Eine Seite für Hildburghausen

Es war einmal...

Vor knapp sechs Jahrzehnten 

Wilfriede André

Kopfschmerzen und Diskussionen
um den Meyers-Turm 

„Was hat es mit diesem Turm eigentlich auf sich?“ und „Wo steht er denn überhaupt?“, so fragt der Neubürger. Und wir fragen: Ist eigentlich jeder Altbürger in der Lage, beide Fragen zu beantworten?
Jedenfalls steht fest, dass man sehr lange in Hildburghausen leben kann, ohne zu erfahren, dass dergleichen existiert und dass man durchaus zu vielen Malen unseren Stadtberg besteigen kann, ohne jemals auf dieses kleine, fast sagenhafte Bauwerk zu stoßen.
Wer es besuchen will, der gehe vom Aussichtsturm des Stadtbergs in östlicher Richtung, entlang des Saumes von Buschwerk und Bäumen. Nach etwa 400 Schritten wird er dann im Waldeswinkel, von Buchen dicht umstanden, das romantisch verträumte Türmchen plötzlich vor sich sehen.
Vor etwa 112 Jahren wurde es hier am Rande der Muschkalkbank errichtet; im unteren Teil rund aufgemauert, aus roh behauenen Sandsteinen, im oberen Teil aber aus Ziegelsteinen kantig fortgeführt, mit Spitzbogenfenstern und einer kleinen Zinnenkrone. – Es erinnert seinem ganzen Wesen nach an die alten, freilich sehr viel mächtigeren Türme, welche die Kreuzfahrer errichtet haben. – Um dem Ganzen bildmäßig eine steilere Wirkung zu geben, hat man den eigentlichen Turmbau noch mit einem Steinmantel umpackt, der zugleich auch den Treppenweg trägt. Das hierzu aufgeschichtete Muschelkalkmaterial stammt zum Teil vom Stadtberg, zum Teil von der Unstrut.
Dem interessierten Spaziergänger sei gesagt, dass zu diesem Platz noch ein viel schönerer Weg führt als der oben angegebene. Man steige bei der Gärtnerei Lürtzing auf und biege nach links ein. In langgezogenen Schleifen führt uns der Fußpfad bequem aufwärts durch den schönen Mischwald mit seiner auffallend gesunden Waldbodenflora. Dieses Gelände – heute zum Vogelschutzgehölz erklärt - trägt im Volksmund immer noch den Flurnamen „Meyersberg“. Hatte doch im Jahr 1842 JOSEPH MEYER, nach schwerer Erkrankung, diesen damals VÖLLIG KAHLEN BERGRAIN erworben, um einen „Berg-Garten“ daraus zu schaffen.
Nach seinen Anweisungen sind hier VIELE TAUSENDE VON BÄUMEN gepflanzt worden, natürlich und ungezwungen, ohne jeden Schematismus, mit feinem Sinn für das künftige Landschaftsbild und mit gutem Gefühl für die geologischen und klimatischen Gegebenheiten. Als das grüne Buschwerk in die Höhe wuchs, wurde der Luginsland gebaut, nicht nur der freien Sicht wegen, sondern auch um ein stilles und ungestörtes Arbeitsplätzchen zu gewinnen.
Joseph Meyer weilte in den letzten 14 Jahren seines Lebens oft – in der milden Jahreszeit fast täglich – ein bis zwei Stunden in seinem Berggarten. Wenn er an der schauerlichen Enge der deutschen Verhältnisse so verzweifelte, dass in seinem Herzen Auswanderungsgedanken wach wurden, wenn er sich von tausenderlei Anfechtungen fast übermächtig bedroht sah, dann hat er hier oben in der einsamen Wildnis, berührt von der Schönheit unserer Landschaft, immer wieder neue Kraft und neue Lebensbindung gefunden.
An schönen Sommerabenden hingegen sah der Berggarten recht unterhaltsame Gesellschaft. Es fanden sich dann bei Familie Meyer alle wertgeschätzten Freunde und Bekannten ein: Jene, die in Hildburghausen wohnten, und andere, die auf der Durchreise waren, zumeist Mitarbeiter an Meyers großem Konversations-Lexikon, Redakteure, Dichter, Schriftsteller, Künstler, Gelehrte, Ingenieure, Volkswirtschaftler und Politiker. Alsdann war der sonst so strenge, wortkarge Chef des Bibliographischen Instituts fröhlich und aufgeschlossen, ganz nur warmherziger Mensch und Freund und Familienvater. Wenn die so versammelten Freunde zu Meyers-Turm hinaufschauten, empfanden sie nicht die träumerische Verspieltheit dieser Anlage. Für sie alle war der Turm ein symbolischer Ausdruck ihres Strebens, des ständigen Aufwärtsstrebens nach geistiger Erweiterung, sittlicher Vervollkommnung eines Kämpfers um Reife, um Veredlung des Menschen. Und deshalb sahen, oder richtiger empfanden sie alle diesen Aufbau so, wie Meta Meyer den Turm ihres Vaters gezeichnet hat, als eine hoch aufragende Zinne.
