Eine Seite für Hildburghausen

Schicksalsjahr 1945

 Hans-Jürgen Salier                    Ines Schwamm

  

Das Schicksalsjahr

1945

im Kreis Hildburghausen



 
Oskar Nerlinger: Es wird wärmer …“ (Aquarell) in: „Ulenspiegel 8/1/1946

 

Aus der Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker
bei der Gedenkveranstaltung im Plenarsaal des Deutschen Bundestages
zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa 

Bonn, 8. Mai 1985            

 

Wir Deutschen sind ein Volk und eine Nation.

Wir fühlen uns zusammengehörig,

weil wir dieselbe Geschichte durchlebt haben.

 

Auch den 8. Mai 1945 haben wir als gemeinsames Schicksal

unseres Volkes erlebt, das uns eint!

Wir fühlen uns zusammengehörig in unserem Willen zum Frieden.

Von deutschem Boden in beiden Staaten sollen Frieden und

gute Nachbarschaft mit allen Ländern ausgehen.

Auch andere sollen ihn nicht zur Gefahr für den Frieden werden lassen.

 

Die Menschen in Deutschland wollen gemeinsam einen Frieden,

der Gerechtigkeit und Menschenrecht für alle Völker einschließt,

auch für das unsrige.

 

Nicht ein Europa der Mauern kann sich über Grenzen hinweg versöhnen,

sondern ein Kontinent,

der seinen Grenzen das Trennende nimmt.

Gerade daran mahnt uns das Ende des Zweiten Weltkrieges.

 

Anstelle eines Vorworts

1. Januar 1945

 

Neujahrsansprache Adolf Hitlers zu Silvester im Rundfunk.

Es ist seine vorletzte öffentliche Rede an das deutsche Volk und er ergeht sich in Hetzattacken:

„… Die Macht aber, der wir dies allein verdanken, der jüdisch-internationale Weltfeind – er wird bei diesem Versuch, Europa zu vernichten und seine Völker auszurotten, nicht nur scheitern, sondern sich die eigene Vernichtung holen.“

Ansonsten kann Deutschlands Verderber nichts Nennenswertes mehr ankündigen. Die Zeit der militärischen Offensiven ist vorbei, auch die Propaganda der noch einzusetzenden Wunderwaffen kann nicht bemüht werden, weil sie nicht vorhanden sind. Er bezeichnet den Sieg Deutschlands, das schon in Schutt und Asche liegt, als das Wunder des 20. Jahrhunderts. 

Die Realität ist eine andere: Der Krieg kommt nach Deutschland zurück. Von hier ist er in aller Brutalität ausgegangen. Töten und menschliches Elend beherrschen weiter die Welt.

Das Schicksalsjahr 1945 verspricht nach der unsäglichen Tyrannei des nationalsozialistischen Totalitarismus Lichtblicke der Menschlichkeit. Eine Diktatur ist vorbei, aber längst nicht aufgearbeitet und als Trauma noch vorhanden. Eine andere folgt ihr im östlichen Teil des mehr und mehr gespaltenen Deutschlands, der Sozialismus sowjetisch-stalinscher Prägung … 

 

CHRONIK

1945
Bürgermeister von Hildburghausen ist seit 1. April 1931 (gewählt am 13.03.1931) Dr. rer. pol. Hermann Zschaeck. Seit 1. April 1925 bis zu seinem Amtsantritt ist er Bürgermeister der benachbarten Stadt Themar gewesen. Seine Amtsgeschäfte führt er mit hoher Sach- und Fachkenntnis sowie mit Engagement. Er leitet die Stadt auch in der NS-Zeit, die USA-Militäradministration lässt ihn im Amt, und die Sowjets vertrauen seiner Amtserfahrung, bis er durch die Direktive 24 des Alliierten Kontrollrats vom 12. Januar 1946 im März 1947 seines Amtes enthoben worden ist, obwohl man ihn einstimmig zum Bürgermeister der Stadt Hildburghausen gewählt hat. Er flieht anschließend 1947 in die Westzone.

 

Die Mitarbeiter des Bürgermeisters Dr. Hermann Zschaeck schmücken zum zehnjährigen Dienstjubiläum 1941 seinen Schreibtisch. Foto: Rudolf Meffert (aus privater Sammlung) 

Bis 1944/45
Die „Staatliche Ingenieurschule – Fachschule für Maschinenbau und Elektrotechnik“, das Technikum Hildburghausen, wird zu Lehr- und Ausbildungszwecken einer Kraftfahrtechnischen Militäreinheit genutzt, dann vom Physikalischen Institut der Technischen Hochschule Karlsruhe unter Prof. Dr. Harald Volkmann.

Das Technikum wird endgültig im Januar 1946 von der sowjetischen Besatzungsmacht geschlossen. Damit wird der Stadt auch für die Zukunft ein wesentlicher Teil ihrer Entwicklung genommen.
Das Gebäude des Neuen Technikums in der Helenenstraße (im Dritten Reich: Ritter-von-Stransky-Straße, dem getöteten Putschisten an der Feldherrenhalle, der am Technikum Hildburghausen studiert hat) wird zeitweise bis 1956 Haupt- und Nebengebäude für Lehrzwecke, als Großhandelslager der Konsum-Genossenschaft, Fleischerei und Kfz-Werkstatt und als Kaserne der Sowjetarmee genutzt (ab 01.05.1953), seit 1957 als Berufsschule mit unterschiedlichen Berufsfeldern.

 

Das Handwerk in Südthüringen in den letzten Kriegsjahren

Durch die immer stärkere Heranziehung der wehrdienstfähigen männlichen Arbeitskräfte sah sich die Handwerkerschaft außerstande, der erhöhten vordringlichsten kriegswirtschaftlichen Auftragslage gerecht zu werden. Hinzu kam, dass ein großer Teil der ländlichen Handwerker infolge Mangel an landwirtschaftlichen Hilfskräften in den Sommermonaten viele landwirtschaftliche Arbeiten selber verrichten musste. Weitere Einwirkungen auf die Ausführung der Aufträge waren Materialknappheit, Gesellen, Lehrlinge, deren Kollegen wurden zum Arbeitseinsatz bombengeschädigter Gebiete herangezogen. Schädlich wirkte sich die mangelnde Einstellung von Lehrlingen auf die Handwerksbetriebe aus, viele Facharbeiter wechselten zur Industrie, die in erster Linie höhere Löhne zahlte. Schwerpunkte der Thüringer Rüstungswirtschaft waren u. a. der Flugzeugzellenbau (Gothaer Waggonfabrik), Motorenbau (BMW-Flugzeugmotorenwerk Eisenach GmbH) und die Waffenproduktion (Krieghoff, Suhl). Die Thüringische Glasindustrie war Hauptlieferant für das Wehrmachtssanitärwesen. Die Stiftungsbetriebe der „Nationalsozialistischen Industriestiftung Wilhelm Gustloff“ stellten (insbesondere in Suhl) rund ein Viertel der gesamten Produktion an Maschinengewehren für die Wehrmacht her.

Auf große Kritik stießen die Maschinenbeschlagnahmeaktionen, die bei einzelnen Handwerksmeistern, die zum Heeresdienst einberufen waren, durchgeführt wurden.

So standen die Handwerksmeister vor dem Nichts, die infolge Krankheit oder Verwundung aus dem Heeresdienst entlassen wurden und ihren Betrieb wieder führen wollten.

Die Handwerksbetriebe produzierten kaum noch für den privaten Bedarf. Durch die Zerstörung der Warenlager und die Verknappung der täglichen Verbrauchs- und Gebrauchsgüter waren Neuanfertigungen von Handwerksprodukten verboten. Es bestand Reparaturpflicht. Bei Einzelfällen konnte die Geschäftsstelle bei der Beschaffung von Gütern, Maschinen und Arbeitskräften unterstützend eingreifen. Gemeinsam konnte manches Unmögliche doch noch möglich gemacht werden.“ 

Nach: Altmann, Sonja; Karola Knapp; Rolf Günzler: Handwerk im Dienste der Bürger. 100 Jahre Handwerkskammer Südthüringen. – Suhl/Hildburghausen: Handwerkskammer Südthüringen, Verlag Frankenschwelle KG, 2000, S. 45 f. 

1944/45

Wegen der Kriegsereignisse werden in der Stadtbibliothek in der Schlossgasse (ehemaliges Logengebäude in der heutigen Johann-Sebastian-Bach-Straße) nur einmal in der Woche Bücher ausgeliehen.


1944/45

Seit 1939 sind im Porzellanwerk Kloster Veilsdorf 230 Fremdarbeiter beschäftigt.


Anfang 1945

Im Arbeitserziehungslager Großer Gleichberg sind bis zu 600 Gefangene unter menschenunwürdigen Bedingungen eingepfercht. Sie müssen wöchentlich bis 70 Stunden Sklavenarbeit verrichten. Das Lager beginnt ab dem 16.08.1943 zu arbeiten.

Anmerkung: Die Verbrechen in diesem Lager sind von dem Historiker und Leiter des Steinsburgmuseums, Gert Stoi, Römhild, in dem Buch Das Arbeitserziehungslager Römhild 1943 – 1945 – Dokumentation eines Verbrechens, 2010 erschienen im Salier Verlag Leipzig und Hildburghausen dargestellt worden.

Januar 1945
Aus dem Kloster Maria Trost bei Koblenz werden 40 Schwestern und 100 Kinder in die Region evakuiert. Sie werden im Schützenhaus in Schleusingen untergebracht. Im Juni 1945 erfolgt der Rücktransport.


       

Schüler der Ober- und Aufbauschule Hildburghausen als Flak-Helfer
am 2-cm-Flugabwehrgeschütz 1943/44 in Leipzig (Repro)

7. bis 28. Januar 1945
Volksopfer. Die Sammlung für Wehrmacht und Volkssturm (bis 11.02. verlängert) schließt in Hildburghausen mit gutem Erfolg ab. Das ist der letzte Versuch, den Materialmangel für den von der nationalsozialistischen Führung propagierten Endsieg zu beheben. Hitler lässt durch Fritz Sauckel im Reichsgesetzblatt I in einer Verordnung verkünden, dass denjenigen die Todesstrafe drohe, die Sammlungsgegenstände unterschlagen. Die Sammlung steht unter dem Motto: „Gebt alles Entbehrliche der kämpfenden Front!“

Ab 12. Januar 1945

Beginn der zeitlich gestaffelten sowjetischen Großoffensive gegen das deutsche Reichsgebiet. Beginn der Fluchtbewegung zwischen Oberschlesien und dem Kurischen Haff.

13. Januar 1945

Bei Heßberg stürzt ein deutsches Flugzeug ab. Die Piloten können sich mit Fallschirmen retten, der Bordfunker stirbt.

Januar 1945
BBC London soll die Meldung veröffentlicht haben, so berichten Zeitzeugen: „Jetzt wecken wir das schlafende Südthüringen – Coburg, Hildburghausen und Meiningen kommen dran.“

Anmerkung: Das in vielen regionalgeschichtlichen Texten verwendete Zitat kann durch keine exakte Quelle bestätigt werden.

Beim Reichsverteidigungskommissar wird eine Umquartierungskommission gebildet.

Der Thüringer Raum ist von Februar bis April 1945 vor allem von britischen, aber auch von US-amerikanischen Luftangriffen, bis hin zur systematischen Zerstörung von Städten, betroffen. Dabei verlieren bei den Terrorangriffen etwa 20.000 Menschen ihr Leben, historisch wertvolle Stadtkerne werden zerstört (Nordhausen, hier werden Anfang April allein 8.800 Menschen getötet) bzw. schwer getroffen, vor allem die Städte entlang der heutigen Bundesautobahn A 4 (Jena, Weimar, Erfurt, Eisenach) sind betroffen.

Luftbildaufnahme Hildburghausens 1937 – Im Vordergrund die Schlosskaserne, rechts oben der Ostteil der Stadt mit dem Anstaltspark, der zweimal im Februar 1945 bei Luftangriffen der USA getroffen worden ist.

Verlag: Photo- und Luftbildverlag J. Beck, Stuttgart-Bad Cannstatt/Luftverkehr Strähle, Schorndorf/Württemberg. Freigabe durch das Reichsluftfahrtministerium

Januar/Februar 1945
Einige KZ im Osten (Auschwitz, Groß Rosen, Stutthof) werden unter unsäglichen Bedingungen (teilweise) evakuiert oder auf Todesmärsche geschickt.

23. Januar 1945

Von der Deutschen Reichsbahn wird wegen der Beschädigungen des Schienennetzes vorwiegend durch alliierte Luftangriffe der zivile Schnell- und Eilzugverkehr eingestellt.

Die Evakuierung Ostpreußens und der Danziger Bucht beginnt.

27. Januar 1945

Das KZ Auschwitz wird von der Roten Armee befreit, dort befinden sich noch etwa 8.000 Häftlinge. 

Ab 29. Januar 1945

Im immer kleiner werdenden Großdeutschen Reich, so nennt sich das Deutsche Reich während der Diktatur der Nationalsozialisten nach den Annexionen seit März 1938, werden kriegsbedingt alle Schulen geschlossen. Seit November 1944 findet wegen Kohlemangels nur einmal in der Woche Unterricht statt. Teilweise bringen die Schüler Kohlen von zu Hause mit. Diese Maßnahme wird vom Landrat strikt verboten. Seit dem 14. Dezember 1944 gibt es auf unbestimmte Zeit „Weihnachtsferien“.

30. Januar 1945

In seiner letzten Rundfunkansprache ruft Adolf Hitler das deutsche Volk auf, den alliierten Streitkräften entscheidenden Widerstand entgegenzusetzen. Er agitiert mit dem „Endsieg“ und spricht von den Krieg entscheidenden „Wunderwaffen“.


31. Januar 1945

Die Rote Armee dringt nördlich von Küstrin an die Oder vor, die Alliierten stoßen an der Westfront immer weiter zum Rhein vor.

4. bis 11. Februar 1945
Konferenz von Jalta, sog. Krimkonferenz, mit Churchill, Roosevelt und Stalin. Die Gipfelkonferenz vereinbart politische und militärische Maßnahmen zur Beendigung des Zweiten Weltkriegs und der Gründung der Vereinten Nationen (UN) in San Francisco zur Festlegung der Gründungscharta. Für Europa sind die Vereinbarungen zur Neugestaltung des Kontinents von weittragender historischer Bedeutung.
Schwerpunkte sind: Aufteilung des Deutschen Reichs in vier Besatzungszonen, Mitwirkung Frankreichs im Alliierten Kontrollrat, Entnazifizierung, Installation einer alliierten Reparationskommission und Anerkennung der sowjetischen Forderungen nach 20 Mrd. US $ als „Verhandlungsgrundlage“, Oder-Neiße-Linie als Westgrenze Polens. Illusionäre Vorstellungen der Westmächte über Stalins Politik und den Vormarsch der Roten Armee führt zu Konzessionen von großer Tragweite zu Gunsten der Sowjetunion.

Anmerkung: Die Konferenzen der Alliierten haben das Ziel, die Kriegsgefahr und ein Wiedererstarken des besiegten Deutschlands zu verhindern. Zudem ringen die Alliierten um ihre zukünftigen Einflusssphären, wobei es auch ernstzunehmende Interessengegensätze zwischen den westlichen Alliierten und zwischen ihnen und der Sowjetunion gegeben hat. Auf Details kann im Rahmen dieser Zusammenstellung nicht eingegangen werden.

6. Februar 1945

Luftangriff eines großen Flugzeugverbandes. Im Park der Heilanstalt Hildburghausen (heute: Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie) detoniert eine Fünf-Zentner-Bombe. Sie hinterlässt einen acht Meter tiefen Krater. Sachschaden entsteht, Menschen kommen nicht zu Schaden.

Anmerkungen: Ziele des Luftangriffs sind sicherlich die Gleisanlagen der Deutschen Reichsbahn und der Rüstungsgüter produzierende Industriebetrieb NORDEUMA.


 Ergänzungen zu dem strategisch wichtigen Rüstungsbetrieb Nordeuma
Die Suhler Prokuristen Hans und Hugo Schmeisser der Waffenfabrik C. G. Haenel GmbH bauen in Hildburghausen ein Zweigwerk zur Produktion von Bordluftwaffen für die deutsche Luftwaffe, unterstützt vom Fliegerhelden des Ersten Weltkrieges, Ernst Udet (1896 – 1941), Generalluftfahrtmeister und Generaloberst, Leiter des Technischen Amtes der Luftwaffe. Am 01.03.1937 wird die C. G. Haenel GmbH Hildburghausen– Fabrik für feinmechanische Geräte auf dem Gelände des späteren Schrauben- und Normteilewerks gegründet und ins Handelsregister eingetragen. Geschäftsführer sind Herbert Haenel und Hugo Schmeisser. Das Stammkapital beträgt 100.000 RM, 90.000 RM stammen aus dem Reichsluftfahrtministerium. Bis 1937 wird unter größter Geheimhaltung der Industriebau errichtet. Ca. 1.000 Arbeitskräfte sind geplant, bis zu 50 Kleinsiedlungswohnungen sollen zur Bindung der Arbeitskräfte erbaut werden. Die überdimensionierte Produktionsanlage, fehlende qualifizierte Arbeitskräfte, hohe Ausschusszahlen und unternehmerische Fehlleistungen führen zu einem wirtschaftlichen Desaster. Das Reichsluftfahrtministerium kürzt drastisch die Finanzmittel wegen fehlender Finanzen im zweiten Kriegsjahr, vor allem nach dem Suizid von Ernst Udet nach einer Auseinandersetzung mit dem Reichsmarschall Hermann Göring zum Versagen der Luftwaffe gegen die Sowjetunion. Bei Haenel arbeiten nach Firmenangabe am 10.02.1941 175 Fremdarbeiter. Das Reichsluftfahrtministerium vermittelt das moderne Industrieunternehmen an die Norddeutsche Maschinenfabrik Berlin (Nordeuma). Es trägt den Namen Norddeutsche Maschinenfabrik GmbH Werk Hildburghausen (In der Firmengruppe wird es als Werk III bezeichnet). Bei der Firmenübernahme am 01.05.1942 arbeiten dort 842 Personen, auch ein beträchtlicher Teil an Zwangsarbeitern. Hier werden vor allem Bordwaffen für die Luftwaffe produziert.

8. Februar 1945
In der Nähe der niederländischen Stadt Nimwegen am Niederrhein, die mit der Geschichte Hildburghausens verbunden ist, eröffnet die kanadische 1. Armee eine Offensive gegen deutsche Stellungen.


12. Februar 1945

Der Leiter der NSDAP-Reichskanzlei, Reichsleiter Martin Bormann, ruft die Frauen und Mädchen zu Hilfsdiensten im „Volkssturm“ auf. Auch die Aufstellung von Frauenbataillonen ist geplant.
Die Lebensmittelrationen im Reich werden um mehr als 10 Prozent gekürzt.


13. Februar
(Dienstag, Nacht zum 14.02.)14./15. Februar
Dresden wird durch einen britischen Luftangriff (773 Bomber) mit massierten Flächenbombardements in zwei Wellen nahezu vollständig zerstört, in den frühen Morgenstunden des 15. Februar kommt es zu einer weiteren Angriffswelle durch 400 US-amerikanische Bomber auf das bereits zertrümmerte Dresden.


15. Februar 1945

Reichsjustizminister Otto Georg Thierack verkündet für Ortschaften in Frontnähe die Einrichtung von Standgerichten. Auch gegen die Zivilbevölkerung soll mit aller Härte vorgegangen werden, um den Zusammenbruch der Kampfmoral zu verhindern.


17. Februar 1945

Der 71-jährige Rentner Johann Ebert aus Simmershausen bringt seinen Pflegesohn Gerhard Schütz zu neuen Pflegeeltern in Hildburghausen, weil er wegen des Todes seiner Ehefrau Christiane nicht in der Lage ist, den Jungen weiterhin zu betreuen. Nach dem herzlichen Abschied nimmt Ebert zur Rückfahrt der HHE (Hildburghausen-Heldburger-Eisenbahn) Platz in einem Waggon. Gegen 12.45 Uhr greifen zwei amerikanische Kampfflugzeuge an und beschießen den Zug mit Bordwaffen. Ebert wird getroffen und verstirbt, vier weitere Reisende werden verletzt.

(Nach Dr. Günter Zeitz)

19. Februar 1945

An die Bevölkerung des Gaues Thüringen erlässt Fritz Sauckel „Durchhalte“-Aufrufe.


23. Februar 1945

Amerikanischer Luftangriff auf Hildburghausen
Gegen 11 Uhr, bei strahlend blauem Himmel, gibt es Fliegeralarm, anschließend Entwarnung. Gegen 12.42 Uhr kommen aus Süden/Südosten (Richtung Rodach/Coburg) anglo-amerikanische Bomber der Achten Air Force in niedriger Flughöhe über Stadt- und Krautberg. Ziel sind vermutlich die Rüstungsgüter produzierende Norddeutsche Maschinenfabrik (Nordeuma), späteres Gelände des Schrauben- und Normteilewerkes, sowie die Werrabahn. Zuerst setzen drei Jäger Rauchfahnen, dann werden aus Bombern ca. hundert Sprengbomben abgeworfen. Getroffen werden das Anstaltsgelände (Nervenklinik) und umliegende Straßen (West- und Zwischenflügel des Hauptgebäudes, die sogenannte Herrenvilla, Schuppen, Scheunen und Speicher der landwirtschaftlichen Abteilung). Ein Teil der Nervenklinik wird als Lazarett genutzt, darunter befinden sich alliierte Kriegsgefangene. Das Lazarett ist mit einem großen roten Kreuz gekennzeichnet. Alle anderen Gebäude werden unterschiedlich in Mitleidenschaft gezogen, Teile der Eisfelder Straße in Anstaltsnähe, Winzergasse, Weitersrodaer- und Wiedersbacher Straße, Narvikplatz, dem heutigen Thälmannplatz, wie er nach 1945 nach dem Führer der KPD benannt worden ist.
Über die Zahl der Getöteten gibt es keine gesicherten Quellen. Die NS-Propaganda listet in der Thüringer Tageszeitung vom 01.03.1945  79 Namen auf und vermerkt: „Außerdem fielen noch 32 Volksgenossen aus anderen Kreisen Deutschlands dem Terrorangriff zum Opfer.“ Hierbei handelt es sich vorwiegend um Kriegsflüchtlinge aus Posen, Ostpreußen, Dresden und verwundete deutsche Soldaten des Lazaretts. In unterschiedlichen Quellen wird von 103 bzw. 139 Opfern gesprochen. Nicht auszuschließen ist, dass es sich um insgesamt bis zu 218 Tote handelt, da vermutlich über getötete Patienten keine Statistik geführt worden ist. Es ist nicht bekannt, wie viele Gefangene des Kriegsgefangenenlagers auf dem Anstaltsgelände umgekommen sind. Sie werden – wie Gefangene des Arbeitserziehungslagers auf dem Großen Gleichberg bei Römhild – zu Bergungsarbeiten eingesetzt und leisten Außerordentliches für die Bevölkerung Hildburghausens. Die Thüringer Volkszeitung lässt am 23.02.1946 einen Zeitzeugen berichten, der ebenfalls von 200 Toten ausgeht.
Insgesamt werden 100 Bombentrichter gezählt, 180 Wohnräume in 26 Gebäuden werden völlig zerstört (1/10 des gesamten Wohnraums der Stadt) und eine weitere große Zahl an Häusern wird beschädigt. Vernichtet werden u. a. die Häuser der Familien Höpping, Schaffner, Reimpel, Ehrhardt, Laue.

 

Eine der wenigen bekannten Abbildungen von den Zerstörungen nach dem Bombardement im Ostteil der Stadt Hildburghausen. Das Foto zeigt die zerstörte Produktionshalle der Firma Kuß & Co (Etikettenfabrik). entlang der Eisfelder Straße. Die Firma hat im Krieg ca. 30 Mitarbeiter beschäftigt, dazu kommen 40 bis 50 Heimarbeiter. 1947 wird in der neu aufgebauten Halle wieder produziert. Die Firma ist von der Treuhand nach 1990 liquidiert worden.

Die US-amerikanischen Kampfbomber klinken ihre vernichtende Last nicht – wie im Flugauftrag vermerkt – am Schornstein der Rüstungsfirma Nordeuma ab, sondern am ähnlich aussehenden der Nervenheilanstalt. Der Tod trifft die Zivilbevölkerung vor allem zwischen Winzergasse und der Nervenheilanstalt. Die Ruinenabbildungen zeigen die zerstörte Maschinenhalle der Firma „Kuß & Co.“, die einzige Fabrikanlage im Bereich beim Angriff am 23. Februar 1945.


