhl rund 250 Tiere – in der Mehrzahl Deutsche Schäferhunde – im Einsatz. Die Hunde dienten zur Bewachung von unübersichtlichen Grenzstreifen und Ortschaften, die unmittelbar im Grenzgebiet lagen. Die Grenzer verschenkten die zum Teil gut ausgebildeten Hunde. Tiere, die keinen neuen Besitzer fanden oder extrem gefährlich waren, wurden eingeschläfert.

Auf dem Weg zur Einheit. Die Öffnung der innerdeutschen Grenze.
Fotomontage von Wolfgang Mahr, Hildburghausen
 

10.11.1989, Freitag
In Ost-Berlin kommt es zu einer von der SED initiierten Kundgebung im Lustgarten mit etwa 150.000 Menschen.
In West-Berlin versammeln sich vor dem Schöneberger Rathaus etwa 20.000 Menschen. Redner sind Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, Alt-Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt sowie der Regierende Bürgermeister Walter Momper.
In der Aktuellen Kamera des DDR-Fernsehens verliest die bekannte Schriftstellerin Christa Wolf einen eindringlichen Appell, dass die Bürger nicht ihr Land verlassen sollten, denn täglich verlassen etwa 10.000 Menschen die DDR.
Der sowjetische Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, beglückwünscht die SED-Führung zur Grenzöffnung. 

10. bis 16.11.1989
Im Zeitraum einer Woche werden ca. 45.000 Visa im Alt-Kreis Hildburghausen erteilt. Das VPKA teilt mit, dass die im Personalausweis eingestempelten Reisevisa weiterhin gültig sind. Beantragte Reisepässe werden erst im März/April 1990 ausgegeben.
Einzelne DDR-Bürger beantragen zusätzlich, ohne den Wohnort zu wechseln, in einer bundesrepublikanischen Kommune Reisepässe der Bundesrepublik Deutschland mit einer Gültigkeitsdauer bis zu sechs Monaten. Nach DDR-Gesetzen machen sich diese Personen strafbar, die DDR-Behörden dulden jedoch die Handlungsweise stillschweigend. 

11.11.1989, Sonnabend
Deutschland feiert an diesem Wochenende ein millionenfaches Wiedersehen.
 


Einen Tag nach der Grenzöffnung winken begeisterte Menschen hinter der GÜST Eisfeld – Rottenbach im Lautertal den DDR-Besuchern in ihren „Trabis“ zu. Für viele westdeutsche Bürger sind alle „Ost“-Autos „Trabis“.
Foto: Frank Elsner, Hildburghausen
 

Die GÜST in Eisfeld – Rottenbach passieren von 00.00 bis 13.00 Uhr 9.356 Fahrzeuge.

Freies Wort, Kreisausgabe Hildburghausen vom 21.11.1989

In Heldburg kommt es zu einer genehmigten Demonstration mit ca. 500 Teilnehmern. Es wird gefordert, den Verfassungsartikel 1, mit der die Führungsrolle der SED festgeschrieben wurde, zu streichen, das Neue Forum zuzulassen und freie Wahlen anzusetzen. 

 


11.11.1989. Kundgebung in Heldburg gegen das SED-Regime.
Foto: Bruno Schubarth, Gellershausen
 

Die SED-Kreisleitungen und der Rat des Bezirks erhalten ein IN-Telegramm mit der Dringlichkeitsstufe „Blitz“, in dem es heißt:
„Werte Genossen, in Durchsetzung des Aktionsprogrammes unserer Partei werden die Vorbereitungen getroffen, die Tiefe des Grenzgebietes zu verändern. Das Ziel dieser Maßnahme besteht darin, ein solches Grenzregime aufrechtzuerhalten, das den Anforderungen des Schutzes der sozialistischen Ordnung genügt. Die notwendigen Veränderungen sollen bis Ende Dezember 1989 erfolgen. Es ist in den Grenzgemeinden und Grenzstädten offensiv mit der Bevölkerung zu arbeiten. Alle Maßnahmen der Grenzsicherung sind mit Ruhe und Besonnenheit durchzuführen!“
In Hildburghausen finden themenbezogene Rathausgespräche statt, im Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb Hildburghausen mit dessen Direktor Jochen Rädel, dem Nachfolgekandidaten der DDR-Volkskammer, im Speisesaal der Ernst-Thälmann-Oberschule (heute: Staatliche Regelschule Dr. Carl Ludwig Nonne in der Waldstraße zu Problemen des Handels und der Versorgung mit dem Bürgermeister der Kreisstadt, Mitgliedern des Rates des Kreises, Abgeordneten des Kreistages und der Stadtverordnetenversammlung sowie Leitern der zuständigen Betriebe.
Im Sitzungssaal des Rates des Kreises treffen der Sprecherrat des Neuen Forums und andere Bürgerinitiativen des Kreises mit Vertretern des Staatsapparats zusammen: dem Vorsitzenden des Rates des Kreises – Johannes Müller, dem Stellvertreter des Vorsitzenden für Inneres – Horst Zetzmann, dem Sekretär des Rates – Peter Andrescheck, dem Kreissekretär der Nationalen Front – Edgar End.
In einer Information in Freies Wort heißt es u. a.:
„Behandelt wurden in erster Linie Verfahrensfragen. Auf die Forderung nach öffentlichen Räumen für Beratungen und die Konstituierung der Initiativgruppen und Bürgerinitiativen erklärte der Ratsvorsitzende sein Einverständnis. Auf der Grundlage dieser Zusicherung sei es jeder Gruppe möglich, im konkreten Fall Vereinbarungen mit dem jeweiligen Rechtsträger des Gebäudes über die Nutzung zu treffen. Erörtert wurde auch die Frage, wie es den Initiativgruppen und Bürgerinitiativen künftig möglich sei, am Prozeß der Entscheidungsfindung demokratisch mitzuwirken. Man einigte sich auf Vorschlag von Hans Müller darauf, daß der provisorische Sprecherrat jeweils zwei Bürger benennt, die künftig an den Sitzungen der ständigen Kommissionen des Kreistages als berufene Mitglieder teilnehmen können. Des weiteren sei es auch möglich, daß Mitglieder der Initiativgruppen und Bürgerinitiativen bei Kreistagssitzungen das Wort ergreifen. Die Termine der Tagungen der ständigen Kommissionen sollen künftig auf der ‚FW‘-Lokalseite veröffentlicht werden. Außerdem wird der Ratsvorsitzende den ständigen Kommissionen vorschlagen, ihre Beratungen außerhalb der Arbeitszeit durchzuführen. Der Kreistag wird künftig generell außerhalb der Arbeitszeit tagen.
Weitere Verfahrensfragen betrafen die Erteilung von Druckgenehmigungen sowie die Tätigkeit von Bürgerinitiativen, die, wie im Eisfelder Raum, außerhalb des ‘Neuen Forums’ arbeiten. Horst Zetzmann antwortete, daß Druckgenehmigungen generell von der Abteilung Kultur des Rates des Kreises erteilt werden, wenn sich der Inhalt auf der Grundlage der Verfassung und der Gesetzlichkeit bewege. Über die Zulassung von Bürgerinitiativen, deren Wirksamkeit sich auf das Territorium des Kreises beschränkt, entscheidet der Stellvertreter für Inneres, wenn ein entsprechender Antrag und die klare Formulierung der Ziele vorliegt. Der Ratsvorsitzende hatte keine Einwände gegen außerparlamentarische Untersuchungsausschüsse.
Von beiden Seiten wurde mehrfach auf noch bestehendes Mißtrauen hingewiesen, das es nun in der gemeinsamen Arbeit abzubauen gelte. Dazu sollen die Informationsgespräche fortgeführt werden. Zum nächsten Gespräch wird der Ratsvorsitzende auch Vertreter des Volkspolizeikreisamtes und der Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit einladen. Abschließend betonte Hans Müller, daß es in den nächsten Tagen gelte, gemeinsam weitere Überlegungen zum Wohle aller Bürger des Kreises anzustellen und die Wende mit Taten wirkungsvoll auszugestalten. Der Ratsvorsitzende schloß mit den Worten: ‘Auf uns gemeinsam wartet viel Arbeit’.”
In einem redaktionellen Artikel stellt Freies Wort dar, dass in vielen telefonischen und schriftlichen Äußerungen die Parteigruppen und einzelne Bürger über die Sprachlosigkeit der Spitzenfunktionäre der SED-Kreisleitung, vor allem Herbert Lindenlaub (Erster Kreissekretär) und Hans-Georg Krauße (Sekretär für Agitation und Propaganda), in dieser schweren Situation unzufrieden seien, das führe zu weiterem Vertrauensverlust. Kritik wird auch an der nichtssagenden und einseitigen Berichterstattung auf der Kreisseite von Freies Wort geübt. Das Blatt ist die einzige Möglichkeit, wie sich die Bürger über lokale Ereignisse informieren können. Die Redaktion verspricht Veränderung des Arbeitsstils.

