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Geschichte der Juden




Blick zur Gerbergasse. Rückansicht (Westen) der Villa (heutige Gerbergasse 19, später im Besitz von Prof. Dr. Ernst Kaiser) um 1920 zeigt rechts unten das Gartenhaus der jüdischen Unternehmerfamilie Gassenheimer, das zur Synagoge der kleinen jüdischen Gemeinde Hildburghausens geworden ist.

Hans-Jürgen Salier Ines Schwamm 

 

Z e i t r e i s e

 

Jüdisches Leben

im Landkreis Hildburghausen

 

Daten und Fakten

 

 

 

Eisfeld Gleicherwiesen Hildburghausen Marisfeld

Römhild Schleusingen Simmershausen Themar

 

 

* Landkreis Hildburghausen =

In den Grenzen des Thüringer Neugliederungsgesetzes vom 15. Juli 1993

 

 

1298
Schleusinger Juden werden Opfer des „Rintfleischpogroms“. In historischen Überlieferungen aus Römhild sind auch die jüdischen Bewohner der Stadt Opfer der Verfolgungen geworden. Schutzherr ist von 1262 – 1317 Graf Heinrich II. von Henneberg-Hartenberg gewesen.

1315
König Ludwig IV. (1282 oder 1286 – 1347, römisch-deutscher König und ab 1328 Kaiser im Heiligen Römischen Reich), auch Ludwig der Bayer genannt, erteilt Graf Berthold VII. von Henneberg das Judenregal, er erlässt Abgaben, u. a. für Juden.

Nach dem Aussterben der Askanier im Jahr 1319 setzt Ludwig der Bayer seinen minderjährigen Sohn Ludwig V. zum Markgrafen von Brandenburg ein. Berthold VII. von Henneberg-Schleusingen wird Vormund Ludwigs, er wird mit Privilegien bedacht, weil er einen Gegenpol zu den Luxemburgern bildet.

Hildburghausen und Schleusingen gehören zu den ersten Orten Thüringens, die Juden unter Schutz stellen. Nachweisbar in Hildburghausen sind später Kesselflicker, Scherenschleifer und Hausierer.

Die Juden haben als Nichtchristen juristisch, wirtschaftlich und sozial eine Sonderstellung. Sie dürfen im Wesentlichen nur Berufe betreiben, die den Christen kirchlich untersagt oder die im Ansehen verfemt sind, z. B. Handel, Geldhandel. Mit dem aufblühenden Handelsverkehr lassen sich immer mehr Juden in den Städten und in der Region in reichsritterlichen Dörfern in Südthüringen nieder, so in Bauerbach, Berkach, Bibra, Gleicherwiesen, Marisfeld und Simmershausen. Dort werden die Juden von den Gerichtsherren mit Genehmigung der Landesherren in Schutz genommen.

Seit dem 14. Jahrhundert sind Ausschreitungen gegen Juden bekannt. Man beschuldigt sie, öffentliche Brunnen vergiftet, gemordet und geraubt zu haben u. ä.

Die sogenannten Schutzjuden besitzen gegenüber den einfachen Juden gewisse Privilegien. Sie müssen ihrem Fürsten, der städtischen Obrigkeit oder den Dorfherren Leistungen erbringen, vor allem aber finanzielle Abgaben. Für die Schutzjuden werden Schirm- und Schutzbriefe ausgestellt, damit sind sie rechtlich abgesichert.

Rudolph Armin Human, der sich große Verdienste beim Erforschen des jüdischen Lebens im südthüringisch-fränkischen Raum erworben hat, schreibt dazu:

Während schon zur Zeit der Kreuzzüge die Juden vom Volkshaß fast ausgerottet waren, wurden sie 1348 – 49 mit brutaler Barbarei verfolgt. Anläßlich des schwarzen Todes, der sich aus der Levante über das südliche Europa verbreitete, brachte man die Mär auf, die Juden hätten die Brunnen vergiftet. So rottete sich Gesindel, die s. g. Schlegler oder Judenschläger, in Verbindung mit den Geißlern wider sie zusammen. In Erfurt tobte Mord- und Raublust am meisten; in Worms wurden die Häuser der erschlagenen Juden von der Stadt veräußert, um die Lehnsherrschaften zu entschädigen. Die Schmälerung des Handels der städtischen Kaufmannschaften durch die rührige und oftmals in der Wahl der Mittel weniger bedenkliche Konkurrenz der Juden, die Zinsesnahme seitens derselben, die durch das canonische Recht der Christen verboten war, ihr Wucher, christlicher Religionshaß und Haß vornehmer Schuldner, die sich durch die Vertreibung der Juden von ihren lästigsten Gläubigern befreien wollten und so das Volk zu deren Verfolgung aufstachelten – das waren die Ursachen der Judenverfolgungen."

(Human: Geschichte der Juden im Herzogtum S.-Meiningen-Hildburghausen. 1898, S. 5 f.)
 

Grafik aus der Zeit der Judenpogrome.

Aus der fränkischen Region sind viele Pogrome ausgegangen, die dazu geführt haben, dass Mitteleuropa beinahe von Juden entvölkert worden ist. Besonders berüchtigt ist der sogenannte „Rintfleischpogrom“ um 1298. Hervorzuheben sind der angebliche fränkische Edelmann Rintfleisch (auch „nobilis Rintfleisch“ oder „König Rintfleisch“ genannt) und die „Armledererhebung“ von 1336 bis 1338, geführt von einem Raubritter. Viele jüdische Gemeinden sind vernichtet, Tausende Menschen ermordet worden.

Die Massenmorde des „Rintfleisch-Pogroms“ oder die „Rintfleisch-Verfügung“ gehen am 20. April 1298 von der fränkischen Stadt Röttingen aus. Rintfleisch hat verkündet, dass er vom Himmel eine Botschaft erhalten habe: Er sei zum Vernichter aller Juden ernannt worden. Besonders grausam wird in der zweiten Juli-Hälfte gemordet. Nachweisbar sind 3.441 ermordete Juden in 44 „Blutstätten“, die im „Nürnberger Memorbuch“ verzeichnet sind.

Die Armledermassaker geschehen im Vorfeld der Judenverfolgungen zehn Jahre später, zur Zeit des Schwarzen Todes, in Mitteleuropa.

Besonders grausam sind die sogenannten Pestpogrome 1348 – 1353 gewesen, als man in die Welt gesetzt hat, die Juden vergifteten alle Brunnen, um die Christen zu ermorden. Juden sind jedoch kaum von der Pest betroffen gewesen, weil sie rituelle Reinheitsvorschriften praktiziert haben. Zudem sind Juden vorwiegend im Finanzwesen tätig, also im Zins- und Wechselgeschäft sowie in der Pfandleihe, das die Kirche nicht gestattet hat. Nur untereinander dürfen die Juden keine Geldgeschäfte abwickeln. Nach den Pogromen und Vertreibungen sind die von ihnen einbehaltenen Schuldscheine oft für ungültig erklärt worden. Die katholischen Christen sind also wieder schuldenfrei geworden.


1331

Juden in Hildburghausen werden von Berthold IV. (VII.) als „getrewe untertane“ in Schutz genommen und zum Bau und der Besserung der Stadtmauer und der Türme herangezogen (sog. Michaelisbegnadigung)

(„Wir geben in auch nichts / minner, alle recht. Freiheit. Er. Und gute / gewonheit, di in unsr stat kaburg gehalte / und gehbt sint worden, Also daz di vor/genannte unss stat hildburghusen. Derselbe / freyung. Recht. Eren. Und gewonheit. / gebruchn sal und mag czu ewiglichn czite / und geinwrtigliche, Wir gebn in auch czu /hilff und czu stewr czu baw und besserung / der mavern, und andr notdurft dr Stat, / Allen nucz und gniss, den si von den Jüden /di daselbst wonente sint, di wir doch also / mit getrewer beschirmung. Hülff. Als ander / unssere getrewn undrtane, wollen geschuczt 7 und geschawrt werde, gewinnen mügen / doch mit czimlichr mass und erlichen czu/geczugbiss des gescheftes, haben wir in / diese briff gebn, mit unss sigills vestigung / sterklichn vrczeichnt …“).


1367

In Erfurt lässt sich der Jude Gottschalk aus Hildburghausen nieder, der vermutlich den Pogrom überlebt hat (1348 sind in Erfurt 3.000 Juden ermordet worden).

1388
und 1412

Hildburghäuser Bürgerlisten verzeichnen den Juden Gutkind, der ein eigenes Haus besessen und ein Siegel geführt hat.

Heinrich und Wilhelm v. Henneberg-Schleusingen schulden ihm einen beträchtlichen Geldbetrag, der erst nach 1412 vollständig abgetragen wird. Vom 01.07.1404 ist überliefert, dass Graf Heinrich Schulden in Höhe von 160 fl. rhein. hat „alle gut am golde und swer genug am gewichte gegen den bescheiden juden gutkind gesessin zu Hilpurghusin, Hennlynne sinem wibe und iren eydemen Samvelen und Abram gesessin zu Koburg und allen iren erben“.

Heinrich verspricht zu zahlen und setzt einen Bürgen mit dem Recht der Pfändung ein.

Am 09.02.1412 korrigiert Gutkind Wilhelm v. Henneberg, dass er die Schulden seines Vaters Heinrich V. bis auf eine Restsumme von 350 Gulden beglichen hat.

1394

In Eisfeld leben im Hochmittelalter einzelne Juden. Ein Jud Gutkind wird erwähnt. Mitte des 15. Jahrhunderts sind Juden aus wettinischem Gebiet weitgehend vertrieben.

Jüdische Bewohner finden sich erst wieder Ende des 19. Jahrhunderts in Eisfeld.

1412

Im Zeitraum sind weitere Juden nach Hildburghausen gezogen, und im Stadtbuch I werden in einer Liste die in der Stadt lebenden Juden aufgeführt. Der Nichtchrist ist gekennzeichnet worden, bei den Namen wird immer die Bezeichnung „Jud“ o. ä. beigefügt. Die Liste trägt den Titel: „Daz sint die hertstot zu hilpurghausen. Anno XII [1412]. [Das sind die Herdstätten zu Hildburghausen] In vigilia sei kyliani“. Im Verzeichnis wird auch ein „Juden-Hus“ erwähnt, ein Hinweis auf eine Herberge für arme Juden.

Auch der Jude Gutkind ist als „Gutkint jude“ erwähnt. Neben 171 Christen verfügt er über eine eigene „herdstat“ und dass er mit dem in Coburg ansässigen Juden Abraham verwandt gewesen ist.

1413 und 1429

Im Stadtbuch werden die beiden Juden Ganns Jüd und Semplin Jüd als „Gelddarleher“ (Geldverleiher) erwähnt.

Juden (auch Kinder und Frauen) haben – wie im 12. bis 15. Jahrhundert üblich – einen spitzen gelben oder grauen Judenhut zu tragen.


Die strenge jüdische Kleiderordnung wird erst in der Zeit der Aufklärung abgeschafft. Die Kleidung der Juden gleicht sich immer mehr der der christlichen Bürger an.




1420
Die ansässigen Juden bekommen in Hildburghausen neben den Christen einen amtlichen Badetag zugeordnet. „Ab auch der rat einwürde daz man die Juden nicht mit den christen welt laßn baden und daz si In der wochn einen eigenen badtag haben solten on der Stat schade. Das sal ein bader also stete halden und darein nicht reden“.

Der Badetag ist bereits im kanonischen Recht vorgeschrieben.

(Human: Geschichte der Juden im Herzogtum S.-Meiningen-Hildburghausen. – 1898, S. 99)

1421
In Coburg wird der Jude Abraham im Stadtbuch bezeugt, der noch zwei Jahre vorher seinen Wohnsitz in Hildburghausen besitzt. Nachgewiesen ist auch, dass ein Coburger am 28. August 1419 bei ihm Geld geliehen hat.

1457

Der in Hildburghausen lebende Jude Amschel versorgt die Hofhaltung in Henneberg-Schleusingen vor allem mit Gewürzen und Reis.

1461

Das Zinsbuch der St.-Lorenz-Kirche in Hildburghausen erwähnt einen Judengraben in der Wallrabser Flur. Es handelt sich um den ältesten bekannten jüdischen Begräbnisplatz im Gebiet des heutigen Landkreises.

1534

Es ist belegt, dass bei einer Jüdin in Themar ein größerer Posten Barchent für die Pagen der Grafen von Henneberg-Schleusingen gekauft wird.

(Barchent = aufgerautes Mischgewebe aus Baumwolle und Leinen)

1542

Der Reformator Martin Luther sagt: „Juden sind rituelle Mörder, Wucherer. Sie sind schlimmer als der Teufel. Sie sind zur Hölle verdammt. Ihre Synagogen sollen zerstört und ihre Bücher verboten werden, sie sollen von den Fürsten aus ihren Gebieten verjagt werden.“

1679

Friedrich I. Herzog von Sachsen-Gotha (Regierungszeit: 1679 – 1691) erteilt seinem Vasallen Johann Friedrich Marschalk von Ostheim die Erlaubnis, einen Juden in Marisfeld unter seinen Schutz zu nehmen. 50 Jahre später ist jeder fünfte Einwohner (121) jüdischer Herkunft. 1865 sind es ca. 200 Bewohner.


1680
Der jüdische Friedhof in Weitersroda wird angelegt, östlich des einstigen „Tiergartens“ (Friedrichsanfang). Hildburghäuser und Simmershäuser Juden finden dort ihre letzte Ruhestätte. Er umfasst 10 Ar, 44 m².

Das Gelände ist anfangs mit Pallisaden umzäunt gewesen.

Human schreibt zur Geschichte des Begräbnisplatzes:

Hierzu erkauften die Gemeinden von Hildburghausen und Simmershausen vom Obristen Siegmund von Pflug in Bedheim als ganz freies Eigentum ein Areal von 1 Acker samt Gehölze um 50 Thlr. und 2 Dukaten Gönnegeld. Zur Kostenersparnis wurden davon zunächst nur 38 ½ Kreuzruthen eingezäunt, resp. ummauert. So fanden sich auch außerhalb der Mauer noch Gräber. 1806 wurden noch 33 ½ Ruthen einbezogen. Seit 1888 faßt das ganze Areal 19 ar 44 qm. Die Simmershäuser benutzten den Friedhof bis 1885, von da an den von Gleicherwiesen.

Heute gibt es noch 246 sichtbare Grabstellen, davon 233 mit Grabsteinen. Der älteste Grabstein stammt aus jenem Jahr.

Die Begräbnisstätte vor dieser Zeit liegt wahrscheinlich im Wallrabser Judengrund. Im Wachszinsregister der ehemaligen St.-Lorenz-Kirche, der Vorgängerkirche der heutigen Christuskirche heißt es 1462:

Innam wachzins sant Laurenzen: item 1 pfund hans sass von der wissn under der roten leiten bron bey dem judengraben.“

Ende 17. Jahrhundert

Der sächsische Historiograph und Schriftsteller Christian Juncker (1668 – 1714) schreibt in seinem handschriftlich vorliegenden Werk „Ehre der gefürsteten Grafschaft Henneberg“ III, 373): Schließlich habe noch von denen in der gefürsteten Graffschaft Henneberg wohnenden Jüden etwas weniges gedencken wollen. Daß vordessen im gantzen Lande sich Jüden aufgehalten haben, ist außer Zweifel zu setzen, nachdem nicht allein Güthe in der Meining. Chronik p. 15, 44, 160, 163, 169 von denen Meiningischen Jüden viles erzehlet, sondern auch aus den Archivs Actis mir bekannt ist, Was zum Exempel von den Jüden zu Ilmenau bey Gelegenheit der Visitation ao 1555 in dem Protocoll gemeldet wird, mit folgenden Worten: Wir haben auch weil wir in Erfahrung kommen, daß zu Ilmenau viel Jüden erhalten werden, Fürst Boppen in Unterthänigkeit gebethen, Seine Fürstliche Gnaden wollte die abgesagte Feinden Gottes und Schweißbrief, den die Grafen Wilhelm und Georg Ernst von Henneberg d. 28. November 1552 in Maßfeld für die 25 Judenfamilien der Grafschaft Henneberg-Schleusingen auf 5 Jahre ausstellten, wofür die Juden jährlich 84 fl. an die Herrschaft, 20 fl. an die gräflichen Trompeter und 210 Malter Hafer zur gräflichen Hofhaltung zu entrichten hatten. … Die Grafen behielten sich vor, die Juden, wenn sie sich des Schutzes unwürdig bewiesen, aus der Grafschaft zu weisen, oder aber auch umgekehrt nach Befinden mehr Juden als Schutzverwandte in die Grafschaft zuzulassen. Doch warnten sie zugleich ernstlichst vor wucherlichen Brandschatzungen.

1709

Herzog Ernst von Sachsen-Hildburghausen erlässt Verordnungen – wie üblich in den deutschen Staaten und Territorien –, die seit Jahrhunderten unterschiedliche Geleitgeldbeträge für Christen und Juden fordern.

Der sogenannte Leibzoll (auch Leibmaut) ist seit dem 12. Jh. nachgewiesen. Es hat sich aus dem landesherrlichen Geleitgeld entwickelt. Es ist bezahlt worden, um die Reisenden und Händler bzw. Hausierer mit bewaffneten Knechten vor Überfällen zu schützen. Für Juden ist im Vergleich zu den Christen ein teils mehr als doppelt so hohes Geleitgeld gezahlt worden. Auch das Vieh ist zollpflichtig gewesen.

Ab Mitte des 15. Jahrhunderts sind die Handelsleute und Hausierer gezwungen worden, beim Verlassen des Wohnortes, beim Eintreffen in einem fremden Ort oder in einem anderen Territorium täglich eine Abgabe zu zahlen, den sog. Judenleibzoll. Der menschliche Leib ist wie eine Ware verzollt worden. Reiche Juden und Hofjuden haben sich oft die Zollfreiheit mit Pässen erkauft.

Mit der gesellschaftlichen bzw. politischen Stellung der Juden haben die Händler und Hausierer ein ohnehin hohes Risiko, sie sind Überfällen, Verfolgungen oder Nachstellungen ausgesetzt.

 Herzog Ernst (Benignus – der Gütige) (1655 – 1715) ist Stifter der ernestinischen Linie des Fürstentums (ab 1806 Herzogtum) Sachsen-Hildburghausen. Hildburghausen wird 1684 Residenzstadt. Zu seinem Land gehören die Ämter und Städte Hildburghausen, Heldburg, Eisfeld, das Klosteramt Veilsdorf, das halbe Amt Schalkau. Vom Bruder Heinrich v. Sachsen-Römhild (1650 – 1710) bekommt er 1683 Stadt und Amt Königsberg/Franken; nach Erlöschen der Römhilder Linie (1710) nach Teilung 1714 das Kelleramt Behrungen und den Hof Milz, 1735 kommt das Klosteramt Sonnefeld hinzu.

1711
Ernst Herzog von Sachsen-Hildburghausen erlaubt Jakob Simon, sich gegen ein jährliches Schutzgeld von 5 Gulden mit Frau, Kindern und Dienstboten in Simmershausen niederzulassen. Auch ein Haus darf er kaufen.

1714
Ernst Herzog von Sachsen-Hildburghausen nimmt einen Hofjuden, Simon Moyses aus Mertzbach, auf, der in der Stadt wohnen darf. Er entwickelt sich zu einer der einflussreichsten Personen am Hof, er setzt sich auch durch, dass sein Bruder Hayum Moyses Rabbiner des Fürstentums wird.


Ein Hoffaktor ist ein an einem Hof beschäftigter Kaufmann, der Waren beschafft, das Heer ausrüstet bzw. beliefert und Finanzkapitel organisiert. Der zeitgenössische Begriff für einen Hoffaktor ist der Begiff Hofjude.

Diese Hofjuden leben nicht mit den Einschränkungen ihrer Glaubensgenossen. Sie haben zumeist luxuriöse Wohnsitze, leben in Pracht und Luxus und besitzen Niederlassungsfreiheit. Trotz ihrer herausgehobenen Stellung bleibt ihre Sicherheit von der Gunst des jeweiligen Fürsten abhängig.

Zu Simon Moyses schreibt Human:

„… so war 1714 als erster Hofjude und Kammerfaktor Simon Moyses aus Mertzbach von Herzog Ernst angenommen und im Domizil in der Stadt gewährt. So war er gewissermaßen ein Nachfolger jenes jud Gutkind, der a. 1388 von Hildburghausen aus die Geldgeschäfte der Henneberger Grafen Heinrich und Wilhelm in Schleusingen besorgte oder auch jenes jud Amschel, der 1457 Reis und Gewürze für die gräfliche Hofhaltung lieferte. Simon Moyses war ein listiger Mann und infolge des bald so einflußreich geworden, daß, wie eine Fürstliches Dekret vom 9. April 1720 besagte, nur auf seine Rekommandation fremde Juden in der Stadt treiben durften. Er wußte es auch durchzusetzen, daß 1719 sein Bruder Hayum Moyses als alleiniger Rabbiner des Fürstentums bestallt wurde. Als er 1722 den Oberstallmeister von Speßhardt aus Weimar und den Kammerrat Vater bei sich logierte, ging durch deren Verschulden sein Mauertürmchen beinahe in Flammen auf. Über ihn gab der a. 1736 der in Coburg gehenkte jüdische Baldober Emmanuel Heinemann zu den Centamtsakten: ‚Waß mir der Jud Simon Moses oder alde schmel in Hildburghausen schuldig ist und waß vor Art er mir solches Geld entzogen hat …‘ Es waren 289 ½ Thlr. In regem Verkehr stand mit Simon Moses der Eisenacher Hofjude Rabbi Mosche, der im dortigen Schloß sein Logis hatte.“

(Human: Geschichte der Juden im Herzogtum S.-Meiningen-Hildburghausen. – 1898, S. 112)

1722 und 1734

Ernst Friedrich I. Herzog von Sachsen-Hildburghausen (1681 – 1724, Regierungszeit: 1715 – 1724) gestattet am 18.08.1722 dem aus Buch am Forst b. Coburg stammenden Levi Simon nebst Frau und Kind gegen eine jährliche Abgabe von 13 Gulden, 4 Groschen die Niederlassung. Bei Human ist verzeichnet, dass am 19.01.1734 Joseph Moses, der in Gegenwart von Israel Herz von Halberstadt und des Isaac Levi in Streufdorf den Huldigungseid abgelegt hat, 1735 Isaac Moses und Meyer Mendheim.

1723
Ein Regierungserlass von Sachsen-Hildburghausen legt fest, dass Bettler und Juden – ausgenommen der Kammerfaktor und die Schutzjuden – nicht in das Fürstentum eingelassen werden.
 

 

Die Thüringer Staaten vor der letzten ernestinischen Landesteilung im November 1826, rot markiert ist das Herzogtum Sachsen-Hildburghausen mit seinen Exklaven

1723
Im Ergebnis des „Schalkauer Tauschvertrags“ kommt u. a. der Ort Berkach (heute: OT Gemeinde Grabfeld im Landkreis Schmalkalden-Meiningen) vom Amt Maßfeld im Fürstentum Sachsen-Meiningen an das Kelleramt Behrungen und wird somit Teil des Fürstentums Sachsen-Hildburghausen unter Ernst Friedrich I. (1681 – 1724). Schutzherr der in Berkach lebenden jüdischen Gemeinde bleibt der Reichsritter von Stein. Die Juden wohnen auf seinen Lehngütern.

1725
Es kommt wegen der in Hildburghausen lebenden Juden zu einem Rechtsstreit. Der Stadtrat ist der Meinung, dass er in Anlehnung an das 1331 durch Graf Berthold VII. von Henneberg-Schleusingen das Schutzgeld für die Juden erheben dürfe (Gesuch vom 22.02.1725). In erster Linie geht es um das Auffüllen der klammen Stadtkasse. Der Landesherr lehnt ab, weil die Verhältnisse durch entsprechende Landesordnungen geregelt seien.


Die Hallenser Juristenfakultät stellt in einem Gutachten vom 17.10.1726 fest, „daß der Leibzoll zur Zeit des verliehenen Privilegs (s. 1331) zu den kaiserlichen Reservatrechten gehörte und nur den Churfürsten als ein Vorrecht vom Kaiser eingeräumt worden sei und der Churfürst von Mainz als der Juden Obrister, Richter und Schutzherr auch den Leibzoll von den Juden durch das ganze Reich als von Kaisers und Reichs wegen ihm unterworfenen Kammerknechten gezogen habe, während andere Reichsfürsten und so auch Graf Berthold die Juden auch ihre Kammerknechte genannt. Ferner sei der Stadt Hildburghausen, da ihr die Hälfte an Zöllen überhaupt eingeräumt war, auch der Leibzoll der innewohnenden Juden zuzugestehen. Jeder auswärts wohnende Jude, der ein- und ausging, hatte 3 Groschen zu Pferd und 9 Pfg. zu Fuß zu zahlen. Solchen Bescheid freuten sich nun die Bürger um so mehr, als bis dahin die Juden weder der Landesherrschaft noch dem Stadtrat etwas Erhebliches contribiert, durch ihren Handel und Wandel aber der Bürgerschaft viel weggenommen. Schließlich bestand für den Hildburghäuser Rat die prätendierte Judenabgabe nur in Frohn- und Wachtgeld, während die Herrschaft 6 fl. und später 12 fl fr. pro Jahr von jedem Vermögenderen an Schutzgeld erhob.“

(Human: Geschichte der Juden im Herzogtum S.-Meiningen-Hildburghausen. – 1898, S. 21)


 Dr. Jacobson-Waidmannslust: Zur Abschaffung des Leibzolls, besonders in Sachsen-Hildburghausen. In: Jüdisch-liberale Zeitung. Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e.V. –
Berlin, 12. März 1926 (Nr. 11, 6. Jahrgang)

1725
Der Naturheilkundler Meyer Israel aus Marisfeld wird des Landes verwiesen, weil er einen schwunghaften Handel mit Naturheilmitteln betrieben hat, der den Ärzten finanziell abträglich gewesen ist.

1726
In der Stadt Hildburghausen leben zwölf jüdische Familien (Schutzjuden), u. a. der aus Holland stammende Hoffaktor Frank.


Neben dem Hoffaktor Simon Moyses gibt es den Holländer Frank. Herzog Ernst Friedrich I. bringt ihn aus den niederländischen Kriegsdiensten mit nach Hildburghausen. Der Landesherr ist 1709 zum Generalmajor der Generalstaaten (Niederlande) ernannt worden. Als Heiratsgut hat er die niederländische Herrschaft Cuylenburg besessen (1692 – 1720). Mit dem Verkaufserlös finanziert er den Schlosspark mit dem Kanal in Hildburghausen. Immer hat er den Blick auf die Versailler Hofhaltung.



1. April 1729

Die Juden werden wegen einer Beschwerde aus der Residenzstadt Hildburghausen verwiesen, sie sollen im Land siedeln. Von den Juden wird gefordert, in einem Privathaus Gottesdienst zu halten und die Neustadt mit aufzubauen. An letzterer Aufgabe nehmen sie nicht teil. Das hat den Unmut der Bürger der Residenzstadt herausgefordert. Wenig später wird der Erlass auf Bitten der Mutter Sophia Albertina (1683 – 1742) und der Stände von Herzog Ernst Friedrich II. zurückgenommen. Der Herzog erteilt einen Gnadenschutzbrief, der den Juden letztlich mehr gegeben hat, als sie je besessen haben.


Bei Human (Ausgabe 1898) heißt es im Text, der auch die Zeit charakterisiert, auf S. 21 f.:

„… Demzufolge wurde ihnen prompte Justizadministration und Schutz in ihren Prozessen zugesagt, ‚redliche und ehrbare Handlung, Kaufmannschaft und Gewerbe zu treiben und gleich andern Unterthanen zu gebrauchen‘ verstattet, desgleichen Rabbiner, Schulmeister und Vorsänger zu halten, von ausgeliehendem Kapital 6 % Zins zu nehmen, Sabbatsmägde zu halten und zum Herbst ihr Fleisch einzuschlachten. Selbst von herrschaftlichen Beschwerden waren sie befreit und fremde Juden, die zu Hochzeiten, Beschneidung und Begräbnisfeier in die Stadt gerufen wurden, waren auch vom Leibzoll frei. So wurden sie wie christliche Unterthanen angesehen. Dagegen war ihnen verboten, die Christen mit übermäßigem Wucher zu belasten, Betteljuden unter sich zu dulden, in der Synagoge Christum zu lästern, gestohlene Sachen zu kaufen und in der Altstadt zu wohnen. Ad interim sollten sie nur in der von den französischen Refugiés angelegten neuen Vorstadt wohnen, dort eine Judengasse bauen und solche mit einem Thor versehen. Neu aufzunehmend erhielten einen Schutzbrief und hatten den ordentlich einzulösen, jeder hatte neben den gewöhnlichen Steuern 6 fl. fr. jährliches Schutzgeld zu zahlen, die ganze Judenschaft aber (damals 10 Familien) hatten am 31. Dec. jeden Jahres für das erteilte Privileg 50 fl. fr. zur Herzogl. Schatulle zu entrichten; in Feuersnot hatte jeder mit dem Feuereimer beizuspringen. Dies Privileg wurde s. 15. Juli 1767 von Herzog Ernst Friedrich Carl bestätigt, von der Erwerbung von Grundbesitz und Betrieb von Handwerken blieben die Juden aber ausgeschlossen. Nach einer Höchsten Zusicherung an den Stadtrat vom 21. Januar 1797 sollte sich jedoch fortan weder ein fremder Jude in Hildburghausen etablieren, noch die Kinder dasiger Juden heiraten und eigenen Haushalt anfangen dürfen, gerade so, wie s. 6. Dec. 1796 in den Coburgischen Landen allen Juden Handel und wandel untersagt und und zugleich der Eintritt an den Grenzorten verboten war; ein Verbot, von dem indeß die Juden, die bis dahin eines besonderes Concessionsquantum an das fürstliche Geleitsamt bezahlt hatten, sowie reisende Juden ausgenommen waren.

