Eine Seite für Hildburghausen

Oberstudiendirektor Prof. Dr. Hermann Pusch

 

(1865 – 1936)

Worte der Erinnerung von Paul Köhler.

Am 13. Juni 1936 wurde das langjährige Vorstandsmitglied unseres Vereins

P r o f e s s o r   D r .   H e r m a n n   P u s c h

aus seiner Lebensarbeit abberufen.

Der Verstorbene, geboren am 10. Juli 1865 in Hildburghausen, studierte nach dem Besuch der Bürgerschule und des Gymnasiums zu Meiningen von Ostern 1885 an zunächst in Leipzig Theologie, dann in Halle alte Sprachen, Germanistik und Geschichte. In Halle promovierte er 1889 zum Dr. phil. und legte daselbst im Jahr darauf seine Staatsprüfung ab. Als Seminarkandidat war er in München-Gladbach, dann in Krefeld beschäftigt, sodann als Hilfslehrer am Realgymnasium in Saalfeld, wo er am 1. April 1894 als Oberlehrer fest angestellt wurde. 1897 wurde er in gleicher Eigenschaft an das Realgymnasium in Meiningen versetzt, und Meiningen, wo er seine Jugendzeit verlebt hatte, sollte ihm nun Heimat und ständiger Wirkungskreis bis zu seinem Abscheiden werden. Im Jahre 1920 wurde ihm die Leitung des Meininger Realgymnasiums übertragen. In dieser Stellung wirkte er in großem Segen, bis er am 1. Mai 1930 mit der Erreichung der Altersgrenze in den Ruhestand trat.

Es kann hier nicht der Ort sein, seine Verdienst als höchst anziehender und wohlwollender Lehrer gebührend zu schildern oder an all das Viele zu erinnern, was er neben seinem Amte in der Öffentlichkeit geleistet hat. Es sei nur erwähnt, daß er Mitglied des Gemeinderats und des Kirchenvorstandes in Meiningen gewesen ist, Vorstandsmitglied des Meininger Gustav Adolf-Vereins, ebenso der Schützengesellschaft, deren Geschichte er verfaßt hat. Als Freund des Gesanges gehörte er auch den Kirchenchören in Saalfeld und in Meiningen an. Sein Landesherr ehrte ihn durch Verleihung des Ritterkreuzes des Sachsen-Ernestinischen Hausordens, die Stadt Meiningen verlieh im „in Anerkennung langjähriger segensreicher Tätigkeit“ die silberne Bürgermedaille, die hennebergischen Geschichtsvereine zu Meiningen und Schmalkalden und die Schützengesellschaft zu Meiningen ernannten ihn zu ihrem Ehrenmitglied.

Ist schon das erste Heft der „Volkstümlichen Schriftenreihe des Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsvereins“ über die Burg Henneberg vom Leiter des Vereins „dem Andenken unseres unvergeßlichen Mitarbeiters Dr. Hermann Pusch“ gewidmet gewesen, so ist es Dankespflicht des Vereins, in der ersten nach seinem Tode an die Mitglieder hinausgehenden Vereinsschrift die großen Verdienste zu würdigen, die sich der teure Heimgegangene um unseren Geschichtsverein und um die vaterländische Geschichtsschreibung erworben hat. Äußerlich wird sein auf der Burgruine Henneberg angebrachtes und am 23. August 1936 geweihtes Reliefbild noch lange Zeit zu den Besuchern der alten Grafenburg sprechen und sie an den erinnern, dessen geschichtliche Forschungsarbeit in erster Linie der ehemaligen Grafschaft Henneberg und vor allem der einst zu diesem Lande gehörigen Stadt Meiningen gegolten hat. Noch länger aber wird sein Gedächtnis festgehalten werden durch seine geschichtlichen Arbeiten selbst.

Unterstützt wurde er bei seiner wissenschaftlichen Tätigkeit durch mehrere Eigenschaften, die ihn in besonderer Weise zur Erforschung und Darstellung der heimatlichen Geschichte befähigten. Diese Eigenschaften waren: eine ungewöhnliche Schärfe des Verstandes, ein zäher, zielbewußter Fleiß, eine warme Liebe zu seiner Thüringer Heimat und die Gabe, das, was er aus alten Akten und Urkunden herausgelesen, auch in eine das Vergangene vergegenwärtigende Form zu kleiden, die nicht das schwere Gewand gelehrter Wissenschaft an sich trug, sondern das Kleid flüssiger, jedermann verständlichen und alle fesselnden Darstellung. Dabei verstand er es auch, kleinen, an sich unscheinbaren Begebenheiten die rechte Beleuchtung zu geben, indem er sie in den großen Rahmen der Welt, Kirchen- und Kulturgeschichte einspannte. Was würde es zum Beispiel nur für ein prächtiges Heimatbuch für Schule und Haus ergeben, wenn aus seinen zahlreichen Aufsätzen, die er über Geschichtliches aus Meiningen und Umgebung in Zeitschriften und Tageszeitungen veröffentlicht hat, eine Auswahl herausgeben würde! Besonders muß bei einer Würdigung seiner geschichtlichen Arbeiten betont werden, daß es ihm ein Hauptanliegen war, den geschichtlichen Quellen auf den Grund zu gehen, das heißt: die Urkunden aufzusuchen und sie zum Sprechen zu bringen.