12.11.1989, Sonntag
In Eisfeld treffen sich vor dem Kulturhaus nach einem Aufruf der Jungen Gemeinde protestierende Bürger. Acht Redner sprechen zu den Demonstranten gegen den in der Verfassung der DDR verankerten Führungsanspruch der SED, für freie und geheime Wahlen und die Erneuerung des Sozialismus. Anschließend demonstrieren 1.300 Menschen durch die Innenstadt.
Eine geplante Kundgebung der FDJ-Kreisleitung Hildburghausen fällt wegen zu geringer Beteiligung aus. Im Jugendklub in der Oberen Allee wird eine kleine Gesprächsrunde von FDJlern und Vertretern von Parteien und Massenorganisationen organisiert, die aber kaum von Besuchern wahrgenommen wird. 

13.11.1989, Montag
Eine große deutsche Tageszeitung titelt zum Wochenbeginn mit großen Lettern:
Guten Morgen Deutschland!
Die DDR-Zeitungen halten sich mit Jubelausbrüchen zu diesem wunderschönen Wochenende relativ bedeckt.
Auch Grenzsoldaten und Volkspolizisten dürfen in die Bundesrepublik reisen.
Der Minister für Staatssicherheit, Armeegeneral Erich Mielke, erklärt in seiner ersten Rede in der Volkskammer den staunenden und schmunzelnden Abgeordneten:
„Genossen! Glaubt’s mir doch! Ich liebe doch alle Menschen!“
Der Dresdner SED-Funktionär Hans Modrow wird von der DDR-Volkskammer zum Ministerpräsidenten gewählt, Günther Maleuda, DBD, wird Volkskammerpräsident.
 


Passierschein III zum vorübergehenden Aufenthalt in der Sperrzone.
Das „Gefängnis DDR“ ist noch in weitere Abteilungen gegliedert, zu dem perverse Einrichtungen wie die Sperrzone gehören. Auf der Rückseite des hier abgebildeten Passierscheines stehen ermahnende „Hinweise“ an die Besucher der dem Todesstreifen vorgelagerten meist 5 Kilometer breiten Sperrzone.

„1. Zum Erreichen des Reisezieles ist innerhalb des Grenzgebietes der kürzeste Weg zu benutzen.
2. Sie haben diesen Passierschein während des Aufenthaltes in der Sperrzone ständig bei sich zu tragen.
3. Sie haben sich innerhalb von 12 Stunden nach der Einreise, soweit der Aufenthalt 12 Stunden übersteigt, bei der Meldestelle der DVP oder beim zuständigen ABV anzumelden oder vor der Abreise abzumelden.
4. Der Passierschein kann Ihnen entzogen werden, wenn die Gründ, die zur Ausstellung geführt haben, weggefallen sind oder gegen die Anordnung über die Ordnung in den Grenzgebieten und Seegewässern der DDR – Grenzordnung – vom 25. März 1982 verstoßen wird.
5. Nach Ablauf der Geltungsdauer bzw. Wegfall der Gründe, die zur Ausstellung führten, ist der
- aus beruflichen Gründen ausgestellte Passierschein der ausstellenden Dienststelle der DVP
- aus persönlichen Gründen ausgestellte Passierschein der für den Wohnsitz zuständigen Dienststelle der DVP unverzüglich zurückzugeben.“
 

Das Ministerium für Nationale Verteidigung lässt über ADN um 10.31 Uhr mitteilen, dass die Sperrzone im Grenzgebiet an der Staatsgrenze der DDR zur BRD aufgehoben wird. Die Verordnung wird am 14.11.1989 wirksam.
Diese „sensationelle“ Meldung leitet das Ende der über Jahrzehnte perfektionierten Abschottungsmaßnahmen der DDR ein. Der Zusammenbruch der DDR ist nicht mehr aufzuhalten, auch wenn sich die SED bzw. SED-PDS sich ihr Weltbild weiter zurecht lügt. Alle im Schutzstreifen liegenden Ortschaften, Ortsteile, Betriebe und Einrichtungen sind damit nicht mehr Grenzgebiet, und der freie Zugang zu ihnen ist gewährleistet. Damit entfallen die bisherigen Genehmigungen für die Einreise und den Aufenthalt. Die land-, forst- sowie anderweitige volkswirtschaftliche Nutzung des Schutzstreifens erfolgt in Abstimmung mit dem zuständigen Kommandeur der Grenztruppen der DDR. Die Zahlung von Sperrzonenzuschlägen für die dort wohnenden Bürger wird ab 01.01.1990 eingestellt.
Reisezahlungsmittel für Reisen in die Bundesrepublik werden in der Kreisfiliale Hildburghausen der Staatsbank der DDR ausgezahlt, in der Wechselstelle Eisfeld der Staatsbank, Zweigstelle Eisfeld der Kreissparkasse Hildburghausen und Zweigstelle der Genossenschaftskasse. Die DDR-Bürger können einmalig 15,- Mark der DDR gegen DM im Verhältnis 1 : 1 tauschen.  

Anmerkung
Das Begrüßungsgeld für DDR-Bürger in der Bundesrepublik Deutschland beträgt seit 1959 DM 30,00, seit 1988 DM 100,00 (einmalige Auszahlung pro Person und Jahr). Den ausreisenden DDR-Bürgern ist erlaubt worden, 70,00 Mark der DDR mitzunehmen, nach der Erhöhung des Begrüßungsgeldes in der Bundesrepublik nur noch 15 Mark, die 1 : 1 in DM umgetauscht werden konnten. Die Bundesrepublik zahlte aufgrund der Reiseerleichterungen 1988 insgesamt 260 Millionen DM, im November/Dezember sind es allein 3 – 4 Milliarden DM Begrüßungsgeld gewesen.
Zur „nicht geplanten“ Demo auf dem Hildburghäuser Marktplatz kommen nur noch ca. 300 bis 400 Personen zusammen. Ohne Mikrofon, auf Aschenkübeln stehend, werden von den Rednern die gleichen Themen wie bisher aufgegriffen. Einige warnen jedoch, dass eine gewisse Reisefreiheit noch nicht Freiheit bedeute, viele Menschen sehen sich nämlich schon am Ziel ihrer Wünsche.
Der Musikpädagoge und Ensembleleiter Helmut Mitzenheim übt mit den Demoteilnehmern unter großer Heiterkeit den von ihm komponierten und getexteten „Lindenlaub-Walzer“ ein. 


