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Von der Wiege bis zum Grabe

Albert Buff

Die kleine Elisabeth stürmt aus dem Haus und jubelt die Gasse hinunter: „Der Storch hat mir ein Brüderchen gebracht! Ich habe aber auch tüchtig Zucker aufs Fensterbrett gestreut.“ Da weiß dann das Dorf in kurzer Frist, dass im Schulzenhaus ein Erdenbürger angekommen ist. Dort herrscht freudige Aufregung, ist doch der ersehnte Junge da, der Erbe des stattlichen Hofes.


„Der Storch hat mir ein Brüderchen gebracht“

In der Stube der Wöchnerin hat die „Ammfra“, die Hebamme, alle Hände voll zu tun. Sie ist stolz darauf, dass die Geburt so glücklich verlaufen ist. Dem lächelnden Vater hält sie den Kalender unter die Augen: „Gut, dass das Büble nicht im Zeichen des Krebses geboren ist. Mit solchen Kindern geht’s nämlich immer rückwärts.“ Dann erklärt sie dem Bauer, wie sie seine Frau auf viele Dinge aufmerksam gemacht habe, die vor der Geburt zu beachten sind. „Bei Feuermachen darf die werdende Mutter nicht ins Feuer blasen, sonst bekommt das Kind rote Haare. Auch muss sie den Friedhof meiden und hässlichen Menschen aus dem Weg gehen, um sich nicht zu ‚versehen’ und ihrem Kinde Schaden zuzufügen.“ Die Hebamme setzt noch hinzu: „Ich habe das Büble auch gleich mit einem Tuch bedeckt, dass ihm die bösen Geister nichts anhaben konnten.“

Der Bauer schaut zu, wie die Hebamme das erste Bad richtet. Heimlich lässt er ein ansehnliches Geldstück ins Wasser gleiten. Damit will er der Frau eine Aufmerksamkeit erweisen. Ursprünglich aber hatte die Münze am Bad des Neugeborenen eine glückliche Bedeutung.

Nach einigen Tagen erscheinen die Nachbarinnen im Schulzenhof und spenden die sog. „Wochensuppe“: Stärkende Mittel wie Nudeln, Reis mit Täubchen oder Hühnchen, aber auch Jäckchen, Strümpfe, Häubchen und Schuhe für das Kind.

Elisabeth tut ihren Kameradinnen gegenüber ungeheuer wichtig: „Meine Mutter darf noch nicht aus dem Haus. Erst wenn das Brüderchen getauft wird, besucht sie die Kirche.“ Es gilt als Schande für eine Mutter, vor der „Aussegnung“ die Schwelle ihres Hauses zu überschreiten, in manchen Orten waren die Vorschriften so streng, dass sie sich nicht einmal am Fenster blicken lassen durfte.

Bei der Taufe geht es hoch her. Die Paten oder die „Döten“, wie es im Grabfeld heißt, schreiten in feierlichem Aufzug mit den Eltern zur Kirche, die Hebamme trägt das Kind. Schwarze Kleidung wird bei dieser Gelegenheit vermieden, um den Täufling nicht mit dem Tod in Berührung zu bringen. Der Sonntag wird gern als Glückstag gewählt, doch dürfen nicht zwei Kinder gleichzeitig aus der Taufe gehoben werden, sonst muss eins davon verderben. Schreit das Neugeborene während der Taufhandlung, so folgen noch weitere Geschwister nach. Beim Heimweg betastet eine Patin unversehens die Kirchenecke mit der Hand, um das Kind vor Zahnschmerzen zu behüten.

Im Schulzenhof wartet ein üppiges Mahl. Der glückliche Vater kann es sich leisten, die Gäste, vor allen Dingen die Gevattern, restlos zufriedenzustellen. Gericht um Gericht wird aufgetragen, dass man meint, die Tische brächen unter der Last. Vor Beginn des Schmauses aber haben die Paten ein Geldgeschenk in allen Münzsorten in den Patenbrief „gebunden“ und dieses „Angebinde“ unbemerkt ins Taufkissen gesteckt.

Wenn das Kind „abgewöhnt“ ist, setzt es die Mutter auf den Fußboden und legt ein Gesangbuch, ein Geldstück und ein Ei dazu. Tastet es nach dem Buch, so wird es einmal heilig, ergreift es das Geldstück, so bedeutet das künftigen Reichtum, wählt es das Ei, so verrät es die Anlagen zu einem rechtschaffenen Bauer. Mit heller Freude beobachtet die Bäuerin, wie der Kleine mit seinen Patschhändchen nach dem Ei langt. In den Keller oder auf den Hausboden darf das noch nicht einjährige Bübchen nicht mitgenommen werden, ebenso hütet sich die Mutter, ihm im ersten Jahr das Haar schneiden zu lassen. Dem Nebenhause wird ein Besuch abgestattet. Die Nachbarin, die darauf gewartet hat, holt ein Ei, berührt damit die Lippen des Kindes und spricht dabei: „Wie die Hühner gatzen, soll mei Büble schwatzen!“ Nun wird es bestimmt in kurzer Zeit das Sprechen lernen.

