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Zu guter Letzt: Ein Furz

 

Teil I           

 

                War gut rülpst un gut pforzt,
                braucht kenn Apotheker un kenn Orzt

                               (Sprichwort in Südthüringen)

 Vor Vergnügen könnte HJS noch heute explodieren, wenn er an den Film von Louis de Funès „Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe“ (1981) denkt. Ältere Bauern fristen eintönig ihre Tage. Sie trinken ihren geliebten Rotwein sowie Pastis, das ist ein Anisschnaps mit bis zu 45 Prozent „Umdrehungen“. Als Nahrungsgrundlage löffeln sie kräftige Kohlsuppe. Das Ergebnis ist voraussehbar. Im Dickdarm entwickelt sich bei reger Darmtätigkeit ein Gasgemisch mit gewaltiger Sprengkraft. Die Bauern lassen ihre Winde mit mehr oder weniger leidenschaftlichem Vergnügen ab. Selbst im Kosmos sind die derben Geräusche zu hören. Ein an der Erde vorbei fliegender Außerirdischer, von dem kleinen Planeten „Oxo“ aus einer vollkommenen Galaxie stammend, will die Kausalitäten der eigenartigen Geräusche klären, landet auf der Erde und entdeckt die Quelle der geheimnisvollen Geräusche. Mehr wird hier nicht verraten: anschauen und sich köstlich amüsieren ist angesagt. Das ist ein gutes Lebensrezept. 

Das Furzen in Kunstwerken ist beinahe kaum wahrnehmbar – im Verhältnis zum Alltagsleben. HJS erinnert sich an den schwedischen Schauspieler Börje Nils Ahlstedt, der mit seinem Furzen in Ingmar Bergmans Film „Fanny und Alexander“ weltberühmt wurde.

Aus der sparsamen und naiven Werbung des DDR-Fernsehens ragte eine für HJS besonders heraus. Ein quietschlebendiges Baby liegt auf einem Tisch und mit einem für die Verhältnisse kräftigen Furz fegt das Kind eine Puder- oder Salbendose vom Tisch. Der Zeichentrick-Spot lief nur einige Male, vielleicht verstieß er gegen die sozialistische Moral und Ethik.  

Aber auch die bürgerliche Moral hat mit natürlichen und erklärbaren Erscheinungen so ihre Probleme, die dann oft sehr „geschamig“ kaschiert werden. Dummerweise bemüht man in solchen „unangenehmen“ Situationen den Reformator Martin Luther oft als Rechtfertigung für die Verwendung angeblich unmoralischen Wortgutes. Da wird etwas „Unflätiges“ zitiert, um anschließend wieder salonfähig und vornehm zu parlieren, dass der Kirchenmann dieses gesagt habe. Und wenn das Luther gesagt hat, kann das der Rest der Menschheit wohl auch, zumindest mit Augenzwinkern mit dem diskreten Hinweis, dass doch das alles nur menschlich sei. Luther hat gesagt: „Wenn ich hier einen Furz lasse, dann riecht man das in Rom.“ Das Zitat war sicherlich im Zusammenhang mit seiner Opposition zur Papstkirche zu sehen. Für die Aufrichtigkeit und den Mut der Menschen steht „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz“. Manchmal legt man Luther auch etwas in den Mund, ohne Betrachtung der Zeitverhältnisse, so das vielzitierte „Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmecket?“ Mitdiskutierer gehen davon aus, dass er es auch gesagt haben könnte, weil er in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, als schlichtweg das Mittelalter zu Ende war, eine schnörkellose Sprache sprach. Die Lebensverhältnisse und Verhaltensweisen waren aber andere. Kaum jemand möchte heute mit dieser Zeit tauschen oder Speisen der Zeit nachkochen. Mittelalter und Beginn der Neuzeit waren oft Zeiten knapper Nahrungsressourcen. Die Tischsitten waren ohnehin aus heutiger Sicht problematisch. Von wegen bei gedecktem Tisch mit Messer, Löffel und Gabel essen. Das funktionierte nicht.  

