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Vom Grabhügel

Herrmann Julius Meyer

Vom Grabhügel des Vater Meyer. 

„Gebt mir meinen Stock, ich hab` noch`n weiten Weg vor mir“ – das waren seine letzten Worte, und noch in derselben Stunde rang sich der Geist von dem Staube los, und heim kehrte der Geist zu den Geistern, der Staub zum Staube.

Ein kleiner stummer Trauerzug war`s, der im Morgengrauen aus dem Thore des großen Hauses wallte –

Noch war der lärmende Tag nicht eingezogen, die Pressen träumten noch in ihren hohen Sälen und die Lettern schlummerten noch im Setzkasten – draußen schwirrten die Lerchen zum Himmelsblau empor und das erste Morgenlicht küßte den Thau von den Halmen – wie ein Schatten, so stumm und so düster schritt die kleine Schaar durch die erwachten Fluren, nach dem großen grünen Garten, wo die ewigen Schläfer wohnen. Dort, im blumigen Hügelfeld, ließen die Männer ihre Bürde nieder und in die frisch bereitete Zelle senkten sie den großen Todten ein. Gar treue Augen sahen ihm nach und schwammen in Thränen, stumm blieb`s , die beklommene Brust ließ kein Wort des Abschieds frei – stumm kehrten die schwarzen Männer wieder von dannen; die Lerchen schwirrten wieder und mit den kosenden Sonnenstrahlen fielen die rauhen Schollen auf das bekränzte Dach des kleinen Bretterhauses.

            So ward dem Tod sein Recht gewährt. Daheim aber im großen Haus war das Leben vom vergangenen Tag wieder eingekehrt, Flor und Festkleid sind abgelegt, die Maschinen bewegen sich im gewohnten Tempo, geschäftig rühren sich alle Hände, lenkend und schreibend, fetzend und druckend, falzend und heftend, ätzend und flechtend, schafft’s und strebt`s in allen gewohnten Richtungen, wühlt´s und wimmelt`s wie Ameisenwerk, Steinchen auf Steinchen häufend; jeder Augenblick fördert einen Theil zum Ganzen, Schlag auf Schlag gedeiht ein neues Stück, Alles wirkt und webt an einem Zeug, nach einem Plan, in einem Sinn, mit einem Fleiß, für einen Zweck; in geregelten Pulsschlägen durchströmt schaffendes Leben alle Räume. – So war`s selbigen Tages daheim, wo des Geistes Spur noch fort und fort in neuen Gebilden uns erscheint und des Geistes Stimme noch von allen Wänden wiedertönt.

            Und so ist`s geblieben; noch tagtäglich wandelt der vertraute Geist durch dieselben Räume; ist der eigene Leib auch in`s Reich der Schatten gewichen und welkt die müde Hand in der Gruft, er spottet der Boten seines Willens, in hundert Köpfen lebt er fort, tausend Hände regiert er nach seinem Sinn und in viel tausend Herzen ist er triumphierend eingezogen.

            Der seltenen Geister einer, denen eine freundliche Göttin ewige Jugend verheißen, lebt er fort durch Zeit und Raum. Er lebt fort wie des Vulkanes Feuer, wenn seine Schlackenströme auch verglüht; wie der springende Duell, wenn auch sein Bach in Sand und Meer erstirbt; er lebt fort in flammenden Ideen, die er angefacht, und die von Kopf zu Kopf, von Ort zu Ort, von Zeit zu Zeit zündend weiter springen, wie von Pol zu Pol die elektrischen  Funken übersprühen; er lebt fort in seinen großgewachsenen Werken, die Früchte tragen und befruchten, wie in seinen Thatenkeimen, die noch des Himmels Gunst erwarten, um gedeihend aufzuspringen; er lebt fort in seinem gewaltigen Haß und Fluch, den er über die falschen Götzen der Welt und deren Diener, über die schwarzen Geister der Lüge und Falschheit und deren Besessene, gleichviel ob in Lumpen oder Purpur, ob die Jakobiner = Mütze oder Fürstenkrone auf dem Haupt, in zürnenden Wettern ausgeschüttet; er wird aber auch fortleben unter den verwandten Geistern, die ihm nahe waren, in seiner verschwenderischen Liebe für alles Edle, Humane und Schöne, fortleben in der Verehrung der Vielen, denen er das heilige Feuer idealer Begeisterung in die Seele gegossen, fortleben in der Pietät der Zeit, die ihm folgt, sich seiner Werke freut und von ihm erzählen hört. –