Lindenlaub-Walzer  

14.11.1989, Dienstag
Freies Wort berichtet:
„Von der Tagung der Kreisleitung der SED –
Peter Dornheim zum neuen 1. Kreissekretär gewählt
Das Plenum der Kreisleitung wählte Manfred Steinerstauch zum Sekretär der Kreisleitung und entband Genossen als Mitglieder des Sekretariats
Hildburghausen.
Am 14. November 1989 tagte die Kreisleitung Hildburghausen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. An der Tagung nahm das Mitglied des Sekretariats der Bezirksleitung Suhl der SED und Vorsitzende der Bezirksparteikontrollkommission, Genosse Günter Steigleder, teil.
Die Kreisleitung entsprach dem Antrag des Genossen Herbert Lindenlaub, ihn von der Funktion des 1. Sekretärs der Kreisleitung zu entbinden. Die Kreisleitung dankte Genossen Herbert Lindenlaub für seine langjährige Tätigkeit an der Spitze der Kreisparteiorganisation Hildburghausen.
Zum neuen 1. Sekretär der Kreisleitung wurde auf Vorschlag der Bezirksleitung Suhl der SED einstimmig Genosse Peter Dornheim gewählt. Genosse Dornheim arbeitete in verschiedenen Funktionen der Partei in unserem Bezirk, darunter auch im Kreis Hildburghausen. Er bedankte sich für das ihm entgegengebrachte Vertrauen und versicherte dem Plenum der Kreisleitung, gemeinsam mit den Kommunisten der Kreisparteiorganisation seine ganze Kraft für die Verwirklichung des von der 10. Tagung des Zentralkomitees beschlossenen Aktionsprogramms der SED einzusetzen.
Die Kreisleitung entband auf eigenen Wunsch die Genossen Bernhard Ehrentraut und Hans-Georg Krauße als Mitglieder und Sekretäre der Kreisleitung sowie die Genossen Horst Fischer, Vorsitzender des FDGB-Kreisvorstandes, und Stefan Brehm, 1. Sekretär der FDJ-Kreisleitung, als Mitglieder des Sekretariats der Kreisleitung. Die Mitglieder der Kreisleitung kooptierten Genossen Manfred Steinerstauch zum Mitglied der Kreisleitung und wählten ihn zum Sekretär der Kreisleitung Hildburghausen der SED.“ 

Anmerkung
Dr. Peter Dornheim gerät in den folgenden Tagen in der Öffentlichkeit in Kritik, da er seit Februar 1988 persönlicher Mitarbeiter des 1. Bezirkssekretärs der SED, Hans Albrecht, war. Zu dieser Problematik wird D., der diese Funktion als Parteiauftrag erhielt, in Freies Wort vom 24.11. zitiert: „Ich kann voller Verantwortung, auch vor mir selbst, sagen, daß ich über diese Zeit keine negative Einschätzung meiner Arbeit treffen muß und ehrlich gearbeitet habe. Ich habe stets meinen politischen Standpunkt vertreten und meine Meinung gesagt, auch wenn sie kein Gehör gefunden hat. Was die Delikte angeht, die Hans Albrecht persönlich zur Last gelegt werden, davon habe ich erst nach seiner Abberufung gehört und nichts damit zu tun. Sie werden durch den Staatsanwalt untersucht.” – Auf der Demo am 20.11.1989 in Hildburghausen wird nachdrücklich gefragt, wie man in der Nähe des selbstherrlichen 1. Bezirkssekretärs H. Albrecht, der den Bezirk wie ein Landesfürst beherrscht, überhaupt eine eigene Meinung äußern kann, ohne dafür kaltgestellt zu werden.
Freies Wort schreibt, dass Falk Wirsing aus Goßmannsrod, Mitglied des Zentralrates der FDJ, ein Telegramm von Eberhard Aurich, dem 1. Sekretär des FDJ-Zentralrats, erhalten habe. Darin heißt es:
„Westliche Rundfunk- und Fernsehstationen verbreiten die Meldung, daß die ‘FDJ-Führung’ zurücktreten wolle. Ich bitte Dich, diese Lüge der Westmedien über alle zurückzuweisen. Entsprechend den Beschlüssen der 12. Tagung des Zentralrates kämpft das Sekretariat gemeinsam mit Euch um die Erneuerung des Sozialismus und der DDR, um die Unumkehrbarkeit der Wende, für eine neue FDJ. Unseren Standpunkt haben wir mit dem Mandat der 12. Tagung nach gründlicher kollektiver Erörterung in der Jungen Welt veröffentlicht. Das Sekretariat des Zentralrats läßt unsere FDJ und Euch nicht im Stich. Ich denke, Ihr handelt gegenüber den Gruppen und Grundorganisationen, den Mitgliedern der FDJ genauso. Freundschaft.“
Kommentar von Freies Wort in Anlehnung an die Propagandalüge, dass die sozialistischen Medien nur Wahrheiten verbreiten und die bürgerlichen klassengebunden lügen: „Es bleibt zweierlei: Erstens haben westliche Enten nach wie vor kurze Beine. Zweitens schlachten wir sie jetzt endlich schon vor der Bruchlandung.“ 

Anmerkungen
- Aurich tritt am 24.11.1989 von seiner Funktion zurück.
- Offiziell gab es in der DDR keine Zensur.
Ein wichtiges Kontrollinstrument war die staatliche Lizenzpflicht. Das Presseamt beim Vorsitzenden des Ministerrats vergab Lizenzen für alle Druckerzeugnisse. Ohne eine solche Lizenz konnte keine Zeitung herausgegeben oder vertrieben werden. Lizenznehmer und Chefredakteur waren für ihr Presseerzeugnis auch politisch verantwortlich. Papier, Farbe sowie Satz- und Druckkapazitäten waren aufs Schärfste kontingentiert. Ca. 90 Prozent der Druckereien gehörten der ZENTRAG, waren also Eigentum der SED. Bei der staatlichen Zuteilung an Material wurden die SED-Zeitungen selbstverständlich bevorzugt.
In der Verfassung der DDR wurde die Pressefreiheit im Artikel 27 innerhalb „aller geltenden Rechte“ festgeschrieben. In der Neufassung von 1968 heißt es u. a.: „Jeder Bürger der DDR hat das Recht, den Grundsätzen dieser Verfassung gemäß seine Meinung frei und öffentlich zu äußern. Dieses Recht wird durch kein Dienst- oder Arbeitsverhältnis beschränkt. Niemand darf benachteiligt werden, wenn er von diesem Recht Gebrauch macht.“
Die Verfassung bot aber viele Möglichkeiten, die Freiheit von Presse, Rundfunk und Fernsehen einzuschränken, dazu gehörten beispielsweise Angriffe gegen die Führungsrolle der SED und den demokratischen Zentralismus oder die nach DDR-Interpretation weit auslegbaren Begriffe wie Kriegshetze und Kriegspropaganda, faschistische Propaganda, Völker- und Rassenhetze, staatsfeindliche Hetze, öffentliche Herabwürdigung u. a. Einem SED-Bonzen ordentlich die Meinung zu sagen oder ihn nach anderer Auslegung „öffentlich herabzuwürdigen“, konnte durchaus schon eine Freiheitsstrafe einbringen.
Bei vielen Demos und Veranstaltungen der sich bildenden demokratischen Vereinigungen auch im Kreis Hildburghausen wurde immer wieder die Pressefreiheit als Bürgerrecht eingeklagt, vor allem wird die Unabhängigkeit der SED-Blätter Freies Wort (Organ der Bezirksleitung Suhl der SED) und Neues Deutschland (SED-Zentralorgan) gefordert.
Es sollte daher bei den Zitaten aus diesen Quellen bedacht werden, dass es sich um SED-Zeitungen und bis zum Januar 1990 immerhin noch um „Sozialistische Tageszeitungen“ handelte. Die Redakteure waren oft bis hin zum Wortlaut weisungsgebunden. So spielt die Selbstzensur, die sogenannte „Schere im Kopf“ bei vielen Journalisten bis zum Zusammenbruch der DDR wohl eine erhebliche Rolle.
Die Kontrolle der Partei über die Medien begann bereits im staatlich reglementierten Berufszugang in Form eines Journalistik-Studiums, meist an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Die Mitgliedschaft im Journalistenverband der DDR (VDJ) war obligatorisch, und ein Ausschluss bedeutete gleichsam ein Berufsverbot.
Nach der marxistisch-leninistischen Theorie des Journalismus wurden den Medien drei Rollen zugeschrieben: Propagandist (der kommunistischen Ideologie), Agitator (der SED-Politik) und Organisator (der geplanten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung). Und dieser Methodik lagen die allgemeinen Prinzipien des gesamten DDR-Agitations- und Propagandaapparates zugrunde: Parteilichkeit, Wissenschaftlichkeit (im Sinne der marxistisch-leninistischen Paradigmen) und Volksverbundenheit.
Allerdings setzten mit Beginn der Revolution auch in den Redaktionen sehr starke Umdenkprozesse ein, die einerseits zu Unsicherheiten und Verwirrungen bei den Journalisten führten, andererseits eine bisher nie gekannte Freiheit der Berichterstattung und Meinungsäußerung zur Folge hatten, da die politischen Abhängigkeiten in der Auflösung begriffen und neue wirtschaftliche Abhängigkeiten noch nicht vorhanden waren. Diese Prozesse lassen sich jedoch zeitlich kaum fassen und einordnen, da sie sehr stark von den einzelnen Persönlichkeiten und Hierarchien in den Redaktionen abhängig waren.
 Eine Buslinie Hildburghausen – Coburg und zurück wird vom VEB Kraftverkehr Hildburghausen eingerichtet. 