1729
Die jüdische Kultusgemeinde in der heutigen Unteren Marktstraße 16 in Hildburghausen besitzt einen Raum für Gottesdienste, schulische und religiöse Unterweisungen für Kinder. Erster Parnes (Gemeindevorsteher einer jüdischen Gemeinde) ist 1731 Simon Moses. Der Betsaal wird bis 1811 genutzt.



20. Dezember 1730

Den Juden wird das Recht eingeräumt, im gesamten Land Sachsen-Hildburghausen zu siedeln mit der Aufforderung, sie sollen ehrlich und redlich sein, ehrbare und redliche Kaufmannschaft, Handel und Gewerbe treiben.


Während sich die Juden in Sachsen-Hildburghausen schon in Städten niederlassen können, ist das in Sachsen-Meiningen noch nicht der Fall. Auskunft darüber in Sachsen-Hildburghausen in sachlicher Art gehaltene Judeneid. Das Thüringer Staatsarchiv in Meiningen bewahrt die Abschrift eines solchen Exemplars eines Treueschwurs für den Juden Meyer Mändlein auf , der mit den Worten beginnt: „Gott der Vater, Abrahams, Isaac und Jacobs, der Himmel und Erden erschaffen und sein Gesetz aufm Berge Sinai gegeben …“


Human schreibt zu den Betteljuden (S. 114 f.):

In grellem Gegensatz zu den reichen und viel vermögenden Hofjuden standen im vorigen Jahrhundert (18. Jh., d. Verf.) die Betteljuden. Einem Betteljuden, dem Kabzon (Sammler) wurde vom Rabbiner ein Bettelbrief , Kibuz, gegeben, worin ihm bezeugt war, daß er arm, aber fromm sei. Mit diesem Brief wanderte dann der Kabzon von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf und wies seinen Brief vom Rabbi oder dem Schulklopfer und darauf dem Parnas oder dem Rosch hakahol (Ortsvorstand) oder auch den Gaboim (Armenpflegern, Bettelherren) vor. Als die Betteljuden zur Landplage wurden, erging 1723 ein Regierungserlaß von Hildburghausen, demzufolge fortan keine fremden Bettler und Juden, ausgenommen der Hofjude und Kammerfaktor Simon Moses von Mertzbach und die Schutzjuden, in das Land gelassen werden sollte. 1744 fand sich unter einer im Hildburghäusischen aufgehobenen 91 Mann starken Bettlerbande neben dem Zigeuner Carl, dem Büttels Görg, dem schwarzen Caspar, dem Köhlers Merten, dem Schwere-Nots-Hannes und dem Krummfingers Balzer auch der Jud Heinrich. Sie waren meist mit Pistolen und Sperrhaken gerüstet. So wurde s. 7. November 1746 das S.Hildburghäusische erneuerte Pönalpatent publiziert, das sich wider ‚das Diebs-, Räuberisch-, Zigeuner-, Jaunerisch-, Herrenloses und anderes Bettelgesindel‘ richtete. Unter den Streunern und Gartbrüdern (herumstreichender Landsknecht, d. Verf.) wurden auch Betteljuden befaßt, die mit Drehtischen und Stechriemen auf Jahrmärkten und Kirchweihen herumliefen und wurden des Landes verwiesen. Wer fortan innerhalb zweier Monate zum ersten Mal in fränkischen Crayß-Landen betreten ward, wurde ‚nebst wohl abgemessener Abprügelung‘ auf 14 Tage zu schwerer Arbeit in das Zucht- und Werkhaus verschickt, der zum zweiten Mal Betretene wurde gebrandmarkt und hernach gegen Abschwörung einer Urphede durch den Stadt- oder Landknecht aus dem Lande geschafft.

Juden, die nirgends vergleitet waren, wurden von den Reichs- und Landesgesetzen als Vagabunden und Landläufer betrachtet, wie die Zigeuner, Glücksritter, Bärenführer, Gaukler, Marionettenspieler.“

2. bis 10. August 1732
Nach dem niedergeschlagenen Glaubensaufstand des protestantischen Salzbunds wird vom Salzburger Erzbischof Leopold Graf v. Firmian das Emigrationspatent (1731) erlassen, und ca. 30.000 Salzburger Protestanten werden ihres Glaubens wegen ihrer Heimat beraubt. Sie ziehen auf dem Weg ins Preußische u. a. durch das heutige Kreisgebiet Hildburghausen: 02.08. = 800 Personen, 05.08. = 940 aus Richtung Schleusingen, 10.08. von Bamberg = 894. Der armselige Tross wird jeweils ein bis drei Tage verpflegt und genießt den Schutz der Einheimischen. Etwa 20 Personen verbleiben hier, aber auch in Heldburg, Streufdorf und Westhausen. Einige Emigranten schließen sich der Hugenottengemeinde in der Hildburghäuser Neustadt an.

Erwähnenswert ist, dass man für 800 Salzburger Emigranten Geld sammelt, auch die Juden fühlen sich mit Geldbeträgen den Salzburgern verpflichtet.

1. Advent 1732 (30. November)
In der Schlosskirche Hildburghausen wird an dem Israeliten Christian Andreä (1712 – 1784) eine Proselytentaufe vollzogen („conversus ex Judaismo). Sein Vater ist Hoffaktor gewesen. Paten sind die Regierung, das Konsistorium, die Kammer, die Landstände und der Rat von Hildburghausen.

1733 – 1737

Aus der Zeit ist eine Druckschrift von Paul Nicolaus Einert überliefert worden unter dem Titel: Entdeckter Jüdischer Baldober, Oder Sachsen-Coburgische Acta Criminalia Wider eine Jüdische Diebs- und Rauber-Bande/ Worinnen Zu jedermänniglicher Wahrnehmung/ vor die Jüdische Nachstellungen sich hüten zu lernen, Besonders aber Zum nützlichen Gebrauch Derer Criminal-Gerichte, Viele ... Bosheiten und Diebs-Streiche, des Jüdischen Volcks, deutlich geoffenbaret, Und zum Behuff künfftiger Inquisitions-Processe, Mit practischen Anmerckungen erläutert werden.

Das Werk enthält ein Kriminalstück der besonderen Art, in das auch Hildburghausen und der Hof verwickelt sind: 

Textbeginn des „Jüdischen Baldober“ mit dem Kriminalfall, 1737

Im Februar 1734 ist vom Centamt Hildburghausen an das Fürstliche Centamt Coburg Emanuel Heinemann aus Groß-Carben bei Frankfurt am Main ausgeliefert worden. Er hat im Verdacht gestanden, Baldober, also Anstifter, zu dem am 9. Dezember 1733 in der Gold- und Silberfabrik in Coburg verübten Raubs gewesen zu sein. Als ein Hofjude (in der zweiten Reihe) hat er viele Jahre im Dienst von Fürsten und Ministern gestanden und ein beachtliches Vermögen angehäuft. Nach seiner Arretierung schweigt er weitgehend, auch wenn ihm viele Annehmlichkeiten in der Anfangszeit seiner Haft gewährt worden sind, selbst delikates Essen, Wein und Gebackenes kann er konsumieren und wird beinahe fürsorglich behandelt. Nach und nach gesteht er, und die guten Gaben werden rarer, denn er hat auch einige Namen genannt. Nach seinen Geständnissen werden auch noch fünf Juden in Hessen-Kassel inhaftiert. An seinen Vater hat er geschrieben: „Fried zu Euch, mein lieber Vater, der Ehrwürdigste ist sein geehrtester Name Heyum und zu Hand meiner lieben Mutter mit ihrem Namen Jendt. Gottes Furcht aller Anfang. Dieses geschieht, weilen hier in ein Arrest kommen bin.“ Am Ende seines Briefes schreibt er: „Weiters bleibt gesund, von mir eurem Sohne Mendel Carbe. Alle gute Freund zu tausendmal gegrüßt. Es darf sich nichts fürchten, denn es hat ja einen guten Namen hierum gehabt.“ Er wird in Ketten gelegt, und als er eines Nachmittags seiner Fesseln befreit wird, unternimmt er einen Fluchtversuch, in dem er von der drei Stockwerke hohen Gefängnismauer in den Stadtgraben springt. Er verrenkt sich sein Rückgrat und verletzt sich die linke Hand. Er wird wieder aufgegriffen und inhaftiert. Sein Verteidiger ist der Hofadvokat Vater aus Hildburghausen, mehrere höhere Persönlichkeiten verwenden sich überdies für ihn, weil sie ebenfalls in die Taten des Gefangenen verstrickt gewesen sind. Das hilft aber wenig. Nach zweieinhalbjähriger Gefangenschaft wird Heinemann auf die Rechtsbelehrung des Jenaer Schöppenstuhls am 17. September 1736 in Coburg gehenkt. Vor der Exekution hat er sich vom Gerichtsboten die Finger- und Fußnägel beschneiden und sich ausreichend mit Wasser begießen lassen. Auf den Richtplatz ist er von den Henkersknechten getragen worden. Er soll sich „mit ungestümen und widerwärtigen Geberden“ von dem Geistlichen abgewandt haben, bis er „mit verbittertem und zornigen Antlitz“ an den Galgen gezogen und erwürgt worden ist. Knapp vier Monate später, am 7. Januar 1737 ist der Gerichtete von vier Betteljuden vom Galgen genommen und begraben worden.

27. Juli 1735

Isaak Moses und Meyer Mendheim in Hildburghausen werden in Gegenwart von Meyer Levi in Schutz genommen.

24. März 1737

Christiane Eusebia, jüdischer Herkunft, wird in Marisfeld getauft und am 27. Januar 1738 in Hildburghausen verheiratet an den Bäcker und Lebküchner Michael Schneier in Hildburghausen.

Januar 1737

Ernst Friedrich II. Herzog von Sachsen-Hildburghausen (1707 – 1745, Regierungszeit: 1724 – 1745) präzisiert den abzulegenden Judeneid in zwölf Abschnitten, vor allem um Meineide zu verhindern und Missverständnisse auszuschließen. Es wird eine Zeromonie gefunden, in die die Riten mit einbezogen werden. So wird beispielsweise gefordert, dass die Thorarolle am Ort ist. Der Schwörende muss seinen Gebetsraum (Tefillin) und den Gebetsschal (Tallith) angelegt haben. Zudem sollen zehn jüdische Zeugen anwesend sein. Bei einem Fallschwur werden alle Plagen angedroht, die auch Moses hat ertragen müssen. Haus und Güter, Weib und Kinder sollen gestraft werden mit Pech und Schwefel. Bei einem falschen Schwur ist mit der ewigen Verdamnis gedroht worden.

In zwölf Kapiteln werden die einzuhaltenden Zeremonien vorgeschrieben:

Beispiele:

  1. Muß in der Synagoge, oder Judenschule, gebräuchliche, und, der Juden Gedanken nach, auf Pergament sehr heilig beschriebene Gesetz-Rolle der fünf Bücher Mosis, welche sie den Coscher Sepher Thora (das ächte Gesetzbuch) nennen, von den Juden herbey geschaffet; mit nichten abr auf eine gedruckte Bibel, oder gedruckten Pentatuchum welchen sie den Chumasch nennen) zu schwören verstattet werden.

  2. Muß der Jude seine coschere oder ächte Thephillin, oder Gebetriemen, auf dem Kopf und linken Arm, ingleichen seinen Tallis und Zizzis bei Handen schaffen. …

XII. Darauf schließet der Jude, mit einstimmigen Zuruf alle Gegenwärtigen Juden seinen Eyd also: Amen, Amen! Höre Israel, der Herr unser Gott ist ein einiger Gott. Gelobet sei der Name der Ehre und sein Königreich, in alle Ewigkeit. – Und hierauf küsset der Jude abermals die Sepher thora.

(Aus: Landesherrliche Generale vom 24.01.1737)

Anmerkung

Der Judeneid (luramentum Iudaeorum) ist ein Eid, den Juden bei rechtlichen Streitigkeiten in einer von christlicher Seite vorgeschriebenen Form geleistet wird. Dieser Judeneid ist meist diskriminierend. In Mitteleuropa ist er im 19. Jahrhundert abgeschafft worden, in Preußen am 15. März 1869.

Der Judeneid ist zu unterscheiden vom jüdischen Eid, der im innerjüdischen Geschäftsverkehr Anwendung gefunden hat.

1739

Human schreibt in seiner Arbeit 1898:

Was den Vermögensstand der Israeliten zu verschiedenen Zeiten anlangt, so weist die Aktenbewertung von 1739, derzufolge die Juden starken Handel trieben, aber nur geringes Schutzgeld zahlten und von allen Lasten frei waren, sowie die bald darauf erfolgte Bestimmung, daß fortan jeder Hausvater für sich 12 fl. fr. und für jeden Knecht 6 fl. in die fürstliche Rentkammer zu zahlen habe, die ganze Judenschaft aber statt der bisherigen 50 fl. fortan 100 fl. als Neujahrsgeld in die fürstl. Schatulle, auf günstigen Vermögensstand der damaligen Hildburghäuser Israeliten. Während dann nach einem Bericht des Amtes vom 18. Mai 1814 die meisten dasigen Juden sich „in sehr nahrungslosen Umständen“ befinden sollten, demzufolge sie nicht einmal ihr Schutzgeld entrichten konnten und dieses in der That auch manchen auf 2 fl. ermäßigt wurde, ward andrerseits 1815 Hoffaktor Simon Levi Simon in Hildburghausen neben J. A. Bechmann zu den ganz großen Kaufleuten gerechnet. Er war zugleich Häuserbesitzer und bei Festsetzung der Quoten, nach welchen jeder Einwohner der Stadt zu den Einquartierungen beizutragen hatte, mit einem Vermögen von c. 40.000 fl. fr. in die höchste Klasse, in die 9., gesetzt, demzufolge er 8 Portionen zu tragen hatte. In der 6. Klasse stand Heinemann Rosenbaum, in der 5. Hayum, Benjamin und Louis Simon, in der 3. Nathan Jeremias, mit c. 2.000 fl., Meyer Michael Hirsch und Nathan Schwab /die bei einfacher Einquartierung mit Einem Mann belegt wurden), in der 2. Salomon Levi und in der 1. Meyer Hirsch.

(Human: Geschichte der Juden im Herzogtum S.-Meiningen-Hildburghausen. – 1898, S. 116)

1740
Johann Gottfried Clericus wird in Hildburghausen getauft. Paten sind die Geistlichen aller Ämter des Fürstentums Sachsen-Hildburghausen.

5. Januar 1743
Alle Juden werden aus Sachsen-Hildburghausen verwiesen, weil angeblich Ende 1742 ein Jude in der Öffentlichkeit über das Familienleben des Herzogs geredet habe. Der Beschluss wird aber nicht mit Konsequenz durchgesetzt, u. a. stehen auch christliche Bürger für die Juden ein. – 1743 leben acht jüdische Familien in Hildburghausen.

 Der Gute Ort (jüdischer Friedhof) in Friedrichsanfang/Weitersroda
Foto: Hans-Jürgen Salier, 9. Februar 1997

1743
Wegen angeblich unlauterer Geschäfte beim Tuch-, Hausier- und Viehhandel werden die Juden aus dem Land gejagt. In Streufdorf bewirft man sie mit Steinen und Kot.


Alle Tätigkeiten und Pläne genügten dem Herzog nicht, wohl auch die Erträge der Münze nicht. Über den Fortgang und Ausgang des Münzbetriebes fehlen Unterlagen und Nachweise.

Am 11. Januar 1759 verhandelt der Herzog erneut wegen der Errichtung einer neuen Münze in Hildburghausen.

Und wieder gab es neue Pläne zur Aktivierung der „von Juden gepachteten und hauptsächlich deren Nutzen fördernden“ Münze in der Residenzstadt.

Die immerwährende Suche nach Möglichkeiten zur Füllung der Schatulle bewirkte eine Kontaktaufnahme mit Meyer Itzig aus Berlin, wobei sich der Herzog und sein Bruder Friedrich Wilhelm Eugen als rege und lebhafte Verhandlungspartner gaben.

Unter dem Pseudonym „Moses Salomon & Cie. Aus Bayersdorf“ (im fränkischen Brandenburg, heute mittelfränkischer Landkreis Erlangen-Höchstadt, d. Verf.) folgte am 13. Februar 1759 ein Vertragsabschluß. Die Firma münzte innerhalb von zwei Jahren 150.000 Mark fein nach kursächsischem Fuß in 1/3, 1/6, 1/12 und 1/24 Taler aus. Wie aus füherer Zeit in Erinnerung, verlangte die herzogliche Seite, alles ausgemünzte Geld außer Landes zu schaffen und selbst den Schlagsatz und die Betriebskosten in anderer Münze abzugelten – da trat Itzig vom Vertrag zurück.

Hier enden die ohnehin sehr dürftigen Akten, und erst 179 finden sich wieder Unterlagen.

(Nach: Jenny-E.[rnst] Hollmann)

Die geringhaltigen Sechsteltaler oder Viergroschenstücke von 1759 erinnern an die sogenannten Ephraimiten, unrühmlich bekanntgewordene kursächsische Achtgroschenstücke, die vom Kaiserhof zu Wien verrufen wurden und dem Hildburghäuser Herzog Klagen einbrachten. Geringhaltige Münzen waren in der Zeit des Siebenjährigen Krieges, der feudalabsolutistischen Kleinstaaterei mit der gigantischen Verschwendung gängige Praxis. Münzverrufe waren an der Tagesordnung.



7. November 1746

Ernst Friedrich III. Carl Herzog von Sachsen-Hildburghausen (1727 – 1780, Regierungszeit: 1745 – 1780) erlässt ein Strafpatent gegen „das Diebs-, Räuberisch-, Zigeuner-, Jaunerisch-, Herrenloses und anderes Bettelgesindel“. Der genannte Personenkreis habe das Land nach dem 1. Februar umgehend zu räumen.

Bei Nichtbefolgung wird angedroht, eine Abprügelung nach dem ersten Aufgreifen, beim zweiten Aufgreifen ein empfindliches Abstreichen mit Ruten und Brandmarkung auf dem Rücken und beim dritten Aufgreifen die Todesstreife.
(s. auch 20. Dezember 1730) 

17. Dezember 1746

† Johann Christoph Hommel, Hildburghausen

(* 13.09.1685, Weißenfels)
Theologe
Inspektor des theologischen Seminars in Eisenach, Generalsuperintendent in Hildburghausen. Er macht in seiner Zeit von sich reden, weil er einen Juden, eine Jüdin und den aus einer dänischen Kolonie in Südamerika stammenden Hofmohren zum Evangelium bekehrt und getauft hat.

1748

Moses Schimmel ist Hoffaktor im Fürstentum. In der Stadt Hildburghausen wohnen zwölf jüdische Familien. Ausländische Juden dürfen weder in der Residenzstadt noch im Fürstentum leben oder sich aufhalten.

1748

Die Chronik von Simmershausen im Fürstentum Sachsen-Hildburghausen vermerkt vier jüdische Familien: Moses, Hirsch, Inachtery und Levy.

Für fremde Juden hat es die Verordnung gegeben, dass solche weder in der Residenzstadt noch im Fürstentum geduldet werden.

1756

Ein einem herzoglichen Dekret wird mitgeteilt, dass in Hildburghausen der Rinderviehmarkt wieder eingeführt wird und dass auch Juden Rind- und anderes Vieh zoll- und geleitfrei zu- und abführen dürfen.

6. April 1763

In einem Hildburghäuser Regierungsreskript wird verordnet: „Auch sollen die Juden nicht befugt sein, Vieh in die Stadt zu bringen und solches, wenn es geschächt worden, zu verkaufen. Dagegen sollen die Metzger, wenn die Juden Fleische haben wollen, jedesmal ihr Vieh von diesen schächten lassen und hernach denselben nach der Taxe pfundweis überlassen.“

Seit 1767 haben die Juden durch fürstliche Vergünstigung eine besondere Fleischbank in Hildburghausen. Der Schächterdienst ist meist von den Lehrern versehen worden (Schächten – rituales Schlachten von koscheren Tieren im Judentum und im Islam. Schächter steht für das hebräische Schochet).

1765
Relativ früh sind jüdische Läden in Hildburghausen nachgewiesen. Es ist überliefert, dass es beim Juden Hertz (in Büttner Gerings Haus auf dem Hildburghäuser Markt) Reis, Zucker, Kaffee, Limburger Käse u. a. gab, 1774 beim Hoffaktor Schimmel u. a. weißblaues Porzellan, Spezereien, Gewürze, bei Jeremias Heyum Kaffee, geschnittenen Knaster (Tabak, d. Verf.). Verkauft wird auch bei Elisa Heyum und Michael Hirsch. 1780 unterhält Hoffaktor Simon Levi einen offenen Laden.


26. Januar 1769
Das Fürstentum Sachsen-Hildburghausen ist nahezu hoffnungslos verschuldet. Vor allem der überdimensionierte und luxuriöse Hof- und Militärprunk unter Herzog Ernst Friedrich III., aber auch die Schulden seiner Vorgänger, haben in diese Lage geführt. Kaiser Joseph II. setzt eine Debit- und Administrationskommission unter der Direktion von Herzogin Charlotte Amalie v. Sachsen-Meiningen, Prinz Joseph und Prinz Eugen ein. Zur Kommission gehören ferner: General v. Friese, Geheimer Rat v. Lindeboom und Regierungsrat Hieronymi, letzterer für juristische, verwaltungstechnische und kaufmännische Ermittlung. Kaum ist diese Nachricht öffentlich, umschwärmen noch mehr Juden den Hof sowie die Bürgerschaft und borgen in voller Handelsfreiheit. Von der Gesamtschuldmasse von 4.183.544 fl. rh. werden 3.588.646 fl. fr. zur Untersuchung ausgesetzt. Einige Juden (Schimmel, Hane, Schwab, Gerber) werden zum Teil zur Untersuchung herangezogen und teils inhaftiert.


Aus den Akten ergab sich dann die Verflechtung besonders Moses Schimmels in „betrügliche Geld-negotia und Landes-alienationes, landesschädliche und betrügliche Kontrakte, Konzessionen, stelionatus“, weshalb gegen ihn mit der General- und seiner Zeit auch mit der Spezial-Inquisition vorgeschritten werden sollte. Als das Land gegen eine halbe Million Gulden an Kreditsteuern aufgebracht und auch die Josephinische Erbschaft nicht unansehnliche Mittel gewährt hatte, erging das letzte Reskript in der Debitsache am 7. Februar 1806. Dann wurden die noch liquidierten Summen im Betrag von 563.980 fl. auf 88.875 fl. verglichen und diese erstand Hoffaktor Simon Levi Simon. Gläubiger waren u. a. Graf Limburg-Styrum, dessen Forderung von 98.000 fl. auf 13.000 fl. verglichen wurde, Jud Baruch Selke, Baron von Mankenstein, Kaufmann Küchler mit 14.000 fl., verglichen auf 1.200, Kaufmann Klein mit 30.240 fl., verglichen auf 3.600, Joder Toscano, Kaufmann Demonte, fürstl Haus Anhalt-Bernburg mit 7.000 fl., verglichen auf 4.080, Jud Holländer von 8.400 fl. auf 900, von Demnitz‘ und von Könitzsche Konkursmasse von 154.346 fl. auf 8.000, Konferenzrat Kosel, Kaufmann Hering zu Straßburg, Abbé Blesch und Wolf Sinsheim in Mannheim von 21.612 auf 3.600 fl.

(Human: Geschichte der Juden im Herzogtum S.-Meiningen-Hildburghausen. – 1898, S. 123 f.)

Die Schulden des Fürstentums betragen ca. 4 Mio. Gulden fränkisch, die Einnahmen ca. 72.000 fl. fr., die Zinsen belaufen sich auf ca. 200.000 fl. fr. Die bis 1806 wirkende Kommission reduziert zuerst die fürstliche Garde und nimmt Entlassungen beim Hofpersonal und bei den Hofschauspielern vor.



2. Juli 1770

Nach zweijährigem Unterricht wird in Hildburghausen der Proselyt (einer, der zu einer anderern Religion übertritt, d. Verf.) Jacob Schlom am Fest Tag Maria Heimsuchung nach einem öffentlichen Examen vom Generalsuperintendenten Philipp Ernst Kern getauft. Die Paten sind die Magistrate von Hildburghausen, Eisfeld, Heldburg, Königsberg und Ummerstadt. Schlom erhält den Namen Christian Treu.

9. Oktober 1770

Die Hildburghäuser Regierung ordnet an, dass für verdächtige Reisende sorgsam Aufsicht zu üben sei. Sie habe die Pflicht, herumziehende Juden, egal wo sie hergekommen, sofort ab- und zurückzuweisen.

1778

Eine besondere Bedeutung für die Geschichte von Gleicherwiesen ist die Ansiedlung von Juden im späten 17. Jahrhundert gewesen. Der Ort ist zu diesem Zeitpunkt ein bedeutender Marktflecken gewesen.

Auch wenn die Geschichte des jüdischen Lebens im Kreis Hildburghausen Teil einer gesonderten Übersicht werden wird, seien einige Bemerkungen angefügt:

In Gleicherwiesen werden 1778 eine kleine Synagoge und eine Schule erbaut, die Einrichtungen sind auch von den Juden aus Simmershausen genutzt worden. Von den Einrichtungen ist bis heute nichts mehr erhalten geblieben, lediglich ein kleiner Friedhof besteht. Noch um 1850 sind die Hälfte der Einwohner des ehemaligen Marktfleckens Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 kommt es auch in Gleicherwiesen zu massiven Verfolgungen jüdischer Bewohner, Auswanderungen. Einige Menschen sind auch Opfer des Holocaust geworden. Zur Erinnerung und zum Gedenken an die Verbrechen ist zum 60. Jahrestag der Reichspogromnacht 1996 [1998] in der Kirche „St. Nikolaus“ eine Gedenktafel angebracht worden.

1783
Herzog Joseph veranstaltet auf dem Hahnritz (zwischen Bedheim und Leimrieth gelegen) eine Jagd und zugleich einen Jahrmarkt mit 6.000 Besuchern.


Human schreibt in seinen Chroniken von 1886 und 1922 über die „Jagdleidenschaften“ und Judenspöttereien Josephs, dass zur Jagd Sauen durch einen großen Teich gehetzt worden seien. Sie hatten einen ausgestopften Juden mit langem Flachsbart auf sich sitzen, das Schwänzlein statt des Zaumes haltend, verkehrt auf sich sitzen. Während des Schwimmens wurden sie niedergeschossen. Allgemeines Gelächter aber erscholl, wenn statt des Wildschweines der Jude getroffen wurde.


3. Juli 1783

Das Verbot des Aufenthalts fremder Juden in Hildburghausen und im Fürstentum Sachsen-Hildburghausen wird wesentlich verschärft. Den ansässigen Schutzjuden ist es verboten, dass sie sich fortan auch auswärtiger Juden bedienen.

1786

Die Kultusgemeinde Simmershausen und Gleicherwiesen wird gebildet. 1787 wird die Synagoge geweiht, die 1817 mit einem Anbau erweitert worden ist. Der Bau zieht sich über einen langen Zeitraum hin, da er ausschließlich durch Privatspenden

3. Februar 1786
Herzog Joseph erlässt eine Verordnung, in der es heißt, dass nur der 1. Sohn eines unter Schutz stehenden Juden in das Fürstentum aufgenommen wird:
„Wie Wir denn in Zukunft jederzeit nur einem der im Lande geborenen jüdischen Söhne, damit die Judenschaft nicht übermäßig anwachse, den Schutz erteilen werden.“


10. Juli 1790
† J. G. Pranger, Meiningen

* 05.08.1745, Hildburghausen
Theologe, Dramatiker
Der Meininger Hofprediger und Dramatiker steht auch mit Schiller im Disput. Als Antwort auf Lessings Nathan der Weise. Er sieht in dem Stück eine Abwertung des Christentums gegenüber dem Judentum. So schreibt er das Schauspiel „Mönch vom Libanon“.

(Human: Geschichte der Juden im Herzogtum S.-Meiningen-Hildburghausen. – 1898, S. 29)

14. September 1795
Eröffnung des Schulmeister-Seminariums mit zwölf Zöglingen in Hildburghausen. Die Initiative geht auf Hofprediger Johann Andreas Genßler zurück. Zu
m Zeitpunkt gibt es in Deutschland ca. 30 Lehrerseminare. Herzog Friedrich befürwortet das Seminar. Finanzbeträge der Stadt und der Gemeinden müssen zwangsweise eingetrieben werden. Als Lehrer sind teilweise führende und anerkannte Persönlichkeiten tätig: Direktor, Examinator, Lehrer für Deutsch und Geschichte ist Hofprediger Genßler, Inspektor und 1. Lehrer ist Waisenpfarrer W. Müller, Lehrer für Musik P. Heuschkel, Rechtskunde Hofadvokat Lotz, T. Oberländer für Geografie, für Botanik Dr. Stellmacher usw.

An dieser Einrichtung unterrichten beispielsweise auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts bedeutende jüdische Persönlichkeiten, z. B. Salomon Steinhardt und Julius Rosenthal. Das Lehrerseminar hat seinen letzten Standort in den 1897/98 erbauten Häusern der heutigen Staatlichen Regelschule „Joliot-Curie“ in der Seminarstraße 2. In dem kleineren Bauwerk ist die Taubstummenschule untergebracht, an der auch Lehrer jüdischer Herkunft unterrichtet haben.


Herzogliches Lehrerseminar und Taubstummenanstalt Hildburghausen, um 1905
Sammlung Hans-Jürgen Salier 

1796
Nach Human leben in Hildburghausen 22 jüdische Familien: 128 Personen (25 Männer, 23 Frauen, 20 Söhne, 15 Töchter, 29 Kinder, 2 Knechte, 14 Mägde).