Messer und Löffel waren bekannt, sie entwickelten sich mit den Menschen. Die im 11. Jahrhundert erfundenen Gabeln kannte man meist nicht. Sie galten unchristlich als Teufels- und Hexenwerkzeug. Gottgegebene Nahrung durfte nur mit den von Gott geschaffenen Fingern berührt werden. Auch für die heute viel zitierte Hildegard von Bingen war die Gabel Teufelszeug. Erst im 16. Jahrhundert setzte sie sich im europäischen Bürgertum durch. 

Die Verdauungsgase ließ man mehr oder weniger nach dem Essen geräuschvoll „steigen“. Das gehörte vermutlich zum guten Ton. Oder die lästigen Geräusche wurden wie eine quietschende Tür ganz einfach ignoriert oder nicht mehr wahrgenommen. Der Furz war beileibe kein Tabuthema, für das man heute arg gescholten oder geringschätzig betrachtet wird. Er wurde hingenommen, war also gegeben. Aus der Lutherzeit ist der Spruch überliefert, auf den sich heute noch viele argumentativ beziehen: „Warum rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmecket?“ Die ersten Kritiken und Reglementierungen für bessere Verhaltensnormen kommen auf, „Tischzuchten“ nannte man sie. Bei dem niederländischen Humanisten Erasmus von Rotterdam (1466/69 – 1536) heißt es in seinem Benimmbuch „De civititate“ (1529): Rücke nicht bei Tische hin und her, dass es aussieht, als wolltest du gerade einen fahren lassen. Er forderte auch, dass bei Tische nicht geschmatzt und das Tischtuch nicht als Serviette benutzt wird. Überhaupt kommen die dort dargestellten Umgangsformen den heutigen sehr nahe. Hans Sachs (1494 – 1576), „der Dichter und Poet dazu“ aus Nürnberg formuliert „Ruck nit hin und her auff der panck, das du nicht machest ein gestanck“.  

Das Mittelalter war nicht so finster, prüde und voller Bedrängnis der Untertanen, wie sich Lieschen Müller heute diese Zeit vorstellt. Die Neuzeit schon eher, die auf den Beginn des 16. Jahrhunderts fixiert wird (Entdeckung Amerikas 1492) beginnt nicht mit Freiheitsluft, sondern eher mit geistiger Enge, auch wenn die Humanisten der Renaissance voller Begeisterung sind und sie heute unverrückbar als Figuren des Aufbruchs in eine neue Zeit stehen. Und prüde war man nicht. Ein bekannter Historiker sagte zu HJS, dass die Menschen des Mittelalters von der Loveparade nicht moralisch erschüttert worden wären, sondern sie hätten eher recht munter mitgemacht. Im Zeitalter der Industrialisierung und der Verfestigung der bürgerlichen Normen dagegen wäre das unmöglich gewesen. Die vielen Feste waren auch den übermäßigen kirchlichen Feiertagen geschuldet. Sie gingen mit einem nicht immer sittsamen Lebensstil und der Völlerei einher, denen man mit Verordnungen und Bestrafungen mehr und mehr Einhalt gebot.  

Die Geselligkeit verlagert sich in die Innenräume der Häuser. Hier sind die Fürze auch besser zu hören und zu riechen, auch der allgemeine Lärm machte eine Festlichkeit nicht gemütlicher. Die Fröhlichkeit bekam eher eine zeremonielle Ruhe. Man gibt sich neuen und gesitteteren Regeln hin. Selbst das öffentliche Furzen wird unter Strafe gestellt, auch wenn es später bei manchen Jahrmärkten durch „Kunstfurzer“ eine gewisse Renaissance erlangte. 

