Eine Seite für Hildburghausen

Sechziger Jahre

 

Hildburghausen –

Sechziger und 70er Jahre des 19. Jahrhunderts 

 

Rudolf Armin Human beschreibt in seinen Lebenserinnerungen aus der Zeit 1843 bis 1920 die Stadt und das Leben der Menschen: 

Nach Abgang des Hofes und des Konsistoriums fand sich daselbst zu meiner Zeit noch Kreis- und Appellationsgericht und das weltbekannte Meyersche Bibliographische Institut. Dazu, wo auch heute noch, der Gadowsche Verlag des Wochenblattes von 1763, das Seminar von 1795, das Gymnasium von 1812, die Dorfzeitung von 1818, das Grab der ‚Dunkelgräfin’ auf dem Stadtberg von 1837, die Werrabahn von 1858. Im Rathaus sah man noch Fleischbänke im Durchgang und im dritten Stock den Tuchboden für Jahrmärkte, im dritten Stock des vereinsamten einstigen Residenzschlosses ein Naturalienkabinett mit mancherlei Memorabilien, im einstigen Orangeriegebäude eine Schloßbibliothek von 6000 Bänden, worunter viele alchymistische Broschüren, im einstigen Hoftheater, einem der ältesten Thüringens, noch ab und zu Spiel wandernder Truppen, in schlecht gepflasterten Straßen aber auch manch Grasbüschel zwischen den Fugen des holprigen Gesteins. Das Beamtentum, meist selbstbewußt, hatte seine offiziellen Reunions im Casino und im Sächsischen Haus, das Bürgertum im Geist der gemütlichen und gemächlichen Biedermeierzeit, doch durchleuchtet von 1848er Joseph Meyerschen Ideen, seinen politisierenden Parteigeist in Stammtischlokalen. In den Häusern der 1780 neuerbauten oberen Marktstraße prunkten große Vorsäle, in den Zimmern der Beamten- und Geistesaristokratie Familienölbilder in breiten Goldrahmen, kunstvolle Stahlstiche aus der Meyerschen Offizin, Möbles von Eichen- oder Mahagoniholz mit Schnitzwerk, hohe Spiegel mit Schnitzwerkrahmen, Sofas mit veilchenblauem Rips überzogen und über diesen wieder Ovalspiegel, gleichsam eine Art persönlichen Möblements, während heutzutage Geschmack und Eigenart der Maschine geopfert wird. Dazu Büsten von Geistesheroen aus Gips oder Elfenbein und Glasschränke für Silbergerät. In bürgerlichen Häusern neben schlichtem Hausgerät aus Urväterzeit vielfach das Bildnis Joseph Meyers, des Nährvaters der Stadt und Volkstribun, dasselbe auch in den noch schlichteren Arbeiterquartieren, Gedichte des begabten Fabrikarbeiters Johannes Schneyer aber gingen in Hildburghäuser Mundart von Mund zu Mund. Alles in allem das Milieu der Kleinstadt einer fränkisch-thüringischen in ihrem Schöpfer vergnügten Bevölkerung, unter und mit welcher es sich gut leben ließ. Und dies zumeist, wenn zu Anfang Juli das Vogelschießen auf dem Schützenhof wiederkehrte, das älteste Volksfest der Stadt für Einheimische und Fremde, für Stadt und Land! Das Vogelschießen mit seinen Panoramas und seiner Menagerie, den Moritatenbildern und dem Hanskasperletheater, dem Drehorgelspieler und Harfenistengesang, dem Karussell und Bolzenschießen, den Würfelbuden, Zucker-, Bratwurst- und Bierbuden, für Jung und Alt, Männlein und Weiblein ein buntbewegtes, eigenartiges Leben!"

 

Die Entdeckung, dass es so einfach nicht ist, wie man gedacht hat, ist als Gewinn anzusehen.
(Carl Friedrich von Weizsäcker
1912 – 2007
deutscher Physiker, Philosoph und Friedensforscher)
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