Eine Seite für Hildburghausen

Rieth

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Reinhold Albert, Sternberg

 

 

Die russischen Besatzer in Rieth

Pfarrer Michael Ackner schilderte 1946 in einem im Pfarrarchiv verwahrten Schreiben die Ereignisse unmittelbar nach Kriegsende in der südthüringischen Gemeinde Rieth.

Er schrieb:

Einige Tage vor dem 1. Juli 1945 wurde ausgeschellt, Thüringen würde durch die Truppen der vereinigten sozialistischen Sowjetrepubliken besetzt werden. Eine ungeheure Niedergeschlagenheit herrschte. Zu tief war der Eindruck, den wir durch die deutsche Propaganda von den Sowjets hatten. Ich kann und muss vorausschicken, dass es so schrecklich nicht geworden ist, wie wir befürchteten. 

Rieth erhielt in den ersten Tagen noch keine Besatzung. Erst nach wenigen Tagen kam eine kleine Besatzung von etwa 20 Mann und ein Leutnant. Das brachte viel Unruhe in das Dorf. Die Amerikaner hatten sich selber verpflegt, die neuen Herren verlangten alles aus dem Dorf. Bald wurde ein Schaf oder ein Schwein geschlachtet, Milch, Eier, alles Mögliche verlangt. In der Nacht kam man zu keiner Ruhe. Man kann sagen, erst gegen Mitternacht wurden die Russen recht lebendig. Da gab’s oft in der Wohnung des Leutnants ein Gelage. Dann ließ er sich um halb zwölf Uhr nachts oder später einfallen, an die Türen der Häuser zu klopfen, um, wie er sagte, zu „gucken“ und zu kontrollieren. 

Die Soldaten drangen mit oder ohne Gewalt in die Bauernhäuser ein und verlangten Bier und Schnaps. Mit dem Bier im Dorf war es bald alle. Es war im Pfarrhaus in der ersten Zeit nicht möglich, Nachtruhe zu finden. Man legte sich angezogen auf das Bett und wartete aufs Klopfen. Ich war schon sehr nervös und der Verzweiflung nahe. 

An den Dorfgrenzen und Ausgängen wurden Schlagbäume errichtet, die Grenze bei Zimmerau nach Bayern strengstens gesperrt. Gleich außerhalb des Dorfes war ein Wachturm errichtet, von dem aus der Posten die Umgebung übersehen konnte, und niemand konnte auf die sogenannte „Hohe Straße“ kommen. Die dort liegenden Felder wurden vernachlässigt. Später ließ man die Bauern dann doch auf ihre Felder gehen mit Bescheinigungen, aber das hing von Stimmung und Laune des Kommandanten ab. 

Die großen Obstgärten an der Straße nach Zimmerau mit der reichen Apfelernte waren unerreichbar, und den Riethern gingen die Äpfel für das Jahr 1945 an die Russen verloren. 

Im September tauchten die ersten Streifkommandos der russischen Staatspolizei auf. Sie machten überall Hausdurchsuchungen, nahmen ein paar Männer und Mädchen bzw. Frauen, die bei der NSDAP waren, mit und verursachten eine riesige Panik und Angst. Die Verhafteten kamen aber nach einigen Tagen zurück. Noch zwei-, dreimal erschienen solche Kommandos und erregten allemal großen Schrecken im Dorf.

 Einmal war ein solches Kommando eine Nacht im Pfarrhaus einquartiert. Dort wurden die verhafteten Parteigenossen vernommen und warteten im Hof auf ihren Abtransport. In jener Nacht konnte ich nicht schlafen. Von den Verhafteten ist dann nach einigen Tagen wieder der größte Teil zurückgekommen, nur der Ortsgruppenleiter und noch einer sind fortgeblieben. Wo sie sind, weiß man nicht. 

Ende September bekamen wir im Pfarrhaus selbst Einquartierung. Man hatte dort einen leeren Stall entdeckt, und nun kamen Pferde herein. Im Hof standen von jetzt ab immer Wagen umher, und es war ein großes Getriebe. Anfangs war es mir entsetzlich, aber ich gewöhnte mich daran. Wir übersiedelten mit meiner Familie in den ersten Stock und überließen den Russen zwei Räume im Parterre. 