13. November 1796

Herzog Friedrich von Sachsen-Hildburghausen verfügt per Mandat eine Erhebung einer Kriegsanlage (Steuer) auf die Jahr 1796/97. Juden müssen beispielsweise doppelte Nahrungssteuer bezahlen.

Diese Steuererhöhung erfolgt sicherlich unter dem Eindruck des Überfalls von französisch-republikanischen Truppen auf das zum Fürstentum Hildburghausen gehörende Amt Königsberg in Franken. Außerdem hat der Herzog am 14. Februar 1795, in der Zeit der Koalitionskriege, die Gründung eines Hildburghäuser Kontingents verfügt.

Der Hildburghäuser Hofprediger Johann Andreas Genßler hat in seinem Bericht „Geschichtserzählung von dem Einfall der französisch-republikanischen Armee ins Amt Königsberg“ detailgetreu über die Verwüstungen berichtet, den Raub und das große Leid der Bevölkerung dargestellt. Das bewegt auch in wirtschaftlich schwacher Zeit selbst die Ärmsten, und es kommt zu einer bemerkenswert ertragreichen Hilfsaktion. Zudem haben französische Marodeure immer wieder des Fürstentum heimgesucht, selbst die Residenzstadt.

28. September 1797

Ein Hildburghäuser Reskript (Reskript – Rechtsnorm, Bescheid) wird erlassen, dass auswärtigen Juden, die keinen Schutz oder eine besondere Konzession besitzen, der Handel oder das Herumtragen von Musterkarten untersagt ist. Diese Maßnahme ist bis 1809 gängige Praxis.

19. August 1806

Die Landesregierung von Sachsen-Coburg-Saalfeld gestattet den Söhnen des Hildburghäuser Juden Simon Levi Simon, Joseph und Salomon Simon, mit einer 1.000-Gulden-Zahlung an die herzogliche Kasse die Niederlassung in der Stadt Coburg zu erwirken. Herzog Franz Friedrich (1750 – 1806, Regierungszeit: 1800 – 1806) stimmt dem zu, dass sie sich als Schutzjuden in Coburg niederlassen können und Grundstücke erwerben dürfen. Er verlangt, dass sie einen erblichen Familiennamen nach deutscher Art annehmen, sich und die Familie nach deutscher Sitte kleiden und die Bärte nicht tragen. Sie dürfen christliche und jüdische Dienstboten halten, ebenso einen jüdischen Religionslehrer beschäftigen.

Seit Jahrhundertbeginn
Viele Juden in ländlichen Gemeinden treiben einen regen Viehhandel.

Simmershausen: Jacob und Gump Kahn, Abraham und Joseph Sander, Joseph Hirsch Levi, Abraham Löw, Joseph Hirsch und Simon Friedmann, Hirsch Ludwig. 

Gump Kahn, Simmershausen, ist 1828, der umfangreichen Viehandel betrieben hat, bescheinigt worden, dass er sein Geschäft „mit mehr Rechtlichkeit führe als auswärtige Juden“, denen viel Arglist nachgesagt worden ist. Vor dem Edikt vom 17.06.1826 hat das Gewährschaftsmandat von 1742 gegolten. 

Gleicherwiesen: Löser Abraham Herz, Hirsch und Moses Koppel, Hirsch Löser, Abraham Herz, Joseph Moses, Selig Hirsch, Koppel Hirsch, Jacob Hermann Levi, Herz Levi, Selig Löser, Fromm Herz, Samuel Selig, Gerson Levi, Moses Seligmann, Herz Selig (sein Vater hieß Selig Löser), S. Stern.

Marisfeld: Samuel Moses

Hildburghausen: Joseph Meyer. Gump Meyer Heßberg ist 1838 der einzige Viehhändler in der Stadt.

23. Juni 1808

Ein bekannter Jude stellt in Hildburghausen einen Memorial (Erinnerung) mit der Bitte um Aufnahme in den Gemeindeverband an den Magistrat von Hildburghausen. Die Viertelsmeister protestieren als Vertreter der Bürgerschaft energisch dagegen. Die Juden trügen die Hauptschuld an der Verringerung des Wohlstands der Bürgerschaft. Sie würden mit Fabrikaten und Produkten handeln, dazu verschafften sie sich Handelsgüter aus dem Ausland und verkauften sie zu zivilen Preisen und entzögen damit den einheimischen Händlern die Einkünfte. Das beträfe auch den Handlungsstand, denn sie zögen als Hausierer täglich von Haus zu Haus und vertreiben mit Geschwätz ihre Waren, in der Stadt und auf dem Land. Die Bedeutung der Jahrmärkte werde geringer und den einheimischen Händlern werde sehr viel Geld entzogen. Auch die Eheleute werden aufeinander gehetzt, weil die jüdischen Händler den Ehefrauen Waren aufdrängten, von denen die Männer nichts wüssten. Die „Weiber“ würden dann ihre Männer bestehlen, um die Waren bezahlen zu können. Zum anderen mieten sie schöne Wohnungen und Häuser zu hohen Preisen an, um sie dann später in ihren Besitz zu bringen. Wäre der Petent, also der Verfasser einer Bitte oder Beschwerde, ohne Familie und würden im Fall einer Genehmigung andere Juden nicht gleiche Rechte beanspruchen, gäbe es weniger Schwierigkeiten. – Die Gesuche sind abgelehnt worden.

10. September 1809

In Hildburghausen wird ein Reskript erlassen, in dem festgelegt worden ist, dass alle fremden durchreisenden Juden anderen Fremden gleichgestellt sind und für ihre Person weder Zoll noch Geleit, noch Nachtgeld zu entrichten sei. Der Handel ist ihnen nach Lösung eines Erlaubnisscheines und Entrichtung der bisher gewöhnlichen Abgaben von ihren Waren an Zoll, Geleit und Hausiergeld gestattet. Weiter ist festgelegt worden, dass der Schein für Jahr- und Viehmärkte nicht erforderlich ist. Er kann bei jeder Zollstätte gelöst werden und kostet pro Tag in Städten 12 Groschen und in den Dörfern 8 Groschen. Die ohne einen solchen Schein handeln, sind mit einem Taler gestraft worden. Handelsjuden, die mit ihren Waren angeblich nur durchreisen, sich aber länger als einen Tag aufhalten, sind als Handelnde angesehen worden und haben auf die Zeit ihres Aufenthalts den Betrag der Erlaubnisscheine und der sonstigen Abgaben zu entrichten.

9. Juli 1818
Entrichtung von Chaussee- und Brückengeld für das Amt Hildburghausen.
Es müssen bezahlt werden für vierrädrige Frachtwagen mit mehr als vier Pferden oder Ochsen bespannt sowie bei zweirädrigen Gabelkarren von jedem Zugtier vom Eisfelder Tor nach Adelhausen 9 Kreuzer, vom Römhilder Tor nach Ebenhards 7 und nach Leimrieth 3 Kreuzer, bei geringer Bespannung 7 – 2 1/2 Kreuzer, bei unbeladenen Wagen die Hälfte, von jedem lasttragenden Pferd, Ochsen, Stier, Esel, Maultier, Chaisen- und Reitpferd 5 – 2 Kreuzer, von lediggehenden 3 – 1 Kreuzer, von beladenen Schiebkarren 3 Pfennig bis 2 Kreuzer 1 Pfennig. Chausseegeldeinnahmen sind mit Schlagbäumen und Geleitstafeln mit den jeweiligen Beträgen versehen. Die Zolleinnehmer behalten ca. 1/6 der Gebühr ein.

(s. auch um 1800)

 

Chausseegeldzettel für vier Ochsen und zwei Pferde aus dem Jahr 1812
Sammlung Hans-Jürgen Salier 

1. Januar 1810
Ein Judengesetz für das Herzogtum Sachsen-Hildburghausen wird erlassen. Der Leibzoll (s. auch 1709) wird aufgehoben. Neben dem jährlichen Schutzgeld muss ein sog. Freipass (Handelspatent) erworben werden. Wer trotzdem Handel betreibt, ohne Schutzgeld bezahlt zu haben, wird bestraft. Denunzianten erhalten den dritten Teil der Geldstrafe.

Nach 1810
Im zum Herzogtum Sachsen-Coburg-Saalfeld gehörenden Amt Themar dürfen Schutzjuden nach Coburger Reskript nur auf Nachweis von 300 Thalern Vermögen zum Betrieb eines Gewerbes anzunehmen sein. Von jenen werden 200 Thaler bei den Gerichten so lange deponiert, bis sich der Professionist und seine Familie ordentlich ernährt und die öffentlichen Abgaben pünktlich entrichtet. Das hat bis 1848 Gültigkeit.

30. August 1811
Einweihung
der auf Kosten des Simon Levi Simon (1749 – 1826, seit 1775 Hoffaktor und Parnes) erbauten Synagoge (an der westlichen Stadtmauer, Gelände hinterer Teil der heutigen Commerzbank). Der Hoffaktor hat hierfür im Bereich der Unteren Marktstraße zwei Grundstücke (Nr. 22 und 23) gekauft. Die Weihe geschieht mit Genehmigung des Herzogs Friedrich von Sachsen-Hildburghausen. Zur Weihe ist das Fürstenpaar, Herzog Friedrich und Herzogin Charlotte, anwesend.
Der Weiheredner Joseph Michael Hirsch sagt:

„Die größte Wohlthat, die wir unseren Kindern erzeigen können, ist: wenn wir sie so erziehen, daß sie nicht einst in unsere beschränkte Lage einzutreten brauchen.“

6. Dezember 1812
Der Leibzoll für Juden in Hildburghausen wird aufgehoben.

11. Mai 1814
Juden können Staatsbürger des für die Zeit äußerst liberalen Herzogtums Sachsen-Hildburghausen werden. Friedrich Herzog zu Sachsen-Hildburghausen erlässt ein eine landesherrliche
Verordnung „Edict, die bürgerlichen Verhältnisse der Juden betreffend“.

Alle Juden in Hildburghausen müssen innerhalb von vier Wochen deutsche Namen annehmen und dürfen erst nach Erwerb des (teuren) Bürgerrechts heiraten.

Im Edikt heißt es dazu: „Alle jüdischen Unterthanen sind schuldig, für sich und ihre Nachkommen ordentliche Familiennamen anzunehmen und solche bei allen ihren Geschäften, welche öffentliche Anerkennung erhalten sollen, zu führen. Diese Namen haben sie, nach Angabe ihres Alters und Vornamens, sowie des Alters und Vornamens ihrer Weiber und Kinder bei der ihnen vorgesetzten Polizeibehörde binnen vier Wochen zu Protokoll zu erklären. Die Namen dürfen nicht schon übliche Familienbenennungen sein. Übrigens bleibt den dermaligen Familienvätern, die einen gemeinschaftlichen Stammvater haben, überlassen, ob sie einen gemeinschaftlichen oder verschiedene Namen wählen wollen. Die Verzeichnisse dieser Namen sind Uns von der Polizei-Deputation der Landesregierung binnen zwei Monaten vorzulegen.“
Innerhalb des Herzogtums können sie sich überall niederlassen. Das Bürgerrecht geht auch auf die Kinder der Juden über. Bis 1815 werden sechs Juden zu Staatsbürgern. In den 30er und 40er Jahren erlangen weitere Juden die Bürgerrechte in Hildburghausen, im Herzogtum Sachsen-Meiningen-Hildburghausen selbst geht dieser Prozess der Einbürgerung recht schleppend voran.

Unter III. Titel Vom Bürgerrecht der Juden. Heißt es unter XVIII.

Jeder einheimische Jude kann das Staats-Bürgerrecht gewinnen, wenn er

  1. ein und zwanzig Jahre alt ist;

  2. deutsch lesen und schreiben kann;

  3. den Gesetzen wegen der Verbindlichkeit zum Kriegsdienste Genüge geleistet hat, und entweder

  4. ein Gewerbe ordentlich gelernt hat, in einer deshlab vorzunehmenden Prüfung wohl besteht und Zeugnisse seines Wohlverhaltens beibringt, auch ein zum Betrieb seines Gewerbs erforderliches Kapital nachweist; oder

  5. sich dem Ackerbau widmet, und so viele Grundstücke eigenthümlich oder pachtweise innen hat, um mit einer Familie davon leben zu können.

Die Kaufmannschaft muß, wenn sie als Grund zum Bürgerrecht angenommen werden soll, in einer fremden soliden Handlung erlernt und mehrere Jahr im Dienst einer solchen geübt worden seyn. Auch darf keiner zum bürgerlichen Handelsmann angenommen werden, der nicht wenigstens 2.000 fl. rhnl. eignen Fonds nachweisen kann und offnen Laden hält. Der Hausier- und Schacherhandel ist jüdischen Bürgern untersagt.

Der Ackerbau muß von den Besitzern selbst oder durch jüdische Knechte getrieben werden. Grundstücke zu erwerben, um solche zu verpachten, ist ihnen nicht gestattet. 

(Das Edikt ist verfasst worden von Carl Ernst Schmidt (auch: Schmid) (1852 – 1774):
Redakteur, Professor, Staatsrechtler, Regierungs- und Konsistorialrat
1797 – 1804 Redakteur der
Bayreuther politischen Zeitung, dann Kriminal- und Stadtgerichtsrat, seit 1807 Regierungs- und Konsistorialrat, 1809/10 Professor der Rechtswissenschaft in Jena, 1811 Vizepräsident sämtlicher Landeskollegien in Hildburghausen, Verfasser der nach der Schlussakte von Wien verabschiedeten landständischen Verfassung von 1818 (er erhält den Beinamen Staatsschmidt). 1817 Professor für Staatsrecht an der Landesuniversität und Mitglied des Oberappellationsgerichts Jena.
s. auch 1833) 

Das Edikt vom 11. Mai 1814 nimmt auch auf den Militärdienst im Herzogtum Sachsen-Hildburghausen Bezug. In Preußen beispielsweise (Schleusingen) werden die Juden 1812 militärpflichtig. Im Edikt heißt es: Die als Eingeborene und wirkliche Unterthanen Angenommenen haben alle Pflichten der Unterthanen zu erfüllen, insbesondere von nun an auch die Verbindlichkeit zum Kriegsdienst. Jedoch wollen wir die jetzigen Hausväter mit dem Dienst beim Leibregiment verschonen. Auch versteht es sich, daß von der Zeit an, wo die junge Mannschaft zur Conskription (Konskription – Aushebung der gemusterten männlichen Bevölkerung, d. Verf.) gezogen wird, die von der Judenschaft bisher bezahlten Redemtionsgelder (Widriggeld, d. Verf.) aufhören.“

8. Juni 1815

Die während des Wiener Kongresses verabschiedete Deutsche Bundesakte, der völkerrechtliche Vertrag und das erste Bundes-Verfassungsgesetz über die Gründung des Deutschen Bundes bestimmt im Artikel XVI.

Die Verschiedenheit der christlichen Religionen darf in den Ländern des deutschen Bundes keinen Unterschied in der Wahrnehmung der bürgerlichen und politischen Rechte begründen. Die Bundesversammlung wird darüber beraten, wie auf eine möglichst übereinstimmende Weise die bürgerliche Verbesserung der Bekenner des jüdischen Glaubens in Deutschland zu bewirken sei.“

1815

In Hildburghausen sind Simon Levi Simon, Heinemann Rosenbaum, Ludwig und Bernhard Simon, Joseph Michael Hirsch und Joseph Schönfeld zu Staatsbürgern angenommen und vom Stadtgericht per Handschlag verpflichtet worden.

1819
Zum Zeitpunkt leben in Hildburghausen 113 Israeliten. Hier besteht das Wechselgeschäft der Brüder Louis, Bernhard und Jacob Simon (übernommen vom Vater, dem Hoffaktor Simon Levi Simon) und das Geldverleihgeschäft von Heyum Simon.


Amtlich wird festgestellt, dass es in Hildburghausen folgende Familienoberhäupter gibt, die vorwiegend Handelsgeschäfte führen:
 

Salomon Schlom Benari Galanteriewaren


  • Julius Birkenstein Hausierhandel, Galanteriewaren, Tabakspfeifen

  • Meyer Oettinger Trödelhandel mit Büchern und sonstigen

Effekten (Er ist zugleich als gerichtlicher Taxator bestellt.)

  • Lippman Elkan Trödel und Schmuserei

  • Joseph Michael Hirsch Judenschullehrer, Kantor und

Inhaber eines Spezereiwarengeschäfts

  • Meyer Michael Hirsch offener Laden für Wollwaren

  • Samuel Höchheimer jüdischer Schullehrer

  • Joseph Meyer Viehhandel und Schmuserei

(Seine Frau betreibt Trödelhandel.)

  • Heynemann Rosenbaum Hoffaktor, offener Laden für Putzwaren in Hildburghausen

Hausierhandel in Schalkau und Eisfeld

  • Raphael Salomon Trödler

  • Hayum Moses Schimmel Schmuser

  • Joseph Schönfeld Schnittwarengeschäft im Hausieren

  • Julius Schönfeld Schnittwaren

  • Nathan Schönfeld Kleiderhandel in offenem Laden

  • Pauline Schröter Hausierhandel

  • Nathan Schwab Schnittwaren

  • Heinrich Simon offener Laden für wollene Tuche, alte Kleider, Betten,

Geldverleihgeschäft

  • Gebrüder Louis, Bernhard Handels-, Schnittwaren- und Wechselgeschäft,

und Jacob Simon Ein- und Verkauf alter Schmelzmetalle

  • Koschmann Steinmann Hausierhandel

  • Witwe Marx Kattunhandel

  • Hirsch Schimmel Kammerjäger im Ausland

In einer Eingabe der Bürgerschaft an den Magistrat der Residenzstadt Hildburghausen wird festgestellt, dass die Ernährung nicht aller Bürger gesichert sei und auch der Gewerbefleiß abnehme, anderseits, dass es die Juden zu hohem Wohlstand gebracht haben und teils in Luxus lebten und Maskeraden und Konzerte mehr besuchten als Christen.

Es wird auch Beschwerde geführt, dass Juden Handel mit Spezereiwaren und Wein treiben. Das sei ein Verstoß gegen die Stadtstatuten (Kapitel 6), der besagt, dass Nichtbürger keine bürgerliche „Hantierung“ treiben dürfen, ihr Handel sei auf Galanteriewaren und Trödelhandel beschränkt gewesen, den sie ohne Erlaubnis ausgedehnt haben. Die Juden entgegnen, dass nach dem Edikt von 1814 (11. Mai), dass ihnen nur eine Gewerbe untersagt seien wie Brauerei, Bäckerei, Wein- und Bierausschank, nicht aber der Weinhandel in Fässern.

1822
In Marisfeld werden 602 Einwohner gezählt, davon sind 121 jüdischer Herkunft.

11. Mai 1822

In den Ämtern Hildburghausen und Eisfeld wird der Handel mit fremden Tuchen verboten, um den einheimischn Weber nicht die Existenzgrundlage zu entziehen.

1824
In Hildburghausen wird in der Unteren Braugasse 10 (ehemaliges Haus Nr. 183) im Hinterhaus die jüdische Religionsschule eröffnet (heute: Wohnhaus Familie Klaus Elsner). Sie wird von Hoffaktor Simon Levi Simon anlässlich der 500-Jahr-Feier der Stadt gestiftet (1.500 Gulden). Neben den Unterrichtsräumen ist auch eine Wohnung für den Vorsänger und Lehrer vorhanden gewesen. Die einstige Religionsschule entwickelt sich zu einer Volksschule, der Unterricht wird von meist in Hildburghausen seminaristisch ausgebildeten Lehrern erteilt. Ab 1830 untersteht die Schule der Aufsicht des Stadtpfarrers.
Der unzureichende Bildungsstand der Juden bis zu diesem Zeitpunkt kann dank der vom Staat zur Verfügung stehenden Bildungsmöglichkeiten beseitigt werden. Besonders Dr. Carl Ludwig Nonne setzt sich für die Bildung der jüdischen Bürger ein und fördert Lehrer jüdischer Herkunft. Auch Joseph Meyer hat an seinem Bibliographischen Institut, vor allem in der Redaktion für das
Conversations-Lexicon, jüdische Pädagogen und Gelehrte. In der 2. Hälfte des Jahrhunderts finden sich hervorragende Persönlichkeiten nicht nur in der Wirtschaft als Kaufleute und Fabrikanten, sondern auch im Staatsdienst oder im Gemeinderat, z. B. David Michaelis – Vater des in London und Kapstadt lebenden Großkaufmanns Max Michaelis, der u. a. seiner Heimatstadt und auch Eisfeld beträchtliche Stiftungen zukommen lässt. Eine Straße ist in Hildburghausen nach ihm benannt). Dr. Oskar Michaelis, Heinrich Steinhard, Eduard Schönfeld, Dr. Jacob u. a. Persönlichkeiten nehmen nach ihrem Weggang aus Hildburghausen bzw. dem Herzogtum in Deutschland oder in europäischen Staaten eine hervorragende Entwicklung als Ärzte, Pädagogen, Juristen, Astronomen, Kaufleute oder Verwaltungsfachleute.

Wegen Schülermangels wird die jüdische Schule 1922 geschlossen, letzter Lehrer ist Jacob Mühlfelder gewesen.

11. Februar 1826
† Simon Levi Simon 
* 1749, Burgpreppach
Hoffaktor
1775 Hoffaktor, besonderen Einfluss erlangt er während der Regierungszeit des Prinzen Joseph. Er ist Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde und schenkt der jüdischen Gemeinde die Synagoge und die Schule, ferner stiftet er beträchtliche Geldsummen für wohltätige Zwecke.

1826
Ein Regierungsreskript legt für Marisfeld 25 Schutzjuden fest. Voraussetzung für die Aufnahme als Schutzjude ist ein Mindestkapital von 300 Talern. Die Aufnahme weiterer Schutzjuden ist erst nach dem völligen Weggang (Wegzug oder Tod) einer vollständigen Haushaltung möglich.

Der älteste Sohn hat beim Ableben des Familienoberhaupts immer den Vorzug vor Auswärtigen. 

12. November 1826
Teilungsvertrag von Hildburghausen

Letzte ernestinische Landesteilung

Herzog Friedrich verzichtet auf das Herzogtum Sachsen-Hildburghausen zu Gunsten von Sachsen-Meiningen. Hildburghausen umfasst, ausgenommen die an Coburg fallenden Ämter Sonnefeld und Königsberg/Franken, 11 Quadratmeilen mit 33.000 Einwohnern; 5 Städte, 131 Dörfer und Weiler; 200.000 Gulden Einkünfte und 78.000 Gulden Staatsschulden.

Den Hildburghäuser Oberbehörden wird das Fürstentum Saalfeld zugewiesen.

2. Herzogtum Sachsen-Meiningen-Hildburghausen (SMH)
- Herzogtum Meiningen mit Exklave Camburg mit der Saline Neusulza und Vierzehnheiligen (Thür.) sowie fünfzehn Ortschaften im Amt Eisenberg
- Herzogtum Hildburghausen mit den Ämtern Hildburghausen, Veilsdorf, Heldburg, Eisfeld und Behrungen
- Fürstentum Saalfeld mit den Ämtern Saalfeld und Gräfenthal, dem Amt Themar sowie sieben am linken Ufer der Steinach liegenden Dörfern
- das gothaische Amt Kranichfeld, das gothaische Drittel von Römhild
Coburger Ämter Neuhaus und Sonneberg

(Territorialer Zuwachs: 25 Quadratmeilen mit 71.181 Einwohnern (1826 = 130.000 Einwohner), Vermehrung der Staatseinkünfte um 200.000 Gulden.

Neuer Landesherr ist Herzog Bernhard II. Erich Freund (1800 – 1882, Regierungszeit: 1826 – 1866).

Die im ehemaligen Herzogtum Sachsen-Meiningen geltende „Judenordnung“ enthält im Gegensatz zur Sachsen-Hildburghäuser wesentliche Einschränkungen, die für Unruhen und Unsicherheiten führen.


Die jüdischen Gemeinden werden angewiesen, ein Standesregister anzulegen (Geburten, Trauungen, Sterbefälle).

30. April 1827
Die Nagelschmiedemeister von Hildburghausen, Eisfeld, Heldburg und Ummerstadt stellen den Antrag, dass jedem, der nicht Meister ist, verboten wird, Handel, Umtragen und Feilhalten von Nagelware jeglicher Art verboten ist, ausgenommen ist das Anbieten auf dem freien Jahrmarkt. Bei Zuwiderhandelm wird die Ware dem Armenfonds zugefügt, zudem kommt es zur Festsetzung einer Strafe und der Veröffentlichung in der Handwerkslade.

1829

Der Schutz- und Handelsjude Nathan Schwab aus Hildburghausen bittet in Meiningen darum, seinen Sohn Abraham vom Militärdienst zu befreien. Das Meininger Patent (05.01.1811) enthielt nicht die Bestimmungen des einstigen Herzogtums Sachsen-Hildburghausen (bis 1826). Nathan Schwab stellt dar, dass sein Sohn die Staatsbürgerschaft erreichen wolle. Da er bereits 1819 in Sachsen-Hildburghausen wegen seiner häuslichen Verhältnisse und auch wegen der körperlichen Beschaffenheit freigestellt worden ist, wird er vom Dienst zurückgestellt und mit seinem 30. Lebensjahr gesetzlich von der Militärpflicht entbunden. Durch Reskript des Verwaltungssenats der Landesregierung wird er befreit, nach dem Hildburghäuser Konskriptionsgesetz vom 20. Mai 1824 muss er 50 fl. rh. Reulitionsgeld zahlen.

6. April 1830

Mit Regierungsreskript wird nach Vorlegen des Meisterstücks einem jüdischen Weber das Meisterrecht erteilt. Die Zunft erhebt gegen die Entscheidung Einwand. Trotzdem wird am 16. Juli 1831 die Aufnahme des Betreffenden in die Tuchmacherzunft durch Höchstes Reskript befohlen.

Human schreibt dazu: Indes mußte noch s. 27. I. 1840 vom Verwaltungssenat des Landesregierung den Obermeistern der Zunft bei Vermeidung von 50 fl. Strafe für jeden einzelnen Übertretungsfall aufgegeben werden, den Betreffenden als innungsmäßigen Meister anzuerkennen, ihn zu den Handwerksversammlungen zuzuziehen, von ihm für die Benutzung der Walkmühle keine höheren Abgaben zu erheben, als jeder andere Meister entrichtete, ihm auch die sonstigen und gesetzlichen Gerechtsame einzuräumen und ihn alsbald in das Meisterbuch von Amtswegen einzuschreiben. Dagegen eingelegter Oberrekurs, der sich wieder besonders darauf stützte, daß ein Nichtbürger weder Grundeigentum besitzen, noch ein bürgerliches Gewerbe betreiben dürfe, wurde zurückgewiesen. In ähnliche Sinn wurde durch H. Reskript vom 28.11.1845 einem Juden gestattet, Tuchhandel zu treiben, weil der Tuchhandel zum Schnittwarenhandel gehöre, zudem die überdies mit Schutzbriefen zum Handel begnadigten Juden berechtigt seien. Darauf ging wieder die Querel, daß derart christlichen Gewerbetreibenden die Konkurrenz mit größeren Fabriken des Auslandes bedeutend erschwert werde.


Von der Tuchmacherzunft sind manche Klagen gekommen. Nach dem Edikt von 1814 hat mancher Jude das Handwerk erlernt, aber eigentlich nur zur Erlangung des Staatsbürgerechts, ohne das Handwerk als Lebenserwerb anzusehen. Die eigene Fabrikation ist oft aufgegeben worden oder das Handwerk ist nur noch förmlich betrieben worden, evtl. ist auch eine dritte Person dafür eingesetzt worden, damit ein Alibi vorhanden ist, einheimische, meist aber fremde Erzeugnisse zu vertreiben, was nicht zur Stärkung der Wirtschaftskraft beigetragen habe.


1832

Die Ratsakten vermerken den Wohnsitz folgender jüdischer Bürger in Hildburghausen: Die Kaufleute Bernhard Simon, Jacob Simon, Louis Simon und Emil Michaelis; die Handelsmänner Joseph Schönfeld, Samuel Birkenstein, Meyer Michaelis, Samuel Höchheimer, Schlom Benari; die Handelsjuden Hayum Schimmel, Meyer Oettinger, Raphael Berg (erblindet), Liebmann Kahn.


2. November 1832

In Marisfeld wird die neue Synagoge (Kosten: 6.000 Gulden) an der heutigen Themarer Straße geweiht. Die alte Synagoge hat sich im 1867 abgebrochenen Judenbau befunden.

Ferner hat die Gemeinde eine jüdische Schule. Die Synagoge ist in der Zeit des Nationalsozialismus profaniert worden (Profanierung oder Profanation – Entweihung eines sakralen Gegenstandes). Beide Häuser werden heute als Wohnhäuser genutzt.

Lediglich der jüdische Friedhof nahe Marisfeld ist erhalten geblieben, der auch für die Gemeinde Themar als Guter Ort gedient hat.

Dezember 1833
Die Volkszählung ergibt, dass im Herzogtum Sachsen-Meiningen-Hildburghausen 1.524 leben, davon haben nur 11 das Staatsbürgerrecht. In der Residenzstadt Meiningen leben nur zwei jüdische Familien, zur Wende zum 20. Jahrhundert sind es dort ca. 500 jüdische Personen.

1833

In Simmershausen leben 233 Christen und 57 Juden, 1853 sind es 60, die höchste Einwohnerzahl. 1839 besuchen neun Kinder die jüdische Schule.

3. Juni 1835

Erste Konfirmationsfeier in der Synagoge Hildburghausen durch Lehrer Salomon Steinhard (1808 – 1871), Lehrer am Herzoglichen Lehrerseminar in Hildburghausen, Mitarbeiter am Bibliographischen Institut Joseph Meyers, Dichter und Schriftsteller.