In unserem Verein hat Hermann Pusch viele Jahre lang die Stelle des Bibliothekars und des Konservators – zuletzt war er stellvertretender Leiter – bekleidet. Von seinen wissenschaftlichen Arbeiten sind in der Reihe unserer Vereinsschriften erschienen: „Zur Baugeschichte der Marienkirche in Meiningen“ (27. Lieferung), – „Das Meininger Franziskanerkloster. Mit einem Urkundenbuche“ (29. Lieferung), – „Kloster Rohr. Festschrift zum 100jährigen Jubiläum des Vereins am 14. November 1932“ (37. Lieferung). – Die vom Verein in Verbindung mit den Brudervereinen von Schmalkalden und Hildburghausen herausgegebenen „Henneberger Blätter“ hat Hermann Pusch in den Jahren 1924 und 1925 geleitet und selbst mit mehreren Beiträgen bedient, so über „Die Wallfahrt zum Heiligen Wolfgang bei Hermannsfeld“, „Der Kroateneinfall in Meiningen am 16. Oktober 1634“, „Der Meininger Neue Friedhof", „Das Thüringer Staatsarchiv in Meiningen“. – Auch ist von ihm ein „Führer durch das Museum des Hennebergischen altertumsforschenden Vereins“ herausgegeben worden.

Im 24. Heft der Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens, bearbeitet von P. Lehfeldt und G. Voß (Amtsbezirk Meiningen), rühren folgende Aufsätze aus Pusch`s Feder her: „Die Landwehren der Stadt Meiningen“, „Geschichte des Dorfes Helba“, – „Die ehemalige Superintendentur“, –„Die herzogliche Bibliothek“, – „Schloß Untermaßfeld“, – „Ein Holzfachwerkhaus in Neubrunn“. – Auch bei der Herausgabe des 25. Heftes (Amtsbezirk Salzungen) hat Pusch, wie das der Herausgeber bezeugt, auf Grund seiner Forschungen über Altmeininger Geschichte vielfach wertvolle Beihilfe geleistet.

Aus seiner sonstigen literarischen Tätigkeit seien folgende Schriften hervorgehoben: „Vom Hausstand und Haushalt einer Thüringer Bürgerfamilie im 16. Jahrhundert (Bürgermeister Jacob Keltz in Saalfeld a. d. Saale)“. Programm des Realgymnasiums Meiningen 1901. „Der hohe Schwarm und das Schlößchen Kitzerstein“, den Teilnehmern an der Burgenfahrt gew. v. d. Stadt Saalfeld. – „Das gottesdienstliche Leben in der Johanneskirche zu Saalfeld im Mittelalter“. (Festschrift Valentin Hopf 1933). – „Vier Wochen in Attika“. (Programm des Regionalgymnasiums Meiningen 1913).

Mit seiner Heimatstadt Meiningen beschäftigen sich folgende Aufsätze: „Meiningen, die Perle des Werratals“. – „Meiningen und Umgebung“. – „Deutsches Reichs-Städte-Archiv, Ausgabe Meiningen“. – Gedenkblatt zur Einweihung der Prinz Friedrich-Schule“. – „Geschichte des Schützenwesens der Stadt Meiningen“ (Meininger Tageblatt Jahrgang 1909 bis 1914). – „Das Herzogliche Hoftheater in Meiningen“, zur Eröffnung am 17. Dezember 1909, von Hofbaurat Karl Behlert, mit einem geschichtlichen Vorwort von Hermann Pusch. – „Meiningen und die Meininger Bach`schen Nebenlinien“. – „Die Obermaßfelder Brücke“. – „Schloß Untermaßfeld und Grimmenthal“. (Die letzten drei Abhandlungen im „Thüringer Fähnlein“ Jahrgang 1935, 1931, und 1933). – Dazu sind noch eine Menge größerer und kleinerer Aufsätze zu erwähnen, die hauptsächlich Begebenheiten, Örtlichkeiten und Personen aus der Vergangenheit der Stadt Meiningen behandeln, vielfach mit erstmalig veröffentlichten Urkunden belegt, meist im Meininger Tageblatt. Solcher Aufsätze wohlgesammelt und geordnet, sind es an der Zahl 445, im Verwahrsam des Thüringer Staatsarchivs zu Meiningen.