Die Schulzenbäuerin ist natürlich erfreut, wenn sie bei einem Ausgang von den Dorfleuten angehalten wird. Sie ist empfänglich für die Schmeichelworte, welche Mutter wäre das nicht. Aber sie achtet darauf, dass diejenigen, die ein Lob spenden, hinzufügen: „Ich will’s aber nicht beschreien!“ Damit sollen etwaige böse Geister, die überall lauern, abgehalten werden.

Die Jahre fliegen pfeilgeschwind. Der Bub, Hans geheißen, wird in die Schule geführt und nimmt die große Zuckertüte in Empfang. Er lernt, spielt in der Freizeit und balgt sich nach Jungenart mit den Kameraden herum. Dann folgt eine wichtige Lebenswende: die Schulentlassung und die Konfirmation. Da wird tüchtig gefeiert, die leiblichen Genüsse spielen eine große Rolle. Jetzt treten auch die Paten wieder hervor. Sie schenken Geld, eine Uhr und ein Gesangbuch. Dafür muss der Konfirmand einen Gang tun, der ihm sauer wird. Er hat sich nämlich nach altem Herkommen bei den Paten zu bedanken und sie um Verzeihung zu bitten, falls er sie betrübt oder beleidigt haben sollte. Hans ist froh, dass er nicht wie in anderen Dörfern einen langen „Abbetreim“ einzulernen und vorzutragen hat.

Wieder verstreichen die Jahre. Hans geht dem Vater tüchtig zur Hand und bekommt nunmehr schon selbstständige Aufgaben zugeteilt. Die Schwester Elisabeth fehlt im Haushalt, ein Bauer aus dem Nachbardorf hat sie als Gattin heimgeführt. Der Schulzensohn, zu einem stattlichen Burschen herangewachsen, schaut sich auch schon nach den Dorfschönen um. Bei der Kirmes führt er den Plan mit auf und wählt sich als Planmädchen eine Maid, die ihm gefällt. Er weiß, dass er für den Hof eine Frau braucht, die wacker zugreift und die Wirtschaft so zusammenzuhalten vermag, wie es seine Mutter getan hat. Die Alten sind müde geworden und wollen sich ins Altenteil zurückziehen. Da muss denn schleunigst Hochzeit gefeiert werden.

Hochzeit im Dorf! Das ist ein Fest, das nicht nur die Familie, die Verwandten und Bekannten angeht, sondern an dem die ganze Gemeinde teilnimmt. Im Schulzenhaus haben schon Tage vorher die Vorbereitungen begonnen. Von allen Seiten bringen die Leute Rahm, Milch, Butter, Zucker und Gewürze zum Backen ins Hochzeitshaus. Da werden Berge von Kuchen zugerichtet, und die damit beschäftigten Frauen sind ängstlich dahinter her, dass duftendes Backwerk den Backofen verlässt, denn missraten die Kuchen, so wird die Ehe unglücklich. Den Gästen wird vor dem Hochzeitstag Kuchen mit einer nochmaligen Einladung ins Haus geschickt, die Paten erhalten doppelte Portionen an breiten Kuchen und Pfannkuchen.

Der Hochzeitstag ist unter genauer Beachtung allen Herkommens festgelegt. Die Feier muss bei zunehmendem Mond stattfinden und ja nicht in der Fastenzeit, denn „Fastenzeit macht arme Breit“, d. h. arme Brautleute. Die Schulzenbäuerin hat einen Donnerstag ausersehen, ist doch ihre eigene Hochzeit auch an diesem Glückstag gewesen.

Endlich ist es soweit. Am Vorabend finden sich die Gäste und sitzen vergnügt vor den gehäuften Tellern und den vollen Schüsseln. Hans strahlt neben seiner schmucken Braut. Plötzlich ein Klirren, Krachen und Splittern, dass man meint, das Haus stürze zusammen. Aber niemand von der fröhlichen Gesellschaft erschrickt, wissen doch alle, dass das „Poltern“ zu einer ordentlichen Hochzeit gehört. Die Dorfleute haben beschädigte Töpfe, Tiegel, Pfannen und Krüge herbeigeschleppt und werfen sie in den Hausflur. Bei solchem Lärm müssen alle bösen Geister die Flucht ergreifen und das Brautpaar in Ruhe lassen.

