Eine Seite für Hildburghausen

Prinz Joseph und der Alte Fritz

Klaus Brückner

Das Vorgeplänkel begann, als die Höfe Frankreichs und Englands sich gegenseitig beschuldigten, es erhebe der eine dem andern gegenüber ungerechtfertigt Anspruch auf dessen Kolonien. Was der Wahrheit entsprach. Frankreich machte sich auf dem nordamerikanischen Kontinent breit, wo die britische Krone ebenfalls Präsenz zu zeigen gedachte. England suchte Halt auf dem indischen Subkontinent, was den französischen König zu forcierten Bemühungen trieb, die britischen Niederlassungen militärisch zu attackieren. London sah sich aufgrund dieser Rivalitäten gezwungen, mit der Konvention von Westminster im Januar 1756 das Königreich Preußen als Schutzmacht für das Kurfürstentum Hannover zu gewinnen, das mit dem englischen Königshaus verbandelt und ein mögliches Angriffsziel für die Franzosen war. Weil Frankreich, vorher mit Preußen gut Freund, jetzt diesen Sinneswandel erfahren musste, wandte es sich von dem ansonsten ja recht frankophilen Berliner Fritzen ab und schmiedete mit Kaiserin Maria Theresia den im Mai 1756 unterzeichneten Vertrag von Versailles, einen Beistandspakt. Auch der russische Zar hatte im Februar noch einen Finanzvertrag mit England abgeschlossen, der beträchtlichen Geldfluss in Richtung Moskau ankündigte für den gemeinsamen Kampf gegen Preußen. Als nun aber Berlin und London sich hinsichtlich Hannover einigten, schwenkte Moskau nach längeren Verhandlungen im Januar 1757 auf die Linie Wien-Paris um und nahm neben dem österreichischen Geld die Aufteilung des lästigen Preußen in Angriff, ein Plan, der nach der Frostperiode 1757 gemeinsam in die Tat umgesetzt werden sollte. Der Berliner König Friedrich, der politisch nicht recht klar sah, doch instinktsicher reagierte, hatte Wind von dieser ihm nicht geheuren Allianz bekommen und besetzte im August 1756 kurzerhand das reiche Kurfürstentum Sachsen, eine rundum gute Kriegsbasis gegen Österreich. Der Siebenjährige Krieg begann. 

Politik war im Grunde eine persönliche Sache. Zu Beginn des Jahres 1757 beschlossen die meisten Fürsten der deutschen Länder in Regensburg die Reichsexekution gegen den renitenten Preußen. Als Verbündete blieben König Friedrich II. lediglich die Duodezherrlichkeiten Hannover, Hessen-Kassel, Braunschweig-Wolfenbüttel und Sachsen-Gotha-Altenburg. Im Mai 1757 schlug sich, was andere wohl, Friedrich jedoch nicht, voraussahen, Frankreich mit aller Konsequenz auch militärisch auf die österreichische Seite, eine gewaltige militärische Potenz mitten in Europa – Gegenmacht zum aufstrebenden britischen Imperium. Nicht genug damit, Schweden folgte der Antipreußenkampagne. Im Frühjahr 1757 marschierte Friedrich, der auch von Sachsen aus an seiner Strategie des Präventivkrieges zur Rettung Preußens festhielt, mitten durch das Königreich Böhmen, siegte sich vor den Toren der Hauptstadt Prag müde und holte sich im Juni bei Kolin, südöstlich der böhmischen Hauptstadt, bei einer Metzelei ohnegleichen eine blutige Nase. Daraufhin verließ er Böhmen. Während dieser Zeit, im Juli, schlugen die Franzosen bei Hastenbeck die verbündeten hannoverschen Truppen und zwangen sie zur Truppenauflösung und zur Neutralität. Im Osten kamen jetzt die Russen, von Norden die Schweden, von Westen die Franzosen und von Süden die Österreicher. Der mit 45 Jahren noch nicht sehr alte Fritz saß in der Falle. Da kam es am 5. November 1757 zur Schlacht bei Rossbach, Preußen gegen das übermächtige Reichsexekutionsheer, 20.000 Preußen gegen 50.000 alliierte Deutsche und Franzosen. Im Reichsheer, eitel sich im Gefühl der Übermacht spreizend, höhnten vorher die Offiziere, sie würden die paar Preußen umzingeln und kurzen Prozess machen, ihren König aber nach Paris, wo er eigentlich hingehöre, zur Besichtigung schicken. So schliefen sie am 5. November 1757 erst einmal richtig aus, bevor am späten Vormittag schnell noch die Preußen dran wären. Das Treffen gewann der Preuße. Nach zwei Stunden straff geführter Attacke hatte er 500 Mann verloren. Das dilatorische Kommando des Reichsheeres kostete hingegen mehr als 10.000 Soldaten das Leben. Das übrige Heer indes stürzte in heillosem Chaos zur Flucht. Verloren hat diese Schlacht der Oberkommandierende der Reichsarmee, der Reichsgeneralfeldmarschall Prinz Joseph Maria Friedrich Wilhelm Hollandinus von Sachsen-Hildburghausen. Damit nicht genug. Er ließ die eigentlich hoffnungslos unterlegenen preußischen Truppen – König Friedrich hatte sogar angesichts der österreichischen Übermacht an Selbstmord gedacht – entkommen. Die zogen stracks nach Schlesien, wo sie bei Leuthen auch die dort versammelten österreichischen Truppen unter Karl von Lothringen, des Schwagers Maria Theresias, schlugen.

Rossbach brachte den mentalen Sieg, Leuthen den militärischen. Der Krieg war fürs erste zugunsten Preußens entschieden und eine Wendung von unabsehbaren Folgen für die europäische und damit die globale Politik eingeleitet. Seit der Schlacht bei Rossbach galt dem Preußen-Fritz auch die Größe:

               
Und wenn der große Friedrich kommt
            Und klopft nur auf die Hosen,

            So läuft die ganze Reichsarmee,

            Panduren und Franzosen.

Angesichts des österreichischen Desasters bei Leuthen, wo Karl von Lothringen, seinerseits doppelt übermächtig, unterging, wo sich binnen zehn Stunden ein Berg aus 35.000 Leichen anhäufte, wird der sachverständige Napoleon über den Sieger sagen, es sei ihm ein taktisches Meisterstück gelungen an Manövrierfähigkeit und Entschlossenheit. Den unglücklichen Prinz Joseph verhöhnte das mehr und mehr fritzisch gesinnte Volk als Oberkommandierenden der Reißausarmee. Der King of Prussia, wie die Engländer ihr neues Idol bejubelten, hegte nur Verachtung für seinen Gegenspieler: „Ich ästhimire den Hilpertshausen vor einen Narren.“ 

Nach: Hans-Jürgen Salier und Bastian Salier

 

Hildburghäuser Lesebuch

Verlag Frankenschwelle GmbH & Co. KG, Hildburghausen, 1. Aufl. 1999, S. 51 ff.

Aus: “Der Rückzugsgeneral – Das Leben des Prinzen Joseph von Sachsen-Hildburghausen 1702 – 1787”, Vorveröffentlichung aus einem noch unvollendeten Text von Klaus Brückner, der in Hinblick auf den 300. Geburtstag des Kommissars der Debitkommission (seit 1769) und Vormundschaftsregenten (seit 1780) von Hildburghausen am 5. Oktober 2002 erarbeitet wird.

Für das Können gibt es nur einen Beweis: Das Tun.
(Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach
1830 – 1916
österreichische Schriftstellerin und Dramatikerin)
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