Eine Seite für Hildburghausen

Stimmungsbilder

 Otto Abig (Herausgeber) 
Stimmungsbilder aus dem Hildburghäuser Studentenleben 

Bierstreik im Wintersemester 1926/27
Zehn Korporationen traten an einem schönen Herbstsonntag in den Bierstreik. Was war der Anlass? Nun, nichts anderes als das: der Bierpreis für ein normales Glas Bier sollte um 0,05 M erhöht werden. So hatten die Wirte von Hildburghausen beschlossen, und diese Machenschaft trieb die Korporation auf die Barrikaden!
Zwar konnte die Genehmigung zu einer Protestdemonstration und zu einem Protestmarsch nicht so schnell eingeholt werden, und es war auch zweifelhaft, die Erlaubnis dazu zu erhalten. Bestimmt hätte die Direktion der Staatslehranstalt als Vertreter des Kultusministeriums von Weimar diese Art einer Willenskundgebung verbieten müssen.
Ein Ausweg war aber schnell gefunden: Die Mitglieder der 10 Korporationen versammelten sich im Coleur am Sonntagnachmittag um 14 Uhr vor der Staatslehranstalt auf ihren bekannten Steh-Convents-Plätzen. Um 14.30 Uhr ging es los, ohne Musik und Gesang, in aufgelockerter Marschweise (Abstand von Korporation zu Korporation ca. 40 bis 50 m). Die Richtung war das Bierdorf Häselrieth. Also aus dem Musenstädtchen heraus; so ihr Wirte, euch wollen wir’s zeigen! Immerhin war es bei dieser Marschordnung von ca. 200 Teilnehmern eine nette, ansehnliche und nicht zu übersehende Marschsäule.
Angekommen bei dem Wirt, war schnell von dem Tanzsaal Besitz genommen, die Korporationen richteten sich häuslich ein. Schnell schafften die Füxe die Bierfässer herbei, und bald entwickelte sich ein feuchtfröhliches Kneipleben, gewürzt mit Gesang und sonnigen Brandreden.
Als sich der Abend mild zur Erde senkte, zogen dann die Kommilitonen wieder heim mit der Order, kein Korporierter darf an diesem Abend in Hildburghausen noch eine Kneipe besuchen. Streikposten traten in Aktion und übten die Kontrolle aus. Und siehe da, es wurde Disziplin geübt. – Der Erfolg? Am anderen Tag große Aufregung bei der Direktion der Staatslehranstalten, bei der Stadtverwaltung und der Kreisbehörde. Ein verständnisvolles Schmunzeln bei einem Teil der Bürger; und was sagten unsere Schlummermuttis? „Die Dachniker sin doch schlachte Hünd.“ Auf Hochdeutsch: „Die Techniker sind doch schlechte Hunde!“ Sogar vor dem Thüringischen Landtag kam die Protestaktion zur Sprache, denn auch die Hildburghäuser Dorfzeitung und das Kreisblatt brachten entsprechende Artikel über den Bierstreik.
Wohlgesinnte Stadtväter, vor allem aber der gute Freund aller Studierenden und Förderer der Korporationen, Buchhändler und Landtagsabgeordnete Kien, konnten gemeinsam die Wogen der Aufregung glätten. Der Zweck wurde erreicht: der Bierpreis wurde nicht erhöht. Die Wirte hatten ein Einsehen; und wir ... Durst!  

 