Das passiert anderen Größen der deutschen Kultur ebenso. Dem Weimarer Geheimrat hessischer Herkunft Goethe zitiert man ja auch generös mit dem milliardenfach aus dem Volksmund verwendeten Zitat „Leck mich am Arsch“ und lässt in Textbüchern nach dem A drei Ausladdungspünktchen folgen. In Wirklichkeit hat er in seinem „Götz von Berlichingen“ sagen lassen: „Leck mich im Arsch.“ … 

Wenn nur die Menschen des 21. Jahrhunderts mal über Luthers so wenig zitierten Satz nachdächten: „Pfaffen sollen beten und nicht regieren.“ Aber da begibt sich HJS wieder auf ein die Menschen trennendes Pflaster. 

Es gäbe noch viel, viel mehr über das Furzen und den Arsch zu erzählen, zu berichten und zu erforschen, und HJS denkt, dass es an der Zeit ist, dass endlich mal eine Doktorarbeit zum Thema verfasst wird „Die Kulturgeschichte des Furzes“, vielleicht auch mit einer volkstümlichen Übersetzung für den Normalverbraucher. Das wäre dann durchaus ein neues „Trockengebiet“ und vielleicht auch ein Bestseller. 

Wir sollten noch über eine Menge ungelöster Lebensrätsel sprechen. Wussten Sie, liebe Leser, dass der Atlantische Hering durch Furzen kommuniziert, dass Flusspferde durch den Mund furzen? Übrigens, Astronauten können im All nicht rülpsen (die Armen), die Gase finden wegen der Schwerelosigkeit den Weg nicht nach oben. Wolfgang Amadeus Mozart komponierte 1782 zwei Kanons: „Leck mich im Arsch“ und „Leck mir den Arsch fein recht schön sauber“. Dem Forscherdrang sind keine Grenzen gesetzt. Der Mensch grenzt sich aber selbst gerne wegen Nichtigkeiten ab. Gab es da nicht mal zwei Völker, die erbarmungslose Kriege gegeneinander führten, weil das eine Volk – oder waren es deren Herrscher – der Meinung waren, dass man das Ei an der stumpfen Seite aufschlagen müsste, die andere Kriegspartei favorisierte die spitze. Fazit: Die Menschheit ist wohl kaum zu retten. 

Eine ältere Freundin würde jetzt kritisch sagen: „Das Kapitel hättest du dir sparen können.“ In der Tat, in Deutschland kannst du dich mit den „aufgeklärten“ Deutschen nicht über alles unterhalten, ohne dass du in eine Schublade einsortierst wirst. Beim Furzen verklären sie sich vielleicht noch verzückt die Augen, wenn das Geräusch von einem Baby stammt. Dann wird vielleicht formuliert: „Schau mal an, was das Kleine schon alles kann!“ Da ist das naturell der Menschen Lichtjahre von der Natur entfernt. Man glaubt es kaum, dass man im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends noch immer nicht das äußert, was man äußern möchte oder müsste. 

HJS will nicht mahnen, aber in Erinnerung rufen, wie unredlich Menschen sind. Er kann sich an eine Untersuchung (Hitliste) aus den ersten Jahren der 90er Jahre der Deutschen Gesellschaft für Soziologie erinnern, in denen die Polit- und Sexualtabus aufgelistet wurden, aber auch zu Krankheiten (Blähungen, Inkontinenz, Hämorrhoiden), aber auch zum Alltag (Toilettengewohnheiten, Sex, Körperbild, aggressive Gedanken, Blamage und Versagen). Erschreckend. Der deutsche liberale Soziologe Lord Ralf Dahrendorf, der in der Bibliothek von HJS einige Male „vertreten“ ist, bemerkte: „Tabus sind die Achillesferse einer Gesellschaft.“ Die Tabus verdeutlichen, wovor sich eine Gesellschaft fürchtet, womit sie nicht fertig wird. Sie zeigen aber auch, wie verlogen sie ist.  

Es wird Zeit, ein paar kleine Töne ohne Koketterie zur Thematik zu verbreiten, ob es dem einen oder anderen stinkt oder nicht.

Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde.
(Karl Jaspers
1883 – 1969
deutscher Philosoph)
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