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Seine Flucht und das Leben danach

Berthold Dücker

Berthold Dücker wagte am 24. August 1964 im Alter von gerade einmal 16 Jahren den Versuch der Republikflucht. Vor seiner Flucht hatte Herr Dücker mit niemandem darüber gesprochen, weder mit seinen Eltern noch mit seinen beiden Brüdern, die gerade ihren Wehrdienst in der NVA ableisteten. Der Grund für dieses Verhalten war, die Familie nicht in Gefahr zu bringen, denn eine Mitwisserschaft hätte fatale Folgen gehabt. Nur in der Schulklasse war Flucht ein Thema. Zuerst hatten mehrere Mitschüler einen ähnlichen Plan wie er, aber zuletzt waren nur noch Berthold Dücker und ein Freund übrig. Als seine Entscheidung fest stand, ging er zu seinem Schulkameraden und fragte ihn, ob er mitmachen wollte. Dieser antwortete, er habe an diesem Tag keine Zeit und außerdem wäre dann niemand da, der den elterlichen Hof übernehmen könnte. Also plante Herr Dücker, die Flucht alleine zu wagen.

Er näherte er sich der innerdeutschen Grenze und zerschnitt mit einer einfachen Zange die erste Reihe des Stacheldrahtzaunes. Dann robbte er durch das Minenfeld, welches zwischen den beiden Zaunreihen angelegt worden war, und zertrennte auch den zweiten. Damit war er im sogenannten Niemandsland angekommen. Dies war die übliche Bezeichnung für das Gebiet zwischen den Grenzsicherungsanlagen und der eigentlichen „Staatsgrenze West der DDR“. Da der Jugendliche sehr aufgeregt war und aus Angst entdeckt zu werden, rannte er halb aufrecht in Richtung Bundesrepublik Deutschland. Dabei stolperte er und fiel mehrmals hin. Der Grund dafür waren Gräben, die eine Flucht mittels Kraftfahrzeug verhindern sollten, und Stolperdrähte, welche im Laufe der Jahre mit Gräsern zugewuchert waren. Berthold Dücker verlor auf diesem Weg einen Schuh und seine Brille, aber die Ankunft im Westen war für ihn das wichtigste. Er hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Er trug außerdem einige kleinere Verletzungen davon, doch er lief unbeirrt seinem Ziel entgegen. Das letzte Hindernis, das der Flüchtende zu überwinden hatte, war ein Weidezaun. Er übersprang ihn und war somit in der Gemarkung Rasdorf, dem ersten Ort auf dem Gebiet der BRD, angekommen.

 Noch völlig in Panik lief er zu einem Unterstand für Kühe, um sich in Sicherheit zu bringen. Kurz nach seiner Ankunft hörte er einen Traktor in seine Richtung fahren. Berthold Dücker erhoffte sich Hilfe und lief in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Er erzählte dem Fahrer, woher er kam und fragte ihn, was zu tun sei. Dieser schickte ihn nach Setzelbach, wo eine Station des Zolls der BRD war, obwohl es bis zur Wiedervereinigung an dieser Grenze nichts zu verzollen gab. Dort angekommen, begannen Verhöre, der Bundesgrenzschutz und die Polizei wurden informiert. Gegen Abend wurde Berthold Dücker in Fulda in den Zug gesetzt. Mit einem provisorischen Fahrschein sollte er in das Notaufnahmelager an der Margarethenhütte in Gießen fahren. Dies war die erste Anlaufstelle für alle Flüchtlinge, die aus der DDR kamen.

Während der Fahrt lernte der Jugendliche eine ältere Dame kennen. Da er etwas merkwürdig aussah, fragte sie ihn, woher er käme und ob seine Mutter Bescheid wüsste. Als er dies verneinte und ihr die Ursachen dafür mitteilte, bat sie um die Adresse der Eltern, um ihnen einen Brief zu schreiben. Sie stellte den ersten Kontakt zu den Eltern her und berichtete ihnen, dass sie ihren Sohn gesehen hatte und er wohlbehalten angekommen war. Später nahm er selbst über Nachbarn, Verwandte und Freunde brieflichen Kontakt zu seiner Familie auf.