 







Im Bombenschadensgebiet werden die Schäden erfasst. Rechts im Bild, in Richtung Kamera schauend, ist Fritz Kuß zu sehen, der Betriebsleiter von „Kuß & Co.“ In der Eisfelder Straße 37, der als Ortsgruppenpropagandaleiter einer der fanatischsten Nationalsozialisten in Hildburghausen gewesen ist. 


Die Fabrikruine ist für die Kinder sicherlich ein Abenteuerspielplatz. Dort lässt sich manch Nützliches entdecken. Wir wissen es nicht.

 

26. Februar 1945
Der Reichsführer SS Heinrich Himmler ordnet die Bildung von Sonderstandgerichten an. Sie sollen bei Auflösungserscheinungen in der Wehrmacht und in der Zivilbevölkerung tätig werden.
(s. auch 15. Februar 1945)

Anmerkung: Aus Hildburghausen sind keine vollstreckten Sondergerichtsurteile bekannt. Besondere Brutalität zeigt im Coburger Raum das fliegende Standgericht des Majors Erwin Helm.

28. Februar 1945
Der US-amerikanische Präsident Franklin Delano Roosevelt gibt in Washington der Presse bekannt, dass Deutschland und Japan frühestens in 50 Jahren Mitglieder der zu gründenden Vereinten Nationen werden können.

2. März 1945, 15 Uhr

Politische Trauerfeier für die Bombenopfer auf dem Marktplatz Hildburghausen. Der NSDAP-Kreisleiter und Landrat Werner Büchner ergeht sich vor allem in antijüdischen Hetztiraden. Weitere Redner sind der Bürgermeister Dr. Hermann Zschaeck und der Standortälteste der Wehrmacht. Anschließend findet auf dem Friedhof an der Schleusinger Straße die kirchliche Feier statt.


5. März 1945

Die männliche Jugend des Jahrgangs 1929 (16 Jahre) wird zur Wehrmacht einberufen. Nach kurzer Ausbildung wirft man die Jungen an die Front.
Himmler-Erlass:
Wenn das nationalsozialistische Deutschland zugrunde gehen soll, dann sollen unsere Feinde, die Verräter am großgermanischen Gedanken, die jetzt in den Konzentrationslagern sitzen, nicht den Triumph erleben, als Sieger herauszugehen. Sie werden diesen Tag nicht erleben. Sie werden mit uns verrecken. Das ist der klare und logische Befehl des Führers, und ich werde dafür sorgen, dass er genauestens und gründlich ausgeführt wird.
(Zitiert nach: Deutschland im zweiten Weltkrieg. – Bd. 6, Berlin 1988, S. 643)

7. März 1945

Absturz einer britischen Lancaster im Marisfelder Flurgebiet Vogelherd. Die 7-köpfige Besatzung wird am 15.03. in Marisfeld beigesetzt, am 01.07.1950 erfolgt die Überführung auf den Alliierten Heldenfriedhof in Westberlin.


8. März 1945

Der Führer lässt den Befehl verkünden, dass allen deutschen Familien Sippenhaft droht, wenn Angehörige, die als Soldaten eingezogen worden sind, sich in Gefangenschaft begeben haben, ohne bis zum Äußersten gekämpft zu haben oder verwundet zu sein.

15. März 1945

Runderlass Sauckels für Appelle gegen Defätismus und Kleinmut. (Defätismus = geistig-seelischer Zustand der Mutlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Resignation, Schwarzseherei)

19. März 1945

Adolf Hitler erlässt den sog. „Nero-Befehl“. Industrieanlagen und Versorgungseinrichtungen sollen nach dem Prinzip der „verbrannten Erde“ beim Vorrücken des Kriegsgegners zerstört werden. Der Befehl stößt auch auf Widerstand, u. a. bei Rüstungsminister Albert Speer.

Adolf Hitlers „Nero-Befehl“
 

Der Kampf um die Existenz unseres Volkes zwingt auch innerhalb des Reichsgebietes zur Ausnutzung aller Mittel, die die Kampfkraft unseres Feindes schwächen und sein weiteres Vordringen behindern.
Alle Möglichkeiten, der Schlagkraft des Feindesunmittelbar oder mittelbar den nachhaltigsten Schaden
zuzufügen, müssen ausgenutzt werden.

Es ist ein Irrtum zu glauben, nicht zerstörte oder nur kurzfristig gelähmte Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen bei der Rückgewinnung verlorener Gebiete für eigene Zwecke
wieder in Betrieb nehmen zu können.
Der Feind wird bei seinem Rückzug uns nur eine verbrannte Erde zurücklassen und jede Rücksichtnahme auf die Bevölkerung fallen lassen. Ich befehle daher: 

1) Alle militärischen, Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebietes, die sich der Feind für die Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort
oder in absehbarer Zeit nutzbar
machen kann, sind zu zerstören. 

2) Verantwortlich für die Durchführung dieser Zerstörung sind die militärischen Kommandobehörden
für alle militärischen Objekte einschl[ießlich] der Verkehrs- und Nachrichtenanlagen, die Gauleiter
und Reichsverteidigungskommissare
für alle Industrie- und Versorgungsanlagen sowie sonstige
Sachwerte; den Gauleitern und Reichsverteidigungskommissaren ist bei der Durchführung ihrer
Aufgabe durch die Truppe die notwendige Hilfe zu leisten. 

3
) Dieser Befehl ist schnellstens allen Truppenführern bekanntzugeben, entgegenstehende Weisungen
sind ungültig.


Nach dem 19. März 1945

Der Nero-Befehl wird in Eisfeld spürbar wirksam. Der Eisfelder Volkssturm sprengt drei militärisch unbedeutende Brücken in der Werra-Aue und die Brücke vom Neumarkt in Richtung Breite Straße.

24. März 1945

Unter den Ostarbeitern kommt es auf Anweisung des

Reichsführers-SS zur Freiwilligenwerbung für die Wlassow-Armee.


Anmerkung:
 Andrei Andrejewitsch Wlassow (1900 – 1946). Sowjetischer General, wirft 1941 die deutschen
Truppen vor Moskau zurück, 1942 Gefangennahme im Wolchow-Kessel, stellt sich den Deutschen für das
antisozialistische nationalistische Russische Komitee zur Verfügung, stellt im Auftrag Deutschlands im
Herbst 1944 zwei Divisionen des Komitees für die Befreiung der Völker Russlands auf, geht mit seinen
Truppen in amerikanische Gefangenschaft, wird an die Sowjets ausgeliefert und 1946 hingerichtet.


März
Der kleine Eisfelder Flugplatz wird angegriffen. 11 Maschinen He 111 und zwei BF 109, Munition sowie Treibstoff und eine im Bau befindliche Halle werden vernichtet.

Ende März – Anfang April
Mit dem Herannahen amerikanischer Kampfverbände in Richtung Thüringen wird das von Römhilds Bürgermeister Alfred Schmidt initiierte und 1943 in Betrieb genommene nationalsozialistische Arbeitserziehungslager im Basaltbruch auf dem Großen Gleichberg (Arbeitserziehungslager der Gestapo Weimar – Basaltwerk Römhild) zur Disziplinierung ausländischer Arbeitskräften am Ostersonntag evakuiert. Es kommt zu Massenerschießungen und zur Sprengung eines Sandstollens (Das Massengrab wird erst Ende Januar 1947 entdeckt), der für vermutlich 70 marschunfähige Häftlinge den Tod bringt. Der Todesmarsch mit etwa 350 Häftlingen (nach Aussage von Dolf Van de Ven, einem niederländischen Häftling) in Richtung Konzentrationslager Flossenbürg bei Weiden in der Oberpfalz ist nicht mehr komplett rekonstruierbar. Er führt über Eisfeld, Sonneberg, Kronach, Gefrees, Neusorg, Konnersreuth, Windischeschenbach nach Flossenbürg. Nur wenige Häftlinge überleben.

Anmerkungen:
1978 hat sich der Verfasser längere Zeit in Gleichamberg und Hildburghausen mit dem
ehemaligen Häftling des AEL, dem Ukrainer Wladimir Schipkowski, unterhalten. Er ist später Ingenieur
eines sowjetischen Autowerkes in Kiew gewesen. Er sagte, dass er den Weg der Marschkolonne nicht genau
darstellen könne, da die Gegend für ihn absolut unbekannt gewesen ist und dass Ortschaften umgangen
worden sind. Er kann in einem großen Waldstück nahe der Tschechoslowakei flüchten. Im Gelände verbirgt
er sich und trifft auf umherirrende tschechische Kinder. Nach einigen Tagen sei die kleine Gruppe von der
US-Army entdeckt worden und in Sicherheit gebracht worden. Er hat auch von der Erschießung eines
zwölfjährigen westukrainischen Jungen gesprochen, der nachts einen als Unterkunft dienenden Keller
verlassen will, um seine Notdurft zu verrichten.


Es ist davon auszugehen, dass insgesamt bis zu 500 Häftlinge im Lager und auf dem Todesmarsch ums
Leben gekommen sind. Die Gestapohäftlinge sind vorwiegend eingesetzt worden im Basaltbruch auf dem
Großen Gleichberg, im Basaltwerk am Bahnhof Römhild, beim Bau von Bunkern und Stellungen in
Mendhausen sowie im Handwerk und Gewerbe in Römhild und Umgebung. Nach dem Luftangriff auf
Hildburghausen am 23. Februar 1945 wird u. a. ein Arbeitskommando aus dem AEL bei Bergungs- und
Aufräumungsarbeiten verpflichtet. Die Krankenschwester Ingeborg Vonderlind aus Hildburghausen erinnert
sich: „In der Seminarstraße vor dem Feuerteich begegneten mir die ersten Krankenträger, die die
Verwundeten auf Bahren in das Krankenhaus trugen. Ich war dabei, die Toten und Verwundeten aus den
Trümmern zu bergen. Nicht vergessen möchte ich die armen Buchenwaldhäftlinge des Gleichberggebietes,
die sich bei der Bergung der Leichen kaum auf den Beinen halten konnten und von denen jedes gute Wort
brutal fern gehalten wurde.”


Bis Ende März 1945 werden auf dem unteren Waldfriedhof am Osthang des Großen Gleichbergs 44, auf
dem oberen Waldfriedhof 64 und auf dem Friedhof der Stadt 61 Häftlinge bestattet. Dort steht auch ein
Mahnmal mit Ehrenhain für die Verstorbenen bzw. die Opfer der Endphaseverbrechen des
Nationalsozialismus.


Nach der Besetzung des AEL durch die US-Army forschen beauftragte Offiziere nach dem Verbleib von
kriegsgefangenen alliierten Fliegern, die sich in einem kleinen (und heute noch beinahe unbekannten Lager)
am Großen Gleichberg befunden haben. Hier bedarf es noch der Forschung. Angeblich hat man bei der
Untersuchung der ermordeten Gefangenen 1947 festgestellt, dass sich Uniformteile von mindestens vier
ehemals alliierten Soldaten unter den Überresten befunden haben.
 

   Gert Stoi: Das Arbeitserziehungslager Römhild 1943 – 1945. Dokumentation eines Verbrechens.  – Salier Verlag Leipzig und Hildburghausen, 2010
 

Arbeitserziehungslager Römhild 1943 – 1945. 

29. und 30. März 1945

Vom Volkssturm werden in Hildburghausen Gräben und Hindernisse für Panzer angelegt, besonders Coburger Straße, Wiedersbacher Straße, Eisfelder Straße.


31. März 1945

Ämter in der Partei (NSDAP) und im Öffentlichen Dienst werden getrennt.


1. April 1945

Im Gleichbergsattel, an der Wegebiegung am Waldhaus, errichtet der Römhilder Volkssturm Panzersperren. Bürgermeister Schmidt wird am 15.03.1945 Bataillons-Chef und befehligt nach seinen Aussagen 5 Kompanien mit ca. 1.000 Mann, vorwiegend Jugendliche (Hitlerjugend), ältere und nicht kriegsverwendungsfähige Männer.

1. bis 16. April 1945
Besetzung Thüringens und westsächsischer Gebiete.
Die Hauptstoßrichtung der US-Army geht von den Mainbrückenköpfen Hanau und Aschaffenburg nach Nordosten bis in den Thüringer Wald. Es handelt sich um Kampfverbände (meist Panzertruppe) der 3. US-Armee, also Teil der Heeresgruppe Mitte. Die Armee wird von dem legendären Panzerstrategen George Smith Patton befehligt, der in der März-Offensive bis Franken und Thüringen vorrückt. Am 1. April überschreiten die Verbände bei Creuzburg die Werra und betreten thüringischen Boden. – Die Nazi-Führungsclique des Gaues Thüringen beginnt zu fliehen. Die Städte und Gemeinden des heutigen Landkreises Hildburghausen werden bis 11.04. besetzt. Größeren Widerstand gibt es nicht mehr, vereinzelt durch Formationen des Volkssturmes oder durch kleinere Einheiten der Wehrmacht und der SS, der mit hohem Waffeneinsatz gebrochen worden ist. Das XII. US-Corps, die Combat Commands A, B und R rückt vor unter Umgehung größerer thüringischer Städte aus Richtung Fulda über Meiningen, Zella-Mehlis, Suhl, Schleusingen, Hildburghausen und weiter nach Coburg, Kronach, Bayreuth, Hof in die Oberpfalz bzw. nach Sachsen. Erfurt und Weimar werden am 12.04.1945 kampflos besetzt.
Auf deutscher Seite steht die zu diesem Zeitpunkt nahezu aufgeriebene 7. Armee unter General Obsfelder und ein Kommando der Waffen-SS gegenüber, die ab Ende März bis 05.04.1945 für einige Tage ihr Hauptquartier auf Schloss Callenberg bei Coburg hat, auch in Creidlitz und Unterlauter (Kreis Coburg) haben kurzzeitig Teile des Generalstabs gelegen.

Anmerkung: Es sei darauf verwiesen, dass in einigen Chroniken der Region vermerkt wird, dass General Patton das betreffende Dorf oder die Stadt selbst befreit habe. Dem muss widersprochen werden. Er ist Kommandeur der 3. US-Armee gewesen und hat sich nachweisbar nicht in der Region aufgehalten.

Zeitzeugenberichte:


3. April 1945

Flaggenbefehl – verordnet von Reichsführer SS Heinrich Himmler:
Im jetzigen Zeitpunkt des Krieges kommt es einzig und allein auf den sturen, unnachgiebigen Willen an zum Durchhalten. Gegen das Heraushängen weißer Tücher, das Öffnen bereits geschlossener Panzersperren, das Nichtantreten zum Volkssturm und ähnliche Erscheinungen ist mit härtesten Maßnahmen durchzugreifen. Aus einem Haus, aus dem eine weiße Fahne erscheint, sind alle männlichen Personen zu erschießen. Es darf bei diesen Maßnahmen keinen Augenblick gezögert werden.

Eine Vorhut eines amerikanischen Kampfverbandes rückt nach Marisfeld an der Vachdorfer Straße ein. Ein kleiner Trupp Suhler Gendarmerie eröffnet das Feuer. Es kommt zum Gegenfeuer mit Gebäudeschäden. Mutige Bürger signalisieren die Kapitulation des Dorfes.

4. April 1945

Die US-Army besetzt das Gleichberggebiet. Das Arbeitserziehungslager auf dem Großen Gleichberg ist bereits evakuiert worden.


4. April 1945

Beginn der Räumung des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora bei Nordhausen, die dazugehörende Rüstungsproduktion ist in die Konzentrationslager Bergen-Belsen, Sachsenhausen und Ravensbrück verlagert worden.

5. April 1945

Gauleiter Sauckel ruft zum Volksaufgebot auf, alle Männer und Frauen zwischen dem 16. und 60. Lebensjahr werden unter Androhung der Todesstrafe zum Fronteinsatz verpflichtet.


5. April 1945

Kraft seines Amtes requiriert Alfred Schmidt, ehemals Bürgermeister von Römhild und Initiator des AEL, aus dem Geschäft Carl Günzel, Eisfeld, 143 Flaschen Wein und Spirituosen im Wert von 548,80 RM. Aus der Gaststätte Schultheiß in Römhild und der Betriebskantine Förster beschlagnahmt er Zigarren und andere Tabakwaren im Wert von 5.600,- RM.

Nach: Gert Stoi: Das Arbeitserziehungslager Römhild 1943 – 1945 – Dokumentation eines Verbrechens. – Salier Verlag Leipzig und Hildburghausen, 2010, S. 124

1945

Der Kreis Hildburghausen ist während des Krieges von insgesamt 22.000 Westevakuierten belegt.


1945

In der Chronik der katholischen Pfarrgemeinde Hildburghausen heißt es: „... dann waren wir im Frühjahr 1945  9 Geistliche in meiner Pfarrei. Einige der Herren widmeten sich mit großem Eifer der Seelsorge und brachten dabei große Opfer, aber nur für die Evakuierten, so daß in den von mir besuchten Stationen die wenigen einheimischen Katholiken vernachlässigt wurden.“


7. April 1945

US-amerikanische Jagdbomber beschießen den Personenzug Sonneberg – Eisfeld (zwischen den zum Kreis Sonneberg gehörenden Orten Bachfeld und Katzberg), fünf Tote sind zu beklagen: Lokführer, Schaffnerin und drei Bürger aus Bachfeld und Schalkau. Der Verkehr auf der Werrabahn ist unterbrochen.
 

Die 1900 erbaute „Neue Bürgerschule“ Themars wird beim Beschuss von aus zwei Panzern abgefeuerten Phosphorgranaten durch US-amerikanische Truppen in der Schulstraße/Georgstraße zerstört. Auch die darin aus Renovierungsgründen eingelagerte Bibliothek wird nahezu komplett vernichtet. Der Bürger Oskar Stapf kann nur noch wenige Bücher retten, so die Schulchronik.

Nach einer Erhebung aus dem Jahr 2001 (s. Stadtbote 5/2001) gibt es in Themar 212 Todesopfer und Vermisste, in Tachbach 11 und Wachenbrunn 19.

7. April 1945
Die ersten amerikanischen Kampfverbände stoßen aus Richtung Meiningen kommend bis Jüchsen und Exdorf vor. Aus Richtung Themar wird ein Vorstoß bei Dingsleben und Zeilfeld unternommen. – Daraufhin besetzen die Hitlerjungen und ältere Männer des Römhilder Volkssturms die Panzersperre in der Waldhaussiedlung. In der Nähe der Panzersperre, in der Villa Pierato des Geheimrats Mavrogordato, hat der Kommandeur des Volkssturms, Bürgermeister Schmidt, seinen Gefechtsstand bezogen.

Nach: Gert Stoi, Römhild: Das Arbeitserziehungslager Römhild 1943 – 1945 – Dokumentation eines Verbrechens. – Salier Verlag Leipzig und Hildburghausen, 2010, S. 124

Anmerkung: Pierre (oder Peter) Mavrogordato (1870 – 1948) ist ein international bedeutsamer griechischer Archäologe und Antikensammler ukrainischer Herkunft, der ab 1910 allmählich seinen Lebensmittelpunkt im Gleichbergsattel findet. Durch den Prähistoriker Prof. Dr. Alfred Götze wird er auch angeregt, größeren Grundbesitz zu erwerben, auf dem er die Villensiedlung PIERATO erbaut. – Als international bekannter Philatelist hält er sehr engen Kontakt zum Briefmarkensammler-Verein Hildburghausen. Auf der 26. Bundesveranstaltung des Thüringer Briefmarkensammlerbundes 1930 in Hildburghausen („Burghof“) wird ihm die Ehrenmitgliedschaft des Bundes angetragen.

7. April 1945
Kleine versprengte SS- und Wehrmachtsverbände, die sich in der Schloss-Kaserne Hildburghausen und in anderen Standorten eingenistet haben, beschießen die US-amerikanischen Luftaufklärer.
Gegen 10.30 Uhr holen die US-Truppen mit Artillerie und Tieffliegerunterstützung zum gezielten Gegenschlag aus. Getroffen wird das Schloss von leichten Bomben und Artilleriegeschossen, es brennt in der Nacht zum 08.04. vollständig aus. Treffer erhält auch die Christuskirche, es gibt aber kaum größere Schäden. Auf die Stadt fallende Brandbomben werden von beherzt reagierenden Bürgern wirkungslos gemacht, z. B. im ehemaligen Logenhaus in der heutigen Johann-Sebastian-Bach-Straße 13/15 der Schneidermeister Ernst Schmidt.

Die Feuerwehr führt unter Artillerie- und Tieffliegerbeschuss vor allem in der Rathausgasse und in der Knappengasse nahe dem Bertholdstor Löscharbeiten durch. Nach Ausfall der Lafettenspritze, die bei einem Tieffliegerangriff getroffen wird, und steigender Gefahr für Leib und Leben der Feuerwehrleute werden die Löscharbeiten aufgegeben.

Die westliche Außenfassade des Rathauses wird leicht beschädigt, ebenso ein Raum mit Museumsgut, darunter auch die bekannte Kreidezeichnung Carl Barths Die Schwestern Rommel.
Ferner erhält beispielsweise die Möbelfabrik Benz & Eckardt in der heutigen Wiesenstraße 16 Volltreffer (4 Werkhallen und 2 Wohnungen werden zerstört).
Gegen 16 Uhr nehmen amerikanische Panzer die Stadt ein. Bürgermeister Dr. Hermann Zschaeck hisst auf dem Rathaus eine weiße Fahne.
Eine dreitägige Ausgangssperre wird verhängt. In der Nacht wird von Höhe der Molkerei (D.-Dr.-Moritz-Mitzenheim-Straße/Unteres Kleinodsfeld) mit Artillerie in Richtung Eisfeld geschossen. Um den 07.04. fallen in Hildburghausen vermutlich zehn Männer. 


Am 7. April 1945 gegen 18 Uhr rücken US-amerikanische Truppen in Hildburghausen ein.

Das Dritte Reich ist für Hildburghausen zu Ende.

Auf dem Stadtberg kommt es zu einem erbitterten Gefecht zwischen amerikanischen und deutschen Verbänden. Anschließend dringen die Amerikaner in den Rodacher und Coburger Raum ein. Zum Widerstand kommt es in Steinfeld zwischen Amerikanern und der Waffen-SS sowie schwachen Wehrmachtsverbänden. Steinfeld fällt am 10.04.1945.

Im Lagebericht des Oberkommandos der Wehrmacht heißt es am 08.04.1945: Langensalza ist nun vom Feinde besetzt. Im Thüringer Wald nur geringere Tätigkeit. Von Ohrdruf stieß der Feind nach Osten vor. Hildburghausen ging verloren. Vorstöße des Gegners gegen Bad Neustadt.
Im Bericht der Heeresgruppe G wird am 09.04. gemeldet:
Bei Friedrichroda ein eigener Igel (Igelstellung – Stellungssystem zur Rundumverteidigung, d. Verf.). Angriffe von Suhl nach Osten. Hildburghausen ging verloren.



Das als Kaserne genutzte ehemalige Residenzschloss Mitte der dreißiger Jahre und      nach der Zerstörung am 7. und 8. April 1945.

Zeitzeugenberichte:

8. April 1945
Feuerwehrangehörige Hildburghausens erhalten weiße Armbinden mit Dienstsiegel der amerikanischen Kommandantur und roter Aufschrift Fireman (Feuerwehrmann) durch Vorgesetzte ins Haus gebracht, denn es herrscht strengstes Ausgehverbot. Die Armbinde dient als Legitimation gegenüber Militärstreifen. Die erste Aktion während des Ausgehverbots ist die Brandwache am Schloss.


Hildburghausen unterm Hakenkreuz – Versuch einer Dokumentation mit Fotos aus der „Sammlung Meffert“

von Michael Römhild und Hans-Jürgen Salier

Stadtmuseum Hildburghausen und Verlag Frankenschwelle Hildburghausen (als Hard- und Softcover erschienen)

 

Amerikanische Besetzung und
Sowjetische Besatzungszone

(1945 – 1949) 

Amerikanisch besetztes Gebiet

Die amerikanische Kommandantur in der Kreisstadt wird im ehemaligen Finanz- und Zollamt in der Schleusinger Straße (seit 1949 Poliklinik) eingerichtet. Der US-amerikanische Orts-Militärkommandant Capitain Wilson besitzt die zivile Exekutivgewalt.