Zu Tisch geladen
Ging man bei der Gründung von Ingenieurschulen am Ende des vorigen Jahrhunderts, aber auch noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts, von dem Gedanken aus, diese Anstalten möglichst aus der Industrieluft herauszuholen, sie möglichst in ruhige, landschaftlich herrlich gelegenen Städtchen zu errichten, um somit dem Studierenden die Möglichkeit zu geben, fern vom Getriebe in aller Ruhe zu studieren, so darf man den Gründern des Technikums von Hildburghausen in dieser Hinsicht nur ein ungeteiltes Lob aussprechen. Hildburghausen, am Südhang des Thüringer Waldes gelegen, am schönen Werrastrand, war wie geschaffen dafür.
Hier konnte man allen Ernstes seinem Studium nachgehen, aber auch bei Gerstensaft und hübschen Mädchen schwärmen und lieben! Mancher Student blieb im wahrsten Sinne des Wortes bei einer Hildburghäuser Schönen hängen.
Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich festhalte, dass bei vielen Studikern, deren Monatswechsel sehr klein war, eine Einladung zum Mittagessen mit Dankbarkeit angenommen wurde. Wie fühlte man sich bei der sprichwörtlichen Gastfreundschaft der Hildburghäuser, wenn man nach einem Couleurball oder nach einer sonstigen Festlichkeit von der Couleurdame im Namen der Eltern zum Sonntagsbraten eingeladen wurde.
In der Fuxenstunde hatten wir ja gelernt: ohne Blumen für die Dame des Hauses ist ein Besuch nicht möglich. Also, bewaffnet mit dem Blumenstrauß ging es am bewussten Tag um 11.45 Uhr los, Punkt 12.00 Uhr geschellt, oh ja, die Hildburghäuser aßen sonntags pünktlich! Dass der Jüngling schon vor dem Schellen avisiert war, nun das lag einfach an dem Spion: Fast jede Wohnung hatte an einem Wohnzimmer- oder Eck- oder Erkerfenster, außen am Fensterrahmen angebracht, einen Spiegel, Spion genannt. So konnte man mit dieser Hilfe die Straße und den Bürgersteig gut und bequem übersehen, ohne selbst gesehen zu werden. Natürlich hatte „Sie“ schon eine ganze Weile spioniert, um dann freudestrahlend die Tür zu öffnen. Ja, wie reichlich wurde aufgetischt:
Vorweg zuerst ein großer Teller Suppe. Beim Hauptgericht Fleisch, nochmals Fleisch, nicht wenig Soße und die berühmten Thüringer Klöße. Wer weiß, welche Arbeit mit der Zubereitung dieser Klöße verbunden ist, manchmal fast so groß wie kleine Fußbälle, mag ermessen, welche Wertschätzung diesem Gast entgegengebracht wurde. Natürlich wurde genötigt und nochmals genötigt, selbstverständlich wurde das überaus reichliche und gute Essen gelobt. Stellte sich dann noch heraus, dass das Töchterlein bei der Zubereitung der Klöße hat helfen können, so schmeckten sie eben nochmal so gut.
Zum Nachmittagsbummel – die lieben Eltern wurden um die Erlaubnis gebeten, das Töchterlein ausführen zu dürfen – ging es nicht eher hinaus, bis Kaffee getrunken war. Obligatorisch ein Berg Streusel- und Käsekuchen, so hoch gebacken, dass man einmal von oben und dann von unten hineinbeißen musste. So gestärkt ging es dann hinaus.
Kein Wunder, dass sich mancher Student seine Herzallerliebste unter den Bürgerstöchtern ausgesucht und zum Traualtar geführt hat. Wie viele Ehemalige haben dort geheiratet, wie viele von ihnen sind eifrige Besucher der jetzt in Deutschland bestehenden Stammtische der „Ehemaligen Hildburghäuser“! Ja, das Schöne dabei ist, sie haben während der Studienzeit nicht vergessen, nebenbei auch noch zu studieren und zu büffeln. 