Angehörige der Grenztruppen der DDR helfen im Kreis Hildburghausen u. a. bei Versorgungsfahrten des VEB Handelstransports Hildburghausen, teilweise mit Armeefahrzeugen. Die Ursachen liegen im desolaten Zustand der Fahrzeuge und damit in mangelnden Transportkapazitäten sowie am Treibstoffmangel. 

Anmerkung
Nach einigen Tagen der Grenzöffnung und mit den neuen Reise- und Einkaufsmöglichkeiten kommt es zu einem merklich geringeren Warenumsatz in den Verkaufsstellen des Kreises. Die DDR-Bürger kaufen von dem einmaligen Begrüßungsgeld in Höhe von DM 100,- in der Bundsrepublik (einige Kommunen zahlen überdies noch zusätzliche Beträge) vor allem Südfrüchte, Schokoladenerzeugnisse, Genussmittel, elektronische Geräte.
Bei den DDR-Bürgern ist das Vertrauen zur DDR-Binnenwährung restlos gesunken, zu irrationalen Kursen wird die DDR-Mark gegen die DM getauscht, bis zu 25 : 1. Ferner kommt es in Größenordnungen zum sinnlosen Ankauf hochwertiger Industriegüter aus dem DDR-Angebot und Billigimporten aus dem Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet (NSW)

15.11.1989, Mittwoch
Lt. Mitteilung der 15. Tagung des Bezirkstags vom 21.12. sind aus dem Bezirk Suhl 1.750 Berufstätige in die Bundesrepublik Deutschland und nach Westberlin abgewandert, 1.550 Arbeitskräfte sind zu vermitteln.
Das Sekretariat der SED-Bezirksleitung Suhl tritt geschlossen zurück, ebenso der Suhler Oberbürgermeister. Der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung, Peter Pechauf, steht einem neuen Arbeitsgremium vor. 

16.11.1989, Donnerstag
Der Stellvertreter des Vorsitzenden des Rates des Bezirkes Suhl gibt eine „Information zu aktuellen Problemen seit Öffnung der Staatsgrenze zur BRD“ heraus, in der es u. a. heißt:
„Im Bezirk Suhl zeichnen sich hinsichtlich der Erweiterung von Beziehungen zwischen BRD und DDR folgende Schwerpunkte ab:
1. Angebote/Wünsche seitens BRD-Organen zu Städtepartnerschaften (vor allem im Kreis Hildburghausen).
2. Forderungen/Vorschläge zur Einrichtung neuer Grenzübergangsstellen (vor allem in den Kreisen Sonneberg und Meiningen).
3. Angebote/Vorschläge für finanzielle und materielle Unterstützung, oft in Verbindung mit dem Umweltschutz (vor allem in den Kreisen Bad Salzungen und Sonneberg).“

Zum Kreis Hildburghausen wird u. a. vermerkt:
„- Eisfeld: Bürgermeister von Lauterhal (gemeint ist Lautertal, d. Verf.) will Städtepartnerschaft (gibt nicht auf, obwohl auf Grundlagenvertrag und entsprechende Verfahrensweise hingewiesen)
Ab Rottenbach verteilt Pfarrer Steinert (ehemaliger DDR-Bürger) in Bussen Flugblätter mit einem Angebot für DDR-Bürger zum Verschnaufen und Gedankenaustausch’ im Haus der evangel. Freidenkergemeinde Coburg ( ... ).“ 

16.11.1989, Donnerstag
Die Würzburger Main-Post schreibt, dass die LPG-Felder in Thüringen eine Woche nach der Grenzöffnung halb abgeerntet seien und unter herbstlichem Raureif lägen. Vielfach ständen auch die Apfelbäume noch mit der Last ihrer Früchte da. Die Menschen in der DDR interessiere nur eines: So viel Zeit wie möglich im Westen zu verbringen. In den Schulen reichte eine formlose Entschuldigung, und die Kinder könnten während der Unterrichtszeit zweimal die Woche in die Bundesrepublik fahren, ohne Ärger zu bekommen. 

17.11.1989, Freitag
Die Volkskammer der DDR wählt einen neuen Ministerrat. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wird umbenannt in Amt für Nationale Sicherheit (AfNS). Leiter wird Generalleutnant Dr. Wolfgang Schwanitz. Ein Großteil der Bevölkerung ist gegen die neuen Machenschaften der SED und ihrer Geheimpolizei. – In seiner Regierungserklärung kündigte Modrow eine demokratische Erneuerung des öffentlichen Lebens an und schlägt eine Vertragsgemeinschaft der beiden deutschen Staaten vor. 

18.11.1989, Samstag
Die dem Zentralkomitee der SED und dem SED-Generalsekretär unterstehende Politische Hauptverwaltung (PHV) der Nationalen Volksarmee beschließt die Trennung von Parteiorganisationen und Politorganen als Bestandteilen der militärischen Struktur. Die SED-Parteiinstruktion wird außer Kraft gesetzt.
 


Freies Wort vom 18.11.1989 zum Bau des Grenzübergangs Adelhausen (OT von Eishausen) und Rodach bei Coburg.

 

Der Grenzübergang Eishausen/Adelhausen – Rodach wird für DDR-Bürger geöffnet (s. 24.23.1989). Der konzentrierte grenzüberschreitende Verkehr, der sich über Eisfeld, der einzigen GÜST im Kreis, bewegt, soll entlastet werden.
Am Nachmittag des 16.11. begehen Verantwortliche der Grenztruppen der DDR das Terrain.