Frontoffiziere übernehmen zunächst die gesetzgebende, rechtsprechende und vollziehende Gewalt, zuständig ist die Stabsabteilung G-5 des VIII. Korps der 3. Armee. Anfang Juni wird die Provinz Thüringen einer übergeordneten Militärregierung unterstellt (Military Government Detachment F1C9). Das Hauptquartier befindet sich in Weimar. In Thüringen und Westsachsen werden insgesamt 34 lokale Militärregierungen zumeist in den Grenzen der bestehenden Kreise eingerichtet. – In der Proklamation Nr. 1 der amerikanischen Besatzung ist festgelegt, das die bestehenden deutschen Behörden als nachgeordnete Vollzugsbehörden bestehen bleiben (ausgenommen bei Flucht der Behördenleiter oder bei zu offensichtlicher Verstrickung in das NS-System). Im Bedarfsfall werden von der Besatzungsbehörde geeignet erscheinende Personen ausgewählt und verpflichtet.

In Hildburghausen bleibt der seit 1931 amtierende Bürgermeister Dr. Hermann Zschaeck im Amt. 

Eines der ersten von US-Militärs besetzten Häuser ist das Gebäude der Deutschen Arbeitsfront (DAF), das auch Sitz der NSDAP-Kreisleitung gewesen ist (zu DDR-Zeiten SED-Kreisleitung, seit 27.11.1998 Sitz der Hauptstelle der Kreissparkasse) in der Straße der SA 18 (zu DDR-Zeiten Leninstraße, heute: Friedrich-Rückert-Straße).

Die teils als Lazarett genutzte Aufbauschule in der heutigen Geschwister-Scholl-Straße (heute: Staatliche Regelschule Joliot-Curie) wird nach Entfernung des Inventars von amerikanischen und nach dem Besatzungswechsel von sowjetischen Soldaten bezogen.

In der Nacht vom 07. zum 08.04. wird von Höhe der Molkerei mit Artillerie in Richtung Eisfeld geschossen, das als Kaserne genutzte ehemalige Residenzschloss (bis 1826) brennt aus.

 

Die am 7. und 8. April 1945 nach US-amerikanischem Beschuss ausgebrannte Schlosskaserne (Südseite oben, Nordseite unten).
Fotos: Rudolf Meffert, um 1946/47 – Sammlung Salier



 

Zeitzeugenberichte:

8. April 1945
Feuerwehrangehörige Hildburghausens erhalten weiße Armbinden mit Dienstsiegel der amerikanischen Kommandantur und roter Aufschrift Fireman (Feuerwehrmann). Die erste Aktion während strengsten Ausgehverbots ist die Brandwache am Schloss.


8. April 1945

Der Zugverkehr auf der Werrabahnstrecke wird unterbrochen, da am Bahnhof Eisfeld zwei Eisenbahnbrücken, zwei Stellwerke und Weichen von deutschen Militärkräften zerstört worden sind.

Studienrat Albert Buff, Hildburghausen, schreibt in sein Tagebuch (1932 – 1945): Ausgehverbot für 48 Stunden, früh gibt es Milch u. abends Butter in Molkerei ohne Geld und Marken (Bezugsmarken für Lebensmittel, d. Verf.). Es gibt nämlich keinen Strom, ohne diesen kann die Molkerei nicht arbeiten. Ehe die Milch kaputtgeht, wird alles ausgegeben. Die Hauptleitung muß vom Feind zerstört sein. Um 2 Uhr müssen alle Waffen und Munition in der Molkerei abgegeben werden. Nachts wieder tüchtiges Schießen von Hildburghausen aus und auch in der Ferne.

8. April 1945

Über den Hahnritz kommen die ersten Panzer nach Bedheim und beziehen auf der Balzenleite Stellung. Gegen 16.30 Uhr wird das ungefähr 850 Einwohner zählende Dorf befreit. Mutige Einwohner haben zuvor auf dem Kirchturm die weiße Fahne gehisst. Von größeren Kriegsschäden bleibt der Ort verschont. Insgesamt sind 74 Tote und Vermisste im Krieg zu beklagen. – Im Mai sind noch 29 Zwangs- und Fremdarbeiter anwesend (7 Polen, 9 Ukrainer, 11 Russen, 2 Esten und 9 serbische Kriegsgefangene).

8. April 1945

Der 2. Bürgermeister Schleusingens, August Bucher, übergibt die Stadt dem Kampferband der US-Army.

Auf dem Markt Schleusingen sprechen US-Militärangehörige mit Bürgern der Stadt. Die örtliche Verwaltung muss wieder in Gang gesetzt werden. Am Gebäude der Drogerie Quadflieg sind noch die weißen Kapitulations-Fahnen zu sehen.

8. April 1945
Der SS-Führer und Bürgermeister der Stadt Römhild hat vor dem Einrücken der US-Army den Befehl gegeben, die Grabfeldstadt bis zur letzten Patrone zu verteidigen. Die Stadt wird aber ohne nennenswerte Gegenwehr besetzt.

In Schleusingen wird der Porzellanfabrikant Max Lienhardt vom US-amerikanischen Stadtkommandanten als Bürgermeister eingesetzt. Am 15. Mai wird der aus dem KZ Buchenwald kommende Antifaschist Max Löffler mit der Aufgabe betraut.

8. April 1945
Die Gasbehälter des Gaswerks in der Coburger Straße sind zerschossen worden. Die Gasversorgung kommt wegen Explosionsgefahr zum Erliegen. Sie wird nach umfangreichen Reparaturen erst im Herbst wieder aufgenommen. Strom bezieht die Stadt von der Gesellschaft Werratal in Breitungen, an der sie zur Hälfte beteiligt ist. Monatlich bezieht sie von dort etwa 100.000 kW/h. Regelmäßig kommt es zu Stromabschaltungen oder sonstigen Einschränkungen, besonders in den Nachtstunden. Für den privaten Bedarf werden Kerzen, Öl- oder die oft gefährlichen Karbidlampen genutzt. 

8. April 1945

Fahnenjunker aus Landshut/Bayern nehmen Quartier an der Dr.-Hermann-Lietz-Schule in Haubinda. Dort hat sich auch der Gefechtsstand befunden (s. auch 11.04.1945).

8./9. April 1945

Der renommierte Prähistoriker Prof. Dr. Alfred Götze (1865 – 1948), Römhild, schreibt in sein Tagebuch: 08.04.1945: Sonntag, Vormittag Gefecht bei Zeilfeld-Dingsleben, drei Bomben beim Mönchshof, Bomben Richtung Steinsburg (Dingsleben?) Nachmittags Artillerie Einschläge auf der Steinsburg und auf dem Großen Gleichberg.

09.04.1945: Angriff wird erwartet, aber das Militär (Volkssturm) ist abgerückt. Am Tag einzelne Kanoneneinschläge, sonst ruhig. Rückzügler. Gegen Abend stand ein Feindpanzer vor der Sperre, unterhielt sich mit dem Bewohner der Waldhaussiedlung v. Zander.

9. April 1945

Von Hildburghausen Höhe Molkerei aus gibt es weiterhin Beschuss in Richtung Eisfeld, vor allem von Panzern. Häuser werden geräumt und von Militärs oder von Obdachlosen und Flüchtlingen belegt.

Albert Buff schreibt dazu: Der Tag verhältnismäßig ruhig, öfter wird von den Panzern in Richtung Eisfeld geschossen. Die Besatzung macht es sich schön. Auf den Panzern geht das Radio, sie rasieren sich und lassen sich die Haare schneiden. In den Gärten arbeiten die Leute bei herrlichem Sonnenschein. Abends neue Unruhe. Es kommen wieder Panzer, die Häuser in unserer Straße müssen geräumt werden, außer Götzens Haus (Jahnstraße 12, d. Verf.) das schon längst besetzt ist, Hartmanns Haus (heute: Max-Michaelis-Straße 16, d. Verf.) etc. Wir haben die Frau Neumann von Götzens aufgenommen. Nachts um 10 Uhr stehen auch wir marschbereit und denken jeden Augenblick, wir müssen heraus. Es kommen 2 Amerikaner und wollen 14 Mann unterbringen. Sie sehen aber von unserem Haus ab. Als ich schon im Bett liege, klopft es und es kommen wieder 2 Amerikaner. Sie suchen aber nur Kameraden und gehen höflich wieder ab.

9. April 1945

Käßlitz (heute: OT von Hellingen), der südlichste Ort Thüringens an der Grenze zu Bayern wird von einem US-amerikanischen Panzerverband, von Eckartshausen vorstoßend, ohne größeren Widerstand eingenommen.

10. April 1945

In den frühen Morgenstunden (seit 5 Uhr) schießen viele Panzer in Hildburghausen. Die gesamte Stadt ist voller Panzer. Die Amerikaner sind zum Äußersten bereit. Dann rücken sie ab. Nach dem Ausgehverbot begutachten die Bewohner die Schäden. Am Nachmittag rückt motorisierte Infanterie ein, aber auch Fußtruppen sind dabei (motorisiert und Fußtruppen). Viele Häuser werden teils leer geräumt und kurzzeitig von Militär belegt.


10. April 1945

Heldburg wird kampflos besetzt. Zuvor hisst Prinz Georg von Sachsen-Meiningen, im Zivilberuf Amtsgerichtsrat in Römhild und Heldburg, auf einem Turm der Veste Heldburg, eine weiße Fahne. Der Zahnarzt Helmuth Steltzner wird am Abend als kommissarischer Bürgermeister eingesetzt.

Anmerkung: Zur Zeit der amerikanischen und sowjetischen Besetzung gibt es Initiativen zum Anschluss der Gebiete um Heldburg und Römhild an Bayern. Besonders nachhaltig verfochten wird dieses Ziel von dem liberalen Kommunalpolitiker Helmuth Steltzner.

Siehe auch Beiträge von Reinhold Albert, Sternberg:
·        Die russischen Besatzer in Rieth;
·        Das Heldburger Unterland und seine Bemühungen, zu Bayern zu kommen

Fraternisierung (Verbrüderung). Mit dem Erlass CCS 551 der Westalliierten ist eindeutig festgelegt worden, dass „zwischen alliierten Truppen die Verbrüderung streng zu unterbinden ist mit deutschen Beamten und der Bevölkerung“.

In dem Ausbildungsfilm No Fraternisation der US-Army aus dem Jahr 1945 lauten die Warnungen und Ermahnungen:

„Deutschland scheint geschlagen. Du siehst Ruinen, du siehst Blumen, du siehst schöne Landschaften. Lass dich nicht verwirren; du bist in Feindesland. Sei auf der Hut, sei misstrauisch; jeder Deutsche kann eine Gefahr sein. Es darf keine Fraternisierung geben. Fraternisierung heißt, sich Freunde machen, aber die Deutschen sind nicht unsere Freunde. Sie können nicht kommen und ihre Hand ausstrecken und sagen: Es tut uns leid. Es tut ihnen nicht leid, dass sie den Krieg verursacht, sondern, dass sie ihn verloren haben.“

In der Frontzeitschrift „Stars and Stripes“ ist zu lesen: „Die Amerikaner sind nicht nach Deutschland gekommen, um Kindermördern die Köpfe zu streicheln und SS-Verbrecher zu päppeln, die Amerikaner sind in dieses Land von Gangstern gekommen, um hier Ordnung zu schaffen und die Verbrecher der Justiz zu überantworten.“

Der Nicht-Fraternisierungsbefehl wird am 1. Oktober 1945 außer Kraft gesetzt.

Anmerkung: Im Jahr 2015, also 70 Jahre nach Kriegsende, sei noch auf eine oft verdrängte Thematik verwiesen. Die Alliierten sind nicht nur als Befreier nach Deutschland gekommen. Bei ihrem Vormarsch geschehen massive Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung. Frauen und Mädchen sind massenhaft vergewaltigt worden. Forschungsergebnisse sagen aus, dass mindestens 400.000 Kriegskinder zur Welt gekommen sind, besonders brutal haben sich Angehörige der Roten Armee verhalten. Man geht von 2.000.000 Vergewaltigungen der Sowjets aus. Sicherlich hat es auch echte Liebesbeziehungen zwischen einigen Besatzern und deutschen Frauen gegeben, das ist aber im östlichen Teil Deutschlands eher die Ausnahme gewesen. Die meisten dieser Besatzerkinder haben in den Folgejahren ein schweres Los zu tragen: In ihren Familien und in ihrem Umkreis gelten sie als „Bankerte“, sie sind ungewünscht, sind verschwiegen, gedemütigt und ausgegrenzt worden. (Nach Manuskriptlegung im Februar 2015 erscheint eine Studie von Prof. Dr. Rainer Gries, Universität Jena, und Prof. Dr. Silke Satjukow, Universität Magdeburg, gefördert von der Kölner Fritz-Thyssen-Stiftung unter dem Titel „‘Bankerte!‘ Besatzungskinder in Deutschland nach 1945“)

10. April 1945

Die heute zu Bad Rodach eingemeindeten Orte Roßfeld und Lempertshausen, Landkreis Coburg, werden von US-amerikanischen Kampfverbänden stark zerstört.

Zeitzeugenberichte:


10./11. April 1945

Die Häftlingsbaracken des nationalsozialistischen Arbeitserziehungslagers (AEL) im Basalt-Steinbruch auf dem Großen Gleichberg brennen ab. Der Rest der Baracken wird von US-amerikanischen Soldaten am 07.05. niedergebrannt.

Die Nachbargemeinde Heßberg hat inzwischen mehr als 800 Einwohner, davon 148 Vertriebene und Flüchtlinge. 51 Männer und Jugendliche sind im Krieg gefallen oder vermisst.

11. April 1945

In der Nacht vom 10. auf den 11.04. wird Eisfeld von Artillerie und von Tieffliegern unter starken Beschuss genommen. 30 Häuser (einschließlich Nebengebäude) in der Justus-Jonas-Straße und in der Breiten Straße, der Schustersgasse, der Schalkauer Straße und im Herrnmühlenweg werden zerstört. Etwa 100 Gebäude werden beschädigt, vier Einwohner müssen sterben, viele werden verletzt. Die Stadt wird von der US-Army wird besetzt.

11. April 1944

Nach einem Aufstand beim Herannahen von Truppenverbänden der 3. US-Armee übernehmen Häftlinge die Leitung des KZ Buchenwald und überwältigen einen Teil des nicht geflohenen Wachpersonals. Das Lager mit 21.000 Häftlingen wird übergeben.

11. April 1945
In Hildburghausen herrscht relative Ruhe, die Front hat sich nach Süden und Osten verlagert. Immer mehr Häuser werden von den Amerikanern beschlagnahmt, die Deutschen müssen ihre Häuser bzw. Wohnungen verlassen. Die Amerikaner decken sich reichlich mit Lebensmitteln und Wertgegenständen ein und hinterlassen die besetzten Häuser oft in vandalischem Zustand, ehe sie weiter ziehen.

Studienrat Albert Buff notiert seine Beobachtungen in der Umgebung der Max-Michaelis-Straße: Wir gehen in unsere Wohnung, da die Amerikaner fort sind. Alles ist durchwühlt bis in den Keller und Boden. Alle Kisten auf, die Schränke durchstöbert, alles liegt auf dem Fußboden umher. Im Garten haben sie das Vergrabene ausgewühlt. Erbsen und Zucker sind aber noch da. Die Marmelade alle mitgenommen, auch sonst fehlt so manches. Wir bringen die letzten Sachen in Sicherheit. Ob sie ausbleiben oder wiederkommen, wissen wir nicht. Zunächst lassen wir alles liegen, wie es ist. Wir müssen mittags in unseren Zufluchtsraum. Die eingeweckten Gläser haben die Amerikaner zum größten Teil geöffnet und teilweise ausgegessen. Wir machen die Gläser vollends leer. Dieter (Sohn von A. Buff, d. Verf.) findet so manches im Garten und auf den Wegen: Tabak, Streichhölzer, Keks etc.



Die Max-Michaelis-Straße, benannt nach dem jüdischen Großkaufmann und in Kapstadt und London wirkenden Ehrenbürger von Eisfeld und Hildburghausen, Dr. Max Michaelis, ist im Dritten Reich umbenannt worden in „Horst-Wessel-Straße“, dem zum „Märtyrer der Bewegung“ hochstilisierten SA-Schläger und Pfarrersohn Horst Wessel. Er schrieb den Text „Die Fahne hoch, die Reihen …“, der zur Parteihymne der NSDAP geworden ist. Am 23. Februar 1930 ist er in Berlin von KPD-nahen Schlägern im Zuhältermilieu getötet worden.  – Der in der Straße wohnende Heimatforscher und Studienrat Albert Buff und andere Bürger vermeiden in der Umgangssprache den gesamten Straßennamen zu nennen und bezeichnen die Straße als „Horststraße“. – So geruhsam mit Kuhgeschirr wie auf dem Meffert-Bild geht es in den Tagen nach dem 7. April 1945 nicht zu. Die marode Straßendecke ist von zig Tanks zerfurcht, die Vorgärten und das Nebengelass oft zerstört worden, vor allem von großem Kriegsgerät. Viele Bewohner werden aus ihren Häusern ausquartiert und müssen Wohnraum für die Besatzer schaffen. Die Einrichtungen sind oft vandalisch von den US-Boys geplündert worden. Zeitnahe Fotos sind nicht bekannt, gab es doch einen Militärbefehl zum Besitz von Fotopparaten. Höchste Strafen wurden angedroht, wer seinen Fotoapparat nicht abgab, in Römhild ist in einem Befehl sogar mit der Todesstrafe.

Die Initiative zum Aufbau der Behörden Thüringens geht nur teilweise von der amerikanischen Besatzungsmacht aus, denn noch steht der vereinbarte Besatzungswechsel bevor. Die US-Besatzer konzentrieren sich auf folgende Aufgaben:

-     Verwaltung und Versorgung (Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens, dabei überlassen sie der Provinzialregierung und den Verwaltungskräften relativ viele Freiheiten);

-     militärische, wissenschaftliche und wirtschaftliche Geheimnisaufklärung;

-     deutsche technische Spitzenleistungen vor allem in den ingenieurtechnischen Bereichen, bis hin zur Zwangsverpflichtung der Spezialisten. Gezielte Beutepolitik, die gegen die Vereinbarungen der Alliierten verstößt.

Politische Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald organisieren sich. So wird ein Parteiaktiv der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) als provisorische Bezirksleitung Thüringens der KPD gebildet, die SPD gründet ein „Komitee der demokratischen Sozialisten“. Die Sozialdemokraten Dr. Hermann Brill (u. a. nach seiner Flucht aus der SBZ Mitarbeit am Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland) und Benedikt Kautsky (österreichischer Sozialdemokrat und maßgeblicher Autor des Godesberger Programms der SPD) stehen für das Aktionsbündnis der Linken ein. Brill hat die erste Nachkriegs-Programmschrift der Sozialdemokraten geschrieben („Manifest der demokratischen Sozialisten“. Die beiden ehemaligen Reichstagsabgeordneten Dr. Hermann Louis Brill (SPD) und Otto Schieck (auch: Schiek) (KPD) sind es gewesen, die erste Kontakte zum amerikanischen Lagerverwalter Buchenwalds zur Entlassung der Häftlinge halten und begründen, dass in Thüringen eine von Nationalsozialisten befreite Behördenstruktur aufgebaut werden müsse.

11. April 1945

Zur Situation in Haubinda (OT von Westhausen) heißt es in der Festschrift 100 Jahre Hermann-Lietz-Schule Haubinda aus dem Jahr 2001: In der Nacht zum 11. April verließen die Soldaten auf Bitten Dr. Damms Haubinda, um unser Leben nicht zu gefährden. Nachts klopfte es an unser Fenster. Ein Offizier sagte uns, auf dem Weg zum Hexenhügel (Puderbergbobbahn) lägen 2 Gefallene, 2 bei der Panzersperre an der Lindener Straße und einer vor unserem Haus. Wir mögen sie bitte begraben. Am Morgen holten wir sie. Sie waren in Zeltbahnen eingewickelt. Es waren die ersten Toten, die wir sahen. Die Gefallenen von der Lindener Straße brachte ein Fuhrwerk des Gutes. Auf Bitten Dr. Damms hoben wir die Gräber aus. Die ganze Schulgemeinde war zur Bestattungsfeier anwesend. Dr. Damm hielt die Gedenkrede.“

11. April 1945

Nach einem mehrstündigen Feuergefecht, das sich ein kleiner Verband der Deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS mit einem US-Truppenteil liefert, wird die kleine Stadt Ummerstadt besetzt. Zwei Wohnhäuser werden zerstört und der Turm der ältesten Kirche der Stadt, der St.-Andreas-Kirche, auch „Berg- oder Oberkirche“ genannt, wird in Brand geschossen. Ummerstadt hat im Zweiten Weltkrieg 45 Gefallene und Vermisste zu beklagen.

11. April 1945
Eine kleine Formation von Wehrmachtssoldaten und der Waffen-SS rückt bei Siegmundsburg und Friedrichshöhe an der heutigen Grenze der beiden Landkreise Sonneberg und Hildburghausen in einem wahnwitzigen Einsatz vor, um die US-amerikanische Kampfgruppe aufzuklären und aufzuhalten. Bei den Kampfhandlungen sterben blutjunge Soldaten, einige können in Richtung Siegmundsburger Werraquelle und Schalkau fliehen. Zum letzten Beschuss von Siegmundsburg kommt es in der Nacht zum 12. April gegen 03.30 Uhr. Nahe dem Dreistromstein an der Friedrichshöher Straße mahnt die schlichte Gedenkstätte. 



Aufnahme: HG, Hildburghausen, 19. Februar 2015

Für den Kreis Hildburghausen ist

der Zweite Weltkrieg beendet. 

Von Hildburghausen gibt es keine exakten Zahlen der Kriegsopfer. Man geht davon aus, dass ca. 200 Soldaten gefallen oder vermisst sind. Die tatsächliche Zahl liegt aber vermutlich höher (vor allem auch im Vergleich zu benachbarten Kommunen). Für den Ersten Weltkrieg sind für Hildburghausen 231 Tode registriert worden.

12. April 1945

Der US-amerikanische Heeresbericht meldet zum 11.04. zu Coburg: „Südwestlich Koburg nur begrenzte Bodengewinne. Die Alliierten sind nach Umzingelung in die Stadt eingedrungen, wo heftige Straßenkämpfe im Gange sind. … Panzerververbände haben Koburg genommen und sind bis Gestungshausen östlich Koburg vorgedrungen.“ Beim Kampf um Coburg sind 45 Menschen ums Leben gekommen, 44 Häuser sind total zerstört worden. – Die New York Times berichtet ausführlich über den Fall von Coburg.

13. April 1945

In der Nacht sind in Hildburghausen Schießereien zu hören. Auf dem Stadtberg und in Richtung Rodach soll es noch Widerstandsnester der SS geben. Neue Truppenteile werden erwartet. Die Stadt kommt langsam zur Ruhe, es werden notdürftige Aufräumarbeiten verrichtet.


1945

Aus Hildburghausen sind keine exakten Zahlen der eingesetzten Zwangsarbeiter vorhanden. Man hat 420 Personen nachgewiesen, die vor allem in acht Betrieben und Einrichtungen eingesetzt worden sind: Nordeuma, Möbelfabrik, Bahnmeisterei, Glashütte (Am Gries), Textilfirma Beyer & Pensky, Stadtverwaltung, Dampfsägewerk Mohr & Co., Paul Kätsch KG.

14. April 1945

Albert Buff beschreibt in seinem Tagebuch eine Woche nach dem Einmarsch der US-amerikanischen Besatzungstruppen in Hildburghausen die Lage und Stimmung: Es geschieht nichts Neues. Neue Truppen sind noch nicht angekommen. Wir wohnen wieder im Haus, die Wertsachen sind noch bei Klopfs. Nachmittags gehe ich einmal nach dem Bahnhof und sehe mir hier die Zerstörungen in der Bahnhofstraße an. Der Bahnhof ist nicht beschädigt. Besatzung und Truppen beschlagnahmen immer wieder Gebäude. 

14. April 1945

Sonneberg und Steinach werden von der US-Army nach teils heftigen Kämpfen und Verlusten eingenommen.

16. April 1945

Sowjetische Kampfverbände erreichen die Oder, damit beginnt die dramatische sowjetische Offensive gegen Berlin.