1837
Human schreibt in seiner „Geschichte der Juden im Herzogtum S.-Meiningen-Hildburghausen“ (S. 95) zum Marisfelder Bad:

In Marisfeld war das Bad im Judenhof in einem herrschaftlichen Gebäude, das vom Rittergutspachter zugleich als Schafstall benutzt wurde. Das Bad hatte eine ausgemauerte Quelle, von der weder Zu- noch Abfluß zu sehen waren. Es war 5‘ tief in der Erde, hatte meist Wasser in Mannshöhe und faßte 10‘ im Quadrat; steinerne Stufen führten hinab, durch Brettergestell war es vom Schafstall getrennt. Nach Angabe des Parnas Samuel Bär war das Wasser immer hell und fror nie ein. Alle 2 Jahre wurde das Bad gereinigt. War das Bad zunächst für Frauen bestimmt, so lag doch auch den Männern die Pflicht ob, sich am Tage vor der Kopulation und am Abend vor dem Versöhnungstag dort zu baden. Dabei aber war jedem Badenden rituell aufgegeben, einen Begleiter mitzunehmen, der sich zu überzeugen hatte, daß die Reinigung ordentlich vollzogen sei. 1837 wurde dieses Bad, das fast 150 Jahre bestanden hatte, verschüttet und ein neues im Garten neben der Synagoge angelegt.“

Im gleichen Jahr gründet der aus Hildburghausen stammende Samuel Berg, der an der jüdischen Schule unterrichtet, einen Synagogenchor.

1838 wird eine Fortbildungsschule in Marisfeld gegründet.


16. März 1837

Die zwanzigjährige Friedricke Schimmel wird in der Neustädter Kirche Hildburghausen (heute: Apostelkirche) getauft. Sie ist die einzige und noch lebende Tochter des Juden Hayum Schimmel und dessen Ehefrau Schönchen, geborene Salomon aus Mühlhausen. Die Taufe ist vom Konsistorium genehmigt worden, und Friedricke ist drei Monate von Pfarrer Gleichmann unterrichtet worden. Als christliche Taufnamen erhält sie neben ihrem jüdischen Namen die Taufnamen Sophia Charlotte Christiane. Ihre Patinnen sind namhafte Damen der Gesellschaft. Später heiratet sie den Tuchmacher Diesel in Pößneck.

1839

Im Herzogtum Sachsen-Meiningen-Hildburghausen werden in neun israelitischen Schulen 232 Kinder unterrichtet (96 Knaben, 136 Mädchen)


Die jüdische Schule in Hildburghausen wird z. B. von sieben Schülern besucht, 23 in Gleicherwiesen, 20 in Marisfeld, 5 in Simmershausen.


1839

Der erste Landrabbiner des Herzogtums Sachsen-Meiningen ist ernannt worden. Er ist dem Konsistorium und ab 1848 dem Staatsministerium, Abt. Kirchen- und Schulsachen unterstellt. Zudem ist er für die inneren Angelegenheiten der Schule (Religionsunterricht) und der Synagoge zuständig. Das Landrabbinat hat von 1839 – 1920 bestanden und endet mit der Weimarer Republik.

Erster Landrabbiner des Landrabbinats ist Dr. Moses Dreifuß. Sein Sitz in Walldorf ist 1871 nach Meiningen verlegt worden.

Als Landrabbiner sind tätig gewesen:

Dr. Moses Dreifuß (* 1806, Adelsdorf – † 1879, Meiningen)

Dr. Moritz Dessauer (* 1842, Balatonfö-Kajár, Ungarn – 1895, Meiningen)

Dr. Leo Fränkel (auch Fränckel) (* 1867, Meisenheim – † 1942, KZ Auschwitz) 

1840
Die Allgemeine Zeitung des Judentums (Bd. 5, Baumgärtners Buchhandlung 1841, S. 25) schreibt u. a. zum „Judeneid“:

„… so finden wir, daß unter den deutschen Bundesstaaten im verflossenen Jahre (1840, d. Verf.) für uns die wichtigsten einnehmen: das Königreich Sachsen und Sachsen-Hildburghausen (Anmerkung: Sachsen-Hildburghausen hat es zum Zeitpunkt nicht mehr gegeben, es ist 1826, nach der letzten ernestinischen Landesteilung an das Herzogtum Sachsen-Meiningen-Hildburghausen gekommen, d. Verf.) in der erstern debattirten die Stände auf lebhafteste die Frage über den Judeneid, und stellten für denselben, bis mit geringer Ausnahme, völlig zeitgemäße Verfügungen, was um so mehr anzuerkennen ist, da gerade in Sachsen der Judeneid in der abschreckendsten mittelalterlichen Gestalt bestand. Hiergegen zeigte sic eine geringe Freisinnigkeit in dem strengen Festhalten alter Verordnungen wegen Aufenthalts fremder Israeliten. Zwar wurden diese endlich in Betreff derer aus Zollvereinsstaaten aufgehoben, dagegen gegen anderweitige, noch immer in Kraft erhalten. – Hildburghausen erließ ein organisatorisches, heilsames Gesetz in Betreff des Kirchenwesens der Israeliten.

1843
Im Herzogtum Sachsen-Meiningen-Hildburghausen leben 154.460 evangelische Christen, 1.508 Juden, 888 katholische Christen, 74 Mennoniten (Anhänger einer evangelischen Freikirche).

1844
In Hildburghausen leben 4.182 Bürger, darunter 43 Katholiken, 130 Juden. Die Stadt hat 457 Wohnhäuser.

23. Mai 1844
In den Gemeinderat Hildburghausen wird ein Gesetzentwurf zur bürgerlichen Gleichstellung der Juden eingebracht. Man verwirft ihn, weil festgestellt wird, dass er u. a. nicht den Zeitverhältnissen entsprechen würde (man solle erst ähnliche Vorschläge aus größeren Staaten abwarten). Die Bildungsstufe der Juden sei sehr niedrig, seit dem Gesetz von 1814 habe sich kein Jude dem Gewerbe und dem Landbau zugewandt, sondern sei nur dem Handel und der Schacherei nachgegangen. Es wird beklagt, dass sich die Juden selbst isolierten und sich nur schwer in die Gemeinschaft mit den Christen einfügen.
Im Gemeindegesetz des Herzogtums vom 11.03.1848 wird den Juden das Recht zugesichert, dass ihnen das Ortsbürgerrecht erteilt wird, wenn sie das Staatsbürgerrecht besitzen. Voraussetzung hierfür ist der Nachweis, dass sie sich selbst ernähren können und der Stadt nicht zur Last fallen, dass sie bisher ein Wohlverhalten gezeigt haben.
Erst im Ergebnis der 48er Ereignisse mit der Verabschiedung der
Grundrechte des deutschen Volkes (27.12.1848) tritt man der regionalen Ausgrenzung der Juden mehr entgegen als vorher. Darin heißt es u. a., dass jeder Deutsche das Recht habe, sich an jedem Ort des Reichsgebiets seinen Aufenthalt und seinen Wohnsitz zu nehmen, Liegenschaften zu erwerben, Gewerbe auszuführen und die Gemeindebürgerrechte zu erwerben. Das religiöse Bekenntnis soll die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte nicht einschränken.
Der Hildburghäuser Magistrat findet sich hiermit nicht ab und lässt u. a. am 25.05.1849 verlauten:
„Wenn auch die israelitische Gemeinde keine besondere politische Gemeinde gebildet haben sollte, so steht doch soviel fest, daß eine Gleichstellung der hiesigen israelitischen Einwohner mit den christlichen in Bezug auf bürgerliche Gerechtsame in keiner Weise stattfand. Die israelische Gemeinde soll erst Vorschläge und Erklärungen abgeben, ehe die Angelegenheit beim Bürgerausschuß in Beratung genommen werden kann.“
Die Mitglieder der israelitischen Gemeinde wehren sich gegen diese Aussage und verweisen auf die Grundrechte des Herzogtums und des Deutschen Bundes. Erst mit dem Gesetz vom 22.05.1856
„betr. die Normen für die Verhältnisse der Juden“ kommt es auch für den Magistrat der Stadt zu eindeutigen Regelungen.

Damit sind eigentlich alle Gesetze, die der bürgerlichen Gleichstellung der Juden entgegenstehen, beseitigt. – Die Realität lässt viele Probleme offen.


11. Juni 1844

Das Herzogliche Konsistorium zu Hildburghausen führt eine neue Synagogen- und Gottesdienstordnung für die israelitischen Gemeinden ein. Nach ihr hat die israelitische Gemeinde einen Synagogen- und Schulvorstand aus drei Gemeindegliedern und dem Lehrer. Damit kommt es zu einer wesentlichen organisatorisch-rechtlichen Verbesserung der Juden in Hildburghausen. Eduard Schönfelds Vater, der Kaufmann und Gemeinderevisor Joseph Schönfeld, ist wesentlich an der Erarbeitung der Ordnung beteiligt.

Im gleichen Jahr wird bei den Ständen ein neues Judengesetz mit großer Aufgeregtheit im Land beraten, die Stimmen sind sehr geteilt. Petitionen werden eingebracht, die sich gegen die völlige Emanzipation der Juden richten. Die Auseinandersetzungen ziehen sich bis 1853 hin.


Ab dem Zeitpunkt bis Mitte der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts fungieren nach Human folgende jüdische Gemeindevorstände:

  • Hofagent Louis Simon (bis 1848) (1785 – 1858)

  • Heinrich Simon (1848 – 1852), Kaufmann (1779 – 1860)

  • Rechtsanwalt Joseph Strupp (1852)

  • Carl Michaelis und L. Benari (1857)

  • Kommerzienrat Wilhelm Simon (1871), Besitzer einer Spielwarenfabrik (1818 – 1894) und F. Birkenstein (1871), Manufaktur- und Weißwarenhändler

  • Siegmund Simon, Moses Kahn (1886), Viehhändler Isaac Kahn (1886) Viehhändler und Rechnungsführer der israelitischen Gemeinde und der Lehrer Julius Rosenthal (* 1823, Lehrer der israelitischen Gemeinde und am Nonneschen Institut).

Seit 1846 
Die weltbekannte Spielwarenfabrik von Wilhelm Simon (Püpplesfabrik) in der Marienstraße (seit 1877 in Weitersroda) mit einer Anzahl Heimarbeitern trägt den Ruhm Hildburghausens weit in die Welt, ehe sich Sonneberg mit der bekannten Weltgeltung etabliert. Seit 1862 werden die hochwertigen Puppen, vor allem Tanzpuppen, nach Paris exportiert. Die Firma erlischt 1894 mit dem Tod des Firmeninhabers ...

Rudolf Armin Human in „Geschichte der Juden im Herzogtum S.-Meiningen-Hildburghausen“ (1898) heißt es auf S. 109:

„… Dagegen floriert noch die von Kommerzienrat Wilhelm Simon begründete und jetzt von dessen Sohn Bernhard geleitete Spielwarenfabrik in Hildburghausen.

So sei hier des Begründers der letzteren gedacht. Wilhelm Simon, Sohn des Hofagenten Bernhard Simon und dessen Ehefrau Louise, geborenen Seckel aus Bayreuth, wurde am 7. März 1818 geboren und starb am 15. Dezember 1894. Seine Lehrjahre verbrachte er in Schleusingen und bei seinem Vater und besuchte dann (1833 – 1835) die Handelsschule in Bamberg, wo ihm trotz seiner Jugend vom Direktor Wolfrum eine Lehrstelle angeboten wurde. Darauf leitete er die Separation der Firma Gebrüder Simon, derzufolge Jacob in der Oberen Marktstraße ein Schnittwarengeschäft eröffnete, während Bernhard und Louis Simon ein Modewaren-, Glas- und Porzellangeschäft im jetzigen B. M. Struppschen Hause betrieben. Von 1838 – 1844 war er im Engrosgeschäft „S. Hermann Söhne“ in Carlsruhe thätig, befaßte sich dann in Hildburghausen mit Export von Spielwaren nach Paris und wandelte sein Geschäft nach und nach in eine eigene Fabrik um. Dabei dachte er nicht auf Verbilligung, sondern auf Vervollkommnung seiner Fabrikate, machte Erfindungen und Neuerungen und fand bald Nachahmer, so daß er bedeutenden Anteil am Aufschwung der Spielwarenfabrikation in Deutschland gewann und einen in der Handelswelt hochangesehenen Namen. Seine Fabrikate gingen nach allen Erdteilen. Die meisten seiner Arbeiter blieben bei ihm bis zu ihrem Tode; bei seinem Ableben waren noch 28 Arbeiter mit 20 – 40 Abeitsjahren bei ihm thätig. 1868 gründete er im Verein mit C. Halbig eine Porzellanfabrik in Gräfenhain bei Gotha, die bald großen Aufschwung nahm. 1881 wurde er von S. H. dem Herzog Georg zum Kommerzienrat ernannt. 1886 wurde er zum Vorsitzenden der für den Kreis Hildburghausen begründeten Handels- und Gewerbekammer erwählt und hat auch in dieser Stellung Ersprießliches geleistet. Von seinem Wohlthätigkeitssinn legen eine Reihe von Stiftungen Zeugnis ab. So stiftete er Mk. 3000 für den Diakonissenfonds, Mk. 1100 für Synagoge und israelit. Friedhof. Für eine „Wilhelm Simon-Stiftung“ übergaben seine Kinder noch der Stadt Mk. 5000. Wilhelm Simon war verheiratet mit Frieda, geb. Gerson aus Hamm) (1851 – 72), in 2. Ehe mit deren Schwester Johanna (1879 – 94).“

24. Juli 1847

Nach dem Abitur am humanistischen Gymnasium „Georgianum“ Hildburghausen konvertiert Eduard Schönfeld in Kassel zum evangelischen Glauben. Er legt in Kassel die Einwilligungsurkunde seiner Eltern zum Übertritt ihres Sohnes vom israelitischen zum christlichen Glauben vor, datiert vom 14.07.1847 im Magistrat zu Hildburghausen. Schönfeld wird im Pfarrhaus der evangelisch-lutherischen Gemeinde Kassel, Schlossstraße 255, getauft. Pate ist sein schon zum Christentum konvertierte Onkel, der Partikular Schönfeld, mit dem er sehr verbunden gewesen ist.

Der Literaturwissenschaftler und Biograf Eduard Schönfelds, Prof. Dr. habil. Gerhard Steiner, schreibt in seinem Buch „Eduard Schönfeld – Lebensbild eines hervorragenden Astronomen aus Hildburghausen“ (Verlag Frankenschwelle Hans J. Salier, 1990):

Leider fand der junge Schönfeld mit seinem Berufswunsch bei seinem Vater kein Gehör. Ein junger Jude soll nicht nach den Sternen greifen, sondern ein Händler werden. Doch bekam im Familienrat die Stimme eines Onkels, wohl des Moritz Schönfeld, das Übergewicht. Dieser meinte in weiser Voraussicht angesichts der industriellen Revolution, daß bei der zu erwartenden starken Entwicklung des Bauwesens das Studium der Baukunst aussichtsreich sei. Er empfahl, den Neffen die Polytechnische Schule in Hannover besuchen zu lassen. Diese Schulen sind eine Schöpfung der Französischen Revolution: 1795 wurde die „École centrale des travaux publics“ von 1794 in eine „École polytechnique“ umgewandelt. Deutsche polytechnische Schulen entstanden erst ab 1820. In Hannover war die Höhere Gewerbeschule 1847 zu einer Polytechnischen Schule ausgeweitet worden. Sie bot auch die Ausbildung im Baugewerbe, nachdem vor 25 Jahren in München die erste deutsche Bauschule errichtet worden war.

Bevor sich Eduard Schönfeld in das Abenteuer seines Studiums stürzte, besuchte er seinen Onkel, den Partikular Moritz Schönfeld, in Kassel. Dieser Besuch hatte einen besonderen Zweck: Der junge Israelit, der wohl wie sein Vetter Heinrich tief verletzende antisemitische Abneigungen erfahren hatte und nicht in der Lage war, solche Verletzungen zu verkraften, der zudem nicht orthodox war, wollte sich, ohne weiteren derartigen Mißhelligkeiten ausgesetzt zu sein, seiner Ausbildung widmen können, und deshalb zum christlichen Glauben übertreten. Auch mag bei diesem Beschluß das Beispiel des verehrten Vetters und vor allem das des Kasseler Onkels, der auch bereits konvertiert war, eine Rolle gespielt haben. Der erforderliche Taufbeschluß für Eduard wurde in Kassel am 17. Juni 1847 gefaßt.“

1848

Der jüdische Friedhof auf dem Guhlichsberg b. Marisfeld (heute: ca. 1.700 m², sichtbar sind 134 Grabsteine und 7 Grabstellen mit Grabsteinbruchstücken) wird geweiht. Dort werden auch die verstorbenen Juden aus Themar beigesetzt.

In einer Aufzählung von 1848 bis 1898 werden die an der jüdischen Schule in Themar tätigen Lehrer genannt, so der aus Walldorf b. Meiningen stammende Simon Lang, ferner Leopold Ludwig, Leo Kahn, Gustav Hofmann und Jacob Emanuel.


17. April 1848

Das Herzogliche Staatsministerium des Innern in Meiningen schreibt, nachdem bis zum Zeitpunkt alle Gesetze, die der bürgerlichen Gleichstellung der Juden entgegen stehen, aufgehoben sind, in einem Reskript an die Verwaltungsämter:

In Ausführung der Grundrechte des deutschen Volks kann künftig nicht mehr gestattet werden, daß Juden besondere bürgerliche Gemeinden bilden, vielmehr macht sich eine Bestimmung notwendig, nach welcher die jetzt bestehenden bürgerlichen Gemeinden des Orts, wie sie bestehen, vereinigt werden. Es wirft sich hierbei die Frage auf, welche Anordnungen wegen des gegenseitigen Gemeindevermögens und des Anspruchs der Gemeindeglieder an solchem den bestehenden Verhältnissen am meisten entsprechen. Herzogl. Verwaltungsamt erhält daher die Anweisung, die Vermögensverhältnisse derjenigen Gemeinden, in welchen bisher besondere jüdische Gemeinden bestanden, sowie dieser letzteren zu untersuchen, die Vorstände der beiderseitigen Gemeinden darüber zu vernehmen, unter ihnen eine Verständigung übr die Vereinigung des beiderseitigen Gemeindevermögens zu versuchen und einer Einsendung der Akten binnen drei Wochen zu berichten.“

Daraufhin erklärt der Magistrat von Hildburghausen am 25. Mai 1849 dem Verwaltungsamt: „Wenn auch die israelitische Gemeinde keine besondere politische Gemeinde gebildet haben sollte, so steht doch soviel fest, daß eine Gleichstellung der hiesigen israelitischen Einwohner mit den christlichen in Bezug auf bürgerliche Gerechtsame in keiner Weise stattfand. Die israelitische Gemeinde soll erst Vorschläge und Erklärungen abgeben, ehe die Angelegenheit beim Bürgerrechtsausschuß in Beratung genommen werden kann.“
(Zitiert nach Human, S. 26 f.)

17. April 1848

Die „Allgemeine Zeitung des Judentums. Ein unpartheiisches Organ für alles jüdische Interesse“, Leipzig, veröffentlicht folgende Anzeige:


1852
In die Chronik von Simmershausen schreibt Pfarrer Ludwig Schmidt zum Hungerjahr: „Es fehlt vor allem an Getreide und Kartoffeln. Der größte Teil der Einwohner muß dazukaufen. Nur 10 Bauern haben ihren Bedarf. Der Israelit Sander hat 200 Gulden vorgeschossen (ohne Zinsen bis Michaeli), daß Saatkartoffeln und Korn gekauft werden können.“ – Joseph Sander spendet ansehnliche Geldbeträge für wohltätige Zwecke. So hat er1845 anlässlich der Hochzeit seines Sohnes der Gemeinde 80 Gulden zukommen lassen, der Schule und der Armenkasse jeweils 10 Gulden.

Februar 1853

Der Landtag des Herzogtums Sachsen-Meiningens beschäftigt sich mit der vor allem seit dem 48er Jahr immer wieder im Brennpunkt stehenden Frage der Emanzipation der Juden. Einige Abgeordnete beantragen die vollständige Emanzipation. Aus den Städten kommen Petitionen dagegen. In der Folge kommt es deswegen auch zu Mandatsniederlegungen.


16. März 1853

Das Gesetz über die bürgerlichen Rechte der Juden bestimmt, dass hinsichtlich der Rechtsgeschäfte, namentlich der Verträge zwischen Juden und christlichen Staatsangehörigen sowie hinsichtlich dem zivilprozessualischen Rechte und Pflichten der Juden die allgemeinen gesetzlichen Vorschriften maßgebend sein sollten. Die rechtliche Wirksamkeit, insbesondere gerichtliche Beweiskraft der Aufsätze über Rechtsgeschäfte der Juden war davon abhängig, dass solche in deutscher oder einer anderen bekannten Sprache, nicht aber in hebräischer oder jiddisch (jüdisch-deutscher) abgefasst waren.

1855

Die jüdische Schule in Simmershausen wird wegen fehlender Kinder geschlossen. Schulpflichtige Kinder müssen ab sofort die Schule in Gleicherwiesen aufsuchen.

22. Mai 1856

S. Meiningisches Gesetz vom 22. Mai 1856, betr. die Normen für die Verhältnisse der Juden. Im Art. 1 heißt es: „Die in dem Herzogthum wohnenden Juden sind den christlichen Unterthanen in ihren allgemeinen Rechten und Pflichten gleichgestellt, soweit das gegenwärtige Gesetz keine ausdrücklichen Ausnahmen und Beschränkungen enthält.“

Ferner wird gesagt, dass sie keine eigenständigen bürgerlichen Gemeinden bilden dürfen und sich dem Gemeindeverband ihres Heimatortes einverleiben sollen. Die einheimischen Juden erhalten die Staatsbürgerrechte, wenn sie volljährig sind, wenn Zeugnisse des Wohlverhaltens beigebracht werden und ein Nachweis geführt wird, dass sie einen gesicherten Nahrungsstand haben. Mit diesem Gesetz ist auch das Eheverbot zwischen Christen und Juden aufgehoben, die Ehen sind denen der Christen gleichgestellt. Die Kinder aus solchen Ehen sind in der christlichen Religion zu erziehen. – Trotz der eindeutigen Regelungen kommt es immer wieder zu Protesten und Widerständen aus den Reihen des Magistrats gegen die Juden. Die Intoleranz als Grundhaltung gegenüber den jüdischen Bürgern wird nur sehr langsam abgebaut bzw. wird immer wieder neu angeschürt.

1856

Von den 133 Mitgliedern der jüdischen Kultusgemeinde in Hildburghausen wandern 27 aus.

Für Hildburghausen werden registriert: 15 Kaufleute und 3 Handelsleute, 1 Gerber, 1 Musikus, 1 Antiquar, 1 Riemer (lederverarbeitendes Gewerbe), 1 Drechsler, 2 Weber, 1 Bildhauer, 2 Uhrmacher, 1 Posamentier (Schmuckelemente auf textilem Endprodukten), 1 Metzger, 1 Kürschner, 2 Schneider, 1 Tuchmacher, 1 Beutler (Lederwaren, Täschner) und 1 Zahnarzt.

9. April 1862

Die 1839 in Schwarza bei Meiningen geborene Sara Hirschberg wird in der Sakristei der Stadtkirche Hildburghausen von Superintendent Wölfing getauft und erhält den Namen Wilhelmine Elisabetha Margaretha. Ihre Taufpaten sind: Lucie von Fischern, Elise Nonne, Bertha König, Antonie Meyer (Frau des Chefs des Bibliographischen Instituts, Herrmann Julius Meyer).

1865

In Marisfeld leben etwa 200 Juden, das ist der Höhepunkt der Ortsgeschichte.

1860 gibt es dort nach den Aufzeichnungen von Human drei Brüder Moses, Selig und Löser Walther, Salomon Freund, Hirsch und Emanuel Bär, Ruben Reinhold, Rathau Frankenberg, Jacob Wertheimer, Samuel Hofmann, Lippmann Hofmann, Samuel Friedmann, Samuel Frank, Abraham Kahn. Nach dem großen Brand (s. 1865/66) sind nur noch 27 Juden in sieben Haushaltungen nachzuweisen.

1865/66

Fünf jüdische Familien ziehen von Bibra nach Themar: Familien Abraham Walther, Abraham Selig, Selig Walther, Bär und Gassenheimer. 1866 kommen sechs bei einem Großbrand betroffene Juden in Marisfeld hinzu. Insgesamt leben 97 Juden in 25 Haushaltungen in Themar, u. a.: Selig Abraham Walthers Erben (S. H. Bär und Abraham Walther), S. Walther und F. Gassenheimer aus Bibra, M. Müller, F. Seckel, N. Frankenberg, C. Wertheimer, S. Bär, F. Emanuel und weitere

In Themar bildet sich eine jüdische Kultusgemeinde. Für die Kulthandlungen wird anfangs ein vorhandener kleiner und repräsentativer Saal im Haus des Schuhmachermeisters Blau an der Werrabrücke gemietet. Die Bürger jüdischer Herkunft sind fortan aus dem Wirtschaftsleben der Kleinstadt nicht mehr wegzudenken. Der nicht immer konfliktfreie Textil- und Viehandel liegt im Wesentlichen in ihren Händen. 1871 zählt die jüdische Gemeinde 93 Mitglieder. Sie gehört zum Landrabbinat Sachsen-Meiningen mit Sitz in Meiningen.

Gebäude der ehemaligen Synagoge in Themar
Aufnahme: Foto-Mittag, um 1950
Sammlung Hans-Jürgen Salier

1866
In Hildburghausen wird eine Filiale des 1740 in Meiningen gegründeten jüdischen Bankhauses B. M. Strupp eingerichtet, das sich zum bedeutendsten Bankhaus in Südthüringen entwickelt und wesentlichen Anteil am Aufschwung der Porzellanindustrie hat.
Das Bankhaus etabliert sich im Gebäude des jüdischen Kaufmanns Emanuel Alexander Oppenheimer, heute Gebäude der Commerzbank. Der ehemalige Geschäftsführer ist Hoffaktor Simon Levi Simon gewesen. Die Synagoge auf dem Grundstück wird nicht mit einbezogen.


25. Februar 1868

Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen (Regierungszeit: 1866 – 1914) hebt per Gesetz die letzten Beschränkungen für die Juden auf, damit sind sie juristisch gleichberechtigte Bürger.

3. Juli 1869
Per Gesetz des Norddeutschen Bundes werden die Juden den christlichen Bürgern gleichgestellt.
„Alle noch bestehenden, aus der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses hergeleiteten Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte werden hierdurch aufgehoben. Insbesondere soll die Befähigung zur Teilnahme an der Gemeinde und Landesvertretung und zur Bekleidung öffentlicher Ämter vom religiösen Bekenntnis unabhängig sein.“
(Nach: Bundesgesetzblatt, 1869, S. 292) 

Die Emanzipation trägt zur Verschmelzung der Bevölkerung bei. Viele auf dem Land lebende Juden, die sich mit Handel (meist Viehhandel) beschäftigen, ziehen in die Stadt, auch nach Hildburghausen. Zudem wandern immer mehr vor allem in die USA aus. Bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhundert verringert sich der Armenanteil in der jüdischen Bevölkerung, es kommt zum sozialen Aufstieg.

Die jüdischen Mitbürger integrieren sich in das gesellschaftliche und politische Leben der Bevölkerung. In Sachsen-Meiningen-Hildburghausen leben 1871/72 = 1.625 Bürger jüdischer Herkunft (Bevölkerungsanteil: 0,89 Prozent).

1870
In der Oberstadt von Themar (Oberstadt 205) wird im Haus des jüdischen Bürgers Abraham Walther (heute: Ernst-Thälmann-Straße 17) ein Betsaal eingerichtet. Er ist zugleich Ort für die schulischen Unterweisungen. 1894 wird das untere Stockwerk gekauft und eine jüdische Schule mit Lehrerwohnung wird eingebaut. Es ist davon auszugehen, dass sich im Haus auch eine Mikwe befunden hat.

Zwischen 1900 und 1909 ist Hugo Friedmann der jüdische Lehrer, sein Nachfolger ist der bekannte Pädagoge und spätere Oberlehrer Moritz (Moses) Levinstein, der am 6. Dezember 1938, nach der Entlassung aus dem KZ Buchenwald, in der Werra bei Vachdorf den Freitod sucht.

10. März 1871

† Salomon Steinhard, Hildburghausen
* 17.01.1808, Walldorf bei Meiningen
Pädagoge, israelitischer Prediger, Schriftsteller

1871

Im Kirchenkreis Schleusingen leben neben den evangelischen Gläubigen 138 Katholiken und 266 Juden (drei Synagogen).

10. Juli 1873

Fleischermeister A. Walther, einst Themar, veröffentlicht in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“ (Ausgabe vom 22. Juli 1873) eine Anzeige zum Verlegen seiner Koscher-Restauration von Themar nach Meiningen, ein wichtiger unternehmerischer Schritt, denn die jüdische Gemeinde in der Residenzstadt ist stetig im Wachsen begriffen. Sind es Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts nur zwei Familien, die in Meiningen leben, zählt die jüdische Gemeinde 1871 bereits 317 Mitglieder:

Einem verehrlichen Publikum bringe ich hiermit zur Anzeige, dass ich bei meiner vor kurzem bewerkstelligten Übersiedelung von meinem früheren Wohnorte Themar nach der Residenzstadt Meiningen meine frühere Koscher-Restauration fortführe und will mich hiermit dem hier durchreisenden oder längere Zeit hier verweilenden israelitischen Publikum bestens empfehlen. Insbesondere habe ich bei meiner Einrichtung in hiesiger Stadt Bedacht genommen, dass auch ferner bei mir, wie früher, Mahlzeiten bei Verlobungen, Trauungen etc. in einer noch bequemeren und komfortableren Weise zu sehr billigen Preisen abgehalten werden können. Ebenso können Kinder, welche die hiesigen Studieranstalten besuchen, Kost und Logis zu billigen Preisen in meiner Behausung finden.