So ein belebtes Rodach (heute: Bad Rodach) gab es vermutlich nur an diesen wunderbaren November- und Dezembertagen 1989. Franken: Das Reiseziel Nr. 1. Ein bekannt unbekanntes Land gilt es zu entdecken, aber auch Begrüßungsgeld abzuholen, zu schauen, neue Freundschaften zu knüpfen, vor allem aber teils bescheidene Konsumwünsche zu erfüllen.
Foto: Bastian Salier

Von der einstigen Straße, die Hildburghausen mit Coburg verbindet, ist in Grenznähe kaum noch etwas vorhanden, während von bayerischer Seite keine nennenswerten Vorkehrungen für den Reiseverkehr getroffen werden müssen, denn die Straße von Rodach bis an die Demarkationslinie ist in der Zeit der deutschen Teilung instand gehalten worden.
Innerhalb von 24 Stunden werden die Voraussetzungen geschaffen, den Grenzübergang zu eröffnen. Die Straßenmeisterei Hildburghausen verlegt 150 m Straßenplatten, unterstützt von den Grenztruppen der DDR, dem VEB Kraftverkehr Hildburghausen und dem Baumaterialienkombinat Themar. 600 m Schotterstraße werden ausgebessert und 25 Lichtmasten gesetzt. Wegen der Pass- und Zollkontrollen sowie der geringen Durchlassfähigkeit der Straßen gibt es bis Sophienthal eine Autoschlange. Staus sind bereits in Hildburghausen feststellbar.
Die Busse ab Eisfeld nach Coburg fahren erstmals ohne Umsteigen an der GÜST durch. Die Fahrpreise ab Eisfeld sind in Mark der DDR, ab Coburg nach Eisfeld in DM zu entrichten. 

18.11.1989, Samstag
Die Main-Post berichtet in ihrer Wochenendausgabe über den rasanten Kursverfall der DDR-Mark:
Schon kurz nach dem 10.11.1989 verfiel der Kurs der Ost-Mark gegenüber der D-Mark. Ein Übersiedler bekam für seine Ersparnisse in Höhe von 3.500 Mark (Ost) genau DM 285 – so schrumpfte der Lohn eines halben Jahres. Für 100 Mark der DDR zahlte die Hammelburger Flessabank am 17.11.1989 DM 6,50, die Raiffeisenbank 6 DM, die Sparkasse sowie Schilling-Bank DM 4,50. Die Werbegemeinschaft in Bad Kissingen ließ um den 17.11.1989 Schilder an ihre Mitglieder verteilen, auf denen folgender Wechselkurs angeboten wurde: „Wir nehmen auch DDR-Mark 1 : 10.“ 
Doch schnell verfiel der Kurs auch in der Kurstadt, so war einen Tag später in der Main-Post zu lesen, dass 100 Ost-Mark nur noch DM 4,50 wert waren. 

18./19.11.1989, Samstag und Sonntag
Die Frauen aus Zimmerau und Sternberg (Gemeinde Sulzdorf a. d. Lederhecke) bewirten am Parkplatz des Bayernturms in Zimmerau die Besucher aus der DDR mit Tee, Kaffee und Kuchen. Hunderte Bürger, vor allem aus dem Heldburger Unterland, besuchen ihr benachbartes und bisher nicht erreichbares „Traumreiseziel“.

Anmerkung
Der am 22.08.1966 eingeweihte 38 m hohe Bayernturm auf dem Büchelberg in Zimmerau (429 m), dicht an der Zonengrenze, der einen herrlichen Rundblick auf den Thüringer Wald, das Coburger und Südthüringer Land, das Obermaingebiet, die Rhön und die Hassberge und den Steigerwald bietet, ist für die Stasi begehrtes Zielobjekt. Unter der Registriernummer XI 584/84 wird am 20.07.1984 vom Leiter der Kreisdienststelle Hildburghausen, Oberstleutnant Dömming, die „Feindobjektakte Thüringenblick“ angelegt.
Oberleutnant Blaufuß schreibt hierzu den Eröffnungsbericht. Zu den im westlichen Grenzvorfeld des Kreises Hildburghausen existierenden sog. Informationsstellen Breitensee und Dürrenried sowie der Aussichtsturm Sternberg/Zimmerau:
„Die genannten Einrichtungen der BRD-Landkreise Königshofen und Ebern (den Stasi-Oberen des Kreises Hildburghausen war bis zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch nicht aufgefallen, dass es die Landkreise Bad Königshofen und Ebern nicht mehr gab, d. Verf.) fest in das System der Besichtigungspunkte im bayerischen ‘Zonenrandgebiet’ eingegliedert. Sie dienen im Auftrag der bayerischen Staatsregierung der Verbreitung revanchistischen Gedankengutes und sind gegen die Souveränität der DDR, ihre Staatsgrenze und das Grenzgebiet gerichtet.
Der informative und politische Charakter dieser Einrichtungen ist darauf ausgerichtet, im Rahmen von Grenzlandfahrten an die Staatsgrenze herangeführte BRD-Bürger mit der Staatsgrenze, den Grenzsicherungsanlagen und Grenzregimefragen der DDR vertraut zu machen und anhand dessen die ‚Unmenschlichkeit’ der Staatsgrenze und der zu ihrer Sicherung eingesetzten Kräfte der DDR zu veranschaulichen. Dabei sollen bei den BRD-Bürgern Gefühle der ‚Solidarität’ mit den DDR-Bürgern und Haß gegen die DDR-Staatsorgane erzeugt werden. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Einrichtungen als Ausgangspunkte subversiver Handlungen/Aktivitäten gegen die Staatsgrenze, das Grenzgebiet sowie dessen Bewohner im Bereich dieser Einrichtungen genutzt werden.”
Nach: Reinhold Albert: Die Staatssicherheit hatte auch den Zimmerauer Bayernturm sowie bayerische Grenzinformationsstellen im Visier. In: Echo der Lederhecke. Mitteilungsblatt der Gemeinde Sulzdorf a. d. L. 4/1999 (Oktober – Dezember 1999), S. 31 f. 

19.11.1989, 24 Uhr, Sonntag
Bis zum Zeitpunkt passieren die seit dem Vortag bestehende Grenzübergangsstelle Eishausen/Adelhausen – Rodach in Richtung Bayern 2.423 Pkw, ferner 456 Fußgänger. Im gleichen Zeitraum sind es in Eisfeld 5.381 Pkw mit 21.300 Personen. 

19.11.1989, Samstag
Krenz und Modrow erklären die Ablehnung einer Vereinigung der beiden deutschen Staaten und der so genannten „selbständigen politischen Einheit Berlin-West“.
Modrows Schikane: Wiedereinführung des Zwangsumtausches für Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Bei Betreten der DDR müssen sie wieder DM 25,00 als Zwangsumtausch zahlen, zynisch von den Betroffenen als Eintrittsgeld bezeichnet. Ferner müssen sie ein gültiges Visum vorweisen. Das Verhalten der SED-Führung trifft auf allgemeines Unverständnis und Protest.
Bundesfinanzminister und CSU-Chef Dr. Theo Waigel besucht zusammen mit dem CSU-Bundestagsabgeordneten Otto Regenspurger, der sich auch sehr oft im Kreis Hildburghausen aufhielt, den Grenzübergang Neustadt bei Coburg – Sonneberg. 

20.11.1989, Montag
Nach dem Rathausgespräch kommt es in Hildburghausen zur spontanen Demonstration, die sich diesmal vor allem gegen den 2. Sekretär, Jürgen Heller, und gegen den 1. Sekretär der Kreisleitung der SED, Herbert Lindenlaub, richtet.
(s. Faksimile „Rechte und Pflichten gelten für alle. Im Gespräch mit Oberstleutnant der VP Burkhard Stahl, Leiter des VPKA Hildburghausen“).