Den Schicksalsweg jüdischer Mitbürger, die hier geboren worden sind, hier gewohnt haben oder von hier in andere Orte verzogen sind, haben Karl-Heinz Roß, Hildburghausen, und Hans Nothnagel, Suhl, in Details dokumentiert. Einige Beispiele für den Kreis Hildburghausen seien nachfolgend dargestellt:

·       Von 58 jüdischen Einwohnern Hildburghausens verblieben um 1933

·       noch im Heimatort   25    es verzogen anderenorts 33

·       hier überlebten          0    dort überlebten                0

·       hier verstarben,         4    dort verstarben                3

·       (durch Freitod 2)

·       von hier emigrierten   6    von dort emigrierten       10

·       wurden deportiert     12    wurden deportiert          17

(davon überlebte 1)

·       Verbleib unbekannt     3     Verbleib unbekannt         3

(Nach: Juden in Hildburghausen – Ein chronikalischer Überblick von 1331 bis 1943. In: Nothnagel, Hans (Hg.): Juden in Südthüringen geschützt und gejagt. Eine Sammlung jüdischer Lokalchroniken in sechs Bänden. Juden in den ehemaligen Residenzstädten Römhild, Hildburghausen und in deren Umfeld. – Suhl 1998, S. 120 ff.)

·       Von 94 jüdischen Einwohnern Themars

verblieben um 1933

·       noch im Heimatort   52    es verzogen anderenorts 42

·       hier überlebten          0    dort überlebten                0

·       hier verstarben,         5    dort verstarben                3

·       von hier emigrierten 12   von dort emigrierten        11

·       wurden deportiert    17    wurden deportiert           22

·       Verbleib unbekannt 18    Verbleib unbekannt            6

Nach: Roß/Nothnagel: Die jüdische Gemeinde Themar – Ein fragmentarischer Überblick. – S. 120 ff.

In Schleusingen vorhandene Fabriken

1945 existierten in der Stadt noch 13 Fabriken, von denen das Emilswerk wegen Kohlenmangel stillgelegt war und das Zieh- und Stanzwerk als Munitionsfabrik geschlossen war. Die anderen Fabriken waren:

-     Johann Anton Lucius, Strumpfwaren
-     Klara Keck, Möbelfabrik

-     Siegfried Kuhles, Möbelfabrik

-     Curt Pilz, Papierfabrik

-     Städtisches Elektrizitätswerk

-     Friedrichswerk Glashütte

-     Engelbert und Söhne, Sägewerk

-     Molkerei

-     Ansorg, Metallwarenfabrik

-     Hey, Metallwarenfabrik

-     Fischer, Chemische Fabrik

Nach: Kerstin Möhring und Helmut Billeb: 775 Jahre Schleusingen. Das Heimatbuch der Stadt 1232 – 2007. – Hg.: Stadt Schleusingen, S. 45

19. April 1945

Augenzeugen berichten an diesem Tag aus Streufdorf, dass das Dorf nur wenige Treffer erhalten hat, dass nicht viel zerstört ist und die beschädigten Dächer wieder gedeckt sind.

22. April 1945

Im Tagebuch von Albert Buff heißt es zwei Wochen nach Einmarsch der US-amerikanischen Besatzungstruppen: Ich fahre nach Stressenhausen um ¾ 9 Uhr. Bleibe dort bei Lürtzings (Mittagessen) und Zapfs (Kaffee). In Str. ist nur die Feldscheune des Ortsbauernführers zerschossen, sonst gar nichts beschädigt: vernünftiger Bürgermeister! Am Schlachthof (heute: Einkaufszentrum in der Coburger Straße, d. Verf.) steht ein amerik. Panzer, oben auf dem Stadtberg vor Sophienthal ein deutscher Panzer. Wracks von Autos im Steinbruch an der großen Buche auf der Höhe.

23. April 1945

Albert Buff schreibt in sein Tagebuch (1932 bis 1945):
Im Stadtwald wird der amerikanische Kommandant erschossen, die angekündigten Vergünstigungen fallen wieder weg (Die Ausgehzeit sollte einmal von früh – 20 ½ sein). Man muß sich wundern, dass man nicht strenger gegen die Bevölkerung vorgeht. Ein wahnsinniger Verbrecher gefährdet die ganze Stadt.

Anmerkung: Trotz intensiver Bemühungen um die Quellenlage zu dieser Nachricht konnten keine weiteren Daten ermittelt werden.

April 1945

Bildung des Antifa-Ausschusses im Thüringer Hof (Das genaue Datum der Bildung des Ausschusses ist nicht feststellbar). Es werden Maßnahmen für den Neuaufbau der Verwaltung und zur Versorgung der Bevölkerung beraten. Personalentscheidungen werden mit der lokalen Militäradministration vorbereitet: kommissarischer Landrat Keding, Stellv. Max Leipold, Schulrat Kurt Wiegand, Kreisarzt Dr. Weber. Übernahme des bisherigen Bürgermeisters Dr. Hermann Zschaeck, Beigeordneter wird August Gerau.
Der Antifa-Ausschuss hat nur begrenzte Wirkungsmöglichkeiten. Nach dem Besatzungswechsel muss er nach sowjetischem Verbot seine Tätigkeit einstellen.


April 1945

Der Buchdruckermeister August Koch wurde von den Besatzungstruppen als vorläufiger Bürgermeister (in Römhild, d. Verf.) eingesetzt. Am 22. April 1945 fand im „Schlundhaus“ eine Versammlung der angesehensten Bürger mit dem USA-Kommandanten statt. Er bat die Römhilder um Unterstützung des Bürgermeisters, der dann am 16. Mai vereidigt wurde. Außerdem forderte der Amerikaner, dass sich der Nazi-Bürgermeister Schmidt den Besatzungstruppen stellen sollte (auf Initiative Schmidts kam es im März 1943 vor allem wegen des kriegsbedingten Arbeitskräftemangels im Basalt-Steinbruch auf dem Großen Gleichberg zum Bau des von der Gestapo Weimar geführten Arbeitserziehungslagers. Hier mussten „Arbeitsunwillige“ in einer sechs- bis achtwöchigen Haft unter qualvollen Arbeits- und Lebensbedingungen Zwangsarbeit leisten, d. Verf.), sonst würde in Römhild „Furchtbares“ geschehen. Schmidt wurde verhaftet und in das Kriegsgefangenenlager nach Bad Kreuznach gebracht. Einige Jahre später, im Oktober 1949, ließ sich der in Westdeutschland untergetauchte ehemalige SS-Obersturmführer als Rechtsberater in Coburg nieder. Auch alle politischen Parteien und Versammlungen waren auf Befehl der Militärregierung verboten.

Die Arztpraxis von Dr. med. Walter Hönn, der 1931 die Praxis von seinem Vater übernahm, hatte 1945 ca. 6.500 Bürger aus der Stadt und Umgebung zu betreuen. Er arbeitete ohne Unterbrechung. In der ersten Zeit nach dem Krieg besuchte er seine Patienten per Fahrrad bzw. Motorrad. Auch die Mohren-Apotheke von Herrn Carl Cade konnte ihre Arbeit ohne Unterbrechung wahrnehmen.

Nach: Kerstin Schneider (Redaktion): 1200 Jahre Römhild 800 – 2000. – Herausgeber: Stadt Römhild, 2000, S. 43

24. April 1945

In Hildburghausen wird bekannt, dass sich die auf der Flucht befindlichen Nazi-Bonzen Hildburghausens, der NSDAP-Kreisleiter und Landrat Werner Büchner (Spitzname „Heringsbändiger“), der NSDAP-Ortsgruppenleiter Wolff, der Ortspropagandaleiter Fritz Kuß und der Volkssturmführer Greiner von den Amerikanern in Hersfeld verhaftet worden sind. In Hildburghausen sind festgenommen worden der NSV-Leiter Hugo Eichhorn, der Schulleiter Schmidt und weitere Funktionäre des Dritten Reiches.


Entwurf des nicht verausgabten Postwertzeichens,
gestaltet von Professor Karl Seizinger (1889 – 1978),
für die Oberpostdirektion 16 Erfurt, 1945

 

25. April 1945
Sowjetische Soldaten der 58. Gardeschützendivison und ein US-amerikanischer Aufklärungstrupp treffen sich erstmals auf den Trümmern einer Brücke auf den von toten Flüchtlingen übersäten Elbwiesen in Lorenzkirch bei Strehla, ca. 30 km von Torgau entfernt.

25. April 1945

Der US-amerikanische Stadtkommandant von Weimar beauftragt Dr. Hermann Brill, eine Denkschrift zum administrativen Neuaufbau der Landesverwaltung in Thüringen zu erarbeiten. Tags darauf wird Brill aus dem KZ Buchenwald entlassen. Offiziell wird er am 29.04.1945 zum Berater der US-amerikanischen Militärregierung für den Stadt- und den Landkreis Weimar ernannt.

26. April 1945
Nachrichtenblatt:


27. April 1945

Auf Anordnung der US-Kommandantur müssen sich männliche Personen ab dem 14. bis zum 60. Lebensjahr und ledige weibliche Personen zwischen dem 14. und 40. Lebensjahr am 28. April auf dem Arbeitsamt zum Einsatz melden.

28. April 1945

Erweiterung der Ausgehzeiten (7 – 20 Uhr) und Öffnung einiger Läden (8 – 12 und 15 – 18 Uhr).

30. April 1945
Sowjetische Soldaten hissen erstmals die sowjetische Flagge auf dem noch bis 02.05. umkämpften Reichstagsgebäude. Die hierzu bekannte Fotodokumentation ist am 02.05. nachgestellt worden.

April 1945
26. März 1933 und folgende Jahre
kommt es in Hildburghausen durch die Nationalsozialisten zu Umbenennungen von Straßen und Verkehrsbauten, die meist rückbenannt worden sind, beispielsweise:
Adolf-Hitler-Platz in Marienplatz (heute: Goetheplatz), der Hindenburgplatz wird wieder der Hirschplatz (heute: Puschkinplatz), die Adolf-Hitler-Straße wird die Allee (heute: Obere und Untere Allee), der Danziger Weg wird der Finkenweg, die Horst-Wessel-Straße wird wieder die Max-Michaelis-Straße, der Narvikplatz wird später der Thälmannplatz, die Saarstraße wird Am Stadtrand, die Straße der SA wird rückbenannt in Bernhardstraße und zu DDR-Zeiten Leninstraße,
heutige Friedrich-Rückert-Straße – Die nach dem nationalsozialistischen Putschisten benannte Ritter-von-Stransky-Straße wird rückbenannt in Helenenstraße. Die Fritz-Hille-Brücke, benannt nach dem NSDAP-Landtagspräsidenten, Studienrat und Ehrenbürger Hildburghausens in der heutigen Friedrich-Rückert-Straße, bleibt ohne Namen.


1. Mai 1945

Vom Moskauer Flughafen Wnukowo startet die Gruppe Ulbricht mit einer DC nach Deutschland. Sie hat den Auftrag, die Politische Hauptabteilung der 1. Belorussischen Front bei der Wiederingangsetzung des öffentlichen Lebens und der Verwaltung Berlins zu unterstützen sowie die Gründung von Parteien, Gewerkschaften und Organisationen vorzubereiten. Zur Gruppe, deren Existenz bis 1955 verschwiegen worden ist, gehören neben Ulbricht, Fritz Erpenbeck, Gustav Gundelach, Richard Gyptner, Walter Köppe, Wolfgang Leonhard, Hans Mahle, Karl Maron, Otto Winzer. Am 10.05 stellte sich Erich Honecker der Gruppe zur Verfügung. Er wird beauftragt, Grundlinien für die Jugendarbeit der KPD in den nächsten Wochen auszuarbeiten.

Seinen Mitarbeitern sagt der KPD-Funktionär Ulbricht: „Es ist doch ganz klar: Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.“

2. Mai 1945
Der Rundfunk meldet bereits am 01.05. den „heldenhaften Tod des Führers“; der Suizid ist verschwiegen worden. Die Ansprache hält Großadmiral Karl Dönitz (1891 – 1980), der von Hitler mit einer „Geschäftsführenden Reichsregierung“ die Führung übernommen hat. Dönitz wird am 23.05.1945 verhaftet.

Elektroenergie ist in Hildburghausen wieder begrenzt verfügbar.
Hauptlichtquellen bleiben aber Kerzen und Karbidlampen.


3. Mai 1945

Es wird gemeldet, dass in Berlin die Kampfhandlungen weitgehend eingestellt worden sind.


4. Mai 1945

Der Radiosender Luxemburg berichtet über die Zustände in der Heilanstalt zu Hildburghausen unter dem Direktor
Dr. Johannes Schottky, dass Geisteskranke umgebracht worden seien.

Anmerkung: Nach einer Recherche des ehemaligen Superintendenten Dr. Michael Kühne sind bis 1944 ca. 750 Patienten abtransportiert worden. Aus den vier Thüringer Heilanstalten Blankenhain, Hildburghausen, Pfafferode bei Mühlhausen und Stadtroda sind mindestens 630 Patienten der Aktion T4 („Euthanasie“) zum Opfer gefallen. (Die Aktion T4 steht für „Tiergartenstraße 4“ in Berlin-Mitte, wo die systematische Tötung von ca. 70.000 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen beschlossen worden ist. Das betrifft vor allem den Zeitraum von 1940 – 1941. – Im Zeitraum von 1934 – 1940 werden aus Hildburghausen und Umgebung 522 Männer und 458 Frauen zwangssterilisiert

5. Mai 1945

Die Deutsche Wehrmacht kapituliert gegenüber den Westmächten.

7. bis 9. Mai 1945

Die Deutsche Wehrmacht kapituliert bedingungslos in Reims/Frankreich und Berlin-Karlshorst, damit treten u. a. die Vereinbarungen von London und Jalta zu den Besatzungszonen in Kraft. Die Zonengrenzen sind als Verwaltungsgrenzen vorgesehen.


8. Mai 1945

Der Sitz der lokalen US-amerikanischen Militärregierung in Hildburghausen ist das Finanz- und Zollamt in der Schleusinger Straße (heute: Ärztehaus, Teil der Henneberg-Kliniken). Dort weht das Sternenbanner. Die Bevölkerung nimmt nichts von der amerikanischen Siegesfeier wahr.

Das 1928 errichtete ehemalige Finanz- und Zollamt in der Schleusinger Straße ist nach dem Einmarsch der amerikanischen und sowjetischen Besatzungstruppen als Kommandantur genutzt worden.

Ansichtskarte: Foto und Verlag Rudolf Meffert, Hildburghausen, Ende der dreißiger Jahre (Blick von der Apostelkirche)

Nach dem 8./9. Mai 1945
Nach Bekanntwerden der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht wollen viele Evakuierte aus dem Rhein- und Saargebiet (heute: Saarland) wieder in ihre Heimat zurückkehren. Eine große Zahl an Vertriebenen aus den Ostgebieten bzw. osteuropäischen Ländern gelangen in die Region.
Das Leben normalisiert sich relativ schnell. Handwerk und Handel nehmen ihre Tätigkeit auf, auch wenn im Wesentlichen nur noch Mangel und Elend verwaltet werden. Die Rationen für Lebensmittel sind karg bemessen, Nahrungsmittel und Bekleidung gibt es auf Lebensmittel- bzw. Punktekarten. Die Stadtbewohner unternehmen „Hamsterfahrten“ auf dem Land bzw. bebauen jeden Quadratmeter Boden, es gibt kaum eine Familie, die nicht notgedrungen Schlachttiere hält.
Der Schwarzhandel blüht, vor allem Tabakwaren werden zur relativ „stabilen Währung“.
Die Ernährungslage für einen Großteil der Bevölkerung ist zum Zeitpunkt bis Ende der vierziger Jahre kaum zu bewältigen. Vor allem die Kirchen (Diakonie, Caritas) engagieren sich, um die Not zu lindern.


Mai 1945

Mit der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht werden auch wieder viele in den Südthüringer Raum evakuierte Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, aus der Kampfzone um Aachen in das Dreiländereck zurückgeführt, vor allem Bürger aus Würselen und Aachen.

Anmerkung: Die Region Aachen ist unbarmherzig von US-amerikanischen Bombardements und von Bodentruppen zerstört worden. In der dramatischen Schlacht um Aachen seit Mitte September 1944, die im ganzen Reich mit allergrößter Anteilnahme verfolgt worden ist, wird die Aachen unmittelbar benachbarte Stadt Würselen für sechs Wochen Hauptkampflinie. Am 18. Oktober ist Würselen eingenommen worden, drei Tage später fällt Aachen. – Bereits vor 1990 sind es Bürger aus Würselen und auch aus der hiesigen Region, vor allem die Brüder Pütz, die den Traum einer Städtepartnerschaft befördern helfen. Sie entsteht mit der Einheit Deutschlands 1990, zudem ist eine Freundschaftsgesellschaft gegründet worden. Im Vordergrund hat vor allem die uneigennützige Hilfe beim Aufbau der Verwaltung gestanden. Aber auch zu den Vereinen, Organisationen, Parteien und im privaten Bereich gibt es vielfältige Aktivitäten. In Hildburghausen ist im Wohnbaugebiet Waldstadt 2004 eine Straße in Würselener Straße benannt worden. Große Verdienste hat sich der ehemalige Stadtdirektor Albert Cramer erworben, aber auch Martin Schulz (Buchhändler und Bürgermeister von 1987 – 1990), der gegenwärtige Präsident des Europäischen Parlaments, hat einige Male Hildburghausen besucht.

12. Mai 1945

Die Ausgehzeit wird von morgens 5 Uhr bis 21 Uhr festgelegt. In der Stadt werden Plakate mit Darstellungen aus Konzentrationslagern (z. B. Ohrdruf und Buchenwald) ausgehängt und die von den Amerikanern herausgegebene Hessische Zeitung als einzige Tageszeitung bis zum Besatzungswechsel vertrieben.

14./15. Mai 1945

Die amerikanische Militärregierung erteilt die Genehmigung zur Eröffnung der Sparkasse. Der Schalter der Hauptstelle in Hildburghausen im ehemaligen Landratsamt am Markt wird am 14.05. wiedereröffnet, am 15.05. öffnen die Zweigstellen in Eisfeld, Themar, Römhild, Heldburg und Ummerstadt.


16. Mai 1945

Schleusingen. Eine Erhebung am 16.05.1945 besagt, dass in Schleusingen insgesamt 1.612 ausländische Zwangsarbeiter, davon 1.109 aus Russland und der Ukraine, 359 aus Polen, 125 aus Italien, vier Tschechen, sechs Jugoslawen, zwei Belgier, sechs Franzosen und ein Litauer im Einsatz waren. Die Mehrzahl musste im Zieh- und Stanzwerk in der Munitionsherstellung arbeiten. Das Werk unterhielt dafür ein eigenes Barackenlager bei der Pulvermühle. Die Firmen Adam Heinz Glashütte Friedrichswerk, L. F. Ansorg und die Bahnmeisterei unterhielten eigene Lager.

Im 2. Weltkrieg hatte Schleusingen 161 Tote und 20 Vermisste zu beklagen. …

19./20. Mai 1945

Ausgabe von Registries-Ausweisen für die Bevölkerung.



Registrierkarte der US-amerikanischen Militärverwaltung

(Aus: Danny Kambach, Marco Seeland: Die Besatzung Hildburghausens um 1945. Seminarfacharbeit des Gymnasiums Georgianum Hildburghausen, Staatliches Gymnasium des Freistaates Thüringen. Betreuer: Heiko Rosenbaum; Hans-Jürgen Salier. – 26.10.2004

20. Mai 1945
Der einstige Abgeordnete des Thüringer Landtags, Dr. Hermann Louis Brill, erhält vom Hauptquartier des VII. US-Korps den Auftrag, einen Plan für die Organisation einer Provinz Thüringen aufzustellen.

Mai/Juni
Der Kindergarten (in Römhild) wurde am 18. Mai 1945 unter Leitung von Schwester Schellenberger wieder geöffnet und mit gewonnenen Helferinnen aus der Bevölkerung konnten am Anfang 45 Kinder betreut werden.

Ab dem 22. Mai fährt wieder die Eisenbahn (Ritschenhausen – Römhild). Die Post kam nun über Hildburghausen nach Rentwertshausen und per Bahn nach Römhild. Von hier beförderten Posthelfer die Briefe und Päckchen per Fahrrad oder zu Fuß bis nach Milz, Eicha, Hindfeld, Mendhausen, Haina und Dingsleben sowie zum Waldhaus und zur Heilstätte.

Es wurden Straßenumbenennungen vorgenommen:
Die Adolf-Hitler-Straße wurde die Heurichstraße, die Straße der SA die Dr.-Ernst-Hönn-Straße, die Dr.-Todt-Straße wurde die Prof.-Götze-Straße und die Heydrichstraße wurde die Siedlung.

Wegen Verstoßes gegen die Festlegung der Militärregierung wurde der amtierende Bürgermeister August Koch von seiner Funktion abberufen und am 19. Juni 1945 der Jurist Martin Sachs als neuer Bürgermeister eingesetzt.

Nach: Kerstin Schneider (Redaktion): 1200 Jahre Römhild 800 – 2000. – Herausgeber: Stadt Römhild, 2000, S. 44

Anmerkung: Die etwa 11 km lange eingleisige Normalspur-Stichbahn Rentwertshausen – Römhild, auch „Gleichbergbahn“ genannt (1893 eröffnet, der Betrieb erfolgt durch die Bayerische Staatsbahn, seit 1931 von der Reichsbahndirektion Nürnberg verwaltet) auf der Bahnstrecke Schweinfurt – Meiningen ist bis zur Grenzziehung 1945 für Römhild außerordentlich wichtig, werden doch werktags im Schnitt 18 Waggons mit je 10 Tonnen Schotter oder Gneis transportiert. Streckenführung: Rentwertshausen – Queienfeld – Wolfmannshausen – Westenfeld – Haina – Römhild. Nach der Sperrung der Hauptbahn wegen der Zonengrenze zwischen Mühlfeld (Unterfranken) und Rentwertshausen (Thüringen) fahren die Züge direkt von Römhild nach Meiningen. Der Reisezugverkehr wird 1968 eingestellt, der Güterverkehr im Januar 1970. Der Rückbau der Strecke erfolgt 1972/73.

22. Mai 1945

Wiederaufnahme des Eisenbahnverkehrs zwischen Bad Salzungen – Meiningen – Hildburghausen; ein durchgehender Zugverkehr ist jedoch nicht möglich, u. a. wegen der gesprengten Brücken bei Wasungen (bis 24.09.1945) und bei Oberrohn (bis 08.08.1945).


23. Mai 1945

Die Geschäftsführende Reichsregierung unter Graf Schwerin von Krosigk und Großadmiral von Dönitz wird bei Flensburg verhaftet und abgesetzt. Die deutsche Zentralgewalt ist damit beendet. – Heinrich Himmler begeht in alliierter Gefangenschaft in Lüneburg Selbstmord.

5. Juni 1945

Mit der Berliner Erklärung (auch Berliner Deklaration oder Juni-Deklaration) übernehmen durch ihre Oberbefehlshaber Kraft des Besatzungsrechts die oberste Regierungsgewalt im Gebiet des Deutschen Reichs. Unterzeichnet wird das Dokument von Dwight D. Eisenhower (für die Vereinigten Staaten von Amerika), Georgi Shukow (für die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken), Bernard Montgomery (für das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland) und von Jean de Lattre Tassigny (für die Provisorische Regierung der Französischen Republik).

Anmerkung: Die britischen und amerikanischen Truppen räumen die von ihnen besetzten Gebiete, die der Sowjetunion zugewiesen worden sind. Die drei Westzonen gehen 1949 in der Bundesrepublik Deutschland auf, die den Sowjets zugewiesenen Gebiete in der Sowjetischen Besatzungszone, aus der am 7. Oktober 1949 die Deutsche Demokratische Republik gebildet wird. Die Ostgebiete des Deutschen Reiches kommen anfangs unter sowjetische Verwaltung, kurz darauf ein Großteil davon unter polnische. Die Grenze zwischen den westlichen und der sowjetischen Zone wird (mit geringen Ausnahmen) aus dem Verlauf der alten Grenzen aus der Zeit des Deutschen Bundes zwischen dem Land Mecklenburg, der Provinz Sachsen und dem Land Thüringen auf der sowjetischen Seite und Holstein, der Provinz Hannover, dem Freistaat Braunschweig, Groß-Hessen und Bayern auf der westlichen Seite gebildet.

Der Alliierte Kontrollrat wird von den vier Oberbefehlshabern der vier Besatzungszonen gebildet. Er hat die grundsätzlichen und Deutschland betreffenden Fragen zu entscheiden und deren einheitliche Lösung in den vier Besatzungszonen zu gewährleisten. Die Erklärungen respektieren aber die nationale Einheit Deutschlands.

