Eine Seite für Hildburghausen

Wir wollten zeigen, dass wir noch leben!

Gedanken von Hans-Jürgen und Bastian Salier
zur Friedlichen Revolution
und zu ihrem Buchtitel
Es ist Frühling und wir sind so frei
Die Typen der beiden Schreibmaschinen Marke „Erika“ hämmerten monoton auf das Papier. Ein Dauerfeuer der Buchstaben, das in den letzten Septembertagen 1989 aus der kleinen Wohnung im zweiten Stock eines Wohnblocks in der Hildburghäuser Rosa-Luxemburg-Straße drang. Eigentlich nicht ungewöhnlich, denn geschrieben wurde hier immer irgendetwas. Doch vielleicht wäre es diesmal ratsam gewesen, sich zu ducken. Vielleicht konnte dieser Text zur Gefahr für die Schreiber werden. Es waren zwei engbedruckte Seiten mit einem Aufruf des Neuen Forums für mehr Gerechtigkeit und Demokratie in der DDR, die immer und immer wieder kopiert wurden. Eine gefährliche Munition.

Die Tasten mussten kräftiger als sonst bearbeitet werden, damit auch der letzte Durchschlag noch zu lesen war. Drei Lagen Kohle- zwischen vier Blättern holzhaltigem Schreibmaschinenpapier: Die o und e schlugen kleine Löcher in das obere Blatt. Sonst war alles wie immer – aber die Gedanken der beiden Schreibenden taumelten und schlingerten in diesen Tagen mit einer nicht gekannten Unruhe hin und her. Alles Mögliche wurde durchdacht und wieder verworfen. Neue Ideen rissen einmal errichtete Gedankengebäude wieder ein, spontane Einfälle machten feste Entschlüsse zunichte; und feste Entschlüsse, neue Lebensentwürfe entstanden fast pausenlos. So ist das in Zeiten, in denen vieles, vielleicht alles anders zu werden droht oder zu werden verspricht. 

Die Schreibmaschine hatte der Vierzehnjährige von seinem Vater bekommen, der im Zimmer nebenan schrieb. Der hatte den Aufruf mitgebracht, sein Freund Eckhard Witter aus Gleicherwiesen hatte ihn ihm zugesteckt.

Für den Sohn war es allemal ein Abenteuer, ein Geheimnis. Und ein wirklich guter Anfang für einen, der sich vorgenommen hat, später als Journalist die Welt kennenzulernen. Und natürlich eine wirklich kommunistische Welt – aller Voraussicht nach. Nein, daran gab es nichts zu zweifeln, es würde eine schöne Welt sein. Denn das, was jetzt begann, war nicht etwa Konterrevolution, wie er in der Schule hörte: Es war die nächste Stufe der Weltrevolution. Die Geschichte muss doch vorwärts gehen, sie kann sich nicht zurückbewegen. Das ist ein Gesetz._____

Gorbatschow war der Anfang. Seit Monaten hefteten sich die Jugendlichen Anstecker mit dem Bildnis des Generalsekretärs der KPdSU an die Jacken. Einige Lehrer sahen darüber hinweg, wollten damit nichts zu tun haben, andere redeten sogar offen im Unterricht darüber. Sie diskutierten, wollten ehrlich überzeugen, dass Perestrojka und Glasnost sicher für die Sowjetunion der richtige Weg sei, aber für die DDR war er es ganz gewiss nicht. Hier herrschten andere Voraussetzungen. Wir sind doch erfolgreich, machen wir einfach weiter so, sagten sie. Und dann gab es da noch ein paar Lehrer, die sich derartige Provokationen verbaten.

Im Frühjahr 1989 war er in die Freie Deutsche Jugend aufgenommen worden. Beim Appell auf dem Schulhof der „Ernst-Thälmann-Oberschule“ in der Waldstraße gehörte er nun zu dem dumpfen Chor der Großen. „Freundschaft“ brummten die, so tief es ging, die Pioniere piepsten nur „Immer bereit!“

Doch kurz darauf kam der Bruch, die Entwicklung von kindlicher Begeisterungsfähigkeit zu einem eigenen Bewusstsein, noch gar kein Selbstbewusstsein, nur Bewusstsein. Und das hatte viel mit dem zu tun, was die West-Fernsehsender seit Juli in den Nachrichten zeigten: Botschaften mit Tausenden von DDR-Flüchtlingen, Reportagen über das Regime, die Grenze, Umweltverschmutzung, Menschenrechtsverletzungen, kaputte Städte, Perspektivlosigkeit, eine marode Wirtschaft ... 

Im „Städteexpress“ der Deutschen Reichsbahn von Meiningen nach Berlin-Hauptstadt der DDR konnte man den Gesprächen der Funktionäre, Wirtschaftsbosse und Militärs lauschen, die immer kritischer wurden. Das war nicht das gewöhnliche altbewährte Gemecker, das den sozialistischen Wartegemeinschaften als nützlicher Zeitvertreib diente, das waren delikatere Gespräche, ernsthafte Wortwechsel. Oft war der Vater unterwegs nach Berlin zu seinem Arbeitgeber, dem „transpress VEB Verlag für Verkehrswesen“, wo er als Buchlektor für Philatelie, Postgeschichte und Numismatik arbeitete. Den Lehrerberuf hatte er irgendwann an den Nagel gehängt. In der geistigen Leibeigenschaft der Volksbildung gab es auch nach 25 Jahren Schuldienst keine Aussichten auf ein Fünkchen Freiheit oder ein wenig Karriere für einen manchmal meckernden Parteilosen. Das Fach Geschichte, er hatte es nicht studiert, nahm man ihm weg. Was blieb, waren Deutsche Sprache und Literatur und eine Menge Freizeit in der Nischengesellschaft DDR. 