Der Festtag bricht an. Die Braut wird geschmückt und darf beileibe keine Hand rühren, sonst wird sie in ihrem Haushalt nie fertig. Die alte Bäuerin steht freudestrahlend vor ihren Kindern und gibt ihnen die letzten Verhaltungsmaßregeln: „Du, meine liebe Schwiegertochter, darfst dich auf dem Weg zur Kirche nicht umdrehen. Tust du es, so ist euere Ehe nicht beständig und wird in Scherben gehen. Richtet es so ein, dass ihr mit dem linken Fuß das Gotteshaus betretet und lasst vor dem Altar ja nicht euer Taschentuch fallen, das bedeutet einen Todesfall.“

Der Zug ordnet sich. Voraus trippeln zwei weiß gekleidete Mädchen und streuen Blumen auf den Weg. Die Brautleute rücken dicht zusammen, denn in eine entstehende Lücke fährt der Teufel, der immer nur Böses sinnt. Dann folgen die Brautjungfern mit ihren Brautführern, die Eltern und die Gäste. Mit Befriedigung nehmen alle Beteiligten wahr, dass ein feiner Sprühregen niedergeht. Netzt ein gelinder Regen den Brautkranz, hat die künftige Bäuerin Reichtum zu erwarten. „In den Brautkranz Regen bringt Segen!“

Auf halbem Wege muss der Zug halten. Ein Seil ist gespannt, Schüsse dröhnen, und die Burschen von der Spinnstube rollen ein leeres Fass bis vor die Füße des Brautpaares. Dem Bräutigam wird ein Stück Kreide in die Hand gerückt. Er weiß, was er zu tun hat, und malt auf das Fass die Anzahl der Liter, die er als Freibier spenden will. Der Weg wird frei gemacht, die feierliche Handlung am Altar vollzieht sich ohne Störung.

Bei der Rückkehr aus der Kirche wartet der Neuvermählten an der tannengeschmückten Haustür eine neue Überraschung. Ein Mädchen präsentiert auf einem Teller zwei Gläser Wein. Da heißt es aufpassen und flink sein! Wer nämlich sein Glas zuerst geleert hat, wird im Hause das Zepter schwingen. Hans kommt seiner jungen Gattin zuvor. Er ist längst fertig, ehe sich die junge Bäuerin mit dem ungewohnten Getränk zurechtfindet. Nun werden die Dorfleute nicht spötteln können: „Die Schulzenfrau hat die Hosen an!“

In der frisch gescheuerten Stube des Schulzenhauses tafelt die Hochzeitsgesellschaft bis in die Nacht hinein. Vorzügliche Speisen und reichliche Getränke schaffen eine ausgelassene Stimmung. Im Mittelpunkt der Feier steht natürlich das junge Paar, das sich mancherlei Neckereien durch die Jugend gefallen lassen muss. Wenn die Fröhlichkeit ihren Höhepunkt erreicht hat, erscheint die Köchin und klagt, dass sie ihre Schürze verbrannt habe. Die Hochzeitsgäste wissen sie zu trösten, indem sie ihr Geldstücke zuwerfen. So kommt auch die viel geplagte Verwalterin der Küche auf ihre Rechnung.

Als die Nacht hereinbricht, stellt sich die Musik ein – – – der Tanz beginnt. Die bekannten Volksweisen klingen auf, und es wird so gemütlich, dass selbst die Alten wieder einmal das Tanzbein schwingen und an ihre selige Jugendzeit zurückdenken. Kurz vor Mitternacht wird der Brautkranz ausgetanzt und dem nächsten Brautpaar überreicht. Die Neuvermählten werden mit verbundenen Augen mehrmals im Kreise gedreht und greifen dann auf gut Glück einen Burschen und ein Mädchen heraus. Dieses Paar tanzt unter dem Jubel der Umstehenden den Beschluss.

Am nächsten Tag bringen die Gäste ihre Geschenke. Sie werden vor dem Hause im Freien aufgebaut, damit sie die ganze Dorfbewohnerschaft bestaunen kann. Und dann warten die Neugierigen auf den Wagen, der die Mitgift der jungen Frau in ihr neues Heim führt. Hei, da gibt es zu schauen! Zwei Wagen mit Möbeln und prall gefüllten Federbetten. Ein drittes Gefährt ist beladen mit schönen weißen Säcken voller Getreide. Dahinter treibt ein Bub das sauber gestriegelte Vieh. Die Leute stecken die Köpfe zusammen und flüstern sich zu: „Wenn der reiche Schulzenhof noch solchen Zuwachs erhält, dann kann es freilich nicht fehlen!“