Zu Hause wurde seine Mutter - sofort nachdem die Grenzsicherungsorgane die Flucht bemerkt hatten - von der „Stasi“ verhört. Den Vater von Berthold Dücker verhafteten die staatlichen Behörden direkt an seinem Arbeitsplatz im Kabelwerk in Vacha, um ihn zu verhören. Wochenlang wurden die Eltern immer wieder befragt und beobachtet. Dabei wurde auch mit Tricks gearbeitet, um von den Eltern ein Geständnis zur Mitwisserschaft an der Flucht ihres Sohnes zu erhalten. Die Mitarbeiter des Ministeriums für Staatsicherheit erzählten ihnen zum Beispiel, dass der Flüchtende auf eine Mine getreten wäre, daraufhin verstorben sei und die Eltern in Anbetracht dieser schrecklichen Situation doch reden könnten. Aber die Methoden wurden durchschaut. 

Berthold Dückers Flucht hatte auch Folgen für seine beiden Geschwister. Der älteste Bruder hatte eine Woche zuvor seinen ersten Heimaturlaub. Deshalb bestand die Vermutung, dass er ihm Hinweise gegeben und ihn bei seinem Unternehmen unterstützt hätte. Dies konnte allerdings nicht nachgewiesen werden. Jedoch wurden die zwei Brüder für den Rest ihrer Wehrzeit versetzt.

Da Berthold Dücker erst sechzehn Jahre alt und damit noch nicht volljährig war, hatte man zunächst versucht, ihn aus der Bundesrepublik zurückzuholen. Deshalb wurde massiv Einfluss auf die Eltern ausgeübt, um die Rückführung ihres Sohnes zu erwirken. Wäre das der Wunsch der Eltern gewesen, hätte die BRD dem nachkommen müssen. Dafür verlangte sein Vater von der „Stasi“ die Gewissheit, dass sein Sohn wieder nach Hause ins Sperrgebiet kommen könnte. Da ihm dies verweigert wurde, unternahm er keine Anstrengungen, seinen Sohn zurückzuholen.  

Aufgrund dieser Bemühungen, die hauptsächlich vom Ministerium für Staatssicherheit betrieben wurden, musste Berthold Dücker vergleichsweise lange im Gießener Notaufnahmelager bleiben, obwohl die Notaufnahmeverfahren sonst relativ schnell vonstatten gingen.

In Gießen wurden dem „Zonenflüchtigen“ einige entscheidende Hinweise für sein weiteres Verhalten in Bezug auf seine Familie gegeben. So sollte er zum Beispiel in dem ersten Brief, den er an seine Eltern schrieb, eine Legende einbauen. Diese sollte zur Entlastung der Eltern dienen, da alle Briefe, die von ihm kamen, von der Stasi gelesen werden würden. Er durfte keine Formulierungen verwenden, aus denen man hätte schließen können, dass die Eltern von seiner Flucht gewusst hatten. Die Legende sollte aber so aufgebaut sein, dass Vater und Mutter sofort bemerkten, dass es sich dabei um eine Lüge handelte.

Außerdem wurde Berthold Dücker, wenn auch sehr unzureichend, auf sein zukünftiges Leben in der BRD vorbereitet. Vom realen Leben, von Steuern, Versicherungen usw. hatte er keine Ahnung. Den Flüchtlingen wurden zunächst lediglich sinnlose Dinge gelehrt. Er erinnert sich daran, dass sie lernen mussten „wie man Baden-Württemberg schreibt“,  obwohl es keinerlei Notwendigkeit dafür gab, da er ein Deutscher und somit der Sprache mächtig war. Nach dieser Einführung verließ er das Notaufnahmelager in Gießen und ging seinen eigenen Weg.

Ihm war klar, dass er sich von nun an um sich selbst kümmern musste und dass das Leben im freien Teil Deutschlands keinesfalls einfach für ihn werden würde. Mit einem Flüchtlings-C-Ausweis für politische Flüchtlinge wäre vieles leichter für ihn geworden: Er wäre auf allen Ebenen unterstützt worden. Dieser wurde im allerdings mit der Begründung, dass ein Sechzehnjähriger noch keine politische Meinung habe, verweigert.