Manchmal fuhr die Familie mit nach Berlin. Im August 1989 zum letzten Mal. Die Atmosphäre am Brandenburger Tor war teils gespenstisch, teils hoffnungsvoll, nur, dass zwischen diesen beiden Attributen die Mauer stand. Auf der Seite, auf der wir uns befanden, waren die Horrorutopien Orwells Realität geworden: Kameras auf den Dächern, Richtmikrofone irgendwo und überall, Wachsoldaten mit Stahlhelmen und geschulterten Schnellfeuerwaffen, Stasispitzel in Zivil patrouillierten. Auf der anderen Seite, vielleicht 200 Meter weiter, hatten sich die Menschen auf Leitern oder Gerüste gestellt und winkten, riefen. Auf dieser Seite höchstens Flüstern: „Spätestens in fünf Jahren gehen wir Hand in Hand durch dieses Tor.“ Zornige Blicke erntete der Familienvater ob dieser unvorsichtigen Worte. In der Familie wird danach noch oft über diesen Satz geredet. Seine Erfüllung rückte immer näher mit jeder Botschaftsbesetzung, mit der Grenzöffnung in Ungarn, mit jedem Friedensgebet, mit jedem noch so kleinen bisschen Courage, die jeder einzelne zusammenkratzte, mit jedem abgetippten Aufruf, der an irgendjemanden weitergegeben wurde.

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Wir hatten Angst, aber wir hatten den Willen, etwas zu tun. Wir wollten zeigen, dass wir noch lebten und nicht die konfektionierten Hirntoten geworden waren, die sich „der Große Bruder“ einst wünschte. Und im Übrigen: So groß sollten die Veränderungen ja nicht werden. Ein wenig Reisefreiheit hier, ein Stück von der großen Welt dort, ein bisschen mehr Wohlstand. Umso grotesker liest sich da die Information, die Mitte Oktober an die Organisationseinheiten der SED versandt wurde. Denn auch auf jener Seite herrschte Angst, erbärmliche Angst vor jeder Art von Veränderung. Die verkrustete Staatspartei kriminalisierte die bescheidenen Ansätze einer demokratisch gesinnten Opposition:

„Seit längerem unternehmen äußere und innere sozialismusfeindliche Kräfte intensive Versuche, in der DDR oppositionelle Gruppierungen und Strukturen zu schaffen und zu legalisieren. Unter Bruch der Verfassung und des geltenden Rechts, zum Beispiel der Verordnung über die Gründung und Tätigkeit von Vereinigungen vom 6. November 1975, wurden in jüngster Zeit mehrere oppositionelle personelle Zusammenschlüsse illegal gegründet. Bekannt wurde u. a. das ‚Neue Forum’, die sogenannte Sammelbewegung ‚Demokratischer Aufbruch’, die Bürgerbewegung ‚Demokratie jetzt’ und die ‚Sozialdemokratische Partei’. Das geschieht nicht zufällig zur gleichen Zeit, da maßgebliche imperialistische Kräfte mit einer hasserfüllten Kampagne gegen die DDR den Sozialismus diffamieren und Zweifel an seiner Perspektive verbreiten. Eine zentrale Rolle ist dem ‚Neuen Forum’ zugedacht, das sich illegal in Berlin sowie in den Bezirken Leipzig, Halle, Gera, Karl-Marx-Stadt und Frankfurt/Oder konstituiert hat und in allen anderen Bezirken über sogenannte Kontaktstellen bzw. Kontaktadressen verfügt. Die Autoren dieses ‚Neuen Forums’ betreiben die Geschäfte der Feinde des Sozialismus. Ihnen ist es gelungen – anknüpfend an reale Probleme und Widersprüche unserer sozialistischen Entwicklung – bei nicht wenigen Bürgern der DDR, darunter auch jungen Menschen, Gehör zu finden und Verwirrung zu stiften.“ 

Verwirrung stifteten wir also und Unruhe. Wir brachen die Verfassung! Illegal machten wir gemeinsame Sache mit dem Weltimperialismus! Die westlichen Medienkonzerne waren unsere Dienstherren! – Meine Güte, wir machten ja schon in die Hose, wenn jemand an der Tür klingelte. Schnell verschwanden dann die angeblich so hasserfüllten und sozialismusfeindlichen Papiere in die Schublade. Welch komplette Überschätzung einer Macht, die das „Neue Forum“ niemals wirklich hatte und schon gar nicht zu dieser Zeit. Und es war eine für die Einheitspartei fatale Überschätzung, denn sie führte dazu, dass das „Neue Forum“ und die anderen oppositionellen Gruppen, die man einige Wochen zuvor noch so gut im Griff zu haben glaubte, für einen Großteil der Bevölkerung zu einem wirklichen Hoffnungsschimmer wurden, zu einem Anker in einer immer irrealeren Welt, die nur noch aus Phrasen und Flickwerk zu bestehen schien. Und das ist ihr großes Verdienst – sie haben sich mutig der Macht entgegengestellt, haben ihren Verstand gebraucht und haben den Einflusslosen geholfen, sich aus ihrer Unmündigkeit zu befreien.