22. März 1875
Im Artikel 96 des Volksschulgesetzes des Herzogtums Sachsen-Meiningen heißt es:

Werden die israelitischen Schulen mit den öffentlichen Ortsschulen vereinigt, so wird das für jene vorhandene Vermögen Eigentum der bürgerlichen Gemeinde. –Wo bisher getrennte Ortsschulen für die christlichen und für die israelitischen Gemeindeglieder sich befunden haben, bleiben dieselben mit ihrem bisherigen Verhältnis solange bestehen, als nicht die Vereinigung der neben der Ortsschule der politischen Gemeinde bestehenden besonderen Schule mit jener von den Vertretern der die letzten unterhaltenden Religionsgesellschaft beantragt wird. In diesem Fall ist die Vereinigung der israelitischen Schule mit der Ortsschule der politischen Gemeinde von der Oberschulbehörde zu verfügen, sofern und sobald die Räumlichkeiten des Schullokals solches gestatten und sind die Vermögensverhältnisse der beiden Schulen von dem Kreisausschuß und beziehungsweise in letzter Instanz von dem Verwaltungsgerichtshof vor der Vereinigung zu ordnen. – Wenn für israelitische Kinder an der gemeinschaftlichen Ortsschule der Religionsunterricht nicht erteilt wird, so ist, sofern die Zahl derselben mindestens 10 beträgt, für ihren besonderen Religionsunterricht das Schullokal und die Heizung im Ortsschulhause darzubieten, insoweit dadurch der übrige Unterricht nicht gestört wird.“

1877
Nach der Konstituierung der jüdischen Kultusgemeinde in Themar kommt es zur feierliche Einweihung der Heimstatt, einer kleinen Synagoge. Neun Gewerbebetriebe werden in Themar von jüdischen Bürgern geführt. 

26. Oktober 1881
Weihe der neuen Synagoge in Schleusingen  

Die Neue Synagoge in Schleusingen.
Heute erinnert nur noch eine Gedenktafel an die in der Pogromnacht verwüstete Stätte.

 1. Juli 1884
Eröffnung einer Handels- und Gewerbekammer. Vorsitz: Kommerzienrat Wilhelm Simon.
Mit der Einführung der Gewerbefreiheit verändert sich die Gesellschaft besonders im sozialen Bereich wesentlich, wenn auch Handel und Gewerbe in Hildburghausen schwerfällig auf die neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten und Erfordernisse reagieren. 

 
(s. 01.01.1863) 

17. Juli 1884

Gesellschaftsvertrag zur Errichtung einer Aktiengesellschaft
Porzellanfabrik zu Kloster Veilsdorf AG. Beginn des Strupp-Konzerns, auch Kahla-Konzern genannt, dem ältesten Porzellankonzern der Welt, der eine Pionierrolle bei der Herstellung technischer und elektrokeramischer Erzeugnisse einnimmt. (Strupp’sche Bank in Meiningen, die Bank hat 1922 ein Aktienkapitel von 200 Mio Mark).
In den Folgejahren Inbetriebnahme einer Vielzahl an Fertigungseinrichtungen. Ca. 1.000 Heimarbeiter sind oft unter oft unwürdigen Bedingungen tätig. Faktoreien 1884 – 1887 im Schloss Weitersroda, Heubach 1896, Pressereien in Schwarzenbrunn, Sachsendorf, Waldau, Merbelsrod, Spezialfabrik für Pressporzellan in Brattendorf (1892 – 1989), Schuster & Co., Kloster (1905), Schoenau & Müller, Eisfeld (1991: 160 Beschäftigte, stillgelegt, 1994 abgerissen), in 20er Jahren in Schney, Kronach, Meuselwitz usw. Der Konzern hat teilweise mehr als 1.500 Beschäftigte.

1884
Nahezu der gesamte Viehhandel in Hildburghausen liegt in der Hand der Juden, z. B. Jacob und Joseph Friedmann, Moses und Selig Kahn und Adam Stern.
Allein auf der Eisenbahnstation Hildburghausen werden 29 Pferde, 98 Hunde und 1972 Stück anderes Vieh zum Versand gebracht, 1883 sind angekommen 17 Pferde, 163 Hunde, 1.833 Stück anderes Vieh.

1885
Die Toten der israelitischen Gemeinde Simmershausen werden nicht mehr bei Weitersroda beigesetzt, sondern im zwei Kilometer entfernt liegenden Gleicherwiesen.


1888
In Themar leben 1.763 Menschen, davon sind 118 Israeliten, die vornehmlich Handel betreiben.

1. Mai 1891
† Eduard Schönfeld (Prof. Dr. phil. habil.), Bonn

* 22.12.1828, Hildburghausen
Astronom, Universitätsrektor
Die Universität Bonn schreibt in ihrem Nachruf: „Er hat seinen Namen unter die Sterne versetzt, und diese treuen unvergänglichen Hüter werden ihn für alle Zeiten vor der Vergessenheit bewahren.“

 

 Eduard Schönfeld 1864 als Sechsunddreißigjähriger.
Aus: Vierteljahresschrift der Astronomischen Gesellschaft, 1891 

15. Dezember 1894

† Wilhelm Simon, jüdischer Herkunft 

* 07.03.1818
Kaufmann, Spielwarenfabrikant, Kommerzienrat
Nach Besuch der Handelsschule und Handelstätigkeit in diversen Branchen in Hildburghausen und Karlsruhe (1838 – 1844): Exportgeschäft für Spielwaren, vor allem nach Paris. Er vervollkommnet selbst die Fabrikate und macht Erfindungen. Er trägt zum Aufschwung der Spielwarenfabrikation in Deutschland bei. 1868 Gründung einer Porzellanfabrik mit C. Halbig in Gräfenhain bei Gotha. 1881 Ernennung zum Kommerzienrat, 1886 Vorsitzender der Handels- und Gewerbekammer des Kreises. Mehrere Stiftungen für soziale Zwecke (Kreiskrankenhaus, Stadtschule, Diakonissenfonds, Synagoge, israelitischer Friedhof). 

Die jüdischen Gemeinden in der Region sind meist orthodox oder konservativ gewesen. Sie haben beinahe alle ein Ritualbad (Mikwe) besessen. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts hat die jüdische Gemeinde Hildburghausen ihre Mikwe im linken Eckhaus zwischen Oberer Marktstraße und Knappengasse gehabt (gegenüber ehemalige Joseph-Meyer-Schule, Altes Technikum, Bibliographisches Institut). Die Nutzung ist von 1877 bis zur Jahrhundertwende nachgewiesen. Die letzten jüdischen Besitzer des Hauses, Familie Haskel, haben nach dem Koblenzer Gedenkbuch im Konzentrationslager Kowno (Litauen: [heute wieder] Kaunas) ihr Leben lassen müssen bzw. sie gelten als verschollen.


Historische Postkarte vom heutigen Imanuel-Kant-Platz aus mit Schwanenbrunnen (rechts), der seit 1898 von der Stadt Hildburghausen an die Gemeinde Steinfeld verkauft worden ist-
Sammlung Hans-Jürgen Salier

Anmerkung
Eine Mikwe (Plural: Mikwaot) ist ein Tauchbad, das der Reinigung von ritueller Unreinheit durch rituelle Waschungen dient. Das Wasser muss immer „lebendig“ sein, deshalb befinden sich Mikwaot meist auf Höhe des Grundwasserspiegels. Auch Regenwasser ist für das Ritual nutzbar.

10. Mai 1896
† Julius Rosenthal, Hildburghausen
*27. Dezember 1823, Gleicherwiesen
Pädagoge, Lehrerbildner am Lehrerseminar in Hildburghausen, Träger der Goldenen Verdienstmedaille des Herzogtums Sachsen-Meiningen
In der „Allgemeinen Zeitung des Judentums. Ein unpartheiisches Organ für alles jüdische Interesse in Betreff von Politik, Religion, Literatur, Geschichte, Sprachkunde und Belletristik“, eine deutsche jüdische Zeitung, die von 1837 in Leipzig und ab der Jahrhundertwende in Berlin erschienen ist, heißt es am 15. Mai 1896:

Hildburghausen
, 10. Mai.
Die hiesige israelitische Gemeinde und die gesamte Lehrerschaft des Herzogtums Meiningen hat einen schweren Verlust erlitten; am 2. Mai des Jahres beschloss ein sanfter Tod das Leben dieses verdienstvollen Seminar- und Gemeindelehrers Julius Rosenthal hier. Über dessen goldenes Dienstjubiläum im Sommer 1892 und die zahlreichen Ehrungen des Jubilars aus dieser Veranlassung hatten Sie vor vier Jahren berichtet. Das Leichenbegängnis, das am 5. dieses Monats stattfand, bewies aufs Neue, in welch hohem Ansehen der entschlafene Schulmann gestanden. Denn nicht nur die ganze Gemeinde und die sämtlichen israelitischen Lehrer des Herzogtums schlossen sich der trauernden Familie des Verewigten an, sondern auch das gesamte Seminarkollegium und die meisten Lehrer der höheren Schulen, sowie fast alle christlichen Kollegen der an vierzig Mitglieder zählenden Bezirkskonferenz und viele christliche Bürger sah man im Trauergefolge. Der jüngste Lehrer trug auf einem Ordenskissen die goldene Verdienstmedaille nach, womit seinerzeit der Jubilar durch den Herzog ausgezeichnet worden war. Am Grabe sprachen der herzogliche Landrabbiner von Meiningen und Lehrer Holländer aus Berkach. Julius Rosenthal, geboren am 27. Dezember 1823 zu Gleicherwiesen, erhielt seine Ausbildung auf dem hiesigen Seminar, dann amtierte er an der Samsonschule in Wolfenbüttel und später in Jever. 1846 folgte Rosenthal einem Ruf seiner Schulbehörde und verwaltete von da ab in der engeren Heimat die Schulstellen in Bibra und Walldorf, bis er endlich im Jahre 1872 in seine hiesige Stelle einrückte. Mit klarem Verstand und seltener Auffassungsgabe begnadet, eignete sich Rosenthal eine bedeutende wissenschaftliche Bildung an. Er erzielte nicht nur durch sein Lehrgeschick große Erfolge, sondern erwarb sich auch um die innere und äußere Hebung des Lehrerstandes im Herzogtum große Verdienste, die neidlos anerkannt wurden. Rosenthal war auch über zehn Jahre Mitglied des Vorstandes vom Landeslehrerverein und leitete sogar einige Hauptversammlungen desselben. Durch diese idealen Bestrebungen sowohl, als auch durch seinen reinen tadellosen Charakter hat der Verblichene Kiddusch haschem (Heiligung des Gottesnamens) geübt wie selten Einer, wie er überhaupt in fortschrittlichem Sinne ein begeisterter Jude gewesen. Darum wird gewiss sein Andenken zum Segen bleiben."

Wirtschaft Jahrhundertwende

Regen Viehhandel treiben:

Hildburghausen:

Selig Kahn, Joseph Friedmann, Selig Rosenthal, Abraham Stern

Gleicherwiesen:

Nathan Seligmann, Gebrüder A. und D. Rosenthal, Nathan Ludwig, Moses Rosenberger, David Hofmann, Anselm Schloß

Marisfeld:

H. Kahn

Simmershausen:

Gebrüder Kahn – Gebrüder Kahn, Simmershausen-Coburg

Themar:

Gebr. Louis und Nathan Frankenberg

In Gleicherwiesen gibt es die Gerberei von Herz und Hermann Brachmann. In Eisfeld befindet sich die Holzschneiderei von Löwenherz. In Hildburghausen und in Frankfurt am Main besitzt Siegmund Simon bis in die sechzige Jahre des 19. Jahrhunderts eine Strumpfweberei-Fabrik. International bedeutsam ist die von Kommerzienrat Wilhelm gegründete Spielwarenfabrik, die dann von seinem Sohn Bernhard geleitet wird.  
 

1898
Dr. Armin Humans Werk „Geschichte der Juden im Herzogtum S.-Meiningen-Hildburghausen“ erscheint als 30. Heft der „Schriften des Vereins für Sachsen Meiningische Geschichte u. Landeskunde“.

(s. auch 1939 und die Anmerkungen zur sogen. 2. Auflage 1939 „Geschichte der Juden in Sachsen-Meiningen-Hildburghausen: mit einer Übersichtskarte der jüdischen Niederlassungen“ von Dr. Erich Buchmann im Fink Verlag in Weimar)


1898

Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde in Themar ist Max Müller. Zum Vorstand gehören: J. Seckel, Frauenberger, Wertheimer, Bär sowie der Lehrer I. Emanuel. 

1899 – 1901 

Im Zeitraum kommt e zu den letzten Eintragungen im Geburtenregister von Simmershausen. Martin Kahn wird im Mai 1899 eingetragen, im August 1901 ist es seine Schwester Anna. Sie sind die letzten in Simmershausen geborenen jüdischen Einwohner.

29. Dezember 1899

In Hildburghausen findet für den 2. Wahlkreis in der Klasse derjenigen, die die höchste Personalsteuer zahlen, Wahlen statt. Der nationalliberale Rechtsanwalt Dr. Oskar Michaelis wird zum Abgeordneten des Landtags des Herzogtums Sachsen-Meiningen gewählt. Dr. Michaelis ist der erste Jude im Herzogtum, der zu dieser Würde gelangt. Er ist an Stelle des zurückgetretenen Landtagspräsidenten Ernst von Stocmeier (1844 – 1915) gewählt worden. Über Jahrzehnte ist er Bürgermeister bzw. Oberbürgermeister Hildburghausens und Ehrenbürger der Städte Heldburg und Hildburghausen. Er erwirbt sich große Verdienste für das Herzogtum und hilft nach Kriegsende, den Weg in die Weimarer Republik zu ebnen.

Seit 1885 ist er Rechtsanwalt in Meiningen und Hildburghausen, von 1906 bis 1918 Vorsitzender des Gemeinderats von Hildburghausen, ab 1899 Mitglied des Kreisausschusses, ab 1900 – 1918 ist er Mitglied des Landtags für den Kreis Hildburghausen. 

Villa von Dr. Oskar Michaelis zwischen Waldstraße – Geschwister-Scholl-Straße – Gerbergasse (ehemals Gartenstraße) und Rosengasse nach 1900
Sammlung Hans-Jürgen Salier

19. Oktober 1902
An der Nordostseite des Marktplatzes wird der
Herzog-Georg-Brunnen enthüllt, gestiftet von dem in Eisfeld geborenen und in London und Kapstadt lebenden Geschäftsmann und Ehrenbürger der Stadt Hildburghausen, Dr. Max Michaelis (Sohn des Rechtsanwalts David Michaelis und Bruder des Justizrats Dr. Oskar Michaelis).
Die Festreden halten Dr. Oskar Michaelis und Oberbürgermeister Ernst v. Stocmeier. Entwurf und Ausführung: Prof. Adolf v. Hildebrand, München, Fundament und Ausführung der Aufstellung: Architekt August Berger; Material: Muschelkalk aus Bayern.

Der Herzog-Georg-Brunnen, um 1905

 

1905
Die jüdische Synagoge Hildburghausen am Torbogen wird renoviert.


1. Juli 1905

Das Bankhaus B. M. Strupp mit Stammsitz in Meiningen (in Hildburghausen befindet sich seit 1866 eine Filiale) wird in eine Aktiengesellschaft unter dem Namen
Bank für Thüringen vorm. B. M. Strupp Aktiengesellschaft umgewandelt. Das Bankhaus befindet sich in der Unteren Marktstraße (heute: Commerzbank).

16. Februar 1906
Die Gebrüder Strupp vom Bankhaus Strupp (der Geheime Kommerzienrat Dr. Gustav Strupp, Meiningen, der Geheime Kommerzienrat Louis Strupp, Gotha, und der Bankier Reinhold Strupp, Meiningen) errichten die „B. M. Struppsche Stiftung“ schenken anlässlich der Auflösung der Firma B. M. Strupp zu Meiningen der Stadt 20.000 M, die als Unterstützung armer Wöchnerinnen sowie zur Erziehung und Bildung verwahrloster ausgesetzter Kinder verwendet werden sollen (ohne Unterschied der Konfession).

1906
Meier Friedmann, der Großvater von Meir Heinz Friedman, gründet in Römhild ein Eisenwaren- und Haushaltswarengeschäft.

 
Wohn- und Geschäftshaus der Familie Friedmann in Römhild, 1908,
das sich seit 1869 im Familienbesitz befindet.

 

In Römhild selbst leben meist nur 20 bis 30 Menschen jüdischer Herkunft, meist sind es Viehhändler, so kommt es also zu keiner Zeit zur Gründung einer jüdischen Kultusgemeinde. Sie waren Teil der jüdischen Kultusgemeinde in Bibra. Im Wohn- und Geschäftshaus der Familie Friedmann hat sich ein kleiner Betsaal befunden, hier sind die Gläubigen zu den hohen Feiertagen zusammen gekommen.

1907 bis zwanziger Jahre
Gustav Kahn gehört dem siebenköpfigen Gemeinderat (Wahlfunktion) in Simmershausen an.

1908
Der jüdische Unternehmer Gassenheimer kauft das Gelände der ehemaligen Wiesenmühle (1717 erbaut, zur DDR-Zeit auch Gelände des VEB Schrauben- und Normteilewerks) auf und entwickelt einen holzverarbeitenden Betrieb, später kommt ein Werkteil zur Herstellung und Reparatur landwirtschaftlicher Maschinen hinzu, um 1930 ca. 40 Beschäftigte. Verarbeitung von jährlich ca. 2.000 fm Rundholz, u. a. auch für Lohnschneiden (Eröffnung am 04.01.1909).


1. Dezember 1910

In der Landdiözese Hildburghausen leben 11.821 evangelische Bürger, davon in Hildburghausen 7.316;
katholische Einwohner: Hildburghausen – 263, Bedheim – 7, Birkenfeld – 4, Friedenthal – 1, Häselrieth – 71, Leimrieth 1, Roth – 3, Stressenhausen – 1, Streufdorf – 2, Veilsdorf – 4, Kloster Veilsdorf – 3, Wallrabs – 22;
Juden 105, davon: Bedheim – 3, Ebenhards – 1, Häselrieth – 5, Simmershausen – 18, Streufdorf – 3, Wallrabs – 3;
Baptisten: Hildburghausen – 24, Wallrabs – 1, Zeilfeld – 1.

1910

In Eisfeld werden 12 jüdische Einwohner gezählt, fünfzehn Jahre später sind es nur sechs.

1./2. September 1911

Die Zeitschrift „Der Israelit“ veröffentlicht in der Ausgabe vom 15. September:
Hildburghausen. Am 1. Und 2. September feierte die hiesige Gemeinde das 100jährige Synagogenjubiläum. Im Mittelpunkt der Jubelfeier stand der am letzten Freitag Abend in der festlich geschmückten Synagoge abgehaltene Festgottesdienst, zu dem auch die Vertreter der hiesigen Staats-, Stadt-, Kirchen- und Schulbehörden erschienen waren. Die Festrede hielt Landrabbiner Fränkel. Superintendent Kirchenrat Dr. Human sprach den Dank der geladenen Gäste aus und verlas eine Urkunde, welche die Glückwünsche der evangelischen Kirchengemeinde enthielt und auch das schöne und innige Verhältnis zwischen den Konfessionen betonte. Samstag früh fand ein zweiter Festgottesdienst statt und Samstagabend ein Bankett. Auf dem telegraphischen Festgruß sandte Herzog Georg eine Depesche, in der er für den Gruß von Herzen dankt und ihn wärmstens erwidert.“

1913

Der Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde in Themar, Max Müller, wird als Mitglied des Nationalen Bürgervereins Gemeinderat.

1914 – 1918 

Das Ehrenmal für die Gefallenen des Weltkriegs 1914 – 1918 auf dem Zentralfriedhof in Hildburghausen steht auch für jüdische Mitbürger, die im Glauben an ihre vaterländische Pflicht in den Krieg ziehen mussten und fielen.
Sammlung Hans-Jürgen Salier

 1914 – 1918 Erster Weltkrieg

Gefallene der jüdischen Gemeinden

Gleicherwiesen mit Simmershausen

Dedo Cramer (* 23.6.1882, Gleicherwiesen, vor 1914 in Coburg wohnhaft – † 14.7.1915) --- Vizefeldwebel Alfred Schloß (* 12.3.1893, Gleicherwiesen, vor 1914 in Coburg wohnhaft – † 13.1.1917) --- Ludwig Seligmann (* 16.7.1892, Gleicherwiesen – † 30.5.1915) --- Martin Laub (* 5.9.1892, Gleicherwiesen, vor 1914 in Niederstetten wohnhaft – † 14.11.1914) --- Leopold Bachmann (* 26.4.1884, Gleicherwiesen, vor 1914 in Nordhausen wohnhaft – † 14.5.1916)

Anmerkung: Vor 1914 haben die genannten Personen in anderen Orten gelebt.

(Nach: http.//www.alemannia-judaica.de/gleicherwiesen_synagoge.htm – Zugriff: 13.11.2016)

Hildburghausen
Max Pulver (1915) --- Karl Stiefel (1915) --- Siegmund Katzenstein (* 22.09.1974, Mönchengladbach, † 10.08.1917) --- Gustav Levy (* 20.06.1899, Schwarza – 06.10.1918) --- Gefreiter Siegfried Rosenthal (* 30.04.1899, Hildburghausen – † 20.08.1918) --- Dr. Julius Schloß (1918)

Marisfeld
Bernhard Kahn (* 11.04.1899, Marisfeld – † 24.09.1918)
Hermann und Bernhard Kahn sind zum Kriegsdienst eingezogen worden.

Römhild
Julius Ehrlich (* 10. November 1883, Römhild, vor 1914 in Coburg wohnhaft – † 08.12.1914)

Schleusingen
Nachweislich ist ein Weltkriegsteilnehmer aus der Stadt gefallen, mehrere sind mit Kriegsauszeichnungen zurückgekommen.

Themar
Fritz Kahn (* 1894 - † 1914) --- Leonhard Kahn (* 1894 – † 1914) --- Kahn (?) 
Ihre Namen sind auf dem Themarer Kriegerdenkmal vor der St.-Bartholomäus-Kirche zu lesen.

Insgesamt sind neun Bürger jüdischer Herkunft aus Themar Kriegsteilnehmer gewesen, davon fallen drei, einer wird beinamputiert, drei sind Träger des Ehrenkreuzes für Frontkämpfer: Max Müller II, Markus Rosenberg, Moritz Levinstein.

 

 27. Februar 1919
Meir Heinz Friedman wird in Römhild geboren, 1938 vertrieben,
er hat später in Bad Yam/Israel seinen Wohnsitz.
Er ist Mitarbeiter der von Hans Nothnagel, Suhl, initiierten Sammlung jüdischer Lokalchroniken in sechs Bänden „Juden in Südthüringen geschützt und gejagt“, Bd. 2 Juden in den ehemaligen Residenzstädten Römhild, Hildburghausen und in deren Umfeld („Die verlorene Heimat meiner zerrissenen Familie“).

Nachfolgend zitieren wir aus der Arbeit von Meir Heinz Friedman zum Leben seiner Familie und der jüdischen Mitbürger in Römhild (S. 18 f.):

Trotz der Verschiedenheit der Religion fühlten sich meine Eltern als gute Deutsche, und empfanden die Liebe und Treue zum „Vaterland“ und zum Judentum keineswegs als nicht miteinander vereinbar. Erst recht fühlten sich meine Mutter, als geborene Römhilderin, und mein Vater aus dem benachbarten Berkach zugezogen und hier aufgewachsen, mit dem örtlichen Brauchtum, vertraut, heimatverbunden als echte Einheimische. So in unserem kleinstädtischen Leben verwurzelt und genoß unsere, wie auch die anderen jüdischen Familien, ein hohes Ansehen. Mutter hatte ihr Kaffeekränzchen und war wohltätig im örtlichen Frauenverein engagiert. Vater war bis 1933 Angehöriger der Freiwilligen Feuerwehr und traf sich, mitunter sogar zweimal in der Woche, zum „Skatklopfen“ mit anderen Honoratioren der Kleinstadt. Und wie es nicht anders sein konnte, hatten wir Kinder natürlich unsere Spielkameraden.

Meine Schwester und ich waren die einzigen jüdischen Kinder in der damals so genannten Volksschule, auch hier war wohl der einzige Unterschied zwischen uns und unseren Mitschülern, dass wir vom Religionsunterricht befreit waren und an den jüdischen Feiertagen nicht zur Schule gingen. Für beides wurden wir beneidet, wir dagegen sahen mit Neid auf den schön geschmückten Weihnachtsbaum. Bis auf einige Ausnahmen verlief das Zusammenleben harmonisch.

Dies alles änderte sich sukzessiv nach der Machtübernahme durch die Nazis am 30. Januar 1933. In Thüringen waren die Nazis zwar schon seit 1930 in der Landesregierung vertreten, ihr Einfluss machte sich aber meist im Erziehungswesen bemerkbar. Der wohl schon immer bestehende latente Antisemitismus der Bevölkerung richtete sich mehr oder weniger gegen den etwas abstrakten Begriff „Jude“, und wurde kaum auf die angesehenen jüdischen Mitbürger bezogen. Selbst am berüchtigten 1. April 1933, als Goebbels die Bevölkerung aufforderte, alle jüdischen Geschäfte zu boykottieren. Musste man als Warnposten vor den jüdischen Geschäften in Römhild SA-Männer aus anderen Ortschaften mobilisieren, da sich die heimischen – damals noch – schämten. Dies konnte natürlich nicht von langer Dauer sein, die Einstellung der Bevölkerung, vor allem der heranwachsenden Jugend, wurde völkischer und radikaler. Ob dies durch die immer stärker werdende Hetzpropaganda hervorgerufen wurde (ein Stürmerkasten war ganz in der Nähe unseres Hauses angebracht), oder aber aus innerer Überzeugung geschah, muß dahingestellt bleiben. Wenn man uns auch nicht direkt angriff, so ging man uns aus dem Wege und versuchte zumindest, gesellschaftliche Kontakte zu vermeiden. Mein Vater kam bald zu der für ihn schmerzlichen Erkenntnis, dass die Juden keinerlei Zukunftsaussichten in Deutschland mehr haben können und begann sich ernsthaft mit Auswanderungsplänen zu befassen.

Leider wurden auch hier unüberbrückbare Schwierigkeiten in den Weg gelegt, für Palästina gab es nur eine sehr beschränkte Einwanderungsquote mit Kriterien, die vor allem junge Menschen oder zum Aufbau des Landes benötigte Fachleute bevorzugte. Auch das große Amerika, das „Land der Hoffnung“ stellte Ansprüche, denen viele nicht gewachsen waren. Dazu kommt wohl noch, dass man in dem abgelegenen kleinen Römhild fern von den Zentralen lebte und so vielleicht doch irgendwie vorhandene Auswanderungsmöglichkeiten nicht realisieren konnte.

In der berüchtigten Kristallnacht wurde mein Vater verhaftet und ins KZ Buchenwald gebracht, nach einen Wochen wurde er wieder entlassen, um die „Arisierung“ des Geschäftes und Verkauf des Hauses „ordnungsgemäß und formgerecht“ durchzuführen. Nun wurden die jüdischen Familien zusammen in ein „Judenhaus“ gepfercht, um später das Schicksal von noch 6 Millionen Glaubensgenossen zu teilen. (Die Eltern wurden im Mai 1942 in ein Todeslager nach Polen deportiert, beide Großmütter kamen im Ghetto Theresienstadt ums Leben und der Bruder meiner Mutter, der bis zuletzt veschont blieb, da er mit einer „Arierin“ verheiratet war, wurde in Auschwitz ermordet.)

(Abdruck mit freundlicher Genehmigung Hans Nothnagel, Suhl) 

September 1919
In Hildburghausen kommt es wegen des Beginns der Inflation verstärkt zur Hetze gegen jüdische Einwohner.


4. Januar 1922
† Oskar Michaelis (Dr. jur.), Hildburghausen

* 02.02.1854, Eisfeld
Jurist, Ehrenbürger
Er übernimmt 1844 die Anwaltspraxis seines Vaters, 1888 – 1896 Gemeinderatsmitglied, 1899 – 1905 Stellv. des Gemeinderats, 1906 – 1919 Vorsitzender des Gemeinderats, 02.04.1904 Titel Justizrat, 08.12.1919 Ehrenbürger der Stadt Hildburghausen.
 

1924
Die 
Max-Michaelis-Straße in Hildburghausen ist im Einwohner- und Geschäftshandbuch ausgewiesen, benannt nach dem Ehrenbürger Max Michaelis. – Im Dritten Reich wird die Straße in Horst-Wessel-Straße umbenannt, 1945 heißt sie wieder Max-Michaelis-Straße.

Die in Römhild lebenden Personen jüdischer Herkunft gehören den jüdischen Gemeinden in Gleicherwiesen oder in Bibra an. Um 1930 leben ca. 30 Juden in Römhild

 
 Haus Bachmann in Gleicherwiesen
Sammlung Hans-Jürgen Salier
 

Liste der Juden in der Gemeinde Gleicherwiesen

(Auszug aus einer Personenstandsaufnahme vom 01.01.1924,

Das Buch ist geführt worden vom Standesbeamten Adolf Lang, Gleicherwiesen)

 Haus Nr. Geburtstag Geburtsort Gebäudenutzung (01.08.1989)

erfasst von Gerhard Rittweger

Haus Nr. 4

Rosenberger, Moses * 23.12.1863 Gleicherwiesen bewohnt von Anni Kästner,

Rosenberger, Thekla * 17.06.1873 Gleicherwiesen Volkseigentum, Rechtsträger:

Rosenberger, Käthe * 31.01.1902 Gleicherwiesen VEB Gebäudewirtschaft Hildburghsn.