Marktkonzert verbunden mit Bratwurstessen
Thüringen, das grüne Herz Deutschlands, mit seinen Burgen und Schlössern und Flüssen, hat schöne große, mittlere und kleine Städte. Sie alle haben im Mittelpunkt gelegen einen Marktplatz, zur damaligen Zeit, Ende der zwanziger Jahre, noch mit Kopfsteinpflaster versehen. Auf diesem Platz spielte sich nun im Laufe des Jahres sehr viel des öffentlichen Lebens ab: die Kirmes mit den Verkaufsbuden, die Schützen-, Gesangs-, Feuerwehr- und Turnfeste. Große Tanz- und Bierzelte wurden errichtet, die Verkaufsstände vollgepackt mit den Erzeugnissen der Heimindustrie und des Thüringer Waldes, aus dem die Heimarbeiter aus ihren Katen kamen. So berühmt, wie die Thüringer Glasindustrie mit ihrer Thermometerfabrikation, dem Weihnachtsschmuck für die Christbäume, der Spielwarenindustrie und den Thüringer Klößen, waren die Thüringer Rostbratwürste bekannt und beliebt.
Der Marktplatz, Sammelpunkt des Außer-der-Reihe-Geschehenen, ein Platz, um zu sehen, zu hören, aber auch um gesehen zu werden. So nicht anders in unserem geliebten Musenstädtchen Hildburghausen. Ja, wenn die Kopfsteinpflastersteine des Hildburghäuser Marktes reden könnten! Wohl der Stadt, die in der damaligen Zeit meistens eine Musikkapelle in ihren Mauern hatte!
Wenn dann im Sommer an einem schönen Sonntagmorgen Marktkonzerte angesetzt waren, ja dann war es immer eine besondere Freude. So gegen 11.00 Uhr fand sich dann die Jugend ein, die weibliche natürlich besonders sonntäglich geputzt, den schönen Marktplatz umwandelnd. Selbstverständlich ließ sich die studentische Jugend einen so billigen und abwechslungsreichen und auch noch unterhaltsamen Sonntagvormittag nicht entgehen, sie war fast vollzählig vertreten. Die Couleurstudenten mit ihren bunten Mützen trugen neben den hellen Sommerkleidern der Damen ebenfalls zur Belebung des Marktbildes bei.
Zu diesem Marktkonzert gehörten die aus Thüringen nicht wegzudenkenden Bratwurststände. Einfache Roststände, die Feuerstätten unter dem Rost, das Feuer offen gehalten durch die trockenen Tannenzapfen. Die Bratwürste wurden auf den Rost gelegt, gedreht, gewendet, bis sie die richtige Bräune hatten. Eine Semmel wurde aufgeschnitten, die Wurst hineingelegt, dann noch mit Mostrich bestrichen! Es war ein Hochgenuss! Das ganze Fluidum, der Bratwurstgeruch, der sich dabei im Wind leicht kräuselnde Rauch, die Musik, kurzum, echt Thüringen! Und das Schönste dabei: Zwei dieser Rostbratwürste à -,30 Mark mit einem Glas Bier für -,20 Mark daneben konnten ein Mittagessen ersetzen und vertrieben den Kater, den man vom Kneipabend des Vortages mitgebracht hatte. So war es wieder ein billiges und kräftiges Mittagessen! 

Der wahre Wert des Bundes
Die schon 1928 beginnende Wirtschaftskrise zeigte jedoch bald ihre Auswirkungen. Dies führte in Deutschland zu einer Zunahme der Arbeitslosenzahl. Sie stieg von 2 Millionen, Anfang 1929, auf über 6 Millionen bis zum Dezember 1932 an.
Auf die Staatslehranstalt Hildburghausen wirkte sich diese Krise durch sinkende Studentenzahlen aus.
Auch für die Absolventen war es schwer, eine Stellung zu finden. Da zeigte sich der wahre Wert der Bünde: Vielen jungen Absolventen wurde von den „Alten“ geholfen, in den Industriebetrieben Fuß zu fassen, und besonders bedürftigen Bundesbrüdern wurden vom Alt-Herren-Verband zinslose Darlehen gewährt. 

Nach: Otto Abig (Herausgeber): Das Technikum Hildburghausen - Studium und studentisches Leben. Von der Gründung 1876 in Sondershausen/Thür. bis zur Wiedervereinigung Deutschlands 1989/1995. – Verlag Frankenschwelle, Hildburghausen, 1996, S. 103 ff.

Wer lange bedenkt, der wählt nicht immer das Beste.
(Johann Wolfgang von Goethe
1749 – 1832
deutscher Dichter, Naturwissenschaftler, Staatsmann)
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