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Osterspaziergang 1945

© Manfred Groß, Hildburghausen

Manfred Groß 

Ostermontag, 2. April 1945. Herrlicher Sonnenschein und ein lauer Westwind lassen den nahenden Frühling erahnen. Wir, eine Clique acht- bis zehnjähriger Jungen der Hildburghäuser Neustadt, trafen uns wie immer auf der Straße. Wir berieten, was bei diesem Wetter zu unternehmen sei. Da sahen wir, dass sich die älteren Vierzehn- bis Siebzehnjährigen, die ansonsten wegen Arbeit und ihrer Hitler-Jugend-Verpflichtungen kaum zu sehen waren, auch versammelten und irgendetwas vorhatten. Unser „Horchposten“ erkundete, dass sie auf Krähennestjagd gehen wollten. Wir gingen ihnen in angemessener Entfernung nach. Schon außerhalb der Stadt warteten sie auf uns und nahmen uns in ihre Obhut. Wir, die wir durch die tägliche Bedrohung der überfliegenden Bombergeschwader unseren Wohn-Straßen-Bereich nicht verlassen durften, fühlten uns in der Weite der Natur frei. Es war für uns wie in Goethes „Osterspaziergang“, obwohl wir sein Werk damals noch nicht kannten. Die Unterhaltung allerdings hatte ernstere Themen. Es ging um die Kriegsschauplatzsituation, und wie zur Bestätigung trug der Wind das drohende dumpfe Grummeln von Geschützfeuer heran. 

Die Großen wählten den Weg im Schutz von Bäumen, und nur wenn es unvermeidbar war, ging es in schnellen Schritten über gepflügte Äcker und feuchte Wiesenstücke. So kamen wir, den Häselriether Berg im Süden entlang, in die „Krummen Berge“, die engste Stelle der Straßenverbindung von Häselrieth nach Leimrieth. Dort hatte man Schützenmulden und einen kleinen Schützengraben ausgehoben und die Straße mit drei zersägten dickstämmigen Fichten, die seitlich verankert waren, versperrt. 300 Meter weiter hatte man das Rondell der „12 Apostel“, wovon nach dem „Bimmelbahnbau nur noch acht große Linden übrig waren, auch für eine „Panzersperre“ genutzt. Wir kannten Panzer nur von Bildern oder aus der „Wochenschau“ der nationalsozialistischen Berichterstattung im Vorprogramm des Kinos. Trotzdem war uns klar, dass diese Hindernisse nie ein Problem für heranrollende Panzer darstellen konnten. Irgendwie war in den Gesprächen der Großen erkennbar, dass sie Zweifel an der Sieghaftigkeit der Verteidigung hatten, und es beschlich sie Angst, denn am nächsten Tag sollten sie sich beim Volkssturm melden, und sie wussten, dass sie dann für diese Schützenmulden und -gräben auserwählt waren.

Schule hatten wir seit Ende Februar nicht mehr. Die Schulen waren als Lazarett eingerichtet, die Baracken auf dem Gelände des Sägewerkes Kätsch & Co. waren wegen der prekären Brennstoffsituation nicht warm zu bekommen, und nach dem Bombenangriff vom 23. Februar war der Unterricht wegen fehlender Schutzeinrichtungen ganz abgesagt worden. 

Wir kehrten im großen Bogen über Wallrabser Berg, Wallrabser Grund und Stadtberg zur Stadt zurück. Die wenigen Krähennester, die wir fanden, waren schon leer. Die Großen waren traurig, hatten sie sich doch eine Aufbesserung der Verpflegungsration errechnet. Wir Kleinen waren begeistert von dem Ausflug und alle hatten offensichtlich eine Erweiterung des politischen Horizontes bezüglich der Kriegssituation erreicht ...

Alle Großen haben das Ende des Krieges in unserem Raum gesundheitlich gut überstanden.

 

Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit zu jedem Thema etwas sagen zu müssen!
(Teresa von Ávila
1515 – 1582
Karmelitin, Mystikerin, als Heilige verehrt)
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