Rosenberger, Emma * 12.05.1903 Gleicherwiesen

Rosenberger Helene * 23.12.1906 Gleicherwiesen

Rosenberger, Frieda * 21.11.1908 Gleicherwiesen

 Haus Nr. 12

Kahn, Joseph * 13.10.1867 Gleicherwiesen bewohnt von Günter Weber

Kahn, Emma * 29.07.1870 Oberlauringen/Ufr. Privathaus

Kahn, Flora * 21.05.1901 Gleicherwiesen

Kahn, Rosie * 29.06.1903 Gleicherwiesen

Kahn, Sigmund * 20.03.1906 Gleicherwiesen

Kahn, Edith * 22.02.1908 Gleicherwiesen

Haus Nr. 13

Holländer, Therese * 18.10.1849 Gleicherwiesen bewohnt von Bella Krebs

Privathaus

 Haus Nr. 21

Kahn, Isaak * 22.01.1866 Gleicherwiesen bewohnt von Wilma Schwind

Kahn, Frieda * 08.05.1870 Gleicherwiesen Privathaus

Kahn, Toni * 11.03.1900 Gleicherwiesen

Kahn, Sigbert * 04.03.1906 Gleicherwiesen

Kahn, Lissi * 21.07.1907 Gleicherwiesen

Haus Nr. 31

Berger, Max * 27.11.1871 Ulanow/Galizien bewohnt von Alfred Seifert

Berger, Lotte * 03.11.1875 Ulanow/Galizien Privathaus

Berger, Gusta * 25.12.1903 Ulanow/Galizien

Berger, Heinrich * 17.02.1910 Ulanow/Galizien

Berger,, Lenhardt * 12.12.1914 Ulanow/Galizien

 Haus Nr. 33 a

Heinemann, Aron * 10.03.1872 Giebelstadt/Bayern bewohnt von Reinhold Bartenstein

Heinemann, Lina * 09.03.1879 Giebelstadt/Bayern Privathaus

Heinemann, Johanna * 10.01.1904 Giebelstadt/Bayern

Heinemann, Joseph * 09.03.1905 Giebelstadt/Bayern

Heinemann, Irma * 25.08.1907 Gleicherwiesen

Heinemann, Siegfied * 25.05.1910 Gleicherwiesen

 Haus Nr. 40

Levy, Albert * 29.04.1871 Schwarza, Kreis Schleusingen bewohnt von Carl Eberhard

Levy, Jeta * 01.03.1863 Gleicherwiesen Privathaus

Levy, Alfred * 19.05.1902 Gleicherwiesen

 Haus Nr. 44

Güttermann, Ida * 18.09.1875 Giebelstadt/Bayern Haus inzwischen abgerissen

Güttermann, Lora * 11.05.1903 Gleicherwiesen

Güttermann, Anny * 27.05.1906 Gleicherwiesen

Güttermann, Detto * 29.11.1907 Gleicherwiesen

Güttermann, Sara * 30.05.1847 Gleicherwiesen

 Haus Nr. 58

Kohl, Frieda * 02.06.1855 Gleicherwiesen Haus inzwischen abgerissen

Kohl, Siegfried * 22.11.1881 Kleineibstadt/Grabfeld

Haus Nr. 59

Kahn, Leo (Lehrer) * 10.05.1865 Bauerbach bewohnt von Max Lautensack

Kahn, Jettchen * 02.12.1872 Bauerbach Privathaus

Kahn, Marta * 18.04.1894 Gleicherwiesen

Kahn, Alfred * 30.09.1903 Gleicherwiesen

Kahn, Fritz * 07.05.1905 Gleicherwiesen

Haus Nr. 60

Ehrlich, Käthe * ? „Post“ – Volkseigentum

Rechtsträger VEB Gebäudewirtschaft

 Haus Nr. 69 b

Rosenthal, Selig * 09.06.1680 Gleicherwiesen Privathaus

bewohnt von Walter Engelbrecht

 Haus Nr. 70

Bachmann, Karl * 26.02.1872 Gleicherwiesen Haus bewohnt

Bachmann, Dina * 09.07.1880 Rat der Gemeinde Gleicherwiesen

Bachmann, Selma * ?

Bachmann, Martin * 06.07.1909

 Haus Nr. 70

Schloss, Jetta * 27.04.1861 Rat der Gemeinde

Schloss, Moritz * 03.03.1903 Gleicherwiesen

Schloss, Selma * 04.02.1898 Gleicherwiesen

Berk, Saara * 25.09.1852

 Haus Nr. 78

Katz, Löser * 10.06.1869 Haus bewohnt von Erich Schumann

Katz, Rosa * 16.05.1877 Privathaus

Katz, Irene * 01.05.1900 Gleicherwiesen

Katz, Lina * 03.09.1903 Gleicherwiesen

Katz, Betty * 31.08.1903 Gleicherwiesen

Sachse, hanna * 08.04.1842

Haus Nr. 61

Davidsohn, Emilie * 12.10.1853 Haus bewohnt von Frieda Tendel

Privathaus

 Haus Nr. 6

Gärtner, Jakob * 1858 Gerode/Bayern Haus bewohnt von Erich Koch

Gärtner, Sarah * 06.07.1858 Gleicherwiesen Privathaus

(am 24.02.1924 nach Darmstadt verzogen)

 16. März 1926
Die deutschsprachige jüdische Wochenzeitschrift „Der Israelit. Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum“, Frankfurt am Main, sie erscheint in den Jahren 1860 – 1938, veröffentlicht in ihrer Ausgabe vom 16. März einen Bericht von einer Feier zu einer Diamantenen Hochzeit in Themar. Das Ereignis liegt zeitnah mit dem Erscheinen von Hitlers „Mein Kampf“, sieben Jahre vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten und zwölf Jahre vor der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Seit 1925/26 bis 1944 sind 11 Millionen Exemplare vertrieben worden. Die Saat hat eine furchtbare Ernte eingefahren.

Themar, 16. März (1926). Das Fest der diamantenen Hochzeit feierten unter Anteilnahme weiter Kreise am 16. März dem 1. Nisan [Rosch Chodesch Nisan Herr Maier Mayer, Lehrer a.D. und dessen Gattin Karolina geb. Eisenfresser in körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische in Themar (Meiningen). Ein feierlicher Festgottesdienst versammelte die ganze Gemeinde in der festlich geschmückten Synagoge. Es war erhebend, als der ehrwürdige Greis von 87 Jahren mit wohlklingender Stimme den Segensspruch über die Thora aussprach. Im Anschlusse an den Gottesdienst fand die Feier statt, die durch einen sinnreichen Prolog, vorgetragen von drei Enkelkindern, eingeleitet wurde. Darauf folgte die eindrucksvolle Festrede des Schwiegersohnes des dortigen Lehrers, Herrn M. Levinstein. Lehrer S. Blumenthal, Neustadt a. Aisch als Neffe schloss sich den Worten des Festredners an und überbrachte die Glückwünsche der weiteren Verwandtschaft und die des ‚Israelitischen Lehrervereins in Bayern‘, dessen Nestor der Jubilar ist. Namens der Kultusgemeinde Schnaittach, woselbst der Jubilar 47 Jahre wirkte, überbrachte Herr Freimann Glückwünsche, ein Ehrengeschenk nebst einer kunstvoll ausgeführten Ehrenurkunde. Mit Verlehrung eines ehrenden Glückwunschschreibens des Reichspräsidenten Hindenburg, des 1. Bürgermeisters der Marktgemeinde Schnaittach, des Präsidiums des D.J.G.B., des 1. Vorsitzenden des israelitischen Lehrervereins in Bayern, des Vorsitzenden des Verbandes der jüdischen Lehrervereine in Deutschland, sowie der Mitteilung von der Verleihung des Chowertitels (‚Ehrenrabbiner‘) durch den Herrn Distriktsrabbiner Dr. Weinberg in Neumarkt und herzlichen Dankesworten an die Festversammlung seitens des ältesten Sohnes des Jubelpaares Herrn Lehrer M. Mayer, Fürfeld namens seiner 6 Brüder und drei Schwestern schloss der feierliche Akt, der auf alle Teilnehmer einen erhebenden Eindruck macht. Nicht unerwähnt sei, dass der greise Jubilar beim Festmahle eine sinnreiche Rede hielt, die mit Dank für Gottes Gnade ausklang, und dass derselbe mit klangvoller Stimme die Birchas hamoson vortrug. Mögen dem ehrwürdigen Ehepaare noch viele Jahre der Freude und des Glückes mit Gottes Hilfe im Kreise der Kinder und Enkel beschieden sein.“

Um 1930

Die letzten Juden verlassen das Dorf Simmershausen. Der Frontkämpfer Arthur Kahn muss sein Vaterland Deutschland verlassen, um dem Holocaust zu entgehen.

1932

Die ersten Juden Hildburghausens wandern aus, Familie Siegmund Levi (Eisfelder Straße 15), nach Israel.

6. Juni 1932
Der Berliner Pfarrer Joachim Hossenfelder gründet mit Gleichgesinnten die nach dem Führerprinzip orientierte protestantische Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ (DC) als innerevangelische Kirchenpartei für das Deutsche Reich. In ihren Richtlinien heißt es:

Wir sehen in Rasse, Volkstum und Nation uns von Gott geschenkte und anvertraute Lebensordnungen […] Daher ist der Rassenvermischung entgegenzutreten. […] Insbesondere ist die Eheschließung zwischen Deutschen und Juden zu verbieten.“

Die DC will eine „Reichskirche“ schaffen und die „Judenchristen“ aus der Kirche ausschließen. Unter „Judenchristen“ werden die zum Christentum übergetretenen, Also getauften , Juden verstanden. Diese „Entjudung“ bedeutet aber auch, dass eine Abkehr vom Alten Testament erfolgt, es zu einer gewissen Reduktion kommt und auch das Neue Testament in Teilen umgedeutet wird. Die DC fordern die „Reinhaltung der germanischen Rasse“ durch den „Schutz vor Untüchtigen“ und „Minderwertigen“. Zudem soll der „volksfeindliche“ Marxismus vernichtet werden.

Besonders aktiv werden die Deutschen Christen in Thüringen, Hitlers „nationalsozialistischer Trutzburg“. 

1934 bildet sich die Bekennende Kirche heraus, die die Deutschen Christen als Häretiker betrachtet und aus der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen hat, weil sie eine Lehre vertreten, die im Widerspruch zu einer vorherrschenden Auffassung steht. Die Bekennende Kirche hat sich als die wahre evangelische Kirche verstanden. Führende Mitglieder sind gewesen: Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer, Helmut Gollwitzer und Martin Niemöller. – In der thüringischen Kirche ist der führende Bekenntnispfarrer der aus Hildburghausen stammende spätere Landesbischof der Evang.-Luth. Kirche in Thüringen D. Dr. Moritz Mitzenheim.

Im folgenden Dritten Reich geht der Bruch auch mitten durch die Hildburghäuser Gemeinde. Hermann Thürmer, der Pfarrer der Christuskirche, hat sich zu den Deutschen Christen bekannt, Pfarrer Ernst Köhler (Apostelkirche) zur Bekennenden Kirche.

14. März 1933
Die Evangelische Kirche Thüringens bekennt sich zur nationalsozialistischen Ideologie. Die kirchlichen Amtsträger müssen den Treueeid auf Hitler schwören. Geistliche „nichtarischer“ Herkunft bzw. in einer Mischehe verheiratete werden aus dem Kirchendienst entlassen.

In Thüringen kommt es trotzdem in der Pfarrerschaft vereinzelt zu theologischem Widerstand im Sinne der Bekennenden Kirche, besonders in der Rhön in Reichenhausen und Kaltenwestheim.

1933
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten leben nur wenige Personen in Eisfeld. In einem heimatkundlichen Wegweiser von Eisfeld wird ihr Schicksal beschrieben:

Wladimir Slobodkin hat in der Georgstraße in Eisfeld ein Elektrogeschäft betrieben. Nach der Heirat mit Magda geb. Glaser ist er 1917 zur evang. Kirche konvertiert. 1933 wird er wegen seiner jüdisch-russischen Herkunft stark angefeindet. Deshalb kehrt er in die Sowjetunion zurück. Seine Frau und die 1918 geborene Tochter Edith verbleiben in Eisfeld, werden später deportiert, ihr Schicksal bleibt unbekannt.

Hermann Gerson (* 1885) betreibt am Kirchberg 8 ein Textilwarengeschäft, auch er hat eine deutsche Frau. Seine beiden Kinder Ruth und Alexander sind schon vor Beginn der Naziherrschaft nach Palästina ausgewandert. Gerson ist Vorsitzender der kleinen Eisfelder jüdischen Gemeinde, in seinem Wohn- und Geschäftshaus ist auch ein Betraum eingerichtet. 1938 wird das Geschäft zwangsarisiert. Gerson und seine Frau werden obdachlos und kommen bei der nichtjüdischen Familie Heß unter. 1944 wird Hermann Gerson denunziert und im Gefängnis in Suhl inhaftiert und in das KZ Auschwitz deportiert. Dort ist er umgekommen.

Benno Süßkind ist ebenfalls nichtjüdisch verheiratet, wohnt Am Hopfensteg 14, hat zwei Kinder und arbeitet als Verkäufer bei Hermann Gerson. Im widerfährt das ähnliche Schicksal wie Hermann Gerson. Über sein Ende in Auschwitz ist nichts bekannt. Bei Recherchen der Geschichte der Juden in Eisfeld taucht sein Name auf einer Transportliste nach Theresienstadt (Terezin) auf.

31. März 1933
Im Reich angeordneter Boykott gegen die jüdische Bevölkerung unter massiver Beteiligung von SA und SS. Die SA zieht, Kampflieder singend und Sprechchöre grölend, durch Hildburghausen und fordert dazu auf, nicht mehr bei Juden zu kaufen. Bürger werden am Besuch jüdischer Geschäfte gehindert.

7. April 1933
Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums.

Unliebsame, jüdische und politisch „unzuverlässige“ Beamte werden aus dem Staatsdienst entlassen, oft verhaftet und verurteilt. Beamten ist es verboten, Mitglied der SPD zu sein. Eine Welle des Terrors geht durchs Land.

In Themar ist beispielsweise der an der Volksschule tätige Lehrer Moritz Levinstein einer der ersten Opfer des Gesetzes zum Berufsbeamtentum.

22. April 1933
Der Thüringer Lehrerverein wird gleichgeschaltet. Ein neue Gesetz mit Arier-Paragrafen wird erlassen. Im Land Thüringen werden etwa 10 Prozent der Lehrer entlassen.

 

1. Oktober 1933

 

Rechts hinten, neben dem Torbogen, hat sich die alte Synagoge befunden.

Nach der Verstaatlichung des jüdischen Bankhauses Strupp in Hildburghausen in der Unteren Marktstraße (zu DDR-Zeiten DDR-Staatsbank, ab 1990 Dresdner Bank, heute: Commerzbank) wird die angrenzende Synagoge aus dem Jahr 1811 abgerissen. Erhalten geblieben ist das Wohnhaus des Hoffaktors Simon Levi Simon. Mauerreste der ehemaligen Synagoge sind im Hinterhof der Commerzbank noch vorhanden. Die der Diskriminierung ausgesetzte jüdische Gemeinde findet im Gartenhaus des Fabrikanten Gassenheimer (Gerbergasse/Heimstraße) ein neues Domizil.

 

Blick zur Gerbergasse. Rückansicht (Westen) der Villa (heutige Gerbergasse 19, später im Besitz von Prof. Dr. Ernst Kaiser) um 1920 zeigt rechts unten das Gartenhaus der jüdischen Unternehmerfamilie Gassenheimer, das zur Synagoge der kleinen jüdischen Gemeinde Hildburghausens geworden ist. 
 

Oktober 1933
Der Hitlergruß, auch Deutscher Gruß genannt, wird durch die Propagandamaschinerie nach der Machtübernahme mit großem agitatorischem Getöse eingeführt. 

Die verpflichtende Grußformel wird teils bis hin zur Privatkorrespondenz verwendet. – Miteinander vertraute Menschen begrüßten sich manchmal insgeheim mit der Dialogformel „Heil Hitler!“ und der Antwort „Heil du ihn!“ Schon allein beim Mithören wurde die Gestapo aktiv.

1933
Der Eisenhändler und ehemalige Stadtrat Max Friedmann wandert aus. Zum Zeitpunkt gehören etwa noch 50 Personen zur jüdischen Gemeinde in Hildburghausen. 

20. Januar 1934
† Dr. Bernhard („Benno“) Koppenhagen, Schleusingen (Suizid)
* 6. Juni 1867, Germersheim
Landarzt und Gynäkologe mit eigener Praxis und Belegbetten im Städtischen Krankenhaus Schleusingen, Schriftsteller 

Gebetsraum der 1811 erbauten jüdischen Synagoge, Anbau des verstaatlichten jüdischen Bankhauses Strupp am Torbogen (Durchfahrt zwischen Untere Marktstraße und J.-S.-Bach-Platz, dem ehemaligen Schlossplatz).
Nach dem Abriss am 01.10.1933 zieht die immer kleiner werdende jüdische Gemeinde in das Gartenhaus des Unternehmers Gassenheimer zwischen Gerbergasse und Heimstraße.
Sammlung Ines Schwamm
Die Synagogen zeichnen sich durch Einfachheit aus. Der Bildschmuck (Gemälde und Statuen) fehlt gänzlich, ausgenommen die Menora (siebenarmiger Leuchter) und der Chanukiah (achtarmiger Leuchter für das Chanukkafest.

Die Max-Michaelis-Straße, benannt nach dem jüdischen Großkaufmann und in Kapstadt und London wirkenden Ehrenbürger von Eisfeld und Hildburghausen, Dr. Max Michaelis, ist im Dritten Reich umbenannt worden in „Horst-Wessel-Straße“, dem zum „Märtyrer der Bewegung“ hochstilisierten SA-Schläger und Pfarrersohn Horst Wessel. Er schrieb den Text „Die Fahne hoch, die Reihen …“, der zur Parteihymne der NSDAP geworden ist. Am 23. Februar 1930 ist er in Berlin von KPD-nahen Schlägern im Zuhältermilieu getötet worden. – Der in der Straße wohnende Heimatforscher und Studienrat Albert Buff und andere Bürger vermeiden in der Umgangssprache den gesamten Straßennamen zu nennen und bezeichnen die Straße als „Horststraße“. 

16. April 1936
Der im Vereinsregister eingetragene Jüdische Jugendbund wird aufgelöst und im Vereinsregister beim Amtsgericht gestrichen, seine Tätigkeit wird verboten.

28. Mai 1936
Denkschrift der Bekennenden Kirche gegen Rassenwahn und antisemitische Politik.

1937/38

In Bibra (heute: VG Grabfeld, Landkreis Schmalkalden-Meiningen) besteht ein Hachscharazentrum, an dessen Gründung auch Meir Heinz Friedman aus Römhild beteiligt ist. In diesen Einrichtungen sind auch einige Jugendliche aus dem Landkreis Hildburghausen tätig. Die Teilnehmer des Zentrums Bibra-Bauerbach arbeiten einzeln bei Bauern und auch meist ohne Entgelt.

Hachschara (hebräisch: Vorbereitung, Tauglichmachung), systematische Vorbereitung meist von jugendlichen Juden auf die „Alija“ zu gehen, d. h., sich auf die Besiedlung Palästinas in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts vorzubereiten. Ideologische Grundlage ist anfangs der Zionismus gewesen, geprägt von der jüdischen Jugendbewegung.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland und mit dem weiteren Erstarken des Antisemitismus erhalten die Einrichtungen einen großen Zulauf. – Die Hachschara-Kurse, die vor allem auf landwirtschaftlichen Gütern organisiert worden sind, haben in der Zeit der Weltwirtschaftskrise die Möglichkeit gesehen, eine Berufsausbildung zu erlangen oder nach dem Auswandern eine neue Lebenschance zu bekommen.

Nach 1941 sind die jüdisch betriebenen Einrichtungen von den Nationalsozialisten aufgelöst oder als Zwangsarbeitslager für jüdische Jugendliche umgewandelt worden.

Im späteren Israel setzen sich die Hachschara-Gemeinschaften in den Kibbuzen fort (ländliche Kollektivsiedlungen in Israel, erstmals 1909 gegründet).

März 1937
Der jüdische Firma S. Gassenheimer & Sohn gerät im NS-Staat in komplizierte finanzielle und politische Bedrängnis. Gassenheimer verkauft sein Unternehmen in der Heimstraße unter sehr schlechten Konditionen an die Paul Kätsch K.G. aus Sömmerda (vorerst: Paul Kätsch, Sömmerda, Abteilung Hildburghausen). Paul Kätsch ist ein linientreuer Nationalsozialist. Die Produktion wird teils umgestellt und eine Metallabteilung aufgebaut (Schrauben, Fassonteile, Fertigung von Kleinmaschinen) und am 24.04.1937 wieder in Betrieb genommen. Im ehemaligen Betriebssteil der Holzverarbeitung werden vorwiegend Munitionskisten, Schränke, Spinde u. a. für die Wehrmacht und in der Zimmerei Dachkonstruktionen für Baracken und Hallen der Luftfahrt bzw. der Luftwaffe hergestellt. Bis zum Kriegsbeginn sind ca. 140 Beschäftigte tätig, später bis 360. Darunter haben sich Fremd- und Zwangsarbeiter aus Frankreich und der Sowjetunion befunden, die in einem Barackenlager untergebracht worden sind.

November 1937
Nach einer Verfügung des Reichsjustizministeriums ist jüdischen Bürgern die Verwendung des Deutschen Grußes nicht gestattet.  

Fernschreiben des Geheimen Staatspolizeiamtes
an alle Staatspolizei(leit)stellen zur Organisation
der „Pogromnacht“ (9. 11. 1938) 

Dieses FS ist auf dem schnellsten Wege vorzulegen.

 

  1. Es werden in kürzester Frist in ganz Deutschland Aktionen gegen Juden insbesondere gegen deren Synagogen stattfinden. Sie sind nicht zu stören. Jedoch ist im Benehmen mit der Ordnungspolizei sicherzustellen, dass Plünderungen und sonstige besondere Ausschreitungen unterbunden werden können.

  2. Sofern sich in den Synagogen wichtiges Archivmaterial befindet, ist dieses durch eine sofortige Maßnahme sicherzustellen.

  3. Es ist vorzubereiten die Festnahme von 20 – 30.000 Juden im Reiche. Es sind auszuwählen vor allem vermögende Juden. Nähere Anordnungen ergehen im Laufe dieser Nacht.

  4. Sollten bei den kommenden Aktionen Juden im Besitz von Waffen angetroffen werden, so sind die schärfsten Maßnahmen durchzuführen.

  5. Zu den Gesamtaktionen können herangezogen werden Verfügungstruppen der SS sowie Allgemeine SS. Durch entsprechende Maßnahmen ist die Führung der Aktion durch die Stapo auf jeden Fall sicherzustellen.

 

Gestapo II Müller

Dieses FS ist geheim

Nach: Reinhard Rürup (Hg.): Topographie des Terrors. Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt auf dem „Prinz-Albrecht-Gelände“. Eine Dokumentation. – Berlin, 1989, S. 112 f.
 

6. März 1938
Die jüdische Gemeinde in Themar hat noch 48 Mitglieder (am 07.11.1938 sind noch 71 Personen gezählt worden), ihr Vorsteher ist Ernst Gassenheimer.

26. April 1938
Verordnung über die Erfassung jüdischen Vermögens oberhalb der Grenze von 5.000 Reichsmark wird erlassen. Rechtsgeschäfte mit Ariern sind genehmigungspflichtig. 

Im Zuge der Arisierung bzw. Entjudung des Deutschen Reiches geht es vordergründig darum, Juden und Mischlinge aus Handel, Gewerbe und Wissenschaft zu Entfernung und dafür gefolgstreue Nationalsozialisten einzusetzen. Die gesetzliche Grundlage bieten hierfür die „Nürnberger Gesetze“. Für die Arisierung und Konfiszierung, die sich über den Zeitraum der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft von 1933 bis 1945 erstreckt, werden entsprechende Gesetze und Verordnungen erlassen.

Die Verkäufe sind meist formell gewesen, d. h., sie sind inszeniert worden, und es ist zu erheblichen Arisierungsgewinnen gekommen. Meist sind die Erwerber absolut linientreue Nationalsozialisten gewesen. 

9./10. November 1938

Reichspogromnacht (sog. Reichskristallnacht)
 

Vom 7. Bis 13. November 1938 sind etwa 400 Menschen ermordet oder in den Suizid getrieben worden. Mehr als 1.400 Synagogen, Betstuben u. ä., einige tausend Geschäfte, Wohnungen sowie Gute Orte (Friedhöfe) sind im Reich zerstört oder in Mitleidenschaft gezogen worden. Es handelt sich nicht um einen angeblichen Volkszorn, sondern um einen staatlich gelenkten Antisemitismus. Die vom Frühjahr 1938 begonnene Arisierung soll wesentlich beschleunigt werden. Nachdem mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 mit einer Reihe an Gesetzen (Berufsbeamtengesetz, Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft) landesweiten Judenboykotte (01.04.1933) verliert ein Teil der Elite der jüdischen Mitbürger, etwa 37.000 Personen, die berufliche Existenz. Nach einer gewissen Beruhigung, um ein wirtschaftliches Ungleichgewicht zu vermeiden, kommt es Mitte der dreißiger Jahre verstärkt zu Judenboykotten, es wird die absolute Rassentrennung gefordert, so auch öffentlich vom Reichsführer SS Heinrich Himmler. Dagegen lehnen sich die Wirtschaftsführer und -strategen auf. Die „Nürnberger Gesetze“ „legalisieren“ die „Entjudung des Reiches“. Viele jüdische Unternehmer, so auch Gassenheimer in Hildburghausen, verkaufen ihre Unternehmen weit unter Wert. Vor allem Warenhauskonzerne profitieren, aber auch die Deutsche und die Dresdner Bank. Mit der Aufrüstung verschuldet sich das Deutsche Reich in ungeahnte Dimensionen, die Kriegsvorbereitungen werden entschieden gestört.

Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich kommen 192.000 Juden hinzu, also leben in Deutschland jetzt 542.000 Bürger jüdischer Herkunft. – In den folgenden Monaten entwickelt sich das gewalttätige Potenzial der antisemitischen NSDAP-Parteibasis, das hier nicht im Detail dargestellt werden kann.

Die Nachricht vom Attentat (07.11.) des siebzehnjährigen polnischen Juden Herschel Grynszpan auf den kaum bekannten Diplomaten Ernst Eduard vom Rath bietet den nationalsozialistischen Strategen und Einpeitschern irrwitzige und verbrecherische Argumentationshilfen zur „Entjudung“ Deutschlands.

Das Reichspropagandaministerium lässt im „Völkischen Beobachter“, dem wichtigsten Kampfblatt der NSDAP-Journaille, den Kommentar verbreiten:

Es ist klar, daß das deutsche Volk aus dieser neuen Tat seine Folgerungen ziehen wird. Es ist ein unmöglicher Zustand, daß in unseren Grenzen Hunderttausende von Juden noch ganze Ladenstraßen beherrschen, Vergnügungsstätten bevölkern und als 'ausländische' Hausbesitzer das Geld deutscher Mieter einstecken, während ihre Rassegenossen draußen zum Krieg gegen Deutschland auffordern und deutsche Beamte niederschießen. […] Die Schüsse in der deutschen Botschaft in Paris werden nicht nur den Beginn einer neuen deutschen Haltung in der Judenfrage bedeuten, sondern hoffentlich auch ein Signal für diejenigen Ausländer sein, die bisher nicht erkannten, daß zwischen der Verständigung der Völker letztlich nur der internationale Jude steht.“

Von SS und SA wird ein Massenpogrom gegen die jüdische Bevölkerung organisiert.

Am Abend des 09.11. findet im Schlosspark Hildburghausen eine Kundgebung von SA und SS statt, die Nazischergen schwören sich auf ihre menschenfeindliche Aktion ein.

In Hildburghausen leben etwa noch 35 jüdische Bürger. Die Kultgegenstände und Teile der Synagogenausstattung werden am Vormittag des 10. November 1938 verbrannt. Die Synagoge befindet sich in der Heimstraße 1/Gartenstraße (nach Straßenumbenennung und Erweiterung der Gerbergasse: Gerbergasse 17). Es handelt sich um eine Privatsynagoge, das ehemalige Gartenhaus des Unternehmers Gassenheimer.

Im Stadtgebiet werden Einrichtungen jüdischer Geschäftsleute boykottiert und geplündert. Die letzten in Hildburghausen lebenden jüdischen Bürger werden nicht in der Nacht, sondern am frühen Morgen auf den Marktplatz getrieben, tyrannisiert und gewaltsam in den Rathauskeller verbracht und von dort gegen 9 Uhr mit zwei Lastkraftwagen der Landespolizei in das KZ Buchenwald deportiert. Bürger, die eine Ausreise beantragt haben, werden nach der Weisung des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD, Reinhard Heydrich, vom 16.11.1938 „betr. Beendigung der Inhaftierungsaktion und Entlassungsbedingungen der jüd. KZ-Häftlinge“, wieder nach Hildburghausen verbracht.

Nachweisbar sind auf den Transporten und in den Vernichtungslagern 21 ehemalige jüdische Bürger der Stadt ums Leben gekommen, zwei haben in Hildburghausen Suizid begangen, die restlichen (vermutlich 12) sind ins Ausland emigriert.