Hier beginnt unsere Chronik.
Irgendwann zum Jahreswechsel von ‘89 auf ‘90 oder offiziell auch Wochen danach fingen die bürgerlichen Parteien an, zum Wahlkampf zu blasen. Die Deutsche Einheit war beschlossene Sache. Das „Neue Forum“ und die anderen Bürgerbewegungen hatten ihren Einfluss längst verloren.
Hier endet unsere Chronik.
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Inzwischen ist die Einheit Alltag geworden. Die meisten haben sich an die gewonnenen Freiheiten gewöhnt, wie an ein schönes Bild, das man erst begeistert kauft, und nach einer Weile beachtet man es kaum noch, weil es wie selbstverständlich im Zimmer hängt. Einige Menschen verharren in misslauniger Nostalgie und träumen von der muffigen sozialistischen Nestwärme, die das eigentliche Übel ihres Lebens war. Doch ein Jahrzehnt nach den Ereignissen der Kerzenlichtrevolution in den Herbsttagen des Jahres 1989 scheint das alles längst wieder vergessen zu sein. Vergessen ist auch, wer die politische Apathie der DDR seinerzeit beenden will, wer sich mutig mit der Erklärung Aufbruch 89 und den friedlichen Worten „Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit“ dem System entgegenstellt: das „Neue Forum“. Wer kennt eigentlich noch die Namen der vielen anderen Bürgerinitiativen, wer weiß noch, was wirklich passiert ist in diesem halben Jahr zwischen September ‘89 und März ‘90?
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So feierte noch am 7. Oktober 1989 die Staatsmacht mit großem Pomp den 40. Geburtstag der DDR. Feststimmung will bei vielen Menschen deswegen nicht aufkommen, denn das einst von Marx und Engels in der Programmschrift Kommunistisches Manifest propagierte Gespenst des Kommunismus ist längst bittere und millionenfach verfluchte Realität geworden. Während es in den meisten Ländern Osteuropas schon in den letzten Zügen liegt, tanzen die hinter Stacheldraht und Minenfeldern gehaltenen Vorzeigekommunisten der DDR auf seinem Totenbett. Und die ersten Demonstranten bringen abseits der Jubelfeiern ebenfalls ihr Geburtstagsständchen: „Happy birthday, Polizeistaat!“ 

Die Menschen werden kurz vor dem selbstverschuldeten Kollaps der DDR mutig. Sie besinnen sich eines oft erprobten Rezepts, wie man die Herrschenden zur Räson bringt: des Protests der Straße. In der „Heldenstadt“ Leipzig, in Dresden, in Plauen, Ilmenau und anderswo wird das längst erfolgreich praktiziert. Hinter den Bergen, in der „Autonomen Gebirgsrepublik Suhl“, im grenznahen Raum, der Provinz ohne größere städtische Zentren, ohne bedeutsame internationale Kontakte, dauert der Lernprozess länger. Vielleicht auch, weil hier die Unterdrückungsmechanismen perfekter funktionieren, in diesem ländlich strukturierten Raum mit den vielen kleinen und großen Abhängigkeiten, wo „subversive Elemente“ kaum eine Chance hatten. Man hat hier in der Vergangenheit leidvolle Erfahrungen mit der Unterdrückung oppositioneller Kräfte, Zwangsaussiedlungen und Verbrechen an der Demarkationslinie gemacht. Und wie stets, egal unter welcher Herrschaft, wurde das Prinzip der Anpassung schnell und erfolgreich angewandt.  

Die Revolution der Kerzen und Transparente mit Aufschriften wie „Keine Gewalt“ beginnt. Auch innerhalb der SED mehren sich kritische Stimmen, die sich neu orientieren wollen, die tatkräftig mithelfen, das stalinistische System zu überwinden. Sie sind sicherlich nicht die Wendehälse, die die Situation rasch erkennen und sich auf die Seite der vermeintlich neuen Sieger flüchten. Manche erkennen die Chancen der Zeit und stellen sich der Kritik. Die meisten delegieren jedoch ihre Verantwortung nach oben, und die Oberen sagen, die Unteren hätten sie belogen oder desinformiert. Nach der Zerschlagung des Dritten Reiches war es ähnlich, man redete und wendete sich bis zum Persilschein durch.  

Auch wenn nach Grenzöffnung und Einheit SED-Mitglieder rechtfertigend erklären, dass man in die SED hätte eintreten müssen: Nein, das war nicht so. Man wurde nicht gezwungen, man musste auch keine Repressalien erleiden, wenn man nicht den Aufnahmeantrag für die Einheitspartei abgab. Darüber ist so viel in den letzten Jahren geschwätzt worden. Für die Menschen ohne Parteibuch gab es allerdings zumeist keine allzu große Karriereleiter. Viele zogen es vor, bescheidener zu leben und sich in der Nischengesellschaft DDR einzurichten. Selbst für die Stasi musste man nicht arbeiten, auch nicht, wenn man erpresst wurde. 

