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Seidingstadt

Besetzung von Seidingstadt

In der Nacht vom 9. auf den 10. April besetzten achtzehn SS-Männer das Dorf Seidingstadt, heute Ortsteil der Einheitsgemeinde Strauhain und 1792 Geburtsort von Prinzessin Therese von Sachsen Hildburghausen und nachmalige Königin Bayern. Die SS-Männer heben vor den Gehöften Schützenlöcher aus und richten das Dorf zur Verteidigung ein. Die Bevölkerung wird aufgefordert, den Ort zu verlassen und entweder den Wald oder die Feld- und Waldkeller bei Rudelsdorf, heute Ortsteil von Bad Rodach in Bayern, beziehungsweise bei Westhausen, Kreis Hildburghausen, aufzusuchen. Die Bauern binden das Vieh los, lassen es frei laufen oder binden das Zugvieh an Bäumen fest. 

Am 10. April, früh zwischen 7 und 8 Uhr, fährt ein Panzer nach Seidingstadt vor. Er wird mit der Panzerfaust erledigt. Jetzt schießt die Artillerie, etliche Gehöfte werden zusammengeschossen. Die Amerikaner kommen nun von Rudelsdorf, besetzen den Waldrand am Straufhain und jagen in Abständen mit dem MG Feuerstöße ins Dorf. Die SS antwortet zurück. Im Laufe des Nachmittags erscheint ein Parlamentär und droht die Vernichtung des Ortes an, falls bis zum Abend der Ort nicht feindfrei sei. Die Drohung wird nicht wahr gemacht, es geschieht bis zum Abend auch in der Nacht nichts.

Für die Stunden bis zum Ablauf des Ultimatums liegt ein erschütterndes Zeugnis menschlicher Tragik vor. Der Führer des Kommandos, ein junger SS-Untersturmführer, wird allerdings bestürmt, Seidingstadt zu räumen. Eine junge Frau erinnert ihn an seine eigene Mutter, sie zeigt auf ihre Kinder und fleht ihn auf den Knien förmlich an. Tief beeindruckt gibt ihr der Offizier seine Pistole mit den Worten: „Erschießen Sie mich, wenn Sie glauben, dass es richtig ist! Ich kann nicht anders!“ 

Nach Mitternacht marschiert eine größere Einheit feldmarschmäßig und gut ausgerüstet durch Seidingstadt. Es waren die Fahnenjunker aus Haubinda, die vom Postweg als letzte deutsche Soldaten herunterkamen, nachdem in den vorangegangenen Tagen mehrere größere oder kleinere Kontingente den Ort in südlicher Richtung passiert hatten. 

Gegen Morgen, aber noch im Schutz der Nacht, setzten sich auch die achtzehn SS-Männer ab. Am 11. April, bei Sonnenaufgang, standen die Amerikaner unerwartet vor den Kellern. Mehrere Panzer umstellten den Ort, die üblichen Haussuchungen nach Waffen und versteckten Soldaten.

Menschenleben waren nicht zu beklagen. Eine Frau erlitt lediglich eine Armverletzung. 

Nach: Albin Schubert: Das Ende des Zweiten Weltkrieges im Rodacher Winkel des Landkreises Coburg. – S. 41 f. (leicht bearbeitet)

Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde.
(Karl Jaspers
1883 – 1969
deutscher Philosoph)
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