Nicht veröffentlicht, aber durch Hinterlegung im Thüringer Staatsarchiv in Meiningen den Fachgelehrten und Heimatforschern zugänglich ist sein auf Jahrzehnte langer fleißiger Arbeit beruhendes „U r k u n d e n b u c h   d e r   S t a d t   M e i n i n g e n   samt dem Dorf Helba, den Wüstungen Berkes, Defertshausen, Reumles, Niedersülzfeld und dem Landsberg“, übergeben 1933 dem Stadtvorstand in Meiningen zur Einreihung in die Bestände des Stadtarchivs. Dieses dreibändige Standardwerk enthält 906 Urkunden vom Verfasser eigenhändig auf 2486 Seiten in Halbbogengröße feinsäuberlich niedergeschrieben.

An der gleichen Stelle sind niedergelegt zahlreiche Vorarbeiten mit umfangreichen Beigaben, die von den weitreichenden Arbeitsplänen des Verstorbenen zeugen, an deren Ausführung ihn der Tod behindert hat. Sie betreffen folgende Gegenstände: „Das Augustinerkloster in Schmalkalden mit Urkunden“. – Sammlung von Urkunden für die Stadt Saalfeld“. – „Sammlung von Urkunden über das Kollegiatstift in Römhild“. – „Entwurf einer Heimatkunde der Stadt Meiningen“. – „Zur Chronik der Stadt Meiningen“. – „Notizen über Begebenheiten zur Geschichte der Stadt Meiningen“. – „Bürgermeister und Gemeinderat in Meiningen“. – „Meininger Bürger, die sich literarisch betätigt haben mit Angaben ihrer Werke, Rede usw.“  - „Album berühmter Meininger“. – „Namensverzeichnis Meininger Bürger“. – „Meininger Vor- und Familiennamen und deren Ableitung“. – „Literatur über Häuser, Platze, Straßen usw. der Stadt Meiningen“. – „Flurnamen von Meiningen“. – „Die Bäckerinnung in Meiningen“. – Dazu kommen noch umfangreiche Sammlungen von Zeitungsausschnitten und sonstigen Nachweisen, die sich vor allem auf die Geschichte der Städte Meiningen und Saalfeld beziehen.

Vorstehende Zusammenstellungen gewähren einen Einblick in den außerordentlichen Fleiß des Heimatforschers Hermann Pusch. Seine Arbeiten werden noch auf lange Zeit hinaus denen, die sich mit der Geschichte unserer Heimat beschäftigen, als wertvollste Grundlage für weitere Forschungen dienen. Dabei darf nicht vergessen werden, daß sich die Tätigkeit von Hermann Pusch auf heimatgeschichtlichem Gebiet in dem bisher Geschilderten nicht erschöpft hat. Zufolge seiner liebenswürdigen Persönlichkeit, der eine stete Bereitschaft des Dienens und Helfens eigen war, hat er auf Grund seiner reichen, gediegenen Kenntnisse viele, die sich an ihn gewandt, mit seinem Rat und seiner Mitarbeit unterstützt. Man schlage nach in den Schriften des Hennebergischen altertumsforschenden Vereins und des Vereins für Meiningische Geschichte und Landeskunde! Ob es Eduard Fritze war oder Eduard Döbner, ob Georg Voß oder Ludwig Hertel oder Wilhelm Dersch, immer wieder liest man in den Vorreden oder Anmerkungen ihrer Werke, daß es Hermann Pusch gewesen ist, dem sie sich für reiche wertvolle Unterstützung bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu Dank verpflichtet fühlten. Das haben auch all die Vielen dankbar anerkannt, die sich mit irgendwelchen Anfragen, besonders auch mit familiengeschichtlichen Anliegen an ihn gewandt haben.

Das Wort, das der Vorstand des Hennebergisch-fränkischen Geschichtsvereins dem Heimgegangenen am Tage nach seinem Abscheiden in der Tagespresse nachgerufen hat, beschließe dieses Erinnerungsblatt: „Wir werden sein Gedächtnis in Ehren halten. Seine unermüdliche Hilfsbereitschaft, Aufopferung und Treue soll uns ein Ansporn sein, in seinem Geiste weiter zu arbeiten.“

Have pia anima, anima candida. 
 

Aus: Köhler, Paul: Jahrbuch des Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsvereins 1937
(Band 1).
In: Jahrbücher 1937 und 1938 des HFGV, Bände 1 und 2 (Reprint 2001). Herausgeber: Hennebergisch-Fränkischer Geschichtsverein Kloster Veßra, Meiningen/Münnerstadt und  Verlag Frankenschwelle KG, Hildburghausen (Hans-Jürgen Salier), S. 1 ff.

Kaum jemand will hören, was er nicht hören will.
(Dick Carvett
* 1936
US-amerikanischer Talkmaster)
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