            Das ist die Begeisterung dieses großen Menschen, die vor meinen Augen aufblüht wie die Blumenkelche aus dem grünenden Grabhügel, auf dem ich nieder sitze. Das Auge ist wieder getrocknet und keine Thräne von den Wimpern wehrt mehr dem suchenden Blick in die Ferne, weit, weit hinaus über den schönen Hügel. Damals sah ich nur ihn, mich selbst und die schwarzen Männer, die mit mir waren, jetzt gewahre ich der Freunde mehrere, eine große, unzählige Zahl. Die Freunde sind`s, zu denen der Schläfer, der da unten ruht, stets am liebsten sprach, für die er sein Bestes, was er dachte, immer aufbewahrte, für die er auch in den bewegtesten Stunden, in allen Drangsalen und Fahrnissen seines stürmischen Lebens einen freundlichen Blick, eine Stunde geistiger Sammlung übrig hatte, für die er so freudig die Treffen von den Schwingen seines Geistes brach, mit denen er so gerne sich auf den lichten Höhen seiner Reflexion erging; es sind aber auch die Freunde, die ihn nie verließen, die durch alle Stürme und Windstillen der Zeit bei ihm hielten, – es sind die treuen Freunde seines Buchs.

            Ueber dem schlichten Häufchen Erde, das die Asche meines Vaters birgt, reiche ich Euch die Hand. Wohl hat der Tod des großen Genius Kind verwaist; verlöscht ist die Oriflamme, die durch so viel Jahrläufte seines Universums, auf so viel Altären seiner Gedanken gelodert und den Geist und die Herzen seiner Generation erwärmt; vertrocknet ist die Feder, die in Flammenzügen so viele Menetekel vor des Frevlers Augen schrieb, als sie Apotheosen des Glaubens dichtete, beim müden Wanderer in der Gruft ruht der müde Wanderstab, der Euch seit zwanzig Jahren durch alle Räume der Erde geleitete und so viele schmucke Bilder von Natur und Menschenwerk vor Eure Blicke zauberte; ein mächtigeres Geschick hat dem greisen Wanderer sein Ziel früher auf die Bahn gesteckt, als er gewahrte und wollte – „gebt mir meinen Stock, ich hab` noch`n weiten weg vor mir“ schallte es noch aus dem offenen Grab. –

            Ich nehme ihn wieder auf, den Wanderstab des todten Führers. Ihr aber, ob Ihr dem neuen Führer traut? – Verflucht`s! – Es sind mit ihm der Kundigeren und Begabteren viele; manche, deren Spuren Euch aus dem Dienst des Alten schon bekannt, manche die ihm gar nahe standen und in deren Geist des Alten Feuer wiederleuchtet, viele, die schon lange als der Humanität, der geistigen Freiheit Bannerträger gelten; sind`s auch noch Schüler, so sind sie doch aus des alten Meisters Schule und die Mission, die er ihnen vermacht, erfüllt sie Alle mit Drang und Gluth. Sie klopfen gar kühn an die Pforten der Welt, die des Schönen, Großen und Wunderbaren noch so unendlich viel Euch erschließen sollen; sie erklimmen mit Euch die Füllhörner der Erde und steigen mit Euch nieder in`s stille Waldesdunkel; sie führen Euch auf die Turnplätze des Geistes, oder heben Euch auf den Schwingen der Phantasie in die luftigen Höhen und zeigen Euch unseren Planeten im Weltenraum schwimmen, mit seinen hellen und dunklen Flecken, mit seinem Elend und seinem Glanz; sie begleiten Euch nach den Leichenfeldern vergangener Zeiten, Nationen und Kulturen, die Todten im blendenden Gewand des Lebens zu beschwören, oder sie lustwandeln mit Euch im blühenden Garten der sprossenden Jugendkeime und lassen Euch im Zauberspiegel prophetischer und dichterischer Betrachtung die Gestalt der Zukunft schauen. –

            Genug davon auf dem Todtenhügel. Pflückt Euch zum Abschied von dem letzten Blüthenstrauch, der aus dem gebrochenen Herzen Eures alten Freundes knospete – die letzte Thräne, den letzten Gruß! – Du großer Todter, schlaf du wohl! Leb du wohl, du blumiges Hügelfeld! –

Und nun hinaus in`s frische Weltenleben, hinaus in die Blüthenpracht, zu Sonnenschein und Lerchenschlag, hinaus zur harrenden Schaar der neuen reizenden Bilder und beschwingten Gedanken! Ich führ`Euch an; – wer wird mir folgen? 

                                                                                    Meyer, der Sohn



 Gedenkplakette

 

Es ist ein eigener grillenhafter Zug, dass wir durch Schweigen das Geschehene für uns und andere zu vernichten glauben!
(Johann Wolfgang von Goethe
1749 – 1832
deutscher Dichter, Naturwissenschaftler, Staatsmann)
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