Hier wurde eine Kompanieschusterei eröffnet. So gingen viele Leute ein und aus. Der Hof war ungeheuer dreckig und alles Saubermachen vergebens. Ruhe trat im Pfarrhaus erst nach Mitternacht ein. Bis dahin wurde gesungen, und einer spielte Fidel, ein Zigeuner. Auch tanzten sie ihre russischen Tänze. Schlimm war es, wie einmal ein Branntweinfass von irgendwo herbeigeschleppt wurde. Da gab es Streit und Schlägerei unter den Soldaten. Riesenspektakel und große Trunkenheit. Mir gaben sie vom Branntwein auch was ab. 

Übrigens zeigten sich einige der Soldaten als sehr nette und anständige Burschen, an die wir gerne zurückdenken. Sie brachten auch einiges ins Haus. Sie gaben uns die allerdings geklauten Äpfel, dafür mussten wir ihnen mit Geschirr aushelfen und ihnen manchmal eine Speise wärmen und dergleichen. 

Ein Romane war unter den Soldaten, der sich sehr freute, dass er mit uns in seiner Sprache reden konnte (Anmerkung: Der Pfarrer kam 1944 aus Siebenbürgen, Rumänien, nach Rieth, d. Verf.). Der brachte uns ab und zu mal Öl oder Seife oder sonst was aus der Küche. Auch mit Tabak und Zigaretten war ich in der Zeit recht gut versorgt. 

Trotzdem waren wir froh, als die ganze Schar einmal unversehens in aller Morgenfrühe aufbrach. Seither sind wir im Heldburger Zipfel sozusagen Niemandsland, wohl unter russischer Oberhoheit, aber es ist keine Besatzung da. 

Patrouillen kommen ab und zu. Wir empfinden das als eine große Erleichterung, wenn wir andererseits auch wieder durch die Sperre bei Streufdorf von dem übrigen Thüringen abgeschnitten sind und noch Scherereien mit den Übertrittscheinen haben. 

Die Menschen aus dem Osten sind unberechenbar, und Anordnungen ändern sich fortwährend und oft ganz plötzlich, dass man auf einmal in die größte Verlegenheit geraten kann. So war mir unlängst am Schlagbaum in Streufdorf folgendes passiert: Ich war bei einer Pastoralkonferenz in Hildburghausen, anstandslos dorthin gelangt. Bei der Heimkehr hieß es plötzlich, seit zehn Minuten sind die öfters verlängerten Ausweise ungültig. Wir können nicht zurück. Anderthalb Stunden wurden wir schikaniert, im Ungewissen gehalten, natürlich waren wir aus dem Autobus ausgestiegen. Mein kleiner sechsjähriger Junge weinte, der russische Soldat tröstete ihn. Vielleicht hat uns das gerettet, denn plötzlich machte der Posten eine großartige Gebärde der Wurstigkeit und Uninteressiertheit und ließ uns alle über den Schlagbaum laufen, aber rasch: Gnade vor Recht. 

Die Besatzung, die wir in Rieth hatten, wechselte öfters. Jedes Mal glaubten wir, die Russen gingen weg, denn sie nahmen auch die Drähte fort. Aber dann kamen andere und spannten neue Drähte. 

Am schlimmsten waren die erste Gruppe und ihr Kommandant. Der ließ sich nach Strich und Faden bedienen, verordnete auch manches Mal strafweise tägliches Straßenkehren, damit wir Reinlichkeit lernen sollten. Dieser Leutnant zog auch meine Frau zum Dienst heran, sie musste ihm an der Uniform einiges nähen und Röcke bügeln. 

Nun sind wir ein Jahr unter russischer Besatzung. Irgendwelche Gewalttaten sind hier nicht vorgekommen. Abgeschlossen sind wir hermetisch von der restlichen Welt, und seit die Heldburger Bahn abgebaut ist, sind wir in diesem Winkel sehr einsam. Wir haben wohl einen Autobus nach Hildburghausen, aber weil es mit den Ausweisen so unsicher ist, so fährt man ungern!

 

Mit freundlicher Genehmigung von Reinhold Albert, Sternberg

In: Albert, Reinhold: Zeitzeugen berichten – Kriegsende 1945 und Nachkriegszeit im Königshöfer Land. – Herausgeber: Stadt Bad Königshofen i. Gr., Band 7 der Schriftenreihe des „Vereins für Heimatgeschichte im Grabfeld“, 1995;

Albert, Reinhold und Hans-Jürgen Salier: Grenzerfahrungen kompakt – Das Grenzregime zwischen Südthüringen und Bayern/Hessen von 1945 bis 1990. – Salier Verlag Leipzig und Hildburghausen, 1. Auflage 2009

Kaum jemand will hören, was er nicht hören will.
(Dick Carvett
* 1936
US-amerikanischer Talkmaster)
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