Ein Zeitzeuge berichtet:
„Der Hof des Kreisamtes (Landratsamt) war hell erleuchtet und es herrschte große Geschäftigkeit von hin- und herfahrenden Autos; man sah SA und SS. Mitten in der Nacht, als alles schon schlief, entstand ein wirrer Lärm. Die Meute nahm sich vom Rand der Straße Steine, die dort am Schlossberg umherlagen und zog unter wildem Johlen vor Friedmanns Eisenwarenhandlung, schlug mit einem Steinhagel die Schaufenster ein und raffte aus der Auslage Spaten, Spitzhacken usw.
So bewaffnet wandten sie sich gegen das gegenüberliegende Schuhgeschäft von Gerau und zertrümmerten ebenfalls die Schaufenster und rissen die Schuhe heraus. Von Augenzeugen wurde gesehen, wie Friedmanns und Geraus im Nachthemd, Mantel und Hut abgeführt wurden, man stieß sie die Treppe in den Rathauskeller hinunter, wobei Herrn Gerau der Arm gebrochen wurde.
Die Synagoge wurde aufgebrochen und sämtliches Inventar, Bänke und Bücher usw. herausgerissen und verbrannt.“


(Nach: Römhild, Michael und Hans J. Salier: Hildburghausen unterm Hakenkreuz – Versuch einer Dokumentation mit Fotos aus der „Sammlung Meffert“. – Stadtmuseum Hildburghausen/Verlag Frankenschwelle KG, 2005, S. 97)

 

Blick in die Untere Marktstraße, historische Ansichtskarte um 1915, rechts befindet sich das Schuhgeschäft von August Gerau (heute: Neidhardt) und schräg gegenüber unterhalb des „Eskimo“ die Eisenwarenhandlung der Gebrüder Friedmann (nach der Auswanderung der jüdischen Kaufmannsfamilie Max und Anna Friedmann 1939 nach den USA übernimmt Wilhelm Nordmeyer das Geschäft.). 
Sammlung Hans-Jürgen Salier 


9./10. November 1938
In Themar hat der Ortsgruppenleiter der NSDAP zur „Protestaktion“ gegen die Juden aufgerufen. Unterstützt wird er von der heimischen SA und dem Nationalsozialistischen-Kraftfahrkorps (NSKK). Wohnungen und Geschäfte jüdischer Bürger werden durchsucht und verwüstet. Zu einem Brandanschlag gegen die einstige Synagoge kommt es nicht, da sie in einer Häuserzeile steht (heute: Wohn- und Geschäftshaus). Achtzehn Männer werden im Rathaus zusammengetrieben und mit den Juden aus Marisfeld ins Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar verbracht. Die jüdischen Männer sind in Marisfeld von einem Einsatzkommando der SA auf einen bereitstehenden Lastkraftwagen getrieben worden zur Weiterfahrt nach Themar und ins KZ Buchenwald. 

11. November 1938

Telegramm des Chefs der Ordnungspolizei

an alle Polizeiverwaltungen zu den Aufräumarbeiten

nach der Pogromnacht (11.11.1938) 

aufgenommen                  geheim                     befördert

von berlin                         polizei-funkdienst    an landrat pol dat

am 11/11/38 um 0020       entschlüsselt            am 11/11/38

durch roehner 

-an alle pol verwaltungen-

sobald von gauleitung anweisung zur beendigung der aktionen vorliegt dafuer sorgen, dass zertruemmerte laeden durch holzverkleidung usw. so verschlossen werden, dass zerstoerung moeglichst wenig sichtbar. Haus besitzer anweisen gegebenenfalls arbeiten im auftrage der polizei ausfuehren lassen. Truemmer von synagogen usw. beschleunigt beseitigen lassen-

chef der ordnungspolizei sonderbefehlsstab o kdo g a nr 22438 

(Nach: Thüringer Staatsarchiv, Landratsamt Schleusingen, Nr. 3043, Bl. 221)
 

29. November 1938
Vorbereitung der Entlassung jüdischer Frontkämpfer durch die Staatspolizeistelle Weimar. In einem Rundschreiben wird aufgefordert, umgehend die jüdischen Häftlinge zu erfassen, die im Besitz des Ehrenkreuzes für Frontkämpfer sind oder in Einzelfällen den Nachweis über ihre Frontkämpfereigenschaft erbringen können. Die Nachprüfung hat sofort zu erfolgen und erstreckt sich auf alle jüdischen Häftlinge, die bisher nicht zur Entlassung gekommen sind. 

Synagogen im Landkreis Hildburghausen 

Hildburghausen 1811 – 1933

Untere Marktstraße 4 Gemeindegröße 1833: 146

 

Gleicherwiesen 1787 – 1938

Mittelgasse Gemeindegröße 1875: 233

 

Marisfeld ab 1832 (in den 30er Jahren profaniert)

Die Juden wurden ab 1679 von den Herren von Ostheim angesiedelt.

Themarer Straße Gemeindegröße 1865: 200

 

Schleusingen ab 1881 (1945 profaniert)

Walchstraße 2 Gemeindegröße 1871: 89

 

Themar ab 1877 (1938 profaniert)

Ernst-Thälmann-Str. 17 Gemeindegröße 1898: 97

 

 Pogromnacht 1938 

Nach Berichten der Staatsanwaltschaft auf dem Gebiet des heutigen Landkreises Hildburghausen werden folgende Verhaftungen, Beschädigungen oder „Besondere Vorkommnisse“ verzeichnet:

Im Pogromsonderlager des KZ Buchenwald sind keine Opfer aus dem Landkreis Hildburghausen zu beklagen.

 

Sach- und Personenschäden

Gleichamberg:      Verhaftungen      Synagoge nicht beschädigt      Beschädigung jüdischen
                                                                                                          Eigentums in Abrede gestellt

Gleicherwiesen:    Verhaftungen      Synagoge nicht beschädigt     Beschädigung jüdischen

                                                                                                          Eigentums in Abrede gestellt

Hildburghausen:    Verhaftungen      Synagoge nicht beschädigt     Fensterscheiben jüdischer
                                                                                                          Geschäfte und von Wohn-
                                                                                                          häusern zerstört

Schleusingen:        Verhaftungen       Synagoge im Innenraum
                                                          demoliert, eingeworfene
                                                          Fensterscheiben

Eisfeld:                  2 Personen
                               verhaftet

6. Dezember 1938
Der verdienstvolle jüdische Oberlehrer und Träger des Ehrenkreuzes für Frontkämpfer (Erster Weltkrieg) Moritz (Moses) Levinstein aus Themar ist in der Reichspogromnacht verhaftet und ins KZ Buchenwald verbracht worden (1933 ist er wegen des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums aus dem Schuldienst entfernt worden). – Nach seiner KZ-Entlassung steigt er auf der Rückfahrt von Weimar nach Themar am 6. Dezember bei Vachdorf aus dem Zug und sucht in der Werra den Freitod. Er wird aus der Werra gelandet und auf dem jüdischen Friedhof in Marisfeld beigesetzt. 

Levinsteins Sohn Heinrich (Henry) kann bereits im Mai 1935 in die Vereinigten Staaten emigrieren und findet bei Verwandten seiner Mutter Unterkunft. Seine Mutter Nanett selbst kann noch 1941 Deutschland verlassen und lässt sich in Syracuse, Onondaga NY nieder, wo sie 1990 im Alter von 101 Jahren verstirbt.

(Original im Stadtarchiv Themar)


13. Dezember 1938
Eine Anweisung der GESTAPO gibt Auskunft, wie mit den sichergestellten Sachwerten der jüdischen Bürger zu verfahren sei:

„Sofern sich bei Dienststellen und Behörden durch die Protestaktion gegen Juden erfaßte Sachwerte befinden, deren Besitzer nicht feststellbar sind, ist im Einvernehmen mit den zuständigen Zollfahndungs- und Devisenstellen zu prüfen, ob diese Werte bereits Gegenstand einer Sicherungsanordnung nach § 37a Devisengesetz oder einer Beschlagnahme dieser Stellen bilden. In diesen Fällen sind die Werte der betreffenden Stelle zu überlassen.

Gegenstände (Pokale, Leuchter, Schalen aus Metall usw.), die in jüdischen Kultusgemeinden sichergestellt wurden, sind, sofern sie im Rahmen des Vierjahresplanes noch verwertbar sind, nicht wieder an die früheren Besitzer herauszugeben. Sie sind listenmäßig zu erfassen und aufzubewahren, bis weitere Weisung erfolgt ….“

1938/39
Der aus Gotha stammende Dr. Ernst Ledermann setzt sich besonders nach der Reichspogromnacht mit der Weimarer Gestapo zur Freilassung vor allem im KZ Buchenwald inhaftierter Weltkriegsteilnehmer (teils) erfolgreich ein. Einige Männer werden freigelassen, einige werden später wieder deportiert.

1. Januar 1939
Inkrafttreten der Zweiten Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen vom 17.08.1938. Sie bestimmt, dass jüdische Deutsche anhand ihrer Vornamen kenntlich den zusätzlichen Vornamen „Israel“ tragen, weibliche den Vornamen „Sarah“.
Die thüringischen Kreisämter werden in Landratsämter umgewandelt (3. Reichs-Neuaufbau-Verordnung vom 28.11.1938).

Für Juden werden Sperrstunden eingeführt (20.00 Uhr bis 6.00 Uhr), Einkäufe müssen bis 9.00 Uhr beendet sein. Die Oberbekleidung muss mit dem Judenstern gekennzeichnet sein (1941). Es gibt ein Telefonprivileg für jüdische „Vertrauensleute“ (1942) usw.

Der Judenstern (Gelber Stern) ist das vom nationalsozialistischen Regime eingeführte Zwangskennzeichen für Personen, die nach den „Nürnberger Gesetzen“ als Juden eingeordnet worden sind. Der handtellergroße sechszackige Stern ist dem Hexagramm des Davidsterns nachempfunden. Die Nationalsozialisten knüpfen damit an die Kennzeichnungspflicht der Juden im Mittelalter an. Die schwarze Aufschrift „Jude“ mit geschwungenen Buchstaben soll die hebräische Schrift verunglimpfen. (s. auch Verordnung vom 1. September 1941, Reichsgesetzblatt I, S. 547). Vom 02.09.1939 ist der Judenstern im besetzten Polen zu tragen und ab 1. September 1941 im Deutschen Reich und dann ist es auch von den Deutschen besetzten Gebieten zwangsangeordnet worden. Das Zeichen war sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstückes zu tragen.

 

1. Januar 1939
Lt. Verordnung vom 12.11.1938 müssen Bürger jüdischer Herkunft ihre Läden und Betriebe an arische Käufer unter Wert veräußern. Die Erträge werden auf ein Sperrkonto der Deutschen Bank in Suhl eingezahlt. Die Eigentümer dürfen nicht über die Guthaben verfügen.

30. Januar 1939
Hitler prophezeit im Fall eines Krieges die Vernichtung der jüdischen Rasse.

31. März 1939
Die Juden werden finanziell weiter ausgeplündert. Edelmetalle und Edelsteine müssen gegen einen staatlich verordneten Minimalpreis an den Staat verkauft werden. 

4. Mai 1939
Sammelwohnstätten für Juden werden geschaffen (sog. Judenhäuser). Sie sollen in Gebäude oder Wohnräume ziehen, die Juden gehören.

In Themar wird mit dem Kreisamt die Lösung gefunden, dass die Synagoge in der Hindenburgstraße (heute: Ernst-Thälmann-Straße 17) als Wohnraum für die verbliebenen jüdischen Bürger genutzt wird.

1939
Der jüdische Eisenwarenhändler und einstige Stadtrat von Hildburghausen, Max Friedmann (Mitinhaber der Firma Gebrüder Friedmann, später Nordmeyer), und seine Frau Anna wandern nach zunehmendem Druck der Nationalsozialisten in die USA aus. Ihr behindertes Kind Greta (* 1919) können sie nicht mitnehmen, weil die Vereinigten Staaten keine „behinderten Menschen“ einwandern lassen. Greta findet Aufnahme in einer anderen Familie. Sie wird am 10. Mai 1942 nach Belzyce/Polen deportiert und gilt als verschollen.
Die letzten jüdischen Bürger fliehen aus Hildburghausen. Die Familie Gassenheimer flüchtet in die USA. Sophie Katzenstein zieht nach Berlin, wird nach Kowno deportiert und fällt dem Holocaust zum Opfer. Die Witwe des bekannten Lehrers Mühlfelder siedelt nach München um, wird dort nach Theresienstadt deportiert und kommt 1943 um. 

1939
Im Fritz Fink Verlag Weimar erscheint in zweiter Auflage (1. Auflage 1898) das Werk von Armin Human „Geschichte der Juden in Sachsen-Meiningen-Hildburghausen: mit einer Übersichtskarte der jüdischen Niederlassungen“ in der Herausgeberschaft von Erich Buchmann. 

Anmerkung

Die Autoren des Homepagetextes „Z e i t r e i s e. Jüdisches Leben im Landkreis Hildburghausen. Daten und Fakten“ weisen mit Entschiedenheit darauf hin, dass sie diese Schrift nicht zur Ausarbeitung benutzt haben, auch wenn es gegenwärtig „normal“ ist, dass man sich in regionalgeschichtlichen Beiträgen dieses Machwerks von Erich Buchmann (1903 – 1944) bedient und daraus zitiert, ohne das Originalwerk von Human zu kennen oder zu verwenden.

Seit März 1933 ist Buchmann persönlicher Referent des Reichsstatthalters und Gauleiters in Thüringen, Fritz Sauckel. Der promovierte Buchmann hat Aufsichtskompetenz über die Universitäten und besitzt insgesamt Einfluss auf die Hochschulpolitik im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie. Als ordentliches Mitglied der „Historischen Kommission Thüringen“ und als Leiter der „Kommission für die Geschichte des Gaues Thüringen der NSDAP“ hat ihm das Gauarchiv unterstanden. Er besitzt viele andere Funktionen als Ideologe, Herausgeber, Verleger und Propagandist im nationalsozialistischen Netzwerk, die deutlich machen, dass er eine der Schlüsselfiguren thüringengeschichtlicher Forschungen ist. Mit der Herausgabe der Schriftenreihe „Thüringer Untersuchungen zur Judenfrage“, bereitet er auf seine Weise „Endlösung der Jugendfrage“ herbei. Erich Buchmann und sein Bruder Gerhard (1908 – 1976) haben ihre Neigungen für Genealogie und Geschichte mit radikaler politischer Weltanschauung und Antisemitismus verbunden. 

21. September 1939
Der Chef der Sicherheitspolizei ordnet in Erweiterung der Verordnung über ausserordentliche Rundfunkmaßnahmen vom 1.9.1939 – RGBl. I S. 1683 – an, dass Juden in Deutschland von jeglichem selbstständigen Rundfunkempfang (auch dem inländischen) ausgeschlossen werden. Ihre hierzu bestimmten Apparate sollen eingezogen werden, um sie an anderer Stelle zum Nutzen des Deutschen Volkes zweckdienlicher ansetzen zu können. 

28. September 1939
Auf Anordnung des Oberfinanzpräsidenten in Rudolstadt wird den Juden verboten, Gelder aus Handel, Vermietung oder sonstige Einnahmen in bar entgegenzunehmen. Sie erhalten ein beschränktes Sicherheitskonto der Deutschen Bank in Suhl. 

23. Juli 1940
Bittschrift der jüdischen Kultusgemeinde an den Stadtvorstand Themar:

Wegen der vorgegebenen Einkaufszeiten für die jüdischen Bürger (20 – 6 Uhr Ausgehverbot, bis 9 Uhr Abschluss der Einkäufe) wendet sich Max Israel Müller an den Stadtvorstand:
„Als Vorsteher der hiesigen jüdischen Kultusgemeinde werde ich von den hiesigen Juden um nachstehende Eingabe gebeten:
Nach Verfügung des Stadtvorstandes müssen von den Juden bis 9 Uhr morgens alle Einkäufe beendet sein. Nun wird sehr häufig die Milch an die hiesige Milchabgabestelle erst nach 9 Uhr geliefert, so daß die Juden sehr oft mehrere Tage ohne Milch leben müssen. Zweitens liegen bei den hiesigen Bäckern die Backzeiten erst zwischen 10 und 12 Uhr, so daß man den Teig früh zum Bäcker bringen, aber das fertige Gebäck erst 24 Stunden später abholen kann. Ich bitte daher höflichst die Einkaufszeit für Milch bis 10 Uhr zu verlängern und zu genehmigen, daß die selbstangemachten Backwaren noch im Laufe des Tages abgeholt werden dürfen, ohne daß der Bäckerladen selbst dabei betreten wird. Ich würde dafür sorgen, daß die Einkaufszeit für sämtliche übrige Waren bis 9 Uhr strenger eingehalten wird.
Ich bitte höflichst bei Prüfung unserer Bitte um gefl. Rücksichtnahme auf die vielen alten jüdischen Leute, welche den Verzicht auf Frischmilch und frische Backwaren sehr schwer empfinden.

(Stadtarchiv Themar und Hans-Jürgen Salier: Themar 700 Jahre Stadt – 1303 bis 2003. Geschichte in Daten. – Verlag Frankenschwelle KG, Hildburghausen, Themar, 2003, S. 208) 

Oktober 1941
Die letzten in ihren Wohnorten verbliebenen Juden müssen zur Kennzeichnung auf der linken Brustseite der Oberbekleidung den gelben Davidstern mit schwarzer Inschrift „Jude“ tragen.

8. Oktober 1941
In einer Anweisung zur Mitgliedschaft der „Deutschen Arbeitsfront“ heißt es unter 1.: „Ausländer, die einer dem deutschen Volk gegenüber fremden Rasse angehören. Als fremdrassig gelten im europäischen Raum in der Regel Juden und Zigeuner.“

Mitte Oktober 1941
Die systematische Deportation von Juden beginnt. Hitler hat die Entscheidung ca. 17. September 1941 gefasst, also noch vor dem Zeitpunkt der Wannseekonferenz am 20.01.1942. Die deportierten Juden werden zu Beginn oft in Ghettos oder Arbeitslagern untergebracht, um ihre Arbeitskraft noch auszubeuten. Wenige enden in den Vernichtungslagern Maly Trostinez oder in Sobibor. Ab Ende 1942 werden die Transporte zur schnelleren „Endlösung der Judenfrage“ (Holocaust) direkt nach Auschwitz-Birkenau geleitet. 

4. November 1941
In Thüringen ist die Deportation der Juden nahezu abgeschlossen. – Unter der Tarnbezeichnung „Aktion 3“ gibt der Reichsminister der Finanzen in einem „Schnellbrief“ an die Oberfinanzpräsidenten Informationen, die an die örtlichen Behörden weitergereicht werden, wie der physischen Vernichtung der Menschen, wie der „Finanztod“ beschleunigt und noch Unsummen für die Naziherrschaft herausgepresst werden. Es werden also Anweisungen herausgegeben, wie man bei der Deportation an das Restvermögen der deutschen Juden gelangt. Etwa 778 Mio. Reichsmark erbringt letztlich der Einzug des Restvermögens der ehemaligen „Mitbürger“ für die Kriegswirtschaft. Das Verfahren geschieht in engster Zusammenarbeit mit Finanzbeamten, mit der Gestapo, Stadt- und Gemeindeverwaltungen, Gerichtsvollziehern, Bankenmitarbeitern, Auktionatoren , Spediteuren usw.

In dem Schreiben heißt es u.a.:

 „Betreff: Abschiebung der Juden

… Juden, die nicht in volkswirtschaftlich wichtigen Betrieben beschäftigt sind, werden in den nächsten Monaten in eine Stadt in den Ostgebieten abgeschoben. Das Vermögen der abzuschiebenden Juden wird zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen. Es verbleiben den Juden 100 RM und 50 Kilo Gepäck je Person.“


20. Januar 1942
Wannsee-Konferenz über die Judendeportation und -ausrottung unter dem Vorsitz von Polizeigeneral Reinhard Heydrich (1904 – 1942), verantwortlich für die Gesamtplanung der „Endlösung der Judenfrage“ und stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren. Der skrupellose und gefürchtete NS-Führer wird am 4. Juni 1942 bei einem Attentat in Prag getötet.


10./11. Mai 1942

Verordnung zur Evakuierung der Juden aus Thüringen.
Das Vermögen der Juden verfällt auf Grund der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz zu Gunsten des Deutschen Reiches bzw. wird als volks- und staatsfeindliches Vermögen eingezogen.
Am 10.05. sind 342 Juden nach dem Generalgouvernement evakuiert worden. Ihr Vermögen ist nach Überschreiten der Reichsgrenze verfallen.
Neben den Richtlinien zum Umgang mit dem Vermögen deportierter jüdischer Bürger durch die Staatspolizeistelle Weimar an den Oberfinanzpräsidenten in Rudolstadt wird die Liste der Evakuierten übermittelt.
Aus der Region (ausgenommen ist Schleusingen, da Schleusingen zu Preußen gehört) sind das:
Hildburghausen   4 Personen   zuständiges Finanzamt Hildburghausen
Römhild              7 Personen
Themar                5 Personen 

20. September 1942
Es kommt zu einer zweiten Deportationswelle:

  • Aus Schleusingen werden die letzten jüdischen Einwohner deportiert.

  • Aus Hildburghausen werden sechs Mitglieder der jüdischen Gemeinde nach Theresienstadt deportiert.

  • Die letzten drei Marisfelder Juden werden nach Themar gebracht und von dort aus deportiert.

  • In Themar sind sieben Juden betroffen: die vierundsiebzigjährige Witwe Meta Krakauer geb. Frankenberg, Klara Frankenberg (Schwägerin von Meta Krakauer), Hugo und Klara Grünbaum, Max Müller I und Frau Frieda sowie Markus und Else Rosenberg. 

Mit etwa 350 weiteren Thüringer Juden werden sie nach Leipzig befördert, dort kommen mehr als 500 Juden hinzu. Ziel ist die Ortschaft Bauschewitz, Bahnstation für das Ghetto Theresientadt.
(s. auch 8. Mai 1945)

 
5. März 1943
Das Ende der jüdischen Gemeinde Hildburghausen
Zum zweiten Mal jährt sich der Todestag von Hermann Rosenthal. Der 1941 als Vierundsechzigjähriger Verstorbene wird noch im Guten Ort seiner Vaterstadt Hildburghausen, auf dem jüdischen Friedhof bei Weitersroda, begraben. Er muss nicht mehr erleben, wie im Mai und September 1942 zehn seiner Glaubensgenossen, darunter der vierjährige Machol Rehbock und seine nichtjüdische Mutter, in Vernichtungslager deportiert worden sind, auch nicht, dass August Gerau, nur weil er mit einer Frau jüdischen Glaubens verheiratet gewesen ist, im Januar 1943 in Schutzhaft genommen und in ein Arbeitslager abgeschoben wird. Nun sind Frau Gerau und Rosenthals Witwe Emma und die Tochter Erna die letzten jüdischen Hildburghäuser, die man noch in Freiheit gelassen hat. Sie, die gezwungen gewesen sind, beim Verlassen ihrer Wohnung ein Kleidungsstück zu tragen, auf dem sichtbar der Davidsstern mit der Inschrift „Jude“ zu sehen sein muss, sind nur noch Schikanen und Demütigungen ausgesetzt. Von den bereits „Umgesiedelten“ haben sie kein Lebenszeichen mehr erhalten. Flora Simon mit 69 Jahren, am 20. September 1942 nach Theresienstadt deportiert, ist bereits 43 Tage danach dort umgekommen … Zur Deportation aus Hildburghausen sind nur noch Martha Gerau, die im April 1943 nach Auschwitz deportiert und dort umgekommen ist, sowie Emma und Erna Rosenthal verblieben.
Offensichtlich müssen sie an diesem Gedenktag von dem Gedanken überwältigt worden sein, dass ihrem teuren Toten die Drangsal des Lagerlebens erspart und die letzte Ruhe in der Heimaterde geblieben ist. So folgen sie an diesem Tag ihrem geliebten Mann und Vater in den Freitod.

(Nach: Karl-Heinz Roß: Juden in Hildburghausen. Ein chronikalischer Überblick von 1331 bis 1943. – In: Hans Nothnagel: Juden in Südthüringen geschützt und gejagt. Eine Sammlung jüdischer Lokalchroniken in sechs Bänden, Bd. 2. Juden in den ehemaligen Residenzstädten Römhild, Hildburghausen und in deren Umfeld. – Verlag Buchhaus Suhl, 1998 [leicht bearbeitet]) 

1943
Themar ist judenfrei. In den Jahren 1941/42 emigrieren fünfzehn Juden nach den Vereinigten Staaten, nach Palästina und Großbritannien.
Untersuchungen haben ergeben, dass im Zeitraum zwischen 1860 und 1943 etwa 370 jüdische Menschen in der kleinen Stadt gelebt und die wesentliche Entwicklung mitbestimmt haben. Hervorzuheben sind die Familien Baer, Frankenberg, Gassenheimer, Grünbaum, Hofmann, Kahn, Katz, Müller, Sachs, Schwab, Walther und Wertheimer. Besonders aktiv sind sie im Textil- und Viehhandel, aber auch im Reisegewerbe gewesen. 

Den Schicksalsweg jüdischer Mitbürger in Hildburghausen,

die hier geboren wurden, hier wohnhaft waren oder von hier in andere Orte verzogen, dokumentierten Karl-Heinz Roß, Hildburghausen, und Hans Nothnagel, Suhl, in Details.

 

Von 58 jüdischen Einwohnern von Hildburghausen verblieben um 1933

Noch im Heimatort        25        es verzogen anderenorts       33

Hier überlebten                0        dort überlebten                       0

Hier verstarben, davon    2         4 dort verstarben                    3

durch Freitod

von hier emigrierten        6        von dort emigrierten              10

wrden deportiert              12        wurden deportiert                 17

Verbleib unbekannt           3        (davon überlebte 1)

Verbleib unbekannt           3

(Nach: Juden in Hildburghausen – Ein chronikalischer Überblick von 1331 bis 1943. In: Hans Nothnagel (Hg.): Juden in Südthüringen geschützt und gejagt. Eine Sammlung jüdischer Lokalchroniken in sechs Bänden. Juden in den ehemaligen Residenzstädten Römhild, Hildburghausen und in deren Umfeld. – Suhl 1998, S. 120 ff.)

1945

Als einzige Mitbürgerin mosaischen Glaubens kehrt Gertrud Heim wieder nach Hildburghausen zurück und betreibt in der Eisfelder Straße ein kleines Textilwarengeschäft, bis sie 1951 in die Bundesrepublik übersiedelt.
In Themar ist es die 71-jährige Meta Krakauer, eine der wenigen Überlebenden des KZ Theresienstadt. Sie ist die Großtante ihres aus Suhl vertriebenen Großneffen Ludwig Mühlfelder, der als US-Soldat am 08. April 1945 Themar mit befreit.

Ludwig Mühlfelder schreibt in seiner Autobiografie „Weil ich übriggeblieben bin“:

„Am 8. April erreichten wir Themar in Thüringen, den Geburtsort meines Vaters … In den letzten Wochen des Krieges hörten wir viel von den Entdeckungen der Konzentrationslager. Was geschehen war, konnte sich niemand vorstellen. Tausende und Hunderttausende waren ermordet worden, sechs Millionen Juden …

  

Ludwig Mühlfelder als Frontsoldat der US-Army.
Aus: Hans-Jürgen Salier: THEMAR. 700 Jahre Stadt – 1303 bis 2003 Geschichte in Daten.
Mit freundlicher Genehmigung von Hans Nothnagel

 „Ich war dankbar; daß ich Ende des Krieges noch am Leben war, daß ich den Alliierten, hauptsächlich den Vereinigten Staaten von Amerika, ein wenig helfen konnte, Europa zu befreien und einen ganz kleinen Teil des übriggebliebenen Judentums zu retten.
Wegen der Schoah kann ich den Tätern nicht verzeihen, und die Opfer bleiben stumm.
Man kann aber auch nicht die heutigen jüngeren deutschen Generationen für dieses grausame Kapitel der schrecklichen Taten ihrer Eltern oder Großeltern verantwortlich machen.
Was ich jedoch von den Nachkommen der Holocaust-Täter erwarte und verlange, ist eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen Ihres Volkes ...

(Aus: Mühlfelder, L.: Weil ich übriggeblieben bin. 1995, Zitiert nach: Salier, Hans-Jürgen: THEMAR – 700 Jahre Stadt 1303 bis 2003. Geschichte in Daten. – Stadt Themar und Verlag Frankenschwelle KG Hildburghausen, S. 212 )

8. Mai 1945

Das Ghetto Theresienstadt wird von der Roten Armee befreit. Fünf aus Themar stammende Jüdinnen haben überlebt: Minna Frankenberg geb. Gassenheimer, Helene Gassenheimer geb. Hirsch, Hulda Großmann geb. Bär, Meta Krakauer geb. Frankenberg und Doris Lorenzen (geb. Frankenberg, Nichte von Meta Krakauer, sie ist in einer Mischehe verheiratet gewesen und ist erst im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert worden).

Von den nach Ausschwitz Deportierten hat keiner überlebt. 

6. Juli 1946
Frieda Kahn geb. Linke, einzige überlebende jüdische Einwohnerin Römhilds, stirbt. Nach ihrer Heirat mit Adolf Kahn ist sie zum Judentum konvertiert, nach den Gesetzen gilt sie jedoch als Arierin. Sie ist ob ihrer persönlichen Entscheidung massiv diskriminiert worden.