Die Autoren der Dokumentation des Aktivs Staatssicherheit und der Zeitweiligen Kommission Amtsmissbrauch und Korruption des Bezirkstages Suhl charakterisieren in ihrer im Frühjahr 1990 erschienenen aufsehenerregenden Schrift in wenigen Zeilen treffend das komplizierte Kastensystem der DDR:

„Der Mensch als Person und Persönlichkeit wird nach einem Schubkastenprinzip eingestuft. Er wird als Mitglied der Partei der Arbeiterklasse höher bewertet als ein Nichtmitglied. Die Mitglieder der befreundeten Parteien werden zunehmend als differenzierte Personen gesehen, die sich dem Zugriff der SED entziehen wollen oder auch als ‚Andersdenkende’ gesehen werden, die ihre Gedanken und Ideen einbringen wollen. Parteilose werden höher eingestuft als Mitglieder befreundeter Parteien, da sie Reserven für die SED darstellen bzw. sich nicht eindeutig festgelegt und bekannt haben. Die Gesellschaft zerfällt in ‚Klassen’ und ‚Schichten’, Privilegien werden genutzt, um wie Marx schon feststellte, von ‚der allgemeinen Gesamtheit abzuschließen, aber zugleich zu einer kleineren exklusiven Gesamtheit zusammenzuschließen’. Hierin liegt zugleich die Wurzel, eine Wurzel nichtrealer sozialistischer Demokratie, und es tritt damit verbunden ein Geheimnis etablierter und entfremdeter Macht offen zutage. Stereotype Wort- und Begriffsbildungen und deren Inhalte, Wie: ‚Unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei ...’, ‚Alles zum Wohle des Volkes ...’, ‚Die Macht dient dem Wohl des Volkes’ (Artikel 4 der Verfassung) unterstützen den systematischen Aufbau eines kollektivistischen Menschenbildes (‚Vom Ich zum Wir’), das den Menschen als Person und Persönlichkeit negiert. Mit dem Artikel 47 der Verfassung der DDR wird zugleich der ‚demokratische Zentralismus’ und nicht die Volkssouveränität als das höchste Prinzip des sozialistischen Staates fixiert.“
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 Die Menschen richteten sich ein. Der verwaltete Mangel machte erfinderisch. Es wurde gearbeitet, geschachert und improvisiert, gemeckert, gefeiert und die Partei- und Staatsmacht oftmals ausgetrickst, man kuschelte sich ein in die sozialistische Nestwärme. Die Lebensplanung war von Staat und Partei weitgehend vorgegeben und da und dort privat noch ein wenig korrigiert. Man schrieb in geistiger Prostitution Stellungnahmen für den Sozialismus und gegen die Bonner Ultras und Menschenhändler. Insgesamt herrschten aber Ruhe und kollektive Trägheit im „langweiligsten Land der Erde“, wie es von Volker Braun einmal genannt wurde. 

Das Leben in der DDR lässt sich mit einem Wort charakterisieren, das häufig auf Formularen zu lesen war: „wohnhaft“. Und tatsächlich, es war eine Wohnhaft, für viele mehr als die Hälfte ihres Lebens, aus der sie mit gelegentlichen Freigängen in die östlichen Bruderländer mit klar fixierten Auflagen kurzzeitig entlassen wurden, oder im vorgerückten Alter genossen sie den Luxus, mit 5.- D-Mark Taschengeld in die Bundesrepublik Deutschland reisen zu dürfen. Die Rückkehrer sprachen allemal zwar von Problemen, schwärmten aber meist von den Lebensverhältnissen.
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Auch wenn, gemessen an Leipzig und anderen Orten des revolutionären Aufbruchs, südlich des Rennsteigs alles mit einer Zeitverzögerung von bis zu 20 Tagen stattfindet, ist es trotzdem interessant, wie die Entwicklung hier abläuft und mehr und mehr Eigendynamik erhält. Die Autoren sind dankbar, diese Entwicklung selbst miterlebt und ein Weniges davon mitgestaltet zu haben, sie erinnern sich gern an die aufregenden, befreienden, spannenden, fröhlichen und solidarischen Oktober- und Novembertage. Einmaliges geschieht. In der Zeit allergrößter DDR-Alltags-Tristesse finden sich plötzlich Hunderttausende Menschen friedlich zusammen, um sich Luft zu machen über eine mehr als vier Jahrzehnte widerlich rechthabende Partei, eine vergreiste und unfähige Regierung, gegen miese Parteiobere in den hierarchischen und kastenähnlichen Etagen des Kreises und des Bezirkes.