Deutschland verliert seine staatliche Souveränität, die erst mit der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 wieder hergestellt wird. 

Thüringen wird Teil der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ). Der Besatzungswechsel erfolgt ab 01.07.1945.

Mit Bekanntwerden des Abzugs der amerikanischen Besatzungstruppen setzt ein Flüchtlingsstrom – vor allem nach Bayern – ein.
Der Chef der Roten Armee in Deutschland erlässt den Befehl Nr. 1 zur Bildung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Bis zu diesem Zeitpunkt üben die Truppeneinheiten der Besatzungsarmee die Besatzungsgewalt aus. Bis zum Besatzungswechsel (offiziell: 01.07.1945) werden die thüringischen und westsächsischen Gebiete von der Militärregierung am Sitz des VIII. US-Armeekorps in Weimar unter Colonel Azel F. Hatch regiert. Das Hauptquartier der US-Streitkräfte akzeptiert großenteils den Organisationsplan Hermann Brills, z. B. die Eingliederung des preußischen Regierungsbezirks Erfurt und des hessischen Kreises Schmalkalden nach Thüringen.

Anmerkungen: Im Jahr 1920 ist das Land Thüringen gebildet worden aus den thüringischen Freistaaten Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Meiningen (zu dem der Kreis Hildburghausen gehörte), Sachsen-Altenburg, Sachsen-Gotha, Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen und dem Volksstaat Reuß. Der Freistaat Coburg schließt sich nach einer Volksabstimmung dem Freistaat Bayern an. Thüringens Hauptstadt wird Weimar. Nicht zu Thüringen gehören die preußischen Gebietsteile, z. B. Erfurt, Kreis Schleusingen mit Suhl und auch nicht der heutige Hildburghäuser Stadtteil Gerhardtsgereuth mit Neuendambach. Zum Regierungsbezirk Erfurt in der Provinz Sachsen in Preußen gehören die Kreise und Städte Ziegenrück, Schleusingen (zum Landkreis Schleusingen gehört Suhl, Landkreissitz ab 1929 in Suhl), Erfurt, Weißensee, Langensalza, Mühlhausen, Heiligenstadt, Worbis, Nordhausen. Ebenfalls nicht zu Thüringen gehören der Landkreis Herrschaft Schmalkalden der preußischen Provinz Hessen-Nassau (Landkreis wird am 01.07.1950 aufgelöst und der Kreis Schmalkalden gebildet).

Mit den Ländergleichschaltungs- und den Reichsstatthaltergesetzen der Jahre 1933 und 1934 verliert das Land Thüringen seine Selbstständigkeit. Die Landeshauptstadt Weimar wird zur Gauhauptstadt ausgebaut. Die territoriale Gliederung des NSDAP-Gaues hat sich im Wesentlichen an die Reichstagswahlkreise der Weimarer Republik angelehnt und schließt damit den Regierungsbezirk Erfurt und den Kreis Herrschaft Schmalkalden ein. A. 01.04.1944 ist der zur aufgelösten preußischen Provinz Hessen-Nassau gehörige Landkreis Schmalkalden in den Regierungsbezirk Erfurt und preußische Provinz Sachsen eingegliedert worden.

Das Land Thüringen umfasst im Oktober 1945 das Gebiet des einstigen Landes Thüringen (ausgenommen die Amtsbezirke Ostheim vor der Rhön [zu Bayern] und Allstedt): Altenburg, Arnstadt, Eisenach, Gera, Gotha, Greiz, Hildburghausen, Meiningen, Rudolstadt, Saalfeld, Schleiz, Sondershausen, Sonneberg, Stadtroda und Weimar sowie der frühere preußische Regierungsbezirk Erfurt mit den Kreisen Grafschaft Hohenstein (Nordhausen), Herrschaft Schmalkalden, Langensalza, Mühlhausen, Schleusingen und Weißensee. Die einstigen preußischen Kreise Heiligenstadt, Worbis und Ziegenrück hat es nicht mehr gegeben. Heiligenstadt und Worbis bilden den Eichsfeldkreis und Ziegenrück kommt zum Kreis Saalfeld.

1945

Als einzige Mitbürgerin mosaischen Glaubens kehrt Gertrud Heim wieder nach Hildburghausen zurück und betreibt in der Eisfelder Straße ein kleines Textilwarengeschäft, bis sie 1951 in die Bundesrepublik übersiedelt.
In Themar ist es die 71-jährige Meta Krakauer, eine der wenigen Überlebenden des KZ Theresienstadt. Sie ist die Großtante ihres aus Suhl vertriebenen Großneffen Ludwig Mühlfelder, der als US-Soldat am 08.04.1945 Themar mit befreit.
Ludwig Mühlfelder schreibt in seiner Autobiografie Weil ich übriggeblieben bin: „Ich war dankbar; daß ich Ende des Krieges noch am Leben war, daß ich den Alliierten, hauptsächlich den Vereinigten Staaten von Amerika, ein wenig helfen konnte, Europa zu befreien und einen ganz kleinen Teil des übriggebliebenen Judentums zu retten.
Wegen der Schoah kann ich den Tätern nicht verzeihen, und die Opfer bleiben stumm.
Man kann aber auch nicht die heutigen jüngeren deutschen Generationen für dieses grausame Kapitel der schrecklichen Taten ihrer Eltern oder Großeltern verantwortlich machen.
Was ich jedoch von den Nachkommen der Holocaust-Täter erwarte und verlange, ist eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen Ihres Volkes ..."
 

Ludwig Mühlfelder als Frontsoldat der US-Army.
Aus: Hans-Jürgen Salier: THEMAR. 700 Jahre Stadt -1303 bis 2003 Geschichte in Daten.
 Verlag Frankenschwelle KG Hildburghausen, 2003

Mit freundlicher Genehmigung von Hans Nothnagel

8. Juni 1945
Der Kommunist Anton Ackermann (eigentlich Eugen Hanisch (1905 – 1973), einer der führenden KPD-Funktionäre und später energische Verfechter der Zwangsvereinigung von KPD und SPD stellt wegen überall auftretender Kommunisten in der (bereits) funktionierenden SBZ ironisch fest: „Es stellte sich heraus, dass es in der Sowjetunion weniger Bolschewiken gibt als in Hitler-Deutschland.“

9. Juni 1945

Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) nimmt ihre Tätigkeit auf. Die SMAD wird für unsere Region nach dem Besatzungswechsel nach dem 1. Juli 1945 wirksam. Der Oberste Befehlshaber der sowjetischen Besatzungstruppen, Marschall der Sowjetunion G. K. Shukow, übt durch die SMAD als Behörde der UdSSR, die oberste Regierungsgewalt in der Sowjetischen Besatzungszone aus. „Ziel“ der SMAD und ihrer Organe ist es, auf der Grundlage der gemeinsam gefassten Beschlüsse der Antihitlerkoalition und getreu den Prinzipien des proletarischen Internationalismus der deutschen Arbeiterklasse und der ganzen deutschen Bevölkerung zu helfen, eine neue demokratische Ordnung aufzubauen. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben besteht darin, die von den Siegermächten beschlossenen Maßnahmen zur Abrüstung und Entmilitarisierung Deutschlands zu verwirklichen. Die Sowjetarmee sichert als sozialistische Besatzungsarme militärisch die sich im Osten Deutschlands entwickelnde antifaschistisch-demokratische Ordnung vor den Anschlägen innerer und äußerer Feinde.

9. Juni 1945

Dr. Hermann Brill wird von Colonel Hatch als Regierungspräsident Thüringens bestätigt.


9. Juni 1945

Der neue US-amerikanische Gouverneur, Capitain Victor v. Cronthall, zieht in Hildburghausen ein. Auch wenn die Alliierten die Besatzungszonen klar und eindeutig festgelegt haben, so auch, dass Hildburghausen zur Sowjetischen Besatzungszone kommt, sind die Hildburghäuser irritiert, weil sie der Meinung sind, Hildburghausen unterstehe den USA.
Albert Buff schreibt in seinen Aufzeichnungen, dass wegen des bevorstehenden Einmarsches der Sowjets Katastrophenstimmung herrsche.

10. Juni 1945

Befehl Nr. 2 der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Zulassung von Parteien und Massenorganisationen in der Sowjetzone (11.06. – SED, 15.06. FDGB, 15.06. – SPD, 26.06. – CDU, 05.07. – LDP, Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands – 08.07.). Der Befehl wird jedoch erst mit dem Besatzungswechsel nach dem 1. Juli 1945 für den Kreis Hildburghausen wirksam.


11. Juni 1945

Programmatischer Aufruf der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Im „Grundriss“ orientieren die Kommunisten darauf, „die bürgerlich-demokratische Revolution unter der Führung der Arbeiterklasse zu Ende zu führen, Imperialismus und Militarismus zu vernichten und eine antifaschistisch-demokratische Ordnung in ganz Deutschland zu errichten.“

Ziel der KPD war, wie es Wilhelm Pieck, von 1949 – 1960 Staatspräsident, in seinem Moskauer Exil formulierte, „… durch die Schaffung einer mächtigen, vom Geiste des Marxismus, Leninismus, Stalinismus erfüllten einheitlichen Kampfpartei der deutschen Arbeiterklasse die Voraussetzung zum Sieg unserer großen Sache zu schaffen“.

Für diese angeblich demokratische Aufgabenstellung gibt es nur eine Orientierung, wie sie für die kommunistische Agitation formuliert wurde: „Die Übernahme aller entscheidenden Funktionen in den Selbstverwaltungsaufgaben und in der Wirtschaft durch antifaschistisch-demokratische Kräfte, die entschädigungslose Enteignung der Junker und Großgrundbesitzer, die Bestrafung der Naziaktivisten und Kriegsverbrecher und die Überführung der Konzerne, Banken und Großbetriebe in die Hände des Volkes sowie die demokratische Erneuerung des geistig-kulturellen Lebens geben die Gewähr dafür, den Militarismus mit allen seinen Wurzeln auszurotten und das Wiedererstehen einer imperialistischen Militärmacht mit ihrem Hauptinstrument, den aggressiven Streitkräften, für immer unmöglich zu machen.“

14. Juni 1945

Beginn der Vertreibung im Sudetenland. Das betrifft 1945/46 etwa 3 Millionen Deutsche in der Tschechoslowakei unter Androhung und Anwendung von Gewalt. Der Terror fordert zehntausende Menschenleben unter der deutschen Zivilbevölkerung.

16. Juni 1945

Der US-Präsident Truman und der britische Premier Churchill schlagen dem UdSSR-Marschall Stalin vor, die amerikanischen und britischen Truppen in die ihnen zugewiesenen Besatzungszonen zurückzuziehen und gleichzeitig Truppeneinheiten zur gemeinsamen Besetzung Berlins zu entsenden. Stalin bittet, den Termin auf den 1. Juli zu verlegen, weil er personell, technisch und organisatorisch nicht in der Lage ist, den vereinbarten Besetzungstermin zu halten.

Wie überall in Thüringen hatten die amerikanischen Truppen auch im Kreis Hildburghausen ihren Abzug bis in die letzten Stunden überaus geschickt zu tarnen verstanden. Aus den wichtigen Industriebetrieben mussten auf ihre Anordnung maßgebliche Direktoren, Ingenieure und Betriebswirtschaftler sofort in die amerikanische Zone hinüberwechseln. Fabrikationspläne und Spezialmaschinen wurden mitgenommen.
(Steltzner: Heldburg wollte zu Bayern. – S. 11)

 


Einschreibbrief mit Postwertzeichen der Kontrollratsausgabe aus der Zeit der Währungsreform 1948

Am 24.10.1945 ist der Postverkehr zwischen den vier Besatzungszonen wieder aufgenommen worden. Die amerikanische und die britische Zone haben in ihrer einheitlichen Postverwaltung eigene Briefmarken eingeführt. Die Franzosen haben in ihrer Zone ebenfalls ihre eigenen Postwertzeichen, während in der Sowjet- oder Ostzone, wie man die Sowjetische Besatzungszone noch nennt, in ihren Oberpostdirektionen eigene Postwertzeichen, so auch für die OPD 16 (Erfurt), verausgabt werden. Ab Februar 1946 sind gemeinsame Postwertzeichen für die amerikanische, britische und sowjetische Zone emittiert worden, die sogenannten Gemeinschaftsausgaben für die Besatzungszonen, die auch „Kontrollratsausgaben“ genannt werden.

Mit der separaten Währungsreform der West-Alliierten in ihren Besatzungszonen am 21. Juni 1948 und der Einführung der D-Mark kommt es in der Sowjetischen Besatzungszone drei Tage später ebenfalls zur Währungsreform. Die kursgültigen Postwertzeichen behalten in der SBZ bis zum 31. Juli 1948 zu einem Zehntel Frankaturkraft. Ein Einschreibbrief muss an Stelle von 0,84 jetzt mit 8,40 Mark frankiert werden.

25. Juni 1945
Im Apollo-Lichtspiel-Theater (inzwischen abgerissen) gegenüber dem Burghof am Werra-Flutgraben in der heutigen Friedrich-Rückert-Straße lassen die Amerikaner für die Bevölkerung einen Film über das Konzentrationslager Buchenwald und seine Gräuel zeigen. Der Besuch wird per Stempel kontrolliert. Die shock treatment ist ein Teil eines Projekts zur Demokratisierung und der Zivilisierung der Gesellschaft.

25. Juni 1945
Auf der ersten Funktionärskonferenz der KPD sagte Walter Ulbricht den Rüstungsindustriellen den Kampf an. Es müsse ihnen die materielle Basis genommen werden, die es ermögliche, den Nazismus zu finanzieren und Deutschland in die Katastrophe zu führen. – Er betonte aber auch: „Wir verzichten auf die Schaffung eines kommunistischen Jugendverbandes, denn wir wollen, dass eine einheitliche, freie Jugendbewegung entsteht.“
 

 

Sowjetische Besatzungszone                                                                                               

Ab 1. Juli 1945
Der Besatzungswechsel zwischen der US-Army und der Roten Armee wird nach den Abkommen von London und Jalta vollzogen. In Thüringen rückt, aus Sachsen kommend, die 8. Sowjetische Gardearmee unter Generaloberst W. I. Tschuikow (1900 – 1982) ein, die in Stalingrad gekämpft und Berlin mit erobert hat.

Es handelt sich um das Garde-Mot Schützeregiment der 8. Gardearmee der Roten Armee (ab Februar Sowjetarmee). Mit Unterbrechung (ab Mitte fünfziger Jahre) ist Hildburghausen bis 1991 Standort sowjetischer Einheiten. Zuletzt ist ab 1967 eine mobile Funkmessstation (Radareinheit) auf einem Gelände von 4,12 Hektar (Feldpostnummer 17789) auf dem Hausberg, dem Stadtberg, stationiert. Das Gelände ist militärisches Sperrgebiet gewesen.

Damit endet nach knapp 90 Tagen in Thüringen das amerikanische Besatzungsregime, das kaum Einfluss auf die weitere Nachkriegsentwicklung genommen hat. Alle Stadt- und Landkreise Thüringens werden von der 8. Sowjetischen Gardearmee besetzt.

Anmerkung: In vielen Darstellungen beim Einrücken von Truppenverbänden der Roten Armee wird oft die mangelhafte und das teils dürftige Erscheinungsbild der Truppe beschrieben (Panjewagen, technisch primitive Fahrzeuge und schlecht ausgerüstete Truppen). Hier handelt es sich um Einheiten der 2. bzw. der 3. Welle meistens aus dem Bereich der Rückwärtigen Dienste und nicht die Elite-Kampfverbände, die teils auch von den Westalliierten (USA, Großbritannien und Kanada) technisch gigantisch ausgerüstet worden sind. Insgesamt sind 34 Mio. Sowjetbürger zur Roten Armee eingezogen, nach amtlichen Erhebungen sind gefallen, werden vermisst oder haben den Tod gefunden in Gefangenschaft 8.668.400, beim Sturm auf Berlin verliert die Armee allein 300.000 Mann an Toten und Verwundeten. Sie setzt 6.500 Panzer ein. Die Sowjetunion verliert insgesamt 23,2 Millionen Menschen Dazu kommt die desolate Lage des verwüsteten Landes, die darniederliegende Wirtschaft, Landwirtschaft und die vor allem unterentwickelte Leichtindustrie.

In der Sowjetischen Besatzungszone werden zwischen 1945 und 1949 nach stalinistischem Vorbild und in Abhängigkeit der Sowjetunion die Grundlagen für das Herrschaftssystem der DDR geschaffen. Mit Bekanntwerden des Abzugs der amerikanischen Besatzungstruppen setzt für die Region Südthüringen ein Flüchtlingsstrom vor allem nach Bayern ein.

Die russischen Besatzer in Rieth


Stadt und Kreis Hildburghausen Bestandteil der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands

2. Juli 1945

Nach einem formellen Rücktritt konstituiert sich die Provinzialregierung in Thüringen. Dr. Hermann Brill wird zum Regierungspräsidenten ernannt.

Auf Intervention Walter Ulbrichts wird Brill wenig später ausgeschaltet, und am 16.07. wird der in der NS-Zeit mit Berufsverbot belegte Rechtsanwalt Rudolf Paul (1893 – 1978) Regierungspräsident, seit 04.12.1946 Ministerpräsident (parteilos, 1946 SED, am 01.09.1948 flüchtet Paul in die Amerikanische Besatzungszone).

Der Landespräsident besitzt Legislativ- und Exekutivgewalt unter Kontrolle der Besatzungsmacht. Die Provinz Thüringen wird als Land Thüringen (Bundesland Thüringen in der Sowjetischen Besatzungszone) umgewandelt (westsächsischer und Merseburger Kreis werden abgetreten). Landeshauptstadt ist Weimar, ab 1950/51 das einst preußische Erfurt.
Der in der Nazizeit zu einer Haftstrafe verurteilte Kommunist Rudolf Rausch (1906 – 1984) ist mit Aufgaben zum Aufbau der Polizei im Land Thüringen betraut. Der später u. a. in Hildburghausen als SED-Kreissekretär (1953 – 1967) wirkende R. ist vom Oktober 1946 bis August 1948 VP-Inspekteur Chef der Thüringer Landespolizei im Rang eines Generalmajors.

Zeitzeugenberichte:


2./3. Juli 1945

Auf der Eisenbahnstrecke Eisenach – Bebra werden 65 Züge mit 3.073 Waggons mit Militär-, Versorgungs- und Beutegütern der Amerikaner registriert.
Die Thüringer Volkszeitung titelt am 03.07. wie andere Blätter beim Einmarsch der Sowjets unterwürfig: Wir grüßen die Soldaten der Roten Armee! – So wie sich viele sowjetische Menschen in der stalinistischen Diktatur der Sowjetunion den deutschen Besatzern anbiederten, biederten sich jetzt viele deutsche Bürger den sowjetischen Besatzern an und erhoffen sich Vorteile.


3. Juli 1945

Themars Bürgermeister Otto Störmer tritt am 01.07.1945 ab, am 03.07. wird Heinrich Bosecker eingesetzt. Das ist ein Indiz zum Besatzungswechsel.

4./5. Juli 1945
Besatzungswechsel in Hildburghausen. Die Sowjetische Militärkommandantur hat ihren Sitz im ehemaligen Finanzamt- und Zollamt in der Schleusinger Straße.
Nach Augenzeugenaussagen kommen die ersten Soldaten der Roten Armee – vermutlich eine Vorausabteilung – bereits am 02.07. nach Hildburghausen und übernehmen die Verwaltung. Das Vorkommando nächtigt in der Aufbauschule (heute: Regelschule Joliot-Curie). Am Kreisamt und am Rathaus hängen rote Fahnen. Am 05.07. ist die Stadt mit roten Fahnen und zusätzlich mit Grün geschmückt. Die Russen ziehen gegen 5 Uhr mit Lastwagen und Panjewagen ein, Kinder werfen Blumen.

Damit beginnt in der SBZ/DDR ein einmaliger historische Vorgang: Es handelt sich um das größte Truppenkontingent, das jemals über einem Zeitraum von knapp einem halben Jahrhundert von einer Besatzungsmacht im Ausland unterhalten worden ist. Die Sowjets haben folgende Zahlen für 1991 bekannt gegeben: Die Westgruppe der Truppen – WGT unterhalten 777 Kasernenanlagen an 276 Orten (eingeschlossen 47 Flugplätze, 116 Übungsplätze), stationieren 337.800 Soldaten in 24 Divisionen (5 Landarmeen, 1 Luftarmee), dazu kommen 208.400 Familienangehörige von Offizieren sowie Zivilangestellten, darunter 90.000 Kinder.

Die oft kolportierte Aussage, der Kreis Hildburghausen bzw. Teile daraus, gehören offiziell zur Amerikanischen Besatzungszone und seien bei Aufteilung Berlins unter den Alliierten im Gegenzug an die Sowjets gefallen, gehören ins Reich der Phantasie. Das beweisen u. a. die Vertragstexte der Abkommen von London und Jalta.
Mit dem Ziehen der Zonengrenze werden einst funktionierende Wirtschaftsräume empfindlich gestört. Wirtschaftliche Kontakte der Hildburghäuser haben sich bisher fast ausschließlich auf den Raum Coburg konzentriert, kaum in nördliche, westliche oder östliche Richtung.


1945

Regierungspräsident Dr. Hermann Brill setzt die Polizeiverordnung über die Beschlagnahme der Vermögen ehemaliger Mitglieder der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei in Kraft. Die Enteignungen werden treuhänderisch verwaltet. Die am 25.09. gegründeten Gesellschaften (Thüringer Verwaltungsgesellschaft mbH und Thüringer Staats GmbH) verwalten das Eigentum bzw. überführen es in Landeseigentum. Weiterführende in Vorbereitung befindliche Gesetze werden nicht erlassen, weil die Sowjets mit den Befehlen 124 und 126 vorbereiten, die Betriebe unter sowjetische Verwaltung zu stellen. Zwischen Dezember 1945 und März 1946 kommen 45 leistungsfähige Thüringer Großunternehmen unter sowjetische Kontrolle (u. a. Zeiss, Schott, BMW).


Nach dem 4. Juli 1945

Nach Übernahme des Kreises Hildburghausen durch die sowjetischen Truppen ergeben Absprachen des Kreissparkassendirektors Waldmann mit dem sowjetrussischen Militärkommando in Hildburghausen am 04.07.1945, dass über diesen Rahmen hinausgehende Beträge in Verantwortung des Bankleiters mit Zustimmung des Landrates liegen.

Am 16.07.1945 wird den Vertretern der Banken vom Kommandanten der russischen Kriegsregierung bestätigt, dass der Auszahlungsverkehr im Rahmen der von der amerikanischen Militärregierung herausgegebenen Richtlinien grundsätzlich beibehalten werden soll.

Presse. Während der Zeit der US-amerikanischen Besetzung wird in Hildburghausen die von den USA verlegte „Hessische Zeitung“ vertrieben. Nach dem Besatzungswechsel erscheint als Tageszeitung für die deutsche Bevölkerung (seit 15.05. in den bereits sowjetisch besetzten Gebieten) die Tägliche Rundschau. Sie ist ein Organ der Roten Armee bzw. der Sowjetarmee, seit 09.06.1946 Organ der SMAD.

Anmerkungen: Sie stellt am 30.06.1955 ihr Erscheinen ein. Ab dem 03.07.1945 bis 1946 erscheint die Thüringer Volkszeitung, ein Organ der KPD in Thüringen. Im Rahmen der Zwangsvereinigung von KPD und SPD im April 1946 werden die Zeitungen „Die Tribüne“ (SPD) und „Thüringer Volkszeitung“ (KPD) zum „Thüringer Volk“ zusammengelegt, die dann am 09.04.1946 als „Das Volk“ erschienen ist. Mit der Auflösung des Landes Thüringen 1952 und der Bezirksbildung (Erfurt, Gera und Suhl) mit dem „Gesetz über die weitere Demokratisierung des Aufbaus und der Arbeitsweise der staatlichen Organe im Land Thüringen“ ist am 15.08. „Das Freie Wort“ als Organ der Bezirksleitung des Suhl der SED entstanden. Der Zeitungsname ist am 09.03.1956 in „Freies Wort“ umbenannt worden.

Weitere Gründungen von Tageszeitungen im Land Thüringen: „Tribüne“ (SPD) ab 01.11.1945 --- „Thüringer Tageblatt“ (CDU) ab 01.05.1946 --- „Thüringische Landeszeitung“ ab 04.01.1947 --- „Thüringer Neueste Nachrichten“ (NDPD) ab 30.04.1951.