Er entschied sich für Fulda als seinen neuen Wohnsitz und zog zuerst in das Kolpinghaus, ein Gesellenhaus für junge Männer, die nicht an ihrem Heimatort arbeiteten oder einen zu langen Weg zur Arbeit hatten. Berthold Dückers erste Aufgabe bestand nun darin, seinen Lebensunterhalt zu sichern. Sein Traumberuf, der Journalismus, musste zunächst zurückstehen, da ein Studium seinen finanziellen Rahmen gesprengt hätte. Berthold Dücker wollte deshalb auf Umwegen zu seinem Traumberuf kommen und begann bei der Fuldaer Zeitung eine Schriftsetzerlehre. Nebenbei wusch er abends im Hotel Schütze Teller ab, im Winter fegte er bei der Bundesbahn die Schienen und bei verschiedenen Unternehmen säuberte er die Höfe. Aufgrund der Überbelastung brach er zusammen und kam ins Krankenhaus. Daraufhin wurde ihm ein Attest ausgestellt, das ihm jede Arbeit im Stehen verbot. Da der Beruf des Schriftsetzers zu 100 Prozent eine Tätigkeit im Stehen war, verlor er seinen Ausbildungsplatz. Durch eigene Bemühungen bekam Berthold Dücker 1965/66 eine Lehrstelle bei einer anderen Zeitung. Später verließ er Fulda und ging nach Lauterbach.

In den folgenden Jahren fuhr er von Zeit zu Zeit an die Grenze zwischen Setzelbach und Geismar, um in seine Heimat zu schauen. Dabei sah er einmal einige Frauen auf dem Feld arbeiten, die einer bückenden Tätigkeit nachgingen. Als er seine Mutter erkannte, rief er nur „Mama“. Zu etwas anderem war er zu diesem Zeitpunkt nicht in der Lage. Als sie ihn hörte, sprang sie auf und rief so laut sie konnte seinen Namen. Sofort sprangen „Bewacher“ herbei, schnappten die Mutter und brachten sie weg.

Seine erste Reise in die DDR wurde Berthold Dücker 1973 im Zuge der Ostverträge und einer Amnestie ermöglicht. Da er zunächst fürchterliche Angst hatte, ließ er sich auch politisch beraten. Dabei erhielt er den Hinweis, dass es gut sei, seine Reise anlässlich des Weltjugendtages in Ost-Berlin durchzuführen, denn die DDR-Führung würde angesichts solcher Menschenmassen nichts Spektakuläres unternehmen. Man hatte sogar den Tod Walter Ulbrichts einige Tage geheim gehalten, damit die Jugend der Welt in Berlin jubeln konnte.

Die erste Reise in seine alte Heimat, die Rhön, wurde Berthold Dücker anlässlich des Todes seiner Mutter gewährt. Aufgrund der bestehenden Verträge zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland hätte er seine im Sterben liegende Mutter besuchen können. Dies wurde ihm allerdings verweigert. Zuerst wollten die DDR-Behörden auch seinen Besuch bei der Beerdigung verbieten. Da er aber Journalist war, schaltete er die Bundesregierung ein und so wurde sein Aufenthalt im Osten Deutschlands im letzten Augenblick genehmigt. Während dieser Zeit durfte er das Haus der Familie Dücker nicht verlassen, geschweige denn in einen anderen Ort fahren. Während der Trauerzug von zu Hause aus zum Friedhof führte, wie das damals üblich war, lief Berthold Dücker zusammen mit seinem Vater hinter dem Sarg her. Dabei sah er am Straßenrand den Abschnittsbevollmächtigten und „gewisse Kameraden“ stehen, die ihn beobachten bzw. überwachen sollten. Zuwiderhandlungen gegen die Bestimmungen für seine Reise hätten eine Haftstrafe zur Folge gehabt. Sofort nach der Beerdigung musste er die DDR wieder verlassen.