Die „Feierabendrevolutionäre“, wie sich die Protestierenden manchmal selbstironisch nennen, schweigen diszipliniert und trotzig bei den Schweigemärschen mit der Kerze in der Hand, sie schreien sich aber auch Frust und Wut aus dem Leib – klar und deutlich, nicht immer bestimmt für zarte Ohren oder ein Sonntagsschulbuch. Die Menschen tragen oft witzige Transparente, und so manches Bettlaken muss daran glauben, sie verspotten die „Sicherheitskräfte“ und führen sie in die Irre, während die sich am nächsten Tag im Parteiblatt Freies Wort über das ungesetzliche Verhalten der Protestierer entrüsten, als gäbe es selbst für Revolutionen sozialistische Rechtsvorschriften. Am Tag grüßen sie sich mit dem Victory-Zeichen, die Autoantennen oder die Aufschläge der Jacken und Mäntel ziert das 40 Zentimeter lange grüne Band, sie schauen nachts im Westfernsehen stundenlang Situationsberichte aus ihrem eigenen Land und gehen am nächsten Morgen wie sonst auch ihrer Arbeit nach. Und wenn Demo- oder Friedensgebetzeit ist, erscheinen sie pünktlich, meist nicht mehr als fünf Minuten vor der angesetzten Zeit. Und mit wenigen, diszipliniert eingesetzten Mitteln bringen sie es fertig: Diese Menschen stürzen ihre Regierung, als sei es das Normalste der Welt. Keine politische Partei, keine Ideologie, kein Volkstribun steht hinter ihnen, ihre Kraft ist das erwachende Selbstbewusstsein. Ja, sie „missachten“ sogar die Leninsche Revolutionstheorie – und die Revolution gelingt.
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Es wurde und wird noch viel spekuliert über den schicksalhaften und doch für das deutsche Volk so glücklichen 9. November 1989, als das Politbüromitglied Günter Schabowski die Reisefreiheit und damit die Grenzöffnung scheinbar lapidar verkündete. Ein Versehen, ein Irrtum, ein Geschenk gutwilliger und reformfreudiger SED-Politiker oder die inszenierte Selbsthilfe der SED-Betonköpfe, die sich unter den Fittichen des nahenden Rechtsstaates Bundesrepublik Deutschland sicherer wähnten? Der Suhler Komponist und Bürgerrechtler Siegfried Geissler bezeichnet den Alleingang Schabowskis gar als eine der größten Schwejkiaden. Eines wird deutlich: Mit dem 9. November wird genügend revolutionärer Dampf durch das Ventil Reisefreiheit abgelassen. Für viele Protestierer erfüllt sich damit bereits ein Lebenstraum ... 

Eine Umkehr ist ab da offensichtlich ausgeschlossen, doch die Angst bleibt vor der möglichen Waffengewalt, vor den geplanten Internierungslagern, psychischem und physischem Terror und hält bei vielen Menschen noch Wochen und Monate an. Nicht auszuschließen war der militärische Einsatz gegen die Bevölkerung, KZ-ähnliche Internierungslager für die Aufmüpfigen waren bis ins Detail geplant, auch für unliebsame Menschen aus dem Kreis Hildburghausen.  

Ganze Heerscharen von Wissenschaftlern einschließlich altstalinistischer Philosophen sind jetzt bemüht zu definieren, ob die Ereignisse des Herbstes in der DDR eine Revolution waren oder nicht. Die Leser im Osten Deutschlands wissen es – ihnen hatte man oft genug die Leninsche Revolutionstheorie eingehämmert. Heute ist man eher bemüht, diese Friedliche Revolution kleinzureden. Es ging aber nicht allein um die Ablösung einer Clique unfähiger Politiker, sondern um die Überwindung des sozialistischen Zwangssystems, das – so zeigt das Scheitern der verschiedenen Sozialismus-Modelle – nicht in der Lage ist, die Probleme der menschlichen Gesellschaft zu lösen, sondern sie nur noch zu verschärfen. Und so dürfte spätestens im Dezember ‘89 jedem klar geworden sein, dass hier überholte politische Strukturen vollkommen abgelöst werden müssen und kleinliche Reparaturen und auch die Reform des Sozialismus nicht mehr helfen konnten. Wer nach all dem bis dahin zu Tage geförderten Unrecht, das sich durch das gesamte System zog, noch glaubte, eine andere oder bessere DDR aufbauen zu können, handelte wohl selbstbetrügerisch. Und weil es weder eine Revolution von oben war, wie gerne behauptet wird, und bis zu Kohls 10-Punkte-Plan auch keine Beeinflussung von außen vorlag, vermeiden die Autoren möglichst von einer „Wende“ zu sprechen. Dieser Begriff stammt von dem neuen Mann nach Honecker, von Egon Krenz, der in seiner Antrittsrede als SED-Chef eine „Wende“ propagierte, mit der er den Sozialismus reformieren wollte. Und auch lange Zeit danach, bis hin zur Regierung Modrow wurde weiter versucht, das System in wesentlichen Teilen zu retten. Nein, eine Wende war das nicht. Viele Menschen im Osten wissen, dass es ihre Revolution war, die sie sich nicht – durch wen auch immer – wegreden lassen. Die Menschen wissen auch sehr genau, dass diejenigen eine neue Revolution provozieren, die uneinsichtig sich immer wieder am Willen der einfachen Bürger vergehen. Diesen Gerechtigkeitssinn werden die Menschen im Osten Deutschlands länger behalten, denn sie tragen das Glück in sich, eine Revolution gewonnen zu haben.
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Und so wollen die Autoren dieser Chronik fast 40 Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer und ein Jahrzehnt nach ihrem Fall einen Blick auf die Ereignisse im Kreis Hildburghausen werfen, wobei der Schwerpunkt bei der Kreisstadt Hildburghausen liegt, beginnend mit den ersten Aufrufen des Neuen Forums bis zu den ersten freien demokratischen Volkskammerwahlen am 18. März 1990. Im Kapitel „1989/90 – Das letzte Jahr der DDR im Überblick” soll im Zeitraffer die Dramatik des Revolutionsjahres bis zur staatlichen Einheit Deutschlands dargestellt werden, um die lokalen Ereignisse in den größeren Zusammenhang setzen zu können.