Bis zur Gründung der DDR 1949 übt die SMAD die Zensur aus. Chef der Zensur ist Oberst, später Generalmajor Sergej Iwanowitsch Tjulpanow. In den örtlichen Kommandanturen ist meist ein Offizier im Hauptmanns- oder Majorsrang zuständig.

Bedheim am Ende des Krieges 1945

7. Juli 1945

Die Alliierten unterzeichnen ein Abkommen über die Viermächteverwaltung Berlins – Das von US-Truppen besetzte Saargebiet (Saarland) kommt zur Französischen Zone.

8. Juli 1945

Nach SMAD-Befehl werden in Thüringen antifaschistische Parteien und sog. Massenorganisationen zugelassen. Der SMAD-Befehl Nr. 2 vom 10.06. wird im Land Thüringen wirksam. Zulassung von Parteien und Massenorganisationen in der Sowjetzone (11.06. – Kommunistische Partei Deutschlands [KPD], 15.06. – Freier Deutscher Gewerkschaftsbund [FDGB], 15.06. – Sozialdemokratische Partei Deutschlands [SPD], 26.06. – Christlich Demokratische Union [CDU], 05.07. – Liberal-Demokratische Partei [LDP] und Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands [KB] – 08.07.1945). Mit der Bildung des Blocks antifaschistisch-demokratischer Parteien (s. 14.07.1945) ist die Einflussnahme der KPD festgeschrieben, und die Sowjets hätten bei Aufkündigung der Mitarbeit die Zulassung der Parteien aufgehoben.
Zu den bürgerlichen Parteien hat die Besatzungsmacht ein misstrauisches Verhältnis, jedes Abweichen von der Generallinie der Besatzer bringt einschneidende Konsequenzen für Leib und Leben der Mitglieder mit sich. Das Parteileben wird durch eine kaum einzuhaltende Bürokratie behindert. Der Wahlkampf für die bürgerlichen Parteien wird beispielsweise mit Papierkontingenten, Verweigerung von Veranstaltungsgenehmigungen usw. erheblich eingeschränkt. Hauptziel der Sowjets und der KPD ist es, ihre ideologischen Hauptfeinde, die Sozialdemokraten und die bürgerlichen Parteien, auszuschalten bzw. ihren Einfluss zu minimieren. Mit dem Ruf nach der Einheit der Arbeiterklasse beginnt ein geschicktes Manöver der KPD, die Sozialdemokraten für ihre sowjetfreundlichen kommunistischen Ziele zu missbrauchen. In diesem Sinne sind auch die angeblich freien Wahlen, z. B. am 20.10.1946, zu sehen. Um ihre Machtpositionen weiterhin zu festigen und den Einfluss von LDP und CDU zurückzudrängen, gestattet im Frühjahr 1948 die SMAD die Gründung von zwei prokommunistischen Parteien. Kommunisten werden mit der Parteiengründung beauftragt: Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NDPD) und Demokratische Bauernpartei Deutschlands (DBD), um vor allem auf bürgerliche Kräfte einzuwirken und die Landbevölkerung an sich zu binden und sie besser kontrollieren zu können.


9. Juli 1945

Der SMAD-Befehl Nr. 5 wird von Marschall Shukow zur Bildung regionaler Militäradministrationen in Ländern und Provinzen der SBZ erlassen: Sowjetische Militäradministration des föderalen Landes Thüringen (SMATh). Chef ist General Tschuikow und Verwaltungschef, General Kolesnitschenko (Sitz in Jena, ab 16.07. in Weimar). Die örtlichen Truppenstäbe und ihre Militärkommandanturen unterstehen der SMATh, die die zivile Verwaltung fest in der Hand hat.


10. Juli 1945

In den inzwischen polnisch verwalteten deutschen Ostgebieten wird der deutsche Grundbesitz mit entsprechenden Befehlen enteignet, die Gebiete werden ethnisch gesäubert. Der Befehl der polnischen Regierung besagt, dass jeder Betroffene nur höchstens 20 Kilogramm mitnehmen dürfe. Ein Transport mit Kühen und Pferden sowie Wagen ist nicht erlaubt. Das lebende und tote Inventar bleibt Eigentum der polnischen Regierung. Die Nichteinhaltung des Befehls wird mit härtesten Strafen geahndet.

Juli

Mit der Kapitulation Deutschlands bzw. dem Besatzungswechsel sind auch keine Sicherheitseinrichtungen mehr vorhanden. KPD-Funktionäre organisieren mit Zustimmung der SMAD den Aufbau von Polizeikräften in der SBZ, die offiziell den Namen Deutsche Volkspolizei (DVP) tragen. Wenig später entwickeln sich daraus die Grenzpolizei und die Bereitschaften (nicht zu verwechseln mit der Bereitschaftspolizei). Die alten Polizeikräfte werden nicht übernommen, sondern vorwiegend Kommunisten bestimmt und gewonnen, die nach Anweisungen der Sowjets die Führung übernehmen. Dabei greift man auf Strukturen der Weimarer Republik zurück. Örtlich entstehen Einzel- und Gruppenposten, Reviere sowie Orts- und Kreisbehörden. Im Zuge der Länderbildung entstehen Landespolizeibehörden. Die Sowjets initiieren 1946 die Deutsche Verwaltung des Innern (DVdI). Sie entwickelt sich im Laufe der Zeit zum zentralen länderübergreifenden Führungsorgan. Ausschließlich Kommunisten (KPD, ab 1946 SED) werden bis zum Zusammenbruch der DDR mit Führungsaufgaben betraut.

Anmerkungen: Den Landesbehörden der Volkspolizei (LDVP) unterstehen die operativen Zweige Schutz-, Verkehrs-, Kriminal- und Verwaltungspolizei. Sie sind auch mit Aufgaben der Bewachung von Einrichtungen der SMAD betraut, der Bewachung von Betrieben, Kriminalitätsbekämpfung, Melde- und Erlaubniswesen und Preisüberwachung. Spezialaufgaben hat die Kriminalpolizei 5 (auch Kommissariat 5 genannt). Das ist ein Vorläufer des Ministeriums für Staatssicherheit und ein Hilfsorgan der sowjetischen Geheimpolizei NKWD. Aus ihr entwickelt sich die von der SED geführte politische Polizei.

Die der Deutschen Verwaltung des Innern (DVI) unterstehende Deutsche Grenzpolizei (DGB) ist am 1. Dezember 1946 gegründet worden. Die Deutsche Grenzpolizei kommt ab Mai 1952 zum Ministerium für Staatssicherheit, ab Juni 1953 zum Ministerium des Innern (MdI), nach dem 13. August 1961 (Mauerbau) zum Ministerium für Nationale Verteidigung (MfNV) und wird zuerst Grenztruppen der NVA genannt. Das ist ein Etikettenschwindel gewesen, um eine Einbeziehung in die internationalen Abrüstungsverhandlungen zu verhindern bzw. zu umgehen. Ab 15. September 1961 werden sie Grenztruppen der DDR genannt.


Mitte Juli 1945

Einige Häuser in guter Lage in Hildburghausen werden beschlagnahmt und geräumt. Sowjetische Offiziere ziehen ein. Auch die Heilanstalt ist besetzt. Das Kino wird eröffnet und Tanzveranstaltungen werden organisiert. Ein Berliner Ballett gibt im Theater erste Vorstellungen.


Juli 1945

Aufräumarbeiten auf dem Gelände des ehemaligen nationalsozialistischen Arbeitserziehungslagers im Steinbruch des Großen Gleichbergs werden durchgeführt. Das Städtische Basaltwerk Römhild nimmt bald seine Tätigkeit wieder auf.

Juli 1945

Gründungsversammlung der SPD im Thüringer Hof in Hildburghausen. Zu den Gründungsmitgliedern gehören August Wichtendahl, Hans Kuhn,
Erich Mitzenheim

14. Juli 1945

Bildung des Blocks antifaschistisch-demokratischer Parteien:
KPD, SPD, CDU, LDP in der Sowjetzone, am 17.08. Bildung eines Landes-Parteienblocks.
In der Sowjetischen Besatzungszone wird unter sowjetischer Führung eine Grenzpolizei aufgebaut. Sie trägt blaue Uniformen.

Mitte Juli 1945
Beigeordnete des Ersten Bürgermeister Dr. rer. pol. Hermann Zschaeck sind der Kaufmann August Gerau (SPD) und der (spätere) Regierungs-Amtmann Ewald Grüter (KPD).
In der Stadtverwaltung sind insgesamt 41 Personen beschäftigt (ausgenommen Polizei). 26 Personen müssen vor allem aus politischen Gründen ihre Tätigkeit beenden: 11 Beamte, 9 Angestellte und 6 Arbeiter.
Der Aktionsausschuss der antifaschistischen Parteien bestimmt acht Mitglieder für den Beirat der Stadt Hildburghausen, der seit Juli jeden Mittwoch im Rathaus unter Leitung des Bürgermeisters Dr. Hermann Zschaeck die kommunalpolitischen Aufgaben und Vorgehensweisen berät. Zudem werden für einzelne Sachgebiete Ausschüsse gebildet. Zum Aktionsausschuss gehören je zwei Vertreter aus den zugelassenen Parteien, auch wenn das nicht das parteienpolitische Bild widerspiegelt:
Albin Römhild (KPD), August Kahl (KPD), Erich Mitzenheim (SPD), Anton Schneider (SPD), Fritz Möller (LDP), Karl Schüerholz (LDP), Otto Schön (CDU), August Schneider (CDU).

Bei den Oktoberwahlen 1946 hatten beispielsweise CDU und LDP trotz aller Walhlbenachteiligungen der bürgerlichen Parteien nahezu 54 % der Stimmenanteile, also mehr als die absolute Mehrheit, während die aus der KPD und SPD zwangsvereinigte SED auf knapp 40 % gekommen ist.

16. Juli 1945

Der ehemalige preußische Kreis Schleusingen (Regierungsbezirk Erfurt) kommt zum Land Thüringen und damit auch die heute zur Stadt Hildburghausen gehörende Gemeinde Gerhardtsgereuth mit Neuendambach. – Per Verordnung des Präsidenten des Landes Thüringen erhält der Kreis Schleusingen am 30.01.1946 den Namen Kreis Suhl.


Juli 1945

Die Post untersteht der Sowjetischen Militäradministration.
Die Zentralverwaltung für das Post- und Fernmeldewesen (ZVPF) wird aufgebaut, die vorwiegend koordinierende Aufgaben zu erfüllen hat. Postdienststellen unterstehen den Landes- bzw. Provinzialdienststellen. Die Gliederung der Deutschen Post erfolgt in Oberpostdirektionen (OPD). Die Grenzen sind im Wesentlichen mit denen der Länder bzw. Provinzen identisch. Hildburghausen sowie das Kreisgebiet gehören zur OPD 16 mit Sitz in Erfurt.

Der in fünf Amtsgerichtsbezirke gegliederte Kreis Hildburghausen hat insgesamt vier Leitpostämter: Hildburghausen, Eisfeld, Heldburg und Themar. Römhild ist bis zur Verwaltungsreform Zweigpostamt des Amts Hildburghausen. Einige Orte des Amtsgerichtsbezirks Römhild werden postalisch vom Postamt Meiningen versorgt. 

             

Schreiben des Landrats Keding vom 17. Juli 1945. Bei den im Punkt II genannten „Ausländern“ handelt es
sich meist um in der Region verbliebene Fremd- und Zwangsarbeiter bzw. fremdländische Flüchtlinge. 


17. Juli bis 2. August 1945
Potsdamer Konferenz. Sie legt fest, dass die wirtschaftliche Einheit Deutschlands zu wahren sei. Deshalb werden gemeinsame Zentralverwaltungen eingerichtet, die dazu beitragen sollen, dass die Besatzungszonen zonen- bzw. sektorenübergreifend regiert werden können. Die Interessen der Besatzungsmächte divergieren aber beträchtlich. Die Einheit Deutschlands wird schon in dieser frühen Phase der Entwicklung zur Illusion.
Die SMAD ist energisch bemüht, sozial-ökonomische Bedingungen in der SBZ in Richtung Volksdemokratie zu schaffen. Die KPD wird als Vollstrecker sowjetischer Machtinteressen einseitig unterstützt. Nach Zwangsvereinigung von KPD und SPD ist es bis 1990 die SED.

Die Deutsche Post der DDR emittiert anlässlich des 25. Jahrestages der Unterzeichnung des Potsdamer Abkommens am 26. Juli 1970 den Zusammendruckstreifen. Das Postwertzeichen (25 Pf) zeigt einen Fotoausschnitt mit den Delegationen der Sowjetunion, Großbritanniens und den USA während der Konferenz. Frankreich ist nicht an der Konferenz beteiligt, da es am 22. Juni 1940 bedingungslos kapituliert hat. Frankreich stimmt unter Vorbehalt am 7. August 1945 in sechs Schreiben an die drei Siegermächte dem Schlussprotokoll zu. Damit ist die Gesamtverantwortung der Vier Mächte für Gesamtdeutschland hergestellt worden.

1945
Nach der Wiederaufnahme des Postverkehrs sind Postwertzeichen des Dritten Reichs verboten. Erste Postsendungen werden mit Gebühr bezahlt-Stempeln bearbeitet. Absenderfreistempel mit nationalsozialistischen Symbolen werden aptiert (Symbole werden herausgeschnitten und in Sachsen teilweise geschwärzt). 


19. Juli 1945

Die Volksschule beginnt für das 1. und 2. Schuljahr mit dem Unterricht. Der kommissarische Schulrat Kurt Wiegand eröffnet die Jugenderziehung.
Die Uhren werden an die russische Zeit angeglichen und eine Stunde vorgestellt. Die Nordeuma produziert wieder, vor allem landwirtschaftliche Maschinen.


21. Juli 1945

Unter dem Meininger Intendanten Friedrich Tartler beginnen mit Avery Hopwoods Der Mustergatte in der Inszenierung von Rudolf Hahn Theateraufführungen im Stadttheater, ferner kommt es zu Marionettenaufführungen und Wiener Abenden. Bis 01.06.1946 gibt es 25 Aufführungen, u. a. Schillers Kabale und Liebe, Goethes Faust (I) und Iphigenie auf Tauris, Weisenborns Die guten Feinde.
In einem am 22.11.1946 in der Thüringer Volkszeitung veröffentlichten Brief Tartlers heißt es:
Für Hildburghausen ist aus Meiningen das Beste gerade gut genug, das bewiesen wir mit dem „Hamlet“-Gastspiel, das werden wir mit dem „Faust“ beweisen. Wir möchten zwischen Hildburghausen und Meiningen wieder eine lebendige kulturelle Beziehung schaffen, die uns Kraft gibt, alle Strapazen und materiellen Schwierigkeiten, die ein Gastspiel mit einem so personenreichen Apparat mit sich bringt, zu überwinden, und die in Hildburghausen eine Theatergemeinde schafft, die nicht erwächst aus billigem Vergnügen, sondern die durch Aufnahmebereitschaft ihr Teil zum Wiederaufbau neuer Kultur beiträgt.
Am 31.10.1946 wird der berühmte Fritz Diez Schauspieldirektor und am 30.05.1947 Intendant der Meininger. In dieser Zeit gehört auch Marion van de Kamp zur Meininger Truppe, sie tritt wiederholt in Hildburghausen auf.
Prof. Dr. Gerhard Steiner interviewt am 03.12.1986 in Berlin-Bohnsdorf die berühmte Schauspielerin u. a. zu ihren Auftritten in Hildburghausen: Hildburghausen muß einer unserer besten Abstecherorte gewesen sein. Ich meine, wegen des Theaters und der Bedingungen, die wir dort zum Spielen hatten. ... Wir hatten ein schlechtes, in Ermanglung von Benzin mit Holzvergasern fahrendes Busmaterial, und es war ein enorm kalter Winter von 1946 auf '47, so daß das Theater nach der Premiere des 'Spiels von Tod und Liebe' schloß, weil es keine Kohlen mehr gab. Auf den Abstechern hatte man immer einen Kulissenwagen und einen Bus. Ich erinnere mich, daß dieser Bus öfter ausfiel und wir die Abstecher auf den Bänken des Kulissenwagens machten. Sie berichtet weiter, dass sie sich kaum satt essen konnte und dass die Garderobenfrauen im Winter nicht gebraucht wurden, weil die Leute dickvermummt im ungeheizten Theater saßen. 


23. Juli 1945

Erlassen eines Gesetzes zur Reinigung der öffentlichen Verwaltung von Nazi-Aktivisten.


24. Juli 1945

Innerhalb der Sowjetischen Besatzungszone wird Post befördert.


25. Juli 1945

Befehl Nr. 11 der SMAD: Einige Reichspapiergeldausgaben werden außer Kurs gesetzt. Mit dem Befehl Nr. 92 wird die Mark der Alliierten Militärbehörde eingeführt.


27. Juli 1945

Ein SMAD-Befehl zur Bildung von 11 Deutschen Zentralverwaltungen (SMAD-Hilfsorgane) wird erlassen. Zu den Zentralverwaltungen zählen die für Verkehr, Nachrichtenwesen, Brennstoffindustrie, Handel und Versorgung, Industrie, Land- und Forstwirtschaft, Arbeit und Sozialfürsorge, Finanzen, Gesundheitswesen, Volksbildung, Justiz. Dazu kommen die Verwaltung für Umsiedlerfragen und Inneres, das Statistische Zentralamt, die zentrale Sequesterkommission. Die Zentralverwaltungen können in die Landesverwaltungen eingreifen, da sie Sowjetischen Militäradministration unterstehen. 1947/48 kommt es zur Kompetenzerweiterung, die Ausgangspunkt für die Bildung der Deutschen Wirtschaftskommission (DWK) ist. Damit werden die wenigen noch vorhandenen föderalen Strukturen in den Ländern der Sowjetischen Besatzungszone zerstört. Die Zentralisierung der Staatsorganisation nach sowjetischem Vorbild wird vorangetrieben.


Ende Juli 1945

Die Sparkasse und die Banken werden für den Publikumsverkehr geschlossen und militärisch bewacht. Alle im Privatbesitz befindlichen Silbermünzen sind abzugeben.



Mit Übernahme der Verwaltung der Post durch die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) wird der Nachrichtenverkehr allmählich und unter großen Problemen wieder aufgebaut, zumal der Nero-Befehl Hitlers vom 19. März 1945 die Vernichtung der Verkehrs- und Nachrichtenanlagen eingeschlossen hat. So werden nach eingeschränkter Wiederzulassung des Briefverkehrs auf den Postsendungen Barfreimachungsstempel und -vermerke angebracht, da keine Postwertzeichen vorhanden sind.

31. Juli 1945
Der evangelische Reichsbischof Ludwig Müller (* 1883) begeht in Berlin wegen der Verstrickung in das nationalsozialistische System vermutlich Suizid. Seit 1934 ist das NSDAP-Mitglied eine der führenden Figuren in der Bewegung der Deutschen Christen. Er hat die Synthese von Christentum und Nationalsozialismus propagiert, zu dem sich auch ein großer Teil der Geistlichkeit in Südthüringen bekannt hat. – Die Spaltung der evangelischen Kirche in der nationalsozialistischen Zeit ist mitten durch Hildburghausen gegangen. Pfarrer Hermann Thürmer von der Christuskirche ist ein Anhänger der Deutschen Christen, während Ernst Köhler von der Apostelkirche Anhänger der oppositionellen Bekennenden Kirche gewesen ist, die gegen die Gleichschaltung von Lehre und Organisation der DEK (Deutsche Evangelische Kirche) ist. Sie hat sich als einzige rechtmäßige evangelische Kirche in Deutschland verstanden.

Sommerhalbjahr 1945
Das Wasserwerk ist im Herbst an die Gas- und Elektrizitätsversorgung angeschlossen worden. Es sind etwa 100.000 Kubikmeter bei einem Wasserpreis von 0,50 RM verbraucht worden. Die bisherigen Kanalgebühren von 0,20 RM müssen 1946 auf 0,45 RM steigen, um der Stadt neue Finanzmittel erschließen zu können.

August 1945

Versuch der Wiederaufnahme des Lehrbetriebs am Technikum. Baudirektor Dipl.-Ing. Ernst Euterneck ist bemüht, in den Räumlichkeiten der Heilanstalt in der Eisfelder Straße eine neue Lehreinrichtung (Technikum) aufzubauen, die aber von der sowjetischen Besatzungsmacht bald beschlagnahmt werden. Engagiert sind beim Aufbau frühere Dozenten tätig: Baurat Dipl.-Ing. Schwieger, Baurat Dipl.-Ing. Jahn, Oberstudienrat Dipl.-Ing. Johannes Rühlmann, Baurat Dipl.-Ing. Bartels, Prof. Opitz, Dr. Exner.
Das Landesamt für Volksbildung des Landes Thüringen genehmigt in Person des Regierungsrats Ing. Max Greil, der am Technikum studiert hat, die Einrichtung im ehemaligen Alten Technikum (Obere Marktstraße 44) zu betreiben.
Laut einer Anzeige in der Thüringer Volkszeitung vom 01.10.1945 heißt es:
Aus zeitbedingten Umständen Unterrichtsbeginn auf Dienstag, den 16. Oktober 1945 verschoben.


August 1945

In Eisfeld werden einige Jugendliche unter Werwolf-Verdacht verhaftet und in das auf dem Territorium des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Buchenwald eingerichtete sowjetische Speziallager Nr. 2 des NKWD eingeliefert. Sie werden dann in die Sowjetunion verbracht und müssen in Bergwerken des Ural-Gebietes Zwangsarbeit verrichten.

6. August 1945

Das US Military Government weist die Regierung von Mainfranken in Würzburg an, dass die ehemalige thüringische Exklave Ostheim vor der Rhön (einst zum Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach gehörend) als Teil des Landkreises Mellrichstadt zu betrachten sei, also zu Bayern gehöre. Damit hatte eine mehr als ein Jahrhundert lange Entwicklung ein Ende gefunden.


8. August 1945

Die Alliierten unterzeichnen in London ein Abkommen zur Strafverfolgung der Hauptkriegsverbrecher und die Einsetzung eines Internationalen Militärgerichtshofes in Nürnberg.

9. August 1945

Auf dem Sportplatz am Hildburghäuser Freibad finden Kundgebungen und eine Truppenparade der Roten Armee statt. Ein hoher Offizier überreicht eine neue Truppenfahne mit dem Bildnis Stalins.

Anmerkung: In einigen heimatgeschichtlichen Schriften wird dargestellt, dass das Ereignis zu Ehren des Geburtstages von Generalissimus Stalin stattgefunden habe. Dem ist nicht so, Stalin hat am 21. Dezember Geburtstag.

Ab 11. August 1945

In Hildburghausen kommt es durch die GPU (sowjetische Geheimpolizei) zu einer Vielzahl an Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Darüber darf nicht gesprochen werden. Die Bevölkerung ist wie stigmatisiert.


12. August 1945 bis 1950

Nachdem in den Thüringer Kreisstädten NKWD-Stellen (Narodny Kommissariat Wnutrennich Del [Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten – sowjetische staatsterroristische Geheimpolizei 1934 – 1946]) eingerichtet worden sind, die seit Bestehen der SBZ Razzien und Verhaftungen durchführen, wird der sowjetische Hauptmann Matuskow beauftragt, in Thüringen ein Speziallager zu errichten. Es entsteht das sowjetische Speziallager Nr. 2 Buchenwald des NKWD auf dem Gelände des ehemaligen nationalsozialistischen Konzentrationslagers auf dem Ettersberg bei Weimar. Diese Lager sind unter dem Deckmantel der Entnazifizierung und Entmilitarisierung geführt worden. Tatsächlich handelt es sich bei den Insassen um belastete Nazis, andererseits werden vermeintliche „Klassenfeinde“ der SBZ/DDR ebenfalls unter menschenunwürdigen Bedingungen eingekerkert. Am 21.08. werden die ersten 46 Häftlinge eingeliefert. Zirka ein Viertel der Internierten kommt ums Leben oder wird gezielt ermordet.

Insgesamt sind in den sowjetischen KZ 183.000 Menschen interniert worden, davon sterben 73.100. Es handelt sich nicht um Arbeitslager, sondern die Gefangenen sind in absoluter Isolation gehalten worden.

Anmerkung: In der DDR-Geschichtsschreibung sind diese Straflager nicht erwähnt worden, darüber zu sprechen hat bis zum Zusammenbruch der DDR einen Straftatsbestand erfüllt.