Freies Wort vom 23.11.1989 zur Demonstration nach dem Rathausgespräch am 20.11.1989

  Kommentar zum Artikel Freies Wort vom 23.11.1989 zur Demonstration 

21.11.1989, Dienstag
Freies Wort berichtet:
„Rangelei an den Minol-Zapfsäulen.
Zu langen Wartezeiten kam es insbesondere am vergangenen Sonnabend an den Tankstellen unseres Kreises. Teilweise war das Benzin regelrecht ausgegangen. Gesagt werden muß, daß der Abkauf in enormen Größenordnungen vonstatten ging, teilweise überzogene Forderungen von Bürgern nach Abfüllen mehrerer Kanister vorgebracht wurden. Richtig stabilisiert hatte sich die Lage erst am Montagmorgen. Alle Tankstellen sind nunmehr wieder ausreichend mit Benzin bevorratet ...”
„Kommuniqué der Tagung der Kreisleitung Hildburghausen der SED.
Am 21. November 1989 fand eine Tagung der Kreisleitung Hildburghausen der SED statt. Zu Beginn beantragte das Sekretariat der Kreisleitung aufgrund anhaltender Kritiken aus vielen Grundorganisationen der Partei geschlossen seinen Rücktritt. Dem stimmten die Mitglieder der Kreisleitung zu.
Das Plenum bestätigte außerdem das Ausscheiden von Christa Haase (Mitglied des Sekretariats und Vorsitzende der Kreisparteikontrollkommission, d. Verf.), Jürgen Heller (2. Sekretär der SED-Kreisleitung), Herbert Lindenlaub (1. Sekretär der Kreisleitung) und Hans Schmidt (Sekretär für Landwirtschaft) als Mitglieder der Kreisleitung.
Herbert Lindenlaub und Hans Schmidt stellten den Antrag, ihr Mandat als Abgeordnete des Kreistages Hildburghausen zurückzuziehen. Diesem Wunsch wurde ebenfalls entsprochen.
Zum 1. Sekretär der Kreisleitung wurde einstimmig wiederum Peter Dornheim gewählt. Hans Gramann, zuvor als Mitglied in die Kreisleitung kooptiert, wählten die Mitglieder der Kreisleitung zum 2. Sekretär.
Zum Sekretär für Agitation und Propaganda wurde Manfred Steinerstauch wiedergewählt. Das Plenum kooptierte Dieter Kambach als Mitglied der Kreisleitung und wählte ihn zum Sekretär für Landwirtschaftspolitik. Die Wahl aller Mitglieder des Sekretariats erfolgte einstimmig.
Peter Dornheim schätzte die politische Situation in der Kreisparteiorganisation ein und unterbreitete Vorschläge zur weiteren qualitativen Erneuerung unserer Partei.
Zur Diskussion sprachen 11 Genossinnen und Genossen.
Die Kreisleitung bestätigte das Referat des Sekretariats und beschloß Maßnahmen zur Vorbereitung der Kreisdelegiertenkonferenz am 2. Dezember 1989 und des außerordentlichen Parteitages.”
Auf der Tagung nimmt Dr. Peter Dornheim zu seiner Tätigkeit als persönlicher Mitarbeiter Hans Albrechts seit Februar 1988 Stellung und betont, dass er sich nichts zuschulden kommen ließ. Ferner wird mitgeteilt, dass bis zur Neuwahl die Leitung der Kreisparteikontrollkommission durch Joachim Soltysek geleitet wird.
Bis zum Zeitpunkt sind im Kreis Hildburghausen 574 Mitglieder aus der SED ausgetreten, 36 Parteisekretäre sind nicht bereit, die Funktion weiter zu übernehmen, 10 Parteisekretäre sind aus der Partei ausgetreten.
In Freies Wort lässt der Rat der Stadt Hildburghausen erklären, dass es keine Ungesetzlichkeiten bei der Auflösung von Haushalten der Bürger gab, die die DDR verlassen haben. Es wird darauf verwiesen, dass der Minister für Finanzen die bestehende Anordnung Nr. 2 vom 20.08.1958 auf der Grundlage eines Ministerratsbeschlusses vom 11.11.1989 aufgehoben habe. „Bis zu diesem Zeitpunkt wurden durch den Rat der Stadt Hildburghausen Mitarbeiter beauftragt, als staatliche Treuhänder alle im Haushalt befindlichen Gegenstände zu erfassen und über die HO An- und Verkauf bewerten und veräußern zu lassen. Gegenstände, die nicht so veräußert werden konnten, wurden dem VEB SERO zugeführt oder auf der Mülldeponie Leimrieth vernichtet. Über alle Maßnahmen dazu wurde eine Akte angelegt und dem Rat des Kreises übergeben. Der Rat der Stadt verwahrt sich mit Nachdruck gegen jegliche Anschuldigungen nach persönlicher Bereicherung seiner Mitarbeiter, die diese Arbeit ausgeführt haben.“ 

Anmerkungen
- Richtig ist, dass sich überdies eine Vielzahl der Redner gegen die SED-Herrschaft ausspricht, vor allem scharf gegen den in der DDR praktizierten Sozialismus protestiert. Die Wut der Bevölkerung gegen die Einheitspartei wird immer akzentuierter, vor allem wenn die Genossen während der Demos oder in den Medien verbreiten, sie hätten nichts gewusst. Die Privilegien der DDR-Nomenklatura waren selbst für den Normalbürger ein offenes Geheimnis. Zum Zeitpunkt der Konsolidierung der SED wird diese Propagandalüge immer wieder von einzelnen Rednern im Kreis aufgegriffen und angeprangert.
- Die Praktiken der Verwertung von Privatbesitz sogenannter Republikflüchtiger, von der Regierung der Bundesrepublik Deutschland im Zuge des DDR-Menschenhandels freigekaufter oder zwangsausgewiesener Bürger konnten bis heute nicht restlos geklärt werden, bzw. die Vorgänge im Kreis Hildburghausen wurden nicht konsequent untersucht. Nachgewiesen ist, dass Teile des ehemaligen Besitzes dieser Personen nicht offiziell veräußert wurden und trotzdem wieder in Privathand gelangten. 

21.11.1989, Dienstag
Im Coburger Tageblatt heißt es zum Thüringerwald-Verein Coburg:
Seit Jahrzehnten besuchte die erste westliche Wandergruppe wieder die Heldburg. Der Thüringerwald-Verein Coburg hatte zu einer Wanderung in das gleichnamige Unterland eingeladen. Die „Fränkische Leuchte“ droht insbesondere seit einem verheerenden Brand im Jahr 1982 zu verfallen. Jetzt hoffen engagierte Denkmalschützer im Unterland auf den Reformkurs in ihrem Teil Deutschlands. Die Wanderung führte weiter über die vom DDR-Regime geschleifte Ortschaft Billmuthausen und Bad Colberg nach Ummerstadt. Besonders freute sich Edmund Fröbel auf diese Wanderung. Nach 37 Jahren durfte er wieder an den Ort, an dem er seine Jugend verbrachte. Noch vor drei Monaten wurde ihm die Genehmigung verweigert, zur Beerdigung seiner Cousine in seinen Geburtsort Ummerstadt, Krs. Hildburghausen, zu reisen. 