Das Kapitel “DDR-Glossar” soll vor allem der jüngeren Generation sowie den Lesern in den alten Bundesländern helfen, die dargestellten Sachverhalte besser zu erschließen.
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Wir wollten alles aufschreiben, um es nicht zu vergessen, um es auch denen mitzuteilen, die es nicht erleben konnten oder die damals ängstlich zu Hause blieben, weil sie vielleicht ihre eigenen Erfahrungen mit Diktatoren hinter sich hatten und der Kraft der Straße nicht trauten. Wir dachten aber auch an die Nachgeborenen. Allein es blieb bei dem Wunsch des Aufschreibens seit diesen Tagen. Manches wurde gesammelt. Über der Alltagsarbeit geriet die selbstgestellte Aufgabe in Vergessenheit. 

Acht Jahre danach reift der Gedanke, an die Zeit zu erinnern. Ein Zufall hilft nach. Am 18. November 1997 kam es in der altehrwürdigen Leipziger Nikolaikirche, dem einstigen Zentrum des Leipziger Widerstands, zu einem zufälligen Gespräch zwischen Pfarrer Christian Führer und Hans-Jürgen Salier. Pfarrer Führer, dem Erich Loest in seinem verfilmten Roman „Nikolaikirche“ ein Denkmal setzte, sagte, dass die Verteidigung der Freiheit und damit auch die Lösung sozialer Probleme weitergehen müsse.

Und gerade dieses Gespräch mit dem schon zur Legende gewordenen und dennoch bescheidenen gottesfürchtigen Menschenfreund und geistigen Wegbereiter der herbstlichen Kerzenlichtrevolution von 1989 gab den letzten Anstoß zu diesem Buch.

Die Erinnerung an das Leben in der DDR und ihren Untergang allerdings ist gespalten, wie der Bürgerrechtler und Historiker Stefan Wolle richtig bemerkt. Das subjektive Element in der Beurteilung von Geschichte, die erst wenige Jahre zurückliegt, kann kaum ausgeschaltet werden. Und so reichen die Ansichten über die DDR von einer generellen Dämonisierung als Unrechtsstaat bis hin zur Verharmlosung der SED-Diktatur mit ihrem Spitzelapparat. Die Wahrheit liegt nicht etwa irgendwo dazwischen, sondern im Zusammenhang dieser Pole, in der „dämonischen Dimension der Harmlosigkeit“, wie Stefan Wolle die Verbindung zwischen Repression und Alltag, von der das Leben in der DDR geprägt war, nennt.

Natürlich ist auch die Zeit der Friedlichen Revolution von jedem Menschen anders empfunden worden. Sein Verhalten ist immer im Kontext mit den Erfahrungen, die er aus dem Leben in der DDR mitbrachte zu sehen. Deshalb kann auch von diesem Buch keine allgemeingültige Geschichtsschreibung erwartet werden. Es ist durchaus ein subjektiver Beitrag. Persönliche Erlebnisse der Autoren spielen eine große Rolle. So kann es vorkommen, dass auch scheinbar banales Geschehen aufgegriffen und verarbeitet wird. Aber oft sind gerade die einfachen und unscheinbaren Dinge besonders geeignet, Mechanismen und Systeme zu entlarven oder auch nur zu veranschaulichen. Ein alleiniger Bezug auf die zeitgenössischen Quellen, wie etwa die Ausschnitte aus der damaligen SED-Zeitung Freies Wort, als Alternative wäre überhaupt nicht möglich gewesen.

Zwar entstehe, wie Stefan Wolle weiter bemerkt, in den Disputen zwischen ehemaligen DDR-Bürgern häufig der Eindruck, jeder von ihnen hätte in einer vollkommen anderen Welt gelebt. So lange es Augenzeugen dieser Zeit gibt, wird sich dieses Phänomen auch sicherlich nicht aus der Welt schaffen lassen. Allerdings möchten wir mit diesem Buch einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass dieser Disput überhaupt fortgesetzt wird, dass nicht ausschließlich das Vergessen mit seiner zugegeben heilenden Wirkung oder die Schönfärberei an dessen Stelle tritt. Wichtig ist uns, dass es überhaupt eine Auseinandersetzung mit dem Geschehen im Kreis Hildburghausen gibt und die Protagonisten – auf welcher Seite sie auch immer standen - mit ihren Gedanken und Erinnerungen nicht alleine sind.