1977
Der von Max Michaelis gestiftete
Herzog-Georg-Brunnen auf dem Markt wird auf den Theatervorplatz am Helenenplatz umgesetzt. Der dort seit der Einweihung des Platzes im Jahr 1892 befindliche Brunnen (einstige Brunnenschale) mit neuem Mittelteil des Hirschbrunnens vom ehemaligen Hirschplatz (Puschkinplatz) wird in den Schlosspark vor die Techniker-Brücke gesetzt. Der von einem jüdischen Kapitalisten gestiftete und einem Herzog geweihte passt nicht in das „gesellschaftspolitische“ Bild einer sozialistischen Kreisstadt. Zudem ist Hildburghausen 1978 Festspielort für die die 17. Arbeiterfestspiele und Kulturfesttage der sozialistischen Landwirtschaft der DDR. Um Gemüter zu beruhigen, wird von der SED argumentiert, der dem Theaterherzog Brunnen passt inhaltlich besser auf den Theatervorplatz.  

10. November 1988
Unter Leitung der Pastorin Ross gedenkt die Evangelische Kirchgemeinde Hildburghausen auf dem jüdischen Friedhof in Weitersroda-Hildburghausen mit einer Kranzniederlegung der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus und der Opfer der Kreisstadt Hildburghausen. „Freies Wort“, das Organ der Bezirksleitung Suhl der SED, reagiert erst drei Wochen später, am 01.12.1988, mit einem Pressebeitrag an den 40. Jahrestag des Ereignisses.

Pastorin Roß sagt: „… Diejenigen, die diese Verbrechen vorbereitet und ausgeführt haben, konnten dabei mit Zustimmung, mit gleichgültigem Wegsehen oder mit verängstigtem Stillschweigen bei der Mehrheit unseres Volkes rechnen. Auch die Christen – mit wenigen Ausnahmen – haben damals geschwiegen. Wenn wir heute an diese Vorgänge von 1938 erinnern, tun wir es nicht, um anklagend vor die Generation der damals Beteiligten zu treten. Wir tun es vielmehr in dem Bewußtsein, daß die Schuld jener Zeit ihre bindende Macht behält, niemand darf sie verschweigen oder verdrängen.“

(Zitiert nach Karl-Heinz Roß)

1988
In Vorbereitung der Gedächtnisfeiern des 50. Jahrestages der Pogromnacht ist in Hildburghausen auf Grund des Denkmalgesetzes der DDR ein Antrag gestellt worden, den jüdischen Friedhof in Weitersroda-Friedrichsanfang unter Denkmalschutz zu stellen. Der Rat des Kreises Hildburghausen hat diesen Antrag abgelehnt.

Herbst 1988
In Römhild ist am ehemaligen Haus Friedmann eine Gedenktafel angebracht worden.

ZUM GEDÄCHTNIS AN
DIE JÜDISCHEN BÜRGER
DER STADT RÖMHILD
DIE DER FASCHISTISCHEN

BARBAREI ZUM OPFER

GEFALLEN SIND“

1991
Der jüdische Friedhof in Weitersroda-Friedrichsanfang wird geschändet. Zwölf Grabsteine werden umgeworfen. Die Instandsetzungsarbeiten werden von der Stadt Hildburghausen übernommen. Die Täter können nicht ermittelt werden.

19. Januar 1991
Die einstige Privatsynagoge des Unternehmers Gassenheimer in Hildburghausen, zwischen Heimstraße und Gerbergasse gelegen, die zu DDR-Zeiten als Verwaltungsgebäude des VEB Normteilewerks gedient hat, wird unter Denkmalschutz gestellt. Außer einer Notsicherung wird denkmalpflegerisch nichts getan, so dass das dem Verfall preisgegebene Gebäude 2005 eingelegt wird.

 1996
Anlässlich des 1200-jährigen Ortsjubiläums von Marisfeld wird von der Gemeinde Marisfeld in Zusammenarbeit mit dem Verlag Frankenschwelle ein Buch mit dem Titel „Marisfeld: 796 – 1996. 1200 Jahre Marisfeld“ herausgegeben, in dem der ehemals in Marisfeld tätige Lehrer Rudi Kihr die 300-jährige Geschichte der Juden dargestellt hat.
 

Gedenktafel am Historischen Rathaus Hildburghausen.

August 2006 Zwischen Gerbergasse und Heimstraße wird nach Einladung der Stadtentwicklungsgesellschaft und der Thüringer Grundstückssanierungsgesellschaft mbH in Erinnerung an die unter Denkmalschutz stehende eingelegte Privatsynagoge des jüdischen Unternehmers Gassenheimer eine Gedenkstele mit der Aufschrift geweiht: HIER STAND/DAS GEBÄUDE DER/IN DER REICHSPOGROMNACHT/1938/GESCHÄNDETEN UND/2. SYNAGOGE/VON HILDBURGHAUSEN/ZUM GEDENKEN AN UNSERE/JÜDISCHEN MITBÜRGER

(Die Gedenktafel ist nach Einweihung umgehend entfernt worden, weil sich ein orthografischer Fehler darauf befunden hat. Sie ist neu gegossen und ersetzt worden.)

9. Mai 2013
In der Aula der Staatlichen Regelschule „Anne Frank“ in Themar kommt es zur feierlichen Premiere des Films „Jom ha Scho’a 2011 in Themar“ (deutsche Fassung: „Die Liebe zur Heimat konnte niemand auslöschen“, 34 Minuten). Der vom Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit des Freistaates Thüringen dokumentiert das jüdische Leben in der Stadt Themar.

Bürgermeister Hubert Böse sagt dazu: „Die jüdischen Familien haben dieser Stadt gut getan. Über eine sehr lange Zeit haben sie das gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Leben Themars geprägt. Dass ihre Spuren noch heute erkennbar sind, zeugt davon wie, tief sie hier verwurzelt waren.Man hat sie ihrer Wurzeln und ihrer Heimat beraubt, aber die Liebe zur Heimat und damit ihre Heimatverbundenheit konnte niemand auslöschen.”

In einem Festakt ist die kanadische Historikerin Prof. Dr. Sharon Meen zur ersten Ehrenbürgerin in der Geschichte der Stadt ernannt worden. Sie ist auch Mitarbeiterin am Vancouver Holocaust Education.

  

Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft

 Nach einer Zusammenstellung von Yad Vashem, Jerusalem („Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust“, ist die bedeutendste Gedenkstätte, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert und sie wissenschaftlich dokumentiert) und den Angaben des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945“ sind von den in dem betroffenen Ort geborenen oder längere Zeit dort wohnenden Personen in der NS-Zeit umgekommen.

Teils ergänzt worden sind diese Angaben nach den Forschungen des Herausgebers Hans Nothnagel, seiner Autoren und Mitarbeiter für das sechsbändige Werk „Juden in Südthüringen geschützt und gejagt. Eine Sammlung jüdischer Lokalchroniken in sechs Bänden“. Die Bände 4 – 6 sind von Hans-Jürgen Salier in der Endredaktion durchgesehen und in dem von ihm geführten Verlag Frankenschwelle KG für den Verlag Buchhaus Suhl produziert:

Eisfeld
Hermann Gerson (s. auch 1933). Nach den Angaben des Heimatgeschichtlichen Wegweisers sind außerdem umgekommen: Benno Süßkind (?), Magda Slobodkin geb. Glaser (?), Edith Slobodkin (?).

(Nach: http://www.alemannia-judaica.de/eisfeld_juedgeschichte.htm - Zugriff 14.11.2016))

Gleicherwiesen
Dina Bachmann geb. Linz (* 1880), Max Bachmann (* 1876), Sigmund Bachmann (* 1882), Regina Blumenthal geb. Kahn (* 1872), Moritz Cramer (* 1877), Liselotte (Lissa, Lissi) Elsoffer geb. Kahn (* 1907), Therese Frühauf geb. Guttmann (* 1861), Bianka Fultheim geb. Mühlfelde (* 1880), Rosalie Hamburger geb. Cramer (* 1861), Rika (Rickchen) Heymann geb. Rosenthal (* 1873), Frieda Hofmann geb. Ludwig (* 1879), Clara Kahn geb. Seligmann (* 1873), Flora Kahn (* 1900), Jette (Jettchen) Kahn geb. Freudenberger (* 1872), Nanny Kahn geb. Seligmann (* 1867), Sigmund Kahn (* 1906), Treina Kuttner geb. Kahn (* 1860), Deborah Levi geb. Ehrlich (* 1863), Rosa Bella Levy geb. Kahn (* 1902), Marta Mayer geb. Gärtner (* 1893), Bertha Peß Mendelsohn geb. Bachmann (* 1870), Jenny Metzger geb. Ehrlich (* 1895), Berta Meyerstein geb. Gutmann (* 1867), Emanuel Mühlfelder (* 1875), Max Mühlfelder (* 1888), Sophie Neumann geb. Schloss (* 1875), Sabine Rosenbaum geb. Seligmann (* 1855), Selig Daniel Rosenthal (* 1868), Nanni Salomon geb. Schloss (* 1880), Arthur Schloss (* 1882), Hermann Hirsch Schloss (* 1872), Jette Schloss geb. Bachmann (* 1861), Selma Schloss (* 1898), Betty Schottenfels geb. Katz (* 1901), Rosa Stiefel geb. Mühlfelder (* 1884), Käthe Wachenheimer geb. Ehrlich (* 1900), Bella Wahler geb. Adler (* 1878), Marta Weißmann geb. Laub (* 1888), Irma Zaduk geb. Katz (* 1900), Rosa Rita Zaduk (* 1934).

(Nach: http://www.alemannia-judaica.de/gleicherwiesen_synagoge.htm - Zugriff: 14.11.2016)

Hildburghausen
Clara Bachmann geb. Joelsohn (* 1870), Eugenie Bärmann geb. Simon (* 1869), Helene Bamberger geb. Birkenstein (* 1883), Bella Blumenkorn geb. Simon (* 1898), Inge Blumenkorn (* 1929), Josef Böhm (* 1871), Greta Friedman (* 1919), Therese Frühauf geb. Guttmann (* 1861), Marta Gerau geb. Stern (* 1879), Hedwig Goetz geb. Walther (* 1890), Sofie Haskel, Willi Haskel, Hedwig Heinrich geb. Steinhardt (* 1877), Arno Hollander (* 1883), Agnes Joachimsohn geb. Sommer (* 1908), Edith Katz (* 1911), Hedwig Köhler geb. Katzenstein (* 1882), Paula Lang geb. Strupp (* 1862), Ludwig Ledermann (* 1892), Walther Leopold, Heinz Levi (* 1907), Minna Liebmann geb. Levy (* 1883), Regine Lösche geb. Birkenstein (* 1875), Getti Löwentritt (* 1878), Hugo Popper (* 1876), Adolf Rehbock (* 1882), Anneliese Rehbock geb. Gerau (* 1911), Peter (Machol) Rehbock (* 1938), Betty Reis geb. Walter (* 1871), Daniel Rosenthal, Emma Rosenthal geb. Kahn (* 1880), Erna Rosenthal (* 1905), Rosa Rosenthal geb. Birkenstein (* 1877), Selig Daniel Rosenthal (* 1868), Bernhard Simon (* 1859), Flora Simon geb. Müller (* 1873), Jakob Simon (* 1865), Julius Simon (* 1899), Jenny Sommer (* 1898), Hedwig Steinberg geb. Strupp (* 1867), Frieda Stiefel geb. Raban (* 1883), Hedwig Strupp, Leopold Walter (* 1883), Wilhelm Weissmann (* 1913), Anna Zinn (* 1899)

(Nach: http://www.alemannia-judaica.de/hildburghausen_synagoge.htm - Zugriff: 10.11.2016)

Marisfeld
Hermann Frankenberg (* 1862), Nathan Frankenberg (* 1863), Jakob Goldmann (* 1883), Karoline Goldmeier geb. Müller (* 1880), Salomon Hofmann (geb. ?), Herbert Kahn (* 1900), Hulda Kahn (* 1875), Isaak Kahn (* 1870), Jakob Kahn (* 1868), Max Kahn (* 1866), Richard Meyer Kahn (* 1908), Selma Kahn (* 1899), Rosette Kohn (* 1852), Rosa Lilienfeld geb. Cohn (* 1906), Hermann Ludwig (* 1872), Hermann Müller (* 1878), Hermann Müller (* 1892), Max Müller (* 1884), Sebald Müller (* 1892).

Unbekannt sind u.a. die Schicksale von Daniel Kahn und Ehefrau Flora Kahn, Herbert Müller, Herbert Kahn, Selma Kah

(Nach: http://www.alemannia-judaica.de/marisfeld_synagoge.htm – Zugriff: 10.11.2016)

Römhild
Hermann Frankenberg (* 1862), Nathan Frankenberg (* 1863), Jakob Goldmann (* 1883), Karoline Goldmeier geb. Müller (* 1880), Salomon Hofmann (geb. ?), Herbert Kahn (* 1900), Hulda Kahn (* 1875), Isaak Kahn (* 1870), Jakob Kahn (* 1868), Max Kahn (* 1866), Richard Meyer Kahn (* 1908), Selma Kahn (* 1899), Rosette Kohn (* 1852), Rosa Lilienfeld geb. Cohn (* 1906), Hermann Ludwig (* 1872), Hermann Müller (* 1878), Hermann Müller (* 1892), Max Müller (* 1884), Sebald Müller (* 1892).

Unbekannt sind u.a. die Schicksale von Daniel Kahn und Ehefrau Flora Kahn, Herbert Müller, Herbert Kahn, Selma Kah

(Nach: http://alemannia-judaica.de/roemhild_juedgeschichte.htm – Zugriff: 13.11.2016)

Schleusingen
Louis Compart (* 1866), Sophia Compart (* 1877), Frieda Daniel geb. Berliner (* 1900), Julius Daniel (* 1901), Lieselotte Ruth Daniel (* 1935), Margot Lina Daniel (* 1929), Hermann Friedmann (* 1867), Ida Friedmann (* 1855), Bertha Goetz geb. Zeilberger (* 1890), Herbert Gietz (* 1927), Sieglinde Goetz (* 1932), Theobald Goetz (* 1880), Josef Hessberg (* 1870), Helene Heumann geb. Goetz (* 1898), Martha Kahn geb. Köhler (* 1897), Benno Koppenhagen (* 1867), Hermann Lang (* 1870), Klara Lang geb. Oppenheimer (* 1873), Lina Lang (* 1874), Emma Plaut geb. Goetz (* 1883), Peter Josef Steinbock (* 1937), Egon Widmann (* 1925).

(Nach: http://www.alemannia-judaica.de/schleusingen_synagoge.htm – Zugriff: 15.11.2016)

Simmershausen
Gustav Kahn (* 1884), Max Kahn (* 1882), Bella Ludwig geb. Kahn (* 1888), Flora Mayer geb. Kahn (* 1886), Martha Wetzler geb. Kahn (* 1892).


Themar

Max Bachmann (* 1871), Alfred Compart (* 1881), Paula Frankenberg (* 1895), Ernst Gassenheimer (* 1870), Gertrud Goldmann geb. Walther (* 1890), Else (Elka) Goudsmid geb. Katz (* 1890), Hugo Grünbaum (* 1868), Karl Grünbaum (* 1876), Klara Grünbaum geb. Schloss (* 1873), Martha Hahn geb. Katz (* 189?), Lucie Heinemann geb. Frankenberg (* 1895), Margarete Jäger geb. Gassenheimer (* 1902), Adolf Kahn (* 1902), Jacob Kahn (* 1868), Albert Katz (* 1889), Ida Katz geb. Frankenberg (* 1884), Josef Katz (* 1893), Martha (Marja) Katz geb. Frankenberg (* 1887), Moritz Levinstein (* 1884), Sitta Lewin geb. Friedmann (* 1903), Frieda Müller geb. Freudenberger (* 1874), Klara Müller geb. Nußbaum (* 1890), Max Müller (* 1873), Max Müller (* 1884), Arthur Neuhaus (* 1901), Else Neuhaus geb. Grünbaum (* 1905), Inge Neuhaus (* 1937), Franziska Neumann geb. Müller (* 1909), Elise (Elisabeth) Ney geb. Gassenheimer (* 1876), Charlotte Rosenbaum geb. Gassenheimer (* 1899), Elsa (Else) Rosenberg geb. Kahn (* 1888), Martin Markus Rosenberg (* 1886), Minna Rosenthal geb. Grünbaum (* 1872), Hedwig Sachs (* 1866), Norbert Sander (* 1921), Rosa Schloß (* 1891), Marta Steindler geb. Müller (* 1906), Selma Stern geb. Schloß (* 1888), Richard Walther (* 1874), Bella Wertheimer (* 1890), Milton Wertheimer (* 1886), Clara Wohlgemuth geb. Seckel (* 1893).

Nach: http://www.alemannia-judaica.de/themar_synagoge.htm – Zugriff: 14.11.2016


1960 – 1965
Konrad Mann (Tel Aviv/Israel) ist musikalischer Oberleiter des
Staatlichen Sinfonieorchesters Suhl (SSO), Sitz Hildburghausen. Das SSO entwickelt sich zu einem thüringischen Spitzenorchester.
 

Konrad Mann 15.05.1915, Wien – 31.12.1991, Berlin
Pianist, Dirigent, Komponist, Musikdirektor

Konrad Mann hat in Wien Musik studiert. Anschließend wirkt er in Lemberg (poln. Lwów, heute: Lwiw/Ukraine) und Wien als Pianist und Dirigent. Nach zweijähriger Inhaftierung in einem Konzentrationslager gelingt es ihm, nach Tel Aviv/Israel zu fliehen. Dort wird er Opern- und Konzertdirigent, gründet und leitet zwei Operntheater. 1959 hat er ein Engagement als Dirigent beim Rundfunk und Fernsehen der DDR. Mit der Spielzeit 1960/61 wird Konrad Mann vom Kulturministerium der DDR zum Leiter des Staatlichen Sinfonieorchesters Suhl, Sitz Hildburghausen berufen.

In Hildburghausen setzt sich Mann vor allem für die moderne Musik ein. Er führt die von Musikdirektor Max Langer begründeten Tage der zeitgenössischen Musik fort, findet im Publikum und im Orchester damit jedoch wenig Anklang. 1962 wird er mit dem „Max Reger-Kunstpreis“ des Bezirkes Suhl ausgezeichnet.

1965 legt er die Leitung des Hildburghäuser Orchesters nieder und geht nach Berlin. Dort gründet er das Neue Kammerorchester Berlin, das sich vorrangig der Pflege der Musik des 20. Jahrhunderts widmet. Bis 1967 ist er an der Musikhochschule „Hanns Eisler“ tätig, von wo er auf Grund seiner israelischen Staatsbürgerschaft nach dem 6-Tage-Krieg aus fadenscheinigen und erfundenen Gründen entlassen worden ist. Als Komponist ist Konrad Mann mit seiner Oper „David und Goliath“ hervorgetreten.

Ein Denkmal an der St.-Bartholomäus-Kirche erinnert an die einstigen Themarer Bürger:

Wir gedenken der jüdischen Familien von Themar und ehren alle Opfer der Diktaturen. Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Juni 2014
Dr. Kerstin Möhrings, Schleusingen, Buch „Der Mann, der Tacheles redet: WOLFGANG NOSSEN“ erscheint im Salier Verlag Leipzig und Hildburghausen.

 

Nossen (* 1931, Breslau) ist von 1995 bis 2012 engagierter Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringens gewesen. Der Sohn jüdischer Eltern hat einige Jahre in Israel gelebt, einen Kibuz mit aufgebaut und ist Teilnehmer der Kriege Israels. Zudem ist er an Wirtschaftsunternehmen beteiligt gewesen. Anfang der neunziger Jahre kommt er nach Erfurt. Mit einem sehr persönlichen Interview, das die Autorin, die Schleusinger Lehrerin Dr. Kerstin Möhring, vom März 2012 bis Januar 2013 führt, vermittelt er spannende Einblicke in sein Leben und seine humanistischen Ziele. In seinen öffentlichen Reden warnt er stets vor einem aktiver werdenden Rechtsextremismus. In seinen wichtigsten Ansprachen und Vorträgen sowie Reden und Grußworten von Politikern und Freunden wird der Lebensweg von Wolfgang Nossen eindrucksvoll nachgezeichnet.

24. Juni 2014
In der Aula des Gymnasiums Georgianum Hildburghausen findet eine öffentliche Lesung mit Wolfgang Nossen (* 1931) und der Autorin Dr. Kerstin Möhring (* 1965) zur Neuerscheinung des Bandes „Mann, der Tacheles redet: WOLFGANG NOSSEN“ statt.

Das Buch-Projekt ist unterstützt worden von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen und im Salier Verlag Leipzig und Hildburghausen lektoriert, gestaltet und produziert worden.

März 2015
Die Schüler Kevin Kieser, Jonas Klimmt und Julian Amthor (Eisfeld) sowie Robin Adler (Themar) verfassen eine Seminarfacharbeit am Beruflichen Gymnasium Hildburghausen zur Geschichte der Juden in Eisfeld. Ideengeber ist der Geschichtslehrer Rolf Schildknecht und Betreuer der Eisfelder Stadtchronist Klaus Pfrenger. Die Schüler finden heraus, dass es neben den bekannten Schicksalen noch weitere Opfer gegeben hat. Sie finden noch zwei jüdische Mitbürgerinnen, die Schwestern Amalie und Emma Polak, die in Papenburg an der Ems geboren worden sind. Die zwei Frauen haben zeitweise zwei Geschäfte in der Eisfelder Marktstraße nahe der heutigen „Auen-Apotheke“ geführt. Die Schwestern seien auf einer Transportliste von Eisfeld nach Düsseldorf erfasst worden. Von dort ist es im Auftrag der Gestapo weiter nach Minsk gegangen. Dort verliert sich jede Spur.

Verwendete Literatur und Internet

 

Der vorliegende Text basiert schwerpunktmäßig auf den Arbeiten

(s. auch Kapitel Verwendete Literatur und Internet) von (in alphabetischer Reihenfolge)

Rudolph Armin Human

Kerstin Möhring

Hans Nothnagel

Karl-Heinz Roß

Hans-Jürgen Salier

Günter Stammberger

 

Bach, Gundula und Simone Ziegler (Manuskript): Ein Ensemble jüdischer Geschichte in Berkach. – o. O. [Berkach], o. J. [2011]

Bräu, Ramona und Thomas Wenzel (Hg.): „ausgebrannt, ausgeplündert, ausgestoßen“. Die Pogrome gegen die jüdischen Bürger Thüringens im November 1938. In: Quellen zur Geschichte Thüringens. – Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt, 2013 (2., unveränderte Auflage 2013)

Eckardt, Michael: Judenforschung im Mustergau. Die Brüder Buchmann und die Schriftenreihe „Thüringer Untersuchungen zur Judenfrage (1939 – 1944). – Rezension. In: Zeitschrift für Thüringische Geschichte 69/2015, S. 411 – 414

 Friedmann, Meir Heinz: Römhild. Die verlorene Heimat meiner zerrissenen Familie. Ein historisch-autobiographischer Rückblick auf die Geschichte jüdischen Lebens in meiner „Vaterstadt“. In: Hans Nothnagel (Hg.). Juden in Südthüringen geschützt und gejagt: Eine Sammlung jüdischer Lokalchroniken in sechs Bänden. Bd. 2. – Buchhaus Suhl, 1998, S. 13 – 29

 Hollmann, Jenny-E. #

 Hoßfeld, Uwe: Institute, Geld, Intrigen. Rassenwahn in Thüringen 1930 bis 1945. – Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt, 2014

Human, Rudolf Armin: Chronik der Stadt Hildburghausen, der Diözese und des Herzogtums. – Kesselring’sche Hofbuchhandlung, Hildburghausen, 1886. – Reprint. Herausgeber: Hans-Jürgen Salier. – Hildburghausen, Verlag Frankenschwelle KG, 1999

Human, Rudolf Armin: Geschichte der Juden im Herzogtum S.-Meiningen-Hildburghausen (I). In: SchVSMGLK, Heft 30. – Hildburghausen, 1898

Dr. Jacobson-Waidmannslust: Zur Abschaffung des Leibzolls, besonders in Sachsen-Hildburghausen. In: Jüdisch-liberale Zeitung. Organ der Vereinigung für das liberale Judentum e.V. – Berlin, 12. März 1926 (Nr. 11, 6. Jahrgang)

Küstner, Eike: Jüdische Kultur in Thüringen. Eine Spurensuche. – Sutton Verlag, Erfurt, 2012

Gemeinde Marisfeld (Hg.): Marisfeld: 796 – 1996. 1200 Jahre Marisfeld. – Gemeinde Marisfeld in Zusammenarbeit mit Verlag Frankenschwelle KG Hildburghausen, 1996

Nothnagel, Hans: Eine Nachlese zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Marisfeld. Nothnagel, Hans (Hg.). Juden in Südthüringen geschützt und gejagt: Eine Sammlung jüdischer Lokalchroniken in sechs Bänden, Bd. 2. – Buchhaus Suhl, 1998, S. 127 – 134

Nothnagel, Hans und Kerstin Möhring: Chronik jüdischen Lebens in Schleusingen. Nothnagel, Hans (Hg.). Juden in Südthüringen geschützt und gejagt: Eine Sammlung jüdischer Lokalchroniken in sechs Bänden, Bd. 2. – Buchhaus Suhl, 1998, S. 111 – 163

Nothnagel, Hans: Juden in Südthüringen geschützt und gejagt. Eine Sammlung jüdischer Lokalchroniken in sechs Bänden, Bd. 1: Über jüdischen Leben und Erbepflege im Evangelischen Kirchenkreis „Henneberger Land“. – Buchhaus Suhl, 1998

Nothnagel, Hans: Juden in Südthüringen geschützt und gejagt. Eine Sammlung jüdischer Lokalchroniken in sechs Bänden, Bd. 2: Juden in den ehemaligen Residenzstädten Römhild, Hildburghausen und in deren Umfeld. – Buchhaus Suhl, 1998

Roß, Karl-Heinz: „Seit Gleicherwiesen Juden hat, wird es berühmte Handelsstadt“. In: Hans Nothnagel (Hg.). Juden in Südthüringen geschützt und gejagt: Eine Sammlung jüdischer Lokalchroniken in sechs Bänden. Bd. 2. – Buchhaus Suhl, 1998, S. 75 – 91

Roß, Karl-Heinz und Hans Nothnagel: Die jüdische Gemeinde Themar: Ein fragmentarischer Überblick. In: Hans Nothnagel (Hg.): Juden in Südthüringen geschützt und gejagt. Eine Sammlung jüdischer Lokalchroniken in sechs Bänden. Bd. 2. – Buchhaus Suhl, 1998, S. 109 – 125

Roß, Karl-Heinz und Hans Nothnagel: Juden in Hildburghausen: Ein chronikalischer Überblick von 1331 bis 1943. In: Hans Nothnagel (Hg.). Juden in Südthüringen geschützt und gejagt: Eine Sammlung jüdischer Lokalchroniken in sechs Bänden. Bd. 2. – Buchhaus Suhl, 1998, S. 31 – 73

Roß, Karl-Heinz: „Die bedeutende jüdische Familie Simon zu Hildburghausen“ und Biografisches zu Karl-Heinz Roß. In: Salier/Salier: Hildburghäuser Lesebuch. – Verlag Frankenschwelle KG Hildburghausen, 1999, S. 156 – 157

Römhild, Michael und Hans-Jürgen Salier: Hildburghausen unterm Hakenkreuz. Versuch einer Dokumentation mit Fotos aus der „Sammlung Meffert“. Sonderveröffentlichung des Stadtmuseums Hildburghausen, Nr. 2. – Stadtmuseum Hildburghausen und Verlag Frankenschwelle Hildburghausen, 2005 [Broschur und Hartband]

Rürup, Reinhard (Hg.): Topographie des Terrors. Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt auf dem „Prinz-Albrecht-Gelände“. Eine Dokumentation. – Berlin, 1989, S. 112 f.

Salier, Hans-Jürgen: Chronik der Stadt Hildburghausen. Reihe zur Geschichte der Stadt Hildburghausen, Bd. 3. – Verlag Frankenschwelle KG, Hildburghausen, 1999

Salier, Hans-Jürgen und Heidi Moczarski: Große Landkreis-Chronik Hildburghausen. Unveröffentlichtes Manuskript

Salier, Hans-Jürgen (Mitarbeit: Ralf Kammerdiener): Themar 700 Jahre Stadt – 1303 bis 2003. Geschichte in Daten. Mit einem Grußwort von Dr. Bernhard Vogel, Ministerpräsident des Freistaates Thüringen. – Verlag Frankenschwelle KG, Hildburghausen, 2 Aufl. 2003

Schwarz, Manuel: Judenforschung im Mustergau. Die Brüder Buchmann und die Schriftenreihe „Thüringer Untersuchungen zur Judenfrage (1939 – 1944)“. – Berlin, trafo, 2015

Steiner, Gerhard: Eduard Schönfeld – Lebensbild eines hervorragenden Astronomen aus Hildburghausen. – Verlag Frankenschwelle Hans J. Salier, Hildburghausen, 1990

http://.www.alemannia-judaica.de/eisfeld_juedgeschichte.hzm

http://www.alemannia-judaica.de/hildburghausen_synagoge.htm

http://www.alemannia-judaica.de/roemhild_juedgeschichte.htm

http://www.alemannia-judaica.de/schleusingen_synagoge.htm

http://www.alemannia-judaica.de/gleicherwiesen_synagoge.htm

http://www.xn--jüdische-gemeinden-22b.de/index.php/gemeindenTs-t/1814-simmershausen-thueringen

 

DER TEXT WIRD LAUFEND ERGÄNZT –

FÜR ANREGUNGEN UND HINWEISE DANKEN WIR AUCH UNSEREN LESERN!

 
 

Ein marxistisches System erkennt man daran, daß es die Kriminellen verschont und den politischen Gegner kriminalisiert.

Alexander Issajewitsch Solschenizyn,
1918 - 2008
russischer Schriftsteller und Dramatiker
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