22.11.1989, Mittwoch
Sitzung des Demokratischen Blocks unter Vorsitz der NDPD zur Vorbereitung der Kreistagssitzung vom 25.11. Die Vertreter der Parteien und Organisationen sprechen sich für eine weitere Zusammenarbeit im Block in neuer Qualität aus. Der Vorschlag der NDPD, LDPD und CDU, bei künftigen Wahlen nur noch Parteien als Mandatsträger zuzulassen, stößt auf den Widerstand der FDJ, der VdgB, des DFD und des FDGB.
Der Stellvertreter operative Technik/Sicherstellung des AfNS-Bezirksamtes Suhl gibt an die Geheimdienststellen in der Vertraulichen Verschlusssache 968/89 einen „Auszug aus der Einsatzkonzeption für die Anwendung spezieller chemischer Einsatzmittel des Leiters des Bezirksamtes“ heraus:
„Zur Ausrüstung mit speziellen chemischen Einsatzmitteln und ihrer Anwendung durch Mitarbeiter des Bezirksamtes sowie der Kreisämter wird festgelegt:
1. Ihre Struktureinheit ist mit speziellen chemischen Einsatzmitteln ausgerüstet.
2. Spezielle chemische Einsatzmittel sind nur auf Weisung des Leiters des Bezirksamtes und bei Gefahr im Verzug durch die Leiter der Struktureinheiten einzusetzen.
3. Die Anwendung spezieller chemischer Einsatzmittel darf nur durch Angehörige erfolgen, die in den Gebrauch dieser Mittel entsprechend der Anwenderinstruktionen (siehe Anlage) unterwiesen sind.
Dazu sind im Bezirksamt zwei Ausbildungsberechtigte des SR BCD und den im Punkt 1 genannten Struktureinheiten je ein Ausbildungsberechtigter zu bestimmen.
4. Spezielle chemische Einsatzmittel (d.h. Reizstoffsprühgeräte R 1 und R 2, Nebelwurfkörper mit Reizstoff sowie Abwehrspraydosen mit Reizstoff) können angewandt werden:
- wenn die Bestimmungen zur Anwendung der Schußwaffe gemäß Schußwaffengebrauchsordnung zu treffen und durch ihren Einsatz als Alternative zur Schußwaffenanwendung eine adäquate Wirkung erzielt wird;
- zur Abwehr von Gewaltakten und Angriffen auf Objekte des Bezirksamtes und der Kreisämter;
- wenn von Personengruppen Angriffe gegen die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung ausgehen, Gewalttätigkeiten gegen Personen begangen werden oder unmittelbar zu erwarten sind, Gewalttätigkeiten gegen Sachen begangen werden, durch welche ernste Auswirkungen für die Sicherheit und Ordnung auftreten und den Anforderungen der Sicherheitskräfte nicht Folge geleistet wird, ( ... ).“
Nach massiven Forderungen oppositioneller Gruppen lenkt das SED-Politbüro ein und schlägt einen Runden Tisch vor.

23. November 1989, Donnerstag

Da die Bürger Hildburghausens permanent eine Städtepartnerschaft mit einer Kommune der Bundesrepublik fordern, nehmen Bürgermeister Jürgen Ließ und der Kommissionsvorsitzende Ordnung und Sicherheit der Stadtverordnetenversammlung, Helmut Göpfert, trotz Weisung des Ministerpräsidenten Modrow, keine eigenständigen Kontaktaufnahmen zu Westkommunen zu versuchen, Kontakt mit Bürgermeister Englmaier, Rodach, auf. Ein erstes Gespräch führt Göpfert am 29.11. Zu einem Treffen kommt es am 11.12. zwischen den Bürgermeistern Ließ und Englmaier im Rodacher Rathaus.

Anmerkung
Die Kontakte Hildburghausens mit weiteren Städten (z. B. Schwabach) sowie der endgültige Abschluss einer Städtepartnerschaft mit Würselen kann im Rahmen dieser Arbeit nicht abgehandelt werden.

 23.11.1989, Donnerstag
Gegen Erich Honecker wird ein Parteiverfahren eingeleitet, der ehemalige Wirtschaftschef Günter Mittag wird aus der SED ausgeschlossen.
In der Hildburghäuser Apostelkirche findet ein Bittgottesdienst statt. Anschließend beteiligen sich ca. 800 Bürger an einem Schweigemarsch. Vor dem Stasigebäude und der SED-Kreisleitung werden Kerzen abgestellt. 

24.11.1989, Freitag
In der Geheimen Verschlusssache 292/89 des Bezirksamtes des AfNS zur Reduzierung des Bestandes registrierter Vorgänge und Akten sowie weiteren operativen Materialien und Informationen heißt es:
„Zur Gewährleistung des zuverlässigen Quellenschutzes und der Geheimhaltung spezifischer operativer Mittel und Methoden und Arbeitsergebnisse sind folgende Maßnahmen zur differenzierten Auslagerung bzw. Vernichtung von registrierten Vorgängen und Akten sowie weiteren operativen Materialien und Informationen in den Kreisämtern und Fachabteilungen/Selbständigen Referaten des Bezirksamtes durchzuführen:
1. Alle OV/OPK-, IM- und GMS-Akten sowie IM-Vorlaufakten der Kreisämter sind, soweit nicht bereits erfolgt, in das Bezirksamt zu überführen. Durch die Abteilung XII des Bezirksamtes ist über die Vollständigkeit der überführten Vorgänge und Akten ein exakter Nachweis zu führen. Das Kreisamt Suhl stimmt die differenzierte Überführung mit der Abt. XII ab.
2. Ausgehend von der Lage und daraus resultierenden möglichen Gefährdungen, haben die Leiter der Fachabteilungen/Selbständigen Referate und des Kreisamtes Suhl in eigener Zuständigkeit darüber zu entscheiden, welche
- IM-Vorgänge der Kategorien IMB in IME
- anderen IM-Vorgänge besonders mit Einsatzrichtungen
            . im und nach dem Operationsgebiet bzw.
            . Bearbeitung innerer Feinde
- IM-Vorgänge zu gesellschaftlichen/politischen Schlüsselpositionen (gewählte Volksvertreter, Funktionäre staatlicher Organe, Parteien und Organisationen)
OV/OPK zu Personen, die als Dialogpartner unserer Partei auftreten
in Abstimmung mit der Abt. XII des Bezirksamtes einzulagern sind.“
Das Zollregime an der Grenze soll verschärft werden. Einzelne Industriewaren, Untertrikotagen und auch Lebensmittel (z. B. Dauerwurst, einige Geflügelsorten) sollen nur von DDR-Bürgern unter Vorlage des Personalausweises in den Verkaufsstellen erworben werden. – Auch der bundesdeutsche Zoll verstärkt seine Aktivitäten, es wird vor allem nach Tabakwaren und Spirituosen gefahndet. 

25.11.1989, Samstag
In einem Interview mit Freies Wort stellt der Kreissekretär der LDPD, Werner Hopf, die Leitlinien liberaldemokratischer Politik vor. Er fordert die Auflösung der Parteiorganisationen der SED in den Betrieben, die generelle Überarbeitung der Verfassung der DDR. Er vertritt die Auffassung, dass im 1. Halbjahr 1990 freie und geheime Wahlen kommen müssen und fordert umgehend die Erarbeitung eines neuen Wahlgesetzes, ferner die Verabschiedung von Sofortmaßnahmen für Handwerk und Gewerbe.
Hildburghausens Bürgermeister Jürgen Ließ beklagt in Freies Wort die mangelnde Teilnahme der Bürger der Kreisstadt an den Veranstaltungen zur praktischen Umgestaltung des gesellschaftlichen Lebens. Er führt aus:
„Eines kann ich für den Rat der Stadt sagen: Wir werden den eingeschlagenen Weg fortsetzen, werden Möglichkeiten, darunter die Presse, nutzen, um allen Bürgern unsere Gedanken mitzuteilen und Angebote für das Mitmachen zu unterbreiten. Alle Interessengruppen der Stadt haben die Rechte für den Dialog, doch auch die Pflicht, die Veranstaltungen eigenständig vorzubereiten und abzusichern.”
Am 25.11.1989 tritt der Kreistag Hildburghausen zu seiner 4., als außerordentliche Sitzung einberufenen Tagung zusammen. Auf der Tagesordnung stand auch die Abberufung von sechs Abgeordneten bzw. Nachfolgekandidaten, darunter auf Antrag der SED-Fraktion der Abgeordneten Herbert Lindenlaub und Hans Schmidt. Für Schmidt, bislang Vorsitzender der Ständigen Kommission Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft, übernahm Manfred Simon (DBD) den Vorsitz dieser Kommission.
 