13. August 1945

Der Kassenbestand und Darlehenssicherheiten sowie Guthaben- und Depotkonten aus dem Tresor der Hauptstelle der Sparkasse Hildburghausen werden abtransportiert und zur heutigen vr-Bank in der Oberen Marktstraße gebracht. Der Kassenschrank und das Zimmer werden versiegelt.

13. August 1945

In Römhild kommt es zu einer Vielzahl an Verhaftungen. Vor allem ehemalige Nationalsozialisten und Wachpersonal des Arbeitserziehungslager der Gestapo Weimar auf dem Großen Gleichberg sind betroffen.

17. August 1945

Einige Truppenteile der Sowjets werden im Kreis Hildburghausen ausgetauscht.


21. August 1945

Am 21.08.1945 gibt der sowjetische Kommandant den Befehl, dass die Schalter der Banken wieder zu öffnen seien. Gleichzeitig werden die in der Volksbank gelagerten Unterlagen der Kreissparkasse wieder freigegeben. 

21. August 1945

Aufruf des Verbandes der Lehrer und Erzieher des FDGB in der SBZ: „Lehrer und Erzieher: Unsere große Stunde ist gekommen! Auf uns ruht die Verantwortung für die Neu- und Umerziehung der deutschen Jugend, die von der Welt erwartet und nach allem, was geschehen ist, mit Recht gefordert wird. Lösen wir diese Aufgabe, so wird unser deutsches Volk gerettet und mit ihm seine Jugend und Kultur. Lösen wir sie nicht, so gehen wir dem sicheren Untergang entgegen …“ 

Bereits im Exil, so in der Sowjetunion, sind vor allem strategisch durchdachte kommunistisch beeinflusste Konzepte erarbeitet worden, unter dem Schutzschild der Roten Armee in der Sowjetischen Besatzungszone eine neue sozialistische Ordnung aufzubauen, denn das traditionelle Bildungs- und Erziehungswesen hat in Trümmern gelegen.

Ab 21.08.1945

Erste Gefangene werden von den Sowjets in das Speziallager Nr. 2 auf dem Gelände des ehemaligen nationalsozialistischen Konzentrationslagers Buchenwald eingeliefert. – In dem Speziallager Nr. 2 Buchenwald für politische Gefangene des sowjetischen Geheimdienstes bzw. der politischen Polizei werden bis Februar 1950 ca. 30.000 Menschen interniert, davon 1.000 Frauen, darunter sind auch einige in Buchenwald oder in anderen Lagern geborene Kinder. Mehr als 7.000 Personen finden den Tod.

Anmerkung: Am 14.01.1950 teilt Armeegeneral W. I. Tschuikow, Vorsitzender der Sowjetischen Kontrollkommission in Deutschland, Walter Ulbricht mit, dass mit Bautzen, Sachsenhausen und Buchenwald die letzten sowjetischen Speziallager auf dem deutschen Teilstaat DDR aufgelöst werden. Auf den Entlassungsscheinen tritt die Sowjetmacht nicht in Erscheinung. Ein Teil der Häftlinge wird in die Sowjetunion deportiert, andere werden in DDR-Zuchthäuser überstellt. Am 09. und 13.02.1950 werden 2.154 Häftlinge nach Waldheim verbracht, wo sie in den berüchtigten Waldheimer Scheinprozessen ohne Rechtsgrundlage zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt werden, 32 Personen werden zum Tode verurteilt.

Im Zeitraum bis 1953 werden von der DDR-Staatssicherheit Tausende Menschen verhaftet und unter Geheimhaltung in die Sowjetunion deportiert, wo sie in Geheimprozessen verurteilt wurden, davon 101 Männer und Frauen aus dem Land Thüringen (auch aus dem Kreis Hildburghausen), die in der UdSSR umgekommen oder im Butyrka-Gefängnis hingerichtet und im Krematorium des Moskauer Friedhofs Donskoje verbrannt und anonym verscharrt wurden. Es handelt sich vorwiegend um Menschen, die mit der Besatzungsmacht in Konflikt geraten sind, vor allem politisch aktive Menschen aus CDU, SPD und LDP oder zu enteignende Mittelständler bzw. als Spione und als Feinde der Sowjetunion oder des Ostblocks denunzierte Bürger.

Ende August 1945
Die Ernährungsnotlage ist gewaltig, die Menschen leiden teils entsetzlich. Leute, die noch Geldreserven haben, können sich wenigstens mit Freibank- und Pferdefleisch versorgen.

Bei der Brennstoffversorgung gibt es ebenfalls gravierende Probleme. In Hildburghausen ermitteln Ordner für die bevorstehende kältere Jahreszeit, wo Fenster defekt sind. Kaputte Fenster in Wohnungen, Schlafzimmern und Küchen sollen repariert werden. Da es keine Glasvorräte mehr gibt, wird Glas aus Doppelfenstern, aus Glastüren oder aus Bilderrahmen dafür verwendet. Brennstoffvorräte werden erfasst. Die Menschen müssen sich ausreichend mit Holz versorgen. Dafür bieten die 875 Hektar eine wichtige Grundlage, die Qualität des Holzes hält sich wegen der schlechten Bodenqualität und Bewirtschaftungsfehler allerdings in Grenzen. Im Normalfall werden in dieser Zeit 4 bis 6 Festmeter je Hektar geschlagen, in Hildburghausen sind es 2. In einem Normaljahr sind 2.200 Festmeter geschlagen worden. Da es wegen des Krieges zum chronischen Kohlemangel gekommen ist, sind beispielsweise in sieben Monaten 5.000 Raummeter geschlagen worden. In Friedenjahren sind zu Brennholz etwa 400 m verwendet worden. Der Brennstoffbedarf wurde wesentlich durch Kohle und das Stadtgas gedeckt. Überdies müssen zur Befriedigung des Energiebedarfs weitere 4.000 Festmeter von anderen Gemeinde- und Staatsforstbetrieben angekauft werden. Damit kommt es zu enormen Vermögenseingriffen im Forstbereich, erhebliche Transportprobleme verschärfen die Brennstoffsituation vor allem für die Wirtschaft und die Privathaushalte. In den Wäldern sind kaum noch Bruchholz, Zweige oder Zapfen zu finden.

30. August 1945

Auf Befehl des Kontrollrats und Befehl des Hauptchefs der SMAD Nr. 12 vom 25.07.1945 ist allen ehemaligen Militärpersonen der Deutschen Wehrmacht sowie Privatpersonen verboten, ehemalige Militäruniformen zu tragen.

30. August 1945
Beginn der Tätigkeit des Alliierten Kontrollrats.



Proklamation Nr. 1 des Alliierten

Kontrollrates

Aufstellung des Kontrollrats

vom 30. August 1945

 

An das Deutsche Volk!

 

Die Oberbefehlshaber der stehenden Streitkräfte in Deutschland der Vereinigten Staaten von Amerika, der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland und der Provisorischen Regierung der Französischen Republik verkünden hiermit gemeinsam als Mitglieder des Kontrollrats folgendes:

I. Laut Bekanntmachung vom 5. Juli 1945 ist die oberste Regierungsgewalt in bezug auf Deutschland von den Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika, der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, des Vereinigten Königreiches und der Provisorischen Regierung der Französischen Republik übernommen worden.

II. Kraft der obersten Regierungsgewalt und der Machtbefugnisse, die damit von den vier Regierungen übernommen wurden, ist der Kontrollrat eingesetzt und die oberste Machtgewalt in Angelegenheiten, die Deutschland als Ganzes angehen, dem Kontrollrat übertragen worden.

III. Alle Militärgesetze, Proklamationen, Befehle, Verordnungen, Bekanntgaben, Vorschriften und Direktiven, die von den betreffenden Oberbefehlshabern oder in ihrem Namen für die Besatzungszonen herausgegeben worden sind, verbleiben auch weiterhin in diesen ihren Besatzungszonen in Kraft.

Ausgefertigt in Berlin, den 30.August 1945.

1.     Die Proklamation wurde im Prozess der Wiedervereinigung Deutschlands faktisch aufgehoben durch Artikel 7 des Vertrages über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland vom 12. Dezember 1990 (BGBI. II. S. 1318)  

2.      Die in den drei offiziellen Sprachen abgefassten Originaltexte dieses Gesetzes sind von B. L. Montgomery, Feldmarschall, L. Koeltz, Armeekorps-General, V. D. Sokolovsky, General der Armee und Dwight D. Eisenhower, General der Armee, unterzeichnet. 

1. September 1945
In Hildburghausen wird die erste Wirkungsgruppe des Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung Deutschlands in Südthüringen mit 20 Mitgliedern gegründet, darunter befinden sich Werner Knackmuß, Walter Höhne, Willi Raßmann, Wilfriede André, Prof. Dr. Ernst Kaiser, Albert Buff, Armin Götz.

1. September 1945
Übergabe der Eisenbahnen an die Deutsche Eisenbahnverwaltung (wie alle anderen Eisenbahnen in der SBZ). 
Der Bahnpostbetrieb auf der Strecke Hildburghausen – Heldburg – Lindenau/Friedrichshall wird eingestellt. 

Anmerkung: Die Schmalspurbahn Hildburghausen – Lindenau/Friedrichshall wird von März bis Mai 1946 auf Befehl der SMAD schrittweise ab Streufdorf bis Hildburghausen zurückgebaut. Die letzte Fahrt ist am 14.05.1946. Die Bahn wird nach Zeugenaussagen als Reparationsleistung für die Sowjetunion über Brest-Litowsk nach Litauen, das von der Sowjetunion annektiert wurde, transportiert und vermutlich nicht wieder aufgebaut.

1. September 1945

Bildung der Landesverwaltung Thüringen als De-facto-Landesregierung.
Alle Personen über 12 Jahre erhalten vom Arbeitsamt entsprechende Karten.

2. September 1945

Die Thüringer Volkszeitung verbreitet die amtliche Mitteilung: Die grundsätzliche Genehmigung zur Eröffnung der Schulen ist zum 01.10. erteilt.

2. September 1945
Mit der Kapitulation Japans ist der Zweite Weltkrieg beendet.

September 1945
In Hildburghausen wird der Wohnraum durch Befragungen und Besichtigungen ermittelt, hierfür sind 16 ehrenamtliche Helfer unterwegs. 692 Zimmer werden beschlagnahmt und an Wohnungssuchende weiter vermittelt, das heißt, dass Vertriebene, heimatlose Rückkehrer, Ausgebombte. Schüler der höheren Schulen und der Landwirtschaftsschule, Studierende der Ingenieurschule usw. in Familien einquartiert werden. Von diesen Zimmern sind etwa 10 Prozent unmöbliert, müssen also von der Stadt ausgestattet werden. Zum Zeitpunkt sind 150 Bewerber für Familienwohnungen vorgemerkt. Für Vertriebene, vorwiegend aus dem Bereich der deutschen Ostgebiete, werden etwa 500 Wohnräume zur Verfügung gestellt. Rechnerisch bedeutet es, dass auf einen Wohnraum vier Personen kommen. Die Verwaltung dringt energisch darauf, dass Westevakuierte des Bombenkrieges in ihre eigentliche Heimat zurückkehren.

Das Wirtschaftsamt der Stadt Hildburghausen steht vor unlösbaren Problemen. Es gibt 2.200 Haushaltungen, ferner kommen etwa 2.000 Ausgebombte des Fliegerangriffs, Vertriebene, Flüchtlinge und Evakuierte hinzu. Der Bedarf an Spinnstoffen kann überhaupt nicht gedeckt werden. Monatlich werden etwa 160 Anträge gestellt, 800 Anträge liegen unerledigt vor. Für Schuhe sind es 600. Vom Januar bis September 1945 können für mehr als 10.000 Bewohner nur 214 Paar Lederschuhe und 920 Paar leichte bereitgestellt werden. Den Schuhmachern liegen 2.700 Paar zur Reparatur vor, wöchentlich können nur 700 Paar repariert werden. Wegen der hohen Kriegsverluste kann in vielen Handwerksberufen nur reduziert gearbeitet werden, zudem fehlt es in vielen Werkstätten an Werkzeugen, Arbeitsmaterial und Zutaten. Wegen fehlenden Heizmaterials kann in den kalten Monaten teilweise nur eingeschränkt gearbeitet werden, auch die Stromsperren haben gravierenden Einfluss auf die handwerkliche Tätigkeit.

September 1945
Das Schwimmbad Hildburghausen ist trotz einiger Schließungszeiten von 11.000 Kindern und 1.000 Erwachsenen besucht worden. 1944 sind es noch insgesamt 40.000 Besucher gewesen.

8. September 1945

Gründung der Deutschen Post. Wiederaufnahme des Fernsprechverkehrs und des Telegrammdienstes in der SBZ.


10. September 1945

Gesetz über die Bodenreform im Land Thüringen. Die Landesverwaltung scheitert an der Sowjetischen Militäradministration in Thüringen (SMATh), rechtsstaatliche Kriterien einzubringen. Grundbesitz über 100 ha und Besitz von Naziaktivisten und Kriegsverbrechern soll entschädigungslos enteignet werden. Von Enteignungen sind u. a. 12 Güter im Kreis betroffen: Erlebach, Billmuthausen, Einöd, Leitenhausen, Haubinda, Massenhausen, Friedenthal, Steudach, Heßberg, ferner die Staatsdomänen Neuhof b. Heldburg, Gompertshausen, Kloster Veßra, Eicha, Stressenhausen, Trostadt und weiterer Besitz. Das Land kommt in den Bodenfonds.

Im Altkreis werden insgesamt 2.680 ha landwirtschaftliche Nutzfläche und ca. 1.020 ha Forstländereien verteilt. Landlose Bauern erhalten insgesamt 985 ha, landarme Bauern 1.022 ha und Vertriebene 673 ha. Es bestehen insgesamt 4.386 einzelbäuerliche Betriebe mit 12.000 Beschäftigten.
Das Neubauernland darf vererbt, aber nicht veräußert werden. Laut Thüringer Volk vom 04.01.1946 erhalten 219 Neusiedler in Feierstunden in Hildburghausen, Heldburg und Themar ihre Urkunden ausgehändigt (ca. 5 – 10 ha).
In Thüringen werden 1.575 landwirtschaftliche Betriebe mit 208.090 ha enteignet, das sind 14 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche.
Die Neubauernstellen haben nur eine geringe wirtschaftliche Kraft, andererseits steht der Besitz an Grund und Boden im Widerspruch zur Ideologie der KPD. Bereits Anfang der fünfziger Jahre kommt es zu Kollektivierungsversuchen nach sowjetischem Vorbild. – Die Güter Buchenhof und Henfstädt werden in sogenanntes Volkseigentum überführt, das Gut Bockstadt erhält Aufgaben in der Pferdezucht.

Im benachbarten Heßberg kommen 402 Hektar zur Aufteilung, davon 227 landwirtschaftliche Nutzfläche, 10 Pferde, 37 Kühe, 26 Stück Jungvieh, 20 Kälber, 15 Sauen, 19 Ferkel sowie Schafe.

In einer SED-Lehrschrift des Jahres 1965 heißt es zur Bodenreform: „In den Ländern der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands beginnt die demokratische Bodenreform. Es ist die bis dahin größte siegreiche revolutionäre Aktion der Massen in der deutschen Geschichte. Durch sie werden im östlichen Teil Deutschlands die Junker und Großgrundbesitzer, die zu den sozialökonomischen Hauptträgern des aggressiven deutschen Militarismus, seiner reaktionären Militärpolitik und menschenfeindlichen Ideologie gehörten, entmachtet. Damit wird eine der Grundlagen für die militärischen Macht des deutschen Imperialismus zerschlagen.“

16. September 1945 bis 18. Mai 1948

Unter den 492 deutschen Wissenschaftlern und Raketenbauern, die im Zeitraum mit Wernher v. Braun nach Amerika kommen, sind mindestens drei ehemalige Studenten des Technikums Hildburghausen: Kurt Bayer, Fritz Müller, Heinrich Rothe.


Bis 20. September 1945

In der sowjetischen Kommandantur werden alle Soldaten und Offiziere, alle SA-, SS-, Gestapo- sowie NSDAP-Mitglieder registriert.


20. September 1945

Proklamation Nr. 2 des Alliierten Kontrollrats. Alle deutschen militärischen, paramilitärischen und Organisationen werden aufgelöst.

Im Befehl Nr. 4 wird die Einziehung von Literatur und Werken nationalsozialistischen und militärischen Charakters angeordnet.

22. September 1945

Die Uhren werden auf die deutsche Sommerzeit eingestellt, also eine Stunde zurückgestellt.


26. September 1945

Das Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen wird eröffnet. Insgesamt werden bis zum Fall der DDR-Grenzsperranlagen im November 1989 hier ca. 4.000.000 Vertriebene, Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge und Spätaussiedler erfasst und betreut.


September 1945

Etwa 5.000.000 Sowjetbürger werden teilweise zwangsweise heimgeführt (repatriiert), sogenannte Displaced Person (DP), also Personen, die nicht an diesem Ort beheimatet sind. Etwa 150.000 sowjetische Bürger werden wegen der Kollaboration Zusammenarbeit mit den Deutschen hingerichtet, etwa 250.000 werden in Gulags nach Sibirien verbracht. Das hat vorwiegend unter deutschen Waffen stehende Sowjetbürger, Freiwilligenverbände, Flüchtlinge des Sowjetsystems, aber auch KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene betroffen.

 

Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht, meist nur eine geringe Habe mitführend. Nicht alle erreichen ihr Ziel. Hunderttausende werden Opfer des Terrors oder sterben auf langen Fußmärschen. Die Suche einer neuen Heimat und die Integration sind über Jahre währende Probleme. Die Vertriebenen sind vor allem wegen der großen Not in den Besatzungszonen sehr häufig und lange unwillkommen. Es kommt zu Zuzugssperren und körperlicher Gewalt, aber auch zu großer Solidarität.

 

Herbst 1945
1. Kunstausstellung der in einem Arbeitskreis des Kulturbundes tätigen bildenden Künstler des Kreises in Hildburghausen.


Herbst 1945

Produktionsaufnahme im Porzellanwerk Veilsdorf. Die Fertigprodukte werden vorwiegend als Reparationsleistungen an die Sowjetunion geliefert.

1. Oktober 1945 bis 30.03.1946

Das Land Thüringen emittiert eigene Postwertzeichen, gestaltet von dem aus Neuhaus am Rennweg stammenden Maler und Grafiker Engelbert Schoner (1906 – 1977), die bis 31.10.1946 gültig sind. Die Briefmarken werden zumeist zu spekulativen Zwecken gehortet, so ist die Barfrankierung mit Gebühr bezahlt-Stempeln über die Währungsreform hinaus (Juni 1948) auch in Hildburghausen üblich.


1. Oktober 1945
Die SMAD genehmigt die Bewaffnung der Polizei.
Nach dem Wegfall der Sperrstunden sind zum Zeitpunkt 15 Polizisten in Hildburghausen im Einsatz. Die Polizei ist Bestandteil der Kreispolizei. Zu ihr gehört auch die Feuerwehr, die von Hauptbrandmeister Karl Müller neu organisiert worden ist. Ihr gehören 70 Mitglieder an.

3. Oktober 1945

Der Land- und Oberstabsarzt sowie Paläontologe Dr. med. et Dr. rer. nat. h.c. Hugo Rühle von Lilienstern (* 1882) wird nach Denunziation von sowjetischen Besatzern auf dem Hahnritz zwischen Leimrieth und Bedheim verhaftet und in ein Kriegsgefangenenlager bei Moskau verschleppt. Am 08.07.1946 verstirbt er nach einer schweren Durchfallerkrankung und nach Herzversagen im Stadtlazarett Tscherapowetz nordöstlich von Moskau. Die Gründe seiner Verhaftung sind bis heute unbekannt.

4. Oktober 1945

Aufnahme des Schulbetriebs an den Schulen des Kreises: 10.565 Schüler in 92 Grundschulen, davon 61 Einklassenschulen. In Hildburghausen gibt es eine 8-klassige Grundschule mit 900 Schülern und 16 Lehrern; eine 4-klassige Schule in Häselrieth, eine 2-klassige Schule in Wallrabs. Weitere Grundschulen im Umfeld Hildburghausens gibt es in Birkenfeld, Bürden, Ebenhards, Leimrieth, Pfersdorf, Weitersroda.
Der Unterricht an der Ober- und der Aufbauschule in Hildburghausen beginnt am 08.10.
Im Schuljahr 1946/47 hat es jeweils eine 12. Klasse der beiden Bildungseinrichtungen gegeben. Russisch wird in der Ober- und Aufbauschule Pflichtfach.
Schulrat wird Gymnasiallehrer Kurt Wiegand von der Oberschule Hildburghausen (Das Gymnasium Georgianum ist nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Staatliche Oberschule umbenannt worden). Sowjetischer Bildungsoffizier der SMAD in Hildburghausen ist Major Iwanjakow, ehemaliger Leiter einer Mittelschule in Saratow.

In Themar beginnt der Unterricht wegen der zerstörten Schule am 05.10. Die Schüler werden vorerst am Kirchplatz, in sechs Räumen in der Gaststätte „Werrastrand“ und in der „Schuchschule“ (ehemalige jüdische Schule in der heutigen Thälmannstraße) unterrichtet.

Zeitzeugenberichte:


Ab 6. Oktober 1945

Für die Bevölkerung des Amtsgerichtsbezirks Heldburg im Kreis Hildburghausen geschieht das Unfassbare: Die russische Besatzungsmacht zieht sich bei Streufdorf auf eine Ost-West-Linie zurück. Am 10.10. werden Einrichtungen, Offiziere und Mannschaften bei Sperrung der Straßen nach Streufdorf und Linden in russischen Lkw nach Hildburghausen gebracht. Das Heldburger Unterland bleibt Bestandteil der SBZ, wird aber von den Sowjets nur noch selten kontrolliert. Es werden Passierscheine benötigt, um nach Hildburghausen gelangen zu können. Für ca. zwei Jahre besteht eine Art Selbstverwaltung.
Viele Bürger des Unterlands feiern den Abzug der Russen. Bürgermeister von 19 Gemeinden fordern nun die von der Roten Armee beschlagnahmten Unterkünfte, Gehöfte und Truppenplätze zurück. Es kommt zu einem regen Grenzverkehr vor allem in Richtung Rodach und Coburg. Der Wunsch einer Angliederung an Bayern wird immer deutlicher.
Der Heldburger Zahnarzt und Bürgermeister Helmuth Steltzner nimmt Kontakt in München mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Wilhelm Hoegner auf, der von Fritz Schäffer, dem nachmaligen Bundesfinanzminister, vertreten wird. Es wird später festgelegt, dass bei einer Einigung der Alliierten der Amtsgerichtsbezirk Heldburg dem Kreis Coburg zugeteilt wird. Dazu kommt es aber nicht.

Ende Oktober 1945 legt Dr. Helmuth Steltzner seine Tätigkeit als ehrenamtlicher Bürgermeister Heldburgs nieder. Im Weiteren bemüht er sich um die Angliederung des Amtsgerichtsbezirks Heldburg an Bayern und den Aufbau der FDP im Coburger Land. In seinem Amt als Bürgermeister folgt ihm der Altkommunist Ernst Schmidt, der Teilnehmer des Marineaufstandes von 1918 gewesen ist.

1945

An der Oberschule Hildburghausen wird ein halbjähriger Kurs mit 38 Teilnehmern zum Ablegen des Abiturs unter dem vormals am Gymnasium Schleusingen tätigen Lehrer Dr. Georg Staude, Themar, eingerichtet. Es handelt sich um Kriegsteilnehmer im Alter von 18 bis 24 Jahren.


Ende 1945 – 1950

Das Eisfelder Zweigwerk des Rüstungsgüter produzierenden Betriebes der Bruhn-Werke Berlin wird demontiert, die Maschinen werden als Reparationsleistung an die Sowjetunion bereitgestellt. Die leeren Räumlichkeiten werden für die Lagerhaltung einiger Eisfelder Handwerksbetriebe genutzt.

18. Oktober 1945

Gesetz zum Wiederaufbau von Städten und Dörfern im Land Thüringen.