Das Leben bringt Glück und Leid, auch im Schulzenhof. Kinder kommen, die Alten sterben dahin. Wieder zieht eine junge Bäuerin ein und übernimmt mit ihrem Mann, dem ältesten Sohn von Hans, das Regiment. Dieser selbst ist grau geworden und kränkelt. Er ahnt, dass es mit ihm zu Ende geht. Draußen auf dem Rübenacker hat er weiße Blätter entdeckt, und der Totenvogel, das Käuzchen, hat die letzten Nächte schaurig gerufen. In der Stube ist während der Abendmahlzeit das große Bild ohne jeden Grund von der Wand gefallen, so dass die junge Frau erschreckt aufsprang und ausrief: „Es hat sich ‚geägnet’ – – – da passiert etwas!“ Der Alte hat wehmütig dazu genickt, er weiß die unheimlichen Zeichen zu deuten. Kurze Zeit darauf durcheilt das Dorf die Kunde: Der alte Schulzenhans ist tot!

Da wird die letzte Feier veranstaltet, diesmal einem Toten geweiht. Stille im ganzen Anwesen. Solange ein Toter im Hause ruht, darf keine Arbeit verrichtet werden, sie würde nicht von Segen sein. Die Leichenfrau säubert und schmückt den Dahingeschiedenen. Dabei vermeidet sie es, einen Knoten zu binden, um ihm den Frieden des Grabes nicht zu stören. Das Waschwasser wird sofort weggegossen, denn es besitzt eine unheimliche Macht. Gerät es in unrechte Hände und wird etwas in einem Gläschen im Stall versteckt, so bringt der Inhaber kein Tier hoch. Die Leiche wird im „Hausehrn“, dem geräumigen Flur, aufgebahrt. Die Fenster stehen weit offen, will doch die Seele einen Ausgang zu den himmlischen Gefilden haben.

Die Glocken der Dorfkirche „schlagen zusammen“. Der junge Bauer lauscht gespannt, ob die Uhr in der Stube zu gleicher Zeit die Stunde angibt. Gottlob, es ist nicht der Fall, da wird das Trauergeläute sobald nicht wieder ertönen. Besonders geladene Nachbarn nehmen den Sarg hoch und tragen den Toten mit den Füßen voraus aus dem Haus. Sofort stürzt die Bäuerin die Stühle um, auf denen der Sarg gestanden, auch schüttet sie hinter den Trägern einen Eimer Wasser auf die Dielen. Warum tut das die junge Frau? Sie weiß sicherlich selbst nicht, sondern folgt eben einer alten Sitte. Die Leute haben wohl das dunkle Gefühl, dass jede Spur des Toten verwischt werden muss, um eine Wiederkehr zu vereiteln. Damit sind sie auf dem richtigen Weg. In grauer Vorzeit glaubten nämlich die Menschen, Abgeschiedene könnten in dämonischer Absicht zurückkommen und jemand mit sich reißen. Draußen harrt schweigend das Trauergeleite. Alle Männer und Frauen des Dorfes geben dem Verstorbenen „die Ehre“, war doch der Schulzenhans als biederer und rechtschaffener Mann allgemein beliebt.

Nach dem Begräbnis finden sich die Leidtragenden zu Kaffee und Kuchen im Schulzenhof zusammen. Der junge Bauer hält nichts von dem „Leichenschmaus“, er trauert ehrlich um seinen braven Vater und möchte am liebsten allein sein. Aber er will die Bräuche der Gemeinde nicht verletzen, um unnötiges Aufsehen zu vermeiden. Die Gäste ehren die Trauer des Sohnes und brechen bald auf. Man soll ihnen nicht nachsagen können, dass sie, wie es schon öfter vorgekommen ist, den Leichenschmaus in ein fröhliches Fest mit Gesang und Tanz hätten ausarten lassen. Unterwegs sprechen sie noch von dem verstorbenen Altbauer und wissen nur Gutes von ihm zu erwähnen.

Ein frischer Hügel wölbt sich über dem Grab des Schulzenhans, den wir von der Wiege bis zur Bahre begleitet haben.

Nach: Albert Buff: In: Heimatkundliche Lesebogen des Kreises Hildburghausen. Nr. 13 – Hildburghausen, o. J. (nach 1947), S. 9 ff. (leicht korrigiert von HJS, Mai 2014)
Die Entdeckung, dass es so einfach nicht ist, wie man gedacht hat, ist als Gewinn anzusehen.
(Carl Friedrich von Weizsäcker
1912 – 2007
deutscher Physiker, Philosoph und Friedensforscher)
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