Heute umrauschen die Baumkronen des 100-jährigen Mischwaldes unser kleines Türmchen. Auf seinem Dach hat sich eine Saalweide angesiedelt, deren Wurzeln sich immer hartnäckiger in die Fugen eingraben. Allzunah stehende Buchen drücken nicht nur mit ihrem Astwerk von oben gegen die Mauern, sondern treiben auch die gewaltige Kraft ihrer Wurzeln gegen seine Fundamente. Der Zahn der Zeit, mehr noch menschlicher Mutwillen, führte zum Abrutschen der vorderen Steinmantelpackung. Es sieht gefährlich aus. Und die Verlockung, sich hier mit Steinen zu versorgen, ist für die anliegenden Garten- und Laubenbesitzer natürlich sehr groß.
ERNEUERN ODER ABREISSEN – das ist die Frage, die den Stadtverordneten und dem Rat der Stadt Hildburghausen große Kopfschmerzen bereitet. Für- und Widerdiskussionen helfen hier nicht weiter, denn es geht um das Problem: WELCHE BAUFIRMA FINDET SICH BEREIT? UND WOHER NEHMEN WIR DAS GELD? Begreifliche Sorgen – wer hilft sie mittragen?
„Die Stätte, die ein edler Mensch betrat, bleibt eingeweiht.“ Der Meyers-Turm fällt nicht unter die Rubrik der Kunst-Baudenkmäler, daher kann für ihn aus dem Fonds für Denkmalschutz keine Hilfe kommen. Aber er nimmt die Bedeutung einer Gedenkstätte von nationalem Rang ein.
Hier oben saßen sie beisammen, FRIEDRICH LIST und JOSEPH MEYER, um zu beraten über die volkswirtschaftlich richtige Führung der Eisenbahnen, namentlich über das NORDSÜDPROJEKT München – Hamburg, welches beiden so sehr am Herzen lag.
Sie hatten viel Gemeinsames, der große deutsche Nationalökonom aus Württemberg und der große Bibliograf aus Thüringen.
Beide, vielseitig begabt und allseitig interessiert, besaßen eine sehr gründliche Kenntnis von den innerdeutschen Zuständen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ihre Analysen auf ökonomischem, soziologischem und politischem Gebiet gehören heute noch zu den wichtigsten Geschichtsquellen, die wir über jene Zeit besitzen. Beide forderten als glänzende Publizisten die Beseitigung feudaler Auswüchse und feudaler Rückständigkeiten und gerieten somit auf Fürst von Metternichs schwarze Liste. Dafür waren sie im Ausland beide berühmt und wurden dort mehr geachtet und verehrt als in der Heimat.
Tragischerweise war es ihnen und dem Kreis der Gleichgesinnten nicht möglich, die in jeder Hinsicht so trostlos verfahrenen Angelegenheiten des deutschen Volkes auf bessere Gleise zu schieben. Dennoch haben beide, Joseph Meyer und Friedrich List, bis zu ihrem letzten Atemzuge, unbeugsam und mit einer charakterlichen Sauberkeit ohne gleichen, für dieses Ziel gekämpft. Und dies wohlgemerkt zu einer Zeit, wo es ein “Staatsverbrechen” war, gesamtdeutsche Gedanken zu entwickeln und darzulegen.
Wer auf der Höhe des Stadtberges von Hildburghausen mit solchem Wissen an der Gedächtnisstätte verweilt, dem ist nicht recht wohl, wenn er seine Stimme zu ihrem Abbruch geben soll. Deshalb möchten wir gerne – entgegen denen, die begierig auf die Steinausbeute des Meyers-Turmes lauern – doch noch einen Weg zu seiner Erhaltung suchen. 

                                   Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands
                                   Kreisverband Hildburghausen
                                   i. A.: W[ilfriede] A[ndré] 

Wilfriede André: In: Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Kulturwarte im Kreis Hildburghausen, Monatsschrift. – Hildburghausen, März 1957, S. 5 ff. (leicht bearbeitet) 

Anmerkung
Der inzwischen dem Verfall preisgegebene Meyers-Turm ist von Jugendlichen stark beschädigt und anschließend zum Abriss freigegeben worden. Das Steinmaterial ist u. a. zum Bau von Rinderställen in Wallrabs verwendet worden.  





Kaum jemand will hören, was er nicht hören will.
(Dick Carvett
* 1936
US-amerikanischer Talkmaster)
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