In vielen Gesprächen mit den Menschen unserer Heimatstadt und unseres Heimatkreises haben wir Anregungen erhalten und sind ermutigt worden, die Arbeit daran fortzusetzen. Aber es hat auch Zeiten des Zweifels gegeben; als Zeitungsaufrufe die Bürger zur Mithilfe an dem Buch aufforderten, wir um Material und die Schilderung persönlicher Erlebnisse baten. Wir mussten erkennen, dass es bei vielen Menschen teilweise ganz erhebliche Barrieren gibt, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Sicherlich haben wir keine Flut von Briefen und Anrufen erwartet, schließlich steht die Gegenwart, stehen Dinge wie die Sorge um den Arbeitsplatz, um die Familie und die Widrigkeiten des Alltags, die in einem demokratischen System nicht weniger gemeistert werden müssen als in einer Diktatur, weit vor der Beschäftigung mit der Geschichte, mit dem Gewesenen. So verdanken wir leider nur wenigen Freunden eine intensivere Zuarbeit, Fachberatung und Hilfe. Man bekommt das Gefühl, mancher ehemalige Funktionär oder Vertreter der „bewaffneten Organe“ sei noch der DDR oder dem Fahneneid verpflichtet, und im Übrigen sei der Zusammenbruch der DDR nur ein lapidarer historischer Unfall, verursacht von unfähigen Funktionsträgern und einer übertriebenen Sicherheitspolitik, im neuen System gehe alles nahtlos weiter. Nur ein Offizier der Staatssicherheit hat sich offenbart. Er hat viele Details bestätigt und uns Mut gemacht, mit der Arbeit an die Öffentlichkeit zu gehen.
Wir haben es gewagt und uns um große Sorgfalt bemüht.
Gerne nehmen wir Ihre Ergänzungen und Ihre Kritiken entgegen. In naher Zukunft ist eine größere Arbeit zu den revolutionären Ereignissen in Südthüringen geplant. Hierzu hat sich bereits ein Expertenteam verständigt und erste konzeptionelle Vorstellungen erarbeitet. 
Nichtsdestotrotz glauben wir, dass dieses Buch seinen Beitrag zur Bewältigung von persönlicher Geschichte leisten kann, daher interessiert und sicherlich auch kritisch aufgenommen werden wird. So hatten die zwei Jahre, in denen wir teils intensiv, teils sporadisch daran gearbeitet haben und uns mit unserer eigenen Biografie auseinandersetzen mussten, für uns persönlich eine durchaus therapeutische Wirkung.
Die beiden Autoren wollen keine Ratschläge geben, sie haben nur einen Wunsch, dass es immer genügend kritische Menschen in diesem Land geben wird, die das Leben in Freiheit jeglicher Ideologie vorziehen, auch wenn alles andere bequemer erscheint, dann ist ihnen um die Einheit des deutschen Vaterlandes auch nicht bange. 


Hildburghausen und Leipzig zum Jahreswechsel 1999/2000
Hans-Jürgen Salier und Bastian Salier 

Aus:
Hans-Jürgen Salier und Bastian Salier
Es ist Frühling und wir sind so frei. Die 89er Revolution im Kreis Hildburghausen
Eine Dokumentation.
Mit einem Vorwort von Bundesaußenminister a. D., Hans-Dietrich Genscher. –
Verlag Frankenschwelle KG, Hildburghausen, 2000



Hans-Dietrich Genscher


Unterschrift Hans-Dietrich Genscher

Geleitwort
von Bundesminister a. D. Hans-Dietrich Genscher 

In diesem Jahr jährt sich die deutsche Einheit zum zehnten Male. Schon im vergangenen Herbst gab der zehnte Jahrestag des Berliner Mauerfalls Anlass für ein solches Jubiläum. Die Feiern lenkten den Blick immer wieder auf die Ereignisse von vor zehn Jahren, die im Herbst 1989 schließlich zu einer friedlichen Freiheitsrevolution führten, die der Teilung Deutschlands und Europas ein Ende setzte.

Der überwiegende Teil der Literatur, der sich mit der deutschen Einheit beschäftigt, tut dies aus dem Blickwinkel der Staats- und Regierungsebene. Zahlreiche Publikationen beschäftigen sich mit den internationalen Aspekten der deutschen Einheit, der Rolle des geeinten Deutschland in dem nun zusammenwachsenden Europa. Nur wenige Publikationen aber gehen auf die Ereignisse im Herbst des Jahres 1989 ein, wie sie sich auf der im wahrsten Sinne des Wortes ursprünglichen Ebene der Freiheitsrevolution zugetragen haben, nämlich der der Menschen, die in der ehemaligen DDR und den Staaten Osteuropas in sozialistischen Regimen lebten.

Die vorliegende Chronik schließt diese Lücke und belegt einmal mehr, dass es eine wahrhaft europäische Freiheitsrevolution war, die durch die Menschen in Gang gesetzt und von ihnen getragen wurde. Entscheidend für den Erfolg der Freiheitsrevolution in Deutschland, auch für die deutsche Einheit, war das Verhalten der Menschen in der ehemaligen DDR selbst. In der deutschen Geschichte ist mit dem Begriff „Stolz“ schrecklicher Missbrauch getrieben worden, vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das sollte uns nicht daran hindern, die friedliche Freiheitsrevolution in der früheren DDR als ein stolzes Kapitel deutscher Freiheitsgeschichte zu betrachten. Es vollendete sich, was 1848/49 gewagt und 1918 erneut versucht wurde. Deutsche, die friedlich für Freiheit und Einheit demonstrierten, das hat zur Mehrung des Ansehens des ganzen deutschen Volkes  in der Welt beigetragen. Es hat uns alle in einem ganz ideellen Sinne reicher gemacht.