Danach dauerte es bis zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, bis er seine Heimat wieder sehen konnte. Deshalb traf er sich in der BRD mit anderen Leuten, die aus dem Geisaer Amt stammten, in einem Heimatkreis. Dieser trat alle zwei Jahre zu Pfingsten zusammen. Die Menschen unterhielten sich über die alte Heimat und pflegten Kontakte untereinander. Der Austausch war wichtig, da alle das gleiche Schicksal teilten. Außerdem war man mit seinen Problemen allein, da es im Westen kein großes Interesse für Flüchtlinge gab.  Wenn nicht etwas Spektakuläres passierte während einer Flucht, wurde sie mit einer Drei-Zeilen-Meldung in der entsprechenden Tagespresse abgetan. Jedoch wurde dieser Heimatkreis vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR als etwas ganz Schlimmes betrachtet, obwohl es sich nur um eine lockere Verbindung handelte. Er wurde deshalb regelrecht unterwandert. Leute aus der alten Heimat wurden als Inoffizielle Mitarbeiter des MfS zu Spionagezwecken in den Westen geschickt.

Berthold Dücker wurde aber nicht nur in Verbindung mit dem Heimatkreis immer wieder mit dem System der DDR konfrontiert. Er wurde während der gesamten fünfundzwanzig Jahre, von seiner Flucht 1964 bis zur Grenzöffnung 1989 beobachtet. So wurden zum Beispiel sämtliche Briefe, die er zu seinen Eltern schickte geöffnet, gelesen und zum Teil verschwanden diese auch. Seine Pakete wurden durchwühlt und manchmal sogar geplündert.

Da Berthold Dücker die Heimat nur sehr ungern verlassen hatte, verspürte er die ganze Zeit den Drang zurückzukehren. Aus diesem Grund ergriff er sofort nach der Wiedervereinigung die Möglichkeit dazu. Seine Verwandten im Osten Deutschlands konnten, als er diesen Plan 1993 in die Tat umsetzte, diese Entscheidung gar nicht verstehen. Doch er ließ sich davon nicht beirren. Herr Dücker zog nach Geisa und er setzt sich heute sehr engagiert für die Aufarbeitung der Geschichte der Trennung seines Vaterlandes ein.

Der Text wurde von Benjamin Kenzler verfasst.

© 2006 grenzspuren.de

Notiz zu Berthold Dücker

Von Hans-Jürgen Salier

 

Viele unserer Leser können mit dem Namen Berthold Dücker sicherlich nur wenig anfangen. Den 1947 in Geismar (Rhön) geborenen Journalisten kenne ich in meiner Tätigkeit als Verleger und Autor seit mehr als zwei Jahrzehnten. Heute bedauere ich, dass es zwischen uns zu wenige Begegnungen gegeben hat. Dücker ist ein Mann klarer Worte, der sich Zeit seines Lebens nicht „wenden“ musste und auf ein bemerkenswertes Lebenswerk zurückblicken kann. Ich schätze ihn als modernen und kompromisslosen Demokraten. – 1993 übernahm er die Chefredaktion der regionalen Tageszeitung „Südthüringer Zeitung“, die in Teilen des Wartburgkreises und im Landkreis Schmalkalden-Meiningen erscheint. Er engagierte sich für den Aufbau des ehemaligen US-amerikanischen Militärstützpunktes Point Alpha als Gedenkstätte. 1995 wurde er Vorsitzender des Vereins „Grenzmuseum Rhön Point Alpha“ und initiierte 2003 das „Kuratorium Deutsche Einheit e.V.“, dessen Vizepräsident er ist. Seit 2005 werden Persönlichkeiten der Welt mit dem „Point-Alpha-Preis“ für Verdienste um die Einheit Deutschlands und Europa in Frieden und Freiheit ausgezeichnet.

2005 kam es mit ihm zu einer öffentlichkeitswirksamen Buchpremiere des dritten Bandes „Grenzerfahrungen – Bezirk Suhl – Bayern/Hessen“ (Verlag Frankenschwelle Hildburghausen) im „Haus auf der Grenze“ zwischen Geisa und Rasdorf.

Mit diesen wenigen Worten zur Person Berthold Dücker will ich es bewenden lassen. Für weitere Informationen sei an WIKIPEDIA verwiesen.

 

Wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste.
(Johann Wolfgang von Goethe
1749 – 1832
deutscher Dichter, Naturwissenschaftler, Staatsmann)
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