Wegen der Kriegsereignisse 1945 ist das Stadtbild wie in keinem anderen Jahr zuvor verändert worden. Mit dem Luftangriff am 23. Februar sind 26 Gebäude mit etwa 180 Wohnräumen total vernichtet worden, weitere Häuser sind schwer getroffen, im Ostviertel der Stadt sind 100 Bombentrichter erfasst worden. Der Artilleriebeschuss vor der Einnahme der Stadt durch US-Truppen hat schwere Verwüstungen hinterlassen, so die Vernichtung der Schlosskaserne. 500 Wohnräume sind schwer getroffen oder vernichtet worden. Im Mai von einer Kommission 400 Schadenstellen gezählt. Die Beseitigung der ungeheuren Raumnot, vor allem durch die Kriegseinwirkungen verursacht, bedarf planerischer Arbeit und der Bereitstellung nichtvorhandener Geld- und Materialmengen. Bei dem Fliegerangriff ist auch der Städtische Bauhof an der Schäferei nahezu total zerstört worden. Damit hat die Stadt beim Wiederaufbau nahezu vor dem Nichts gestanden. Dazu kommen die reparaturbedürftigen Wasserläufe, die defekten Bürgersteige und die nahezu komplett fehlende Straßenbeleuchtung. Am Jahresende brennen wieder 18 von 160 Laternen

In der Stadt ist für den Wiederaufbau unter Leitung des 1. Bürgermeister Dr. Hermann Zschaeck ein Wiederaufbauausschuss eingesetzt worden. Ihm gehören an: Ing. Huß (SPD), Otto Lenz (LDP), Willi Boxberger (KPD) und Max Lang (CDU).

Gemeinsamer Aufruf von KPD und SPD zur demokratischen Schulreform.

18. Oktober 1945
„Unsere Feuerwehr ist im jetzigen Zustand nicht einsatzfähig. Der Mangel muß auf Anordnung durch Herrn Landrat und auf ausdrücklichen Befehl des russischen Kriegskommandanten sofort behoben werden.“ – Unter Hinweis auf die Thüringer Landesverwaltungsordnung und entsprechender Feuerwehrgesetze wurden die Empfänger der Polizeiverordnung unter Androhung strengster Bestrafung bei Fernbleiben von angesetzten Übungen und Alarm zum Dienst in der Feuerwehr verpflichtet. Es wurde gleichzeitig die Verpflichtung zur Teilnahme an einem 3-tägigen Lehrgang ausgesprochen, der bereits am folgenden Tag, am 19. Oktober 1945, begann und bis Sonntag dauerte. Die Beteiligung war enorm! Wer wollte sich schon 1945 einer „strengsten Bestrafung“ durch die sowjetische Militäradministration aussetzen?“ – Zu Beginn des 3-tägigen Lehrganges, der auf dem Gelände der jetzigen Tennisanlage in der Seminarstraße stattfand, setzte der sowjetische Kommandant den Stadtarbeiter Willy Heumann als „Kommandant“ der Hildburghäuser Feuerwehr ein und überzeugte sich am Ende des Lehrgangs vom erreichten Ausbildungsstand. Allen Lehrgangsteilnehmern wurden weiße Armbinden mit dem Dienstsiegel der sowjetischen Stadtkommandantur und der Aufschrift „Feuerwehr“ in deutschen und in kyrillischen Schriftzeichen übergeben. – Es bestand wieder eine einsatzfähige Feuerwehr, die ihren Dienst zunächst in Zivilkleidung und später in umgefärbten Wehrmachtsuniformen durchführte. In der Folgezeit waren alle noch im Dienst der Feuerwehr stehenden ehemaligen Mitglieder der NSDAP und ihrer Gliederungen, soweit sie nicht „Rehabilitierte“ waren sowie alle ehemaligen Offiziere und Unteroffiziere der Wehrmacht auf Befehl der sowjetischen Militäradministration aus dem Dienst in der Feuerwehr zu entlassen. Die Feuerwehren bestanden im Wesentlichen nur noch aus jungen, unerfahrenen Kameraden.

Nach Karl Heinz Lenninger: Aus der Geschichte des Brandschutzes und der Feuerwehr in Hildburghausen. – Stadtverwaltung Hildburghausen, 1991, S. 29 und 46

21. Oktober 1945
Gründungsversammlung der KPD-Ortsgruppe Hildburghausen im Schützenhof, die Unterbezirksleitung befindet sich in Hildburghausen.


 

Ausweis der Verwaltung der SMATh (Sowjetische Militäradministration in Thüringen)

(Aus: Danny Kambach, Marco Seeland: Die Besatzung Hildburghausens um 1945. Seminarfacharbeit des Gymnasiums Georgianum Hildburghausen, Staatliches Gymnasium des Freistaates Thüringen. Betreuer: Heiko Rosenbaum; Hans-Jürgen Salier. – 26.10.2004

 

Oktober 1945 bis August 1946
Kurzfristig besteht in Hildburghausen wieder eine Lehrerbildungseinrichtung. In vier Schnelllehrgängen werden 185 Neulehrer ausgebildet und kommen sofort zum Schuleinsatz. Die Ausbildungszeit beträgt 8 bis 10 Monate, Leiter der Bildungseinrichtung ist Herr Casparius.


Herbst 1945

Gründung eines Museumsausschusses in Hildburghausen, die bildenden Künstler der Stadt organisieren Kunstausstellungen.

Herbst 1945
An 12 Wochenenden des Spätsommers und des Herbstes werden im Bombenschadensgebiet im Ostviertel der Stadt Arbeitseinsätze der ehemaligen Mitglieder der NSDAP als bescheidener Beitrag der Wiedergutmachung organisiert. Insgesamt werden 16.000 Arbeitsstunden geleistet.

1. November 1945

Von November 1945 bis März 1946 fährt die Schmalspurbahn Lindenau/Friedrichshall – Hildburghausen nur noch von Streufdorf bis Hildburghausen.


3. November 1945

Der Landespräsident Rudolf Paul ruft die Bevölkerung, die Parteien und die Kirchen auf zur Thüringen-Aktion gegen die Not. Hieraus entwickelt sich später die Volkssolidarität. In den Orten des Kreises werden Ortsausschüsse gegründet (Vorsitzender: W. Schlüter). Nahezu täglich werden in der Presse die Sammelergebnisse veröffentlicht.

3. November 1945
Der Landespräsident Rudolf Paul ruft die Bevölkerung, die Parteien und die Kirchen auf zur Thüringen-Aktion gegen die Not. Hieraus entwickelt sich später die Volkssolidarität. In den Orten des Kreises Hildburghausen werden Ortsausschüsse gegründet (Vorsitzender: W. Schlüter). Nahezu täglich werden in der Presse die Sammelergebnisse veröffentlicht. In Hildburghausen wird der Ausschuss vom 1. Beigeordneten August Gerau (SPD) geleitet. Ihm gehören an: August Kahl (KPD), August Schneider (CDU), Wilhelm Pohle (SPD) und Karl Schüerholz (LDP).
 

Vom Fürsorgeamt werden monatlich 700 Haushalte unterstützt, das ist etwa ein Drittel der Bevölkerung. Im November bedürfen dieser Hilfe beispielsweise 50 Rentner, 190 sonstige Hilfsbedürftige (vor allem Frauen mit Kindern, deren Männer vermisst oder in Kriegsgefangenschaft sind), 140 Vertriebenen-Familien und 312 Westevakuierte. Den 700 Haushaltungen können nur insgesamt 29.000 Mark zur Verfügung gestellt werden, also durchschnittlich 41 Mark je Familie. Die Freiwilligen-Spende der Thüringen-Aktion gegen Not kann entschieden Leid mindern.

Lebensmittelrationen 1945

Nach dem Befehl des Obersten Chefs der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland, Marschall Shukow, zur Festsetzung von Lebensmittelrationen in Gramm und pro Tag vom 21. Oktober 1945: 

xxxxxxxxxxxxxxxxxxx

Brotxxx

Nährmittelxxx 

Kartoffelnxxx

Zuckerxx

Marmeladexx

Fleischxx

Fett

1. Schwerstarbeiter

459

40

500

25

30

40

20

2. Schwerarbeiter

400

40

400

25

30

40

20

3. sonst. Arbeiter

350

20

300

20

30

25

10

4. Angestellte

250

15

300

20

30

20

10

5. Kinder bis 15 Jahre

200

10

300

25

30

15

10

6. übrige Bevölkerung

200

10

300

15

30

-

-

Zu den Bevölkerungsgruppen 1 bis 3 gehören: Professoren, Prominente in Kunst und Wissenschaft, Ärzte, Personen in leitenden Stellungen, Lehrer. Werdende und stillende Mütter erhalten vom 6. Monat an bis zum 4. Monat nach der Geburt zusätzlich pro Monat 300 g Nährmittel, 300 g Zucker, 100 g Fett, außerdem täglich ¼ Liter Milch.

In Hildburghausen kommen im Dezember 1945  7.303 Lebensmittelkarten zur Verteilung:

159 Schwerst- und Schwerarbeiter, 1.023 Arbeiter, 923 Angestellte, 2.014 Kinder und 2.949 Sonstige. Zudem gibt es 225 Selbstversorger. Pro Monat sprechen überdies 1.400 Durchwanderer im Lebensmittelamt vor, um für ein oder zwei Tage Verpflegung zu erlangen. Meist handelt aus sich um heimkehrende Soldaten, elternlose Kinder, Ausgebombte, Flüchtlinge, Vertriebene, ehemalige Zwangsarbeiter, die Familie suchende Personen usw. Die Gaststätten geben täglich bis zu 900 warme Essen ab. Für die Stadtverwaltung ist es außerordentlich schwierig, in diesen harten Zeiten überhaupt die Notversorgung abzusichern.

1945

Die Sowjets halten Pferdeherden mit jeweils 100 Stück (Beutebestände) in der Flur Heßberg bis in die Gemarkung Birkenfelds, besonders auf den Werrawiesen.


Ab 4. November 1945

Wahl in den thüringischen Dörfern zur Bildung von Komitees der gegenseitigen Bauernhilfe (später VdgB = Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe).


6. November 1945

Die Direktive Nr. 16 des Alliierten Kontrollrats bestimmt die einheitliche Bewaffnung für ganz Deutschland, in der es u. a. heißt: „Mit Ausnahme der Gendarmerie und der Grenzpolizei, die mit Karabinern ausgestattet werden können, wird die Polizei keine gänzlich automatischen Waffen oder andere Waffen zugeteilt bekommen als Pistolen, Revolver und Knüttel.“


10. November 1945

Die Fa. Kätsch KG wird als ehemaliger Rüstungsbetrieb unter Sequester gestellt und nach Enteignung 1946 als Präzisionswerk Hildburghausen unter sowjetischer Regie wiedereröffnet. Die Firma geht am 10.05.1947 in Landeseigentum über. Daraus entwickelt sich später das Schrauben- und Normteilewerk.
Vorerst werden produziert: Aluminium-Feuerzeuge, Pferdehufstollen, Feuerzeugräder und Messingspindeln für Wasserhähne, ferner in der Holzabteilung Kisten, Türen, Fenster, Treppen, Dachkonstruktionen für Landwirtschaftsbauten.


1945

Das als Emma-Scheller-Stift erbaute Altenheim in der heutigen Dr.-Wilhelm-Külz-Straße wird als Isolierhaus des Kreiskrankenhauses umgebaut. 1970 kommt es zu einem Anbau und zur Einrichtung eines Zentrallabors, bei der Rekonstruktion und Erweiterungsbauten der Henneberg Kliniken GmbH ist das Gebäude eingelegt worden.

 An der Stadtmauer.
Das nach 1945 von der Roten Armee bzw. Sowjetarmee für den Fuhrpark genutzte Gelände wird zum Zeitpunkt Parkplatz der staatlichen DDR-Handels-Organisation (HO), die in der „Sachsenburg“ ihren Sitz hat. 1959/60 errichtet die Mittelschule II, die spätere zehnklassige Polytechnische Oberschule „Joseph Meyer“, in Eigenleistung eine Kleinsportanlage. Heute: Parkplatz. Die „Sachsenburg“ ist im Juli 1992 von der Stadt erworben worden und nach grundhafter Sanierung Sitz der Stadtverwaltung geworden.

Postkarte VEB Volkskunstverlag Reichenbach i. V., 1958 

20. November 1945 bis 14. April 1949
Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof sowie zwölf Nachfolgeprozesse vor einem amerikanischen Militärgerichtshof im Justizpalast Nürnberg gegen Verantwortliche des Dritten Reiches (1933 – 1945). Von den Angeklagten werden 35 freigesprochen, 24 zum Tode (davon sind 12 Urteile vollstreckt worden), 20 zu lebenslanger Haft und 98 zu Freiheitsstrafen zwischen 18 Monaten und 25 Jahre verurteilt.

20. November 1945

Der Alliierte Kontrollrat bestätigt den Plan zur Ausweisung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei, aus Ungarn und Polen in den vier Besatzungszonen. Bereits im Aug./Sept., nach den Potsdamer Beschlüssen, kommt es zum Terror gegen die deutsche Bevölkerung in den ehemaligen Ostgebieten und in den Siedlungsgebieten der Deutschen in der Tschechoslowakei (Beneš-Dekrete). Viele Flüchtlinge/Vertriebene gelangen nach Thüringen. Bis 1948 sind es ca. 700.000 (23,4 Prozent der thüringischen Gesamtbevölkerung), in der gesamten SBZ 4,3 Millionen.

Der Kreis Hildburghausen wird beauflagt, 8.000 sog. Ostumsiedler aufzunehmen. In Themar leben beispielsweise im Jahr 1946  773 Vertriebene, Flüchtlinge und Ausgebombte, davon sind 307 männlich und 466 weiblich.

1945 bis Frühjahr 1946

Im Waldabschnitt Lehmrangen (heute: OT Häselrieth) finden vermutlich wöchentlich und wahrscheinlich auch nahe des Runden Steinernen Tisches sowie am Quellbrünnleinsteich Erschießungen durch die GPU (politische Staatspolizei in Sowjetrussland) statt – zumeist nach Denunziationen durch Deutsche. Am 03.03.1948 werden acht (vier durch Schädelzertrümmerungen und vier durch Genickschuss) hingerichtete Bürger ausgegraben und am 04.03.1948 auf Beschluss des Amtsgerichts Hildburghausen zur Bestattung auf dem Häselriether Friedhof freigegeben. Anschließend lassen die Sowjets das Gelände mit Kettenfahrzeugen planieren.
Nach Ermittlungen handelt es sich um die Bürger Rudolf Baum, Max Friedrich (Poppenhausen), Hans Bulle (Fehrenbach), Broder Bansen, Dipl.-Ing. Louis Großmann, Bahnhofsvorsteher Müller (Hildburghausen), Erich Pasenau (Massenhausen), Hans Zapf (Häselrieth).
Die Verbrechen können auch nach Untersuchungen der Kreisstaatsanwaltschaft im Jahr 1990 nicht aufgeklärt werden. Die meisten Zeugen sind verstorben.

November 1945
Im Schlachthof Hildburghausen sind geschlachtet worden: 13 Pferde, 50 Kühe und Bullen, 31 Jungrinder, 39 Schweine, 24 Schafe, 40 Kälber. Gegenüber 1944 haben die Schlachtungen um etwa ein Drittel nachgelassen. Zum anderen hat sich der Schlachtbetrieb vom Schwein auf Pferde, Schafe und Jungrinder verschoben. Auf der Freibank sind 17 Tiere verwertet worden. In die Schlachtungen sind die der Besatzungsbehörden mit eingeschlossen. – Im Januar 1945 sind es noch 429 Schlachtungen gewesen.

Bis Ende November 1945
Für das laufende Jahr sind im Standesamt, das für die Stadt sowie die Ortschaften Birkenfeld, Wallrabs und Sophienthal zuständig ist, 127 Geburten beurkundet worden (in den Vorkriegsjahren meist um 110). 401 Todesfälle sind beurkundet worden, dazu gehören auch die kriegsbedingten Todesfälle in der Heimat (u. a. Bombardement vom 23.03.1945), im Krankenhaus und in der Heilanstalt Verstorbene sowie Gefallenenmeldungen). Vermisstenmeldungen sind hier nicht beachtet worden.

1. Dezember 1945

Die Norddeutsche Maschinenfabrik (Nordeuma) Hildburghausen wird für Reparationsleistungen demontiert. Die Abbildung zeigt die Kommission im Januar 1946. Auf dem Bild sind in der vorderen Reihe v. l. n. r. zu sehen: Michel Baranow, Felix Stering, Leutnant Ponomarew und Major Makarow. Hintere Reihe: Herr Pachelmann (?) (rechts), Siegmund Leffler (Ingenieur und Konstrukteur, Absolvent des Technikums Hildburghausen 1928). Von den Sowjets ist er bis zum Abschluss der Demontage am 05.08.1946 als Demontage-Ingenieur übernommen worden. Bei der Demontage der Nordeuma ist lediglich die große Produktionshalle stehen geblieben. Anlagen sind bis Anfang der sechziger Jahre gesprengt worden. – Im Vordergrund auf dem Schreibtisch steht in der Nordeuma produzierte 20-mm-Munition für Maschinengewehre.

1. Dezember 1945
Der Aufbau der Grenzpolizei als Teil der Landespolizei der Länder und Provinzen ist weitgehend abgeschlossen. Deshalb gilt der 1. Dezember als ihr Gründungstag und wird später jährlich als Tag der Grenztruppen der DDR feierlich und agitatorisch begangen.

1. Dezember 1945
Die Personenstandsaufnahme ergibt, dass in Hildburghausen (ohne die heute eingemeindeten Ortsteile Birkenfeld, Bürden, Ebenhards, Gerhardtsgereuth mit Neuendambach, Häselrieth, Leimrieth, Pfersdorf mit Friedenthal, Wallrabs, Weitersroda) 7.389 Einwohner leben (2.983 männl., 4.406 weibl.), darunter ca. 1.000 Vertriebene, Zwangsausgesiedelte und Evakuierte, vor allem aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, sowie 14 Ausländer, die aber teils schon seit Jahrzehnten hier wohnen. Es gibt 2.200 Haushaltungen in 900 Häusern. – Zum Jahresbeginn 1945 leben hier etwa 11.500 Menschen(einschl. Militär und Lazarette, Fremd- und Zwangsarbeiter), in der Vorkriegszeit sind es ohne das Militär (ca. 500) 6.700 Menschen gewesen. – Der Wechsel der Bevölkerung ist 1945 sehr stark gewesen, monatlich hat es ca. 500 bis 600 Anmeldungen und ca. 300 bis 400 Abmeldungen gegeben, vor allem bedingt wegen der Flüchtlings- und Aussiedlungsströme.

10. Dezember 1945

Der sog. Antifa-Ausschuss der Glasmacher setzt die Inbetriebnahme des Glaswerks Fehrenbach durch. Etwa 120 Menschen, möglichst ein Mitglied jeder Familie, findet Arbeit.

Dezember 1945
Bis Mitte Dezember registriert die Verwaltung etwa 330 Todesfälle, dabei sind etwa 120 aus Kriegshandlungen der Monate Februar und April. Das seit 1927 bestehende Krematorium ist wegen Koksmangels geschlossen. In Friedensjahren sind es für Hildburghausen durchschnittlich 80 Sterbefälle, davon die Hälfte für Erdbestattungen.

1945

Für das zurückliegende Jahr hat das sowjetische Komitee für Beutegut registriert, dass für 8.000.000.000 Reichsmark Güter in insgesamt 400.000 Eisenbahnwaggons in die Sowjetunion verbracht worden sind: Edelmetalle, Zahlungsmittel, Sach- und Kunstgegenstände, Bibliotheken, 450.000 Radios, 60.000 Klaviere


18. Dezember 1945

Mit Befehl Nr. 176 der SMAD werden in der SBZ die Konsumgenossenschaften wieder gegründet. Ende 1958 gibt es hier 1,8 Mio. Mitglieder, 17 Prozent des Einzelhandelsumsatzes werden erreicht.


20. Dezember 1945

Gründung der Grenzpolizei Coburg zum Schutz der Demarkationslinie zu Thüringen, das in der Sowjetischen Besatzungszone liegt.

 

Hilberhäuser Weihnachtn

 

Rufft ihr Glocken heut von Torm,
läut ihr in 'rer schweren Zeit. Ormut, Not sänn jetzt dahämm,
Hochmut hatt gebracht viel Leid.

Mags uns nu racht drackig geh,
mir gamm uns noch net verlorn,
weil wir ja dann Glauben hamm,
Neues, Gutes wird geborn.

 

Läut ihr Glocken uns nei’s Harz,
dass mirsch könne racht erfass:
Ewig wahr bleit es doch ümmer,
Lieb ist stärker als dar Hass.

Drümm, lasst die Köpf net häng,
weil die Hoffnung ja bestett,
nach dar, kömmt ä annre Zeit,
un – dass widder aufwärts gett.
 

1945 kommt der Stadtbaumeister und Mundartdichter Bernhard Sendelbach (1889 – 1967) wieder nach Hildburghausen und packt beim Neuaufbau kräftig mit an. Den Menschen und seiner Heimatstadt widmet er in seiner ihm eigenen Art das Gedicht „Hilberhäuser Weihnachtn“. 

28. Dezember 1945
Rechenschaftsbericht von Dr. Hermann Zschaeck, Bürgermeister der Stadt Hildburghausen
Demokratischer Aufbau der Stadt Hildburghausen

Ende 1945
Der Antifa-Block des Landes Thüringen ruft zur Gewinnung von Neulehrern auf. Bis zum 1. September 1946 sollen 4.600 neue Lehrer ausgebildet werden.

1945

Aus medizinischer Sicht sind in der Zeit nicht nur Kriegsverletzungen, die Unterernährung, mangelnde Hygiene, fehlendes medizinisches Personal, Geld, medizinische Geräte und Arzneimittel usw. Ursache, dass die Einrichtungen für die Volksgesundheit vor dem Kollaps stehen, sondern auch der moralische und ethische Zustand der Bevölkerung. So kommt es beispielsweise zu Kampagnen von Geschlechtskrankheiten. In der Thüringer Volkszeitung heißt es beispielsweise Anfang 1946:

Der Grund hierfür ist nicht nur in fehlender oder mangelnder Sauberkeit zu suchen; er ist vor allen Dingen eine Folge der Zügellosigkeit und immer mehr um sich greifenden Demoralisierung der Jugend. Es ist allgemein bekannt, daß jede Kriegs- und Nachkriegszeit einen solchen moralischen und ethischen Niedergang mit sich bringt. Wir müssen versuchen, mit allen Mitteln gegen diese Entartung und Vergiftung unserer Jugend einzuschreiten. ... Auch in unserem Kreis hat diese Seuche verheerend um sich gegriffen. Das beweist die Zahl der Kranken, die in einem von Dr. Weber (Kreisarzt, d. Verf.) eingerichteten Isolierhaus, innerhalb des Gesundheitsamtes, untergebracht sind. 60 Patienten waren es insgesamt, davon wurden 20 bereits weggeschafft und in Arbeitslagern untergebracht. Von den übrigen 40 Patienten sind 30 Frauen im Alter von 15 bis 40 Jahren und 10 Männer. Dazu kommen die vielen, deren Krankheit noch nicht erkannt ist. 

Jahresende

Es werden Vorbereitungen getroffen, die seit April 1945 geschlossene Stadtbibliothek in der Schlossgasse 13/15 (heute: Johann-Sebastian-Bach-Straße 13/15) zur Öffnung vorzubereiten, das geschieht am 18.01.1946 auf Anweisung der sowjetischen Besatzungsorgane. Die Sowjets lassen den Buch- und Zeitungsbestand grundlegend säubern, auch Literatur mit demokratischen Inhalten wird entfernt. Gleiches geschieht in anderen Bibliotheken des Kreises und im Stadtarchiv Hildburghausen. 

 

Nekrolog 

Mit der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 nach der demokratischen Wahl bemerkt der hellsichtige Romanist jüdischer Herkunft, Prof. Dr. habil. Viktor Klemperer (1881 – 1960):
„Ganz Deutschland zieht Hitler den Kommunisten vor. Und ich sehe keinen Unterschied zwischen beiden Bewegungen …“ 

Am 31. Dezember 1933 schreibt Klemperer u. a.:  
„Ich habe demgegenüber immer wieder betont, dass ich im letzten Nationalsozialismus und Kommunismus gleichsetze: beide sind materialistisch und tyrannisch, beide mißachten und negieren die Freiheit des Geistes und Individuums.“
 

(Viktor Klemperer schrieb die bedeutenden Werke: „Lingua Tertii Imperii – Sprache des Dritten Reiches“ und „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933 – 1945)

Das revolutionärste Buch, das wir besitzen, das Neue Testament, ist nicht erschöpft.
(Carl Friedrich von Weizsäcker
1912 – 2007
deutscher Physiker, Philosoph und Friedensforscher)
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