Blick in den Tagungssaal einer Kreistagssitzung im Kreiskulturhaus „Freundschaft“, dem Standort der heutigen Arbeitsagentur (Külzstraße/Puschkinplatz) 

In der in Freies Wort veröffentlichten Pressemitteilung heißt es weiter:
„Der Vorsitzende des Rates des Kreises, Abgeordneter Hans Müller, schätzte in seinem Referat die politische und ökonomische Lage in unserem Kreis ein und plädierte dafür, den eingetretenen Vertrauensverlust in die Tätigkeit des höchsten Kreisparlaments durch die ehrliche, konstruktive Arbeit aller Abgeordneten rasch aufzuholen. Er unterbreitete dem Kreistag erste Maßnahmen, die zur Stabilisierung der Lage im Kreis beitragen können und in Abstimmung mit dem Rat des Bezirkes durchgesetzt werden sollen.
Im Präsidium hatten Vertreter aller Fraktionen des Kreistages als Tagungsleitung Platz genommen. Zur Diskussion sprachen Vertreter aller Fraktionen, mit Ausnahme der Konsumgenossenschaft. Der insbesondere von den Fraktionen NDPD und CDU gestellten Forderung, künftig nur noch Parteien als Mandatsträger bestätigen zu lassen, widersprachen die Diskussionsredner der Massenorganisationen heftig.
In der sich anschließenden zwanglosen Aussprache wurden Anfragen von Abgeordneten und Gästen beantwortet. Namens der Initiativgruppe ‚Neues Forum’ rief Georg Krauß (gemeint ist Gerd Krauß, d. Verf.) zu einer Unterschriftensammlung für ein neues Heizkraftwerk in Hildburghausen auf, was Zustimmung fand.”
(s. Faksimile „Ein Zurück wird nicht zugelassen“)
In einem Interview mit der Londoner Financial Times  erklärt Egon Krenz, dass es keine Wiedervereinigung geben und die DDR ein sozialistisches Land bleiben werde. Die Beziehungen der beiden deutschen Staaten können aber in einer Konföderation münden, falls in den kommenden Jahren eine Auflösung der NATO und des Warschauer Vertrages erfolge.
Zumeist dem linken Spektrum zuzurechnende DDR-Künstler und Oppositionelle veröffentlichen den Aufruf Für unser Vaterland, in dem Zweistaatlichkeit als besserer Weg zur deutschen Einheit bezeichnet wird. Der Aufruf wird von Teilen der Bevölkerung stark kritisiert. 

27.11.1989, Montag
Im Bereich der Volksbildung kommt es zu ersten Veränderungen: Der Russisch-Unterricht wird reduziert, der Staatsbürgerkunde-Unterricht fällt weg, die 5-Tage-Unterrichtswoche wird vorbereitet, denn zeitweise fehlen wegen der neuen Reisemöglichkeiten auch viele Schüler zum Samstagsunterricht, weil die Schulordnung nicht konsequent durchgesetzt wird.
Freies Wort berichtet, dass sich auf dem Marx-Engels-Platz (Marktplatz) 1.500 Hildburghäuser zu einer Kundgebung nach einer Einladung der SED-Parteiorganisation des Kreisbetriebs für Landtechnik (KfL) für die Erneuerung der Partei und des Sozialismus versammelt haben und zitiert im Wesentlichen nur Aussagen der SED-Funktionäre und -Mitglieder. 

Anmerkung
Zu den sog. Rathausgesprächen laden vor allem Parteien, Bürgerbewegungen, Massenorganisationen ein. Die Inhalte sind aber nahezu gleich, denn die Redner aus allen Bevölkerungsschichten folgen im Wesentlichen ihren Intuitionen und halten sich kaum an die thematischen Kundgebungsvorgaben und schon gar nicht an die der Parteien und Massenorganisationen.
So kommen auch immer wieder persönliche Lebensumstände, Mangelerscheinungen der sozialistischen Gesellschaft in die öffentliche Diskussion. Am 27.11. beispielsweise beklagt Otto Friedel aus Hildburghausen die miserable finanzielle Situation der Rentner. Am 01.12.1989 antwortet daraufhin der Kreisdirektor der Staatlichen Versicherung der DDR, Karl-Wilhelm Israel: „Die Rente der Bürger, die mehr als 45 Jahre im Arbeitsprozeß standen und Beiträge zur SV entrichtet haben, wird um 100 Mark erhöht, wenn sie bisher den Mindestzahlbetrag für 45 Arbeitsjahre (370 Mark) erhalten haben. Rentner, deren Rente bereits über diesem Betrag liegt, erhalten als Rentenerhöhung die Differenz zwischen dem den Mindestzahlbetrag übersteigenden Betrag und 100 Mark, mindestens jedoch 70 Mark, wie offenbar im Falle des Fragestellers.“

28.11.1989, Dienstag
In einem Interview von Freies Wort mit Oberrat Volker Neubert, Stellvertreter des Leiters beim Post- und Fernmeldeamt Meiningen, wird die ungenügende Zahl der Fernsprechanschlüsse angesprochen. Im Kreis Hildburghausen gibt es 3.000 unerledigte Anträge, 83 Orte und Ortsteile sind ohne Münzfernsprecher, darunter 14 Orte über 500 Einwohner. Es sind 5.270 Hauptanschlüsse, davon 3.500 in Wohnungen vorhanden. Das entspricht einem Versorgungsgrad von 8,79 pro 100 Einwohner (Bezirk = 9,62; DDR = 10,57). Trotz des neuen Fernmeldeamtes in der Waldstraße in Hildburghausen, für das die notwendige Nachrichtentechnik fehlt, wird sich die Situation mit der Richtzahl von 265 neuen Anschlüssen nur schrittweise bessern können. Für 1991 – 1993 ist eine neue Knotenvermittlungsstelle geplant, 1995 soll eine Endvermittlungsstelle folgen.
Bundeskanzler Helmut Kohl legt dem Deutschen Bundestag ein Programm zur Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas ohne zeitliche Festlegungen vor. – Die Sowjetführung weist den Plan energisch zurück, die westlichen Verbündeten reagieren distanziert.
Der Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates, Egon Krenz, erlässt den Befehl 16/89 über die Einstellung der Tätigkeit der Einsatzleitungen der Bezirke und Kreise mit Wirkung vom 30.11.1989. Das Statut der Einsatzleitungen vom 27.10.1981 und alle weiteren Grundsatzdokumente werden außer Kraft gesetzt. Die Nutzungsfähigkeit der Führungsstellen soll gewährleistet werden. 

Anmerkung
Kreiseinsatzleitung (KEL) ist ein militärisches Organ des Kreises zur Vorbereitung auf den Verteidigungszustand im Falle einer Kriegsgefahr. Der jeweilige 1. Sekretär der SED-Kreisleitung war der Vorsitzende der KEL. Dazu gehörten auch immer der Leiter der MfS-Kreisdienststelle, ferner der Chef des Volkspolizeikreisamtes (VPKA) sowie weitere Mitglieder.

 30.11.1989, Donnerstag
Bürger von Lindenau im Heldburger Unterland entzünden abends Kerzen am Ortseingang und fordern auf einem Schild die Einrichtung eines Grenzübergangs nach Autenhausen.
Seit dem Fall von Mauer und Stacheldraht sind 50 neue Grenzübergänge geschaffen werden. 

November 1989
Die Nationale Front löst sich im Bezirk Suhl auf.
Die Bundespost in Bayern zahlt seit der Grenzöffnung 59 Mio. DM Begrüßungsgeld aus. Die Beamteten leisten 13.000 Überstunden. Am stärksten belastet wird das Postamt im oberfränkischen Hof.

Dezember 1989

Januar 1990

 Februar 1990

März - Oktober 1990


Auszüge aus dem Manuskript von Hans-Jürgen Salier
Eigentlich nicht erwähnenswert ...

 

Lernen ohne zu denken, ist eitel, denken, ohne zu lernen, gefährlich.
(Konfuzius
551 v. Chr. – 479 v. Chr.
chinesischer Philosoph)
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