Die Freiheitsrevolution des Jahres 1989 – es war in Wahrheit eine europäische Freiheitsrevolution in verschiedenen Ländern des sowjetischen Machtbereichs – sind dem Mut der Menschen in der DDR, in Ungarn, Polen und in der Tschechoslowakei zu verdanken, aber in hervorragendem Maße auch der Verantwortung und der Weitsicht von Gorbatschow und Schewardnadse, die sich mit der Politik der friedlichen Veränderung für immer in das Buch der europäischen Geschichte eingetragen haben. „Perestroika“ und „Glasnost“ als Freiheitsrevolution von oben widerlegten das Misstrauen, das ihnen anfangs entgegengebracht wurde. Ihr friedlicher Verlauf und ihr Resultat sind jedoch ohne die Entspannungspolitik und die vom KSZE-Prozess geschaffenen Rahmenbedingungen nicht denkbar. Im Sommer 1989 beriefen sich die ungarische Führung und ihr damaliger Außenminister Horn ausdrücklich auf die KSZE-Vereinbarungen zur Ausreisefreiheit, um DDR-Bürgern trotz entgegenstehender bilateraler Vereinbarungen mit der DDR die Ausreise in den Westen zu ermöglichen. Die Welt hatte den Atem angehalten, als die Außenminister Ungarns und Österreichs, Gyula Horn und Alois Mock, den Stacheldraht des Eisernen Vorhangs durchschnitten. Diese Entscheidung bedeutete die Verwirklichung des Rechts auf Freizügigkeit für Zehntausende ehemaliger DDR-Bewohner. Sie erging gegen den Willen der DDR-Führung, die Außenminister Horn vergeblich von der Notwendigkeit der Öffnung zu überzeugen versucht hatte. Sie bedeutete eine Zeitwende. Es dauerte nur zwanzig Tage, nämlich bis zum 30. September 1989, bis die DDR-Führung einsah, dass die Mauer auf Dauer keinen Bestand haben würde. Die Tore der deutschen Botschaft in Prag wurden schon mit Zustimmung der DDR-Führung geöffnet. Ohne den mutigen Schritt Ungarns, aber auch nicht ohne den Mut der Menschen, die damals den Mut fanden, die Grenze zu überschreiten, wäre diese Entscheidung nicht zustande gekommen, ohne diese Entscheidung nicht die Öffnung der Mauer in Berlin am 9. November.

Wie die Ereignisse von den Menschen in der damaligen DDR wahrgenommen, aufgenommen und in ihrem Bekunden eines eigenen Freiheitswillens umgesetzt wurden, das zeichnen Hans-Jürgen und Bastian Salier in ihrer Chronik nach. Sie lenken unseren Blick auf den kleinen Landkreis Hildburghausen in Südthüringen, nahe der damaligen Grenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR, sie dokumentieren den Aufbruch, der mit dem Ruf nach „Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit“ in den größeren Zentren der damaligen DDR begann und sich bis in die kleineren Städte und Gemeinden fortsetzte.

Die Autoren zeichnen den Weg des demokratischen Aufbruchs von den Aufrufen der damaligen Bürgerinitiativen bis zu den ersten demokratischen Volkskammerwahlen am 18. März 1990 nach und betten die lokalen Ereignisse in den größeren Zusammenhang der Überwindung der deutschen Teilung ein. Die Empfindungen, Ängste und Befürchtungen angesichts der Auflehnung gegen das bestehende Regime und den damit einhergehenden zu befürchtenden Repressalien, aber auch die Dynamik des Aufbruchs und das Gefühl der so lange vermissten Selbstständigkeit und Freiheit angesichts des nahenden Endes der DDR, die noch Anfang Oktober des Jahres 1989 ihren 40. Jahrestag feierte, sind auf jeder Seite des Buches zu spüren und versetzen uns als Leser in die Lage, die damalige Situation der Menschen nachzuempfinden.

Der hier gezeigte Ausschnitt aus der Geschichte der deutschen Einheit mag zwar auf einen kleinen geografischen Bereich der damaligen DDR eingegrenzt sein. Für das Verständnis der Ereignisse von damals ist eine Aufarbeitung der Ereignisse im Kleinen – wie sie mit dem vorliegenden Werk geleistet wird – aber notwendig und wünschenswert. Nur so wird man der Tatsache gerecht, dass es die Menschen in der damaligen DDR und anderen osteuropäischen Staaten selbst waren, die mit ihrem Mut die Freiheitsrevolution ermöglicht haben.

Aufmerksam, detailliert und genau zeichnen die beiden Autoren das Bild des Aufbruchs nach. Sie wenden sich damit nicht nur an die Protagonisten der Kerzenlichtrevolution von vor zehn Jahren. Auch dem Leser aus der alten Bundesrepublik sei die Chronik, die den Weg der Revolution „von unten“ beschreibt, ans Herz gelegt. Insgesamt ergibt sich so ein eindrucksvoll dokumentiertes Bild, das Zusammenhänge deutlich macht oder wieder in Erinnerung ruft – in einer Zeit, in der die Einheit längst zum Alltag geworden ist oder von dessen Problemen überlagert wird. Dem Werk von Hans-Jürgen und Bastian Salier wünsche ich daher eine breite Leserschaft. 

Hans-Dietrich Genscher
Bonn, 22. Februar 2000 

Aus:
Hans-Jürgen Salier und Bastian Salier
Es ist Frühling und wir sind so frei. Die 89er Revolution im Kreis Hildburghausen
Eine Dokumentation.
Mit einem Vorwort von Bundesaußenminister a. D., Hans-Dietrich Genscher. –
Verlag Frankenschwelle KG, Hildburghausen, 2000



 

 

Die Entdeckung, dass es so einfach nicht ist, wie man gedacht hat, ist als Gewinn anzusehen.
(Carl Friedrich von Weizsäcker
1912 – 2007
deutscher Physiker, Philosoph und Friedensforscher)
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